Long Way Home – Teil 2

20. April 2002 Kandahār, Afghanistan

John wartete mehr oder weniger geduldig, bis der Sergeant mit seiner Wäsche endlich fertig war und den Waschraum verließ. Nur zur Sicherheit sah er sich noch einmal um, bevor er selbst alles stehen und liegen ließ und zu seinem Freund ging.

„Nur noch drei Monate, Lyle. Drei Monate und wir müssen uns nicht mehr heimlich in der Waschküche treffen.“

„Gott, ja. Ich kann es gar nicht abwarten, diese Hölle endlich zu verlassen“, erwiderte sein Freund und ließ sich nur zu gerne von John gegen die Waschmaschine drücken. „Hast du es mitbekommen? Dex und Mitch hat es erwischt.“

„Ja, ich weiß“, antwortete John und drückte sich enger an seinen Freund, um sein Gesicht in seiner Halsbeuge zu vergraben. „Scheiße.“

„Waren gute Jungs.“

„Ja, das waren sie.“

„Dieses verdammte Land treibt mich noch in den Wahnsinn. Alles treibt mich in den Wahnsinn. Ist es nicht der Sand, der dir in jede Ritze kriecht, sind es die Taliban, die an jeder Ecke lauern und nichts lieber tun, als dich abzuschlachten und sind es nicht die, …“

Lyle und John schreckten auf, als eine Türe knallte. Für einige Sekunden starrten sie wie gebannt auf den Eingang zur Waschküche, doch es tat sich nichts mehr.

„… dann sind es die eigenen Leute, die dich ans Messer liefern können.“

„Nur noch drei Monate, Lyle“, wiederholte John ruhig und trat einen Schritt zurück. Sollte doch noch jemand hereinplatzen, so würde es nicht ganz so verfänglich aussehen. Das hoffte zumindest John. Doch er konnte seine Hand nicht von ihm lassen und streichelte beruhigend über seine Wange. „In drei Monaten ist alles um und wir können uns ein eigenes gemeinsames Leben aufbauen und niemand kann uns mehr ans Bein pissen.“

„Ach, ich bitte dich. Es gibt doch überall Leute, die zumindest das Maul nicht halten können.“

„Was interessieren uns die anderen? Wenn uns einer zu frech kommt, stopfe ich ihm schon das Maul.“

„Ja. Das bringst auch nur du fertig“, brachte Lyle lachend hervor.

„Nein, im Ernst. Es ist mir egal, was andere über uns denken. Aber wenn sie dir oder mir das Leben unbedingt schwer machen wollen … drehe ich mit ihnen eine Runde, bis sie sich an ihren Zungen verschlucken.“

„Das verrückte ist, ich kann es mir so richtig gut vorstellen“, meinte Lyle, als er nun seinerseits nach John griff und ihn wieder zu sich zog und ihn küsste, bevor er sich seufzend von ihm trennte, sich umdrehte und sich wieder seinen Shirts widmete.

„Ich habe heute Nachmittag einen Einsatz. Muss mit zwei Mann rüber nach Qalat fliegen. Komme erst morgen wieder zurück … wenn man mich nicht abschießt oder sonst was.“

„Hör auf damit!“, entfuhr es John und er packte seinen Freund am Arm, um ihn zu sich zu drehen. „Hör auf, ständig so was zu sagen. Du wirst nicht abgeschossen … und du wirst wieder zurückkommen.“

„Ich wünschte, ich hätte deinen Optimismus, Sheppard. Ehrlich … ich habe ein ganz mieses Gefühl dabei.“

„Ach was“, versuchte John, ihn zu beschwichtigen, doch irgendetwas war an Lyles Gesichtsausdruck, das ihm nicht behagte. „Um was geht’s bei diesem Flug überhaupt?“

„Ach, keine Ahnung. Irgendwas wegen einer Ausgrabung oder so.“

„Ausgrabung?“

„Ja. Als ob wir nicht genug Probleme hätten. Überall kreuchen und fleuchen Taliban umher und dann soll man noch das Taxi für Sandbuddler spielen. Nicht zu fassen.“

„Versprich mir, dass du vorsichtig bist“, bat John, als er wieder an Lyle herantrat.

„Bin ich das nicht immer?“

„Ich meine es ernst, Lyle … sei vorsichtig“, wisperte John, als er sich einen weiteren Kuss stahl.

„Okay … okay“, brachte Lyle hervor und gab der fordernden Zunge seines Liebsten nach.

Johns Herz raste und krampfte sich zusammen … Er rannte … Er rannte, so schnell er konnte zum nächsten Helikopter, ignorierte die Drohungen seiner Vorgesetzten und die brüllenden Aufforderungen des Bodenpersonals, sich vom Hubschrauber zu entfernen und startete stattdessen die Motoren.

Sie werden nicht schießen. Keiner schießt auf seine eigenen Leute‘, dachte sich John, als die Basis mit den Menschen unter ihm immer kleiner wurde und er Kurs zum Absturzort nahm. Lyle … oh Gott, Lyle … bitte nicht.‘

Schüsse hallten vom Boden wider, die Kugeln und Geschosse trafen seinen Heckrotor … Alarmtöne piepsten überall … er verlor die Kontrolle … der Boden unter ihm drehte sich … drehte sich zu schnell und kam immer näher … die Motoren fielen aus … der Boden … viel zu nah … stöhnend kam John zu sich, ignorierte den Schmerz in seinem Arm und der Schulter … keuchend kämpfte er sich aus dem Wrack, klopfte sich den Sand aus der Kleidung, wühlte nach Medipacks und einem Rucksack, gefüllt mit Wasser und anderen Dingen … mit dem Kompass in der einen Hand und der Waffe in der anderen, ließ er seinen Hubschrauber zurück und machte sich auf den Weg … Lyle … ich komme schon … ich komme …‘

Erbarmungslos brannte die Sonne in der Wüste und ließ jeden glauben, der Sand schmelze unter der Hitze, doch John lief stur weiter … Schritt für Schritt … Meter für Meter … Kilometer für Kilometer …

Am Horizont war bereits das Wrack auszumachen und John lief los … er lief, er rannte, immer schneller …

„Lyle! Oh Gott, Lyle …“ stöhnte John, als er ihn an einer schattenspendenden Seite des Black Hawk Wracks fand und neben ihm auf die Knie fiel.

Schmutz und Blut bedeckten das Gesicht seines Liebsten, Schmerz verzerrte es. „John …“

„Ich bin hier, Lyle … ich bin hier. Alles wird gut, hörst du? Das wird schon wieder.“

„Du warst schon immer ein miserabler Lügner.“

„Wir haben ihm bereits mehrere Dosen Morphium gegeben, aber er blutet zu stark“, erklärte einer der beiden Männer, die Lyle auf diesem Flug begleiten sollten. Aber John beachtete sie gar nicht.

Sein Blick und seine Hände glitten über Lyles Gesicht, das mühsam ein Lächeln zeigen wollte.

„Siehst du? Habe ich nicht gesagt … dass ich ein mieses Gefühl habe?“

„Shh“, brachte John hervor und machte sich daran, Lyles Verband am Bein sachte zu lösen, um sich die Wunde anzusehen. Doch als das Blut hervorquoll, drückte John auf die Wunde und zog eine frische Bandage aus seiner Weste.

„Das ist … nur ein Kratzer … du müsstest dir mal meine Rippen ansehen“ krächzte Lyle und hustete auf. Blut floss aus seinem Mundwinkel.

„Du hast schon immer übertrieben“, brachte John hervor und versuchte zu lächeln. Er durfte seine Sorge nicht zeigen, er durfte nicht zeigen, wie schlimm es wirklich war.

„Was ist mit deiner Maschine?“

John überlegte … wie viel konnte er ihm sagen, ohne ihm Angst zu machen? Ohne seine eigene Angst zuzulassen?

„Der Heckrotor wurde getroffen“, antwortete John ehrlich. „War ein Glückstreffer.“

„Dann haben diese Bastarde heute wohl einen Lauf, hm?“

„Nicht mehr lange“, gab John zurück und wickelte die Binde fester um Lyles Wunde, doch es wollte einfach nicht aufhören zu bluten.

„Du musst hier weg … John. Schnapp dir die anderen … und bringt euch in Sicherheit.“

„Ich gehe nirgendwohin. Nicht ohne dich.“

„John … hier wimmelt es nur so … von Taliban. Ich habe sie gesehen, okay? … Ich habe eine Gruppe gesehen. Sie sind ganz in der Nähe.“

„Ja, da sind ein paar.“

„Ein paar … und du neigst wohl zur Untertreibung … Wenn ihr euch jetzt auf den Weg macht …“

„Ich gehe nicht ohne dich! Hör auf, okay?“

„John … das schaffe ich niemals … ich weiß … wie es um mich steht, okay? Ich schaffe es niemals, bis zur Basis, aber du …“

„Halt den Mund!“, entfuhr es John grober als beabsichtigt, aber Lyle lächelte nur.

„Du bist ein verdammter Sturkopf.“

„Nein. Ich bin nur die Vorhut. Hilfe ist unterwegs, solange musst du durchhalten, okay? Halte durch … für mich.“

Lyle lächelte wieder, bevor ihn ein Hustenanfall packte und ihn abermals Blut spucken ließ.

John schluckte, versuchte ihn zu halten, zu stützen und zu beruhigen. Aber er konnte nicht mehr tun, als ihm ein wenig Wasser zu geben und sein Gesicht vom Schmutz und Blut zu säubern.

Schreie ertönten, Tumult brach aus … hart fiel John zu Boden und konnte nur mit Mühe den Mann von sich herunter stoßen … seine Waffe lag im Sand, er konnte sie nicht erreichen … das Gewehr traf ihn an der Schläfe und schickte ihn abermals zu Boden … Messerklingen blitzten im Sonnenlicht auf …

Lyle, der kaum noch Kraft besaß, seine Waffe zu halten … ein vermummter Mann, der sich ihm mit erhobener Klinge näherte …

„Nein!“, schrie John, stieß den anderen Taliban von sich und hechtete zu Lyle …

Ein erstickter Schrei … Lyles entsetzter Blick … die Klinge in seiner Brust … „John … John …“

Rage hatte ihn erfasst. Blinde Wut ließ ihn aufschreien und sich auf den Taliban stürzen seine Hände legten sich um seine Kehle … er drückte ihn zu Boden und … seine Hand griff nach seinem Messer …

22. Dezember – Seattle, The Arctic Club – Double Tree Hotel

„John! … John!“, schrie Rodney, als er sich verzweifelt aus John eisernem Griff zu befreien versuchte.

Es war mitten in der Nacht, als Rodney durch Geräusche geweckt worden war und ihnen nach einigem Zögern nachgehen wollte. Die Geräusche wandelten sich sehr schnell in Schreie und Rodney wurde in seiner Annahme, John hätte einen Albtraum, nur bestätigt. Aber das, was ihm nun widerfuhr, als er ihn wecken wollte, überstieg seine schlimmsten Befürchtungen.

Ehe Rodney sich versah, war John aufgesprungen und hatte ihn zu Boden geworfen. Sein wutverzerrtes Gesicht schwebte über ihm. Seine Hand drückte immer fester seine Kehle zu und Rodney schien wie am Boden festgenagelt, als John auf ihm saß und seine andere Hand zur Faust geballt drohend erhob.

„John! Herrgott! Komm wieder zu dir!“

Die hasserfüllte Fratze eines Taliban wandelte sich zu Lyles entsetztem Gesichtsausdruck, dann wieder zurück zum wütenden Afghanen und wechselte dann zu Rodney. Doch die blauen Augen starrten ihn voller Furcht und Entsetzen an …

„John!“

„Rodney? … Was …“

Johns Augen wurden zuerst groß, dann ließ er ihn abrupt los und taumelte keuchend zurück, bis seine Knie nachgaben und er zu Boden fiel.

Rodney rang nach Atem und musste husten, was seiner Kehle nur noch mehr Schmerzen bereitete. Langsam richtete er sich auf und wagte einen Blick in die Richtung, in der Sheppard sein müsste. Doch in der Dunkelheit des Raumes konnte er ihn zunächst nicht ausmachen, bis sein Blick auf den zusammengekauerten Mann neben der Couch fiel.

John hatte die Knie angezogen und ließ seinen Kopf darauf ruhen und versuchte, gänzlich ins Hier und Jetzt zurückzukehren und sein rasendes Herz zu beruhigen. Aber es war schwer mit all den Bildern, die ihn einfach nicht mehr loslassen wollten. Lyle, Rodney, der Taliban, all das Blut …

„John …“

„Nein … nein, nein, nein … oh Gott … nein … Lyle … bitte nicht … verfluchter Bastard …“

„John“, wiederholte Rodney, als er ihn eine Weile beobachtete. „John!“

Nur träge hob John den Kopf, sah starr auf einen imaginären Punkt auf dem Teppich vor ihm.

„Rodney?“

„Ja … ich … ich bin´s.“

„Oh Gott, Rodney … was habe ich getan? Ich … du … du … tut mir leid … tut mir leid … du … du hättest nicht herkommen sollen.“

„Was du nicht sagst“, entfuhr es Rodney und biss sich sogleich auf die Zunge. Das war weiß Gott nicht das Richtige, dass man einem traumatisierten Mann sagen sollte. „Tut mir leid, ich … ich bin nicht gut in … in so was … Hey, ist alles okay?“, fragte Rodney leise weiter und kroch langsam zu Sheppard, der noch immer an der Wand kauerte.

„Ich … es geht mir gut. Geh wieder ins Bett“, murmelte John, als er sein Gesicht wieder in seinen Armen vergrub. John war im Moment alles egal, nur nicht, dass Rodney ihn so sah. Aber andererseits hatte Rodney nun seine schlimmsten Seiten gesehen, also was machte es da noch, wie ein kleiner verängstigter Junge vor ihm zu kauern, nur weil ein böser Traum ihm Angst bereitet hatte?

„Den Teufel werde ich“, entfuhr es Rodney, als er dicht vor John hockte. „Und dir geht es nicht gut. Was ist los? Was … was war des gerade eben?“

„Rodney, ich bitte dich … geh wieder ins Bett und lass mich in Ruhe.“

„Ist es das? Ist es das, was du im Zug mit in Gefahr bringen meintest? Dass du Albträume hast und wild um dich schlägst? … Ist es … es geht um Afghanistan, richtig?“

Träge schüttelte John mit dem Kopf, bevor er antwortete. „Rodney, bitte …“

„Was ist passiert, John?“, entfuhr es Rodney. Doch seine Stimme hörte sich bei Weitem nicht so sicher an, wie er selbst gehofft hatte. Er war sich nicht sicher, ob er das, was John möglicherweise zu erzählen hatte, wirklich hören wollte. Aber verdammt, irgendetwas war wirklich nicht in Ordnung mit diesem Mann.

„Was bringt es denn, dir davon zu erzählen?“, fragte John leise.

