Scarecrow & Dr. McKay: Rodneys erster Fall

Scarecrow & Dr. McKay – Rodneys erster Fall

Rating: R
Genre: Action, Friendship, Humor, ein bisschen Krimi-/Agentenstoff, AU
Charaktere: Sheppard, McKay, sonst eigentlich recht viele aus den SGA/SG-1 Universum
Pairing(s): eigentlich keine, außer Jeanie und Caleb
Warnungen: eigentlich auch keine
Anmerkungen: dies ist ein komplettes AU, einzig die Charaktere kommen hier vor, jedoch nicht ihr Hintergrund wie man ihn aus den Serien kennt, daher treibe ich mit so ziemlich allem Schindluder. Entstanden im Rahmen des ReverseBangs des Stargate-Project Forum im Juli 2011

Kurzinhalt: Ein wildfremder Mann übergibt dem unscheinbaren und ruhigem Arzt Rodney McKay einen USB-Stick, der sein Leben verändern wird. Der Fremde ist der Geheimagent John Sheppard, der sich auf der Flucht vor dem Besitzer des Sticks befindet. Rodney gibt den Stick, der brisante Informationen enthält, jedoch nicht weiter, sondern behält ihn. Er ahnt nicht, was er dadurch auslöst: Sein Leben droht aus den Fugen zu geraten …

Fanart(s) von: Mella68. Danke für das wundervolle Cover und auch für das super zweite Cover. Sie sind wirklich Wahnsinn!

* * * *

Fanart made by mella68

Begegnung am Flughafen

Der Empfang mit anschließender Party war bereits im vollen Gange. Die Gäste, meist äußerst einflussreche hohe Tiere aus Wirtschaft und Politik schienen sich gut zu amüsieren und genossen das eher lockere und ungezwungene Beisammen in einem alten Herrenhaus eines Politikers. Es wurde gelacht, getanzt, gescherzt und der Champagner floss unaufhörlich.

Doch scheinbar gab es in der von Feierlaune gepackten Gesellschaft auch einen Menschen, dem nicht wirklich nach Feiern und ungezwungenen Small-Talk zumute war. Er wartete auf ein bestimmtes Zeichen, auf einem Moment, der es ihm erlaubte unbemerkt zu verschwinden, um dem eigentlichen Grund seines Hierseins nachgehen zu können. Doch der Schein musste gewahrt werden, was ihm aufgrund seiner Ausbildung, jahrelanger Erfahrung und seiner momentanen Tarnung nicht besonders schwer fallen sollte.

Aber gerade seine Tarnung, beziehungsweise sein Cover, eine hübsche und wohlhabende Blondine, eine reiche Erbin eines Wirtschaftsmagnaten, machte es ihm schwer und zehrte arg an seinen Nerven und seiner Geduld. Keine Sekunde verging, in der sie ihn nicht aus den Augen ließ und ihn mit uninteressantem und geradezu langweiligem Gerede über Shopping, Freundinnen, Partys und die nervende Presse beinahe in die Knie zwang.

Er bewahrte Haltung, machte gute Miene und hoffte und betete innerlich auf eine günstige Gelegenheit, dieser regelrechten Folter zu entkommen.

„Ladys und Gentlemen, das Buffet ist eröffnet!“, lautete die Ansage der Gastgeberin, was alle Anwesenden begeistert ins Innere des Hauses trieb, doch eben jenen Mann erleichtert aufatmen ließ und ihm das Zeichen zum Start seines Vorhabens signalisierte.

„Oh, na endlich! Ich bin am verhungern. Du leistest mir doch Gesellschaft, nicht wahr?“, wandte sich die hübsche Blondine an ihr Gegenüber.

„Aber selbstverständlich. Erlaube mir nur einen kurzen Augenblick. Ich muss ein dringendes Telefonat führen und danach gehöre ich wieder ganz dir“, erwiderte der gutaussehende dunkelhaarige Mann mit einem unwiderstehlich charmanten Lächeln, als er sein Mobiltelefon aus der Innentasche seines Jacketts nahm.

„Oh, muss das denn wirklich sein?“

„Ich fürchte ja, Kleines. Ein äußerst dringendes geschäftliches Telefonat, das keinen Aufschub duldet. Aber ich verspreche, es wird nur einen Moment dauern. Und danach werde ich es gerne mit einem Tanz wieder gutmachen“, antwortete er.

„Darauf freue ich mich schon sehr. Ich erwarte dich dann im großen Saal.“

„Ich bin gleich wieder bei dir“, gab er zurück und küsste den Handrücken der Blondine. Mit einem Lächeln sah er ihr hinterher, bis sie im Inneren des Hauses verschwunden war.

Augenblicklich beendete er das Wählen einer erfundenen Rufnummer, klappte das Handy zu und steckte es zurück in die Brusttasche seines Hemdes. Noch einmal sah er sich kurz um und als er von niemandem gesehen wurde, kletterte er über das Geländer der mittlerweile verlassenen Terrasse und schlich zum anderen Ende des Hauses.

Sein Ziel sollte im obersten Stockwerk liegen, sogar das Fenster war einen Spalt weit geöffnet. Es sollte ein Kinderspiel sein, an der seitlichen Fassade hinauf zu klettern.

Es hatte nicht ganz zehn Minuten gedauert bis er in das halbdunkle und momentan verlassene Büro dringen konnte und nun auf der Suche nach dem Zielobjekt war.
Den Schreibtisch und den Aktenschrank hatte er schon durchwühlt, als ihm klar wurde, dass das gesuchte Objekt vermutlich gut versteckt und gesichert verwahrt sein musste.
Das Bild an der Wand hinter dem Schreibtisch fiel ihm ins Auge.

Sollte es denn tatsächlich so einfach sein?

Schnell nahm er das Bild von der Wand, wodurch ein kleiner Safe zum Vorschein kam.
Die Tastenkombination, die den Safe öffnen würde ohne Alarm auszulösen, war ihm nicht bekannt. Aber das wäre kein allzu großes Problem. Einzig die Zeit saß ihm im Nacken.
Schnell nahm er ein kleines Schweizer Taschenmesser aus seiner Tasche und löste die Verkleidung des Tastenfeldes am Safe. Auch das Handy kam erneut zum Einsatz, jedoch nicht zum telefonieren.
Vielmehr zog er einen winzig kleinen Sensor hervor, der noch immer mit einem dünnen Kabel mit dem Telefon verbunden war und steckte ihn in eine kleine Schnittstelle am Inneren des Tastenfeldes.
Ein kleines komprimiertes Programm, das seine findigen Kollegen in der Zentrale erfunden und auf das Mobiltelefon aufgespielt hatten, startete und entschlüsselte innerhalb weniger Augenblicke die richtige Tastenkombination des Safes.

Von da an war es nur eine Sache von Sekunden, den Safe zu öffnen, das kleine Objekt an sich zu nehmen und den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen. Doch die Zeit schien schon zu knapp zu sein, denn er vernahm Stimmen auf dem Flur vor dem Büro.

Durch diese Tür zu entkommen und im Notfall auf „Ich habe mich verlaufen“ zu plädieren, falls er erwischt werden sollte, war nun keine Option mehr. Das würde man ihm im Leben nicht abkaufen.
Also blieb nur die Option eines Rückzugs auf dem gleichen Wege, wie er das Zimmer betreten hatte.
Doch schneller als geahnt öffnete sich die Tür des Büros und der Gastgeber in Begleitung von mehreren Männern trat ein und entdeckte ihn natürlich sofort.
„Haltet ihn!“

Mit einem beherzten Sprung aus dem Fenster in einem der nah am Haus stehenden Bäume rettete sich der Fremde vor der Gefangennahme. Doch es schien der weitaus schwierigste Teil des ganzen Abends zu sein, den Kugeln zu entgehen, die ihm um die Ohren flogen.
Jedoch schaffte er es ohne größere Blessuren vom Baum herunter zu klettern und sich eiligst aus dem Staub zu machen.

„Wer zum Teufel war das?“
„Keine Ahnung. Aber er hat die Daten!“
Der Gastgeber hatte sofort das Fehlen des kleinen Objektes in dem Safe bemerkt.
„Los hinterher! Schafft mir diesen Kerl her. Lebend. Ich will wissen, für wen er arbeitet“, wies der er seine Sicherheitsleute an, die sofort die Verfolgung über das große Anwesen aufnahmen.
Wütend knallte er den leeren Safe wieder zu.

* * * 

Am nächsten Morgen, Washington Dulles International Airport

„Ich verspreche dir, Rodney, ich bin in einer Woche wieder da und dann kannst du Dich auch wieder Vollzeit um Deine Patienten kümmern“, versprach Jeannie Miller, während sie hektisch und unbeholfen mit ihrer großen Umhängetasche ihrem Mann Kaleb folgte.

„Mach dir darüber keine Gedanken Jeannie. Heute habe ich frei und ab morgen gilt Teilzeit. Das ist gar nicht so übel. Meine Patienten nehmen es mir jedenfalls nicht krumm und ich kann mich nachmittags ausgedehnt meiner Lieblingsnichte widmen.“

„Mer, du hast nur eine Nichte.“

„Und wessen Schuld ist das?“, gab Rodney grinsend zurück, während er seine Schwester immer weiter zum Check-In drängte.

„Oh, bevor ich es vergesse, tu mir einen Gefallen. Madis Schulprojekt für den Physik-Kurs ist wohl nicht sonderlich gut angekommen und ich glaube wir beiden wissen, wer Schuld daran ist-„

„Oh bitte, erinnere mich bloß nicht daran. Dieser miese, kleine Wicht! Ich wundere mich noch immer, wie er Lehrer werden konnte. So etwas Engstirniges und Verbohrtes sollte man auf keinen Fall auf Kinder loslassen. Noch besser wäre es, wenn man ihn gleich der Menschheit vorenthält.“

„Rodney, unabhängig davon, was du von Madisons Lehrer hältst oder was du mit deinem Monster-Teleskop hast ausfindig machen können, Madison hat eine zweite Chance bekommen und es wäre wirklich sehr lieb von dir, wenn du ihr wieder helfen könntest. Nur lass eben deine Theorien aus dem Spiel, ja? Kannst du das bitte tun?“

„Jeannie, los komm schon. Wir müssen uns beeilen. Wir sind schon spät dran“, brachte Kaleb hektisch hervor, während er seine Frau mehr hinter sich herzog, als dass sie ihm folgte.

„Für dich tue ich doch alles“, stöhnte Rodney lächelnd.

„Also, nicht vergessen: Madi muss jeden Morgen etwas Obst zum Frühstück haben, das weißt du. Am Donnerstag hat sie einen Termin bei Doktor Paulsen, ich glaube sie verliert bald wieder einen Milchzahn. Am Freitag hat sie Ballet und-„

„Jeannie, bitte! Das weiß ich doch alles. Und außerdem hast du mir schon zuhause alles aufgeschrieben und es ist auch nicht das erste Mal, dass ich mich um sie kümmere. Also, jetzt seht zu, dass ihr in den Flieger kommt, sonst könnt ihr die Strecke mit dem Auto hinter euch bringen“, unterbrach Rodney seine Schwester, die mittlerweile mit ihrem Mann am Check-In angekommen war und sich ein Ticket von Kaleb weiterreichen ließ.

„Ja, ja okay. Also, pass gut auf sie auf. Wir sind bald wieder da.“

„Werde ich. Du kennst mich doch.“

„Ich hoffe nur, das Haus ist noch an einem Stück, wenn wir zurück kommen“, scherzte Kaleb, was Rodney wieder zum Lachen brachte.

„Ich garantiere für nichts, aber ich gebe mir Mühe. Vielleicht werde ich ein wenig renovieren.“

„Untersteh dich!“, gab Kaleb ernst zurück, was Rodney wieder zum Schmunzeln brachte.

„Habt einen guten Flug und meldet euch wenn ihr angekommen seid, ja?“

„Machen wir. Gib Madi einen Kuss von uns und sag ihr, wir bringen ihr eine Überraschung mit.“

„Und was ist mit mir? Kriegt dein Bruder keine Überraschung? Kein Andenken, kein Souvenir aus Seattle für den Babysitter?“

„Aber natürlich. Wir bringen dir eine Frau mit. Es wird wirklich langsam Zeit, dass du-„

„Jeannie bitte!“ entrüstete sich Rodney.

„Schatz, erstens, dein Bruder kann sich selbst eine Frau suchen, wenn er das möchte und zweitens, hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass du ihn nicht mehr verkuppeln sollst? Und drittens, es kam gerade der letzte Ausruf für unsere Maschine. Wenn wir uns jetzt nicht sputen…“ erklärte Kaleb und ließ den Rest des Satzes jedoch offen.

„Oh ja, okay. Also, bis dann, Mer, und pass mir gut auf unsere Kleine auf.“

„Keine Sorge und habt Spaß ihr zwei!“, rief Rodney winkend seiner Schwester und seinem Schwager hinterher, die mehr als eilig die Gangway entlang liefen.

Rodney wartete noch den Start der Maschine ab, aber als er nun auf seine Uhr sah befand er es für höchste Zeit, wieder nach Hause zu fahren, seine Nichte zu wecken und sie zu Schule zu bringen.
Dann würde er sich noch diesen Möchtegern-Lehrer zur Brust nehmen, bevor er neue Materialien und Farben für Madis Schulprojekt einkaufen musste. Ganz zu Schweigen vom Abendessen, wobei er immer noch keine Ahnung hatte, was er kochen sollte. Doch so wie er seine Nichte kannte, würde sie wieder auf seine mediterranen Hackbällchen bestehen.
-Na gut. Was soll´s? Soll sie sie haben-, dachte er sich, legte ein Lächeln auf. Richtung Hauptausgang gehend, sah er noch einmal kurz zur Flugplananzeige. Als er jedoch wieder seinen Blick nach vorne richtete, war es schon zu spät, einem Smokingträger auszuweichen, der es offenbar sehr eilig zu haben schien. Mehr noch. Beinahe grob packte dieser ihn am Arm und bugsierte ihn unsanft in Richtung Seitenausgang, der zum zweitgrößten Parkplatz des Flughafens führte.

„Hey! Was soll denn das? Was fällt Ihnen ein?!“

Zunächst völlig überrumpelt ließ Rodney es zu, einige Meter in Richtung Ausgang gezerrt zu werden, bevor er sich energischer zur Wehr zu setzen versuchte. Doch der Griff des fremden Mannes war nicht gerade schwach.

„Lassen Sie mich sofort los! Wer zum Teufel glauben Sie eigentlich zu sein, hm?“

„Ich brauche Ihre Hilfe!“, entgegnete der Fremde und sah sich dabei ständig nach allen Seiten um.

„Dann kommen Sie in meine Praxis in der Lincoln Avenue, oder gehen Sie in ein Krankenhaus, aber lassen Sie mich los, Himmel noch mal!“
Erneut versuchte Rodney, die Hand des fremden Mannes abzuschütteln. Doch es wollte noch immer nicht recht gelingen.

„Nein. Sie müssen mir einen Gefallen tun, bitte. Leben oder Tod könnte davon abhängen.“

„Oh bitte! Ihnen scheint es noch ganz gut zu gehen. Wohl zu gut. Jetzt … lassen mich los, verdammt noch mal“, gab Rodney entrüstet zurück und konnte sich endlich dem Griff des Mannes entreißen und bewegte sich schnell einige Schritte in Richtung Ausgang.

„Bitte, alles was Sie tun müssen, ist diesen Stick einem Mann zu übergeben. Es ist wirklich sehr wichtig“, versuchte ihn der Mann im Smoking aufzuhalten.

„Ich bin Arzt und kein Bote. Einen Botendienst finden Sie am Flughafeneingang. Ich bin mir sicher, dass Ihnen dort geholfen werden kann.“

„Nein. Hier geht es nicht um einfache Botengänge. Es … es ist wirklich sehr wichtig. Ich kann …“

Nochmal sah sich der Mann hastig und unsicher um, was Rodney wenige Augenblicke Zeit verschaffte, sich sein Gegenüber genauer anzusehen. Dunkle und vollkommen zerzauste Haare, grünbraune Augen, ein Smoking, der offenbar schon bessere Zeiten erlebt haben musste, denn einige Flecken und kleinere Risse waren schon zu erkennen. Sein Gesicht, das verschwitzt und ebenfalls verschmutzt war, zeugte von Hast und übergroßer Vorsicht. Ebenso auch die gesamte Haltung – als ob er um sein Leben fürchten musste.

„Ich habe nicht die Zeit, Ihnen alles zu erklären, aber Sie tun mir wirklich einen großen Gefallen, wenn Sie diesen Stick an den Mann in der Trainingsjacke am Terminal 5D übergeben.“

„Also, hören Sie mal, ich-„ versuchte sich Rodney herauszureden.

„Bitte. Mehr verlange ich nicht. Geben Sie ihm nur dem Mann in der Trainingsjacke an Terminal 5D. Sie brauchen nichts zu sagen und Sie brauchen auch nichts weiter zu tun. Es ist wirklich wichtig und alles worum ich Sie bitte.“

Nur Sekunden dauerte es, in denen Rodney dem Fremden nochmals in die Augen sah und die verschiedensten Eindrücke von Beharrlichkeit, Eile, Sorge, aber auch Aufrichtigkeit und Flehen entdeckte. Kurz haderte Rodney mit sich, dann gab er nach.

„Na schön. Geben Sie das Ding schon her.“

„Ich danke Ihnen. Sie erweisen Ihrem Land einen großen Dienst, Mister.“

„Doktor …“ berichtige Rodney automatisch.
„… also dem Mann in der Trainingsjacke an Terminal 5d?“

„Ja. Nur ihm. Er wartet dort. Geben Sie es ihm einfach, das ist alles …“, erwiderte der dunkelhaarige Mann, sah sich noch einmal um und wurde wieder von Hektik erfasst. „Ich muss los. Ich danke Ihnen nochmals und bitte beeilen Sie sich.“

Mit einem letzten gehetzten Blick in die Runde verschwand der Smokingträger zwischen den Fahrzeugen auf dem Parkplatz. Rodney sah gerade noch, wie der Fremde das Tempo anzog und nun eher davon rannte, was ihn daran erinnerte, dass er nun selbst spät dran war. Immerhin musste seine Nichte pünktlich in der Schule sein. Kopfschüttelnd drehte er sich um und machte sich murrend und stöhnend auf den Weg zu den Terminals.

„Unfassbar! Geben Sie es dem Mann in der Trainingsjacke an Terminal 5D. Sie tun mir einen großen Gefallen. Sie erweisen Ihrem Land einen großen Dienst!“ äffte er den dunkelhaarigen Fremden nach. „Bin ich hier in einem billigen Agentenfilm gelandet, oder was?“

Kaum fertig mit Murren und Meckern kam er auch schon am besagten Terminal an, doch was er dann sah, ließ sein Kinn nach unten klappen.

„Das darf doch nicht wahr sein!“, entfuhr es ihm, als er auf das etwa zwanzigköpfige Footballteam starrte, dass in Trainingsanzügen gekleidet auf seinen Abflug wartete.

 

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Ein Tag für die Wanne

Nach anfänglicher Fassungslosigkeit und dem mehr als irritierenden und fragwürdigen Blicken zu dem wild gestikulierenden Männern des Footballteams und dem Stick in seiner Hand, fasste Rodney sich den Mut und sprach einen der Sportler an.

Doch er musste sehr schnell feststellen, dass es ein italienisches Team war, das außer Ciao Fan! Come stai? Benvenuti in America! Un bel paese con le belle donne! Festeggia con noi la nostra vittoria! nicht viel mehr heraus bekam und ihn schon gar nicht verstehen konnte.

Nachdem er von einem Mann nach dem anderen regelrecht gedrückt und geherzt und in dutzenden Digitalkameras verewigt und ständig geradezu genötigt wurde, entweder die amerikanische oder italienische Nationalhymne zu singen, konnte Rodney sich losreißen. Seine Freiheit war aber arg in Gefahr, als er schon das zweite Sportlerteam, eine Baseballmannschaft auf sich zukommen sah.
Rodney hatte genug und gab Fersengeld.

Noch immer murrend und knurrend und geradezu fassungslos über das Geschehen der letzten Minuten hatte Rodney den Parkplatz des Flughafens erreicht und stieg in seinen Wagen. Wütend knallte er die Tür wieder zu, als er auf den Stick in seiner Hand sah.

„Was ist denn das heute für ein Tag? Wo bin ich denn nur gelandet? Ist das hier Verstehen Sie Spaß oder die versteckte Kamera oder was?! Wirklich unglaublich, was für Typen es gibt! Wenn der Kerl mir noch mal über den Weg läuft … der kann was erleben!“

Rodney war kurz davor, den Stick aus dem Fenster zu werfen. Doch aus einem unerfindlichen Grund steckte er ihn einfach in die Hosentasche, startete den Wagen und machte sich endlich auf den Weg nach Hause.

* * *

Völlig abgekämpft, verschrammt und verschmutzt saß John Sheppard auf der Rückbank des Taxis, das ihn an gewünschter Adresse absetzte.

„Und Sie sind sich wirklich sicher, dass Sie keinen Arzt brauchen? Das Krankenhaus ist nur einige Straßen weiter“, informierte ihn der Taxifahrer, als er sich zu seinem Passagier umdrehte, der in seinen Hosentaschen nach Geld kramte.

„Nein, alles in Ordnung. Es sieht schlimmer aus, als es ist. Was bin ich Ihnen schuldig?“, fragte John und biss sich auf die Zähne, als ihn eine Schmerzwelle ausgehend von seinem Schultergelenk durchzog.

„Vierundzwanzig Dollar, Sir.“

John hatte gerade noch ein paar Dollarscheine in seiner Hosentasche finden können, die er dem Taxifahrer in die Hand drückte.

„Hier sind dreißig. Behalten Sie den Rest“, meinte John, der noch ein kleines gequältes Lächeln zustande brachte und dann ausstieg.

