SGA/ALEXA: Ghosts of the Past – Teil 2

„Hey Rodney“, hallte Johns müde Stimme durch Rodneys Labor.

„Oh sieh mal einer an! Rhett Butler ist da. Was macht denn deine schöne Scarlett? Verbringt sie Zeit mit ihrem Ashley?“, frotzelte Rodney amüsiert darauf los, was Johns ohnehin miese Stimmung nicht gerade gut tat.

„Habe ich nicht gesagt, ich will nichts hören, Rodney?“, knurrte John zurück und lehnte sich neben Rodney an den Labortisch. „Was soll das überhaupt mit Rhett Butler und Scarlett?“

„Sag bloß, du kennst den Film nicht?“

„Natürlich kenne ich den Film!“

„Rhett Butler, unsterblich in die schöne Scarlett verliebt und Scarlett, die dem schöngeistigen Weichling Ashley verfallen ist. Eine tragisch schöne Romanze, die sich in mancher Hinsicht offenbar wiederholt. Und hast du gewusst, dass …“

„Ich kenne den Film! Und hör einfach auf damit, okay?“, platze es nun etwas lauter aus John heraus und Rodney schwieg schmunzelnd. „Es recht schon gerade, dass die schöne Scarlett nur mit den Wimpern klimpern muss, damit wir ein blitzblankes Schwimmbecken haben. Da muss du nicht noch…“

„Wir haben ein Schwimmbecken?“ Rodneys Erstaunen ließ ihn sofort mit seiner Arbeit innehalten.

„Ja, Evans hat es heute während einer Erkundung eines Sektors im Westpier entdeckt. Sah ziemlich übel aus. Muss lange oder mehrmals überflutet gewesen sein. Schäden, Dreck und Kadaver.“

„Kadaver? So wie tote Kadaver?“, angewidert verzog Rodney das Gesicht.

„Hast du schon mal lebendige Kadaver gesehen? Irgendwelche Meeresgetiere und tote Fische. Aber es brauchte nur ein Fingerschnipsen seitens Alexa und der gütige und gottgleiche Erleuchtete springt nach ihrer Fasson, tippt den Boden an und schon ist alles wieder gut und heil.“

Johns Spott war nicht nur lautstark, sondern auch an seiner Miene und Körperhaltung unübersehbar und sogar Rodney verging langsam das Lachen. Es musste ihn ja ganz schön beschäftigen, wenn er sich derart wortgewaltig über die Anwesenheit dieses Mannes aufregte.

„Sie bedeutet dir wirklich etwas, hm?“, fragte Rodney leise und John sah ihn eine ganze Weile nur schweigend an. Aber schlussendlich ging John nicht weiter darauf ein. Stattdessen kam er lieber gleich zu dem Grund seines eigentlichen Besuches bei seinem Freund und Teamkameraden.

„Hast du den Zugangscode, der zum Entschlüsseln der Akten der Antiker benutzt wurde, eigentlich schon separiert?“