„Was bringt es denn, den großen Schweigsamen zu mimen? Bisher hat es dir nur Albträume beschert. Vielleicht … vielleicht hilft es ja, darüber zu reden. Hast du schon einmal daran gedacht, dir … na ja, professionelle Hilfe zu holen?“

„Denkst du nicht, dass ich das nicht schon längst versucht hätte?“, entfuhr es John. Er sprang auf und blickte aus dem Fenster, hinunter zu den vielen Autos, die mit ihren goldenen und roten Lichtern die Straße erhellten. „Ich lasse jede Woche dreihundert Dollar bei einem Psychologen liegen. Seit drei gottverdammten Jahren liege ich jede Woche da und rede mir den Mund fusselig und … ich rede und rede, aber ich kriege die Bilder nicht aus dem Kopf.“

„Und … wenn du mit mir redest?“, fragte Rodney weiter, doch John schloss nur die Augen und schüttelte mit dem Kopf.

„Rodney … ich habe dir … ich habe schon zu viel getan.“

„John …“

„Ich hätte dich fast umgebracht, Rodney! Ich hätte … ich war nicht nur einfacher Pilot. Ich war vor Afghanistan bei den Special Ops. Ich hätte dich eben locker … umbringen können!“

„Das hast du aber nicht. Mir geht es gut, okay? Zwar zu Tode erschrocken, aber gut. Worüber reden wir hier eigentlich, hm? Glaubst du, mich mit Worten umbringen zu können?“

Wieder schüttelte John mit dem Kopf und machte sich daran, die Kissen und Decken wieder aufzuheben, die er in seinem Schlaf umher geworfen hatte. Auch den Tisch, den er irgendwie im Tiefschlaf zur Seite gestoßen hatte, rückte er wieder an Ort und Stelle und stellte die Schale wieder hin.

Aber Rodney wollte sich nicht so schnell zufriedengeben. „Lyle … war das sein Name?“

John hielt plötzlich inne und drehte sich zu Rodney. Zum ersten Mal, seit er erwachte, blickte er Rodney wirklich an. Doch in seinen Augen war keine Wut oder Verärgerung zu sehen, die er sonst immer empfand, wenn er diesen Namen hörte.

Hin und wieder war es sein Psychologe, der den Namen nutzen musste, um mit John arbeiten zu können. Ansonsten wagte es nur sein Bruder, ihn zu nutzen, um ihn zu erreichen oder, seltener, auf den Boden der Tatsachen zu bringen.

Aber nun war es Rodney, der ganz unverhohlen nach ihm fragte. Wohl wissend, welche Trauer und Schmerzen er dabei in ihm hervorrief und welche Bilder wieder in sein Bewusstsein drangen und doch schien etwas anders zu sein. „Rodney …“

„Erzähl mir von ihm … war er Pilot wie du? War er auch bei den Special Ops?“

„Ja“, wisperte John nach einer kleinen Ewigkeit leise.

„Welchen Rang hatte er?“

„Er … er war Captain. Captain Lyle Holland“, begann John zu erzählen. „Er … er war ein Teufelskerl. Aber er war nie bei den Special Ops.“

John musste sogar kurz auflachen, bevor er fortfuhr und noch mehr erzählte. Die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus.

John erzählte, wie er in Afghanistan ankam und zum ersten Mal auf Lyle traf, erzählte, wie er sich in ihn verliebte und wie sie größte Vorsicht walten lassen mussten, wenn sie sich trafen. Er erzählte von seinem schrägen Humor, ihren Gemeinsamkeiten, ihren gemeinsamen Plänen, die Air Force zu verlassen und sich irgendwo an einem schönen Ort niederzulassen.

John erzählte auch von Lyles miesem Gefühl, dass er immer hatte, wenn es zu Einsätzen kam, die nicht gerade selten schief liefen und dann kam er zu jenem Tag, an dem Lyles mieses Gefühl sich nur zu schnell bestätigte.

Er erzählte, wie er zusah, als Lyle zu seinem Einsatz aufbrach, wie ihn kurz darauf die Meldung eines Abschusses erreichte und dass er sofort wusste, dass es sich um Lyle handeln musste. Wie er kurzerhand einen direkten Befehl missachtete und einen Hubschrauber entwendete und hinter die feindlichen Linien flog, um zu seinem Freund zu gelangen, aber selbst abgeschossen wurde und sich durch die afghanische Wüste kämpfen musste und ihn dann erst nach Stunden schwer verletzt vorfand. John schilderte jedes Detail der Geschehnisse, als eine Gruppe Taliban sie angriffen und sie in Nahkämpfe mit Messern und Gewehren verwickelten. Und er erzählte, wie er sich gegen die Angreifer behaupten und gleichzeitig dabei zusehen musste, wie einer der Terroristen mit dem Messer auf Lyle losging und ihn regelrecht abschlachtete.

Rodney hörte zu. Er fragte nichts, er sagte nichts, er hörte einfach zu und kämpfte immer wieder dagegen an, sich die Beschreibungen vor seinem inneren Auge allzu deutlich vorzustellen. Mehrmals musste er schlucken und es würde ihn auch nicht wundern, wenn er nun in den Spiegel sehen und sich zumindest blass vorfinden würde.

Auch John schien blass, zudem zitterte er wie Espenlaub und mit seinen Gedanken schien er ganz weit weg. Je tiefer Rodney ihm in die Augen sah, desto mehr war er davon überzeugt, dass er wieder in Afghanistan war.

„John? … Bleib hier, John“, bat Rodney leise, als er ihn an der Schulter berührte und ihn wieder zurückbrachte.

„Ich bin hier … und das ist das Problem, oder? Ich bin hier und Lyle …“

„Lyle nicht. Aber das ist nicht deine Schuld.“

„Doch, ist es. Ich hätte … etwas tun müssen.“

„Du hast etwas getan.“

„Nicht genug. Ich hätte … ich hätte mehr tun können.“

„Und was? Was hättest du noch tun können? John, ich bin vielleicht kein Soldat und ich habe auch keine Ahnung von solchen Dingen, aber ich weiß, dass du mehr getan hast, als … als jeder andere überhaupt hätte tun können. Du hast dein Leben und deine Karriere aufs Spiel gesetzt, als du ohne Befehl zu ihm geflogen bist, du hast dich um seine Verwundungen gekümmert, du warst bei ihm, hast ihn verteidigt …“

„Habe ich das? Rodney, wenn ich ihn wirklich verteidigt hätte, wäre er jetzt nicht tot.“

„So wie ich das verstanden habe, waren es fünf Taliban, oder? Lyle war sehr schwer verletzt und kaum in der Lage, überhaupt eine Waffe zu halten und ihr wart nur noch zu dritt, wobei du der einzige warst, der wirklich Nahkampferfahrung hatte. Und sie haben euch eiskalt überrascht. Also, was hättest du denn noch tun können?“

„Ich weiß auch nicht … irgendwas!“

„Nein, John. Du hast alles getan und noch viel mehr. Du warst bei ihm, du hast dich um ihn und die anderen gekümmert, so gut es ging, du hast ihn und die anderen und dich verteidigt, so gut du es in dieser Situation konntest. Niemand hätte mehr verlangen können. Auch Lyle nicht.“

„Du denkst, ich …“

„Ich denke, du machst dir selbst zu viele Vorwürfe und nutzt Lyle dafür. Zugegeben, ich kannte Lyle nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er jemals etwas Derartiges von dir verlangt hat oder gewollt hätte, dass du dich jetzt so fertig machst.“

„Weißt du eigentlich, wie oft man mir das schon gesagt hat?“

„Wahrscheinlich nicht oft genug, damit du es endlich selbst glaubst. John … ich weiß, es ändert nichts an dem, was passiert ist oder an der Tatsache, dass du immer wieder von diesen Albträumen geplagt wirst, aber du bist bestimmt nicht gefährlich, wie du mir glauben machen wolltest.“

„Du hast wohl schon vergessen, was vorhin passiert ist.“

„Nein, habe ich nicht. Aber das war ein Albtraum, John. Nur ein Albtraum und verständlich bei dem, was du erlebt hast … bei dem, was du durchmachen musstest. Aber das ist vorbei.“

„Nein, ist es nicht. Du hast gehört, was ich getan habe, Rodney. Und eben wäre es fast wieder geschehen. Im Schlaf … es könnte jederzeit passieren. Da ist ein Monster in mir, Rodney und … ich hätte dich fast umgebracht. Gott, ich … ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ich … wenn dir etwas passiert wäre.“

„Mir ist aber nichts passiert und da ist auch kein Monster. Du bist auch kein Mörder. Du hast getan, was getan werden musste. Du hast dich verteidigt. Dich und die anderen, die es nicht selbst konnten. Und das gegen fünf Mann. Es ist ein Wunder, dass du da überhaupt heil raugekommen bist.“

„Bin ich nicht. Ich … als die Unterstützung endlich kam, haben sie mich von Lyle wegziehen müssen und da sahen sie, dass ich offenbar eine ausgerenkte Schulter hatte und die Klinge eines Messers einer der Bastarde abgebrochen sein musste. Sie steckte noch in mir. Ehe ich mich versah, hatten sie mich ausgeknockt und ich wurde erst Stunden später im Lazarett wieder wach. Das Erste, was ich hörte, war die Anklage und die Fragen zu meiner Befehlsverweigerung. Aber alles was mich interessierte … war Lyle.“

„Du hast nicht gespürt, wie du verletzt wurdest?“

„Nein. Ich … ich weiß nicht mehr. Ich erinnere mich an vieles … an so vieles, aber nicht daran.“

„Adrenalin und Endorphine. Manchmal können diese Dinge sehr nützlich sein. Es hat dir geholfen, genügend Kraft und Aufmerksamkeit und was sonst noch aufzubringen und bis zur Rettung durchzuhalten.“

„Ja, wahrscheinlich. Nachdem ich zum hundertsten Mal nach Lyle fragte, sagten sie mir ganz unverhohlen, dass … dass Lyle sowieso nicht überlebt hätte. Er hätte schwere innere Verletzungen gehabt und hätte einen Rückflug so oder so nicht überstanden. Es sei also unnötig, wenn nicht sogar eine Dummheit gewesen, einfach so loszumarschieren und Militäreigentum zu zerstören und einen Rettungseinsatz zu fordern, nur wegen zwei Mann, die ohnehin nicht zum Militär gehörten und einem Piloten, der entbehrlich sei.“

Rodney seufzte. „Sie hatten keine Ahnung. Menschen, die so etwas von sich geben … vielleicht hätten sie das nicht gesagt, wenn sie gewusst hätten, na ja, wenn sie es einfach besser gewusst hätten. Ihr mit eurem DADT …“

„Das war mitunter einer der Gründe, warum ich gegangen bin. Mein Dienst wäre ohnehin in drei Monaten zu Ende gewesen. Lyle und ich, wir … wir haben einige Wochen vor seinem Tod unsere Kündigungen eingereicht. Nicht zeitgleich, es sollte nicht auffallen. Aber nach dem ganzen … nach allem, was passiert war, wollte ich nicht, dass man ihn und sein Andenken noch beschmutzte, während man mich in einem Kriegsgerichtsverfahren auslöchert. Ich war so wütend zu der Zeit, ich hätte wahrscheinlich alles gesagt. Vor allem Dinge, die man niemals sagen sollte. Aber ich schätze, gegen Ende haben sich einige schon denken können, was die wahren Gründe waren und nun … spielt es keine Rolle mehr. Zumindest nicht, was das Militär betrifft.“

„Was meinst du damit?“, wollte Rodney wissen. „Du bist noch nicht über ihn hinweg, oder? Ich meine, abgesehen von den Albträumen …“

„Das ist es nicht. Ich … ja … ja, ich trauere um ihn, das werde ich wahrscheinlich für den Rest meines Lebens. Aber da ist noch mehr. Rodney … der Grund, warum ich dir keine Beziehung bieten kann, ist nicht nur die Gefahr, die von mir ausgeht. Ich habe dir gesagt, dass ich, wenn ich eine Beziehung will, dann eine offene und ehrliche und ich will mich auch nicht mehr verstecken, aber durch mich würdest du an Menschen geraten, die … ich komme aus einer Familie, und bewege mich die meiste Zeit in Kreisen, in denen Toleranz … in denen das, was wir uns wünschen … nicht gerne gesehen ist. Milde ausgedrückt. Auch wenn ich mich schon vor langer Zeit geoutet habe, bin ich nicht bereit, dir das anzutun.“

„Ist deine Familie so …“

„Kompliziert?“, brachte John hervor und konnte sogar wieder etwas lächeln. „Ja. Das heißt, eigentlich ist sie ganz okay, nur wenn mein Vater persönlich wird, dann wird er … sehr persönlich. Du bist ein intelligenter Mann, Rodney. Du bist intelligent, gut aussehend, du hast durchaus charmante Seiten, wenn du nicht gerade dein lautes Ego durch leicht arrogante Züge zum Ausdruck bringst …“

„Hey, jetzt wirst du aber ziemlich persönlich“, beschwerte sich Rodney, doch John konnte wieder nur lächeln.

„Versteh mich nicht falsch. Ich mag das. Ich mag es sogar sehr. Ich mag dich … sehr. Aber …“

„Es reicht nicht.“

„Doch, das würde es. Du würdest es. Du … wärst mehr, als ich … du bist alles, was … was ich mir je an einem Partner wünschen könnte“, wisperte John und streichelte wieder über Rodneys Wange. „Und die Tatsache, dass ich … ich dir all das eben habe erzählen können … ich habe nur wenigen Leuten davon erzählt und bei keinem habe ich … bei keinem war es so wie bei dir. Bei keinem habe ich so offen und frei sprechen können. Aber … wie du gesehen hast, bin ich ziemlich … abgefuckt.“

„Du hast jemanden verloren, John, und das tut mir leid. Es tut mir unendlich leid, dass du all das durchgemacht und ihn verloren hast. Aber willst du deswegen nie wieder mit jemandem zusammen sein? Willst du nie wieder jemanden in dein Herz lassen, nur weil du jemanden verloren hast?“

„Ich kann dir nicht der Partner sein, den du verdienst. Ich kann dich weder vor mir noch vor jemand anderen schützen, der sich zu viel rausnimmt.“

„Vielleicht muss ich gar nicht beschützt werden und vielleicht will ich auch gar nicht beschützt werden … Schon gar nicht vor dir.“

„Rodney …“, seufzte John und hielt inne, dann drehte er sich zu Rodney.

Seit er begonnen hatte von seinen Erlebnissen in der afghanischen Wüste zu erzählen, hatte er sich nicht von der Stelle gerührt. Aber nun sah er ihm in die Augen und fand neben Freundschaft noch etwas anderes. Er sah das Verlangen, die Erregung und das Hoffen auf etwas, dass John ihm niemals geben konnte. Aber er sah auch Zuneigung, Bedauern und Verständnis. „Sag das nicht, wenn du es nicht ernst meinst.“

„Ich meine es ernst“, hauchte Rodney tonlos und zog John zu sich.

„Das … ist wahrscheinlich noch immer keine gute Idee“, meinte John und lehnte sich dann gegen Rodneys Stirn.

„Nein, ist es nicht“, stimmte Rodney zu und wagte es nicht, sich zu bewegen.

„Gott Rodney, du weißt gar nicht, wie sehr ich dich will“, wisperte John und ließ seine Lippen über die von Rodney streichen.