Im Gehen legte John seinen Kopf einmal auf die rechte Schulter, dann zur linken und ließ den einen oder anderen Wirbel knacken, der wohl leicht verrutscht war. Sein Nacken war auch schon völlig verspannt und hatte sich am Morgen schon mindestens einmal mit einem Krampf gemeldet. Auch das kreisen seiner linken Schulter ließ ihn erneut vor Schmerzen stöhnen und die mörderischen Kopfschmerzen verschleierten seinen Blick.

Die drei Stufen, die zum Hauseingang führten, taten ihm auch nicht gerade gut. Und der Gedanke daran, was nun noch auf ihn zukäme, ließ ihn sich wünschen, dass der Tag schon längst vorbei und er an einem anderen Ort sei. Am besten in seinem geliebten Jacuzzi mit schönem warmen blubberndem Wasser und einer guten Flasche Wein.

John öffnete die Tür und schlurfte sich durch den kleinen Eingangsbereich der kleinen Bibliothek. Ein kurzer Blick zu einem Bild über einer weiteren Tür sollte ausreichen, um kurz darauf ungehindert durch den Eingang in den vermeintlichen Keller zu kommen, in dem schon ein Fahrstuhl nach unten auf ihn wartete.

Nur wenige, beziehungsweise ausgewählte Personen wussten, dass dort nicht nur ein Keller vorzufinden war, sondern auch der Zugang zu einer der drittgrößten Geheimdienstzentralen der Vereinigten Staaten.

Die Einrichtung erstreckte sich über mehrere Blocks und vor allem war alles unterirdisch angelegt, was den vielen Agenten durch mehrere oberirdische und vor allem unscheinbare Häuser und Einrichtungen in der umliegenden Nachbarschaft leichten Zugang zu ihrem jeweiligen Arbeitsplatz ermöglichte. Die Besitzerin der Bibliothek, die ebenfalls eine Agentin im Vorruhestand war, war natürlich eingeweiht und waltete ihres Amtes einer Bibliothekarin und gleichzeitig einer Agentin, die Nachrichten und kurze Informationen der Außendienstmitarbeiter entgegennahm und weiterleitete.

John betrat die Zentrale und traf sogleich auf seinen Freund und Vorgesetzten Richard Woolsey.

„Scarecrow! Meine Güte, was ist denn mit dir passiert? Ist alles in Ordnung?“, fragte dieser und ließ seinen Blick über den Agenten gleiten.

„Alles bestens. Geradezu wunderbar. Mir reicht es jedenfalls“, erwiderte John und stemmte seine Fäuste in den Rücken, den er kurz darauf etwas dehnen und strecken wollte, was ihm allerdings wieder mit Schmerzen quittiert wurde.

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zu Richards Büro, das einige Flure entfernt lag.

Es war nicht gerade dunkel in der Einrichtung, immerhin hatte man in der Vergangenheit viele neue dezente oder kunstvoll schmückende Lichtquellen aufgestellt und installiert. Außerdem waren viele Pflanzen an der einen oder anderen Ecke zu finden und auch einige Bilder schmückten die Wände der Flure und Büroräume. Es hatte jedenfalls nichts mehr mit dem kalten, fahlen und geradezu sterilen Großraumbüro aus den Zeiten des Kalten Krieges zu tun.

„Mir wurde mitgeteilt, dass du den Stick verloren hast“, sagte Richard und versuchte seinem Agenten etwas mehr zu entlocken.

Natürlich hatte John sich kurz zuvor telefonisch gemeldet, um sich noch unter den Lebenden zählen zu lassen, aber auch, um den aktuellen Stand seines Auftrages mitzuteilen. Doch er hatte sich dabei, wie so viele Male zuvor, wieder als sehr wortkarg bewiesen.

„Wie? Keine Pluspunkte, dass ich noch am Leben bin? Diese Leute haben mich quer durch die Stadt verfolgt. Es hat bestimmt keinen Spaß gemacht, mich mit ihnen anzulegen und sie abzuhängen. Was gibt es sonst?“

„Bring deinen Smoking in Ordnung … wenn das überhaupt noch möglich ist. Landry ist da und wahrscheinlich hat er Fragen und verlangt Antworten.“

„Oh, mal was Neues“, kommentierte John und sah an sich herab. Er fand jedoch keine einzige Stelle, die er noch irgendwie richten oder sonst wie in Ordnung bringen konnte. Was hinüber war, war hinüber.

„Na, das muss ja eine Nacht gewesen sein“, erklang die liebliche Stimme Teyla Emmagans, die ihren Kollegen John erblickte hatte und ihn nun irritiert musterte.

„Erinnere mich bloß nicht daran“, stöhnte John und gab am Eingang zu einem der größeren Büros sein Handy und seinem Wagenschlüssel an zwei Männer des technischen Labors ab.

„Hey Jungs, gute Arbeit mit dem Handy, aber … keine Ahnung, wie es dem Ding nun wirklich geht und der Wagen … tja, seht es euch selbst an. Er steht noch am Dulles International … hoffe ich zumindest.“

„Oh Sheppard, nicht schon wieder! Das ist jetzt schon der vierte Wagen in drei Monaten! …“, beschwerte sich einer der Techniker stöhnend und sah dem Agenten hinterher. „… Wer glauben Sie zu sein? Bond?“

* * *

„Verstehe ich das richtig? Sie haben einen USB Stick verloren, auf dem, wie Sie sagen, hochbrisante Daten sein sollen?“, fragte Hank Landry, Verbindungsmann zum Pentagon. Scheinbar machte es ihm nicht das Geringste aus, dass er in Richards Chefsessel saß.

„Also verloren würde ich das nicht nennen.“

„Hm, na schön. Was war dem auf dem Stick, den Sie nicht verloren haben?“

„Das weiß ich nicht. Naja, nicht genau …“, antwortete John, der sich im Stuhl vor dem Schreibtisch wie auf dem Präsentierteller fühlte.

Noch einmal sah er Landry in die Augen, die ihn erwartungsvoll und fordernd musterten. Woolseys Blick konnte er hingegen nicht deuten. Dass er allerdings stur geradeaus blickte, sagte ihm, dass er sich aus dieser Situation wohl alleine heraus manövrieren musste. Richard konnte ihm ohnehin nicht helfen, denn er hatte ja noch nicht einmal einen genauen Bericht über die nächtliche Aktion abliefern können.

„… Aiden Ford, unser Kontaktmann in Georgetown, setzte sich mit mir in Verbindung und sagte, er hätte Informationen sammeln können, die mit dem Asteroiden, der an uns vorbeisausen soll, und einigen hohen Tieren aus Wirtschaft und Politik zusammenhängen würden. Genaueres hatte er mir nicht sagen können, aber er glaubt, dass in naher Zukunft diesbezüglich eine größere Transaktion abgeschlossen werden soll, die… nicht ganz sauber sein soll.“

„Was für eine Transaktion?“, hakte Hank nach.

„Keine Ahnung. Er teilte mir nur mit, dass sich alle nötigen Information zu wem oder was oder warum auf diesem Stick befinden und ich ihn im Haus von Abgeordneten Devers finden würde. Er konnte mir gerade noch den Aufbewahrungsort mitteilen, als er wieder aufbrechen musste. Also habe ich ein paar Kontakte spielen lassen, Bekanntschaften geknüpft und mich chic gemacht, um so in Devers Haus zu kommen. Ich habe den Stick am vermuteten Ort gefunden, ihn an mich gebracht und dann konnte ich auch schon zusehen, mit heiler Haut da wieder rauszukommen.“

„Hat man Sie erkannt?“

„Nein, ich denke nicht. Ich konnte gerade noch so aus dem Fenster springen und zum Wagen kommen. Aber die Kerle waren unerbittlich. Sie haben mich quer durch D.C. gejagt und-“

Abrupt wurde John durch Walter Harriman unterbrochen, dessen Angewohnheit es war, Anklopfen und Eintreten so schnell miteinander zu vereinbaren, dass man denken könne, er hätte erst gar nicht angeklopft.

„Verzeihen Sie die Störung. Mister Sheppard, ich dachte es interessiert Sie, dass wir Sumner, unseren Verbindungsmann, in der Nähe des Dulles International Flughafens aufspüren konnten.“

* * *

Mit mahlendem Kiefer sah John auf die Leiche seines Kollegen Marshall Sumner, den man ganz schön zugerichtet hatte. Schnell deckte man ihn wieder zu und legte auch dessen Trainingsjacke zu seinen Füßen, um ihn dann in den Raum der der forensischen Pathologie zu bringen.

„Zuerst musste er auf brutalste Weise zusammengeschlagen worden sein, bevor man ihn dann auf ihn schoss“, berichtete der Arzt der Geheimdienstzentrale, Carson Beckett, der die Aufgabe des Pathologen übernahm.

„Das kann doch nicht wahr sein?“, stöhnte John. „Ich habe schon vor Beginn der Aktion mit Schwierigkeiten gerechnet, deshalb habe ich Sumner zum Flughafen beordert.“

„Hatte er den Stick bei sich?“, frage Richard den Arzt.

„Den hätten sie ihm doch sofort abgenommen“, erinnerte John seinen Chef und rieb sich über sein Gesicht, worauf sich wieder die Wunde über seiner linken Augenbraue meldete.

„Wir haben nichts dergleichen bei ihm gefunden und er hat auch nichts diesbezüglich gesagt.“

„Sie haben noch mit ihm gesprochen?“, wunderte sich John.

„Ja. Er hat noch gelebt, als man ihn fand. Er sagte, dass er Sie treffen wollte, Sheppard. Aber Sie seien nicht gekommen.“

„Verdammt nochmal! Er hat es ihm nicht gegeben.“

„Wer hat es ihm nicht gegeben?“, wollte Hank wissen und sah, wie John nervös auf und abging.

„Der Typ, dem ich den Stick gegeben habe.“

„Sie haben … Sie haben einen Datenstick mit geheimen Informationen an einen Unbekannten weitergereicht?“, kam es ungläubig von Hank.

„Ich bin verfolgt worden. Das habe ich doch schon gesagt. Sie waren mir so dicht auf den Fersen, dass ich sie schon praktisch in meinem Nacken fühlen konnte. Ich habe Sumner nicht mehr erreichen können, ohne unser beider Tarnung auffliegen zu lassen.“

„Das glaube ich einfach nicht! Das darf nicht wahr sein. Das schlägt dem Fass den Boden aus!“,

Nun war Hank nicht mehr zu halten. Der Mann war schon bei seiner Ankunft in der Zentrale auf neunundneunzig und Richard hatte alle Hände voll zu tun, ihn zu beruhigen und ihn von Sheppard´s Fähigkeiten und Können zu überzeugen. Immerhin hatte er schon mehrmals auf diese Weise gute Arbeit geleistet. Doch das schien er in diesem Augenblick und in diesem Fall vergessen zu haben oder wohl eher geflissentlich zu ignorieren. Immerhin ging es hier um äußerst brisante Daten.

„Ich wollte nur die Daten retten!“, verteidigte sich John und bekam prompt Unterstützung durch seine Kollegin Teyla.

„Das ist dieselbe Masche, die John schon in Rio bei der allseits gelobten Rettung des Atlantis Projekts verwendet hatte. Mag sein, dass seine Methoden etwas unorthodox erscheinen, aber er hatte noch immer Erfolg damit.“

„Danke Teyla. Dafür schulde ich dir ein Essen.“

„Aber so was von“, erwiderte die brünette Agentin lächelnd.

„Er hatte noch immer Erfolg, hm? Wo ist dann der Stick und wo ist dieser Kerl, der ihn haben soll? Und über Rio unterhalten wir uns noch!“, gab Hank gereizt zurück und bedachte die Agenten der Reihe nach mit einem äußerst wütenden Blick.

„John, wer ist der Mann?“

Richard´s Stimme war ruhig und dennoch wusste John, dass er ebenfalls tief in seinem Inneren vor Ärger und Frust kochen musste. Ja, diesmal musste er es wirklich vergeigt haben.

„Ich weiß es nicht.“

„Das wissen Sie nicht?“

„Hank!“, unterbrach Richard den Verbindungsmann, als dessen Stimme ihm ein wenig zu sehr nach Hohn und Drohung klang.

„Ich werde herausfinden, wer der Mann ist und ich werde den Stick wiederbeschaffen“, versprach John.

„Das hoffe ich. Sie haben maximal achtundvierzig Stunden, Scarecrow, bevor ich Ihnen diesen Fall entziehe und Sie suspendiere. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen warum“, knurrte Hank, bedachte besonders John lange mit einem mehr als mahnenden Blick und stapfte dann davon.

„Ich denke, ich werde noch mal mit Hank reden. Du weißt doch, wie das läuft. Geht etwas schief, reißt der Präsident O´Neill den Kopf ab, daraufhin reißt O´Neill ihm den Kopf ab und Hank mir-“

„Und du dann mir“, unterbrach John seine Vorgesetzten leidlich grinsend.

„Das haben offenbar andere schon versucht. Geh nach Hause oder… auch wenn es dir nicht passt und du es gar nicht gerne hörst, aber…am besten du gehst zuerst zu einem Arzt und lässt dich durchchecken und verarzten.“

„Genau das habe ich vor“, gab John noch immer grinsend zurück, als ihm einfiel, wo er mit der Suche nach dem Kerl vom Flughafen anfangen könnte.

* * *

Nachdem Rodney seine Nichte geweckt hatte, ließ er sich noch auf einen kleinen Disput bezüglich des obstreichen Frühstücks ein. Nach langem Hin und Her und mehrmaligem Ein- und Ausatmen, konnte er das Streitgespräch durch eine kleine Taktikänderung für sich entscheiden. Andererseits könnte man es auch einen Kompromiss nennen.

Einfaches Obst oder Obstsalat waren ab sofort tabu. Dafür durfte sich Madison ihr Frühstück größtenteils selbst gestalten. Natürlich spielten Vitamine immer noch eine große Rolle, doch über die neue Experimentierfreude seiner Nichte konnte der Arzt nur noch die Nase rümpfen.

Der schon vorbereitete Obstsalat wurde mit Cornflakes, Haferflocken und Joghurt vermischt. Nicht zu vergessen die zwei Esslöffel Zucker, die Madison heimlich untermischte, Rodney aber nicht entgangen waren.
Kopfschüttelnd nippte Rodney an seinem Kaffee, doch er wollte sich nicht nochmals wegen Kleinigkeiten aufregen.
Ihr schien es zu schmecken und er konnte sein Versprechen bezüglich ausreichend Obst für seine Nichte einhalten.

Mittlerweile waren sie in der Schule angekommen. Madison war schon in ihrer Klasse und unterhielt sich mit ihren Klassenkameradinnen und Rodney hatte eine halbe Ewigkeit nach dem Physiklehrer seiner Nichte suchen müssen.

Mister Kavanagh. Brillenträger mit dunklen langen Haaren, die er streng nach hinten gekämmt als Pferdeschwanz trug. Ebenso war er recht groß gewachsen, wobei sich Rodney nicht ganz sicher war, ob dessen Ego und Arroganz seine Körpergröße nicht doch überragten.

Schon seit einigen Minuten stand er mit diesem Kavanagh im Flur vor der Tür zu einem Klassenraum und hatte sich auf eine hitzige Diskussion mit ihm eingelassen.

„Hören Sie, ich verlange ja nicht, dass Sie unser Sonnensystem völlig neu entdecken und benennen sollen. Aber Sie sollten darauf achten, was Sie den Kindern beibringen. Pluto ist kein Planet!“, erklärte Rodney und musste sich stark beherrschen, diesem Möchtegern-Lehrer nicht an den Hals zu springen.

Allein sein Blick, der nur so vor Arroganz und Herablassung triefte und dieses mehr als dämliche und spöttische Grinsen, ließen seinen Blutdruck in die Höhe schnellen.

„Mister McKay-“

„Doktor, wenn ich bitten darf“, berichtige Rodney ihn.

„Ah ja. Auf welchem Gebiet haben Sie Ihren Doktor?“

„Ich bin Arzt.“

„Arzt, soso. Soweit ich weiß, hat ein Arzt nichts mit Physik und schon gar nicht mit Astrophysik oder Astronomie zu tun“, entgegnete Kavanagh und versuchte noch nicht einmal, das höhnische Grinsen zu unterdrücken oder zu verbergen.

„Es gehört zu meinen Hobbys. Außerdem hatte ich während meines Medizinstudiums noch so etwas wie Nebenfächer. Darunter waren auch Physik und Astronomie. Aber das spielt keine Rolle. Es ist allgemein bekannt, dass man bereits im Jahre 2006, Pluto den Status eines Planeten aberkannt hatte. So etwas sollten auch Sie wissen.“

„Er ist ein Zwergplanet! Na und! Planet oder Zwergplanet, das ist doch vollkommen egal.“

„Es ist nicht egal. Sie sollten Kindern die Wahrheit und das Richtige vermitteln und nicht an alten, überholten und nicht mehr geltenden Annahmen, Umständen und Sonstigem festhalten!“, entrüstete sich Rodney und spürte schon, wie sein Puls immer weiter anstieg.

„Hören Sie, ich halte mich als Lehrer an das, was im Lehrplan steht und vorgegeben ist und da wird Pluto noch als Planet geführt. Madison hatte die Aufgabe, ein Modell unseres Sonnensystems zu basteln. Sie haben ihr gesagt, dass Pluto nicht als Planet dazu gehört. Das Modell, das sie gebastelt hat, war nicht nur falsch, seien wir mal ehrlich, es war auch nicht gerade sehr hübsch, oder? Ich wette, Sie haben da noch kräftig dran herumgefummelt.“

„Also das ist doch-“

„Ich habe Madison eine zweite Chance gegeben und glauben Sie mir, das mache ich gewöhnlich nicht-„, erklärte der Lehrer überheblich und kehrte Rodney den Rücken.

„Sie machen wohl noch mehr nicht aus Gewohnheit, wie ich vermute.“

„Am Ende der Woche ist das neue Modell unseres Sonnensystems fertig, inklusive Pluto, oder ich muss Madison für diese Aufgabe eine entsprechend schlechte Note geben. Ansonsten wenden Sie sich an die entsprechenden Stellen, wenn Sie mit dem Lehrplan nicht zufrieden sind. Und jetzt entschuldigen Sie mich. Ich habe eine Klasse zu unterrichten“, entgegnete Kavanagh und verschwand hinter einer Klassentür.

Mit hochrotem Kopf, einem rasenden Puls und einem Blutdruck, der sich vermutlich kaum noch messen ließ, blieb Rodney sprachlos im Flur zurück. Er hörte noch die Schulklingel und sah, wie die Schüler in ihre Klassen eilten, als er wieder in das Hier und Jetzt kam und sich ermahnte, nicht den Verstand zu verlieren und sich der Sache ein ander Mal anzunehmen.

„Ich soll mich an die entsprechenden Stellen halten? Das kannst du haben, du arroganter … ach, zu dir fällt mir noch nicht einmal was ein. Junge, ich werde dich rundmachen. Wollen doch mal sehen, ob sowas wie du dann noch als Lehrer auf Erden wandeln darf.“

Wieder einmal machte sich Rodney murrend und knurrend auf den Weg zu seinem Wagen und schaltete als erstes das Autoradio ein und lauschte seinem Lieblingssender. Nach mehrmaligem Ein und Ausatmen und anderen Entspannungsübungen, die er von seiner Kollegin Jennifer Keller erlernt hatte, war er wieder in der Lage, sich den Anforderungen des restlichen Tages zu widmen. Was so viel bedeutete, wie Einkäufe in verschiedenen Bastelläden und Supermärkten, Wäsche waschen, Essen kochen, Staubsaugen, Gartenarbeit, Madi von der Schule wieder abholen, den Geschirrspüler füttern… und so weiter.

Manchmal hatte Rodney den Eindruck, kein Arzt und liebevoller Onkel zu sein, der sich hin und wieder um Haus und Nichte kümmerte. Nein, manchmal kam er sich wie ein Hausmann vor. Und irgendwie, tief in seinem Inneren mochte er es.

* * * 

John wusste, dass es wohl dringend nötig war, so schnell wie möglich zu einem Arzt zu kommen. Alleine seine Kopfschmerzen und der gelegentliche Schwindel deuteten auf eine leichte Gehirnerschütterung hin. Aber er wollte zuerst unbedingt aus dem Smoking heraus und den Schmutz loswerden. Die Gehirnerschütterung und die vielen anderen Verletzungen waren nicht so schlimm und vor allem würden sie nicht davon laufen.

Mit Wehmut sah auf seine geliebte Jacuzzi- Wanne, doch darauf würde er wohl verzichten müssen. Wer wusste denn, welche Folgen ein heißes Bad bei seinem derzeitigen Zustand haben könnte? Womöglich würde er noch in der Wanne ertrinken. Nein, eine Dusche musste genügen, zumal auch sie zu seinen Lieblingen gehörte. Weißes Marmor, vergoldete Armaturen und eine leuchtende Glassteinwand, die in bestimmten Situationen ein wunderbar schummriges, fast schon romantisches Licht erzeugte.
Der Sohn eines reichen Industriellen zu sein, hatte schon seine Vorteile.

John stand schon eine ganze Weile unter Dusche, lehnte sich mit den Händen an die Wand und ließ das warme Wasser einfach auf sich niederregnen. Noch immer tat ihm jeder einzelne Knochen im Leib weh, aber die Wärme und die massierende Kraft des Wasserstrahls lockerten und entspannten zumindest seine Nacken- und teilweise auch die Rückenmuskeln. Dabei konnte er nicht verhindern, dass er sich immer wieder fragte, warum es ihm in letzter Zeit solche Probleme bereitete, sich in einer Auseinandersetzung, um nicht zu sagen einer Prügelei zu behaupten. Noch vor wenigen Monaten hatte John es locker mit zwei auch drei Männern gleichzeitig aufnehmen können. Heute Morgen jedoch hatte er arge Schwierigkeiten, sich gegen die Truppe des Abgeordneten zu beweisen. Es waren gerade mal drei Mann und sie besaßen noch nicht einmal besondere Kampftechniken oder waren besonders stark und doch hatte er ganz schön einstecken müssen. Dass er mit Anfang dreißig schon zu alt dafür sein sollte, war Blödsinn. Im Grunde war er in Topform. Keine Behinderungen, keine Krankheiten, keine sonstigen Probleme, die ihn irgendwie ausbremsen würden … oder doch?