„Ich arbeite gerade daran, wieso?“

„Ich brauche weitere Informationen.“

~~~///~~~

Den restlichen Tag hatte John sich hinter seinen verhassten Schreibtisch geklemmt und ein wenig Arbeit erledigt, die sich trotz Lornes reger Mitarbeit langsam stapelte. Ein paar Berichte hier, ein paar Anfragen dort, einige Emails, die schon seit mindestens zwei Wochen auf Antwort warteten, Bestellungen, Beschwerden, die zumeist Woolseys Handschrift trugen – nichts, was John nicht schon kannte und ihn sonderlich viel Zeit und Nerven kosteten.

Bis auf das Durcheinander, das offenbar in den Dienstplänen seiner Männer herrschte. Eine Arbeit, die eigentlich Alexa erledigen sollte. Nachdem John sich einen genaueren Überblick verschafft hatte, erkannte er nicht nur das Problem auf den Plänen, sondern auch, dass diese offenbar auf dem Dienstweg oder besser gesagt im Vorbeigehen entstanden sein mussten.

Murrend und knurrend brachte John wieder Ordnung in das Chaos. Stellte die Einteilungen und Zeitpläne um, kontaktierte die betroffenen Personen, hörte sich noch die eine oder andere Beschwerde an und vermied es dabei krampfhaft, die Schuld der Antikerin zu geben. Doch das Bild dieses leuchtenden Adonis, der womöglich auf ihrem Schreibtisch gesessen und sie angehimmelt haben musste, während sie wohl dieses Chaos anrichtete, wollte nicht so recht aus seinem Kopf weichen.

Der Drang, etwas Dampf abzulassen wurde fast übermächtig und so entschied John, trotz seiner noch immer leicht schmerzenden Rippen und seiner Gehirnerschütterung nach dem Abendessen die Trainingshalle aufzusuchen. Abends war die Halle meistens leer und so hoffte John, durch nichts und niemanden gestört zu sein. Er vermied es, Jennifer, Carson oder gar Elisha zu fragen, ob er denn bereits die Freigabe für ein leichtes Training hätte und er hatte sich auch fast das Genick gebrochen, als es darum ging, von seiner Familie ungesehen in Trainingskleidung durch die Stadt zu seinem Zielort zu hechten. Hätte er sich erst einmal auf dem Ergometer ausgetobt, würde es ihm bestimmt ein wenig besser gehen.

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Ächzen, keuchen und ein gelegentliches Stöhnen durchzog die nur leicht ausgeleuchtete Räumlichkeit. Der Puls raste, Hitze ließ die Haut glühen und der Schweiß bedeckte ihre Körper. Die Bewegungen waren zunächst langsam, fließend und sanft, doch dann stieg das Tempo und die Härte, die Zurückhaltung ließ nach, bis ein lauter Knall durch den Raum hallte.

Dennoch verspürte Alexa keinen Schmerzen, als Darius sie über seine Schulter zu Boden auf die Matte warf. Schnell hielt er sie mit geübten Griffen am Boden und machte eine Gegenwehr ihrerseits unmöglich.

„Und jetzt?“, hauchte Darius nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt, während Alexa sich nur halbherzig zu wehren versuchte.

Er war einst ihr Ausbilder, ihr Trainer, ihr Kollege und ihr Freund. Sie wusste um seine Kenntnisse, Erfahrungen und Fähigkeiten und sie wusste, dass sie seiner Kraft und seinem Griff nicht entkommen konnte. Und das wollte sie auch gar nicht mehr. Nur wenige Zentimeter konnte sie ihren Kopf heben und das reichte auch gerade aus, um seine Lippen zu erreichen und sich einen zarten Kuss von ihm zu stehlen.

„Funktioniert es?“, fragte sie flüsternd, als sie sich von seinen Lippen trennte und an sein Kinn und Hals mit sanften Küssen und zärtlichem Knabbern bedeckte, während er nach Luft schnappte.

„Also wenn du mit `Funktioniert es?´ darauf hinaus willst, dass du deine Gegner um den Verstand küssen willst, dann …“

„Funktioniert es“, beendete Alexa den Satz ihres Geliebten und stahl sich einen weiteren Kuss, der Darius nur noch ein ersticktes „Mmpff“ entlockte und gänzlich schwach werden ließ.

Im Taumel seiner Gefühle und Eindrücke lockerte er den Griff um ihre Handgelenke, worauf sie sich eilig an seiner Uniform festkrallte und durch seine ohnehin kurzen Haare wühlte. Auch wenn er sich bemühte und darauf achtete, sie nicht mit seinem Gewicht erdrücken zu wollen, konnte er ihr kaum noch widerstehen, als er sich langsam über sie legte und Alexa ihre Beine um seine Hüfte schlang.

Der anfangs zärtliche Kuss verwandelte sich in Windeseile in ein leidenschaftliches Duell der Zungen.

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John war noch nicht einmal in unmittelbarer Nähe der Trainingshalle gewesen, da hörte er schon die beiden in der Trainingshalle turnen, lachen und scherzen. Dann hatte er gesehen, wie der Antiker Alexa entwaffnet und schachmatt gesetzt hatte und nun … nun hatte er mit ansehen müssen, wie dieser sich an seine Alexa heranmachte und geradezu über sie herfiel.

Der Schmerz, der Johns Inneres durchzog, war kaum zu ertragen und einen vernünftigen und klaren Gedanken konnte er auch kaum noch fassen. Sein erster Impuls ließ ihn beinahe in den Raum stürmen, um Alexa aus den Händen dieses arroganten … was auch immer zu befreien. Stattdessen ballte John wieder die Fäuste, ignorierte diesen neuen Schmerz und das leise Knacken der Gelenke, drehte sich um und stapfte aufgelöst davon.

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Die Nacht war geprägt von Schlaflosigkeit. Zuerst hatte John gegen eine merkwürdige innere Unruhe kämpfen müssen, dann hatte er sich mit seinem Kopfkissen angelegt und Stunde um Stunde nach einer bequemen Lage gesucht. Nun hatte er durch sein Hin und Her Wälzen, das Zusammenknautschen und die vielen Schläge auf sein Kopfkissen eben dieses auf die Form und Größe eines Handballes verarbeitet. Gerade mal zwei Stunden Schlaf, die auch noch mit den unmöglichsten Träumen durchzogen waren, war John vergönnt.

Noch bevor der Wecker klingelte, war John aus dem Bett gekrochen, hatte geduscht und seine Rippen im Spiegel begutachtet. Das Blau war beinahe gänzlich verschwunden und Jennifer würde hoffentlich keinen Grund mehr finden, ihn weiterhin leichten Dienst schieben zu lassen. Er wollte wieder raus auf Mission. Von ihm aus auch auf eine weitere Stippvisite zur Akademie, aber Hauptsache raus aus der Stadt und weg von diesen Turteltäubchen.

Er wurde schon am frühen Morgen arg enttäuscht. Zuerst war kein Kaffee mehr da, denn John war offenbar nicht der Einzige, der sich in aller Herrgottsfrühe mit dem heißem und braunem Wachmacher versorgen wollte. Und dann hielt sein Pech offenbar noch an, als er, während die Kantine noch Kaffeenachschub produzierte, die Krankenstation aufsuchte und auch dort eine Niederlage einstecken musste. Jennifer war über das freiwillige Erscheinen des Colonels geradezu sprachlos, doch das änderte sich schnell, als John mit ihr über seine uneingeschränkte Diensttauglichkeit diskutieren wollte. Sie blieb standhaft und er zu Hause.

Grummelnd hatte er den Weg zurück in die Kantine hinter sich gebracht, schnappte gleich nach einer ganzen Kanne Kaffee und setzte sich zu seiner Familie, die sich ebenfalls über den aromatischen Muntermacher freute. Patrick und Carol verstanden Johns Wunsch, die Stadt verlassen und wieder auf Mission gehen zu können nur zu gut, aber auch Jennifers Entscheidung war nachvollziehbar. Zwar war das Blau an Johns Rippen beinahe gänzlich verschwunden, seine leichte Gehirnerschütterung jedoch nicht.

Aber er hatte zumindest einen kleinen Teilerfolg bei Jennifer erringen können. Er durfte das Schwimmbecken nach der gestrigen Zauberaktion genauer unter die Lupe nehmen und auch ein paar Runden drehen. Allerdings mit dem Versprechen, es ruhig angehen zu lassen und nicht zu übertreiben. Patricks Begleitung sollte dies sicherstellen und eine weitere Predigt seitens Jennifer sollte dafür sorgen, dass John sich am Ende doch eher für den Whirlpool entscheiden würde.

Vater und Sohn trotteten in gemütlichem Tempo zur Schwimmhalle, verliefen sich mindestens einmal, da Patrick sich noch immer nicht so gut in der Stadt auskannte und John jenen Teil des Westpiers erst zum zweiten Mal betrat. Aber nach etwa 20 Minuten hatten sie endlich die Halle erreicht und inspizierten die Umkleide- und Duschkabinen.

John musste zugeben, es war wirklich alles in einem geradezu perfekten Zustand. Keine Defekte oder gar irgendwelche Gefahren für Leben und Gesundheit. Es blinkte und glänzte nur so vor Reinheit und Sauberkeit. Sogar die Botaniker hatten bereits die Zeit gefunden, einige Grünpflanzen an entsprechende Stellen zu platzieren, um der Einrichtung einen einladenden Eindruck zu vermitteln.

„Na, seien wir mal ehrlich, John“, meinte Patrick, dem das grübelnde Gesicht seines Ältesten auffiel. „Wie lange hätten wir gebraucht, um das so hinzubekommen? Falls überhaupt.“

John antwortete nicht, steuerte stattdessen gleich den Beckenbereich an und blieb wie vom Donner gerührt stehen. Er sah zu, wie Darius mit wenigen kräftigen Zügen zum Beckenrand schwamm, um sich sitzend darauf niederzulassen.

Natürlich war er nicht alleine. Alexa tauchte auf, suchte nur kurz nach ihrem Geliebten und schwamm dann zu ihm. Kaum erreicht, spreizte Darius seine kräftigen, Oberschenkel etwas, sodass Alexa sich locker auf sie stützen und hochhieven konnte. Nur für einige Sekunden umschlang Darius sie enger, beide genossen die zärtlichen Küsse, bevor er sie dann wieder an ihrer Hüfte packte und sie lachend von sich zurück ins Wasser stieß und selbst wieder hineinglitt. Alexa prustete beim Wiederauftauchen und lachte, während Darius sie wieder in eine enge Umarmung schloss. Von da an schienen ihre Küsse leidenschaftlicher und vor allem unendlich zu sein.

John machte auf dem Absatz kehrt und rauschte an seinem Vater vorbei, der noch immer mit der Begutachtung der Umkleidekabinen und Ruhebänke beschäftigt war.

„Das Schwimmen ist verschoben! Auf unbestimmte Zeit!“

„Was … wieso? John?“ Verwirrt blickte Patrick zwischen John und dem Eingang des Beckenbereichs hin und her, bevor er selbst einige Schritte tat, um seiner Neugier Herr zu werden. Sekunden später war er im Bilde und eilte sich, seinen Sohn einzuholen. „Warte auf mich! … Hey!“

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Eine ganze Weile saßen Vater und Sohn in ihrem gemeinsamen Projekt, dem Black Hawk und tranken Tee. John war eigentlich kein großer Teetrinker, aber er war es leid, sich mit seinem Vater wegen Kaffee anzulegen. Eigentlich war ihm wegen seiner Gehirnerschütterung nicht einmal die eine Tasse zum Frühstück erlaubt worden, aber Jennifer war nicht da und Carol wurde von John und Patrick und deren bittenden Dackelblicken einfach überstimmt. Und so achtete Patrick nicht auf das murren und knurren von John, als er ihm eine Tasse des athosianischen Entspannungstees in die Hand drückte. Gott wusste, John brauchte händeringend Entspannung.

„Findest du das noch normal?“, fragte John nach einer ganzen Weile.

Patrick zog verwundert die Augenbrauen hoch, bevor er antwortete. „Die beiden sind verlobt, oder waren es … oder sind es immer noch. Keine Ahnung, wie das bei denen läuft.“

„Ich meinte eigentlich … ich meinte mich. Findest du … dass ich übertreibe? Dass ich zu extrem reagiere? Ich meine …“

„Ich meine, da du selbst nicht genau weißt, was mit dir gerade geschieht, abgesehen von deiner enormen Zuneigung für Alexa, kann so ziemlich alles normal sein.“

„Oh danke. Das hilft mir bestimmt weiter“, spottete John und sah gereizt zu seinem Vater, der nur mit den Achseln zucken konnte. „Habe ich überhaupt das Recht, so … zu … reagieren? Sie weiß … sie kennt meine … ich habe es ihr nie sagen können, aber sie weiß es und jetzt … ist er da.“

„Sie ist bisher auch nicht auf deine Gefühle für sie eingegangen?“, fragte Patrick und John schüttelte mit dem Kopf. „Dass du sie liebst steht außer Frage. Aber ja, die Frage ist durchaus angebracht. Du musst das klären, John. Dringend … vor allem für dich selbst.“

„Und wie?“

„Weiß nicht … vielleicht, in dem du herausfindest, was für dich wichtig ist. Ist es die Tatsache, dass sie bisher nicht auf deine Gefühle ihr gegenüber eingegangen ist und nun mit ihrem Verlobten zusammen ist und du sie somit nicht haben kannst, oder ist es ihr Seelenleben, dass bald wieder in Trümmern liegt, wenn der Mann den sie liebt, sie wieder verlässt? … Dein eigenes Verlangen oder ihr Glück?“

John schwieg und verfiel in Gedanken. Vielleicht hatte sein Vater gar nicht so unrecht. Er reagierte extrem, nur war er sich selbst nicht einmal so sicher, worauf eigentlich. Eifersucht, weil sie die Umarmung eines anderen genoss? Oder bereitete ihm das Wissen, dass sie bald wieder von Kummer geplagt sein würde, selbst Qualen?

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Eine ganze Weile hatte John grübelnd und mit sich selbst ringend in seinem Black Hawk gesessen. Patrick hatte sich noch ein wenig mit ihm unterhalten wollen, aber als dieser merkte, dass die Konfrontationen mit diesen Fragen ihn zusehends mehr beschäftigten, verabschiedete er sich. Allerdings nicht, ohne ihm vorher noch das Versprechen abzuringen, das Mittagessen im gemeinsamen Quartier der Familie einzunehmen.

Doch bis dahin wollte John nach Antworten suchen. Er bezweifelte, dass er sie erhalten würde, aber ein Versuch konnte nicht schaden und so betrat John bereits zum zweiten Mal an diesem Tag die Krankenstation. Erleichterung durchfuhr ihn, als er erfuhr, dass Marsilius nach einer kurzen Spazierfahrt durch die Stadt, wieder vom General hierher zurückgebracht wurde und Elisha im Operationssaal war. So gab es nur Jennifer und Carson, die um ihn herumscharwenzeln konnten. Aber zumindest wussten diese, warum John das Krankenzimmer des alten Antikers aufsuchte.

„Colonel Sheppard“, grüßte der Alte ihn leicht lächelnd. Marsilius hatte sich schon gefragt, wann der Colonel ihm endlich einen Besuch abstatten würde.

„Störe ich?“, fragte John.

„Nein. Ganz und gar nicht.“

„Ich habe Sie doch etwa nicht geweckt oder so?“, fragte John weiter und auch dieses Mal verneinte der Antiker. „Ich wollte mich nur erkundigen, ob es irgendetwas gibt, dass Sie benötigen oder ob ich etwas für Sie tun kann.“

„Danke, das ist sehr freundlich, Colonel. Der General und Elisha haben sich bereits um alles gekümmert. Mir mangelt es an nichts. Auch Ihr Personal ist sehr freundlich und fürsorglich.“

„Ja, bei Leuten aus Ihrem Volk springen viele ganz gerne mal im Dreieck.“

„Ja, das ist mir aufgefallen. Vermutlich, weil wir nur noch so wenige sind.“

„Unter anderem“, erwiderte John und überlegte, wie er fortfahren sollte. Ihn direkt anzusprechen, wäre vermutlich genauso erfolgreich, als würde man sich mit einer Wand unterhalten. Andererseits –wie gewieft war dieser Marsilius und wie viel Zeit hatten die beiden, bevor der General wieder nach seinem bestem Freund sehen wollte?

„Halten Sie uns denn für etwas Besonderes?“, fragte Marsilius, der John genau beobachtete.

„Sagen Sie es mir. Sind sie es?“

„Nun“, begann Marsilius und musste zugeben, dass der Colonel offenbar schnell zum eigentlichen Grund seines Besuches kommen wollte, „für manch einen von uns mag das einmal zugetroffen haben. Vielleicht trifft es auch heute noch zu.“

„So besonders, dass man das Risiko eingeht und sich so lange Zeit in Stase begibt, nur um seine Freunde wiedersehen zu können?“

„Ja“, gab Marsilius knapp aber ehrlich zurück. Wie viel konnte er dem Colonel verraten, ohne wirklich etwas zu sagen? „Sogar so besonders, dass ich von meinen Freunden lieber als Familie spreche.“

Nur kurz hatte Marsilius den Blick von John gewandt, als er nach seiner Tasse Tee greifen wollte. Leider war er nicht mehr ganz so gelenkig, um zur Seite zu greifen und so trat John näher und reichte ihm die Tasse. Marsilius dankte ihm mit einem Lächeln, trank in einem kräftigen Zug und hielt die wärmende Tasse in den Händen. Sein Blick wieder starr auf John gerichtet, fragte sich Marsilius, wie viel von seinem Können, seinen Fähigkeiten und seinem Wissen er wohl in den letzten Jahrtausenden im Kälteschlaf eingebüßt hatte. Sicher, er hatte sofort das Merkmal in dem jungen Burschen vor ihm gespürt und er hatte auch einige Male beobachten können, wie eben dieses Merkmal ihm zu schaffen machte.

John Sheppard spürte bereits diese merkwürdige Anziehungskraft zu Alexa, aber würde er auch eine gewisse Verbundenheit zu einem Mann seiner Gilde spüren? Zum General oder gar zu ihm?

„Ich meine dabei weniger die Tatsache, dass sie mich in ihre Familie aufnahmen, als ich meine verlor … und sie mir Trost und Kraft spendeten. Ich spreche vielmehr von etwas, das tiefer geht, das man weder sehen oder greifen kann“, sprach Marsilius weiter und setzte bei seinen Fähigkeiten alles auf eine Karte. Es würde vermutlich Tristanius auf den Plan rufen, womöglich auch Darius, aber verflixt, wenn die Beiden nicht den Mund aufbekamen, dann lag es eben an ihm. Marsilius intensivierte seinen Blick „Ein Gefühl von Vertrautheit, tiefer Verbundenheit, wahrlich wie bei einem Bruder … einem Bruder im Geiste und im Blute. Ein Bruder im Kampf und in Frieden.“

Verdammt, dieser Mann schien schon wieder in ihn hineinzusehen und dieses merkwürdige Gefühl … wollte er ihn hypnotisieren? Nur kurz schien John verwirrt, doch dann wurde ihm bewusst, dass er plötzlich eben jene Vertrautheit spürte, von dem der Alte sprach, die er bereits beim General gespürt hatte. Was zur Hölle war hier denn nur los?

„Und welche Rolle spielt Alexa in diesem … was auch immer?“, fragte John weiter und wollte nun endlich auf den Punkt kommen. „Ist sie eine Schwester oder so etwas?“

„Keine Rolle, Colonel, und keine Schwester. Es zu beschreiben, ist schwierig und …“

„Und Sie dürfen es nicht. War ja klar“, unterbrach John. Auch wenn er wusste, dass es so weit kommen würde, so war er nun doch enttäuscht. Und etwas verärgert.

„Sie haben recht, ich darf es nicht. Und dennoch bin ich hier und Sie sind hier und wir unterhalten uns. Ich schlage vor, Sie hören zu, solange ich noch die Möglichkeit habe, in Rätseln zu sprechen“, antwortete Marsilius streng und John glaubte sogar, durch dessen Blicke getadelt zu werden.

„Alexa spielt keine Rolle und dennoch steht sie im Mittelpunkt“, fuhr Marsilius fort, nachdem John schwieg und ihn erwartungsvoll anblickte. „Alexa steht im Zentrum von etwas, dass man nicht in Worte fassen kann. Etwas, das … nun, es käme ihr eigentlich nicht gerecht, davon zu sprechen, sie stünde im Zentrum. Sie ist das Zentrum. Sie ist der Mittelpunkt, sie …“

Marsilius horchte auf und auch Johns Verwirrung hielt nur Sekunden. „Tristanius ist bereits unterwegs. Ich kann Ihnen nicht die Antworten geben, die Sie wünschen, Colonel, aber ich weiß, wie es Ihnen geht und was mit Ihnen geschieht. Seien Sie versichert, es ist alles in Ordnung. Alles hat seine Richtigkeit. Vertrauen Sie darauf. Vertrauen Sie auf sich und Ihre Instinkte. Darius ist nicht ihr Feind und auch der General ist es nicht. Das Wichtigste aber ist Alexa. Sie wird Sie brauchen. Sie und Ihren Schutz. Ihr darf nichts geschehen. Er darf sie nicht bekommen.“

„Wer ist er?“, fragte John schnell, denn ihm entging nicht, dass Marsilius seine Worte mit Eile aussprach und der General war bereits zu hören, als er am Eingang zur Krankenstation nach seiner Frau fragte.

„Ein gefährlicher Mann. Ein verkommenes Subjekt, dessen Bosheit keine Beispiele kennt. Sie müssen Alexa beschützen, John Sheppard. Es steht mehr auf dem Spiel, als Sie sich vorstellen können. Mehr als man in Worte fassen kann.“

John nickte und nur einen Augenblick später betrat Tristanius das Krankenzimmer. „Colonel?“, fragte Tristanius misstrauisch. Marsilius kam ihm zuvor und John staunte abermals über die Schauspielkunst des alten Antikers.

„Der Colonel hat sich nach meinem Befinden erkundigt und er war auch neugierig bezüglich der Akademie. In Erinnerungen zu schwelgen tat zwar gut, aber es ist auch ermüdend.“

„Dann werde ich Sie mal in Ruhe lassen. Ich habe sowieso noch etwas zu erledigen. Lassen Sie mich wissen, wenn es etwas gibt, dass wir für Sie tun können“, meinte John, worauf Marsilius dankbar nickte und verabschiedete sich.

Tristanius sah ihm nach und wartete bis John die Krankenstation verlassen hatte, bevor er sich in seiner Muttersprache sprechend wieder an seinen Freund wandte.

„Hatte ich mich nicht klar ausgedrückt? Wie kannst du es wagen …“

„Ach reg dich ab, Tristan. Ich habe nichts gesagt, was er nicht schon weiß. Abgesehen davon, dass ich ihn vielleicht auch ein bisschen beruhigen konnte.“

„Beruhigen? Du schürst seine Neugier nur!“

„Nein, die kommt von selbst. Verstehst du nicht? Sein Merkmal ist stark und sein Blut arbeitet bereits an einer Bindung zu Alexa. Er kann unsere Anwesenheit wahrnehmen, nur weiß er nicht, was es zu bedeuten hat. Er macht all diese Veränderungen durch und niemand steht ihm zur Seite. Es ist unsere Pflicht ihn zu lehren und zu führen.“

„Du sprichst schon wie Elisha“, maulte Tristan kopfschüttelnd.

„Deine Elisha ist eine weise Frau, Tristan. Du solltest auf sie hören.“

„Wenn es nach ihr ginge, käme die alte Schrift einer Gesetzestafel gleich.“

„Die alte Schrift … wir haben sie selbst einmal studiert, alter Freund, erinnerst du dich? Wir wissen doch beide, dass sie nur die Wahrheit spricht.“

„Unsinn. Die Schrift verdreht den weiblichen Wesen nur den Kopf und lässt die Männer unbedacht handeln. Alles nur poetisches und romantisches Geschwafel.“

„Du sprichst Recht, wenn du sagst, dass die Männer unbedacht handeln. Du bist das beste Beispiel, Tristan. Du hast deine Lehren der alten Schrift vergessen, nicht wahr? So beobachtest du nun John Sheppard, ohne wirklich zu sehen, was vor sich geht.“

Tristanius wollte schon erwidern, dass es genug sei, dass er sich die Zurechtweisung seines Freundes und Adjutanten nicht länger gefallen ließ, doch er stockte und Marsilius nutzte die Gelegenheit seinem Unmut weiter freien Lauf zu lassen und fuhr fort.

„Siehst du nicht, wie er sich nach ihr verzehrt? Wie nah er einem Kontrollverlust ist, wenn er nur schon Darius sieht? Siehst du nicht, was du anrichtest, wenn du ihn bittest deine Tochter zu beschützen, aber ihm nicht erklärst wovor oder vor wem? Oder gar wie? Weißt du, welcher Gefahr du die beiden aussetzt, wenn sie nicht wissen, wer sie sind? Was sie sind? Tristan, muss ich dich wirklich daran erinnern, dass Alexa mehr ist, als deine Tochter?“

„Das musst du nicht. Ich denke seit dem Tag ihrer Geburt daran!“

„Und 13.000 Jahre, mit all dem Geschehen währenddessen haben nicht gerecht, dich zu überzeugen und klüger werden zu lassen? Du bist wirklich das sturste Exemplar eines Agemas, das ich je kennenlernen durfte.“

„Du bist wirklich unverschämt, Marsilius. Das Alter hat dir diese Eigenschaft offenbar nicht austreiben können.“

„Dafür haben all die Jahrtausende dir offenbar irgendwelche Flausen in den Kopf gesetzt. Was ist nur los mit dir, Tristan? Du hattest kaum ein Problem, dich Darius anzunehmen und ihn auszubilden. Warum zögerst du bei Sheppard?“

„Ihn auszubilden? Hast du vergessen, was geschehen ist? Was Darius widerfuhr? Was ich … was ich meiner eigenen Tochter angetan habe?“

„Nein, das habe ich nicht … Du scheinst oft daran zurückzudenken, aber du erkennst die Fehler einfach nicht, habe ich recht? … Tristan, siehst du denn nicht, dass du mit deiner Sturheit und deinem Zögern dem Bösen geradewegs in die Hände spielst? Ich beschwöre dich, mein Freund, höre auf meine Worte. Ich hatte lange Zeit, um darüber nachzudenken, also vertraue mir, wenn ich dir sage, du brauchst die alte Schrift. Sie spricht die Wahrheit … Vertraue auf sie, halte dich an sie, richte dich nach ihr. Nimm die Studien wieder auf und unterweise Sheppard. Er ist stark, vielleicht stärker als wir beide zusammen. Und bei allen Erleuchteten, zögere nicht damit, die Wahrheit zu offenbaren … sonst werden deine Befürchtungen wahr und es wird ihm wie Darius ergehen. Dann hättest du deine Tochter zum zweiten Mal ins Unglück gestürzt … das kann nicht dein Wunsch sein.“

„Elisha hat geplaudert, wie?“, schnaubte Tristanius, als ihm gerade Marsilius letzter Satz wie ein Schlag traf.

„Wie ich sagte, sie ist eine weise Frau, aber Nein. Das hat sie mir nicht gesagt. Es ist nicht schwer in dir zu lesen, mein Freund. Und es ist nicht schwer zu übersehen, wie du Sheppard im Auge behältst.“

„Du magst recht haben, Marsilius“, erwiderte Tristanius leise und atmete tief durch um sein Gemüt zu beruhigen und die Worte seines Freundes auf sich wirken zu lassen. Er mochte seine Fehler haben und auch gelegentlich ein gegensätzliches Verhalten an den Tag legen, aber er wusste, wann es besser war, nachzugeben und Recht da hin zu tun, wo es hingehörte. „Ich kann ihn aber kaum lehren. Schon gar nicht nach der alten Schrift. Wir haben sie damals studieren können, ja. Aber du erinnerst dich bestimmt daran, dass die alte Schrift, die wir damals nutzten, schon den Status einer Reliquie hatte. Sie war unvollständig und zerbröselte fast, wenn man sie nur schon ansah. Unsere Ausbilder sprachen nicht nur von ihr, wie von einem Heiligtum, sie behandelten sie auch so. Es war ein Wunder, dass sie überhaupt noch zusammenhielt. Selbst wenn ich wüsste, wo sie nun wäre … heute ist bestimmt nichts mehr von ihr übrig.“

„Von ihr nicht mehr, nein. Aber von einer Kopie ist ein Großteil vorhanden. Eine Kopie, die damals von einem der letzten und findigen Agemas erstellt wurde, bevor auch der letzte Schnipsel des Originals in sich zusammenfiel.“

Tristanius starrte mit großen Augen zu seinem Freund, der sich nur mit Mühe ein hämisches Grinsen verkneifen konnte. Einige Male wollte er sprechen, doch es dauerte etwas, bis er wieder zu seiner Sprache fand. „Und das sagst du mir erst jetzt? Wozu die ganzen harten Worte, wenn du mir gleich hättest sagen können, dass …“

„Ach Tristan, du hast vorhin die alte Schrift als poetisches und romantisches Geschwafel bezeichnet. Hättest du mir denn gleich zugehört und hättest du mir auch geglaubt? Ich kenne dich doch! Wie oft habe ich dir schon meine Meinung sagen oder dir aufzeigen müssen, wo dein Irrtum lag?“

„Zu oft würde ich meinen. Du bist wohl der erste und einzige Adjutant in unserer Militärgeschichte, der ein solches Verhalten gegenüber seinem Vorgesetzten zeigt.“

„Und du der erste Vorgesetzte, der sich kaum bis gar nicht darüber echauffierte.“

„Ich habe dir sehr wohl und mehr als einmal zu verstehen gegeben, dass es mir missfällt, mit welchem Ton du mir gegenüber sprichst.“

„Ja, aber nur halbherzig. Du warst nie wirklich bei der Sache. Was wohl daran lag, dass es dir im Grunde gefiel, wenn dir jemand Feuer unterm Hintern machte und dir die Meinung sagte. Und schon machte es umso mehr Spaß.“

„Du findest das wirklich amüsant, hm?“, beschwerte sich Tristan murrend und schüttelte abermals mit dem Kopf.

„Ich bin ein alter Mann, der auf den Tod wartet. Gönn mir doch noch ein bisschen Spaß.“

Betretenes Schweigen machte sich zwischen den beiden Männern breit, während sie in unausgesprochenen Erinnerungen schwelgten. Doch dann bildete sich ein kleines Lächeln auf ihren Lippen, bevor Tristanius weitersprach. „Deine Meinung war mir immer sehr wichtig, das weißt du, oder?“

„Das will ich doch wohl meinen. Denn manchmal überwog die Mühe den Spaß an der Sache. So weiß ich nun wenigstens, dass es sich doch immer lohnte.“