„Warum dann noch reden? Wir haben nur noch diese eine Nacht und die ist bald vorbei“, antwortete Rodney und stöhnte leise, als er Johns Hände an seiner Hüfte spürte und sein heißer Atem über seine Wange und seinen Hals streifte.

Glaubte John noch vor einem Augenblick seiner Selbstbeherrschung vertrauen und ihm wirklich widerstehen zu können, wurde er nun eines Besseren belehrt. Seine Beherrschung war mit einem Mal dahin und sein Verlangen nach diesem Mann und seine Leidenschaft übermannten ihn, als er Rodneys warme Hände auf seinen Wangen, den Schultern und an der Taille spürte.

John drückte sich immer weiter gegen Rodney und dieser zog immer mehr an John und ehe sie sich versahen, fanden sie sich im Schlafzimmer wieder und fielen auf das Bett. Rodneys Hände waren überall, machten sich daran, John des T-Shirts zu entledigen, während dieser kurzen Prozess machte, es sich über den Kopf zog und achtlos zu Boden warf. Rodneys Kleidung folgte unmittelbar.

„Du bist wirklich heiß“, flüsterte Rodney und ließ seine Finger durch Johns Haare gleiten, als er sich aufsetzte. „Unglaublich.“

John lächelte und beugte sich wieder zu Rodney. Seine Lippen hinterließen sanfte Küsse auf seiner Brust und arbeiteten sich bis zu seinem Mund hinauf, in den er leise stöhnte, als sie in enger Umarmung wieder zurückfielen. Es war ein unglaubliches Gefühl, die Nähe, die Wärme, der Duft des anderen …

John hob den Kopf und seine haselnussbraunen Augen trafen auf Rodneys blaue. „Hast du was dabei?“

„Ich glaube, ich habe in meiner Tasche etwas.“ Rodney rollte sich vom Bett, wühlte nur kurz in seiner Reisetasche und kam mit Gleitgel und Kondom zurück.

John lächelte. „Allzeit bereit, hm?“

Auch Rodney lächelte und setzte sich wieder zu John auf das Bett und ließ seine Hand über Johns Brust hinab zum Bauch gleiten. „Warst du denn nie bei den Pfadfindern?“, fragte Rodney und griff wieder nach dem Kondom. „Lass mich.“

John biss sich auf die Zunge und verkniff sich einen Fluch, als er spürte, wie Rodney sich daran machte, ihm das Kondom überzurollen und ihn dann mit seiner Hand massierte. Für einen kurzen Moment schien ihm schwindlig zu werden. „Gott, Rodney … du … das ist … perfekt. Du bist perfekt. Du weißt gar nicht … ich habe so etwas schon lange nicht mehr gespürt.“

McKay legte sich wieder zurück und entspannte sich, als er seine Beine für John spreizte. Er sah, wie John auf diese schamlose Darbietung mit Zittern reagierte. „Du hast seit Lyle mit niemandem mehr geschlafen, oder?“

John schüttelte mit dem Kopf.

„Dann sollten wir beide das hier aber voll auskosten“, meinte Rodney mit erregter und faszinierter Stimme.

John musste schmunzeln, als er seine Hand über Rodneys Oberschenkel streicheln ließ. „Ich hätte nicht gedacht, dass mir so etwas jemals passieren würde.“

„Ich auch nicht. Du bedeutest mir viel, John, und ich weiß, dass ich dir auch viel bedeute. Aber wir beide werden nicht den Fehler machen, mehr zu erwarten, als diese eine Nacht.“

„Nein, werden wir nicht“, flüsterte John und verteilte etwas von dem Gleitgel auf seinen Fingern.

Rodney stöhnte auf, als er Johns Finger an seinem Eingang spürte. Auch wenn er ihn zunächst neckte, konnte Rodney die Geduld, Erfahrung und Vorsicht spüren, die John walten ließ. Es war verrückt. Noch vor wenigen Tagen kannten sie sich nicht einmal und nun waren sie hier im Bett und Rodney schenkte ihm all sein Vertrauen.

Unwillkürlich hob Rodney seine Hüfte, als er Johns Finger in sich spürte. „John! … Mehr … mehr.“

John ließ vorsichtig einen zweiten, dann einen dritten Finger in ihn gleiten, und als er sich zum wiederholten Male in ihn schob, streifte er Rodneys Prostata. Rodney zitterte, schauderte und wand sich unter diesen zarten Wonnen, während Johns Zunge über seinen Schwanz schnellte.

„Oh, Gott … John!“

„Ich … ich kann nicht mehr … kann nicht mehr warten.“

„Ja … ja“, stimmte Rodney zu, als er seine Beine weiter spreizte, während John sich zunächst aus ihm zurückzog und sich küssend an ihm herauf arbeitete. Nur kurz schloss John die Augen, dann drückte er die Spitze seines Glieds gegen Rodneys Muskelring, der sofort nachgab. Mit einem einzigen Stoß versenkte er sich tief in ihm. „Fuck!“

John sah hinab zu Rodney, dessen Augen sich gerade wieder öffneten und ihn hungrig anblickten. Verlangen, Lust, Verständnis, Trost, all das lag in seinem Blick und noch mehr. John konnte es selbst geradezu spüren und es überwältigte ihn fast. So lange hatte er sich niemandem mehr derart anvertraut. Ein Gespräch, ja, wenn auch eher selten. Aber Intimität? Seit Lyles Tod lebte John ein geradezu zölibatäres Leben. Aber jetzt … Rodney berührte ihn auf eine Art und Weise, wie er es noch niemals zuvor verspürt und es auch nicht für möglich gehalten hatte.

Rodney schlang seine Beine um Johns Hüfte und klammerte sich mit seinen Händen an dessen Schultern. „Ist okay … lass dich fallen.“
John wusste, er konnte McKay vertrauen und sich tatsächlich fallen lassen und plötzlich wollte er es auch und mit einem Mal schienen der Schmerz und die Trauer ein wenig zu schwinden.

John begann sich zu bewegen, während er weiter in die blauen Augen des Kanadiers blickte. Es war, als würde er in Ruhe und Frieden eintauchen, als würden das Verständnis und der Trost darin sich in Stärke und Kraft verwandeln und ihn damit durchfluten. So lange hatte er nach danach gesucht und sehnte sich nach Vergebung und Vergessen und nun schien er es gefunden zu haben. Wenn auch nur für einen Moment.

Die Bewegungen wurden schneller, härter, verlangender und leidenschaftlicher, ihr beider Stöhnen wurde lauter. John vergrub sein Gesicht in Rodneys Halsbeuge, sog seinen Duft ein und spürte, wie Rodney ihn noch mehr umklammerte. John schob seine Hand zwischen sich und Rodney, griff nach seinem harten Schwanz und begann ihn zu streicheln, während er noch einige Male tief in ihn stieß und kam. Auch Rodney kam nach wenigen Augenblicken mit Johns Namen auf den Lippen und ergoss sich in Johns Hand.

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„Moment, Moment … damit ich das richtig verstehe. Er wollte deine Arbeiten und Forschungen, um sie dann bei einem Käufer als – wie hieß der Kerl? Kavanagh?“, fragte John nach und Rodney nickte. „Als Kavanaghs Projekte vorzustellen? Und dich wollte er in Urlaub schicken?“ Wieder nickte Rodney und John schüttelte verständnislos den Kopf. „Aber wieso? Wenn es doch deine Arbeit ist.“

„Ich habe ihn abblitzen lassen“, erklärt Rodney knapp.

„Er wollte dich?“, fragte John weiter. „Das kann ich verstehen. Du bist heiß, Rodney.“

„Natürlich bin ich das! Aber ich bin nicht verrückt. Für Rittner wäre ich nur eine weitere Eroberung gewesen. Allerdings bezweifle ich, dass man von den Jungs, die er sonst jedes Wochenende im Dreckviertel aufgabelt und teuer bezahlt, von Eroberungen sprechen kann. Und die Art und Weise, wie er sich an mich heranmachte, ist auch …“ Rodney schüttelte sich angewidert, als er sich an den einen oder anderen Moment zurückerinnerte. „Ganz zu schweigen davon, dass Kavanagh nicht den Funken von Verstand besitzt, mit meinen Theorien umgehen zu können. Die Berechnungen fordern mir schon einiges ab. Ein Fehler und es könnte später bei einem Test zu katastrophalen Fehlfunktionen kommen, dessen Auswirkungen ich nicht einmal erahnen kann.“

„Willst du mir erzählen, an was du arbeitest?“, fragte John und Rodney blickte ihn nur kurz prüfend an.

„Ich arbeite an mehreren Projekten oder besser gesagt, Theorien. Zum einen eine Theorie über eine interdimensionale Materiebrücke, mit deren Hilfe man Nullpunktenergie aus der Raumzeit eines Paralleluniversum ziehen könnte.“

„Wow! Das ist … das klingt nach schwerem Stoff.“

„Ja. Aber wahrscheinlich nicht machbar. Die Gefahr, Fremdteilchen in unser Universum zu holen, die alles zerstören können, ist zu groß, also … läuft es wohl auf die zweite Theorie von mir heraus. Wenn ich denn die Chance erhalte, sie irgendwann vorzustellen und umzusetzen.“

„Und das wäre?“, wollte John weiter wissen.

„Ebenfalls Nullpunkt-Energie. Die Möglichkeit, Energie aus einem Vakuum zu beziehen, das aus einem in sich geschlossenen Bereich der Subraumzeit stammt.“

„Das hast du aber wunderbar erklärt“, meinte John grinsend.

„Aber du verstehst kein bisschen davon, habe ich recht?“

„Nicht wirklich, aber gibt es da nicht so was wie die Heisenbergsche Unschärfe, die besagt, dass es kein absolutes Vakuum geben kann? Oder dieser Caster … Carter … dieser komische Effekt?“

„Dieser komische Effekt“, äffte Rodney ihn kopfschüttelnd nach und musste dann lachen, als er Johns neckisches Grinsen sah. Und dann staunte er, als ihm auffiel, dass Sheppard doch nicht ganz so unwissend war, wie er zunächst annahm. Heisenbergsche Unschärfe kann er problemlos aussprechen, aber beim Casimir-Effekt hat er Schwierigkeiten. „Ja, das alles gibt es. Daher wird es auch ein abgeschlossener Bereich der Subraumzeit sein. Theoretisch müsste es machbar sein.“

„Cool! Ist aber eine ganz schöne Rechnerei, hm?“

„Jap. 99% Rechnen und nur 1% Verzweiflung.“

„Wenn es einer hinbekommt, dann du“, meinte John, als er wieder über Rodneys Wange strich.

„Weißt du, was mir wirklich leid tut? Ich habe zwar gerne dort gearbeitet, aber … irgendwie war meine Kaffeemaschine wohl mit mir und diesem Labor verbunden. Sie gab am selben Tag den Geist auf, als ich kündigte.“

John prustete los und auch Rodney musste lachen. Doch er genoss es nun, Sheppard so losgelöst zu sehen. Abgesehen davon schien dieses Lachen ihn noch attraktiver zu machen. „Ich glaube, das ganze Streiken und Stottern von ihr war wohl eine Art Omen … wenn ich an so etwas glauben würde.“

Beide hatten nach ihrem Akt noch wach im Bett gelegen, sich gestreichelt, miteinander geredet und gelacht und einander zugehört. Doch so langsam schien die Müdigkeit überhand zu nehmen und beide drifteten immer wieder weg.

„Bleib doch hier, John“, bat Rodney murmelnd, als John sich aus seiner Umarmung schälen und zurück ins Wohnzimmer gehen wollte.

„Rodney … ich will dir nicht wehtun. Ich will nicht, dass das noch mal passiert.“

„Es wird nicht noch mal passieren. Bleib hier.“ Rodney drehte sich gänzlich zu John und sah ihn nur bittend an.

John seufzte, als er Rodneys Bitte nichts mehr entgegensetzen konnte, und kroch zurück ins Bett, nur um in die warme und schützende Umarmung des Mannes gezogen zu werden.

„Ich denke, wir sollten uns ein wenig ausschlafen und uns dann einen Wagen mieten und selbst rüberfahren. Sind gerade mal zweieinhalb Stunden. Die werden wir auch noch rumbringen.“

John schmunzelte. „Ich wüsste nicht, warum nicht.“

Eine Stunde später wurde Rodney durch Johns Unruhe und sein Gemurmel wach. Er überlegte nicht lange und schlang seine Arme wieder um den schlafenden Mann. John wurde ruhiger und auch Rodney fiel wieder in einen traumlosen Schlummer.

~~~

Es war früh am Morgen, als Rodney erwachte, doch er hatte kaum Zeit, sich zu wundern, wo Sheppard geblieben sei, als dieser in T-Shirt, Jogginghose und einem Handtuch, das ihm über die Schulter hing, ins Zimmer zurück schlich und das Badezimmer ansteuerte.

„Hey. Wollte dich nicht wecken.“

„Hast du nicht“, antwortete McKay und rieb sich den Schlaf aus den Augen. „Warst du … wo warst du?“

„Joggen. Ich war unten im Fitnessraum und habe mich auf ein Laufband gestellt. Draußen ist es mir doch ein bisschen zu kalt gewesen.“

„Kein Wunder. Es ist noch mitten in der Nacht.“

„Es ist bereits acht Uhr, Rodney.“

„Sag ich ja“, brachte Rodney gähnend entgegen und John lächelte. „Joggst du regelmäßig?“

„Jeden Tag. Zehn Meilen.“

„Zehn Meilen?! … Wieso um alles in der Welt?“, wollte Rodney wissen und verzog das Gesicht, bei der Vorstellung, sich derart anstrengen zu müssen. Das war doch pure Quälerei.

„Ich bin es seit meiner Zeit in der Air Force gewohnt, früh aufzustehen und zu laufen. Außerdem macht es den Kopf frei und es hält mich fit.“

„Das erklärt einiges“, antwortete Rodney und ließ seinen Blick über John gleiten, als dieser sich aus seinem verschwitzten Shirt schälte. „Oh jaaa …“

John lächelte. „Da bin ich aber nicht der Einzige hier im Raum“, gab er zurück, beugte sich zu Rodney herab und küsste ihn. „Hast du vielleicht Lust, mir Gesellschaft zu leisten?“

„Unter der Dusche?“

„Oder in der Wanne. Du entscheidest.“

„Dusche klingt gut. Ich glaube, in der Wanne würden wir nur erreichen, das Badezimmer unter Wasser zu setzen und ich habe keine Lust, danach noch Zimmermädchen zu spielen und alles aufzuwischen, nur weil du dich nicht beherrschen konntest.“

„Ich? Wieso ich?“

„Weil ich denke, dass du mit deinem Cardio-Training noch nicht fertig bist“, gab Rodney grinsend zurück und zog John noch einmal zu sich herab, um sich einen Kuss zu stehlen.

„Ja, da könntest du recht haben. Gib mir ´ne Minute, okay?“

Rodney nickte und John verschwand im Bad. Augenblicke später fand Rodney sich, mit den Händen an der Wand abstützend, unter der Dusche wieder und genoss Johns rhythmische Stöße und seine Hand, die seinen Schaft umschloss und ihn immer näher zur Ekstase brachte.