In den vergangenen Monaten hatte er schon mehrmals gemerkt, dass ihm irgendwas zu fehlen schien, dass er irgendwie nicht ganz zufrieden war. Doch was es genau war, wusste er selbst nicht.

Mittlerweile war die Dusche beendet und John hatte sich noch schnell selbst um den einen oder anderen Kratzer und blauen Fleck gekümmert. Schnell schlüpfte er in seine Jeans und zog sich ein einfaches Hemd über, schnappte sich seine Wohnungsschlüssel und machte sich auf den Weg.

-Was hatte der Typ gesagt? Lincoln Avenue? Da wird es wohl nicht allzu viele Ärzte geben. Es dürfte also nicht schwierig werden, ihn zu finden.-

John irrte, als er schon aus der dritten Arztpraxis kam. Von Allgemeinmedizinern, bis Pädiater hatte er schon fast alle gesehen und kennengelernt, dutzende Rezepte und Diagnosen erhalten und mindestens genauso viele Fragen hatte man ihm bezüglich seiner Verletzungen gestellt. Es nervte ihn und er hatte langsam wirklich keine Lust mehr, sich ständig neue Ausreden einfallen zu lassen, woher er die Verletzungen hatte und warum er sich nicht gegen Tetanus impfen lassen wollte, vor allem wann und wo die letzte Impfung stattgefunden hatte.

Diese Impfung wurde wie viele andere, bereits im Rahmen seiner Tätigkeit als Agent beim Geheimdienst durchgeführt. Und auch da hatte er jedes Mal einen kleinen bis mittleren Aufstand geschoben, wenn es darum ging, den jährlichen Gesundheitscheck-Up, oder gegebenenfalls die eine oder andere Behandlung über sich ergehen zu lassen. Bei Ärzten hatte er sich noch nie wohlgefühlt, von Krankenhäusern ganz zu schweigen. Doch diesesmal musste es sein. Er musste zu den Ärzten und sich untersuchen lassen, um so den Typ vom Flughafen wieder zu finden.

Nach dutzenden und ewig langen Wartezeiten war John müde. Es gab noch einige Arztpraxen in dieser verdammten Straße, doch für heute wollte er nur noch eine überprüfen. John sah auf das Schild.

Gemeinschaftspraxis

Jennifer Keller M.D – Rodney McKay M.D

Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Chirurgie, Orthopädie

Wenn es nun wirklich um seine Verletzungen gehen würde, klänge das recht vielversprechend. Doch er hatte sich eben geschworen, sich nicht noch einmal auf eine Untersuchung einzulassen. Irgendwas würde ihm schon einfallen, um dem zu entgehen.

John betrat das Gebäude und steuerte zielstrebig den Fahrstuhl an, der ihn ins vierte Stockwerk, das komplett von der Praxis beansprucht wurde, befördern würde.

Kaum oben angekommen, musste er sich mehrmals vergewissern, auch wirklich das richtige Stockwerk gewählt zu haben, denn schon der Empfang sah so gar nicht nach Arztpraxis aus.

Die Anmeldung war groß und geräumig und in hellen Beige- und Rosé-Tönen gehalten.
Der Boden war mit sehr hellen Marmorplatten ausgestattet und glänzte dermaßen, dass John schon fast sein Spiegelbild betrachten konnte. Verschiedene Zimmerpflanzen, einige Gemälde bekannter Künstler, sowie ein ungewöhnlicher Duft, der wohl zu irgendwelchen Pflanzen gehören musste, ließen wirklich nicht den Eindruck einer Arztpraxis aufkommen. Im Hintergrund erklang leise Musik, die wohl zur Beruhigung der Patienten beitragen sollte.

Sobald man aus dem Fahrstuhl trat, stach einem sofort die über zwei Meter breite Empfangstheke aus Mahagoniholz und das mindestens genauso große Gemälde an der Wand dahinter, ins Auge.
Wäre nicht die eine junge Dame in einem ungewöhnlichen bunten Schwesternkittel, die ihn hinter dem Empfang mit einem Stapel Patientenakten und einem äußerst freundlichen Lächeln begrüßte, würde John noch immer zweifeln, das richtige Stockwerk erreicht zu haben. Doch nur, um völlig sicher zu gehen, fragte John doch einmal nach.

„Entschuldigung, ist das hier die Praxis von Dr. Keller und Dr. McKay.“

„Ja Sir, wie können wir Ihnen helfen?“, fragte die junge Dame. Dem kleinen Namensschild an der linken Seite ihres Schwesterkittels konnte John entnehmen, dass ihr Name Marie war.

„Ich bin auf der Suche nach einem Arzt.“

„Dann sind Sie wirklich richtig.“

„Das hoffe ich. Ich würde gerne zu Dr. McKay, wenn es möglich ist“, bat John.

„Oh, das tut mir leid. Heute hat nur Dr. Keller Sprechstunde. Dr. McKay ist erst morgen wieder in der Praxis.“

„Hm, das ist schade“, meinte John und überlegte, wie er nun weiter vorgehen könnte.

„Wenn es dringend ist, kann ich Sie gerne bei Dr. Keller dazwischen schieben. Sie müssten vielleicht etwas warten, aber-„

„Oh nein, nein. Das wird nicht nötig sein. Sagen Sie, dieser Dr. McKay … ist er etwa so um die einsachtzig groß? Hat hellbraune kurze Haare, blaue Augen, trägt eine Brille und ist leicht untersetzt?“

„Äh… ja, das kommt in etwa hin. Warum fragen Sie?“

„Oh ich bin nur neugierig. Er wurde mir empfohlen, allerdings teilte man mir nur die Lincoln Avenue mit. Ich habe ihn auch nur einmal ganz kurz gesehen … ich wollte nur sichergehen, hier auch richtig zu sein. Ich habe schon eine Praxis nach der anderen abgestottert um ihn zu finden aber-„

„Oh, wenn das so ist. Wir haben hier im Flur nebenan einige Bilder, auf denen die beiden Doktoren zu sehen sind. Vielleicht erkennen Sie ihn ja wieder“, informierte Marie ihn und führte ihn in den Flur, der rechts vom Empfang lag.

Ein Funkeln entstand in Johns Augen, als er auf die vielen Qualifikationen, Zertifikate und auch den einen oder anderen Zeitungsausschnitt starrte, die mit Bildern der beiden Mediziner versehen waren. Aber das ausschlaggebende war das Porträtfoto des Arztes. Mit einem Lächeln wandte sich John an die Empfangsdame.

„Sagen Sie Marie, wäre es möglich für morgen einen Termin bei Dr. McKay zu bekommen?“

* * *

Es war mittlerweile Abend. Rodney hatte seine Einkäufe, verschiedenste Arbeiten im Haus erledigt und seine Nichte bereits von der Schule abgeholt. Gegessen hatten sich auch schon, wobei er sich wieder einmal wundern musste, wie viel seine siebenjährige Nichte schon verdrücken konnte. Vier mittelgroße Hackbällchen und eine ordentliche Portion Pommes inklusive Salat und Nachtisch. Er selbst hatte schon mit drei Hackbällchen, Pommes und Salat zu kämpfen und den Nachtisch daher auf später verschoben. Die Hausaufgaben hatte er auch schon kontrolliert und die Styroporkugeln für die Physikaufgabe der Schule waren bemalt und mussten nur noch trocknen.

Nun lag er in der Wanne und verfolgte auf seinem iPad neugierig die neuesten Forschungsberichte und Erkenntnisse der Krebsforschung. Das Wasser war mittlerweile soweit abgekühlt, dass er zu frösteln begann und das Bad beendete. Schnell schlüpfte er in seinen Schlafanzug und nahm sich vor, noch seine Nichte zu Bett zu bringen, mit seiner Schwester zu telefonieren und sich dann dem Brief bezüglich der Lehrpläne des hiesigen Schulsystems und vor allem auch des hiesigen Physiklehrers von Madisons Schule zu widmen. Wäre doch gelacht, wenn er nicht in diesen Bereich etwas bewirken könnte.

Es war schon elf Uhr in der Nacht, als Rodney die letzten Sätze seines gepfefferten Briefs schrieb, doch sein Blick schweifte immer wieder zu dem USB Stick, den er auf seinem Schreibtisch liegen hatte.

Warum hatte er ihn nicht einfach weggeworfen? Warum hatte er den ganzen Tag über darauf aufgepasst wie auf seinen Augapfel? Warum hat dieser Typ am Flughafen gerade ihn angesprochen und warum hat er ihn nicht selbst übergeben? Was zum Teufel war überhaupt auf diesem Stick?

Rodney beendete den Brief, checkte seine Emails und informierte sich im Internet über neue Angebote eines bestimmten Teleskops, das ihm schon seit längerem durch den Kopf spukte. Es gab einfach nichts Schöneres, als in einer sternenklaren Nacht auf dem Dach der Garage zu sitzen und ins Weltall zu blicken. Auch wenn er momentan eines der teuersten und größten Teleskope, die es für Geld zu kaufen gab, schon besaß, so reichte ihm die Auflösung und Reichweite schon lange nicht mehr. Er wollte viel weiter in die Ferne blicken und das gab sein jetziges einfach nicht her.

Immer wieder schweifte sein Blick zum Stick. Er wusste, es war falsch da rein zu sehen und zu schnüffeln. Was auch immer drauf war. Aber seine Neugier wurde immer stärker und sein Widerstand immer schwächer.
Rodney druckte den Brief aus, schloss die Internetseite und das Emailprogramm und steckte den USB-Stick in einen freien Port.
Es wunderte ihn etwas, als er plötzlich einige Daten vor sich sah, die offenbar nicht durch ein Passwort oder einen Code verschlüsselt waren. Andererseits, wenn er sich diese Daten ansah, war es wirklich nicht verwunderlich. Nur sehr wenige Menschen würden diese komplizierten Daten verstehen können und auch er wurde nicht wirklich schlau daraus. Rodney öffnete eine Datei nach der anderen und besah sie sich, doch es gab auf den ersten Blick nicht wirklich einen Sinn. Erst als er einige Berechnungen entdeckte, machte sich eine Ahnung in ihm breit. Eine kurze Überlegung später entschied er sich, die ebenfalls gefundenen Skizzen auszudrucken. Möglicherweise ergaben sie mehr Sinn, wenn sie in einer bestimmten Reihenfolge zurecht gelegt wurden.

Kurze Zeit später starrte Rodney auf die ungefähr zwei mal zwei Meter große, mit Papier ausgelegte Fläche und staunte nicht schlecht, als es endlich ein Bild und vor allem einen Sinn ergab. Doch so recht konnte er es nicht glauben, zumal sich auch noch ein ziemlich großer und geradezu schmerzhafter Knoten in seiner Magengegend bildete. Das hatte weder mit „Verstehen Sie Spaß“ noch mit „versteckter Kamera“ zu tun. Das hier war ernst, hoch geheim und gefährlich noch dazu.

„Verdammte Scheiße!“

 

 

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Als ob nichts sei?

„Also Miss Tanner, wie ich vermutete, ist es Hypothyreose“, erklärte Rodney, als er nochmals über die Testergebnisse der Blutproben seiner Patientin blickte.

Doch diese Patientin sah mit weit aufgerissen Augen und rasendem Puls zum Arzt und begann langsam zu hyperventilieren.

„Ganz ruhig, Miss Tanner. Das ist absolut nichts Schlimmes. Es handelt sich hierbei nur um eine Schilddrüsenunterfunktion“, erklärte Rodney weiter, merkte aber, dass die junge Dame sich langsam in eine Panikattacke hinein manövrierte.

Rodney stand von seinem Stuhl auf und setzte sich auf den zweiten Stuhl neben seine Patientin. Dann nahm er ihre Hand in seine.

„Miss Tanner, sehen Sie mich mal an und tun Sie genau das, was ich Ihnen sage. Jetzt atmen sie einmal tief ein … und ganz langsam wieder aus. Es ist alles in Ordnung, Ihnen wird nichts passieren. Atmen Sie wieder ein … Sie sind schon die dritte Person in diesem Monat, bei der ich eine Unterfunktion diagnostiziert habe. Jetzt atmen Sie wieder aus … es besteht überhaupt eine Gefahr … und langsam wieder einatmen …“

Normalerweise hatte Rodney keine Probleme, sich alle Zeit der Welt zu nehmen und geduldig auf seine Patienten einzugehen. Besonders bei der jungen Miss Tanner, die schon seit einigen Jahren zu seinen Patienten gehörte. Schon bei ihrem ersten Besuch zeigte sie Anzeichen von Hypochondrie und hatte auch in ihrem Job und Privatleben wohl einigen Stress zu bewältigen.
Nur heute fiel es ihm schwer, selbst die Ruhe und Konzentration zu bewahren, was an der durchwachten Nacht liegen musste. Noch mindestens drei Stunden hatte Rodney sich mit den Bildern und den Daten auf dem Stick befasst und je mehr er sah und herausfand und sich zusammenreimte, desto überzeugter war er, dass etwas verdammt großes und noch viel gefährlicheres von statten ging, von dem seine Mitbürger noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung hatten. Genau das ließ ihn nicht richtig schlafen und die wildesten Albträume durchleben, die er jemals gehabt hatte.

Rodney riss sich zusammen, nahm seine Brille ab, die er mit dem Zipfel seines Hemdes abrieb und wieder aufsetzte. Einen Doktorkittel hatte Rodney noch nie gerne angezogen. Es machte auf manche Patienten immer einen geradezu Furcht einflößenden Eindruck, besonders bei Kindern. Er war kein Gott oder Halbgott in Weiß. Er war ein Mediziner, ein Heiler. Ein Mensch, der immer in der Nähe war. Der erreichbar, sich einfühlen und zuhören konnte. Ein Arzt, der für einige Patienten sogar der einzige Ansprechpartner für die verschiedensten Probleme war, die manchmal nicht mal etwas mit der Gesundheit zu tun hatten. Für ein solches Arzt-Patientenverhältnis war ein Kittel nur störend und regelrechtes pures Gift.

So hatte er auch seiner momentanen Patientin zugehört, als diese langsam wieder von ihrer Panikattacke herunterkam und anfing über ihre Ängste, Sorgen und Probleme im Job zu sprechen. Rodney schaffte es, dass sie sich sogar so weit beruhigte und ihre Krankheit, die nun ja nicht wirklich gravierend und lebenseinschneidend war, auch wirklich verstand und akzeptierte. Selbst die Tatsache, dass die junge Dame für den Rest ihres Lebens, jeden Morgen eine Tablette schlucken musste, hatte er ihr auch noch auf eine Art und Weise mitgeteilt, dass die junge Dame sogar wieder lachen konnte.

„Also, Marie wird Ihnen das Rezept geben. Zudem hat sie auch noch einige Listen über jodhaltige Lebensmittel und so wie ich die Frau kenne, wahrscheinlich auch noch einige Rezeptvorschläge. Außerdem kann Sie Ihnen auch Adressen und Termine von Stressbewältigungs- und Entspannungskursen geben. Die Tabletten reichen vorerst für einen Monat. Danach möchte ich Sie hier gerne noch einmal sehen, um zu überprüfen, ob eine niedrige Dosierung schon ausreicht. Okay?“

„Ja, natürlich. Doktor. Vielen Dank“, entgegnete Miss Tanner und ließ sich von Doktor McKay aus dem Besprechungszimmer führen.

„Keine Ursache. Marie …“, rief Rodney und übergab seiner Sprechstundenhilfe die Patientenakte.
„… Miss Tanner bekommt ein Rezept und die Termine und Adressen der hiesigen Stressbewältigungs- und Entspannungskurse. Und einen Termin in vier Wochen.“

„Gerne Doktor. Hier ist die Akte des nächsten Patienten. Er ist neu bei uns, und da Mister Quinn kurzfristig absagen musste, konnte ich ihn für heute dazwischen schieben.“

„Sehr gut. Aber schicken Sie ihn bitte erst in fünf Minuten rein“, bat Rodney.

Er nahm die Patientenakte mit dem obligatorischen Fragebogen über frühere Krankheiten und Behandlungen entgegen und ging wieder in sein Besprechungszimmer, wo er sich wieder in seinen Stuhl fallen ließ.
Nur für einen Moment wollte er kurz durchatmen und zusehen, wieder richtig wach zu werden.

* * *

Obwohl John erst um zehn Uhr morgens einen Termin hatte, stand er bereits um halb neun auf der Matte der Praxis, in der Hoffnung, doch noch früher an die Reihe zu kommen. Nicht wegen seiner Gesundheit, sondern vielmehr aus Sorge um seinen Job. Ganz zu schweigen vom Datenstick, den er so schnell wie möglich herbeischaffen sollte. Nun, die Tatsache, dass er heute dem Mann vom Flughafen wieder begegnen würde und wieder an den Stick käme, nahm ihm etwas den Druck und sollte ihn entspannter wirken lassen. Aber das war nicht der Fall.
Anfangs hatte er sich noch mit einem obligatorischen Fragenbogen ablenken können, der ihm von der Sprechstundenhilfe Marie ausgehändigt worden war. Aber das war noch nicht einmal eine Sache von fünf Minuten, auch wenn er die meisten Fragen natürlich wahrheitsgemäß beantwortete. Krankheiten und dementsprechende Behandlungen hatte er so gut wie keine, sah man von den üblichen Kinderkrankheiten einmal ab, die ebenfalls abgefragt wurden. Ebenso auch die Frage nach seiner beruflichen Tätigkeit, die John wie viele Male am gestrigen Tag mit Regierungsangestellter beantwortete. Was im Grunde ja stimmte. Nur in der Rubrik „frühere Verletzungen“ ließ er die ein oder andere berufsbedingte Schuss- und Stichverletzung lieber weg. Doch kaum war er fertig mit der Beantwortung der Fragen, begann er sich zu langweilen. Zeitschriften über Sport und Autos waren nur wenige vorhanden, während an Frauenzeitschriften ein regelrechtes Überangebot bestand. Nach einiger Zeit konnte er aber an die neueste Ausgabe der New York Times gelangen, da der Patient der diese gerade gelesen hatte, zu Doktor Keller aufgerufen wurde. Aber auch diese hatte er schon fertig gelesen und somit blieb ihm nur der lockere Small Talk mit den anderen Patienten im Wartezimmer, was auch immer von kurzer Zeit gekrönt war.

Je näher sein Termin rückte, desto nervöser wurde er. Was er nun gar nicht verstand. Er war nicht wirklich krank. Sah man von den kleineren Verletzungen und der Gehirnerschütterung ab, die er nun nicht wirklich untersuchen lassen wollte. Immerhin war es nicht so schlimm und vor allem war es nicht das erste Mal, dass er solche Verletzungen davontrug.
Nein, alles was er zu tun hatte, war diesem Doktor die Leviten zu lesen und ihn zu fragen, was nun mit dem Stick sei. Und dennoch, er war nervös und ihm war nicht ganz wohl. Eigentlich wie immer, wenn es um Ärzte oder gar Krankenhäuser ging. Er hasste es. Nicht direkt die Ärzte, auch wenn er sich selbst eingestand, ihnen nicht wirklich zu vertrauen, aber wann immer es ging, ging er ihnen aus dem Weg und wollte nach Möglichkeit nichts mit ihnen zu tun haben. Seit dem Vorfall vor über fünfzehn Jahren, als…

„Mister Sheppard? Dr. McKay empfängt Sie jetzt. Folgen Sie mir bitte“, riss ihn Maries Stimme aus seinen Gedanken.

John folgte der Sprechstundenhilfe und bemerkte, dass er das eher langsam, fast zögerlich tat. Natürlich bestand eine gewisse Dringlichkeit zur Beschaffung des Sticks und er konnte es nicht abwarten, ihn endlich wieder zu haben und in der Zentrale abzugeben. Aber es schien, als ob ihn irgendetwas Unsichtbares zurückhielt, das Sprechzimmer des Arztes zu betreten.

„Doktor, Mister Sheppard“, informierte Marie ihn, nachdem sie kurz an dessen Tür anklopft, eintrat und John eintreten ließ.

Rodney hingegen sah zunächst nicht auf und war noch in die neue Patientenkartei vertieft, die Marie ihm zuvor übergeben hatte.

„Danke Marie. Immer herein mit ihm.“

John betrat langsam das Sprechzimmer und blieb vor Rodneys Schreibtisch stehen. Natürlich hatte er ihn auch jetzt sofort wieder erkannt, auch wenn er gerade mal dessen Haare und den Stirnansatz sehen konnte. Er wusste nicht so recht, ob er grinsen oder ob er den Arzt mit einem wütenden Blick begegnen sollte. Seine Überlegungen lösten sich jedoch schnell in Luft auf, als Rodney aufsah.

„Mister…Sie?!“, entfuhr es Rodney, als er den Smokingträger wieder erkannte und aus seinem Stuhl in die Höhe schoss.

„Ja, ich. Wo ist der Stick?“, erwiderte John ohne Umschweife und verwarf den Gedanken ans Grinsen schnell wieder. Immerhin ließ die Problematik es nicht zu.

„Was zum… was sollte das? Wollten Sie mich veräppeln?“

„Das selbe könnte ich Sie fragen. Ich hatte Sie nur gebeten den Stick zu übergeben, aber das haben Sie wohl nicht getan.“

„Sie hätten vielleicht etwas genauer sein sollen!“

„Was war denn an `Übergeben Sie es dem Mann in der Trainingsjacke´ so ungenau? Das war eine ganz einfache Bitte und Beschreibung“, erklärte John.

„Von wegen! Sie hätten mir den Mann etwas genauer beschreiben können, dann hätte ich mich nicht mit einer über zwanzig Mann starken italienischen Footballmannschaft beschäftigen müssen. Denn die waren alle in Trainingsanzüge gekleidet!“

John stöhnte und verdrehte die Augen, was ihm wieder einen kleinen stechenden Kopfschmerz bescherte. Offenbar war seine leichte Gehirnerschütterung, wie er selbst schätzte, noch nicht besser geworden.