~~~///~~~

John war auf dem Weg … nun, er wusste nicht so recht, wohin er nun gehen sollte. Er glaubte zwar, sein Büro mit dem unaufhörlich ansteigenden Berg von Papierkram förmlich nach ihm schreien zu hören, aber er hatte schlichtweg keine Lust mehr, das von Alexa angerichtete Chaos zu ordnen. Und das Mittagessen hatte auch noch gut eine Stunde zu warten. Die Sporthalle war merkwürdigerweise tabu für ihn, während eine kleine Runde im Pool für Jennifer in Ordnung zu sein schien. Doch er verzichtete darauf, Alexa mit ihrem Versprochenen schon wieder dort vorfinden zu müssen.

Gerade als er entschied, in sein Quartier zu gehen und die neuesten Erkenntnisse, die er im Gespräch mit Marsilius gewonnen zu haben glaubte, niederschreiben wollte, kam auch schon Alexa um die Ecke. Es fehlte nicht viel und sie wären zusammengeprallt. Gefangen von ihrem Anblick entging John zunächst, dass sie alleine war.

„Wo haben Sie denn Ihren Liebsten gelassen?“, fragte John und biss sich sogleich auf die Zunge. Sein Ton kam anklagender heraus, als er es beabsichtigte.

„Er hat etwas zu erledigen“, erwiderte Alexa stutzend.

„Sicher. Als Aufgestiegener muss er ja sehr gefragt sein.“

Alexas Gesichtsausdruck wandelte sich von verwirrter Zurückhaltung zu leichter Verärgerung, und obwohl sie ahnte, worauf John hinaus wollte, musste sie die Frage stellen. „Was soll das heißen?“

„Och, wenn er sich nicht gerade in aller Öffentlichkeit mit Ihnen auf einer Turnmatte oder im Pool vergnügt …“

„Das geht Sie ja wohl nichts an. Spionieren Sie mir etwa nach?!“

„Nein, ganz bestimmt nicht. Ist wohl auch nicht nötig, bei der Show, die Sie beide abziehen“, erwiderte John und konnte es nicht vermeiden, dass ein anklagender und auch gekränkter Ton in seiner Stimme mitschwang.

„Zu Ihrer Information, Colonel. Darius und ich haben es nicht nötig, irgendeine Show abzuziehen. Es geht Sie zwar nichts an, aber unsere Gefühle sind echt. Wir haben es nicht nötig, uns etwas vorzumachen.“

„Hm …“, brachte John lächelnd hervor und begann die Antikerin zu umkreisen. „Ich frage mich, ob Sie das auch dann noch behaupten, wenn dieser Leuchte ein Licht aufgeht und er wieder auf seine Ebene zurückkehrt … wo er offensichtlich ja etwas zu erledigen hat.“

„Er wird nicht zurückkehren. Er wird hierbleiben. Sie sollten sich an den Gedanken gewöhnen, dass er womöglich sogar ein Mitglied der Expedition wird“, antwortete Alexa und spürte allmählich Zorn in sich aufkommen. Dieser Mann nahm sich ein bisschen zu viel heraus.