~~~

Die Autofahrt war entspannt und unterhaltsam und John und Rodney lachten und stritten sich neckend darüber, welcher Film wohl zu den besten, unterhaltsamsten oder der Realität am nahekommendsten gehörte. Aber sie war auch sehr schnell zu Ende, als John bereits in die Straße einbog, in der Rodneys Schwester wohnte.

John parkte den Wagen vor dem Haus und stellte den Motor ab. „Da wären wir.“

„Ja … da wären wir“, antwortete Rodney und sah, wie John starr zum Fenster hinaus blickte.

„Tut mir leid, Rodney. Es tut mir leid, dass du … dass ich …“

„Hey … was mich betrifft, war das die beste Zugfahrt, die ich je hatte. Ganz zu schweigen von der Begleitung.“

John sah zu Rodney und schon musste er wieder lächeln. „Und das soll schon was heißen. Ich bin zuletzt als kleiner Junge mit dem Zug gefahren“, fügte Rodney hinzu.

„Ja … ja. Meine letzte Zugfahrt ist vielleicht nicht ganz so lange her, aber sie war auch nicht annähernd so …“, erklärte John, wusste dann aber nicht, wie er es beschreiben sollte. „Danke, Rodney. Danke, dass du … na ja, dass das du nicht ausgeflippt bist, als ich dich angegriffen habe.“

Rodney schüttelte mit dem Kopf und machte eine wegwerfende Handbewegung. „John  …“

„Nein, ernsthaft. Danke, dass du zugehört hast und … ich hatte schon lange nicht mehr das Gefühl … mich so …“

„Es tut mir nur leid, dass ich dir nicht mehr geben konnte, John.“

„Rodney … Gott, nein. Du hast mir alles gegeben, was … du hast mir etwas gegeben, was ich … was ich eigentlich gar nicht verdient habe.“

„Oh doch. Du hast noch mehr verdient, John. Du musst es nur zulassen … du musst dir endlich selbst verzeihen.“

„Das ist leichter gesagt als getan, Rodney. Aber ich arbeite daran. Versprochen.“

„Gut. Du musst heilen und ich weiß, dass es schwer ist und dass es Zeit braucht. Ich verstehe das. Wirklich. Also mach dir keine Gedanken, okay?“

„Okay“, gab John gedrückt zurück.

„Hör zu, wie wäre es, wenn wir … wenn wir uns hin und wieder bei dem anderen melden, fragen, wie es so geht oder was es Neues gibt oder so? Ganz unverbindlich. Und wenn wir doch irgendwann mal zufällig in der gleichen Stadt sein sollten … ich meine, ich weiß nicht, wann ich wo als Nächstes landen werde, aber …“

„Ja … ja, das wäre … okay. Denke ich“, brachte John hervor.

Er wollte eigentlich nicht weiterfahren. Himmel, er hatte noch nicht einmal das Hotel in Seattle verlassen wollen oder gar das Bett, er wollte noch nicht einmal, dass Rodney nun aussteigen, ihm den Rücken zukehren und einfach so gehen würde. Er wollte nicht, dass sie beide nun so taten, als sei nichts gewesen, aber die Möglichkeit, ihn vielleicht doch bald wieder zu sehen oder auch nur seine Stimme zu hören, eine Nachricht von ihm zu erhalten, minimierte seine Bedrückung ein wenig.

„Oh Gott sei Dank! Ich habe dir nämlich eine Notiz mit meiner Handynummer und meiner privaten Emailadresse in deine Tasche gelegt, als du geduscht hast. Ich dachte nur für alle Fälle. Und jetzt wollte ich nicht, dass du sie vielleicht entdeckst, wenn dir eigentlich gar nicht danach ist oder du vielleicht nichts mehr von mir wissen … hmpf“

Rodney rechnete nicht damit, von John derart überrumpelt zu werden und noch einmal seine weichen Lippen zu spüren. Der Kuss war so stürmisch, dass seine Gedankengänge beinahe vollkommen aussetzten.

Zögerlich trennte sich John wieder von ihm und sah dem überraschten Kanadier in die Augen. „Wie könnte ich jemals nichts mehr von dir wissen wollen? Nein … nein. Zufälligerweise habe ich dasselbe getan, als du noch geschlafen hast, und habe dir meine Daten in deine Tasche gelegt“, brachte John lächelnd hervor.

Nun musste auch Rodney lachen. „Ja, ist wirklich komisch mit diesen Zufällen.“

„Du warst der beste Zufall, der mir passieren konnte, Rodney.“

John stand kurz davor, sich noch weiter in Rodneys Augen zu verlieren, als er etwas Blondes auf den Wagen zusteuern sah. Sofort ließ er ihn los. „Ist das deine Nichte?“

„Hm? Oh ja. Maddie. Sie ist ein kleiner Wirbelwind … und so groß geworden. Was gibt Jeannie ihr nur zu essen? Aber sie konnte einem schon immer die Haare vom Kopf essen, also …“

„Ja, das kenne ich. Ich habe auch so einen Krümel in der Familie.“

„Und sie wird sicherlich schon auf dich warten, also …“, sagte Rodney. Es war vielleicht besser, diesen Abschied nicht unnötig in die Länge zu ziehen und es sich dabei noch schwerer zu machen, als es ohnehin schon war. „Also, ich denke, ich werde mich bald melden. Vielleicht nicht mehr dieses Jahr –immerhin ist es schon bald vorbei. Aber im kommenden Jahr will ich mich um eine neue Anstellung kümmern und dann … dann kann ich dir ja sagen, wo ich bin. Vielleicht …“

„Vielleicht sehen wir uns dann ja wieder.“

„Ja … oder du kannst ja mal schreiben oder so.“

„Ja. Ja, klingt nach einem Plan … ich wünsche dir schöne Weihnachten, Rodney.“

„Ich dir auch … Mach´s gut, John.“

„Du auch. Vergiss den Teddy nicht“, platzte es aus John, bevor Rodney die Tür schloss. Im Nu hatte er das mittlerweile in Geschenkpapier gewickelte Ungetüm hervorgeholt und schloss den Kofferraum wieder. Sein Blick glitt nach vorne ins Wageninnere.

John erwiderte seinen Blick, als er in den Rückspiegel schaute, lächelte leicht und startete den Motor wieder. Er sah noch, wie Rodney fast ins Taumeln kam, als sich die kleine Maddie voller Freude gegen ihn warf und sich um seine Beine klammerte. Dann konzentrierte er sich auf die Straße und darauf, sich auf seinen Besuch bei seiner eigenen Familie vorzubereiten. Ihm blieb gerade mal eine Stunde, sich auf den Ansturm seiner eigenen Nichte gefasst zu machen, Daves Vorwürfe, sich nicht früher gemeldet zu haben und sich vom Bahnhof abholen zu lassen und sich Claires neugierigen Fragen und dem Genörgel seines Vaters zu stellen. Das würde nie im Leben reichen.

~~~

Belcarra

Dave verließ gerade das Arbeitszimmer und machte sich auf den Weg zur Küche, als er bereits in der Eingangshalle den Motor eines herannahenden Wagens auf der Auffahrt hörte.

Als er die Tür öffnete, sah er, wie John noch einige Sekunden mit geschlossenen Augen hinter dem Steuer saß, dann den Motor abstellte und ausstieg. Seine Reisetasche über die Schulter geworfen, stapfte er grinsend in Richtung Eingang und ließ sich nach einer herzlichen Begrüßung von seinem Bruder ins Haus führen.

„Hey, seht mal, wer endlich angekommen ist“, entfuhr es Dave, als er John in die Küche dirigierte, in der bereits Claire mit der Köchin hantierte.

„John!“ Freudestrahlend kam ihm Claire entgegengeeilt und fiel ihm um den Hals. „Wie schön, dass du endlich da bist. Gut siehst du aus.“

„Du auch. Wirst von Mal zu Mal hübscher“, entgegnete John und schloss seine Schwägerin in die Arme.

„Ach, hör auf. Ich sehe schrecklich aus. Ich stehe schon seit heute früh in der Küche und backe Plätzchen und Kekse und was sonst noch alles. Ganz zu schweigen vom Dekorieren.“

„Ja, das riecht man“, antwortete John und sog den Duft der Weihnachtsbäckerei ein, bevor er nach einem Keks auf dem Backblech griff und ihn sich in den Mund stopfte. „Schmecken lecker und das Haus sieht gut aus. Du machst dir wie immer viel zu viel Arbeit.“

„Na, ich muss doch euch Jungs und Dad bei Laune halten.“

Claire hatte ihm gerade noch den Mantel abnehmen können, als er seine kleine Nichte heraneilen hörte. „Onkel John ist wieder da! Onkel John!“

„Hey, mein kleiner Krümel!“ Freudestrahlend nahm John das kleine Mädchen auf die Arme, das sich sofort an ihn klammerte und ihm fast die Luft zum Atmen abschnürte, als es seine Arme um seinen Hals wickelte. „Du wirst ja immer größer … und schwerer. Und hübscher. Bist ja gleich eine junge Lady, hm?“

„Hast du den Weihnachtsmann gesehen?“, wollte die kleine Mira wissen.

„Nein, mein Schatz. Weißt du, ich bin mit dem Zug gefahren und der Weihnachtsmann fliegt mit seinem Schlitten. Aber erst an Weihnachten und das dauert doch ein bisschen. Außerdem kommt er erst nachts und schleicht sich durch den Kamin rein.“

„Ich habe ihm ein Bild gemalt und einen Brief geschrieben und Grandpa hat mir dabei geholfen.“

„Wirklich? Da wird sich Santa Claus bestimmt freuen“, meinte John und setzte seine Nichte auf einen Hocker an der Frühstücksbar der Küche. „Und Dad wird wahrscheinlich mal keine Kohle in den Socken haben.“

Dave lachte prustend, als er sich daran erinnerte, wie er und sein Bruder ihrem Vater vor Jahren einen Streich zu Weihnachten spielten und mitten in der Nacht ins Wohnzimmer schlichen und Dads Socke am Kamin mit Kohle und Asche füllten. Sogar ihre Mutter hatte lachen müssen.

Seitdem war es der Brüller zu jedem Weihnachtsfest.

„Wo ist Dad?“, wollte John wissen.

„Na wo schon. Im Arbeitszimmer.“

John nickte. „Ich bring nur schnell meine Sachen hoch und dann …“

„Er wird sich freuen, dich zu sehen. Glaub mir.“

~~~

Auch wenn John über die Jahre hinweg schon oft das Arbeitszimmer seines Vaters betreten hatte –meistens als Knirps oder Jugendlicher und vor allem dann, wenn er wieder mal irgendetwas ausgefressen hatte – so vermittelte es ihm nun als Erwachsenem doch noch immer ein mulmiges Gefühl. Er klopfte kurz an und lugte dann durch den kleinen Türspalt.

Patrick Sheppard saß hinter seinem Schreibtisch, sprang aber sofort erfreut auf, als er seinen Ältesten erblickte. „John!“

John war wirklich überrascht, fand er sich doch Augenblicke später in einer engen Umarmung wieder. Nicht, dass es früher nicht auch Momente der Zuneigung zwischen dem Vater und seinen Söhnen gab, aber so stürmisch und innig wurde er schon lange nicht mehr begrüßt. Sollte Dave wirklich recht haben und sein Vater hätte eine Wandlung durchgemacht?

„Schön, dass du da bist. Ich dachte schon, du würdest auch dieses Jahr nicht kommen können.“

„Dachte ich auch. Ich habe den ganzen Tisch voll Arbeit, aber zumindest habe ich den Jahresabschlussbericht endlich fertig.“

„Gut, gut“, antwortete Patrick und führte John zu dem Sessel vor seinem Schreibtisch. „Setzt dich doch, Junge.“

„Ich dachte, ich gebe dir den Jahresabschlussbericht persönlich … und sehe mal, wie es dir geht.“

„Hat Dave also geredet. Dieser …“, stöhnte Patrick, als er sich daran machte, durch den Bericht zu blättern.

„Was hast du erwartet? Wieso hast du nichts gesagt? Wieso … wieso hast du mir neulich nichts davon erzählt, als ich zu Hause war?“

„Weil alles nur halb so schlimm ist. Ich wette, Dave hat mal wieder übertrieben.“

„Nein, hat er nicht und kannst du mir mal erklären, was an einem Herzanfall nur halb so schlimm ist?“

„John lass gut sein, ja? Es geht mir gut. Ich habe überlebt und nehme ständig meine Tabletten … es ist alles in Ordnung. Alles bestens“, verteidigte sich Patrick achselzuckend, was John nur fassungslos mit dem Kopf schütteln ließ.

„Ich fasse es einfach nicht.“

„Was hat Dave dir noch erzählt?“, fragte Patrick weiter, um von sich abzulenken.

„Dass du daran denkst, zu expandieren. Schon wieder.“

„Ach, das steht noch gar nicht fest.“

„Ich wette, der Vorstand zittert schon“, entgegnete John, als er der Aussage seines Vaters nicht so recht Glauben schenken wollte.

„Sollen sie zittern. Bisher waren sie noch ganz zufrieden mit meinen Entscheidungen. Und selbst wenn nicht, interessiert es mich herzlich wenig. Es ist meine Firma und von roten Zahlen sind wir meilenweit entfernt, also sollen sie die Füße stillhalten.“

Die nächste halbe Stunde verbrachten die beiden mit Gesprächen über Geschäfte, Pläne, Zahlen und Bilanzen, bis Claire die beiden zum Essen rief.

~~~

Mit fortschreitendem Essen wurde auch Johns Grinsen immer breiter und das Kopfschütteln häufiger, denn auch wenn das Mittagessen entspannt ablief, so ließ Mira nichts unversucht, ihre Mutter zum weiteren Backen von Keksen zu überreden. Immerhin liebte der Weihnachtsmann leckere Kekse und ein köstliches Glas Milch. Und je leckerer die Kekse, desto größer die Chance, endlich das lang ersehnte Pony zu bekommen.

Claire und Dave fielen fast aus allen Wolken, als sie Patricks Zwinkern sahen. Das konnte nur eines bedeuten: Der Großvater hatte bereits das schönste Pony gekauft, dass man in ganz Nevada finden konnte.

Die Schnappatmung setzte bei Claire und Dave allerdings erst ein, als ihnen bewusst wurde, mit welchem Geschenk John aufwarten würde. Nicht, dass er etwas gesagt hatte. Nicht einmal eine Andeutung machte er. Nein, Bruder und Schwägerin wussten sofort, das Pony und Mira würden einen ebenfalls vierbeinigen Spielkameraden bekommen.

~~~

Vancouver

„Oh Mer“, entfuhr es Jeannie, nachdem sie den Ausführungen ihres Bruder gelauscht hatte.

Abgesehen davon, dass Jeannie aber auch wirklich nichts unversucht ließ, ihren Bruder zu den jüngsten Begebenheiten seiner Kündigung zu befragen und zu löchern, hatte Rodney es zunächst noch irgendwie schaffen können, die wahren Gründe zuerst unerwähnt zu lassen, sie dann aber, wegen einer noch viel zu jungen Maddie, die neben ihm am Mittagstisch saß, mit viel Mühe zu umschrieben.