„Zwanzig köpfige Football… wie auch immer. Wo ist der Stick?“, fragte John energischer, nachdem der Schwindel nachließ.

Rodney hingegen war das kurze, wenn auch kaum zu bemerkende Taumeln seines Gegenübers nicht entgangen.

„Geht es Ihnen nicht gut?“

„Mit geht es bestens. Noch. Wo ist er?“

„In Sicherheit. Nachdem was da drauf ist, sollte das Dinge eher vernichtet werden.“

„Sie haben da rein gesehen?! Das sind hochgeheime Daten!“, fuhr John den Arzt an und musste sich tatsächlich kurz an der Tischplatte festhalten, als ihn wieder ein Kopfschmerz mit Schwindel durchzog.

„Hören Sie, Ihnen scheint es wirklich nicht gut zu gehen. Waren Sie in eine Prügelei verwickelt oder was? Setzen Sie sich hin. Ich werde mir mal ansehen, was mit Ihnen ist“, bat Rodney, doch John lehnte kopfschüttelnd und energisch ab.

„Dafür habe ich keine Zeit. Dieser Stick enthält Daten, die die nationale Sicherheit gefährden. Also wo zum Teufel ist er?“

„Wie ich schon sagte, in Sicherheit…“, erwiderte Rodney und registrierte kurz darauf das wütende und ungeduldige Funkeln in Johns Augen.

„… er ist in einem sicheren Versteck bei mir Zuhause. Ich habe ihn in eine … Küchenschublade gelegt “, antwortete Rodney schlussendlich.

„Eine Küchenschublade …“, kommentierte John zweifelnd und schüttelte mit dem Kopf. „So viel zu einem `sicheren Versteck´.

„Hey, niemand würde ihn an einem so offensichtlichen Ort vermuten“, verteidigte sich Rodney, worauf John allerdings nicht mehr einging.

„Na dann Abmarsch.“

„Was jetzt? Ich kann doch nicht einfach so gehen. Ich habe noch Patienten im Wartezimmer sitzen und-„

„Die kann Ihre Kollegin übernehmen. Ich brauche den Stick. Sofort“, entgegnete John und ließ keine Zweifel daran, dass es ihm sehr ernst war.

„Ja, aber-„

„Dr. McKay, leichter kann ich es Ihnen wirklich nicht machen. Entweder Sie sagen mir, wo genau der Stick ist und ich beschaffe ihn mir selbst, oder Sie begleiten mich und übergeben ihn mir. Wenn Ihnen beides nicht zusagt, kann ich auch gerne veranlassen, dass man Ihr Zuhause bis auf die Grundmauern auseinander nimmt, bis man die richtige Küchenschublade gefunden hat. So oder so, ich will den Stick wieder haben“, erklärte John, wobei seine Tonart nun keinerlei Zweifel mehr übrig ließ.

Rodney überlegte kurz. Wohl war ihm gerade nicht dabei. Dabei war es weniger die Tatsache, seine Patienten an Jennifer zu verweisen, sondern eher, dass er Sheppard überhaupt nicht kannte. Er wusste ja gar nicht, wer dieser Mann war. Er hatte zwar einen Namen angegeben, aber dieser konnte ebenso gut erfunden sein. Und was er mit dem Stick und den Daten die darauf sind, tun würde, war auch so eine Sache. Ganz zu schweigen, was mit ihm selbst geschehen würde, wenn er ihm diesen verdammten Stick übergeben hatte.

„Unter einer Bedingung. Sie sagen mir, wer Sie sind und was Sie mit dem Stick anstellen wollen.“

„Was?! Ich glaube das spielt wohl keine Rolle.“

„Oh, ich denke schon. Sie können mir viel von nationaler Sicherheit erzählen und der Name den Sie hier angegeben haben, kann ebenso gut auch falsch sein. Wer weiß, vielleicht sind Sie irgendein Terrorist, der mit diesem Stick einen weiteren Dschihad anzetteln will.“

„Du meine Güte, Sie sind nicht zufälligerweise ein bisschen paranoid?“, fragte John irritiert und zeigte ihm seinen Ausweis, der ihn als Regierungsangestellter auswies.

„Ist der auch echt?“, fragte Rodney und ließ sich kurz darauf den Ausweis wieder aus der Hand nehmen.

„Natürlich ist der echt. Können wir jetzt endlich gehen? Die Zeit läuft uns davon. Immerhin müssen die Daten noch ausgewertet werden.“

„Das können Sie sich sparen. Das habe ich schon erledigt“, meinte Rodney und nahm seine Brieftasche und schnappte sich seinen Arztkoffer, den er ständig bei sich trug.

„Sie haben was?! Wissen Sie eigentlich, was Ihnen dafür blühen kann? Das sind-„

„Geheime Daten, ja ja. Wissen Sie was Ihnen blühen kann, wenn diese Daten in falsche Hände geraten?“

„Was glauben Sie, warum ich hier bin?“, verteidigte sich John.

„Oh, jetzt bin ich der Böse? Sie sollten froh sein, dass Sie es mir gegeben haben und nicht irgendeinem Spinner, der-“

„Ich springe gleich an die Decke vor Freude. Können wir jetzt endlich los?“

„Ja ja ja“, nörgelte Rodney und ließ sich nur ungern aus seiner Praxis drängen.

Nachdem Rodney Jennifer mit einer kleinen Notlüge, einem erfundenen Notfall, über seinen schnellen Abgang unterrichtet hatte, machten sich die beiden auf den Weg zur Tiefgarage, in der der Arzt seinen kleinen Wagen, einen winzig kleinen und vor allem uralten Ford, geparkt hatte. Ungläubig sah John zwischen dem Auto und seinem Besitzer hin und her.

„Das ist nicht Ihr ernst oder?“

„Was meinen Sie?“

John brachte nichts heraus. Er konnte nur verzweifelt auf die kleine Rostlaube deuten, die der Arzt beim Betreten der Tiefgarage als sein Schmuckstück betitelt hatte.

„Schmuckstück? Das Ding ist so alt, das es noch nicht einmal von einem Museum in Betracht gezogen wird. Fährt es überhaupt noch? Oder muss man schon die rechte Tür festhalten, wenn man die linke schließen will?“

„Sie können soviel lästern wie Sie wollen. Das Baby hat mich noch immer sicher und vor allem schnell genug an mein Ziel bringen können. Nicht jeder kann sich ein … ein … einen gepanzerten und wahrscheinlich schusssicheren Luxus-Straßenkreuzer leisten.“

„Sie sind doch Arzt“, entgegnete John neckend.

„Und? Sie sind … Sie sind nicht wirklich ein … ein Angestellter, oder? Sie sind ein Spion oder so was. Stimmt´s?“

„Wir sind nicht mehr im Kalten Krieg, Doktor. Der Begriff Spion ist etwas veraltet.“

„Schön dann eben Agent oder-„

„Offiziell heißt es nun mal Angestellter der Regierung.“

„Grundgütiger“, kommentierte Rodney und stieg mit John in den Wagen.
Nicht ahnend, dass sie aus einigen Metern Entfernung beobachtet und fotografiert wurden.

* * * 

„Also, wo ist er jetzt?“, fragte John nochmals, als sie endlich die Küche betraten.

Zielstrebig steuerte Rodney die Schubladen neben der Spüle an und entnahm der zweiten oberen Lade ein kleines Kästen. Mit einem kleinen Schlüssel an seinem Schlüsselbund sperrte er das Kästchen auf und übergab John den Stick.

„Hm. Sie und ich haben völlig unterschiedliche Definitionen darüber, was als sicheres Versteck gilt“, meinte John und besah sich kopfschüttelnd den Datenstick.

„Sie haben ernsthaft geglaubt, dass ich ihn einfach so in die Schublade geworfen hätte? Das ist unsere Haushaltskasse. Niemand würde sie da drin vermuten und niemand würde den Stick in dem Kästchen vermuten. Und was die Daten betrifft … es wird nicht funktionieren.“

„Was meinen Sie?“, fragte John perplex.

„Den Abschuss des Asteroiden. Die Daten und vor allem die Berechnungen die da drauf sind, stimmen vorne und hinten nicht. Selbst der größte und blindeste Trottel würde das merken.“

„Asteroiden? Der, der uns in einem halben Jahr begegnen soll? … Hier sind Daten über den Asteroiden drauf?“

„Nein, darauf sind die Apfelkuchen Rezepte vom Lincoln´s Großmutter zu finden … Ja natürlich geht´s um den Asteroiden. Schleppen Sie eigentlich immer USB-Sticks durch die Gegend, von denen Sie nicht wissen, was drauf ist?“

„Mein Auftrag lautete, ihn zu beschaffen und dafür zu sorgen, dass er sicher zur Zentrale kommt“, antwortete John, der allmählich die Geduld verlor.

„Und warum drücken Sie ihn dann mir … ach vergessen Sie es. Kommen Sie mit. Ich zeige Ihnen die Auswertungen und meine Beobachtungen.“

„Ihnen ist schon klar, dass ich Ihnen diese Auswertungen abnehmen muss“, informierte John ihn, während er ihm ins zweite Stockwerk des durchaus gemütlich eingerichteten Hauses folgte.

„Solange das, was wohl mit diesen Angaben und Berechnungen geplant ist, nicht durchgeführt oder zumindest nicht in die falschen Hände gerät, soll es mir mehr als recht sein. Glauben Sie mir. Hier…“

Rodney öffnete einen alten Arztkoffer, den er in einem seiner Regale stehen hatte. Der erste Koffer den er nach seinem Medizinstudium bekommen hatte. Er war ein Geschenk seiner Schwester gewesen und somit hatte er einen sehr großen sentimentalen Wert für ihn. Auch wenn er mittlerweile ein wenig zu klein geworden war und etliche Gebrauchsspuren zeigte, so konnte er sich nicht von ihm trennen.

Rodney nahm die am Vorabend ausgedruckten Daten und Pläne heraus und breitete sie teils auf dem Schreibtisch, teils auf dem Boden aus, um John somit besser zeigen zu können, wovon er sprach.

„… In den Nachrichten heißt es doch, dass der Asteroid uns mit einer bestimmten Entfernung verfehlt. Aber das stimmt nicht.“

„Woher wollen Sie das wissen?“, fragte John und studierte gerade einige Ausdrucke, die eher einem Bauplan glichen.

„Weil ich Augen zum sehen und ein Teleskop habe und außerdem kann ich rechnen. Hier … sehen Sie mal hier durch“, meinte Rodney und wies auf sein Teleskop, dass auf dem Balkon des Zimmers stand. Kurz darauf blickte John mehr als skeptisch hindurch.

„Okay… ich sehe das Monstrum, aber …“

Rodney gab einige Befehle in seinen Computer ein, der mit dem Teleskop verbunden war und schon blinzelte John überrascht.

„… Woah… was … was ist denn jetzt?“, fragte er, als einige Zahlen im Teleskop eingeblendet wurden.

„Astronomie gehört zu meinen Hobbys. Vor einigen Monaten bin ich durch einen befreundeten Astronom an dieses Programm gekommen. Unter anderem kann man damit auch Messungen durchführen und wie Sie sehen, ist die Entfernung in Wirklichkeit viel größer, als die Medien es uns weiß machen wollen.“

„Dann sind die Berichte über ein Abwehrsystem zum Sprengen von Meteoriten und Asteroiden, die uns zu nahe kommen, nur … Tarnung?“, wisperte John nachdenklich und sah zu den Papieren auf dem Boden.

„Davon gehe ich aus, denn mit diesen Berechnungen und dem Teil da, würde man noch nicht einmal den Mond treffen“, meinte Rodney und wies wieder auf die Baupläne.

„Nein, aber es würde locker ausreichen, um einen ganzen Bundesstaat in Schutt und Asche zu legen.“

„Wenn es-„

„In den falschen Händen ist, ja“, schloss sich John der Aussage des Arztes an.

„So wie es aussieht, ist auf dem Stick so gut wie alles zu finden. Die Daten der Weltraumrardartelemetrie, die den wirklichen Kurs des Asteroiden beweisen, der falsche Kurs, der den Medien zugespielt wurde, die Berechnungen und Pläne für das Abwehrsystem und so weiter-„

„Sie haben das beste vergessen …“, meinte Rodney und zog weitere Papiere hervor. „… die Adressen und Konten von wahrscheinlich allen Leuten, die entweder geschmiert wurden, wie zum Beispiel einige in der Weltraumtelemetrie und den Medien, als auch derer, die das Ding bauen und schlussendlich erhalten sollten…“

Johns Augen begannen zu leuchten, als er über die Listen sah und den ein oder anderen bekannten Namen darauf erkannte. Da würden er und seine Kollegen einiges zu tun bekommen.

„Der, dem Sie den Stick abgenommen haben, muss ein Depp gewesen sein. Ich meine, wer speichert schon alle solche Daten auf nur einem Stick?“

„Abgeordneter Devers“, antwortete John, und studierte weiter die Angaben.

„Na sage ich doch, ein Depp!“

„Sie werden mitkommen müssen, Doc.“

„Was? Nein, nein, nein, wissen Sie, ich habe das nicht so gemeint, als ich sagte, Abgeordneter Devers ein Depp. Ach, Sie wissen doch wie das ist, man schimpft ständig über die Politik und ihre-„

„Sie werden mit in die Zentrale kommen müssen, um meinen Leuten das hier zu zeigen und zu erklären. Sie können doch sicher die Daten, die Sie in Ihrem Teleskop sehen, ausdrucken, oder?“

„Äh … ähm, ja, aber … hören Sie, Sie haben doch alle Papiere. Ich gebe Ihnen noch den Ausdruck mit und dann können Sie von mir aus tun und lassen was Sie wollen. Ich will damit jedenfalls nichts mehr zu tun haben.“

„So läuft das aber nicht, Doc. Sie haben in strenggeheime Daten gesehen. Darüber werden wir uns unterhalten müssen. Den meisten Ärger können Sie sich aber vom Hals schaffen, wenn Sie mitkommen und das meinen Leuten erklären. Danach noch ein paar nette Worte von mir zu meinen Auftraggebern und Sie können wieder nach Hause.“

„Ohne Ärger?“

„Das liegt an Ihnen.“

Rodney hatte so gar keine Lust, noch tiefer in diese ganze Angelegenheit hineingezogen zu werden. Doch wenn er weiteren Ärger vermeiden wollte, den er sich ausnahmsweise einmal nicht selbst zugezogen hatte, sah man einmal von dem unerlaubten Blick in die Dateien ab, musste es wohl sein. Vielleicht könne er auf diese Weise auch mal ein Wörtchen mit den Vorgesetzten von diesem Sheppard sprechen. Solche Daten einfach so jemanden am Flughafen übergeben und dann demjenigen noch die Hölle heiß machen … was sollte denn das? Hatte der Kerl denn auf der Agentenschule nicht aufgepasst?

„Na schön, na schön“, stöhnte Rodney und sah auf die Uhr. „Aber vorher werde ich noch zur Schule fahren müssen, um Maddie abzuholen.“

„Maddie?“, fragte John irritiert.

„Meine Nichte. Sie hat heute nur vier Stunden und geht in die Blue Garden Elementary School. Wissen Sie wo die ist? Am anderen Ende der Stadt. Ich habe keine Lust, den heutigen Tag damit zu verbringen, quer durch ganz Washington zu fahren.“

Nach einem kleine Hin und Her gab John schließlich auf. Dieser Arzt konnte, wenn er wohl zur Hochform auflief, ein richtiger Nervtöter sein und seine Sturheit war auch nicht ohne. Alleine das Angebot ihn mal gründlich durchzuchecken und sich um seine Verletzungen und seine wohl mehr als angeschlagene Schulter zu kümmern, würde ihm noch die nächsten drei Wochen in den Ohren liegen.
Im Grunde schien er jedoch ein recht umgänglicher Mensch zu sein. Aber es gab auch Seiten an ihm, die John entweder zum Schmunzeln brachten, ihn verwunderten oder ihn sogar merkwürdige Gedanken denken ließ.
Und gerade diesen Gedanken ging er während der Fahrt zu Schule nach. Doch noch bevor er zu irgendeinem Ergebnis oder gar einer Erkenntnis kam, waren sie angekommen und hörten schon die Schulklingel.

Einige Kinder stürmten nach draußen, wurden von den Eltern begrüßt oder stiegen in die wartenden Busse. John beobachtete amüsiert die Kinder und erinnerte sich an seine eigene Kindheit, die er doch überwiegend in Privatschulen verbracht hatte. Schon merkwürdig, wenn er bedachte, wo er nun war und was aus seinem Leben geworden war. Eine quiekende Stimme riss ihn aus seinen Erinnerungen.

„Mister McKay! Sie sind ja schon wieder hier. Oh, wie ich sehe, haben Sie Verstärkung mitgebracht.“

„Mister Kavanagh, habe ich Ihnen nicht schon mal gesagt, dass ich Doktor bin? Und für Sie brauche ich nun wirklich keine Verstärkung.“

„Oh, ja richtig. Doktor der Medizin. Was hat das nochmal mit Pluto zu tun?“, fragte Kavanagh in einem nicht zu überhörenden provozierenden Ton, der sogar John die Augenbrauen nach oben ziehen ließ.

„Ich bin hier, um meine Nichte abzuholen und nicht, um nochmal Zeuge Ihrer sturen und veralteten Weltansicht zu werden.“

„Wo wir gerade davon sprechen, haben Sie sich schon an die entsprechen Stellen gewandt? Denn bisher scheinen die Lehrpläne Pluto immer noch als Planet zu führen.“

„Nur keine Eile. Sie werden schon bald die neuen Lehrpläne studieren dürfen“, erwiderte Rodney, wobei es ihn schwer fiel, die Ruhe zu bewahren und nicht diesem eingebildeten Pferdeschwanzträger die Meinung zu geigen, dass ihm Hören und Sehen verginge. Insgeheim schwor er sich, nicht eher zu ruhen, bis das Bildungsministerium seine Lehrpläne auf den neuesten Stand gebracht hatte.

„Ich hoffe doch, dass ich auch pünktlich das neu gebastelte Modell des Sonnensystems Ihrer Nichte studieren kann. Sie wissen ja was sonst geschieht“, erklärte Kavanagh und versuchte gar nicht erst, sich das Grinsen zu verkneifen, während er eine abfällige Geste Richtung Boden machte und dann pfeifend davon ging.

Kopfschüttelnd blieb Rodney zurück.

„Was war denn das für ein Arsch?“

„Der Physiklehrer meiner Nichte. Ein eingebildeter … ja, Arsch trifft´s. Der Mann denkt noch immer, dass Pluto ein Planet ist“, erklärte Rodney.

„Ist er doch … oder nicht?“, fragte John amüsiert und sah, wie sich Rodney mit einem undefinierbaren Blick langsam zu ihm umdrehte.

Bis Maddie endlich aus der Schule kam, hatte Rodney dem Agenten den aktuellen Status des Sonnensystems, ganz besonders aber den des Plutos erklärt, bemerkte dabei aber, dass sich John einen Spaß daraus zu machen schien, den Arzt mit gespielter Unwissenheit und Neugier zu reizen.

Rodney stellte seiner Nichte den Agenten als einen alten Freund vor und versuchte, den Besuch in einer Geheimdienstzentrale so gut wie möglich in eine tolle Geschichte zu verpackten. Doch es war John, der mit der Idee eines Großraumbüros einer Versicherungsagentur punkten konnte. Maddie war es im Grunde jedoch egal. Sie amüsierte sich während der Fahrt lieber über das Gespräch der beiden Männer, das sich um Rodneys Wagen drehte.

„Ich verstehe es nicht. Sie sind Arzt, Sie könnten sich doch beinahe jeden Wagen leisten, den sie wollen. Es muss ja nicht gleich eine Luxuslimousine sein, oder ein Geländewagen oder sowas, aber-„

„Und was für einen Wagen sollte ich mir Ihrer Meinung zulegen? Was fahren Sie denn? Ich wette einen … einen Panzerwagen, hm?“, brachte Rodney hervor, wobei er die letzten Worte eher flüsterte. John grinste nur wieder.

„Es gibt doch so viele schöne Autos-„

„Ja, wie der, den Mike Tenton´s Vater fährt“, warf Maddie ein. Noch immer saß sie nicht angeschnallt auf dem Rücksitz und sah aus der Rückscheibe des Wagens.

„Ah ja? Und was ist das für einer? Und schnall dich bitte an, Madie“, stöhnte Rodney und achtete weiterhin auf den Verkehr.

„Na, er sieht fast genauso aus, wie der, der uns schon seit der Schule hinterher fährt. Vielleicht ist das ja Mike.“

„Was?“

Während Rodney in den Rückspiegel sah, mehr aus Interesse an dem Wagen, sah John aus ganz anderen Gründen zuerst in den Rückspiegel, dann in den Seitenspiegel, doch am Ende dreht er sich selbst im Sitz herum.

„Das ist … ein schöner Wagen, Maddie“, sagte er und flüsterte dann zu John. „ … Aber es ist nicht der Wagen von Mike Tenton´s Eltern.“

John sah Rodney ihn nur kurz an, bevor er sich nochmals nach hinten drehte und sein Handy aus der Tasche nahm und eifrig eine Nummer wählte.

„Ja, hier Scarecrow. Ich brauche eine Überprüfung eines Autokennzeichens. Washington D.C. 449 258 …“

„Scarecrow?“, fragte Rodney amüsiert.

„Achten Sie auf den Verkehr und fahren Sie ganz ruhig weiter“, bat John und wartete auf die Antwort seines Gesprächspartners am Handy.

„… Ja, ich bin noch dran … Danke… Nein, Unterstützung wird wohl nicht gebraucht. Bin unterwegs zum Nest.“

„Scarecrow? Unterwegs zum Nest? Sind das Ihre Codewö-„

„Äh Madison, ich denke es ist besser, wenn du tust, was dein Onkel dir gesagt hat. Dreh dich wieder um und schnall dich an, okay?“

„Okay.“

„Ähm, Maddie, du hast doch deinen MP3 Player dabei, oder?“, fragte Rodney, worauf Maddie nickte.