„Das glauben Sie doch selbst nicht. Da habe ich auch noch ein Wörtchen mitzureden.“

„Nach dem letzten Stand meiner Informationen haben nicht Sie solche Entscheidungen zu treffen. Glücklicherweise.“

„So blind können Sie doch gar nicht sein, Alexa. Sehen Sie denn nicht, dass er nur hier ist, um Spiele zu spielen? Mit uns … und mit Ihnen. Er macht Ihnen wieder schöne Augen und Hoffnungen und dann …“

„Es wäre besser, wenn Sie sich um Ihre Angelegenheiten kümmern, Colonel. Sonst kann es passieren, dass er ein Spiel mit Ihnen spielt und ich sollte Sie warnen. Er verliert äußert selten.“

„Ich will nur nicht, dass Sie später … dass es Ihnen nachher wieder so schlecht geht.“

„Wie rührend. Zum letzten Mal: Es geht Sie nichts an, aber Darius liebt mich und ich liebe ihn, weil ich weiß, dass er mir niemals etwas vormacht oder mir in irgendeiner weise wehtut. Ungeachtet dessen … kann es Ihnen ja wohl egal sein“, platzte es Alexa und sie glaubte, ein Zusammenzucken in ihrem Gegenüber zu erkennen. “Kümmern Sie sich um sich, Colonel. Lassen Sie Darius und mich in Ruhe.“