Jetzt aber, während des Abwaschs, musste er ihr endgültig Rede und Antwort stehen, während sich Kaleb mit Maddison ins Wohnzimmer zum Spielen und Malen zurückgezogen hatte.

„Willst du ihn anzeigen?“

„Weswegen denn? Wegen Schleimigkeit?“

„Na hör mal! Ist das denn nicht sexuelle Belästigung?“, platzte es aus Jeannie, die Rodneys Gelassenheit nicht so ganz nachvollziehen konnte.

„Ach was. Das war doch keine Belästigung. Das war allenfalls … lächerlich. Da habe ich schon Schlimmeres erlebt. Glaube mir. Nein, das einzige, was mir zusetzt, ist der Gedanke daran, dass er mich tatsächlich für so blöd hielt, dass ich ihm meine Arbeiten und Theorien überlassen würde.“

„Hast du denn schon etwas Neues in Aussicht? Was willst du nun machen?“

„Ich bleibe in der Forschung, wenn du das meinst“, antwortete Rodney, der Jeannie nun beim Abwasch half. „Aber ich habe mich noch nicht genauer umgesehen. Das mache ich nächstes Jahr.“

„Ich kann dir ja dabei helfen. Du bleibst einfach über die Weihnachtstage und Silvester und Neujahr hier und dann suchen wir gemeinsam, ja? Wir finden bestimmt eine neue gute Anstellung für dich. Eine, wo man deine Arbeit schätzt und dich respektiert“, erklärte Jeannie bestimmend und nahm ihren Bruder in die Arme.

„Ja, okay“, erwiderte Rodney, als er seiner Schwester nichts mehr entgegensetzen konnte. Er wusste nur zu gut, wie stur und unnachgiebig Jeannie sein konnte.

„Und jetzt erzähl mir, was es sonst Neues in deinem Leben gibt. Aber bitte etwas Schönes.“

„Ach es gibt nicht viel neues“, winkte Rodney ab und machte sich daran, die restlichen Teile abzutrocknen. „Eigentlich gar nichts. Ich war in letzter Zeit so mit Arbeit beschäftigt …“

„Ach Meredith, jetzt sag mir nicht, dass du nicht hin und wieder mal aus deinem Labor oder deiner Wohnung gekrochen bist und dich unter die Leute gemischt hast. Wir müssen uns doch nicht wieder darüber unterhalten, oder? Es gibt noch andere Dinge neben der Physik. Schöne Dinge, die dich ablenken sollen.“

„Ich mag es aber nicht, abgelenkt zu werden“, brachte Rodney hervor. „Wenn ich mich ständig unter das Volk mische, komme ich mit meiner Arbeit nie voran.“

„Und wenn du dich nur immer einigelst, verbringst du dein Leben alleine.“

„Damit habe ich keine Probleme.“

„Ach Meredith … ich mache mir wirklich Sorgen um dich. Es ist nicht gut, alleine zu sein.“

„Es geht mir gut, Jeannie. Wirklich.“

„Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es nichts und niemanden geben soll, der dich nicht hin und wieder von deinen Berechnungen und Simulationen losreißen kann.“

Rodney antwortete nicht und versuchte stattdessen seiner Schwester nur ein schiefes Grinsen zu zeigen. Doch in Wahrheit kreisten seine Gedanken schon eine ganze Weile um die letzten Tage, die er mit John verbracht hatte. Dann musste er seufzen, denn Jeannie schien geradezu seine Gedanken erraten zu haben, als sie ihn mit diesem wissenden Grinsen bedachte. „Du gibst einfach nicht auf, was?“

„Nein. Es gibt also jemanden. Erzähl mir von ihm. Wo habt ihr euch kennengelernt? Wie habt ihr euch kennengelernt? Sieht er gut aus?“

Rodney wurde klar, dass er sich aus den Fängen seiner Schwester nicht so leicht befreien konnte und was machte es schon, ihr ein wenig über die letzten Tage und über John zu erzählen? Es mussten ja nicht gerade die intimen Details sein, aber zumindest wäre sie beruhigt, wenn sie erführe, dass sie ausgemacht hatten, sich hin und wieder beim anderen zu melden. Auch wenn Rodney selbst nicht wirklich für auch nur eine Sekunde daran glaubte, dass er den Mann jemals wieder sehen würde.

~~~

Belcarra

John war froh, den warmen Mantel eingepackt zu haben. Auch wenn er sonst nicht viel in seiner Reisetasche hatte, rechnete er doch damit, früher oder später in die Kälte gejagt zu werden. Entweder durch seine Nichte, die unbedingt Schlitten fahren oder Schneemänner bauen wollte, oder durch Claire, die noch auf den letzten Drücker die eine oder andere Zutat für den Weihnachtsbraten brauchte und die Männer nur zu gerne aus dem Haus jagen wollte.

Doch dieses Mal war es Patrick, der auf einen Spaziergang nach dem Mittagessen bestand. John ahnte schon, was ihn nun erwarten würde, denn Dave hatte sich bereits klammheimlich zurückgezogen, als ihr Vater noch nicht einmal die Idee dazu hatte.

Nun stapfte John mit den Händen in den Manteltaschen und dem Schal um Hals, Mund und Nase gewickelt neben seinem Vater her.

„Tut gut, so ein Spaziergang, hm?“, fragte der Vater und John antwortete nur mit einem „Mhm“.

„Die Ärzte haben mir regelmäßige Bewegung an der frischen Luft verordnet. Ich muss gestehen, das ist das Einzige, was mir an ihrem Geschwafel halbwegs gefallen hat.“

John schwieg weiter vor sich hin, fragte sich aber, wann sein Vater endlich zum eigentlichen Grund für den Spaziergang kommen würde. Oder dachte Dave diesmal vielleicht nur, dass nun er mal an der Reihe sei, den Aufpasser für seinen Vater zu mimen? Die Frage wurde ihm jedoch schnell beantwortet.

„Wie geht es dir überhaupt, Junge?“

„Bestens“, erwiderte John, hütete sich aber davor, weiter auszuholen.

Patrick nickte nur. Vielleicht war es an der Zeit, endlich zum Punkt zu kommen. „Du … du gehst immer noch regelmäßig zu diesem Doktor Hillcombe?“

John blieb stehen und blinzelte kurz. „Überwachst du immer noch meine Kreditkarten?“

„Nein, nein. Ich weiß nur, dass manche Dinge seine Zeit brauchen. Ich will nur wissen, ob er dir auch wirklich helfen kann.“

„Wie du gesagt hast, es braucht seine Zeit“, erwiderte John nach einer ganzen Weile.

„Ich kann mir vorstellen, dass man manche Dinge … manche Bilder niemals wieder los wird. Kommst du wirklich klar?“

„Was soll das, Dad?“, fragte John, als er merkte, worauf dieses Gespräch hinauslief. „Das hatten wir doch alles schon.“

„Warum hast du mir nie gesagt, was wirklich passiert ist?“, platzte es aus Patrick und John stutzte abermals.

„Was? Woher willst du wissen, dass es nicht die Wahrheit war?“

„Weil ich die Berichte gelesen habe“, antwortete Patrick gelassen, als John ungläubig schnaubte.

„Du hast … Wie zum Teufel bist du an die Berichte gekommen?“

„Ich bitte dich, du weißt doch, wie so was läuft, John. Man ist in erlesenen Clubs, trifft sich auf Veranstaltungen oder zum Golf. Gut möglich, dass mir der eine oder andere General dabei über den Weg lief.“

Fassungslos schüttelte John den Kopf und fluchte leise vor sich her. Dass sein Vater Einfluss hatte und teils enge Beziehung zu den ebenfalls einflussreichen und mächtigen dieser Erde pflegte, war kein Geheimnis. Aber dass er nun so weit ging und seine Beziehungen nutzte, um seinem Kontrollzwang und seinem Drang zur Überwachung nachgeben zu können, hätte er ihm nicht zugetraut.

„Warum hast du es mir nicht gesagt?“, verlangte Patrick wieder zu wissen.

„Was spielt das denn noch für eine Rolle?“

„Es ist mir wichtig, John, okay? Du bist erwachsen und fällst deine eigenen Entscheidungen und das respektiere ich auch, aber …“

„Soll das ein Witz sein?“, entfuhr es John aufgebracht. Er hatte wirklich keine Lust, sich schon wieder mit seinem Vater über das alte leidige Thema zu streiten und doch gab es so viel, dass unter der Oberfläche brodelte und nun unbedingt raus wollte. „Seit wann respektierst du denn meine Entscheidungen? Du hattest etwas gegen meine Collegewahl, du hattest etwas dagegen, als ich zur Air Force ging, du hast dich mit deinem sogenannten Respekt auch nicht zurückgehalten, als es um den Vorfall in Afghanistan ging und was du von dir gegeben hast, als … als es um mein Privatleben ging, habe ich auch nicht vergessen und dann erwartest du allen Ernstes, dass ich dir Details anvertraue?“

Getroffen blickte Patrick zu Boden und nickte betrübt. Er wusste, dass sein Ältester in der Regel nicht so gesprächig war. Aber diese Äußerungen hatte er nun doch irgendwie erwartet und tief in seinem Inneren wusste er auch, dass er es verdient hatte.

„Sag mir, was ich sagen soll … sag mir, was ich tun soll, um diese Dinge wieder gut zu machen. Um sie ungeschehen zu machen, um sie zurückzunehmen“, bat Patrick leise, doch John schwieg.

„Das kannst du nicht, nicht wahr?“, fuhr Patrick fort. „Ich auch nicht. Ich weiß, egal was ich sage oder tue, in deinen Augen wird es nur eine Ausrede sein. Aber ich bin es leid, John. Ich bin es leid, dass wir nicht einfach über all die Dinge sprechen können, die dich betreffen, die dich interessieren, die dich … die dich zu dem machen, der du bist. Ich bin es leid, dass mir mein Sohn wie ein Fremder vorkommt.“

„Was erwartest du von mir, Dad?“, fragte John nach einer ganzen Weile. „Soll ich so tun, als sei nie etwas gewesen? Als seien manche Worte nie gesprochen worden? Das könnte ich vielleicht, wenn es nur mich betreffen würde. Aber du hast andere mit hineingezogen. Du hast … Lyle … ich kann einfach nicht vergessen, was du über Lyle gesagt hast. Ich weiß nicht, ob ich das jemals verzeihen kann.“

„Ich weiß und ich verlange auch gar nicht, dass du mir verzeihst. Nur …“

Patrick seufzte und öffnete nur kurz seinen Mantel und zog einen großen Umschlag aus der Innentasche heraus, bevor er sich schnell wieder bibbernd einmummelte. „Hier.“

„Was ist das?“, wollte John wissen, als er zögernd den Umschlag entgegennahm und eine Mappe herauszog.

„Ich weiß, es gibt nichts, was ich sagen oder tun kann, um das, was ich dir und …Lyle angetan habe, was ich gesagt habe, rückgängig zu machen. Aber ich würde gerne versuchen, es wieder gut zu machen.“

„Ich verstehe nicht. Was soll das?“

„Wie gesagt, ich habe lange überlegt, wie ich … wie ich dir sagen könnte, dass es mir leid tut, wie die Dinge gelaufen und wie sie mir entglitten sind und was ich gesagt habe. Ich weiß, ich schulde vor allem Lyle eine Entschuldigung, aber … vielleicht ist das die einzige Möglichkeit zu zeigen, wie ernst es mir ist.“

John ließ seinen Blick über die Mappe gleiten und musste mehrmals schlucken. Hatte er bis vorhin noch gedacht, es sei nur wieder einer dieser vorweihnachtlichen Tage, an denen sein Vater um des Friedens willen den reumütigen und rührseligen Mann spielte, so wurde er nun eines Besseren belehrt. Es schien ihm tatsächlich ernst, denn er konnte sehen, wie viel Mühe in die Ausklügelung und Planung des Projektes, dass die Mappe präsentieren sollte, gesteckt wurde.

„Der Bau läuft schon eine ganze Weile, und wenn nichts dazwischen kommt, wird er im Sommer fertig sein“, erklärte Patrick weiter, als John andächtig schwieg. „Ich wollte ihm Lyles Namen geben, aber ich dachte mir, ich warte erst deine Reaktion darauf ab. Ich will nicht, dass du einen falschen Eindruck bekommst und wir noch einen Punkt auf einer langen Liste meiner Verfehlungen zu verarbeiten haben. Sofern du überhaupt gewillt bist … mit mir daran zu arbeiten.“

„Es würde ihm gefallen“, brachte John nach einer ganzen Weile hervor. „Ich meine nicht die Sache mit seinem Namen. Lyle hasste es, im Mittelpunkt zu stehen, aber die Idee, die dahinter steckt … ja, das klingt nach einem guten Plan.“

„Ich habe Lyle nie kennenlernen können und das bedauere ich. Wirklich. Ich kann ihn nicht mehr selbst um Verzeihung bitten, daher bitte ich dich, auch wenn du selbst mir vielleicht niemals verzeihen kannst oder willst, nimm diese Entschuldigung in seinem Namen an …“

~~~

Schon eine ganze Weile stand Dave am Fenster und blickte hinaus in die Landschaft und zu seinem Vater und Bruder. Es schien kein weiter Spaziergang zu sein, denn er konnte die beiden noch immer gut erkennen und sah, wie John andächtig die Papiere durchblätterte.

„Meinst du, es gefällt ihm?“, fragte Claire leise, die sich an ihren Mann schmiegte und seinem Blick folgte.

„Ich hoffe es. Dad hat sich solche Mühe gemacht, dieses Projekt zu entwickeln und es so weit voran zu treiben. Aber wichtiger ist wohl, dass die beiden endlich ihre Differenzen beilegen, und lernen, miteinander auszukommen.“

„Es ist alles nur eine Frage der Akzeptanz. Dein Vater hatte viel Zeit, sich an Johns Entscheidungen zu gewöhnen. Und ich denke, er hat während dieser Zeit auch genug Hintergrundwissen angesammelt, um damit umgehen zu können.“

„Hintergrundwissen? Was meinst du denn damit?“, fragte Dave nach.

„Habe ich dir das nicht erzählt? Bei dem ganzen Weihnachtsstress muss ich es wohl vergessen haben. Als ich neulich ins Arbeitszimmer ging, saß dein Vater am Computer und las sich durch die Seiten einer Online-Beratungsstelle für Homosexuelle. Er war so vertieft in die Ratschläge, die dort standen, dass er mich zuerst gar nicht gehört hat. Später ist er dermaßen erschrocken, ich hatte schon befürchtet sein Herz bleibt vor Schreck stehen. Und dann das Gestotter … das hättest du hören müssen.“

Dave schloss sich dem schadenfrohen Grinsen seiner Frau an, als er sich vorstellte, wie sein Vater wohl ausgesehen haben musste, als man ihn bei diesen Recherchen erwischte. Doch innerlich mischte sich auch Erleichterung unter das Amüsement, denn es war ein gutes Zeichen, dass sein Vater versuchte, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen.