„Dann hör dir ein bisschen Musik an, ja?“

„Okay.“

„Also?“, flüsterte noch immer Rodney seinem Beifahrer zu, wobei John nicht entging, welche Sorge in dessen Stimme lag.

„Also …Sie erinnern sich doch noch an den Depp, über den wir vorhin sprachen?“, fragte John, in der Hoffnung, der Mediziner würde verstehen, was er ihm gerade versuchte mitzuteilen. John wurde nicht enttäuscht. Alleine der Gesichtsausdruck und das leichte Anziehen der Geschwindigkeit verrieten es ihm.

„Ganz ruhig, Doc. Gehen Sie vom Gas runter und fahren Sie einfach weiter als ob nicht sei. Die haben bisher kein großen Anstalten gemacht, also-“

„Als ob nichts sei? Das sind doch bestimmt die Typen, die für Ihren Zustand verantwortlich sind, oder? Ich werde von irgendwelchen brutalen Deppen verfolgt und habe auch noch meine Nichte im Wagen. Und ich soll so tun, als ob nichts sei?“

„Ja, bleiben Sie ganz ruhig und tun Sie, was ich Ihnen sage und Sie werden auch heute Abend noch Onkel und Nichte sein, okay?“

Rodney hatte keine andere Wahl, als dem Agenten zu vertrauen. Und die Tatsache, dass der dunkle Geländewagen hinter ihnen auch noch keine Absichten zeigte, sie zu überholen oder gar zu rammen, ließ ihn hoffen, doch noch unversehrt bis zur Zentrale zu kommen.

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Einblick gewinnen

Rodney bog von einer Straße in die nächste, gab einmal mehr Gas, dann wieder weniger, genau nach Johns Anordnungen. Er war noch immer nervös und jedes Mal, wenn der schwarze Geländewagen nicht mehr gesehen wurde, atmete er erleichtert auf. Doch das war nur in den ersten beiden Malen der Fall. Mittlerweile schien er sich schon daran zu gewöhnen, dass der Verfolgerwagen spätestens nach wenigen Minuten wieder einige Wagen hinter ihnen war. Ursprünglich hatte Rodney es vermeiden wollen, kreuz und quer durch Washington zu fahren. Doch nun war der Tank fast leer und diese Typen schienen nicht locker zu lassen.
Auf Johns Bitte hin bog Rodney nochmals rechts ab, fuhr einige Meter die Straße entlang und hielt wie gewünscht vor einem größeren Haus in einem Vorort Washingtons.

„Das ist eine Bibliothek! Ich dachte wir fahren zu … zu Ihrem Nest“, meinte Rodney und sah skeptisch aus dem Fester.

„Immer mit der Ruhe, Doc. Wir haben unsere Deppen noch nicht abgehängt. Die sind immer noch hinter uns und glauben vermutlich, dass wir es nicht merken. Wir werden jetzt da rein gehen und wenn die uns folgen … erleben sie ihr blaues Wunder.“

„Ah ja? Wie das?“

„Kommen Sie einfach mit.“

Rodney tippte seiner Nichte ans Bein, da diese in eines ihrer Bücher vertieft war und noch immer lautstarke Musik mit ihrem Player hörte. Nachdem John nochmals hauptsächlich Rodney einredete, sich ganz natürlich zu verhalten, folgten die beiden ihm in die Bibliothek, in der er zielstrebig und schnell eine weitere Tür am Ende eines kleinen vereinsamten Flurs ansteuerte. Ein kurzes Nicken zu einem Bild über der Tür irritierte den Arzt, doch er konnte nicht sofort darauf eingehen, denn John führte sie in einen Keller.

* * * 

Schnell stiegen die beiden Männer aus ihrem schwarzen Geländewagen und eilten zur Bibliothek. Doch sie konnten zwischen all den Regalen, die mit Büchern vollgestopft waren, niemanden ausmachen. Zumindest nicht diejenigen, die sie dort zu finden hofften. Nach dem Katz- und Mausspiel, das kreuz und quer durch Washington stattgefunden hatte, wollten sie nur noch so schnell wie möglich an die Informationen gelangen und ihren Auftraggeber zufriedenstellen. Eine Auseinandersetzung in einer Bibliothek würden sie wenn nötig auch in Kauf nehmen. Doch selbst nach dutzenden Malen des Suchens und Abklappern der Regale konnten sie die beiden Männer und das Mädchen nicht finden.

„Vielleicht sind sie zur Hintertür raus“, meinte einer der beiden und machte sich dann mit dem Kompagnon auf den Weg den langen Flur entlang.

Dass ihnen die Kamera im Bild unbemerkt folgte, bekamen sie gar nicht mit. Auch das Gerüttel an der Kellertür war nicht von Erfolg gekrönt. Sie blieb verschlossen.

„Kann ich Ihnen helfen?“, ertönte die Stimmeder Bibliotheksleiterin hinter ihnen.

„Gibt es noch weitere Ein- und Ausgänge“, fragte einer der beiden Männer mit einem starken Akzent, den die Frau zunächst nicht einordnen konnte.

„Aber nein. Es gibt nur den Ein- und Ausgang durch den Sie gekommen sind. Dort geht es zum Keller. Aber er ist verschlossen. Das war er schon immer. Wir lagern unsere Medien nicht dort unten.“

„Um Ihre scheiß Bücher geht es mir nicht. Haben Sie hier zwei Männer mit einem kleinen Mädchen gesehen?“

„Nein. Tut mir leid. An die kann ich mich nicht erinnern. Mir entgeht niemand der hier rein und rausgeht, da sie zwangsläufig an mir vorbei müssen. Zwei Männer mit einem Mädchen wären mir jedoch aufgefallen“, erklärte die Bibliothekarin und klang dabei etwas pikiert.

„Das gibt es doch nicht. Die müssen doch hier irgendwo sein“, flüsterte einer der beiden Fremden.

„Es ist nicht mehr wichtig. Irgendwo werden sie schon sein und der Wagen des einen steht noch draußen. Entweder er kommt bald wieder aus seinem Versteck hervor oder wir finden heraus, wo er wohnt. So oder so … heute Abend halten wir die Informationen in unseren Händen“, erwiderte der zweite Mann und verließ mit seinem Kompagnon wieder die Bibliothek.

* * *

John führte den Arzt und seine Nichte in den Fahrstuhl im Keller, was auch wieder entsprechend von dem Mediziner kommentiert wurde.

„Was sollen wir denn … geht’s etwa noch tiefer runter? Ist das hier das Tor zur Hölle, oder was?“

Widerwillig ließ sich Rodney in den Fahrstuhl führen, während Madison sich ihrem Handy widmete und ihre Nachrichten überprüfte. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich die Türen wieder öffneten und die drei sich in einem hellen Empfangsraum wiederfanden. Rodney sah sich verwundert um. Es herrschte emsiges Treiben, Menschen, die mit Papieren, Akten, Ton- und Videobändern den Flur entlangliefen. Durchsagen mit Bitten um Rückruf oder melden in bestimmten Räumen und Etagen durchhallten die Einrichtung.
Es verwunderte Rodney immer mehr, dass unter einer relativ kleinen und unscheinbaren Bibliothek eine Einrichtung solchen Ausmaßes existierte. Und niemand wusste etwas davon! Wusste die Bibliothekarin denn überhaupt, was in ihrem Keller vor sich ging?

„Mrs. Langford in der Bibliothek ist eine Agentin im Vorruhestand. Zu ihren Hobbys gehören unter anderem Bücher, aber da sie der Agency immer noch dienen will, wurde das ganze eben zusammengelegt. Sie kümmert sich um die Bibliothek und sorgt gleichzeitig dafür, dass die Agenten ungesehen zu ihrem Arbeitsplatz kommen. Unter anderem…“, erklärte John, dann trat er an die Wand gegenüber dem Fahrstuhl.
Dort war ein kleines silbernes Gerät angebracht, dem sich John näherte und dann in eine Art Objektiv blickte. Für wenige Sekunden trat ein dünner blauer Lichtstrahl hervor und tastete sein rechtes Auge ab.

„Ein … ein … was ist das?“, entfuhr es Rodney erstaunt.

„Ein Retinascanner. Manche Leute müssen sich mit Stechkarten an ihrem Arbeitsplatz anmelden und manche eben mit ihrem Auge. Der Keller und der Fahrstuhl sind zwar sicher und werden überwacht, so dass nicht jeder hier hinein gelangen kann, das haben Sie eben ja bemerkt. Aber das ist hier ist nur zur Sicherheit. Jeder der es doch bis hier unten hin schafft, aber nicht im System gespeichert ist oder sich nicht hierrüber anmelden kann, wird innerhalb weniger Sekunden verhaftet und hat dann eine ganze Menge Probleme … wenn er Glück hat“, erklärte John, der sich ein leichtes Grinsen über Rodneys Staunen verkneifen musste.

„Und wenn er nicht so viel Glück hat?“, fragte Rodney und sah sich mit leichtem Unwohlsein um.

„Tja, dann … „ John ließ den Rest des Satzes unausgesprochen und deutete mit einem Kopfnicken zu den Wachleuten, die mehrere Meter weiter an den Ecken des Flures standen. Natürlich schwer bewaffnet und mit einem wachsamen Auge auf die Besucher.

„Hm …“, konnte Rodney nur noch hauchen, der Johns Blick gefolgt war und dadurch beinahe mit einem mit Akten schwer bepackten Mann zusammen gestoßen war.

„Chuck, Vorsicht … etwas mehr nach rechts. Und Sie, Doc, kommen mit mir“, wies John die beiden an und verhinderte somit einen Zusammenprall.

„Man wird Ihnen noch Fingerabdrücke abnehmen und ein Foto für den Besucherausweis muss auch noch gemacht werden“, erklärte John und führte den Arzt und seine Nichte in einen Raum, der ganz in der Nähe des Fahrstuhls lag.

Obwohl John ihm und seiner Nichte die ganze Prozedur genauestens erklärt hatte, wurde Rodney immer gereizter. Besonders großen Wert legte man auf Verschwiegenheit, wobei Rodney ein entsprechendes Dokument mit einer Verschwiegenheitsklausel unterschreiben musste. Bei Madison musste ein ernstes Gespräch und ein Versprechen, nichts von dem auszuplaudern, was sie heute zu sehen bekäme und was in und unter der Bibliothek zu finden sei, ausreichen. Rodney nahm sich jedoch vor, seine Nichte zuhause nochmals ins Gebet zu nehmen. Nicht auszudenken was geschehen würde, wenn sie in der Schule über ihre Erlebnisse berichten würde. Ganz zu schweigen davon, was wohl Jeanie und Kaleb dazu sagen würden.
Doch zuerst galt es das nervende Kribbeln aus seiner Hand zu bekommen. Als er hörte, dass ihm Fingerabdrücke abgenommen werden sollten, glaubte er noch an die gute altmodische Methode die mit Tinte und Papier zu tun hatte.
Doch am Ende lief es darauf hinaus, dass er die Hand nur auf eine bestimmte Fläche zu legen hatte, still halten und das Scannen mit dem dünnen grünen Strahl abwarten musste.
Insgeheim fragte er sich aber, ob all diese Lasersachen, wie das abtasten der Retina und auch das scannen der Handfläche auf Dauer nicht schädlich sei.

„Alles in Ordnung, Doc?“, fragte John, dem der irritierte Gesichtsausdruck und das schütteln und drücken der Hand des Arztes auffiel.

„Ja ja, nur… mit was scannen Sie denn? Ist das Kribbeln normal?“

„Eigentlich … dürften Sie überhaupt nichts merken. Sie sind wohl ziemlich empfindlich, was?“, merkte John neckend an.

„Ja, mein Dad nennt ihn manchmal Onkel Sensibelchen. Darf ich auch meine Hand da drauf legen?“, fragte Madison und schielte schon neugierig zwischen dem Scanner und dem Bildschirm hin und her.

Nachdem John sich mit einem Grinsen an Walter Harriman gewendet hatte, konnte sich Madison Sekunden später über einen Ausdruck ihres Handabdrucks freuen. Ein weiterer neugieriger Blick zu Walter, der mit kurz mit dem Kopf schüttelte, deutete John, dass es wohl nirgends auch nur einen negativen Eintrag über den Mediziner gab. Er hatte eine blütenreine Weste. Noch nicht einmal eine Anzeige wegen Falschparkens wurde gefunden.
Was John nicht wirklich verwunderte, Rodney dafür aber ziemlich verwirrte.

„Nur um sicher zu gehen, dass ich kein schwarzes Schaf hier hergebracht habe. Und das hier sorgt dafür, dass man Sie unterwegs nicht doch noch einfach so verhaftet oder … schlimmeres, weil Sie im Grunde hier nichts zu suchen haben“, meinte John, als dieser ihm den Ausweis an die Hemdtasche klemmte.

Für einen Moment sah Rodney ihn überrascht an und fragte sich, ob dieser Sheppard nun auch noch Gedanken lesen konnte. Doch vermutlich konnte dieser Agent die Körpersprache anderer gut lesen und da Rodney niemals einen großen Hehl daraus machte, wenn ihm gerade etwas arg gegen den Strich ging, musste es wohl auch dieses Mal sehr offensichtlich gewesen sein.

„Ich hatte ja eigentlich schon mit dem schlimmsten gerechnet, aber wollen Sie nicht doch noch vielleicht eine Blutprobe von mir? Oh, jetzt habe ich es! Meine Schwester sagt immer, dass ich ein Genie sei und wenn Sie noch ein bestimmtes Gen in meinem Blut finden, kann ich für Sie jede verschlossene Tür öffnen, die Sie so niemals aufbekommen würden. Na wie klingt das?“, gab Rodney in einem ziemlich angesäuerten und arroganten Ton von sich, der John deutlich machte, dass die Geduldsgrenze des Mediziners bald erreicht sein würde.

„Irgendwie bekannt“, antwortete John nachdenklich.

Tatsächlich hatte er schon einmal von einem solchen Gen gehört. Doch er konnte sich keinen Reim auf die Zusammenhänge oder das Wann und Wo machen.

„Klar, das hat er aus der Fernsehserie. Die, in der sie durch so einen großen Ring gehen und auf anderen Planeten gegen böse Aliens kämpfen“, erklärte Madison, dich noch immer mit ihrem Handy spielte.

„Ah! Wormhole Extreme! Den Mist sehen Sie sich an?“, fragte John verblüfft.

„Äh … nein. Ich habe anfangs nur kurz rein gesehen, weil mich die physikalischen Aspekte interessiert haben, aber dann …nein, Madison hingegen sieht es sich hin und wieder gerne an.“

John ging nicht weiter darauf ein und auch Rodney fand eine weitere Erwähnung oder Anspielung auf diese Fernsehserie als unnötig. So verließ er mit seiner Nichte und dem Agenten das kleine Zimmer wieder, das John als Walter Harrimans kleines Reich betitelte und ging mit ihm weiter in Richtung eines Großraumbüros. Dutzende Schreibtische standen in geordneter Reihenfolge, waren mit ständig klingelnden Telefonen und Computern ausgestattet, an denen wohl Berichte und andere Dokumente erstellt, aber auch einige Filmaufnahmen und Bilder besichtigt wurden.

„Na großartig“, murmelte John.

Der Geheimdienstleiter, Richard Woolsey hatte dieses Mal nicht seine Jalousien am Bürofenster nach unten gezogen, wodurch es John möglich war, den offensichtlich noch immer mies gelaunten Verbindungsmann zum Pentagon, Hank Landry, zu erblicken.

„Hm?“, entfuhr es Rodney, dem das Gemurmel des Agenten nicht entgangen war.

„Hören Sie, ich sollte Sie besser vorwarnen. Alles was Sie bisher über Stimmungsschwankungen wissen, können Sie in diesem Raum vergessen.“

„Wieso? Ich verstehe nicht ganz“, meinet Rodney und folgte dem Blick von John.

„Diese Männer da drinnen, oder besser gesagt, die Meute wird gut gelaunt sein, wenn sie erfahren, dass ich die Daten wieder beschafft habe und dann werden wieder ganz schnell schlecht gelaunt sein, wenn sie erfahren, dass Sie einen Blick darauf geworfen haben…“, erklärte John und sah skeptisch zu dem Mediziner, dann zu seiner Nichte.

„… und Madison sollte besser gar nicht erst mitbekommen, was Landry so von sich gibt, wenn er erstmal in Fahrt kommt“, fuhr John fort und winkte seine Kollegin Teyla zu sich.

„Hey Tey-„

„John, da bist du ja. Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Warst du endlich bei einem Arzt? Wie sieht es aus? Wieder mal alles halb so schlimm, hm?“

„Äh, ja. So in etwa. Teyla, das sind Dr. McKay und seine Nichte Madison. Kannst du dich bitte kurz um sie kümmern? Der Doc und ich müssen in die Höhle des Löwen.“

„Sicher. Aber ich warne dich vor. Landry ist nicht gerade-„

„Nicht gerade gut drauf? Kenne ich schon.“

„Mag sein. Aber was immer es diesmal ist, es scheint ansteckend zu sein“, gab die brünette Agentin zurück und verdrehte die Augen in Richtung Büro, wo auch schon Woolsey die beiden Männer erblickt hatte und sie mit ernsten Blick zu sich winkte.

„Madison, benimm dich bitte und fang doch schon mal mit deinen Schularbeiten an. Die nette Lady hier wird sich um dich kümmern“, wies Rodney seine Nichte an, die daraufhin von Teyla zu einem freien Schreibtisch geführt wurde.

„Na dann, auf ins Gefecht“, meinte John und trat den Weg zum Büro an.

* * *

Nachdem sich John wieder eine Gardinenpredigt über das Weiterreichen von strenggeheimen Daten an fremde Zivilisten seitens Landry und auch halbherzig von Richard anhören musste, bekam auch Rodney sein Fett weg. Hauptsächlich darüber, dass er seine neugierige Nase auch noch in den Datenstick gesteckt und eigenen Berechnungen angestellt hatte. Doch Rodney und John schoben sich immer wieder gegenseitig die Schuld zu, allerdings auf eine Art und Weise, die nicht wie ein Streitgespräch, sondern eher wie ein gut gespieltes Tennismatch anmuten ließ, indem sie sich gegenseitig die Bälle zuspielten. Dafür wurden aber die Nerven der beiden älteren Männer arg strapaziert. Nach einiger Zeit hatte Rodney seine Erkenntnisse bis ins kleinste Detail vorgebracht und beobachtete nun, wie es in den beiden Männern arbeitete.

„Also, Sie meinen, das Abwehrsystem funktioniert nicht? Warum sollte Devers es dann an die Medien weiter-„

„Es funktioniert schon“, fiel ihm Rodney dem Geheimdienstleiter ins Wort. „Aber nicht bei Asteroiden, die uns nahe kommen. Mit dem Ding könnten Sie ohne Probleme ein Scheunentor Ihres Nachbarlandes treffen. Mit Ach und Krach und ein bisschen Arbeit vielleicht auch ein Tor auf einem anderen Kontinent. Das Ding würde als ein Raketenabwehrsystem fungieren. Aber niemals ein Asteroid abschießen, der in der angegeben Entfernung an uns vorbei saust oder wie ich herausgefunden habe, wohl doch viel weiter entfernt ist. Mit meinem Teleskop kann ich den Asteroiden auch nur verschwommen wahrnehmen. Fragen Sie ihn“, erklärte er und wies zum Schluss auf John, der sofort zustimmend nickte.

„Das bedeutet also, dass Abgeordneter Devers gar keine so weiße Weste hat, wie im allgemeinen angenommen wird“, kommentierte Landry nachdenklich, worauf sich Richard wieder meldete.

„Nein, weiß Gott nicht. Er muss die entsprechenden Leute in der NASA gekauft haben, ebenso auch einige in der Medienwirtschaft und …“

„Ist ziemlich dämlich…“, schloss sich John an, worauf ihn Woolsey mit zusammengezogenen Augenbrauen ansah.

„… Naja, Er hat alle Daten die auch nur im Entferntesten damit zu tun haben auf nur einem Stick. Die Angaben der NASA, Medienberichte, die Baupläne für das Abwehrsystem und sogar die Kontoverbindungen zu den geschmierten Leuten. Abgesehen davon, dass er wohl glaubt, die Bevölkerung würde es nicht merken, wie Dr. McKay hier und das Schlimmste … er hat einige wirklich große Deppen angestellt hat, die die Drecksarbeit für ihn machen sollen.“

„Und das machen sie wirklich nicht sehr gut“, schloss sich Rodney an. „Die Leute sind uns quer durch Washington gefolgt und dachten wohl, dass wir es nicht merken. Die haben mir förmlich an der Stoßstange geklebt. Nicht mehr lange und ich hätte ihnen noch den Kofferraum aufgemacht.“

„Sie haben sie hierher geführt?“, fuhr Landry den Geheimagenten an. „Haben Sie vollkommen den Verstand verloren? Zuerst übergeben Sie diese Daten irgendeinem dahergelaufenen Zivilisten, dann zeigen Sie, dass Sie wohl mehr Glück als Verstand besitzen, als Sie sie wiederbeschaffen. Dann kommt noch dieser Arzt mit einem Möchtegern- Physiker-Komplex daher und-“

„Hey!“

„Hank! Das reicht. Beruhigen Sie sich wieder. Ich denke, Sie haben Scarecrow mittlerweile deutlich vermittelt, was Sie von seiner Aktion halten. Außerdem sollten wir Dr. McKay dankbar sein, dass er sich diese Mühe gemacht hat. Wer weiß wie lange Jackson und Carter für das Dechiffrieren und Berechnen gebraucht hätten. Konzentrieren wir uns lieber auf das Wesentliche“, versuchte Richard den Verbindungsoffizier zu beschwichtigen.