Und damit war Alexa davon gestapft und ließ einfach einen niedergeschlagenen, getroffenen und beinahe verzweifelten Sheppard im Flur stehen.

~~~///~~~

John schien wie betäubt und das konnte man ihm auch deutlich ansehen, als er ziellos durch die Stadt streifte. Sogar die einzelnen Wachen an den sensiblen Punkten der Stadt warfen ihrem kommandierenden Offizier irritierte Blicke zu und begannen untereinander zu tuscheln. John bekam es entweder nicht mit oder es kümmerte ihn nicht.

Er schaffte es aber, sich noch vage daran zu erinnern, bei Rodney vorbei sehen zu wollen und ihn nach dem neuesten Stand seiner Untersuchungen zu fragen. Rodney erklärte hier und da etwas, aber John hörte nur mit halbem Ohr zu und auch Rodneys neugierige Fragen, ja sogar seine neckischen Spitzen blieben von John unbeantwortet. Langsam fragte sich der Kanadier, ob er sich Sorgen machen sollte.

Eisernes Schweigen seitens John herrschte auch während des gemeinsamen Mittagessens mit seiner Familie. Carol war es natürlich sofort aufgefallen, dass ihren Sohn etwas bedrückte, aber es war kein Wort aus ihm herauszubringen. Sogar auf Patricks Kommentar, sie brauche sich nicht zu wundern, bei den Beispielen die sie selbst mit ihrer eigenen Sturheit manchmal abgab, kam keine Reaktion. John murrte und knurrte etwas vor sich hin, half noch beim Abwasch und die Küche aufzuräumen und schon war er mit einer gemurmelten Entschuldigung verschwunden.

Nur das allernötigste seinen Job betreffend hatte er am Nachmittag erledigt und verzog sich dann an einen Ort, an dem seine Familie ihn niemals suchen würde. Der höchste Aussichtspunkt war auch gleichzeitig der Ort, an dem er und Teyla gegen Michael gekämpft hatten und an welchem er nun Ruhe fand. Er hatte einige Augenblicke damit verbracht, sich die kühle Meeresluft um die Nase wehen und den Blick über den Ozean bis hin zum Horizont schweifen zu lassen, dann hatte er sich auf den Boden neben der Tür gekauert und schrieb die neuesten Beobachtungen seines Verhaltens nieder. Er vermied es anfangs jedoch, seine manchmal emotionalen Gedanken zu erwähnen. Gedanken wie die, was Alexa ihm vor einigen Stunden an den Kopf geworfen hatte, oder der Gedanke was ihn wirklich beschäftigte – ihr Glück mit diesem leuchtenden Darius oder sein eigenes Verlangen nach ihr. Konnte man eigentlich nach einer Person verlangen, mit der man noch nie etwas hatte? Noch nicht einmal eine Umarmung … ein Kuss? Und warum zum Teufel tat ihm nur schon die Vorstellung, sie in seinem Armen zu haben so weh? Warum machte ihn die Vorstellung, wie Alexa in den Armen dieses Aufgestiegenen lag nur so unsagbar wütend?

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Die innere Unruhe verschwand schlagartig, als sie spürte, wie sich Darius starke Arme um ihren Körper legten und sie in eine enge, warme Umarmung zogen. Alexa begann zu lächeln und genoss es, seine Lippen auf ihrem Haar, ihrer Wange und in ihrem Nacken zu spüren, während ihr Blick noch immer durch das Fenster über das Meer hinaus schweifte.

„Wo warst du so lange?“, fragte sie wispernd.

„Musste nur etwas erledigen“, antwortete Darius in die zarten Knabbereien an ihrem Hals.

„Du hast mir gefehlt.“

„Ich war doch nur eine Stunde weg“, erwiderte Darius wieder, während Alexa sich zu ihm drehte, ihre Arme um ihn schlang und sich gänzlich seinen heißen Küssen hingab. „Oder? Weißt du, irgendwie habe ich jegliches Zeitgefühl verloren. Was hier eine Stunde ist, ist da, wo ich sonst hmpf!“

Alexa unterbrach seine Ausführungen wieder, als sie sich an seinem Uniformhemd festkrallte und ihn wieder zu sich hinunterzog, um sich einem leidenschaftlichen Kuss zu stehlen. Darius ließ sich dies nur allzu gerne gefallen und achtete zunächst nicht auf ihre eigentlichen Intentionen. „Ich meinte eigentlich … die vergangenen … Jahrtausende. Du weißt gar nicht … wie lange dreizehn … tausend … Jahre … sein … können.“

Darius wolle lächeln doch er scheitere kläglich, als ihre Lippen kaum noch auseinander fanden. Er spürte, wie sie seinen Nacken kraulte, bevor ihre Hände über seine muskulösen Schultern und Arme und dann auch über seine Brust streichelten.

„Tu … mir … das … nie … wieder … an“, wisperte sie flehend und küssend, als sie sich mit Darius ganz geschickt dem Bett näherte.

Die Küsse wurden heißer, inniger und verlangender, während Alexa sich daran machte, ihn aus dem Uniformhemd zu schälen. Schnell half er ihr, streifte es über seine Arme und warf es achtlos zu Boden, bevor er sich wieder ihrem Hals widmete. Er wusste, wie empfindlich sie dort war und wie sehr sie es genoss, dort liebkost zu werden.

Mit zittrigen Händen hatte auch sie ihre Uniformbluse geöffnet und gab ihm den Blick auf ihre Brüste in ihrer Spitzenunterwäsche und ihren flachen Bauch frei. Darius stöhnte, genoss den Anblick und ließ seine Hand ganz langsam über ihr Dekolleté, über ihre Brüste hinab über ihren Bauch gleiten.

Auch Alexa entwich ein Stöhnen, als sie seine Hand auf ihrer Haut spürte. Sie warf den Kopf in den Nacken und ließ sich langsam von seiner Hand geführt nach hinten auf das Bett sinken.

Seine heißen Lippen, die sie auf den ihren spürte und auch seine Hände, die wie heiße Flammen über ihre Haut an ihrem Hals, ihren Schultern, ihren Armen und auch ihrem Busen streichelten, und auch ihrem Busen streichelten ließ sie glühen. Sie stöhnte, zitterte und bog sich ihm entgegen, als seine Lippen über ihren Hals hinab über ihre mit sinnlicher Wäsche umschmeichelten Brüste glitten.

Wie lange hatte sie sich danach gesehnt, ihn wieder zu sehen? Wie lange hatte sie sich danach gesehnt, wieder seine Umarmungen und Küsse zu spüren. Ihn zu berühren, zu streicheln zu massieren. Seinen muskulösen Körper zu sehen und zu berühren. Wie lange hatte sie sich danach gesehnt, seine Hände und Lippen auch endlich an anderen Stellen, an den zutiefst sensiblen Stellen ihres Körpers zu spüren? Ihn in sich zu spüren? Sie wollte nicht mehr warten. Sie wollte nicht mehr auf die Hochzeitsnacht warten, die vielleicht niemals …

Sie fuhr durch sein Haar, kraulte seinen Nacken und ließ ihre Hände über seinen breiten muskulösen und nackten Rücken gleiten, während seine Lippen ihr Dekolleté und ihren Hals liebkosten. Sie stöhnte auf und grub ihre Nägel in sein Fleisch, als sie spürte, wie seine Hand über ihren Bauch hinab zwischen ihre Beine glitt.

„Oh … Darius … Darius! … Bleib bei mir … bleib bei mir … bitte … bitte … geh nicht wieder weg.“

Darius murmelte Unverständliches, stöhnte und keuchte in ihren Nacken und irgendwann merkte er, dass Alexa halb nackt und zitternd unter ihm lag und ihre Beine um seine Hüften schlang. „N-nein … Alexa … ich … ich kann das nicht.“

Ruckartig hatte Darius sich erhoben und ließ eine völlig außer Atem und verwirrte Alexa auf dem Bett zurück.

„W- … was? Darius … was … was soll das? Was ist los?“

„Ich kann das nicht Alexa. Es tut mir leid“, meinte Darius, als er sich zum Fenster drehte, und versuchte wieder Herr über sich zu werden. Mit zittrigen Händen führ er sich über das Gesicht und ordnete seine Hose, die schon geöffnet war und ihm fast zu Boden rutschte.

„Was kannst du nicht? Darius … was …“

„Das ist ein Fehler, Alexa“, platze es aus ihm, als er sich nach seinem Hemd bückte und es hektisch wieder anzog. „Ein großer Fehler. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Ich weiß nicht, wie ich das habe so weit kommen lassen.“

„So weit kommen lassen? Was … Darius, ich verstehe nicht … ich dachte … ich dachte … wir könnten da weiter machen, wo wir damals aufgehört haben. Ich dachte, wir … wir würden-„

„Miteinander schlafen? Alexa … das ist ein Fehler. Wir sind nicht miteinander verheiratet. Du bist nicht meine Frau, du …“

„Noch nicht … Ist das alles, was zählt? … Alles, was zählen muss für dich? Muss ich denn deine Frau sein, damit wir … Darius, das ist doch nur … die Zeremonie? Ist es das? Muss zuerst die Zeremonie stattgefunden haben, damit wir uns lieben können? Das ist doch nur eine obligatorische, bürokratische Feierlichkeit!“

„Es ist viel mehr als das und … wir haben uns damals einander versprochen, Alexa und wir waren uns einig, dass … du … du bist noch unerfahren.“

„Und eine Hochzeitsfeierlichkeit ändert das oder wie soll ich das verstehen? Ich … ich weiß nicht, worauf du hinaus willst.“

„Wir haben doch darüber gesprochen und ausgemacht, bis zu unserer Hochzeitsnacht zu warten. Ich wollte … wir wollten, dass es für uns beide eine besondere Nacht wird.“

„Es ist schon besonders, wenn du bei mir bist. Versteh doch, Darius … ich liebe dich. Ich liebe dich mehr als alles andere und du bist wieder zu mir zurückgekommen … ist das nicht schon etwas Besonderes?

„Alexa … ich fühle doch genauso wie du. Nur …“

„Nur was? Haben wir beide unterschiedliche Definitionen von dem Wort Besonders oder … ich dachte wir lieben uns“, entfuhr es Alexa flüsternd und beinahe verzweifelt, als sie sich wieder an Darius schmiegte. „Ich dachte wir heiraten … dann habe ich dich … verloren und jetzt habe ich dich wieder und ich glaubte, wir könnten da weiter machen, wo wir aufgehört haben. Ich fühle mich so … müssen wir da unbedingt heiraten? Ich meine, ich will deine Frau werden, ich will dein sein … ich will wirklich dein sein … ganz und gar … aber hier … und jetzt.“

„Alexa …“, seufzte Darius und weichte ihrem Kuss aus. Ganz sanft löste er ihre Umarmung um seinen Nacken, entzog sich ihr und versuchte wieder Abstand zwischen sich und seiner Geliebten zu schaffen. „Das geht nicht. Das … kann nicht gehen. Es darf-„

„Was? Was soll das heißen? … Habe ich was falsch gemacht, oder … Ich meine, ich weiß, dass du, was das angeht, über mehr Erfahrung verfügst. Immerhin waren wir nicht von Geburt an aneinander versprochen und … ich denke, es ist wohl klar, dass … dass Männer nun mal erfahrener sind. Aber was muss ich denn tun, damit … ich meine … Darius, ich habe da gelegen … unter dir. Ich wollte dich! Ich habe dich ausgezogen, ich habe mich ausgezogen, ich habe mich dir entgegengestreckt und ich habe mich dir praktisch angeboten! Und du hast … du warst … du wolltest mich auch … oder nicht?“

„Du meine Güte, nein! Ja! Ich meine ja! Ja … ich will dich und du hast nichts falsch gemacht. Alexa … es ist … es ist etwas anderes. Du hast nichts falsch gemacht, glaube mir. Du bist nur …“

„Ich bin nur was? … Irgendwie habe das Gefühl, das mehr dahinter steckt, als unsere Hochzeit“, platze es aus Alexa, als sie ihre Arme vor ihrem Körper verschränkte, was nicht gerade hilfreich war, wenn es um die Selbstbeherrschung eines Mannes ging, denn noch immer war ihr Blouson aufgeknöpft und diese Pose schien ihren Busen noch mehr zu betonen. Darius musste abermals den Blick von ihr abwenden.

„Du bist nicht meine … du bist nicht für mich …“

„Bin ich nicht … hübsch genug? Findest du mich nicht attraktiv? Ist es das?“

„Alexa, natürlich bist du … du bist die schönste Frau, die ich kenne, glaube mir. Du bist schön und attraktiv und … sexy, nur …“

„Nur was? Darius, woran liegt es, dass … du mich nicht willst?“

„Oh Alexa. Ich will dich, bitte glaube mir. Ich will dich mehr als du ahnst. Aber …“

„Aber was, Darius? Was?“

„Du … bist nicht für mich bestimmt“, platzte es auch ihm und er biss sich sofort auf die Zunge. Alexa hingegen starrte ihn ausdruckslos an und für einen Moment konnte er weder ihre Gedanken noch ihre Gefühle erraten. Das war eines der Dinge, die er ihr auf keinen Fall hätte sagen dürfen. Er hörte schon die protestierenden und anklagenden Stimmen der anderen.

„Was?!“

„Ich hätte dir das noch nicht einmal sagen dürfen. Ich … es tut mir leid, Alexa. Wir dürfen das einfach nicht.“

„Was … soll das bitte heißen?“

„Alexa … bitte mach es uns nicht unnötig schwer.“

„Was?!“, entfuhr es ihr noch ein bisschen lauter und dennoch konnte Darius eindeutig mehr Verwirrung als Empörung aus ihrer Stimme hören.

„Wir dürfen das nicht! Verstehst du? Wir dürfen das nicht tun.“

„Ihr dürft keinen Sex haben? Welche verrückten Regeln habt ihr Aufgestiegenen denn sonst noch?“

„Nein … Alexa …“ Darius stöhnte verzweifelt auf. Wie sollte er ihr etwas erklären, was er noch nicht einmal erwähnen durfte? Er barg sein Gesicht in seinen Händen, atmete durch und suchte nach den richtigen Worten … die ihm einfach nicht einfallen wollten.

„Es gibt eine andere … nicht wahr?“, fragte Alexa leise.

„Was?“, kam es diesmal von ihm. „Nein! Nein, es gibt niemand anderen. Alexa … Amaris“, hauchte er, nahm sie schnell in seine Arme und zog sie zu sich. „Es gibt niemand anderen und es gab niemals eine andere. Bitte glaube mir.“ Langsam und zittrig begann er ihre Uniform wieder zu ordnen und die Knöpfe zu verschließen.

„Was ist es dann? Was soll das heißen, ich sei nicht für dich bestimmt? Wie …“

„Alexa … bitte, lass doch einfach gut sein.“

„Ich denke gar nicht daran! Ich will wissen, was das soll. Was ist hier los? Was wird hier gespielt?“, verlangte Alexa zu wissen und Darius merkte, dass er in Schwierigkeiten war. Ihre Stimme wurde lauter und ihre anfängliche Verwirrung machte allmählich einem Zorn Platz, den er nur selten bei ihr gesehen hatte, aber sogar in ihrer eigenen Familie gefürchtet war.

„Hier wird gar nichts gespielt. Ich … Alexa … du verstehst nicht, was ich in den dreizehntausend Jahren erfahren und gelernt habe. Es gibt Dinge … die kann ich dir nicht erklären. Du würdest es nicht verstehen. Und es gibt Dinge, die darf ich dir nicht sagen.“

„Abgesehen davon, dass ich nicht für dich bestimmt bin! Darius … wir sind einander versprochen! Wir wollen heiraten!“

„Wir wollten heiraten … Alexa. Wir wollten es.“

Alexas Augen wurden kugelrund, ihr blieb die Luft weg, sie trat zurück und schüttelte mit dem Kopf, als sie glaubte zu verstehen, worauf er hinaus wollte. „Nein … Nein. Du bist zu mir zurückgekommen. Du bist hier … du bist bei mir. Du …“ Ihre Stimme versagte.

„Ich hätte es niemals tun dürfen …“, entgegnete Darius leise und bedauernd. „Ich hätte mich dir niemals zeigen dürfen.“

„Und trotzdem bist du hier. Du willst bei mir sein, das weiß ich doch.“

„Nein Alexa, es sind deine eigenen Gefühle, die dir das einreden.“

„Aber du hast doch eben … du hast gesagt …“

„Alexa, es stimmt, ich liebe dich und ich bin gerne bei dir und ja, ich will dich auch, aber …“

„Die anderen … sie zwingen dich dazu. Sie wollen dich nicht gehen lassen. Aber du kannst sie bekämpfen. Du bist einer von Ihnen, aber wenn du zurückkommst … auf diese Ebene, wenn du zu mir kommst, können sie dir nichts mehr anhaben.“

„Niemand zwingt mich zu irgendetwas, Alexa! Ich … bitte. Ich darf dich nicht haben. Wir dürfen das nicht tun. Du bist nicht für mich bestimmt. Es gibt jemand anderen. Er ist für dich bestimmt und er wird dich auch bekommen. Ich kann dir nicht mehr sagen.“

„Es wird niemals einen anderen geben. Es hat niemals einen anderen gegeben. Für niemanden empfinde ich das, was ich für dich empfinde und das weißt du.“

„Du belügst dich selbst, Alexa. Du belügst dich selbst und das weißt du“, erwiderte Darius ruhig und ignorierte ihr energisches Kopfschütteln. „Es hat bereits begonnen. Dein Herz … es arbeitet bereits an einer Bindung zu ihm und es wird am Ende siegen und es wird ihm gehören. Er will dich genauso sehr, wie du ihn wirst haben wollen und du wirst ihm gehören.“

„Was ich weiß, ist, dass ich niemals jemandem gehören werde! Ich habe mich dir versprochen! Nur dir!“

„Ich kann mein Versprechen aber nicht einlösen, Alexa …“ brachte Darius noch immer leise hervor, was Alexa noch mehr traf. „Auch wenn ich es noch so sehr will.“

„Das ist … Wahnsinn … das ist einfach verrückt. Du … du machst einfach so … du beendest das? Einfach so? Du lässt mich einfach … fallen?“

„Ich lasse dich nicht fallen, Alexa. Ich werde dich niemals fallen lassen. Ich werde immer da sein für dich. Ich bin immer bei dir. Das weißt du … oder?“, fragte Darius leise, als er sie wieder zu sich zog und mit einer Stirn gegen die ihre lehnte, während sich ihre Augen langsam mit Tränen füllten und ihre Wangen hinunter kullerten. „Du kannst dich mir aber nicht hingeben … du kannst nicht meine Frau werden … und ich kann nicht hier bleiben.“

„Das akzeptiere ich nicht.“

„Du musst … du wirst … ich muss dich freigeben.“

„Nein! Wage es ja nicht, unser Versprechen zu brechen!“

„Ich muss dich von deinem Versprechen entbinden, damit du ihm …“

„Nein! Hör auf damit! Ich will das nicht hören! Ich will nichts mehr davon hören!“

„Sei doch vernünftig! Du wirst dich in jemand anderen verlieben …“

„Nein!“

„Und du wirst ihm gehören. Du wirst dich ihm hingeben und du wirst glücklich sein.“

„Nein!“

„Du wirst bei ihm das Glück und das Leben finden, das ich dir niemals bieten kann!“

„Nein! Hör auf damit! Hör auf!“

„Du magst es jetzt noch leugnen, aber bald … sehr bald bist du sein!“

„Sein? Nein! Du irrst dich, Darius. Du irrst dich gewaltig …“, sprach Alexa plötzlich ganz leise und ruhig. Ihr Stimmungsumschwung kam so schnell und unerwartet, dass es Darius doch tatsächlich verwirrte und merkwürdigerweise auch eine Gänsehaut bescherte. „Genau, wie ich mich geirrt habe. Du hast niemals etwas für mich empfunden … nicht wahr? Es war alles nur gespielt. Ein netter Zeitvertreib bis zu deinem Aufstieg, von dem du schon gewusst haben musstest, bevor du nach Atlantis gekommen bist.“

„Nein Alexa, das ist nicht wahr!“

„Vermutlich sogar noch, bevor du Ausbilder geworden bist.“

„Das stimmt nicht. Du weißt, dass ich mich schon in dich verliebt habe, als die Konzessionen noch gegen uns sprachen!“

„Ja? Warum haben sie dich dann abgehalten? Konzessionen, pah! Dich hält doch sonst nichts auf! Wieso hast du mir nicht damals schon gezeigt, was du für mich empfindest? Wieso hast du mir das nicht gesagt, als du mich immer wieder in dein Büro zitierst hast? Oder als du mir Sondertraining aufgebrummt hast? Warum hast du mich erst ein paar Jahre in Atlantis warten lassen, bevor du dich dann auch hierher hast versetzen lassen? Warum haben wir uns so derart gestritten, dass Vater mit Sanktionen drohen musste, damit wir unsere Arbeit problemlos verrichten konnten? Warum hast du mich so lange warten lassen, bevor du mich gefragt hast … ob ich deine Frau werden wollte? Warum hast du mir vorgemacht, gestorben zu sein, wo du stattdessen aufgestiegen bist?! Warum hast du mich dreizehntausend Jahre in dieser verdammten Kiste im All umherschwirren lassen, statt mich zurück nach Atlantis zu bringen?! Warum wirfst du mir vor, dass ich jemand anderen lieben würde, wenn du meine Gefühle doch kennst?!“

Und da war sie wieder, die Wut die Alexas Stimme in ungeahnte Lautstärken treiben ließ und ihm ein arges Unwohlsein bescherte. Und doch schwang auch in ihm ein wenig Zorn mit, dem er freien Lauf lassen musste.

„Weil du eine Kadettin warst! Ja, ich habe dich immer wieder in mein Büro gerufen, weil ich dich sehen wollte und weil ich oft einige Dinge mit dir besprechen musste. Falls du dich erinnerst, ich war ein ziemlich harter Ausbilder und ich habe meine Kadetten ganze gerne mal geschleift. Du solltest keine Ausnahme sein. Es sollte nicht auffallen. Und das Sondertraining war notwendig, weil ich wollte, dass du eine verdammt gute Soldatin wirst und dich gegen jeden und alles verteidigen kannst! Ich habe mich nicht sofort für Atlantis gemeldet, weil ich dem folgenden Jahrgang als Ausbilder verpflichtet war. Erst als ein Großteil der Kadetten durch das Erdbeben den Tod fand und die Akademie schwer beschädigt wurde, sah ich, wo meine Zukunft liegen würde! Wir haben uns gestritten, weil du ein verdammter Starrkopf bist und weil … ich weiß auch nicht mehr, warum wir uns immer gestritten haben!“

Es war eine glatte Lüge, aber was sollte er sonst sagen, wenn die Stimmen der anderen immer lauter wurden. Er war dabei, sich um Kopf und Kragen zu reden und die Wahrheit zu offenbaren und das durfte nicht geschehen. Sie durfte die Wahrheit um ihre eigene Existenz nicht erfahren. Noch nicht.

„Alexa, ich könnte dir auf alle Fragen die du hast eine Antwort geben … aber ich darf es nicht. Bitte verstehe das. Bitte akzeptiere das!“

„Ich kann eine Menge akzeptieren, Darius, aber dass du mir vorwirfst … nein, eigentlich treibst du mich schon fast in die Arme eines anderen!“

„Oh, das ganz gewiss nicht!“

„Aber du willst mich auch nicht! Was soll ich dir noch glauben, Darius?! Mal abgesehen von dem, was du mir verrätst, falls du es denn darfst!“

„Ich habe schon mehr gesagt und getan, als ich darf … Alexa … im Universum … es gibt Dinge, die geschehen und sie sind dabei nicht an ein Schicksal gebunden und dann gibt es Dinge, die sind schon … Verdammt, ja!“, entfuhr es ihm laut, als er nach oben zur Decke sah und den anderen seiner Art einen wütenden Blick zuwarf. Ihre Einwände wurden immer lauter immer unerträglicher.„Ich werde nichts sagen!“

„Ja, das ist offensichtlich und ich denke ich habe es endlich begriffen! Geh zu ihnen, Darius … geh zu ihnen und sei ihr Laufbursche, ihr Mädchen für alles. Aber hör auf, solche Spielchen mit mir zu spielen.“

Wieder beobachtete Darius einen krassen und zu schnellen Stimmungswechsel. Die plötzliche Ruhe und ihre leise, zittrige und beinah traurig klingende Stimme bereiteten ihm nun arge Sorgen. Die Gänsehaut wurde er offenbar einfach nicht mehr los.

„Ich spiele keine Spielchen, Alexa. Amaris …“

„Oh bitte … Hör einfach auf, Darius. Hör auf mit Amaris … ich will nichts mehr hören.“

„Lass mich das erklären, Alexa.“

„Was? Was willst du erklären? Dass du nichts erklären darfst? Dass du nur mal kurz vorbei geschaut hast und deinen Spaß hattest … so weit man es dir erlaubt hat? Danke, ich verzichte und jetzt geh!“

„Alexa …“

„Ich will nichts mehr hören! Verstehst du nicht? Ich kann es nicht mehr hören. Ich ertrage das nicht mehr. Ich ertrage keine Lügen und Ausflüchte mehr. Ich ertrage es nicht, dass du so über dich bestimmen lässt und … und … mich über meine Gefühle belehren willst. Dass du mich einfach so an jemand anderen abschieben willst!“

„Alexa …“

„Geh einfach, Darius! Geh!

„Jetzt hör mir doch erst mal zu!“

„Nein!“, schrie Alexa und griff nach einer kleinen Vase, die auf der Fensterbank stand. Darius hatte ihr gerade noch ausweichen können, bevor sie klirrend gegen die Wand hinter ihm prallte und in unzählige Scherben zerbarst.

„Sag mal … Alexa!“

„Nein! Raus! Verschwinde Darius! Verschwinde! Ich will dich nicht mehr sehen! Ich will dich nie wieder sehen!“

Der nächste Gegenstand war auf Kurs in seine Richtung und abermals musste er in Deckung hechten. Sich einfach aufzulösen, sich aus dem Quartier seiner Alexa zu transzendieren, kam ihm zunächst nicht in den Sinn. Dafür war er über ihren plötzlichen Temperamentsausbruch zu erschrocken und schockiert. Nicht, dass er nicht wusste, welches Temperament und welches Feuer in seiner Amaris schlummerte, aber das schien eine ganz neue Erfahrung zu sein und er merkte abermals, dass selbst aufgestiegene Wesen nicht solchen neuen Erkenntnissen gefeit waren.

Die Türen gingen auf und Darius hechtete hinaus auf den Gang. Mit großen Augen sah er nochmals zu ihr. „Alexa!“

„Hau ab!“

Er spürte noch den Luftzug und glaubte auch das surren eines Gegenstands zu hören, dass nur haarscharf an seinem Ohr vorbeisauste, bevor auch dieses klirrend auf dem Boden landete.

„Alexa … jetzt beruhige dich doch erst einmal. Ich …“

Doch dann stand Darius vor verschlossener Tür. Er dachte gar nicht an die Menschen in diesem Flur, die ihn mit teils mitleidigen teils verstörten Blicken musterten. Sein Kopf sank auf seine Brust, seine Stirn lehnte kurz an der kühlen Tür und er atmete einmal mehr tief durch. So hatte er sich das nicht vorgestellt.

Nach unendlich erscheinender Zeit entschied Darius, dass es vorerst keine gute Idee war, sich einfach wieder in das Quartier seiner Amaris zu begeben. Sie sollte sich erst beruhigen und würde Zeit brauchen. Und die vielen Statuen, Figuren und Vasen wären auch in Sicherheit.

Darius stieß sich von der Tür ab, drehte sich um und erblickte John Sheppard, der in nur wenigen Metern Entfernung stand und der Szenerie offenbar gefolgt war. Mit den Händen in die Hüften gestemmt, schien seine Pose und Statur beinahe von Anklage zu sprechen, doch seine Miene war ausdruckslos. Kein Grinsen, kein Lachen, kein Bedauern, keine Fragen. Auch seine Gedanken und Emotionen konnte Darius nicht ergründen.

Darius verzichtete darauf, ihm womöglich Rede und Antwort zu stehen und löste sich auf.

Johns Blick glitt zu den Scherben einer kleinen tönernen Statur, bis auch diese sich einfach in Luft auflösten. Dann wandte auch John sich ab und blickte sogleich in das Antlitz seines amüsiert erscheinenden Vaters, der mit den Händen in den Hosentaschen lässig an der Wand lehnte.

„Das nennt man wohl Ärger im Paradies.“