„Später habe ich in der Chronik gesehen, dass er sich auch über PTBS erkundigt hat und noch so einiges mehr, was mit John zu tun hat. Also, wenn du mich fragst … “, erklärte Claire weiter, stockte aber dann, als sie sah, wie sich John und sein Vater umarmten. „ … scheinen die beiden auf einem guten Weg zu sein.“

Dave war erleichtert, als er sah, wie sein Bruder und sein Vater sich wieder näher zu kommen schienen und die Umarmung viel länger andauerte, als ein familiäres Danke oder eine väterliche Entschuldigung vermuten ließen. Auch die Tatsache, dass Patrick seinen Ältesten nicht mehr loslassen wollte, als er dessen Gesicht mit beiden Händen hielt und eindringlich mit einer solchen Herzlichkeit und auch Ernsthaftigkeit zu ihm sprach, berührte ihn zutiefst.

„Du wirst mir doch jetzt nicht losheulen, oder? Du hast mir nie den Eindruck eines Sentimentälchens gemacht, also …“, stutzte Claire und grinste verschwörerisch, als Dave sie mit gespielt bösem Blick bedachte.

Claire lachte auf und huschte davon, nur um kurz darauf von ihrem Ehemann durch das Haus gejagt zu werden.

„Na warte, wenn ich dich in die Finger kriege!“

„Und wenn nicht?“

„Dann hast du Weihnachten Kohle in den Socken!“

~~~

„Pass auf, hier kann es glatt sein. Mira ist erst neulich hier ausgerutscht und hat sich das Knie aufgeschlagen“, meinte Patrick, als er mit John an der Terrasse ankam. „Meine arme Prinzessin.“

„Weiß ich, Dad“, brachte John schmunzelnd hervor, als er hinter seinem Vater her trottete. „Mira ist nicht die Einzige, die sich hier schon abgelegt …“

Ein lauter Plumps folgte und John fand sich auf dem Rücken liegend wieder. Patrick drehte sich um und hielt Ausschau nach seinem Sohn, den er auf Augenhöhe jedoch nicht finden konnte.

Erst ein schmerzhaftes Grollen verriet dem alten Sheppard, dass John vielleicht doch nicht so gut aufgepasst haben musste. „Wie war das? Du weißt Bescheid?“

„Dad … du solltest Dave rufen“, meinte John stöhnend, während er noch immer auf dem Boden lag und sich den linken Arm hielt.

„Wieso?“

„Weil ich glaube, dass ich mir wieder den Arm ausgerenkt habe und Dave ihn mir wieder einrenken muss.“

„Oh verflucht! Also erstens“, begann Patrick, als er John beim Aufstehen half. „Ist das Sache eines Arztes. Und zweitens, wieso wieder? Hattest du nicht zuletzt in Afghanistan einen ausgekugelten Arm?“

„Äh … ja. Lange Geschichte, Dad, aber ich brauche keinen Arzt, ruf einfach Dave“, meinte John keuchend, als er sich von seinem Vater ins Haus und zur Couch im Arbeitszimmer führen ließ.

„Nichts da. Ich verfrachte dich gleich ins Auto. Wir fahren dich ins Krankenhaus.“

„Dad …“

„Denk nicht mal daran, mit mir argumentieren zu wollen, John. Mit so etwas ist nicht zu spaßen. Wir bringen dich zu einem Arzt. Ende der Diskussion.“

Und so fand sich John zwanzig Minuten später, flankiert von Vater und Bruder, in der Notaufnahme des Eagle Ridge Hospital wieder und erklärte dem Arzt in Bereitschaft bereits zum zweiten Mal, dass er kein Colonel der U.S. Air Force mehr sei und wie er zu dem ausgekugelten Arm kam.

Aber er wusste schon, dass es seinem Vater zu verdanken war, durch bloße Erwähnung seines ehemaligen Ranges überhaupt so schnell an die Reihe gekommen zu sein. Nach weiteren zwanzig Minuten betrat John mit dem Arm in der Schlinge das überfüllte Wartezimmer.

„Alles in Ordnung? Es muss nicht operiert werden?“, fragte Dave besorgt, aber John winkte nur ab.

„Nein, alles bestens. Aber es wäre mir wirklich lieber gewesen, du hättest ihn mir wieder eingerenkt“ erwiderte John.

„Aber hier kann man dir mit Schmerzmittel helfen. Außerdem musste es doch betäubt werden.“

„Das war der unliebsame Part. Die verfluchte Betäubung tat weher als damals, als du ihn mir ohne Betäubung wieder eingerenkt hattest.“

„Wenigstens seid ihr nicht wieder mit den Degen aufeinander losgegangen“, meinte Patrick.

„Du hast es ihm erzählt?“, keifte John seinen Bruder an, der gerade mal mit den Schultern zucken konnte

„Verdammt richtig“, platzte es aus Patrick. „Er hat es mir erzählt. Jedes einzelne Detail dieser angeblich langen Geschichte. Eine wirklich wahnwitzige Idee, zu testen, ob ihr immer noch fechten könnt. Ich hatte schon Bedenken während eurer Schulzeit, andererseits glaubte ich, dass es durchaus seinen Nutzen haben könnte, euch auf eine noble Schule voller Traditionen zu schicken. Und ich war stolz, euch im Fechtteam zu sehen. Aber dass zwei erwachsene Männer, die die 30 schon längst überschritten haben, immer noch dieses Lausbubenverhalten an den Tag legen und wieder mit Degen durch die Gegend streifen und einen auf Musketier machen …“

„Das sollte doch nur Spaß sein!“, verteidigte sich Dave.

„Und dein Bruder hat sich den Arm ausgerenkt. Toller Spaß.“

„Das war nicht seine Schuld, Dad“, brachte John hervor. „Ich habe nicht richtig pariert und als ich ihn dann noch entwaffnen wollte …“

„Habe ich es nur noch knacken hören und John war auf den Knien“, schloss Dave ab.

„Unfassbar.“ Patrick fehlten zunächst die Worte, so dass er nur noch mit dem Kopf schütteln konnte. „Keine fünf Minuten kann man euch alleine lassen. Was ist jetzt? Du musst nicht hierbleiben oder so?“

„Nein. Der Doc hat mir ein paar Tabletten in die Hand gedrückt und geraten, ich solle einen Eisbeutel drauf tun und ihn ruhig halten.“

„Gut, gut. Du solltest vielleicht auch mal darüber nachdenken, eine Physiotherapie oder so was zu machen. Du weißt schon, um die Muskulatur zu stärken. Irgendwas kann doch nicht stimmen, wenn du dir immer wieder den gleichen Arm ausrenkst.“

„Das hat der Arzt auch gemeint.“

„Dann lass uns wieder nach Hause fahren. Claire macht sich bestimmt noch mehr Sorgen, wenn es so lange dauert“, meinte Patrick, doch bemerkte dann, dass John durch eine Nachrichtensendung, die im Fernseher des Wartezimmers lief, abgelenkt wurde.

„ … mindestens zwei Häuser in der Booth Avenue in Vancouver stehen bereits in Flammen. Die Feuerwehr bemüht sich bisher vergeblich, die Flammen am Übergreifen auf Nachbargebäude zu hindern. Die Brandursache ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht geklärt …“

„Ich muss dahin“, meinte John und stürmte aus dem Wartezimmer.

~~~

„Jetzt erklär mir doch bitte noch einmal, warum ich wie ein Henker nach Vancouver rein soll“, bat Dave, der nach einem kurzen, aber heftigen Disput nun den Anweisungen und Wegbeschreibungen seines Bruders folgte, und bereits die zweite gelbe Ampel missachtete.

„Rodney wohnt da“, antwortete John knapp. „Bei seiner Schwester.“

„Okay. Und dieser Rodney ist …?“

„Jemand, den ich am Flughafen kennengelernt habe. Ich … wir sind zusammen hergefahren“, antwortete John auf die forschende Frage seines Bruders.

„Und jetzt denkst du, dass eines der Häuser, die brennen, seines ist? Was lässt dich da so sicher sein? Ich meine, warst du schon mal bei ihm? Abgesehen davon war in den Nachrichten auch nicht gerade viel zu erkennen, also …“

„Ich war hier. Ich habe ihn am Haus seiner Schwester abgesetzt und bin dann weiter gefahren. Und in den Nachrichten habe ich genug erkannt. Außerdem … habe ich kein gutes Gefühl.“

Dave warf ihm nur einen kurzen Blick zu und konzentrierte sich dann wieder aufs Fahren, während Patrick eher besorgt und schweigend auf dem Rücksitz kauerte und seinen nervösen Sohn beobachtete.

Johns ungutes Gefühl bestätigte sich nur zu schnell, als Dave in die genannte Straße einbog und sich sogleich an den vielen Schaulustigen und einigen Polizeiwagen geradezu vorbei schieben musste. Weit kam er aber auch nicht, denn die Polizei war dabei, die Straße großräumig abzusperren. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als den Wagen an der Seite zu parken.

Dave hatte noch nicht einmal den Motor abgestellt, da war John schon aus dem Wagen gehechtet und kämpfte sich durch die Menschenmenge und an den Absperrungen vorbei, bis er vor den lichterloh brennenden Häusern ankam.

Man konnte kaum sein eigenes Wort verstehen, so laut waren die Sirenen der Einsatzkräfte, das Knistern und Lodern der Flammen, das Gebrüll der Feuerwehrleute und das stetige Rauschen des Löschwassers, das mit Hochdruck aus den Schläuchen spritzte.

Und doch schienen die Worte einer blonden Frau und eines Mannes, die nur mit Mühe von einigen Feuerwehrleuten aus dem Haus gebracht werden konnten, zu ihm vorzudringen.

„Aber unsere Tochter ist noch da drin! Und mein Bruder! Sie müssen sie da raus holen! Mein Gott, Maddie!“

„Rodney?“, entfuhr es John, als er auf das Paar zustürmte. „Rodney ist Ihr Bruder?“

„Er ist noch da drin! Er wollte Maddie holen, aber sie sind nicht hier.“

Ein ohrenbetäubender Knall erfolgte. Die Explosion und die darauffolgende Druckwelle ließen die Fenster zerbersten und die Menschen in unmittelbarer Nähe taumeln und zu Boden fallen. Auch John musste sich wieder aufrappeln, entledigte sich seiner Armschlinge und rannte los.

„John! John, das ist doch Wahnsinn!“, platzte es aus Patrick, der hilflos zusehen musste, wie sich John Hals über Kopf in das flammende Inferno warf und sich auch nicht von den Feuerwehrleuten aufhalten ließ.

~~~

Es war, als würde er gegen eine Wand laufen. Eine Wand aus Rauch, der seine Kehle reizte und seinen Blick trübte und die Augen tränen ließ, und Flammen, die ihm entgegenschlugen und die feinen Härchen auf der Haut versengten. Und doch versuchte John, sich in diesem Chaos irgendwie von Zimmer zu Zimmer durchzukämpfen.

„Rodney! … Rodney, wo bist du? … Rodney!“

„Wir sind hier!“, hallte die Stimme aus einem verschlossenen Raum, der zudem noch durch einen Balken und Teile der hinuntergestürzten Decke blockiert war.

„Rodney!“

„Die Tür ist irgendwie blockiert!“, hallte die Stimme aus dem Zimmer, während John sich bereits daran machte, seine Jacke um die Hände zu wickeln, um damit die glühend heißen Trümmer beiseiteschieben zu können.

John ignorierte die Schmerzen in seiner Schulter, als er sich mit dem ganzen Körper und aller Kraft gegen die klemmende Tür warf, bis diese krachend aufschwang und John hineinstolperte. Auch hier schien nur Rauch zu existieren und John brauchte einen Augenblick, um Rodney mit einer in Decken gewickelten Maddie auf dem Boden vor dem Fenster zu erkennen.

„Rodney!“

„Ja … ja, wir sind hier“, brachte Rodney krächzend hervor und hustete abermals. „Wir sitzen fest!“

„Rodney, komm schon. Wir müssen hier raus!“

„John? … John, bist du das?“, fragte Rodney erstaunt, als ihn plötzlich zwei kräftige Hände packten und ihn auf die Füße zogen. „John! Wie kommst du hierher?“

„Lange Geschichte, komm schon. Wir müssen hier raus!“, meinte John, während er die Decke des kleinen Mädchens in der Wanne nass machte und sie wieder um Maddie wickelte. „Gleich steht hier alles in Flammen.“

Schnell nahm Rodney seine kleine, weinende Nichte auf die Arme, versuchte, beruhigend auf sie einzureden, während John ihn nicht losließ und in aller Eile durch die dunklen, undurchdringlich wirkenden Flure führte. Immer wieder züngelten ihnen Flammen entgegen, Wände brachen zusammen und Teile der Decke drohten als lodernde Glut auf sie hinab zu fallen.

Rodney atmete immer schwerer und hatte kaum noch die Kraft, einen Fuß vor den anderen zu setzen und auch Maddies Weinen wurde durch immerwährendes Husten unterbrochen.

„John … ich … ich kann nicht mehr. Keine Luft … ich kriege keine Luft mehr“, keuchte Rodney und fiel erschöpft zu Boden. „Bring Maddie hier raus.“

„Ich denke nicht dran, dich hier zurückzulassen. Wir kommen alle hier raus. Komm schon Rodney, es ist nicht mehr weit.“

„Nein, ich … ich kann wirklich … nicht mehr.“

„Rodney, ich kann schon die Tür sehen. Jetzt komm schon“, krächzte John, doch Rodney war endgültig in sich zusammengebrochen und rührte sich nicht mehr.

„Onkel Rodney … Onkel Rodney!“

„Maddie“ John wandte sich direkt an das kleine Mädchen, das sich noch immer an ihren Onkel klammerte und an ihm rüttelte. „Maddie, jetzt hör mir mal zu, okay? Da vorne ist die Tür, kannst du sie sehen?“ Maddie nickte schüchtern. „Du läufst jetzt ganz, ganz, ganz, ganz schnell, so schnell du nur kannst zur Tür raus, okay. Deine Mom und dein Dad warten da draußen auf dich.“

„Und Onkel Rodney? Will er nicht mitkommen?“

„Doch, er wird mitkommen. Ich verspreche es. Ich kümmere mich um deinen Onkel, okay? Wir sind direkt hinter dir. Jetzt lauf. Lauf einfach gerade aus. Los, lauf nach draußen, so schnell du kannst! Los!“

John gab dem kleinen Mädchen einen kleinen Schubser und schon rannte sie, so schnell ihre kleinen Beinchen sie tragen konnten, zur Tür hinaus.

~~~

Für Jeannie gab es kein Halten mehr, als sie ihre kleine Tochter aus dem Haus und die Treppe hinunter laufen sah.

„Maddie! Oh Gott, Maddie! Komm her, Schatz!“

Schnell schloss Jeannie ihre Tochter in die Arme und wickelte sie aus der nassen Decke. Feuerwehr und Sanitäter waren auch schon zur Stelle, boten trockene Decken und Sauerstoff an und versuchten, das Elternpaar mit dem Kind zu einem Krankenwagen zu führen.

„Wo ist Rodney?“, fragte Jeannie, als sie die weitere Fürsorge der Hilfskräfte ignorierte.

„Onkel Rodney hat gesagt, er kann nicht mehr“, entfuhr es der kleinen Maddie, die noch gar nicht so richtig verstand, was um sie herum passierte.