„Außerdem wissen die doch nicht, was unter der Bibliothek ist“, versuchte sich John zu verteidigen. „Sie waren einige Wagen hinter uns und haben uns irgendwo hineingehen sehen und Catherine war auch schnell fertig mit denen. Mittlerweile dürften die auch wieder abgezogen sein. Ich werde mich nachher darum kümmern, dass Dr. McKay und seine Nichte unbehelligt und unbeschadet wieder nach Hause kommen.“

„Schön, dann gilt es jetzt nur noch eines zu tun… “, meinte Richard und sah nachdenklich zu dem Stick in seiner Hand. „… Wir haben nun genug Informationen gesammelt um Devers einen hübschen Haftbefehl zu überreichen und fest zu stellen, ob nicht noch irgendwo Kopien hiervon existieren. Ich hoffe doch sehr, Doktor, dass das wirklich alles ist, was Sie sich ausgedruckt haben und-„

„Ja, das ist alles! Als ich gesehen habe, worum es da ging, hat mich fast der Schlag getroffen. Nein, nein. Ich habe Ihnen alles gegeben und gesagt, was ich darüber weiß. Tun Sie damit was Sie wollen. Aber ich will damit nichts mehr zu tun haben“, verteidigte sich Rodney und verschränkte eingeschnappt die Arme vor der Brust.

„Es tut mir Leid, Doktor. Aber Sie selbst haben gesagt, dass diese Daten in den falschen Händen katastrophale Folgen haben könnten und Sie und Sheppard haben teilweise am eigenen Leibe erfahren, dass so etwas sehr begehrt ist. Schätzen Sie sich glücklich, dass es bei Ihnen bisher nur zu einer Verfolgung kam. Ich werde Lorne und sein Team schicken. Die werden Devers hops nehmen. Sobald er in Gewahrsam ist, dürften Sie nichts mehr zu befürchten haben.“

„Und vielleicht finden wir auch heraus, an wen er das Ding verscherbeln wollte“, schloss sich Hank an, der aufstand, zum Telefon griff und sich seufzend in Richards Stuhl fallen ließ.

Wieder einmal fiel John auf, dass der Mann sich in der Zentrale ziemlich viele Freiheiten gönnte, ohne vorher zu fragen oder gar mit der Wimper zu zucken. Skeptisch sah er zu seinem Vorgesetzten Woolsey, der dem Blick des Agenten aber auswich. Offenbar hatte dieser sich schon daran gewöhnt, dass der General a.D. sich in dieser Einrichtung ziemlich wohl zu fühlen schien.
Es waren schon Gerüchte unter den anderen Agenten gefallen, dass es im Pentagon ziemlich trist, langweilig und vollkommen unbequem aussah und zuging. John hatte diese Gerüchte durch einen bisher einmaligen Besuch im Pentagon bestätigen können. Die meisten Flure und Räume hatten dort noch immer einen Hauch von „Kaltem Krieg“. Da halfen auch keine Poster des Militärs, Bilder oder Pflanzen oder gar gelegentliche Anstriche etwas.

Vielleicht hoffte Richard, durch stillschweigendes Hinnehmen, Hank Landry dadurch so schnell wie möglich wieder loszuwerden. John verkniff sich vorlaute Kommentare und Fragen. Zumal er noch immer etwas angesäuert wegen den vielen Strafpredigten war. Er schloss sich stattdessen der stummen Hoffnung des Agency-Leiters an und wartete das Telefonat ab.
Binnen weniger Minuten waren ein Haft- und ein Durchsuchungsbefehl da und Lorne machte sich auf den Weg.

„Der Name eines potenziellen Käufers ist wohl nicht auf dem Stick. Er ist zwar dumm, aber so viel Dummheit rechne ich ihm nun auch wieder nicht zu. Immerhin hat der Mann es in den Kongress geschafft. Er ist ein Abgeordneter. Ein Politiker“, meinte Rodney und sah zwischen den drei Männern hin und her.

„Das sind ja gerade die Düm-„

Ein lautes Räuspern seitens Woolsey und ein mahnender Blick zu Landry unterbrach John in seinem Wettern gegen die Politiker. Er wusste nur zu gut, wie schnell gerade die beiden sich durch ihre Meinungsverschiedenheiten über Politik und ihre Macher in eine gepflegte Diskussion hineinmanövrieren konnten.

„Jedenfalls werden wir in seinem Haus, seinen Geschäftsbeziehungen, seiner Korrespondenz, seine Kontakten oder was auch immer bestimmt fündig. Und wenn nicht, gibt es da noch Dex“, erklärte John, während sich ein kleines Lächeln in sein Gesicht zauberte.

„Dex?“

„Einer der besten Verhörspeziallisten. Er kriegt alles raus“, erklärte Hank trocken. Er verabschiedete sich danach und verließ eilig die Zentrale, worauf John und Woolsey entspannt aufatmeten.

„Dr. McKay, ich möchte Sie bitten, noch eine kleine Weile hier in der Zentrale zu bleiben. Zumindest bis Devers und Konsorten in Gewahrsam sind. Danach werden Sie mit Ihrer Nichte sicher nach Hause zurückkehren können und dürften nichts mehr zu befürchten haben“, bat Richard und führte den Arzt zu seiner Nichte, die mit Teyla an einem größeren Schreibtisch saß.

„Irgendwann, John … irgendwann…“, stöhnte Richard, als er wieder in sein Büro zurückkehrte.

John lachte auf. Er erinnerte sich noch gut daran, als Hank Landry das erste Mal einfach so in das Büro des damals erst frisch ernannten Geheimdienstleiters geplatzt war und sich im wahrsten Sinne des Wortes breit gemacht hatte. Von dem sofortigem Klarstellen, was er mochte, was er schätzte und vor allem was er erwartete ganz zu schweigen. Es hatte nicht lange gedauert, bis Richard und John feststellen mussten, dass unter der harten Schale doch noch ein kleiner aber weicher Kern saß. Man musste ihn nur bezüglich seiner Wünsche und seinen Erwartungen, die sich natürlich auf die Arbeit bezogen, zufrieden stellen und es war im Grunde ein herrliches Auskommen mit dem Mann.
John hatte dabei auch noch das eine oder andere Mal bewiesen, dass ihm die Vorgehensweise eigentlich egal war. Bis auf die gelegentlich unorthodoxen Methoden, deren sich John bei verschiedenen Aufträgen bediente. Aber unterm Strich hatte er noch immer Erfolg gehabt und sein Vorgesetzter war zufrieden. Die Unzufriedenheit von Richards Vorgesetztem dagegen war nur Gebell. Landry würde niemals beißen.

„…er hat in drei Monaten Geburtstag. Wenn es nur der Stuhl ist, an dem er hängt, kann er ihn gerne haben. Ich spendiere ihm auch gern eine komplette Büroeinrichtung, nur…“

„Ich glaube, an den Möbeln liegt´s nicht wirklich. Wir werden ihn ewig am Hals haben. Solange O´Neill nicht zurücktritt oder in den Ruhestand geht … Ich frage mich, wer dann den Posten des Verbindungsmannes übernimmt.“

„Gerüchte zufolge soll es mit der Rente nicht mehr soweit sein bei O´Neill. Dann würde Dr. Elizabeth Weir Landry´s Posten übernehmen. Aber Hank … er hat mal erwähnt, dass er ebenfalls daran denkt, kürzer zu treten. Wenn O´Neill geht, geht vermutlich auch Hank. Weir würde dann direkt beim Präsidenten vorsprechen.“

„Hm, so werden Stellen gestrichen“, kommentierte John und verfiel in Gedanken.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis Richard auffiel, wie John immer wieder aus dem Fenster zu dem Arzt und seiner Nichte sah. Für einen kurzen Moment, stellte er sich vor, wie sein bester Agent und dieser Arzt gemeinsam Fälle annehmen und auch erfolgreich lösen würden. Doch Rodneys Status als einfacher Zivilist ließen ihn solche Gedanken schnell wieder verwerfen. Zumal John schon mehr als einmal betont hatte und auch darauf beharrte, alleine arbeiten zu wollen. Dabei wäre ein Partner wirklich nicht das verkehrteste für ihn. Er hätte Unterstützung und könnte dabei doch noch freier agieren. Und das wichtigste: Man würde aufeinander achten. Nicht, das John nicht auf sich Acht geben würde, aber es war schon wirklich auffällig, wie oft er in den letzten Wochen mit irgendwelchen Blessuren aus seinen Einsätzen zurück kam. Auch seine Konzentrationsfähigkeit schien in letzter Zeit gelegentlich etwas nachzulassen. Irgendetwas musste in ihm vorgehen und ihn derart beschäftigen. Er wusste aber auch, das sämtliches mit Engelszungen auf ihn Einreden bei John nichts bringen würden. Er würde den Mund nicht aufmachen. Aber vielleicht war es doch möglich, zumindest einen kleinen Eindruck von Johns Gedanken zu gewinnen. Aufgeben würde er jedenfalls nicht so schnell.

„Es ist doch wirklich merkwürdig, nicht wahr?“, fragte Richard und riss den Agenten aus seinen Gedanken.

„Was meinst du?“

„Warum hast du dir gerade ihn ausgesucht?“

„Er sah mir von allen am sympathischsten und seriösesten aus … Es war ein Zufall, okay. Er hat gerade meinen Weg gekreuzt und meine Verfolger waren mir schon ziemlich dicht auf den Fersen. Mehr nicht. Das weißt du doch!“

Richard nickte bedächtig. Johns erste Aussage, dass ihm der Mann sympathisch war, war nicht einfach so daher geredet. Soviel hatte er schon sehen und feststellen können, als die beiden Männer noch zusammen in seinem Büro gewesen waren. Nein, vermutlich machte sich John gerade die selben Gedanken wie er. Aber auch ihn würden Gedanken an die Problematik, einen Zivilisten in den Geheimdienst zu stellen, beschäftigen.

„Er ist clever, hat einiges drauf, ist Arzt und zudem scheint ihr beide euch auf Anhieb halbwegs zu verstehen“, brachte Woolsey direkt hervor.

„Du willst jetzt nicht schon wieder das Gespräch über einen Partner aufnehmen, oder? Ich dachte, ich hätte mich da klar ausgedrückt. Außerdem ist er Zivilist. Er hat keine entsprechende Ausbildung und Kenntnisse. Alleine schon seine Neugier würde ihn ständig in Trouble bringen. Und mich auch“, brachte John murrend hervor und sprang aus dem Sessel auf, in dem er bisher gesessen hatte.

„Ich gebe zu, ich habe mit dem Gedanken daran gespielt, dass er dir bei dem ein oder anderen Fall vielleicht behilflich sein könnte, aber … ja, ich weiß was du von Partnern hältst. Und Sumners Tod gestern hat es wahrscheinlich noch verstärkt. Nein, ich mache mir Sorgen um dich. Du bist in letzter Zeit so abwesend und die Möglichkeit, dass vielleicht gerade ein Arzt an deiner Seite steht würde wohl alles verschlimmern … Es hat mit deiner Mutter zu tun, nicht wahr?“, fragte Richard und registrierte Johns leicht finsteren Blick in seine Richtung.

Doch bevor er darauf näher eingehen konnte, klingelte das Telefon. Richard nahm ab und horchte. Wenige Sekunden später gab er bekannt:

„Sie haben Devers und Konsorten. Gerade wird sein Haus durchsucht und er verhört. Ich denke Dr. McKay dürfte nun wieder sicher und in Ruhe nach Hause zurückkehren können.“

„Ich kümmere mich darum“, antwortete John knapp und verließ eilig das Büro, was Richard seufzen ließ.

* * * 

John hatte Rodney über das Nötigste informiert und hatte daraufhin einige Mühe, den Arzt davon zu überzeugen, dass er die beiden mit seinem Wagen nach Hause bringen wollte. Nur für den Fall der Fälle. Erst als John hoch und heilig versprach, dass sein Schmuckstück am nächsten Tag unbeschadet vor seiner Tür stehen würde, willigte Rodney ein und ließ sich von den Agenten zu dessen Wagen in einer Tiefgarage führen.
Kaum dort angekommen verschlug es ihm die Sprache als er auf den knallroten Camaro blickte.

„Oh! Wow! Onkel Mer, das ist mal ein richtiges Auto! So einen solltest du dir kaufen“ entfuhr es Madison, als sie aufgeregt und richtig begeistert um Johns Wagen lief.

„Sie sollten auf Ihre Nichte hören, sie scheint Ahnung zu haben“, kommentierte John grinsend, während Rodney fassungslos mit dem Kopf schüttelte.

„Mein Gott!…Wieso überrascht mich das jetzt nicht?“, gab Rodney nach anfänglicher Sprachlosigkeit zurück.

„Was denn? Das ist mein Schmuckstück.“

„Schmuckstück? Das ist eine rollende … wie viel PS hat er eigentlich? Und sagen Sie mir bitte nicht, dass er auch noch gepanzert ist.“

„Um die vierhundert und nein, er ist nicht gepanzert. Bei den Sachen die er macht, könnte ich die Kugeln sogar noch überholen.“

„Ja, darauf wette ich. Mit vierhundert PS fahren Sie nicht mehr, da fliegen Sie … Wollen Sie damit irgendwas kompensieren?“, fragte Rodney frei heraus und musterte den Agenten erneut von oben bis unten.

„Ich liebe nun mal schnelle Sachen. Ob es ein Auto ist oder ein Flugzeug. Können wir jetzt?“, fragte John leicht eingeschnappt und sperrte auf.

Die Fahrt verlief größtenteils schweigend, obwohl John Madison für die nächsten Tage eine kleine Spritztour versprach und sich daraufhin mit dem Arzt auf das Abholen aus der Schule einigte, wo er natürlich dabei sein würde. Innerlich verfluchte Rodney sich wieder für seine Nachgiebigkeit bei seiner Nichte, doch das strahlende Gesicht des kleinen Mädchens und ihre Vorfreunde auf all die vielen staunenden und neidischen Blicke ihrer Freundinnen, die es zweifellos zu bewundern galt, machte alles wieder wett.

Es dämmerte bereits als John an Rodneys Zuhause ankam und gerade vor dem Gartentor des Grundstückes anhalten wollte. Doch ein kleiner sich bewegender Lichtschein, der kurz durch das Fenster zu sehen war, erregte Johns Aufmerksamkeit.

„Wann wollten Ihre Schwester und Ihr Schwager zurückkommen?“

„Am Samstag. Wieso?“

„Hat noch jemand Anderes Zutritt zu Ihrem Haus?“

„Nein, Wieso? Was ist denn los?“

„Hier stimmt was nicht. Jemand ist in Ihrem Haus.“

„Was?“

„Ich fahre ein Stück weiter. Gibt es einen Nachbarn zu dem Sie kurz gehen können?“

„Was soll ich denn bei einem Nachbarn?“

„Ich fragte hauptsächlich wegen Madison. Sie können sich dann dort in Sicherheit bringen, während ich mir das ansehe.“

„Soll ich nicht doch besser die Polizei rufen? Oder Sie könnten Verstärkung anfordern-“

„Das werden Sie übernehmen. Hier…“, meinte John und übergab Rodney eine kleine Visitenkarte auf der eine Telefonnummer stand.
„Die Nummer der Bibliothek. Rufen Sie dort an und sagen Sie: Code Orange für Scarecrow und geben Sie dann Ihre Adresse durch.“

„Schon wieder irgendein Code? Hören Sie ich habe es nicht so mit Ihren Agentencodes. Ich kann mir ja kaum merken, was-„

„Das ist eine ganz simple Botschaft, die meine Leute wissen lässt, was los ist. Also, wählen Sie diese Nummer, sobald sich jemand meldet, sagen Sie: Code Orange für Scarecrow und geben Sie Ihre Adresse durch. Das ist das wichtigste. Sie haben sonst nichts weiter zu tun, als diesen Anruf zu tätigen und stillzuhalten“, gab John bestimmend zurück und ließ sich von Rodney das Nachbarhaus zeigen.

John parkte dort, wies den Arzt nochmals an, sich zurückzuhalten und stieg dann aus.
Rodney konnte gerade noch sehen, wie Sheppard nach seiner Waffe griff und eiligst in Richtung seines Hauses schlich.
Schnell sah Rodney auf den Rücksitz zu seiner Nichte, die noch immer mit ihrem Handy beschäftigt war und von allem nichts mitbekam, da sie wieder ihren MP3-Player auf volle Lautstärke gestellt hatte. Zum ersten Mal war Rodney sogar froh darüber, wenn er sonst auch immer mit seiner Nichte über zu laute Musik und zu dichtes Sitzen vor dem Fernseher diskutierte. Schnell nahm er sein eigenes Handy aus der Tasche, wählte die Nummer und gab die Nachricht durch.

* * * 

John hatte seine Waffe entsichert und schlich um das Haus herum. Einige Male wagte er es durch das eine oder andere Fenster zu sehen, doch die Typen waren nicht so einfach zu erkennen. Dafür aber das Chaos, das sie im Haus verursacht hatten. Sie suchten offenbar nach etwas und John konnte sich genau vorstellen, worum es sich dabei handelte. Dennoch verwunderte es ihn. Es sollten doch alle Handlanger von Devers geschnappt worden sein. Wieso waren dann jetzt diese Kerle da und durchwühlten jeden Schrank, jede Schublade und jedes Regal? Schnell erkannte John, dass es wohl nur zwei Männer sein mussten. Mit zwei Mann würde er fertig werden.

John straffte sich, als er an der Haustür ankam, die offenbar aufgebrochen worden war und nun einen Spalt weit offen stand. Langsam betrat er mit erhobener Waffe das Haus und schlich ins Wohnzimmer, in dem die beiden Männer mit dem Rücken zu ihm gekehrt und noch immer mit dem Durchstöbern der Schubladen des Wohnzimmerschrankes beschäftigt waren. Es war gerade mal hell genug für John, um zu erkennen, dass die beiden ebenfalls bewaffnet waren und doch zielte John auf einen der beiden Männer.

„Hilfe beim Suchen gefällig?“

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Wiedergutmachung

Rodney hatte seine Nichte zur Nachbarin Lindsey Novak gebracht und vorgegeben, sie nur einmal besuchen zu wollen und ihre umfangreiche Büchersammlung zu bewundern, zu der die Nachbarin ihn schon mehrmals eingeladen hatte. Wahrscheinlich mit dem Hintergedanken, sich bei dem alleinstehenden Arzt einzuschmeicheln, wie Rodney vermutete. Miss Novak hatte sich über den Besuch der beiden sehr gefreut, doch inzwischen fiel es Rodney schwer, ruhig zu bleiben und sich nichts anmerken zu lassen. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihm breit. Er konnte doch nicht einfach untätig hier herumsitzen und gar nichts tun, während Sheppard in seinem Haus war und dort wer weiß was anrichtete. War der Geheimagent überhaupt gesundheitlich in der Lage, es mit Einbrechern aufzunehmen? Unter dem Vorwand, dass er womöglich seine Haustür nicht abgeschlossen hatte, verabschiedete er sich kurz von Miss Novak und lief so schnell wie möglich die Straße hinab zu seinem Haus.

Rodney kam gerade an der Hintertür der Küche an, als er es laut im Haus rumpeln hörte. Schnell schlich er durch die Küche in Richtung Wohnzimmer und spähte durch den Türspalt hinein. Was er sah, schien seine Befürchtungen über Sheppards Gesundheitszustand zu bestätigen.

John hatte die Eindringlinge zwar überrascht, aber dennoch waren sie in der Überzahl, was sie ihn sehr schnell wissen ließen. Als John auf den einen zielte, machte sich der andere daran, den Ordner mit Rechnungen den er gerade in den Händen hielt nach ihm zu werfen.
Ein Schuss fiel, als der Ordner John traf und ihm die Waffe aus der Hand schlug.
Doch der leise Schuss, hauptsächlich durch den Silencer, den John vorher an seine Waffe angebracht hatte, damit die Nachbarn nicht alles mitbekommen sollten, ging ins Leere, oder besser gesagt, knapp an dem Mann auf den er gezielt hatte, vorbei. Die Kugel traf die Wand und blieb dort in der Holzverkleidung stecken.

Rodney sah, wie sich der eine der beiden Fremden auf John stürzte, ihn aus dem Tritt brachte, sodass er zu Boden fiel. Doch John konnte sich recht schnell von seinem Gegner befreien, indem er ihn von sich runter stieß. Kaum dass er wieder auf den Füßen stand, musste er auch schon den Fäusten des zweiten Mannes ausweichen, konnte stattdessen zunächst aber selbst einige Treffer landen, die dem Mann jedoch nicht viel auszumachen schienen. Rodney konnte jedoch an Johns Gesichtsausdruck erkennen, dass sie John dafür arge Schmerzen in der ohnehin malträtierten Schulter bescherten.

Schlagartig wurde Rodney bewusst, dass John einen Kampf mit mehreren Männern wohl nicht gewinnen würde. Wie schlimm es nun wirklich war, wusste er nicht, aber er erinnerte sich noch gut daran, wie dem Agenten in seinem Sprechzimmer immer wieder mal schwindlig wurde und dass er den ganzen Tag über seinen linken Arm in einer schonenden Haltung hielt. Er war schon ziemlich angeschlagen und ein Kampf gegen zwei Männer gleichzeitig … nein, das würde nicht gut ausgehen. Er brauchte Hilfe.
Verzweifelt sah Rodney sich in der Küche um. Er brauchte etwas, was ihm helfen könnte. Irgendetwas um dem Agenten zu unterstützen und die Einbrecher außer Gefecht zu setzen. Am besten eine Waffe. Aber so etwas besaß er nicht. Überhaupt war so etwas in der Art nicht im Haus zu finden. Jeannie und Kaleb verabscheuten Waffen. Das einzige was dem halbwegs nahe käme, wäre ein Messer aus dem Messerblock, den er skeptisch beäugte. Doch diesen Gedanken verwarf er schnell wieder. Er konnte nicht sonderlich gut mit Messern umgehen, war schon beim Kochen eine Niete. Womöglich verletzte er sich noch selber damit. Stattdessen fand er etwas anderes, was auch noch gut in der Hand lag.