~~~///~~~

John war nicht zum Lachen zumute. Zugegeben, es machten sich nicht gerade unangenehme Gefühle in ihm breit – vielleicht eine gewisse Zufriedenheit? Schadenfreude?- aber ihm spukten immer wieder dieselben Fragen im Kopf umher, die ihn unruhig auf und ab gehen ließen. Was war zwischen Alexa und ihrem Darius vorgefallen? Was hatte sie derart aufgebracht, dass sie teils mit schweren Dingen nach ihm warf? Hatte er sich daneben benommen? Hatte er sie bedrängt? Hatte er ihr vielleicht sogar etwas antun wollen?

Auch wenn er diese Gedanken schnell wieder verwarf, da er selbst nicht so recht daran glaubte, so machte er sich doch Sorgen.

„Nein John. Lass sie vorerst in Ruhe. Deine Sorge in Ehren, aber es ist ohnehin besser, wenn man sich aus Beziehungskrisen heraushält“, meinte Carol beruhigend, die in einem Sessel in ihrem neuen Büro saß.

Eigentlich hätte es ein vertrauliches, psychologisches Gespräch zwischen einem Colonel und einer Psychologin werden sollen. Gespräche, in die John anfangs nur widerwillig eingewilligt hatte, eben weil er wusste, dass er seine Mutter nur als das ansehen konnte, was sie nun mal war. Seine Mutter.

Auch wenn Carol ihre Arbeit sehr professionell gestaltete, spürte John doch, dass eine Menge mütterliche Instinkte und Fürsorge mitschwangen. Aber das war okay. Damit konnte er leben. Er konnte damit sogar noch besser umgehen, als er anfangs dachte. Nur selten hatte er Bedenken und Zweifel, ihr die wirklich sensiblen und heiklen Details seiner Arbeit und seltener auch seines Privatlebens anzuvertrauen. Aber seine Mutter ermutigte und überraschte ihn immer wieder mit ihrer Gefasstheit und Gelassenheit. Und tief in seinem Inneren sehnte er sich sogar wieder nach der vertrauten und vermissten Mutter-Sohn-Beziehung, die einst zwischen ihnen herrschte.

„Außerdem glaube ich nicht, dass er ihr wirklich etwas antun wollte. Alexa würde das nicht zulassen, sie würde sich das nicht gefallen lassen. Sie kann sich verteidigen, das weißt du auch … und die Scherben sprechen ohnehin ihre eigene Sprache“, erklärte Carol weiter und schmunzelte dabei. „Aber sag mir, John … diese Sorge um sie … war sie schon immer so stark? Wie lange geht das schon so?“

„Keine Ahnung, der Kerl ist ja erst vor Kurzem hier aufgetaucht.“

„Um mal persönlicher zu fragen … direkter … ist es wirklich Sorge … oder nicht doch eher Eifersucht?“

„Ich … keine Ahnung. Ich will, dass der Kerl verschwindet.“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage. Willst du, dass er verschwindet, damit du freie Bahn hast … oder damit Alexa endlich damit abschließen und sich Neuem zuwenden kann?“

„Ich … weiß es nicht, okay. Ich weiß es nicht. Vielleicht beides.“

Carols fragender und abwartender Blick ruhte auf ihm, während er sich wieder zum Fenster drehte und hinaus auf den Sonnenuntergang starrte. „Was weißt du denn genau?“

John rang mit sich, doch am Ende sah er ein, dass es keinen Sinn machte, es weiterhin abstreiten zu wollen. Seine Familie wusste es, immerhin hatte sein Vater ihn effektvoll ausgequetscht und ganz Atlantis war mittlerweile auch schon auf dem neuesten Stand seines Liebeslebens. Er könnte sich glatt selbst in den Arsch treten für sein kopfloses und geradezu pubertäres Verhalten während der letzten Tage.

„Ich liebe sie … ich liebe sie wirklich, Mom. Es ist … nicht nur einfach so eine Schwärmerei oder die Hoffnung auf einen One-Night-Stand oder so was. Ich liebe sie einfach.“

„Einfach?“, hakte Carol nach und John verstand die einsilbige Frage.

„Ich will mehr von ihr. Ich will … sie. Ich will mit ihr zusammen sein … bis … in alle Ewigkeit“, wisperte John und starrte weiterhin auf den Ozean. „Verrückt oder?“

„Nein, ganz und gar nicht“, erwiderte Carol leise, aber ernst. „Hast du den Eindruck, das Gefühl, das du das vielleicht niemals erreichen könntest?“

„Solange dieser Kerl da ist …“

„Ist wirklich er das Problem? Wenn du doch ahnst oder besser gesagt, weißt, dass er wieder geht, was beschäftigt dich dann wirklich so?“

„Was ist, wenn sie mich nicht will? Was ist, wenn sie sich nicht erholt von … was immer er mit ihr gemacht hat? Was immer er ihr angetan hat.“

„Sie ist stark, John. Sie hat damals seinen vermeintlichen Tod verkraftet und sie hat auch ihre erneute Trauer gut verarbeitet. Sie hat Familie und Freunde und wenn sie sie schon bei ihrer Trauer so gut unterstützen, werden sie auch bei Liebeskummer für sie da sein. Zeit ist das Schlüsselwort, John. Lass die Zeit für sich arbeiten. Und eine Frau, die dich nicht will … die existiert doch gar nicht.“

„Mom …“, stöhnte John, als er das neckische Grinsen seiner Mutter sah, dass sie hinter einem Schluck aus ihrer Teetasse zu verbergen versuchte.

„Lass uns da weiter machen, wo wir neulich aufgehört haben, einverstanden?“, fragte Carol weiter, als sie ihre Tasse wieder auf dem Tisch abstellte.

„Ja, okay. Warum nicht.“ John war beinahe alles recht. Hauptsache er musste mit seiner Mutter keine Gespräche mehr über sein Liebesleben und sein neuerliches Gefühlschaos führen.

„Gut! Also … Südamerika …“

„Black-Ops, Mom“, erklärte John kurz und knapp und schüttelte mit dem Kopf.

„Nicht für mich, John“, erwiderte Carol im gleichen Ton und hielt dabei noch einen entsprechenden Wisch in die Höhe, die ihrem Ältesten signalisieren würde, dass wohl nichts mehr vor ihr verborgen blieb, und das er, wenn auch im begrenzten Maße, mit ihr darüber reden konnte. Oder besser gesagt musste.

John schnappte nach dem Dokument, überflog es, machte große Augen und sah ungläubig zu seiner Mutter, bevor er wieder mit dem Kopf schüttelte. Wie hatte sie es bloß geschafft, innerhalb dieser kurzen Zeit, die höchste Geheimhaltungsstufe zu erhalten? Und das, obwohl sie als tot galt!

„Wie bist du …? Himmel, nicht mal Landry darf davon wissen! Ich könnte es ihm sagen, aber dann müsste ich ihn erschießen“, meinte John beinahe vorwurfsvoll.

Carol zuckte mit den Achseln und verkniff sich abermals ein Grinsen. „Ich habe da so meine … Methoden.“

„Du hast Dad weich gekocht, hm? Der hat dann Landry bearbeitet und als der stur blieb, musste Dave mit seinen Beziehungen ran. Wie viele hochrangige Militärs, abgesehen von Landry und O´Neill, hat er angepisst?“, wollte John wissen.