„Was?“

„Und der andere Onkel hat gesagt, er kümmert sich um Onkel Rodney. Er hat es versprochen.“

Gerade als Jeannie wieder zum Haus sah, konnte sie erkennen, wie der Mann, der sich eben einfach so in die flammende Hölle gestürzt hatte, wieder mit Rodney heraus taumelte.

„Siehst du, Mommy. Er hat es mir versprochen.“

„Oh Gott, Mer …“

~~~

John hatte es unter größter Anstrengung und noch größeren Schmerzen geschafft, den bewusstlosen Rodney wieder auf die Beine zu bekommen und ihn aus dem Haus zu schleifen. Stolpernd schaffte er es die kleine Treppe hinunter, bevor auch ihn die Kräfte verließen und er mit Rodney auf den schneebedeckten Rasen stürzte.

„Rodney … Rodney!“, entfuhr es John besorgt, als er immer wieder an seinem Freund rüttelte, doch Rodney blieb regungslos liegen. John hustete und prustete, rang nach frischer Luft und blinzelte, als der Rauch und der viele Ruß noch immer in seinen Augen brannten.

Er hörte noch die Stimmen seines Vaters und die seines Bruders, auch die eine oder andere fremde Stimme schien ihn zu rufen, doch wirklich Sinn ergaben die Worte nicht. Und plötzlich war da diese undurchdringbar erscheinende Schwärze …

~~~

Kaum das er erwachte, stach ihm der Geruch von Gummi gemischt mit Desinfektionsmitteln in die Nase und dann noch dieses stetige Piepsen eines EKG-Gerätes, die helle, geradezu steril wirkende Decke und die teils gekachelten Wände … ja, all das verriet ihm, dass er sich in einem Krankenhaus befinden musste.

Rodney schob die geradezu stinkende Sauerstoffmaske beiseite und hob nur kurz den Kopf an, um gleich von Schwindel und Übelkeit gepackt zu werden. Es dauerte eine Weile, dagegen anzugehen, aber schlussendlich war es ihm möglich, seinen Blick durch den Raum schweifen zu lassen.

Erst als er zur Seite sah, entdeckte er John, der schlafend auf einem Stuhl lümmelte.

Zunächst hatte er noch schmunzeln müssen, doch recht schnell wurde ihm klar, dass es doch kein Traum gewesen war. Das Feuer war real, Jeannies Panik, die Hast und Eile, die Sirenen, der Rauch und die Flammen, die Angst in Maddies Augen …

„Oh Gott, Maddie!“

„Was?“, entfuhr es John, der aus dem leichten Schlaf hochschreckte und beinahe vom Stuhl fiel.

„Maddie!“

„Alles okay, Rodney. Maddie geht’s gut. Es geht ihr gut. Sie ist nur mit dem Schrecken davon gekommen. Allen geht es gut. Niemand ist verletzt. Es ist alles okay“, erklärte John schnell, als er an Rodneys Bett trat.

„John … wie kommst du hier her?“

„Ich habe dich da raus geholt. Erinnerst du dich nicht?“

Rodney schluckte und blinzelte einige Male. „Doch … doch. Ich … ich habe nur gehofft, es wäre ein Traum oder so was.“

John antwortete nicht und zeigte stattdessen nur jenes zaghaft schiefe Lächeln, dass Rodney schon von Beginn an fasziniert hatte.

„Wieso bist du noch hier?“, fragte Rodney weiter und musterte John von Kopf bis Fuß. „Bist du verletzt? Natürlich bist du verletzt, du hast den Arm bandagiert. Ist das … ist das meine Schuld? Ist das passiert, als du …“

„Nein. Nein, das ist nicht deine Schuld. Ich … ich bin bei mir zuhause im Garten ausgerutscht und habe mir den Arm ausgerenkt“, erklärte John lapidar und Rodney nickte nur. „Ich … ich habe nur sehen wollen, wie es dir geht.“

„Und deswegen schläfst du stundenlang auf dem unbequemen Stuhl? … Wieso bist du wirklich hier, John?“, verlangte Rodney zu wissen, als John bedrückt zu Boden sah und umher druckste.

„Weil ich nicht gehen kann. Ich dachte, es sei in Ordnung, wenn wir … es sei besser, wenn wir nur …“

„Nur Freunde bleiben?“, fuhr Rodney leise fort.

„Ich war dir gegenüber nicht fair. Ich habe dir gesagt, dass ich dir keine Beziehung bieten könnte, weil die Menschen in meinem Umfeld … das, was zwischen uns sein könnte, nicht gerne sehen würden. Ich dachte, ich wäre noch nicht über … über Lyle … ich wäre ein Wrack und …“

„Und jetzt bist du hier, um mir zu sagen, dass du … was? Falsch lagst? Dich geirrt hast?“

„Du hast gesagt, ich würde Lyle nutzen, um mir selbst Vorwürfe zu machen. Aber die Wahrheit ist … ich … hatte Angst. Ich habe Lyle verloren und ich konnte nichts tun und nun hätte ich dich beinahe verloren.“

„Hast du aber nicht. Du hast mich da raus geholt, John. Wenn du nicht gewesen wärst …“

„Ich hätte dich fast verloren, Rodney. Gott, ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn … „

John konnte einfach nicht mehr weitersprechen, als Rodney sich vorbeugte und ihn in einen leidenschaftlichen Kuss verwickelte.

Es war, als würde die Zeit stehen bleiben. Als würden alle Gedanken, Zweifel und Ängste um Rodney, die ihn in den letzten Stunden fast in den Wahnsinn getrieben hatten, auf einen Schlag verschwinden. Zurück blieben eine Ruhe und Zufriedenheit, die er schon lange nicht mehr verspürt hatte.

„Ich kann dich nicht einfach so gehen lassen, Rodney.“

„John, ich weiß nicht … glaube mir, ich will auch nicht einfach so gehen, aber ich weiß nicht, wie es jetzt weitergehen soll. Jeannie und Maddie und Kaleb haben ihr Zuhause verloren, ich habe keinen Job und … oh nein!“

„Was? Was ist?“

„Meine Forschungen! All meine Forschungen, die ganzen Berechnungen und alles … es war alles, was ich hatte und jetzt ist alles weg! Alles ist verbrannt!“

Niedergeschmettert sank Rodney ins Bett zurück und John konnte sofort die Verzweiflung erkennen, von der sein Freund so plötzlich gepackt wurde. Und doch entfuhr ihm ein kleines Lächeln. Ein winzig kleines, denn es war nur eine vage Hoffnung, die ihn in seine Hosentasche greifen und zwei unscheinbare Gegenstände hervorziehen ließ.

„Vielleicht auch nicht … hoffe ich“, gab John zurück und sah, wie Rodneys Augen beim Anblick der USB-Sticks größer wurden.

„Du … du hast daran gedacht? Du hast an die Sticks gedacht?“

„Ich habe an dich gedacht, als ich in das Haus ging. Die Sticks lagen nur zufällig im Weg, also habe ich sie gleich mit eingesteckt … sind es die richtigen? Du hast doch alles auf den Sticks gespeichert, oder?“

„Ich … ja. Ja, habe ich. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Also, das ist eine Premiere“, erwiderte John und lächelte erneut, als Rodney ihn aus seinen verengten blauen Augen musterte. „Bleib bei mir, Rodney. Arbeite für Sheppard Industries und bleib bei mir.“

„Sheppard Industries?“, fragte Rodney und musste dann müde lächeln. „Du bist … du bist Patrick Sheppards Sohn?“

„Einer von zweien“, antwortete John etwas verwirrt.

„Natürlich. Wieso bin ich nicht gleich selbst drauf gekommen? Sheppard, das Familienunternehmen, die Bilanzen mit den riesen Summen …“

„Du hast also schon von uns gehört?“

„Soll das ein Witz sein? Patrick Sheppard ist einer der größten Wirtschaftsmogule der Westküste, Sheppard Industries ist richtig dick im Geschäft im Forschungs- und Entwicklungsbereich und Ihr habt auch einen Fuß in der Rüstungsindustrie drin, richtig?“

„Ja. Und jetzt hätten wir ganz gerne den vermutlich klügsten Kopf unserer Generation als Leiter unserer Forschungsabteilung.“

„Wie bitte? Hast du deinem Vater von meinen Projekten erzählt?“

„Ja, aber es ist nicht so, wie du denkst. Ich habe ihm davon erzählt und er ist sehr angetan. Aber ich habe ihm auch von Humble Research erzählt und das hat ihn wiederum angeekelt. Mein Vater bietet dir diesen Posten nicht nur wegen deiner Intelligenz und deiner Fähigkeiten an, Rodney. Mein Vater ist ein Philanthrop, ein Menschenfreund. Es sind nicht nur Wohltätigkeit und Freundlichkeit, die ihn auszeichnen. Er weiß, wem Recht und Ehre gebühren und bringt auch Recht, Anerkennung und Belohnung dorthin, wo es hingehört. Und wenn er sagt, dass er dir gerne einen Ort und eine Stellung anbieten möchte, an dem du deine Projekte in Ruhe und mit all der nötigen Unterstützung entwickeln und umsetzen kannst … dann meint er es auch. Weder er noch ich oder gar mein Bruder wollen dir deine Projekte abschwatzen … wenn du Sheppard Industries kennst, müsstest du das auch wissen.“

„Ich … ich weiß, aber weiß er denn, dass … dass wir …“

„Ja. Na ja, er hat eins und eins zusammengezählt. Immerhin rennt man nicht jeden Tag in brennende Häuser, um irgendwelche Spitzenwissenschaftler rauszuholen, und als er erfuhr, wer du bist, gab es für ihn kein Halten mehr. Vermutlich ist dein Vertrag schon lange fertig und wartet nur noch auf die Unterschrift“, erklärte John, doch Rodney schwieg eine ganze Weile. „Sheppard Industries will dich.“

„Nur Sheppard Industries?“, fragte Rodney herausfordernd und beobachtete nun seinerseits, wie John ihn mit diesen funkelnden Haselnuss-Augen musterte. John musste lächeln und legte sich gleich neben Rodney auf das viel zu kleine Bett.

„Es könnte da noch einen … sehr anstrengenden, anspruchsvollen und komplizierten Vorgesetzten geben.“

„Vorgesetzte sind meistens anstrengend, anspruchsvoll und kompliziert. Hättest du vielleicht eine genauere Stellenbeschreibung für mich?“

„Nun, gefordert werden zunächst das immerwährende unter Beweis stellen deines einzigartigen und außergewöhnlichen Verstandes, auch vor dem gesamtem Vorstand …“

„Zu dem du auch gehörst“, fiel Rodney ihm ins Wort, worauf John nur nickte und einfach fortfuhr.

„Bei regelmäßigen Meetings und Vorstandssitzungen und anderen Treffen, zu denen auch die einzelnen Abteilungen geladen werden, das immerwährende Präsentieren deines unerschütterlichen Egos …“

„Hey!“

„Welches ich liebe“, fügte John schnell hinzu. „Dann wird selbstverständlich auch erwartet, sich mit der nicht gerade kleinen Schar von Untergebenen und Bewunderern, die dich ganz schön beanspruchen werden, abzugeben und herumzustreiten und ganz nebenbei gilt es sich ganz persönlich um den direkten Vorgesetzten zu kümmern, der immer wieder einmal zu den unmöglichsten Zeitpunkten und besonders dann, wenn du es am wenigsten erwartest oder gebrauchen kannst, vorbei kommt und dich am Arbeitsplatz sexuell belästigt.“

„Hey … hey, wenn jemand hier reinkommt“, meinte Rodney, als John sich daran machte, sich an ihn zu schmiegen und an seinem Hals zu knabbern.

„Das ist ein Privatzimmer, Rodney. Da du nicht in Lebensgefahr schwebst, habe ich den Arzt und die Schwestern gebeten, erst reinzukommen, wenn ich nach ihnen rufe.“

„Und du denkst, die tun, was du sagst?“

„Meine Mutter hat dieses Krankenhaus damals gestiftet, Rodney.“

„Oh … okay. Na schön. Was kann Sheppard Industries mir bieten?“, wollte Rodney wissen, während er weiterhin Johns Lippen auf seiner Haut genoss.

„Einen sicheren Arbeitsplatz in einem nicht gerade kleinen Unternehmen, das weit entfernt von irgendeiner Pleite oder drohenden Übernahmen steht, eine gute Krankenversicherung, dein eigenes Riesenlabor mit allem Drum und Dran und allen technischen Spielereien, die du brauchst … oder dir wünschst, eine ganze Horde Untergebener, die nur darauf warten, dass du ihr Chef wirst, damit du sie nach Strich und Faden anstellen, rumkommandieren und bei berechtigten Gründen runterputzen kannst, ein großes Büro, das zufälligerweise neben meinem liegt und … die Möglichkeit nach eigenem Gutdünken und freiem Willen bezahlten Urlaub zu machen und … zu guter Letzt eine mehr als angemessene Bezahlung … und einen Chef, der sich gerne um den Finger wickeln lässt und sich höchstpersönlich und mit allem, was er hat, um die Zufriedenheit und die Arbeitsmoral seines Chefwissenschaftlers kümmert.“

„Hm! Nicht schlecht. Ich glaube, das ist die wohl offenste und ehrlichste Stellenbeschreibung, die mir je untergekommen ist.“

„Und ist sie auch interessant für dich?“, fragte John weiter, ohne dabei seine Knabbern an Rodneys Hals und Kinn zu unterbrechen.

„Oh ja … absolut! Kann ich denn meinem Vielleicht-bald-Chef auch einen Vorschlag machen?“

„Klar. Immer.“

„Nimm den Tätigkeitsschwerpunkt ’sexuelle Belästigung‘ aus dem Anforderungsprofil heraus und setze ihn ins Angebotsprofil.“

John sah verwundert auf, dachte kurz nach und grinste dann. „Willst du eher eine Provisionszahlung oder bevorzugst du das Bonussystem?“

„Sowohl als auch, sowie Vorschusszahlung.“

„Anspruchsvoll, hm?