Mutig stürzte sich der Arzt ins Wohnzimmer, wo er sofort John bereits am Boden liegen sah und sich beinahe ausweglos gegen seinen Gegner zur Wehr zu setzen versuchte. Immer wieder schlug John auf ihn ein, doch der Mann war ein gutes Stück größer, schwerer und bedauerlicherweise auch stärker als er. Verzweifelt japste John nach Luft, da der Mann ihn zu würgen versuchte. Rodney musste handeln, also holte er aus … und kurz darauf war nur noch ein lauter Gong zu hören, der den Mann in die sofortige Bewusstlosigkeit trieb.

John hatte jedoch nicht die Zeit genauer darauf zu achten, was Rodney benutzt hatte, um den Mann auszuknocken, denn der zweite Einbrecher schien wieder zu sich zu kommen und begann sich aufzurappeln.

„Achtung!“, wollte John Rodney noch zurufen, doch es kam nur ein Krächzen aus seiner malträtierten Kehle.

Es schien jedoch zu spät zu sein. Der zweite Mann torkelte auf Rodney zu und versuchte sich auf ihn zu werfen. Elegant trat Rodney einen Schritt zur Seite, sodass er mit seinem Angriff ins leere lief.
Mit einem gekonnten, geradezu grazilen Schwung eines Tennisspielers holte Rodney erneut aus und schlug den Mann mit einem weiterem lauten Gong endgültig zu Boden.

„Tja, es geht doch nichts über das gute alte Gusseisen“, meinte Rodney und besah sich seine Waffe, eine ältere schwere gusseiserne Bratpfanne, genauer an.

John schüttelte lächelnd den Kopf und überprüfte sicherheitshalber den Puls der außer Gefecht gesetzten Einbrecher. Beide lebten noch, allerdings würden sie beim Aufwachen mörderische Kopfschmerzen haben, die vermutlich über mehrere Tage anhalten würden. Ihm konnte es nur recht sein, denn auch er hatte wieder ganz schön einstecken müssen. Sein Rücken, aber ganz besonders seine Schulter brachte ihn fast um. John konnte ein Stöhnen nicht mehr unterdrücken, als er sich zu seiner Waffe bückte und auch die der Gangster an sich nehmen wollte.
Es nutzte alles nichts. Er würde morgen zu einem Arzt gehen müssen, ob er wollte oder nicht. Oder könnte es vielleicht … Dr. McKay? Kaum das John seine Gedanken wieder geordnet hatte, sprach dieser ihn darauf an.

„Also so langsam reicht es mir mit Ihnen.“

„Was?“

„Sobald diese Banausen hier hinter Schloss und Riegel sind, will ich mir Ihre Schulter ansehen. Und wehe Sie drücken sich, Mister.“

„Jaja, schon gut. Ich denke, Sie haben wohl Recht. Es kann ja nicht schaden, wenn-„

Ein erneutes Poltern aus der oberen Etage unterbrach John und ließ ihn und Rodney stutzig werden und nur auf eines schließen. Es musste noch jemand im Haus sein.

„Haben Sie in der Zentrale angerufen und durchgegeben, was-?“

„Jaja, die sind unterwegs. Sie müssten eigentlich jeden Moment hier eintreffen.“

„Gut. Sie bleiben hier und passen solange auf die beiden auf. Sie dürften noch eine Weile weggetreten sein. Ich gehe nach oben und kümmere mich um den Rest. Es kann eigentlich nur noch einer sein und mit dem werde ich fertig“, meinte John und entsicherte sein Waffe.

„Was? Aber Sie-„

„Doc … bleiben Sie einfach hier, okay. Den einen schaffe ich schon“, gab John bestimmend zurück und schlich mit einem leichten Stöhnen und der Waffe im Anschlag die Treppe hinauf.

Es dauerte tatsächlich nur wenige Momente bis Rodney erneut Zweifel überkamen, ob er Sheppard nicht besser helfen sollte. Schnell rannte er hinaus in das kleine Gartenhäuschen, schnappte sich ein Stück Seil, dass von dem Bau einer Schaukel für seine Nichte übriggeblieben war und eilte zurück ins Haus, um die beiden Einbrecher zu fesseln. Sicher war sicher. Nicht, dass die beiden nochmal wach wurden, bevor die Verstärkung eintraf und dann flüchteten oder schlimmer noch, womöglich ihn und John nochmals anfielen.

Kaum war das getan, schlich auch Rodney die Treppe hinauf. Kaum oben angekommen, fiel ihm ein, dass er seine bewährte Waffe, die Pfanne, im Wohnzimmer vergessen hatte.
Leise fluchend schlich er weiter und versuchte herauszufinden, in welchen Raum sich der dritte Einbrecher und vor allem wo John sich befand.
Ein kurzer Aufschrei ertönte aus seinem Zimmer. Erschrocken drehte er sich um und sah durch den Türspalt, wie John mit dem Mann rang.
Mutig trat Rodney näher und stieß die Tür auf, was den Einbrecher dazu brachte, von John abzulassen und sich ihm zuzuwenden.
John fasste die Hände zusammen und schlug dem Mann mit aller Kraft auf den oberen Rücken. Das brachte jedoch nicht die gewünschte Reaktion, denn der Mann drehte sich wieder zu John, zog ein Springmesser aus seiner Tasche und stürzte sich auf ihn. Den ersten paar Hieben mit dem Messer konnte John noch relativ leicht ausweichen, doch der Mann änderte seine Taktik, indem er John in eine Ecke manövrierte und dieser ihm nun nicht mehr ausweichen konnte.

Rodney sah, wie der Einbrecher immer wieder versuchte, auf John einzustechen oder ihn überhaupt irgendwie mit dem Messer zu treffen. Anfangs konnte John noch nach links oder rechts ausweichen, aber die Bedrängnis wurde immer größer und er hatte schon den einen oder anderen Schnitt oder Kratzer einbüßen müssen.
John riss die Arme nach oben um den nächsten Hieb wieder abzublocken und seinen Gegner wegzustoßen. Das war für Rodney die Gelegenheit, ebenfalls tätig zu werden und dem Agenten erneut zu Hilfe zu kommen, denn er hatte in einem Bruchteil einer Sekunde erkennen können, dass er allmählich am Ende seiner Kräfte war. Von den vielen Verletzungen ganz zu schweigen. Rodney griff nach dem erstbesten Gegenstand, den er finden konnte, schwang die Arme nach oben und ließ ihn mit aller Wucht auf den Kopf des Einbrechers niedersausen.
Für einen Moment schien der Einbrecher benommen, doch dann drehte er sich leicht taumelnd zu ihm um, fixierte ihn mit einem wütenden Blick, packte Rodney am Kragen und warf ihn regelrecht in das Regal neben John.
Mit lautem krachen und schmerzvollem Aufstöhnen fiel Rodney zu Boden und wurde von den vielen Büchern, seinem Arztkoffer und schlussendlich auch dem umfallenden Regal begraben.

John startete einen erneuten Angriff und warf sich auf den Mann. Wieder entfachte ein Kampf der dieses Mal auch mit Tritten bestritten wurde. Einer dieser Tritte katapultierte John rücklings über Rodneys Schreibtisch. Er konnte sich gerade noch fangen und abrollen, so dass ihm weitere schwerwiegende Blessuren erspart blieben. Und schon war der Mann wieder über ihm.

Laut fluchend hatte Rodney sich in der Zwischenzeit von dem Gewicht des Regals befreien können und entdeckte einige Medikamente neben sich am Boden, die wohl aus seinem Arztkoffer gefallen sein mussten. Prompt kam ihm eine Idee.

John hatte indes mehrere Treffer mit seiner Faust in die Magengrube seines Gegners landen können, aber abgesehen von gelegentlich schmerzvollem Stöhnen oder einem wütenden Keuchen ließen dessen Hände um Johns Kehle nicht locker. Der Griff des Mannes war einfach zu stark, so dass John sich kaum herauswinden konnte. Plötzlich aber schnellte der Kopf des Gangsters ein Stück höher, seine Augen weiteten sich und er hielt erschrocken inne. Seine Kraft und sein Griff ließen genauso plötzlich nach, wodurch sich John irritiert seinem Griff entziehen konnte. Kaum war er einen Schritt zur Seite gerutscht, kippte der Einbrecher auch schon vorne über und blieb regungslos am Boden liegen. Zurück blieben ein verwirrter und überraschter John Sheppard und ein Rodney McKay, der triumphierend eine Spritze präsentierte.

„Nicht zum Kochen geeignet, aber mindestens genauso … effektiv.“

John wollte gerade etwas erwidern, als er Evan Lorne´s Stimme aus dem Erdgeschoss vernahm.

„Sheppard?“

„Hier oben!“ rief er mit krächzender Stimme zurück.

Sekunden später stürmten Lorne und einige seiner Kollegen das Zimmer des Arztes und sahen überrascht auf den bewusstlosen Mann am Boden. Ihr Blick wanderte wieder zu Rodney, der noch immer die Spritze hochhielt und zufrieden grinste. Doch plötzlich änderte sich der Gesichtsausdruck des Arztes.

„Oh nein! Oh nein, nein , nein , nein! Das kann doch nicht wahr sein. Das ist … ach, verdammt nochmal!“, fluchte und jammerte der Arzt und fiel vor einem kleinen Trümmerhaufen auf die Knie.

„Mein schönes Teleskop! Es ist vollkommen … hinüber“, jammerte Rodney und sammelte die Einzelteile sorgfältig ein.

Er erinnerte sich noch gut daran, als er es gekauft, zusammengebaut und aufgestellt hatte. Den ersten Blick, den er den er durch das Teleskop warf, würde er niemals vergessen. Stundenlang hatte er in die sprichwörtliche Vergangenheit, in den Sternenhimmel, geblickt und sich gefragt, was wohl da draußen noch sein könnte.

„Meine Güte! Was ist denn hier passiert? …“, entfuhr es Richard Woolsey, der ebenfalls zum Haus des Arztes gekommen war und den Raum betrat.

„… Scarecrow? … Mal wieder ganze Arbeit geleistet, was?“

„Oh, das kann man wohl laut sagen“, stöhnte Rodney und hob gerade die Linse seines Teleskops auf, als diese in seinen Händen in weitere Teile zerfiel.

„Genaugenommen, war nicht ich das. Der gute Doc hier hat das Ding dem Kerl übergezogen und wenn ich ehrlich bin, kam es gerade mehr als gelegen. Hätten er es nicht getan … würde ich jetzt wohl nicht mehr hier stehen“, erklärte John japsend seinem Vorgesetzten und drehte seinen Arm hin und her, was ihm sengende Schmerzen bescherte und ihn in die Knie gehen ließ.

„John!“

Richard und Evan waren schnell an Johns Seite und dirigierten ihn zu einer Couch. Auch Rodney ließ pflichtbewusst die Überreste seines Teleskops fallen und sprang auf.

„Sie müssen ins Krankenhaus“, meinte Evan und besah sich skeptisch seinen Kollegen.

„Nein! Kein Krankenhaus!“, gab John bestimmend zurück.

„Aber-“

„Vielleicht könnte sich Doktor McKay darum kümmern“, unterbrach Richard den jungen Agenten und sah zwischen Rodney und John hin und her.

Erst als John einverstanden nickte, machte sich Rodney daran, die Medikamente und Instrumente aus seinem Arztkoffer einzusammeln und auf dem kleinen Tischchen neben der Couch bereit zu legen.

„Was ist mit den beiden im Wohnzimmer?“, fragte John krächzend und schälte sich mühevoll und mit zusammengebissenen Zähnen aus seinem Hemd.

„Die werden gerade in eine hübsche gemütliche Zelle gebracht. Sie sind immer noch bewusstlos und konnten daher noch nichts ausplaudern. Wie haben Sie das überhaupt fertig bekommen, dass die immer noch weggetreten sind?“, fragte Evan, der über die anhaltende tiefe Bewusstlosigkeit der beiden Gangster staunen musste.

John und Rodney sahen sich kurz an, bevor sie unisono antworteten.

„Schwere Kost.“

„Äh … okay. Und der hier?“

„Valium. Eine ganze Menge Valium“, erklärte Rodney knapp und besah sich die Schrammen, Schnitte und blauen Flecken des Agenten genauer. Vorsichtig bewegte er die Glieder des Agenten und tastete ihn auf eventuelle Brüche ab.

Nachdem das Einsatzteam nach und nach das Haus wieder verlassen hatte und auch Rodney seine Begutachtung von Johns Blessuren vorerst abgeschlossen hatte, war nur noch Richard übrig geblieben, der einen passenden Moment abgewartet hatte, um den Arzt genauer zu Johns Verletzungen zu befragen. Gerade als der Arzt sich im angrenzenden Badezimmer die Hände wusch und frische Handtücher besorgte, hielt der Geheimdienstleiter ihn an.

„Doktor? Wie sieht es aus? Er muss doch nicht wirklich ins Krankenhaus, oder?“

„Es wäre wirklich besser für ihn, aber … nein. Wenn er absolut nicht will. Man kann ihn nicht zwingen. Aber… er hat eine leichte bis mittlere Gehirnerschütterung, einige Schrammen und Beulen, blaue Flecke und natürlich auch ein paar Schnitte, die er sich wohl während dem Kampf gegen den Kerl mit dem Messer zugezogen hat. Sie sind nicht besonders schlimm oder tief, bis auf einen. Er blutet zwar nicht stark, aber ich denke ich werde ihn trotzdem nähen müssen. Und was seine Schulter betrifft … die hat er sich übel verrenkt. Seine Rückenschmerzen hängen damit zusammen, vermutlich ist ein Nerv eingeklemmt. Normalerweise würde ich empfehlen, die Schulter unter Narkose einzurenken, aber-„

„Vollnarkose? Ah… ich glaube daraus wird wohl nichts.“

„Ja, den Eindruck habe ich auch. Dann wird er die Zähne zusammenbeißen müssen. Ich muss mal sehen, ob ich ein passendes Betäubungsmittel hier habe. Ich könnte ihm ein paar Spritzen setzen und mit ein paar entsprechenden Handgriffen ist die Schulter wieder so wie sie sein soll.“

Richard nickte schweigend und ließ den Arzt wieder an seine Arbeit gehen. Doch kaum hatte er das Zimmer wieder betreten, machte John deutlich, dass er das Gespräch der beiden im Badezimmer mitbekommen hatte.

„Also, was ist das für ein Betäubungsmittel, was Sie mir verpassen wollen? Wenn das eines ist, um mich auszuknocken-„

„Nein, ist es nicht. Ich verstehe zwar nicht, warum Sie so ein Misstrauen zu Ärzten und Krankenhäusern haben, aber ich vermute es soll schon was heißen, dass Sie mich an sich ranlassen. Ihre Verfassung ist nicht gerade die beste und schreit dringend nach medizinischer Hilfe, von Ihrer allgemeinen Tätigkeit ganz zu schweigen, die vermutlich des Öfteren mit irgendwelchen Verletzungen einhergeht. Also werde ich den Teufel tun und Sie einfach so ausknocken und das bisschen Vertrauen, dass Sie mir entgegen bringen, zerstören. Also regen Sie sich ab und versuchen Sie sich zu entspannen, okay? Ich werde Ihnen etwas in die Schulter injizieren, dass es mir erlaubt, Ihr Gelenk wieder relativ schmerzfrei in die Reihe zu kriegen.“

John sah schmunzelnd zu Richard, der seinen überraschten Blick erwiderte. Die Tonart des Arztes, die leichte Überheblichkeit und Arroganz, die mit einer leichten Wut über die Probleme des vergangenen Tages inklusiver der Zerstörung seines Teleskops und des halben Haushaltes einhergingen, waren neu für den Agenten und doch konnte er es verstehen. Er hatte zwar schon mehrmals im Laufe des Tages einen gewissen Sarkasmus gezeigt, aber … es gefiel John irgendwie.

„Doktor, kann ich Ihnen irgendwie helfen oder zur Hand gehen?“, fragte Richard, der im Moment nicht so recht wusste, wohin mit sich.

Rodney war zu sehr beschäftigt, sich alles parat zu legen, was er für die Behandlung brauchen würde und John hatte es sich zur Aufgabe gemacht, dem Arzt geradezu übergenau dabei zu zusehen und seine Hände nicht mehr aus den Augen zu lassen.

„Nicht hierbei, nein. Aber wenn Sie sich unbedingt betätigen wollen … hier müsste mal dringend aufgeräumt werden.“

Richard nickte ertappt und ließ seinen Blick wieder durch den Raum schweifen. Das Chaos, das die Einbrecher bei ihrer Suche veranstaltet hatten und die anschließende Zerstörungen, bei deren Ergreifung, war schon beachtlich. Das war nicht von der Hand zu weisen. Es würde eine Menge Arbeit und Zeit kosten, die der Arzt bis zum Wochenende alleine wohl nicht schaffen würde.

„Ich versichere Ihnen Doktor, dass ich mich darum kümmern werde. Bis zum Wochenende wird alles wieder picobello sein. Ich werde ein paar Leute schicken, die aufräumen und ähm … so weiter“, versicherte Richard dem Arzt und verfolgte kurze Zeit darauf, wie Rodney dem Agenten mehrere Spritzen in das Schultergelenk injizierte, was mit leisem Fluchen seitens John kommentiert wurde.

„Wirklich?“, kam es skeptisch von dem Mediziner.

„Nun, es ist wohl das mindeste, das wir für Sie tun können. Sie haben Ihrem Land einen großen Dienst erwiesen und auf Grund Ihrer Hilfe sind wir Ihnen zu Dank verpflichtet“, erklärte Richard und registrierte kurz darauf das leise und erstaunte `Hm´ des Arztes.

Es dauerte nur einige Minuten bis John glaubte, kaum noch Schmerzen, dafür aber ein merkwürdig taubes Gefühl zu verspüren. Rodney wies den Mann an, sich entspannt aber gerade aufrecht auf den bereitgestellten Stuhl zu setzten, was dieser nach kurzem Zögern und skeptischen Blick zuerst zu dem Arzt, dann zu Woolsey auch tat.

„Bleiben Sie so entspannt wie möglich. Es wird vielleicht kurz knacken und noch kürzer weh tun, aber dann haben Sie das Schlimmste wohl hinter sich“, erklärte Rodney und machte sich an die Arbeit, die Schulter des Mannes wieder einzurenken.

Rodney griff nach Johns Hand und Ellbogen, grinste ihn noch einmal aufmunternd an und brachte mit einer fachmännischen ruckartigen Bewegung unter leisem Knirschen das Gelenk in seine richtige Stellung zurück.

Richard hingegen verzog mitfühlend das Gesicht und konnte sich kaum vorstellen, welche Schmerzen es wohl sein müssten, sollte eine solche Behandlung ohne Betäubungsmittel durchgeführt werden oder, wenn es nach Johns Willen gegangen wäre, die Verletzung gar unbehandelt geblieben wäre.

„So, das war das Schultergelenk. In den nächsten Tagen wird es noch etwas schmerzen, aber bei weitem nicht mehr so stark und Sie werden den Arm für die nächsten Tage auch in einer entsprechenden Schlinge tragen müssen. Vorerst muss dieses Tuch reichen. Ich habe leider nichts Besseres hier, aber ich werde ihnen einen verschreiben. Nun zu Ihrer Wunde an Ihrer Seite. Ich schlage vor, Sie legen sich dazu hin, dann ist es leichter für mich“, meinte Rodney.

Seufzend kam John der Bitte nach, nachdem der Arzt das Tuch zu einer Schlinge umfunktioniert und den Arm darin ruhig gestellte hatte. John empfand es geradezu als entspannend und eine reinste Wohltat, endlich liegen und abschalten zu können. Die drei kleinen Piekser der örtlichen Betäubung für die größere Schnittwunde bekam er gar nicht mehr so richtig mit.

Für Richard hingegen war es an der Zeit sich nun auch zu verabschieden, nicht ohne vorher noch John mitzuteilen, dass er die nächsten Tage nichts in der Zentrale zu suchen hätte und in zwei Tagen die Beerdigung von Marschall Sumner anstünde.

Gerade als Rodney die ersten paar Stiche ausgeführt hatte, fand John wieder zu seiner Sprache zurück.

„Das mit Ihrem Teleskop tut mir leid.“

„Tja, naja … wenigstens hatte es einen ehrenvollen Tod. Wie so viele andere Sachen in diesem Haus“, meinte Rodney niedergeschlagen und sah sich kurz resigniert um, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Patienten widmete.

„Was ist mit Madison?“

„Sie ist noch bei Lindsey Novak, unserer Nachbarin. Ich denke, ich werde sie bitten müssen, Madison für heute Nacht da zu behalten. Ich kenne sie schon ziemlich lange und die beiden verstehen sich auch recht gut, es wird wohl kein Problem sein und Maddie muss dieses Chaos ja auch nicht unbedingt sehen. Wenn ich ihr dann noch etwas von einem Einbruch und einer Verwüstung erzähle … naja, es wäre gar nicht mal gelogen.“

„Nein“, brachte John lächelnd hervor und schwieg wieder für einige Momente, doch sein schlechtes Gewissen plagte ihn irgendwann doch sehr.

„Tut mir leid, dass ich Sie da mit rein gezogen habe.“

„Ja… was soll´s. Sehen Sie … all die Agentenfilme sind so toll und voller Action und Abenteuer, aber jeder mit einem bisschen gesundem Menschenverstand würde sie als übertrieben und unrealistisch empfinden. Kein Mensch denkt, dass es in Wirklichkeit genauso abläuft. Die beiden letzten Tage mit Ihnen haben mich aber eines Besseren gelehrt. Auch wenn ich die meiste Zeit um mein Leben und das meiner Nichte bangen musste, so war es doch ziemlich … wie soll ich sagen … aufschlussreich.“

„Und dabei kennen Sie nur einen Bruchteil dessen, was manchmal direkt vor Ihrer Nase abläuft“, antwortete John.