„Das solltest du ihn fragen.“

John schüttelte abermals mit dem Kopf und schluckte ein verdrießliches Kommentar runter, während er sich wieder im Sessel ihr gegenüber niederließ, und atmete tief durch. „Dir ist klar, dass die Unterlagen niemals diesen Raum verlassen dürfen, oder?“

„John, ich habe die Sicherheitsstufe und die Freigabe, die es mir erlaubt, dich, wenn nötig, auszuquetschen und es dir ermöglicht, endlich über alles zu sprechen, was dich teilweise noch immer beschäftigt. Ich besitze aber keine Unterlagen, keine Berichte, keine Befehle, nichts, was dich in Schwierigkeiten bringen könnte. Und du weißt, dass alles, was wir besprechen auch unter uns bleibt.“

„Die Sicherheitsstufe und die Freigabe, hm? Du hast die Hartnäckigkeit vergessen. Du gibst doch nicht auf, bevor du nicht jedes Detail kennst.“

„Oh, du kennst mich einfach zu gut, mein Sohn.“

Carol grinste und John kam aus dem Kopf schütteln gar nicht mehr raus. „Na schön … Südamerika … ich fungierte als Pilot für eine Delta Force Einheit, die schnell rein und wieder raus geflogen werden sollte …“

Auf einem fremden Planeten

Zeit hatte schon eine ganze Weile keine Rolle mehr gespielt und so machte es ihm nichts aus, dass seine Meditation schon Stunden dauerte. Die Zeit war zwar nicht sein Verbündeter, aber er würde sich auch nicht hetzen lassen, er würde nicht noch einmal Hals über Kopf in sein Vorhaben stürzen.

Das Universum existierte bereits seit Milliarden von Jahren – was machten da ein paar Tage oder Wochen mehr aus?

Selbst wenn er erst in einigen Monaten den ersten ersehnten Erfolg verzeichnen würde, so waren doch all die vergangenen Äonen bald schon nichtig und vergessen. Verschwunden im Nichts. Einem Nichts, das nicht mehr existierte. Nein, sogar nie existiert hatte.

Er sank tiefer in den meditativen Zustand, schöpfte Kraft und Klarheit für seinen Geist. Seine Wachsamkeit ließ jedoch nicht nach. Und das war gut, denn sonst hätte er nicht plötzlich eine mächtige Präsenz wahrnehmen können. Er schmunzelte, als er spürte, wer sich in seinen Raum in seiner geheimen Residenz transzendierte.

„Ah Kollege … ich habe dich bereits erwartet.“

„Unsere Kollegialität endete schon vor langer Zeit, Kieran. Vor sehr langer Zeit“, antwortete Darius und behielt Kieran gut im Auge. Dieser mochte zwar ein Sterblicher gewesen sein, als man ihn zurückschickte, aber seine Macht wuchs stetig an und Darius konnte nur schwer einschätzen, wie es nun um ihn stand.

„Zu schade … ich vermisse die alten Zeiten.“

„Die Zeiten, in der du sie wie ein Tier gejagt und sie in den Wahnsinn getrieben hast oder die Zeiten, in denen ich dir immer wieder in Quere gekommen bin?“

„Noch immer so überheblich, wie einst? Oder ist das die Nebenwirkung deines Aufstieges?“, fragte Kieran, auch wenn es ihn nicht wirklich interessierte.

„Dass gerade du von Überheblichkeit sprichst!“

„Und dass du tatsächlich den Mut besitzt, hier zu erscheinen … willst du mir nun ins Gewissen reden? Willst du mich von meiner Aufgabe abringen? Schon wieder?“

„Du hast keine Aufgabe, Kieran. Du hast eine fixe Idee … einen Geist, der von Wahnsinn befallen ist!“

Kieran lachte auf. Wie oft hatte er diese Worte schon gehört? Waren es nicht seine einstigen Kollegen in den Bildungseinrichtungen, die seine Ideen als fix und Unsinn betitelten, dann waren es Freunde und Bekannte die von Wahnsinn und später sogar von Besessenheit sprachen. Es gab nichts mehr, dass er noch nicht gehört hatte, nichts mehr, das ihm fremd war.

„Glaubst du ernsthaft“, begann Kieran, während er sich erhob und sich langsam zu seinem Besucher drehte, „dass du mich damit noch treffen kannst? Glaubst du wirklich, dadurch etwas zu erreichen?“

„Wenn nicht ich, dann andere“, erwiderte Darius und begann Kieran zu umkreisen.

„Hm. Weiß du, anfangs hat es mich geschmerzt, dass man mir nicht zuhören wollte und meine Theorien und Erkenntnisse einfach so … abtat. Doch mittlerweile habe ich erkannt, dass dies keine Rolle mehr spielt … denn ich kann es ungeschehen machen. Und deine hübsche Alexa wird mir dabei helfen.“

„Nein, das wird sie nicht. Du glaubst sie zu kennen, nur weil du sie eine Weile … beobachtet und verfolgt hast? … Du kennst sie nicht mal annähernd so gut wie ich.“

„Ich freue mich schon auf die erneute Begegnung mit ihr. Ja, wirklich. Ich freue mich darauf, wieder ihren Geist zu erforschen und ihn und ihr Wesen … zu zähmen. Ich kann es kaum erwarten, von ihren Erfahrungen, ihren Wünschen und Sehnsüchten und Begierden zu erfahren und davon zu profitieren und es sei dir versichert, wenn ich mit ihr fertig bin, wird sie es auch wollen. Sie wird sich sogar danach verzehren, ihren Geist mit dem meinen zu teilen. Und was dich betrifft … ich bin mit dir fertig geworden, wie du weißt, ich werde es auch mit anderen. Falls es dir nicht aufgefallen sein sollte, mein … Abstieg verlief nicht ganz so, wie deine neuen Kollegen es sich erhofften.“

„Das spielt keine Rolle. Dein Abstieg und die Jahrtausende haben den Agemas und ihrer Mission nichts anhaben können.“

„Ah, die Agemas … ja, das mag sein. Aber dein Schwiegervater in spe ist auch nur ein Mensch. Ein Mensch ohne besondere Fähigkeiten“, entgegnete Kieran gelassen und machte eine winkende Handbewegung, worauf sich die Tür hinter Darius selbstständig verschloss. Wenn es ihm Sorge bereiten oder Angst machen sollte, verfehlte es wohl das Ziel. Darius schien noch gelassen. „Aber dafür mit einem Alter, der es ihm schwer machen könnte, noch länger auf seinen kleinen Schatz aufzupassen.“

„Er ist dennoch ein Agema und noch immer stark. Er wird seine Pflicht erfüllen.“

„Wenn ich ihn nicht vorher … umgebracht habe.“

Darius war angewidert von dem bösartigen Grinsen dieses aufgeblasenen, selbst ernannten Messias mit Gotteskomplex. Seine Abscheu, sein Ekel, sein Ärger und seine Wut stiegen in ungeahnte Höhen.

„Ein anderer wird an seine Stelle treten und sein Recht, die Position an Alexas Seite einzunehmen, einfordern.“

„Wirklich?“, fragte Kieran nach, doch Darius konnte ihm ansehen, dass es nicht wirklich von Interesse für ihn war. „Ist das eine Hoffnung oder Wissen?“

Darius antwortete nicht und kontrollierte seinen Geist, als er spürte, wie Kieran versuchte, seine Gedanken zu erfassen. Sein Geist war stark, zugegeben, aber im Gegensatz zu ihm hatte Kieran einen Großteil der Macht eingebüßt. Und wie Darius befürchtet hatte, schien dies ein Zustand zu sein, der sich schneller änderte, als er anfangs glaubte. Ihm wurde einmal mehr klar, dass schnell gehandelt werden musste.

Wieder legte sich ein hämisches Grinsen auf Kierans Lippen. „Wer ist es?“, fragte er weiter, auch wenn er wohl wusste, dass er niemals eine Antwort erhalten würde. Ein weiterer Versuch, den Geist seines Kontrahenten zu erforschen wurde genauso schnell und effektiv abgeblockt wie zuvor. „Nun, es ist auch nicht wichtig. Ich werde es noch früh genug erfahren, auch wenn ich bereits eine Ahnung habe. Glücklicherweise werde ich bald in der noch besseren Lage sein, auch ihn mir schnell und sauber vom Hals zu schaffen.“

„Ich bezweifle, dass dir das gelingt.“

„Was denn, das ist alles? Du willst es mir nicht ausreden? Du willst mich nicht bekehren? Willst nicht um Gnade für ihn bitten? Ist es nicht ein schweres Vergehen unter den Agemas, die Initia eines anderen abzuwerben? … Du bist offenbar sehr von ihm angetan, wo du selbst doch deiner Initia verpflichtet bist. Tz tz tz.“

Kieran stellte seine Geduld auf eine harte Probe und Darius spürte, wie es ihm immer schwerer fiel, nicht die Beherrschung zu verlieren. Er hielt an seiner eisernen Kontrolle seiner Gedanken und Emotionen fest und beschwor sich selbst, niemals ein Wort über die Wahrheit über seine Lippen zu bringen. Doch es schien als würde Kierans Intuition auf Hochtouren arbeiten.

„Aber andererseits, mit deinem … viel zu frühem Ableben, trifft dieser Fall natürlich nicht mehr zu und wie stark kann der neue schon sein? Vor dreizehntausend Jahren hat man das Dekret zum Schutze der Initias außer Kraft gesetzt, und wenn man bedenkt, dass seitdem die genetische Reinheit nicht mehr der extremen und obsessiven Beobachtung und Kontrolle unterstand, dürfte kaum noch irgendwo ein starker Agema aus einer reinen Blutlinie existieren. Hach, es tut mir fast leid, deine süße Alexa wieder in ein Unglück zu stürzen. Gleich zwei Agemas, die sie zu Grabe trägt. Nein, am Ende sogar drei … da warst du, dann kommt ihr Vater, dann der Neue … mit ihrem Bruder vielleicht sogar vier, obwohl … wenn man seinen schon fast krankhaften Pazifismus bedenkt … traurig, traurig. Aber sei unbesorgt … ich werde die hübsche Initia trösten.“

Es war der Moment, in dem Darius jegliche Selbstbeherrschung verlor und Kieran mit aller Macht angriff. Es war auch der eigentliche Grund seines Hierseins, jedoch hatte er seinen Gegner unterschätzt. Auch wenn die Energieblitze Kieran gegen die nächste Wand schleuderten, so hatten sie ihm zunächst nicht viel anhaben können.

Stöhnend richtete sich Kieran wieder auf, klopfte sich demonstrativ den Staub von der Kleidung und grinste verschlagen. „Ich habe mich schon gefragt, wie lange es braucht.“ So holte nun Kieran seinerseits aus und schleuderte ihn mit einer einzigen Armbewegung weit von sich. „Und ich bin nicht ganz so wehrlos, wie du glaubst.“

„Werden wir noch sehen“, knurrte Darius zwischen den Zähnen hervor und griff wieder an. Eine stetige Flut von Blitzen und Energie schleuderte ihn abermals gegen die Wand, ließen ihn den Boden unter den Füßen verlieren und hielten ihn in der Höhe fest. Kieran wandte sich und zappelte. Seine Versuche seinem Feind mit einem spottenden Lächeln zu zeigen, dass es ihm keine Schmerzen verursachen, ihn nicht kümmern würde, scheiterten kläglich und das stachelte Darius nur noch mehr an.

„Hui … das … kitzelt aber“, entwich es Kieran, als er versuchte, durch Winden und Sträuben zu entkommen. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren und noch schwerer, seine Macht zu nutzen, doch er schaffte es, Darius wieder von sich zu stoßen.

Kieran fiel zu Boden, schleuderte Darius aber gleich wieder durch den Raum, sodass dieser krachend in einem hölzernen Schrank landete, was ihm Zeit verschaffte, sich wieder zu sammeln und aufzurichten. „Wie du siehst“, keuchte er und rieb sich über seine Nase, aus der bereits das Blut floss, “kann deine Kraft mir nicht viel anhaben.“

„Noch nicht. Aber ich habe Zeit und unbegrenzte Macht. Du allerdings …“

Darius warf wieder die Arme in die Höhe und auch Kieran wappnete sich gegen den erneuten Angriff. Es war pure Energie, die in der Mitte des Raumes zusammentraf und in einer gewaltigen Explosion das Zimmer verwüstete und die beiden Feinde voneinander wegschleuderte.

Noch war Kieran ein Mensch aus Fleisch und Blut, dennoch besaß er die Kraft und Ressourcen, seine Wunden mit purer Willenskraft und Konzentration zu heilen. Doch er musste sparsam mit seinen Kräften sein, sollte sein Widersacher ihn weiter angreifen. Er kümmerte sich schnell um die dringlichsten innerlichen Verletzungen und sah sich kurz um. Sein Groll wuchs, als er sah, dass sein geheimes Domizil vollkommen in Trümmern lag. Nun waren auch die schweren Verletzungen nicht mehr verwunderlich, wenn er bedachte, dass er durch die gewaltige Wucht der Explosion durch mehrere Wände geschleudert und später unter den Trümmern begraben wurde.