„Nein, ich finde nur, dass ich es wert bin. Außerdem muss man sehen, wo man bleibt.“

„Eigentlich bist du unbezahlbar. Dann nimmst du an?“

Rodney grinste.

~~~

Das Weihnachtsfest war keine Katastrophe, wie Rodneys erster Erinnerungsfetzen, der ihm nach dem Aufwachen im Krankenhaus in den Kopf schoss, ihn glauben machen wollte.

Ja, Jeannie und Kalebs Haus war abgebrannt, alles war weg und zerstört und es war einem nur noch die Kleidung am Leib geblieben. Doch niemand wurde verletzt oder hatte gar sein Leben verloren. Auch die Nachbarn waren gerade so mit dem Schrecken davon gekommen. Doch plötzlich war John da und überraschte mit Einsicht und Angebot und noch viel mehr. Und als das nicht genug sei, hatte er nicht gelogen, als er von seinem großzügigen Vater sprach. Jeannie, Kaleb und Maddie haben im Gästehaus des Sheppardschen Anwesens eine Unterkunft gefunden und wurden mit neuer Kleidung und allem anderen Notwendigem versorgt, bis das Haus wieder aufgebaut und renoviert sein sollte. Auch um die Nachbarn der Millers wurde sich gekümmert.

Rodney und die Millers wurden mehr als freundlich, fast familiär begrüßt und aufgenommen. Jeannie schien in Claire Sheppard eine Freundin gefunden zu haben, genauso wie Dave und Kaleb gut miteinander auskamen und Maddie und Miranda hatten ohnehin den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als über Puppen, Ponys und Haustiere zu reden und nach dem Schlitten fahren und Schneemann bauen, Großvater Patrick das nachmittägliche Tee- und Kaffeekränzchen näher zu bringen. Der Senior war sich nicht zu schade, mit den beiden Mädchen und einer ganzen Horde von gestylten und drapierten Puppen auf dem Boden zu sitzen und sich den neuesten Klatsch und Tratsch aus Barbieland anzuhören. Lacher waren garantiert.

Rodney war von dieser Wärme und Herzlichkeit beeindruckt, sogar überwältigt. Ihm war aber auch ein wenig unwohl zumute, die Gastfreundschaft dieser Leute derart zu beanspruchen. Doch je näher er die Familie, vor allem den Sheppard-Patriarchen kennenlernte, desto wohler schien er sich zu fühlen und genau wie bei Jeannie, Kaleb und Maddie ließ der Schreck des Brandes allmählich nach und man glaubte langsam immer mehr an ein ganz persönliches Weihnachtswunder.

Aber einiges blieb Rodney noch ein Rätsel, während er sich zu manch anderem seine eigene Meinung bildete. John bat Rodney schon zu Beginn, nicht im Gästehaus zu nächtigen, sondern bei ihm, in seinem Zimmer zu schlafen. Niemand schien Einwände dagegen zu haben oder hatte überhaupt etwas dazu gesagt. Allenfalls Dave und Claire zeigten ein verhaltenes Lächeln, während sich Patrick geradezu gefasst aus allem heraushielt, was John und Rodneys Privatleben anging.

John schien es seinem Vater aber auch einfach zu machen, denn immer wenn er in der Nähe war, hielt John sich mit Berührungen und allzu deutlichen Gesten zurück. Vermutlich gehörte das zum komplizierten Toleranz-Teil dieser Familie, wovon John ihm einmal erzählt hatte. Doch Sheppard Senior hatte auf ihn bisher niemals den Eindruck eines intoleranten Mannes gemacht. Zumal die Freundlichkeit und Großzügigkeit ohnehin eine andere Sprache sprach. Vielleicht war es einfach nur eine Sache zwischen Vater und Sohn.

Rodney war zwar neugierig, aber er würde bestimmt nicht nachhaken. John und Rodney waren im Grunde immer noch dabei, sich näher kennenzulernen und so lernte Rodney, dass John eine erstaunliche Sturheit an den Tag legen konnte, während John wohl begriffen haben musste, in Rodney einen Partner gefunden zu haben, dem er sich gänzlich und in jeder Beziehung anvertrauen konnte. Vorzugsweise nachts, wenn ihn wieder Albträume plagten und er in Rodneys Armen Ruhe und Frieden und ein offenes Ohr finden konnte.

Was Johns Sturheit anging, so schien er diese von seinem Vater geerbt zu haben, denn dieser gab nicht auf, ihn für eine Mitarbeit bei Sheppard Industries zu begeistern. Im Grunde hatte John ihn schon im Krankenhaus so weit, die Koffer zu packen zu wollen und seine neue Anstellung anzutreten. Aber die Versorgung seiner Familie hatte Vorrang und der Vertrag war doch noch nicht fertig, als man ihn aus dem Krankenhaus entließ.

Nun saß er mit Sheppard Senior im Arbeitszimmer und blickte auf einen Vertrag, der es eigentlich verdient hätte, eingerahmt und an die Wand gegenüber dem Bett aufgehängt zu werden, um sich nach jedem Aufwachen daran zu erinnern, in welchem Traumjob man doch arbeitete.

John hatte recht behalten, was die Stellenbeschreibung anging. Ihm würde die Leitung der Forschungsabteilung anvertraut werden, da der momentane führende Wissenschaftler – ein Tscheche, dessen Namen er sich einfach nicht merken konnte –  nur zu gerne auf eine leitende Position verzichten wollte. Zudem noch die schriftliche Zusage, ein großes, vollausgestattetes Labor mit allem nötigen und vielleicht auch unnötigem Equipment für Physiker zu erhalten und was seine Projekte und Theorien anging, war Patrick vor Interesse und Faszination kaum noch zu halten und bot sogar an, eine extra Klausel bezüglich Eigentumsrecht in den Vertrag einzubauen, kaum dass er die ganze Story über Rittner und Humble Research noch einmal hörte.

Die Bezahlung sollte auch stimmen und würde sogar besser ausfallen, als in jeder Anstellung zuvor, und wenn er an die Provisionen, den Bonus und den Vorschuss dachte, über die er mit John im Krankenhaus sprach, die aber aus verständlichen Gründen keinen Platz im Vertrag erhielten … Rodney musste sich anstrengen, die Erinnerung und die Fantasien diesbezüglich aus dem Kopf zu bekommen, bevor er noch rot anlief. Doch es schien schon zu spät zu sein, denn Sheppard Senior räusperte sich verhalten und ja, er schien sich tatsächlich auch ein kleines Lächeln zu verkneifen.

„Also, denken Sie noch einmal darüber nach, Dr. McKay. Ich würde wirklich ungern auf einen so fähigen Mann wie Sie in meinem Unternehmen verzichten und John … nun, ich denke, dass auch er Sie nicht noch einmal so einfach gehen lassen will.“

„Ich denke, ich habe genug darüber nachgedacht“, erwiderte Rodney lächelnd.

~~~

John befand sich gerade mit seinem Bruder in der Küche und besprach einige Dinge, die Firma betreffend, als Rodney den Raum betrat und zielstrebig seinen Partner ansteuerte. Im Nu war er bei ihm, zog ihn stürmisch zu sich und küsste ihn mit solch einer Inbrunst, dass John schwindlig wurde und er taumelte.

Staunend, sprachlos und mit offenem Mund folgte Dave der Szenerie und schluckte dann, bevor ihm ein Grinsen übers Gesicht huschte, als Rodney sich schlussendlich wieder löste.

„Ich wollte dir eigentlich nur mitteilen, dass ich gerade den Vertrag unterschrieben habe“, strahlte Rodney und starrte dann auf einen noch immer leicht verdatterten John, der gerade mal ein „Aha“ herausbrachte. „Und jetzt gehe ich nach oben und feile noch ein bisschen an meinen Berechnungen.“

„Okay.“

Erst als Rodney gut gelaunt und beschwingt die Stufen zum oberen Stockwerk erklomm, schien John wieder halbwegs ins Hier und Jetzt zu finden. Sein Blick fiel auf seinen Vater, der lässig mit den Händen in den Hosentaschen am Türrahmen zur Küche stand und schelmisch grinste.

„Fröhliche Weihnachten, Junge“, war alles, was er dazu sagte und sich wieder in sein Arbeitszimmer begab, während John verdutzt zu seinem Bruder sah, der nicht minder amüsiert schien.

„Dir ist schon klar, was das jetzt bedeutet, oder?“, wollte Dave wissen.

„Ja … ich muss ´ne anständige Kaffeemaschine besorgen.“

~~~

Epilog

Es war Sommer und Rodney hielt sich für einen der glücklichsten und zufriedensten Menschen überhaupt. Er arbeitete nun schon etwa ein halbes Jahr bei Sheppard Industries und er hatte mehr Freude an seiner Arbeit und in seinem Leben als je zuvor.

Der Umzug von Colorado nach Kalifornien war einfach und schnell bewältigt und Rodney fühlte sich in der Stadt der Engel gleich recht wohl. Erst recht in Johns Strandhaus. Hin und wieder verbrachten sie ihre Zeit auch im Apartment, dass die Sheppards in der Stadt hatten und indem John bisher gewohnt hatte. Doch das Haus mit dem kleinen Privatstrand bot den beiden einen ungestörteren und ruhigeren Rückzugsort.

Was die Arbeit betraf, so hatte er bereits am ersten Tag den kompletten Vorstand kennengelernt und wie erwartet gleich einen bleibenden und positiven Eindruck bei den meisten hinterlassen. Mit den Mitarbeitern kam er auch gut zurecht, besonders mit Radek Zelenka, dem überaus fähigen und intelligenten Tschechen, mit dem er nicht gerade selten die gewagtesten Theorien aufstellte, sich dann mit ihm darüber stritt und dann doch mehr Überstunden mit ihm schob, als es wohl gut für die beiden war. Mehr als einmal hatte John dem einen Riegel vorschieben müssen, bevor einer der beiden womöglich noch vor Erschöpfung zusammenbrach.

Rodney liebte es, sich in sein hochmodernes Labor zurückzuziehen, zu dem eine der modernsten und besten Kaffeemaschinen gehörte – ein Weihnachtsgeschenk von John – und sich seinen Theorien, Berechnungen, Simulationen und Experimenten, und natürlich auch seinem „Chef“ zu widmen, der, wie versprochen, immer dann auftauchte und ihn ablenkte, wenn er es am wenigsten erwartete, aber meistens auch am dringendsten gebrauchen konnte.

Wenn John nur schon das Labor betrat, Fenster und Türen verschloss und per Knopfdruck und moderner Technologie die gläsernen Wände blickdicht verdunkelte, wusste Rodney, das Zahltag war.

In Johns Vorzimmerdame hatte er so etwas wie eine Mitverschwörerin gefunden. John hatte gleich zu Beginn Leanne über Rodney informiert und stellte klar, dass Rodney immer und jederzeit Zutritt zu seinem Büro habe, auch wenn er in noch so wichtigen Meetings und Besprechungen steckte. So warnte Leanne ihn jedes Mal vor, wenn John nicht alleine in seinem Büro war, sorgte aber auch dafür, dass sie durch nichts und niemanden gestört wurden, wenn John mal gerade nicht in irgendwelchen Meetings oder Besprechungen steckte. Da kamen selbst Dave und Patrick nicht dagegen an, was John erst später erfuhr und schmunzeln ließ.

Auch sonst lief im gemeinsamen Leben mit John alles rund. Rodney wurde von den restlichen Sheppards wie ein Familienmitglied behandelt, von der kleinen Mira schon als Onkel Roddy betitelt, was sich seine eigene Nichte als Beispiel nahm und ihrerseits John zum Onkel machte. Mit Patrick und Dave war er auch schon per Du. Claire hatte bei den vielen gemeinsamen und gegenseitigen Besuchen nichts Besseres zu tun, als über Männermode zu sprechen, das Paar zum verhassten Shopping zu schleifen, sie auszuhorchen und über die schlüpfrigsten Themen zu sprechen, sodass selbst die Ohren eines gestandenen Physikers und eines abgebrühten Geschäftsmannes immer noch knallrot anlaufen konnten.

Rodney hatte auch Johns Therapeuten kennengelernt und begleitete ihn hin und wieder zu den Sitzungen, wenn John ihn darum bat. Johns Albträume schienen auch nachzulassen, oder zumindest an Intensität zu verlieren. Rodney hatte John schon lange nicht mehr wecken müssen, wenn er mal unruhig schlief oder gelegentlich im Schlaf sprach. Er schlug auch nicht mehr wild um sich, sodass Rodney in Deckung hechten oder einen weiteren Angriff fürchten musste. Nein, eine zarte Berührung schien oft auszureichen, wobei es John ohnehin genoss, Rodney in seinen Armen zu halten, wenn er einschlief. Oftmals war es aber auch Rodney, der seine Arme um ihn schlang. Gelegentlich wurde John aber auch selbst wach, und wenn Rodney ihm genügend Zeit ließ, erzählte er von seinem Traum und seinen Erlebnissen, sodass sie beide bald wieder in einen erholsamen Schlummer fallen konnten.

Es war Wochenende und John und Rodney waren die Ehrengäste bei der Einweihung und Eröffnung des Lyle Holland Centers. Wie Rodney an Weihnachten erfahren hatte, drehte es sich dabei um ein Rehabilitationszentrum für Soldaten der unterschiedlichsten Teilstreitkräfte, die während ihres Einsatzes verletzt wurden oder erkrankten. Ob Irak oder Afghanistan oder sonst wo und egal, ob jung oder alt, ob Altgediente, Verletzte oder Traumatisierte jeglicher Art – für jeden sollte dies eine Anlaufstelle mit modernster medizinischer Ausrüstung und gut ausgebildetem psychologischen und physiotherapeutischen Personal oder anderer sozialer Hilfe sein, die den Soldaten ein angemessenes Leben und neue Möglichkeiten bieten sollte.

Doch es steckte mehr dahinter, wie Rodney später erfahren hatte. Es war ein Weihnachtsgeschenk von Patrick an seinen ältesten Sohn, eine Entschuldigung, eine Wiedergutmachung und das Zollen von Respekt seitens Patrick Sheppard gegenüber dem verstorbenen Lyle Holland. Natürlich wusste außer den engsten Familienmitgliedern sonst niemand die genauen Hintergründe über das Warum und wieso für den Bau dieser Einrichtung, und wenn es nach John ginge, würde es auch so bleiben.

Vor allem jetzt, wo Patrick Sheppard mit seiner Rede endete und mit einem Zwinkern das Pult seinem Sohn freigab.

„Nun habe ich genug geredet. Es wird Zeit, meinen Ältesten ausnahmsweise auch mal zu Wort kommen zu lassen.“

Manche der geladenen Gäste, darunter sehr viele Militärs, einige Bekannte aus Film und Fernsehen, weitere High-Society-Persönlichkeiten, Politiker und andere potenziellen Gönner und Spender lachten auf und klatschten, bis John ans Pult trat. Noch einmal sah John zu Rodney, bis dieser lächelte und ihm kaum merklich zunickte.

„Ich begrüße Sie und heiße Sie im Lyle Holland Rehabilitationscenter Willkommen. Ich bin John Sheppard und war Lieutenant Colonel der United States Air Force. Ich war bis 2002 als Pilot in Afghanistan stationiert …“

The End

Merry Christmas!

 

Shahar Jones

Meine erste Fanfic schrieb ich über Stargate Atlantis.
Mittlerweile mixe ich meine Storys auch gerne mal mit anderen Fandoms, wie dem Sentinel. Aber im Großen und Ganzen hänge ich immer noch in der Pegasus-Galaxie rum. Allerdings liebe ich es auch, die Leute zu überraschen ;)

2 Kommentare:

  1. Hallo,
    danke, das Du mir den Link zu dieser Seite geschickt hast.
    Es ist eine tolle Geschichte.
    Gute Idee.
    Gute Umsetzung.
    Gute Sprache.
    Ich mag Happy Ends. Das die Beiden zusammenkommen und Vater und Sohn sich geeinigt haben, finde ich klasse.

    Gruß, Ute

    • Es freut mich, dass sie dir gefallen hat und danke dir für dein liebes Review. Eine zweite Story in dieser Reihe ist bereits geplant. Aber vielleicht findest du hier noch andere Storys, die dir ebenfalls gefallen.

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