„Ja und das reicht mir ehrlich gesagt auch schon. Ich muss nicht wissen, dass die Kassiererin im Supermarkt in Wirklichkeit eine Agentin sein könnte, die in einem geheimem Undercover Auftrag unterwegs ist. Oder dass ein Mann im Trainingsanzug am Flughafen auf einen Datenstick mit Informationen über ein Raketenabwehrsystem wartet. Wenn es nach mir geht… war es das.“

John spürte plötzlich einen regelrechten Stich in der Brust und er war sich sicher, dass es nichts mit einer Verletzung im klassischen Sinne zu tun hatte. Aus irgendeinem Grund empfand er ein gewisses Bedauern, dass der Arzt so empfand.
Natürlich hatte er nicht explizit daran gedacht, dass der Arzt mit ihm gemeinsam den einen oder anderen Fall annehmen und ihn bei seinen Aufträgen begleiten und unterstützen würde, aber … andererseits…
McKay war vielleicht kein Agent und hatte daher nicht das nötige Wissen und Können, aber es war in bestimmten Situationen durchaus mit ihm zu rechnen. Das hatten seine Taten als er ihm vorhin mit einer Gusseisernen Pfanne zu Hilfe kam oder sein Teleskop opferte, um ihn vor dem sicheren Tod zu bewahren, bewiesen. Abgesehen von seiner Tätigkeit als Arzt schien er sonst recht unscheinbar und fast schon unbedarft. Es wäre die perfekte Tarnung. Man würde ihn niemals als einen Agenten vermuten.
Es war eben eine leise Hoffnung gewesen, weiterhin mit ihm in Kontakt zu bleiben. Doch die wurde durch seine Aussage zunichte gemacht.
John tröstete sich mit dem Gedanken, ihn in den kommenden Tagen nochmal sehen zu können, wenn es darum ging, die Fäden ziehen und die Schulter nochmals einer Nachuntersuchung zu unterziehen.

Rodney war gerade fertig mit dem Nähen der Wunde, als ihm auffiel, dass der Agent auf seiner Couch eingeschlafen war.
Verdenken konnte er es ihm nicht. Auch er war ziemlich müde und erledigt. Doch bevor er seine Nachbarin anrufen würde, um sie zu bitten, dass Maddie die Nacht über bei ihr bleiben könnte, deckte er die Naht mit einem Pflaster ab und suchte nach einer Decke für den schlafenden Mann auf seiner Couch.
Danach entschied er sich für eine heiße Dusche, um die Schmerzen aus seinen Gliedern zu vertreiben, die er schon seit der Begegnung mit dem Regal verspürte und stieg schlussendlich über das am Boden liegende Chaos hinweg in sein Bett, um sich in seine Bettdecke mummeln zu können.

Es war recht früh als Rodney wieder erwachte und nach dem ersten Blick auf seinen Wecker erschrocken aus dem Bett sprang.
Madison musste zur Schule.
Nachdem er um ein Haar über das Chaos der umherliegenden Sachen auf dem Boden stolperte, betrat Rodney sein zweites Zimmer und entdeckte die verlassene Couch. Der Agent musste schon lange vor ihm wach geworden sein und sich hinaus geschlichen haben.
Unschlüssig, was er nun davon zu halten hatte, schloss Rodney kurz die Augen und schüttelte den Kopf. Gerade als er nach unten gehen wollte, entdeckte er eine Notiz, die an der Tür klebte.

-Hey Doc,
tut mir leid, dass ich einfach so verschwunden bin. Ich habe noch einiges zu erledigen, aber ich verspreche, dass ich mich bald wieder melde, denn ich denke Sie wollen nochmal einen Blick auf Ihre Arbeit werfen und ich halte meine Versprechen. Genauso wie mein Boss. Sie sollten sich bereithalten, denn das mit dem Aufräumkommando war sein Ernst. Sie werden im Laufe des Tages hier anrücken und wieder alles herrichten und ich kümmere mich darum, dass Sie Ihren Wagen wiederbekommen. Also keine Sorge.
John Sheppard-

Fast entlockte diese Notiz dem Arzt ein kleines Lächeln, wenn er sich nicht mit Unbehagen daran erinnerte, was am gestrigen Tage vorgefallen war. Schnell verdrängte Rodney die Erinnerungen wieder und machte sich daran, seiner Nichte, die noch immer bei der Nachbarin verweilte, frische Kleidung zu bringen und ihr zu erklären, warum sie ausnahmsweise mit dem Schulbus fahren musste.

Rodney hatte sich gerade umgezogen und hielt nun die erste Tasse frisch gekochten Kaffee in seinen Händen, als es an der Tür klingelte.
Kaum hatte er die Tür geöffnet, starrte er in das Gesicht eines in einen Blaumann gekleideten Handwerkers.

„Dr. Rodney McKay?“

„Ja. Was kann ich für Sie tun?“

„Nichts. Wir sind hier um etwas für Sie zu tun. Richard Woolsey lässt grüßen. Wir sollen den Saustall hier aufräumen und renovieren und dort kommt gerade ein Gruß von John Sheppard. Unversehrt und voll aufgetankt“, erklärte der Blaumann und wies auf Rodneys Wagen, der am Bürgersteig vor dem Haus gerade von einem Abschleppwagen herabgelassen wurde.
Daraufhin ließ der Blaumann Rodney mit offenem Mund stehen, betrat zielstrebig das Haus und teilte seine Kollegen auf die verschiedenen Zimmer auf.


Zwei Tage später

Der Priester sprach gerade die letzten Worte seines Gebetes während des Begräbnisses von Marschall Sumner. Richard Woolsey, John Sheppard aber auch Hank Landry standen neben den Hinterbliebenen und kondolierten daher als erstes. Die Beerdigung war zu Ende und die drei Männer stiegen den kleinen Hügel wieder hinab, auf dem Marshall Sumner seine letzte Ruhe gefunden hatte.
Es war Richard, der nach kurzer Zeit und einem prüfenden, unauffälligen Blick in die Umgebung begann zu sprechen.

„Wie geht’s der Schulter?“

„Bestens. McKay hat wohl ganze Arbeit geleistet. Ich brauche das Ding eigentlich gar nicht mehr“, antwortete John und hielt demonstrativ den Arm, den er noch immer in einer Schlinge hielt nach oben.

„Tu mir einen Gefallen und schone dich trotzdem noch etwas. Mit so etwas ist nicht zu spaßen und dieses Knacksen und Knirschen durch das Einrenken möchte ich auch nie wieder hören“, entgegnete Richard.

„Apropos hören. Was gab´s von Devers und seinen Deppen zu hören? Wissen wir nun, wer der Käufer ist? Oder der Verkäufer?“

„Ich habe schon oft erlebt, dass Ronon so ziemlich alles aus so ziemlich jedem herausbekommen hat, aber … bei Devers kamen wir nicht sehr weit. Er hat zwar gesungen wie ein Kanarienvogel, aber im Endeffekt bringt es uns nicht viel. Er ist nur ein Mittelsmann. Er sollte den Stick und die Daten aufbewahren und darauf warten, bis man Kontakt zu ihm aufnähme.“

„Von irgendwem muss er doch die Daten haben.“

„Ja, von einem weiteren Mittelsmann. Das Ganze ist eine Art Netzwerk und läuft nur über Mittelsmänner und Kuriere. Seine Arbeit in der Politik war nicht gerade von Erfolg gekrönt und gerade das schien für die oder den Verkäufer sehr attraktiv. Außerdem würde man einen Politiker kaum als Waffenschieber oder Händler verdächtigen. Man hat ihn mit den üblichen Versprechungen von Geld und mehr Einfluss in der Politik ködern können. Er hat ausgesagt, dass eines Tages jemand an ihn herangetreten und ihm der Stick unter einigen Bedingungen, zum Beispiel auch das Vermeiden von Fragen nach Namen, ausgehändigt worden war. Er sollte ihn an denjenigen weiterreichen, der sich mit dem Codenamen ‚Pegasus‘ bei melden würde.“

„Hm. Und die drei in McKay´s Haus?“

„Gehörten jedenfalls nicht zu Devers. Sie sollten wohl die nächsten Besitzer des Sticks sein. Als sie sich bei Devers meldeten, berichtete dieser über das Abhandenkommen des Sticks. Die Typen, die dich am Flughafen in die Mangel genommen haben, gaben das Zepter ab und haben ihnen wohl eine Beschreibung von dir gegeben. Dadurch und wohl nach weiteren Recherchen kamen sie dir auf die Spur und verfolgten dich und McKay zur Zentrale. Über das Autokennzeichen des Arztes kamen sie auch an seine Adresse und haben die Daten in seinem Haus vermutet.“

„Was ist mit McKay? Ist er jetzt raus aus der Sache oder müssen wir befürchten, dass-„

„Nein. Nein, er hat nichts mehr zu befürchten. Die drei haben uns, nachdem Ronon sich wieder sehr intensiv mit ihnen beschäftigt und ihnen etwas ins Ohr geflüstert hat, von dem ich lieber nicht wissen will, was es war, glaubhaft versichert, dass sie seinen Namen und Adresse nicht an ihren Auftraggeber oder sonst jemanden weitergegeben haben. Sie hatten gehofft, schnellstmöglich an die Daten zu kommen und ihr eigenes Ding durchzuziehen. Aber zum Glück habt ihr beide sie vorher dingfest machen können.“

„Gut. Das ist gut“, meinte John und atmete erleichtert auf, was auch Richard auffiel.

„Wir vermuten aber, dass bei ihnen oder besser gesagt bei ihrem Auftraggeber Endstation gewesen wäre.“

„Was meinst du damit?“, fragte John perplex nach, der den Ausführungen seines Bosses gefolgt war.

„Sie arbeiteten für jemanden, der höchstwahrscheinlich der Endabnehmer sein sollte und ausgezeichnete Kontakte zum nahen und mittleren Osten haben könnte.“

„Name?“

„Kolya.“

„Sagt mir nichts.“

„Uns bisher auch nicht. Weder bei unseren Kontakten noch in irgendeiner ausländischen Zweigstelle hat man je von ihm gehört. Wir haben nicht einmal ein Gesicht zu dem Namen.“

„Dann schlage ich vor, dass Sie dran bleiben…“, schlug Landry vor, der bisher eher stumm der Unterhaltung gefolgt war und nun an seinem Wagen angekommen war.

„… denn es ist gut möglich, dass bald ein zweiter Versuch einer Transaktion gestartet werden könnte. Solange der oder die Drahtzieher und Anbieter nicht gefasst werden, fällt es weiterhin unter Terrorismus. Und ich muss Ihnen beiden wohl nicht sagen, dass es die höchste Priorität hat. Die politische Lage in vielen Ländern des nahen und mittleren Ostens und auch Afrikas ist teilweise mehr als angespannt und es gibt genug Leute, die enormes Interesse an solch einer Waffe haben. Angefangen bei Afghanistan.“

„Das wissen wir, Hank. Wir arbeiten daran, dieses Netzwerk bis zur Quelle auseinanderzunehmen.“ versicherte ihm Woolsey.

Hank sah noch einmal prüfend in die Gesichter des Agenten und des Geheimdienstleiters, nickte kurz und stieg dann in die Limousine und ließ sich von seinem Chauffeur zurück in die Stadt fahren.
Richard und John schlenderten weiter zu ihren eigenen Fahrzeugen.

„Ich habe heute Morgen die Nachricht bekommen, dass das Haus von Dr. McKay wieder vollständig aufgeräumt und renoviert ist und er auch seinen Wagen wieder hat. Alles gut und schön, aber musste er auch noch aufgetankt werden?“, fragte Richard und sah schmunzelnd zu John.

„Ich dachte, das sei das Mindeste. Hast du doch selbst gesagt.“

„Ja ja, schon gut, schon gut. Du hast ja Recht. Wenn man es genau nimmt und bedenkt, dass seine Neugier und die daraus resultierenden Erkenntnisse dazu führten, Devers und Konsorten festzunehmen und zu verhindern, dass eine gefährliche Waffe in die Hände von Terroristen gelangt, verdient er eigentlich noch mehr. Allerdings dürfte es schwierig sein. Es würde große Kreise nach sich ziehen und womöglich sogar in die Öffentlichkeit gelangen. Sein Leben und das seiner Familie wäre gefährdet.“

„Hm, nicht unbedingt … es gäbe da etwas, was, falls überhaupt, nur kleine Kreise nach sich ziehen würde. Es wäre nur ein kurzes Telefonat deinerseits nötig und die Öffentlichkeit würde auch nichts erfahren.“

„Wieso meinerseits? Was habe ich damit zu tun? Du bist doch an McKay heran getreten.“

„Ja schon. Aber… du hat die entsprechenden Kontakte und den nötigen Einfluss.“

John sah fordernd aber auch abwartend zu Richard, dem schon Übles schwante. Was hatte der Agent nun schon wieder im Sinn?
Wieder einmal war es der bittende Blick mit diesen treuen Dackelaugen, der Richard nachgeben ließ.

„Okay, um was geht’s?“

„Weißt du, es gibt da einen bestimmten Lehrer in der Schule von McKay´s Nichte…“, begann John zu erzählen.

* * *

Rodney saß gerade am Küchentisch und schrieb den Einkaufszettel für das Wochenende. Doch seine Gedanken sausten um so viele andere Dinge.
Er hatte sich zwar in seiner Praxis bei seiner Kollegin Jennifer Keller gemeldet und sie abermals gebeten, seine Patienten für die kommenden Tage zu übernehmen. Aber wieder einmal musste er eine Lüge als Begründung vorbringen.

-Wie sollte das wohl in Zukunft ablaufen? … Zukunft? Wieso Zukunft?-, schalte Rodney mit sich selbst.

Wie kam er darauf, dass es so weiter gehen würde? Wie kam er auf den Gedanken, dass er ständig mit John Sheppard in geheimer Mission unterwegs sein würde?
Er hatte ihm doch vor ein paar Tagen sogar gesagt, dass ihm der kleine Ausflug in die Agentengefilde reichte und er nichts damit zu tun haben wollte.
Dennoch registrierte er ein gewisses Bedauern. Wenn man mal davon absah, dass sein Leben und das seiner Nichte in Gefahr gewesen war, hatte er es doch im Grunde richtig aufregend und spannend gefunden. Das Leben eines Agenten musste wirklich sehr faszinierend und abwechslungsreich sein und es hatte Rodney doch irgendwie gefallen. Zumal er sich mit diesem Agenten John Sheppard auf eine merkwürdige Art und Weise gut verstand.

„McKay, Rodney McKay. Agent in geheimer Mission…. geschüttelt, nicht gerührt“, faselte Rodney träumend vor sich her, als er sich selbst in einem schnicken Anzug, Martini schlürfend an einer Bar stehen sah. Umzingelt von schönen Frauen und ausgestattet mit dem neuesten Spielereien für Agenten…

-Mein Gott, Mann!-, rief sich Rodney wieder zur Ordnung.

-Ich und Agent! Ich habe mir bei dieser Verfolgungsjagd und der späteren Prügelei fast in die Hosen gemacht. Selbst Sheppard wäre fast drauf gegangen und der hatte das nötige Know-How. Ich habe das nicht. Ich würde keine fünf Minuten als Agent überleben. Nein Rodney, das ist nichts für dich. Schuster, bleib bei deinen Leisten. Rodney … bleib bei deinen Spritzen! Den Kerl siehst du ohnehin nie wieder-, dachte er sich selbst just als er ein Klingeln an der Tür vernahm.

„Geschüttelt, nicht gerührt…pah!“, äffte er die allseits bekannte Agentenfigur murmelnd auf seinem Weg zur Tür nach.

Doch kaum hatte er diese geöffnet, sah er genau den Agenten wieder, der ihm schon seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf ging.

„Hey.“

„Äh … hi. Ich hatte nicht gedacht, dass ich Sie noch einmal wiedersehen würde. Oder … nein. Sagen Sie es nicht. Sie stecken schon wieder in Schwierigkeiten und-„

„Nein, nein, ich stecke nicht in Schwierigkeiten. Ich habe Ihnen doch versprochen, dass ich mich noch mal bei Ihnen melden werde. Außerdem … habe ich hier was für Sie…“, meinte John und deutete mit seinem Kopf auf den recht großen Karton zu seinen Füßen.

„Kommen Sie rein“, bat Rodney.

„Klar, wenn Sie mir helfen, die Kiste reinzubringen. Der Lieferant war so freundlich, es bis an die Haustür zu liefern, aber es nicht ganz so leicht und ich … naja“, erklärte John und wies wieder auf seinen ruhiggestellten Arm.

„Hm? Oh ja! Sicher“, antwortete Rodney und machte sich daran, den Karton in die Küche und auf den Tisch zu hieven, was natürlich nicht so einfach war, denn er war doch recht schwer.

„Was ist überhaupt da drin?“

„Machen Sie es auf“, ermunterte ihn John und unterdrückte daraufhin ein kleines Grinsen.

Er konnte sich gut vorstellen, dass der Arzt gleich vor Freude an die Decke springen würde und so wie er ihn mittlerweile kannte, konnte er sich auch denken, dass seine Stimme dabei in die Höhe schnellen würde. Und so kam es auch, als Rodney die farbenfrohe Verpackung des Teleskops erblickte.

„Das ist … das ist … das … ein Pentax! Das ist eines der teuersten Teleskope, die es gibt… und das… das ist… dieses Modell ist doch noch gar nicht in den Verkauf gelangt. Wie sind Sie da dran gekommen?“

„Das bleibt mein Geheimnis“, antwortete John.

„Ja, aber … das muss doch sau teuer gewesen sein. Wie … das geht doch nicht!“

„Doch, das geht. Sie haben Ihres zertrümmert, als Sie es dem einen Kerl übergezogen haben… und haben mir damit vermutlich das Leben gerettet. Ich revanchiere mich nur.“

„Revanchieren? Das ist … das ist doch… verdient man als Agent so viel?“

John konnte nur wieder auflachen. Nach kurzem Hin und her und einem entsprechenden Blick von John, der dem Arzt deutete, sich auf keine Diskussion über das Geschenk einzulassen, musste auch Rodney lächeln und bot dem Agenten einen Kaffee an.

„Wie geht´s Madison?“, wollte John wissen und nippte an seinem Kaffee

„Gut. Hoffe ich. Heute soll sie ihre Note für das Modell eines Sonnensystems bekommen. Aber so wie ich diesen Kavanagh kenne, lässt er sich wieder irgendwas einfallen. Mittlerweile habe ich mit anderen Eltern gesprochen, die ebenfalls der Meinung sind, dass irgendwas mit diesem Kerl nicht stimmt. Er behandelt einige Kinder bevorzugt, während er andere auf dem Kieker hat. So geht´s einfach nicht. Wenn Maddie diesmal nicht die Note bekommt, die sie wirklich verdient, sorge ich dafür, dass er mal wirklich bekommt, was er verdient. Und das schnell. Ihm muss der Garaus gemacht werden.“

„Oh, ich glaube das wird schon bald passieren“, antwortete John wohlwissend und grinste wieder in sich hinein.

„Wie kommen Sie darauf?“

„Habe ich so im Gefühl.“

Epilog

Blue Garden Elementary School

Es war früher Morgen und in einer halben Stunde würde der Unterricht beginnen. Kavanagh saß gerade an seinem Schreibtisch und blätterte lustlos durch eines seiner Lehrbücher, als die Tür zu seinem Büro aufschwang und der Schuldirektor mit einem ihm unbekannten Mann eintrat.

„Mister Kavanagh … es freut mich außerordentlich, Ihnen Ihren Nachfolger, Bill Lee vorzustellen. Sie werden versetzt. Ich freue mich, Ihnen als erstes gratulieren zu dürfen.“
Mit diesen Worten überreichte der Direktor dem perplexen Lehrer ein Schriftstück und schüttelte ihm enthusiastisch die Hand.

„Versetzt? Nachfolger? Ich verstehe nicht ganz“, stotterte der Lehrer vor sich hin und sah verwirrt zwischen dem Direktor, einem vielleicht fünfzigjährigen, etwas untersetzten Mann mit Brille und wenig Haaren, als auch dem Schreiben in seiner Hand hin und her.

„Ja, äh… sehen Sie, man ist offenbar der Meinung, dass ein Mann, ein Lehrer mit Ihrem Wissen und Talenten in dieser Schule fehl am Platze ist. Daher werden Sie versetzt.“

„Versetzt? Aber ich…“

Noch immer fassungslos über die Ereignisse der letzten Minuten sah Kavanagh noch einmal auf das Schreiben in seinen Händen und entdeckte die Ortsangabe seines neuen Lehrerpostens.

„Kotzebue? Aber… das ist doch in Kanada!“, entfuhr es ihm schockiert, worauf sich der neue Lehrer Mister Lee zum ersten Mal zu Wort meldete und ihn korrigierte.

„Nein, eigentlich ist es in Alaska. Ziemlich kalt da oben. Sie sollten sich was Warmes mitnehmen.“

 

Ende

 

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Shahar Jones

Meine erste Fanfic schrieb ich über Stargate Atlantis.
Mittlerweile mixe ich meine Storys auch gerne mal mit anderen Fandoms, wie dem Sentinel. Aber im Großen und Ganzen hänge ich immer noch in der Pegasus-Galaxie rum. Allerdings liebe ich es auch, die Leute zu überraschen ;)

6 Kommentare:

  1. Au Backe! Armer Rodney. Wie soll der denn da den Richtigen finden? *kopfschüttel*
    Den ersten Teil hast du echt super hin bekommen. Bin gespannt wie es weiter geht.
    Und in der Haut des Physik-Lehrers möchte ich auch nicht stecken. LOL
    LG Cupida 🙂

    • Hallo Cupida Carter,

      danke für dein Feedback. das freut mich sehr.
      Ob Rodney den richtigen findet, muss sich noch rausstellen, aber ich denke er wird selbst kurzen Prozess machen. Und der Physik-Lehrer wird auch noch sein Fett-weg bekommen, keine Sorge, da habe ich schon was schönes im Sinn.

  2. Hey,
    Ich finde die Geschichte einfach super und lese immer wieder gerne. Deswegen wollte ich mein schwärmender sein beenden nur dir einen Kommentar hinterlassen.

    Bye Angelchan

    • Freut mich, dass sie dir gefällt. Ich arbeite zur Zeit am Plot für die 2. Story der Scarecrow Reihe, obwohl … der Plot steht. Muss nur noch anfangen zu schreiben. 😉

  3. Das war toll, ich hatte viel Spaß beim Lesen, danke!

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