Auch Darius kämpfte sich wie Kieran unter dem Geröll und Schutt hervor. Im Gegensatz zu ihm blieb er jedoch unverletzt. Lediglich seine Uniform hing zum Teil in Fetzen vom Körper und er war über und über von Schmutz und Staub bedeckt. Auch die Kraft verließ ihn nicht, wenngleich er erneut die Mahnungen und Proteste der Anderen wieder vernahm und seine Konzentration störten.

Sein Zorn wuchs an. Er hatte den Auftrag, vor ihm zu warnen, zur Eile zu raten und ihn falls nötig aufzuhalten, aber es war ihm wohl nicht gestattet, sich selbst der Gefahr auszuliefern und die Fehler der anderen endgültig gut zu machen. Er sollte weiter verschleiern und den Wahnsinnigen währenddessen gewähren lassen? Nein. Es musste endlich aufhören. Es musste beendet werden.

Kaum hatte er Kieran erblickt, schleuderte erneut die mächtigen Blitze auf ihn und katapultierte ihn zum Waldesrand. Kieran keuchte und schrie wütend auf, als er sich wieder aufrappelte und sich an die Seite griff.

„Du verschwendest deine Kraft, Darius!“, bellte Kieran geradezu. „Du kannst mich nicht töten! Du kannst mich verletzen, wenn es dir gefällt, aber das ist auch schon alles!“

„Ich kann noch mehr!“, erwiderte Darius, der sich mit schnellen und sicheren Schritten näherte und ihn nun mit einer geradezu brutalen Reihe von Faustschlägen angriff.

Kieran krümmte sich unter der Wucht und Härte der Hiebe und der Schmerzen und doch schaffte er es, Darius wieder von sich zu stoßen.

Hart prallte er gegen einen Baum, dessen Stamm durch die Wucht und das Gewicht geradewegs zerbarst. Darius rollte sich zur Seite, landete auf allen Vieren und beobachtete, wie der Baum unter lautem, ohrenbetäubendem Krachen fiel und dabei noch einige kleinere Bäume und Sträucher mit sich riss.

Knurrend drehte er sich wieder zu Kieran, ließ all seinen Zorn in Form von purer Energie durch seinen Körper, durch seine Arme zu seinen Händen strömen und nagelte Kieran regelrecht mit glühend heißen Blitzen an einen weiteren Baum. Diesmal würde er ihn nicht mehr loslassen. Wenn er ihn schon nicht töten konnte, dann würde er ihn schwächen.

Er würde ihn derart schwächen, dass er einen Großteil seiner Macht und Existenz zur Erholung brauchen würde. Immer wieder feuerte Darius Blitze auf Kieran nieder, gab seinem Gegner auch nicht die geringste Möglichkeit zur Gegenwehr.

Hatte Kieran anfangs noch die Kraft, den Schmerzen, seiner Wut und seiner Verzweiflung zu trotzen, so wurde die Pein und Machtlosigkeit allmählich unerträglich. Sein Keuchen und Japsen wandelten sich in Winseln und Schreien, während seine Kleidung bereits begann zu qualmen und zu kokeln. Sein Haar war bereits versenkt und auch der Baum, an den er durch Darius gehalten wurde, fing Feuer.

Im nu hatte sich das Feuer zu den Baumkronen ausgebreitet und auch seine Kleidung brannte lichterloh. Als seien die Schmerzen, die Darius ihm durch seine Energie zufügte, nicht schon genug, so hatte das Feuer ihm bereits großflächige Verbrennungen zugefügt. Für einen kurzen Moment sehnte er sich nach dem erlösenden Tod, doch Aufgeben war noch nie eine Option für ihn gewesen. Mit dem letzten Fünkchen Kraft bäumte er sich gegen Darius unentwegten Angriff und schrie seine Wut und seinen Hass abermals hinaus.

Mit den Schmerzen würde er fertig werden, seine Verletzungen würden heilen, auch wenn es Zeit brauchen würde, aber aufgeben würde er niemals. Er würde sein Vorhaben in die Tat umsetzen, auch wenn es nun etwas länger brauchen würde, und Alexa würde ihm nicht entkommen. Das Universum mochte groß sein, sein Wille war stärker.

Darius hätte stundenlang, tagelang weiter machen können. Seine Wut und sein Ärger würden locker für die Ewigkeit reichen, ebenso wie seine Kraft. Doch es würde nichts ändern. Kieran war auf diese Weise nicht zu vernichten. Das Unvermeidliche würde nur hinausgezögert werden, während noch so viele Möglichkeiten der Entdeckung und Enthüllung über eine erfolgreiche Bekämpfung dieses Urbösen ungenutzt bleiben würden.

Es wäre eine Lüge, zu behaupten, er würde Kierans Anblick, seine Pein und seine Qualen nicht genießen. Er hätte Schlimmeres verdient. Er hatte Leben zerstört, Welten vernichtet, Wahnsinn in die Köpfe der Lebenden gepflanzt und Hass gesät. Er hatte ihn selbst getötet und seine Alexa ins Unglück gestürzt, sie über Welten gejagt und in den Wahnsinn getrieben, und das auf eine Art, die keine Beispiele kannte. Selbst der Tod wäre noch zu mild für ihn.

Darius ließ seiner Wut freien Lauf, als er Kieran eine letzte geballte Ladung seiner Energie entgegen schleuderte, dessen Schockwellen sogar quer über den gesamten Planeten hinweg zogen. Bäume knickten wie Streichhölzer um oder explodierten ebenso, wie Gebirge, Felsen und Gestein zu Staub zermalmt wurden. Sträucher, Büsche und andere Flora wurden entwurzelt oder fingen Feuer, Ozeane begehrten in dutzenden von Tsunamis auf und überfluteten die Küsten bis tief ins Landesinnere und ließen kleinere Inseln gänzlich untergehen. Es war pure schonungslose Vernichtung, die den ohnehin fast leblosen und ausgestorbenen Planeten, dessen einziger Bewohner Kieran war, heimsuchte.

Darius ließ seine Arme sinken und sein Gegner fiel reglos zu Boden. Er wusste, er war nicht tot, er würde sich erholen. Aber es würde lange dauern. Hoffentlich lange genug, um den General zu überzeugen und andere zu warnen, sie zur höchsten Vorsicht zu ermahnen und zum Handeln zu bewegen.


Atlantis

Es war spät am Abend als John noch immer am Fenster seines Quartiers stand und zum nächtlichen Ozean blickte. Das Gespräch mit seiner Mutter hatte ihn aufgewühlt und dennoch war es anders, als er es in Erinnerung hatte.

Spukten ihm damals immer wieder diese schrecklichen Bilder eines Einsatzes, der fürchterlich schief gelaufen war, durch den Kopf, hatte es in ihm Wut, Schmerz, Trauer und sogar Übelkeit verursacht.

Aber jetzt … es war zwar keine ausgesprochene angenehme innere Ruhe, die ihn ergriffen hatte, aber ihm war, als seien die Gefühle, die ihn beinahe immer lähmten, mit einem Mal verschwunden. Nein, nicht verschwunden. So etwas vergas man nie und man würde immer mit gemischten Gefühlen darüber nachdenken und sprechen. Aber der Ballast schien auf einmal an Gewicht und Druck verloren zu haben.

Er wusste, dass er es den Gesprächen mit seiner Mutter zu verdanken hatte. Was hatte sie nur getan? Wie hatte sie es geschafft, dass er …? Sie hatte doch nur zugehört! Hier und da hatte sie auch nachgefragt, wenn sie einzelne militärische Begriffe nicht verstand, ganz besonders aber wenn es um Johns ureigene Gedanken und Gefühle ging. Aber niemals hatte sie etwas angenommen, etwas hineininterpretiert, oder unterstellt oder ihm gar die Worte im Munde umgedreht. So wie manch andere Psychologen es gerne taten.

Und bei Gott, John hatte Erfahrung damit. Ob er wollte oder nicht – viele seiner Vorgesetzten schickten ihn und seine Kollegen nach Missionen zu Militärpsychologen. Besonders gerne, wenn man in Spezialeinheiten in Krisen- oder Kriegsgebieten diente oder wenn Missionen nicht ganz so verliefen, wie es geplant war oder verlangt wurde. Und es war immer dasselbe. Zuerst begann man zu reden, erzählte jedes kleinste Detail und dann wurde man mit Fragen bombardiert, die meist kaum Relevanz besaßen oder vollkommen fehl am Platze, ja sogar teils unzulässig waren. Er war also ein gebranntes Kind.

Seine Mutter hingegen hatte ihn einfach reden lassen. Und er hatte geredet. Himmel! Er musste sich den Mund fusselig geredet haben! Zum x-ten Male an diesem Tage musste John erstaunt über seine Mutter den Kopf schütteln.

John starrte noch eine ganze Weile auf den immer schwärzer werdenden Horizont und ließ seine Gedanken wandern. Zuerst hatte er sich ein paar geistige Notizen gemacht, die seine Arbeit betrafen, dann hatte er sich daran erinnert, dass er noch mit AR-2 über die Verhandlungen auf M4S-879, den einige schon den Akademie-Planeten oder Geister-Planeten nannten, sprechen wollte. Woolsey wartete auch noch auf ein paar Berichte und dann wanderten seine Gedanken wieder zu Alexa und zur aktuellen Problematik und der Gefahr, in der sie noch immer schwebte.

Doch plötzlich hatte John das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein. Hätte er früher noch seine Waffe gezogen und sich ruckartig umgedreht, blieb John nun vorerst einfach lockerlässig am Fensterrahmen gelehnt stehen. Er wusste, wer sein Besucher war und er musste wieder einmal mit dem Kopf schütteln. Grenzte das nicht schon an Dreistigkeit?

„Was wollen Sie?“, entfuhr es John verdrossen, bevor er sich langsam umdrehte und Darius argwöhnisch musterte.

„Ich möchte mit Ihnen sprechen“, antworte Darius gelassen.

„Ich habe Ihnen nichts zu sagen“, erwiderte John in gleicher Tonlage und kehrte seinem Besucher wieder den Rücken zu. Er schien fast schon ein wenig zu gelassen und auch ein wenig zu abschätzig.

Darius war froh, dass er seine Kleidung nach diesem heftigen Kampf mit Kieran wieder gerichtet und in Ordnung gebracht hatte. Der Colonel hätte ihn vermutlich mit noch mehr Argwohn bedacht, als er es jetzt bereits tat. Er wunderte sich aber auch nicht über dieses Verhalten und die geradezu offenkundige Abneigung ihm gegenüber. Er konnte dank seiner telepathischen und empathischen Kräfte in diesem Mann lesen wie ein Buch und das, was er dabei erfuhr, ließ seine Zweifel, einst richtig gewählt und gehandelt zu haben, ein wenig mehr schwinden.

„Dann hören Sie eben nur zu.“

„Ich bin auch nicht sonderlich daran interessiert, an dem was Sie zu sagen haben. Ihre kleinen Rätsel mit all Ihren Sprüchen und Weisheiten und all Ihre Puzzles können Sie gerne mitnehmen.“

„Es wäre jedoch besser, wenn Sie sich anhören, was ich zu sagen habe. Es ist in Ihrem Interesse.“

„Und für Sie wäre es besser, wenn Sie jetzt gehen würden“, brachte John hervor, als er spürte, wie seine Geduld arg auf die Probe gestellt wurde.

„Und es ist auch im Interesse von Alexa“, sprach Darius ruhig weiter. Die Jahrtausende auf einer höheren Ebene hatten zumindest seiner Geduld keinen Abbruch getan, auch wenn merkwürdige Emotionen tief in seinem Inneren rumorten.

„Dann sprechen Sie mit ihr“, entfuhr es John herausfordernd, als er sich wieder zu seinem ungebetenen Besucher wandte. Die Erinnerung an die kleine Szene im Korridor vor Alexas Quartier wurde nur allzu lebendig und John bemühte sich nicht wirklich, ein schadenfrohes Grinsen zu verbergen. Welches Darius geflissentlich ignorierte.

„Alexa ist im Moment nicht besonders … empfänglich für Gespräche jeglicher Art. Ganz besonders nicht für solche, die wir zu führen haben.“

„Wie ich schon sagte, ich habe Ihnen nichts zu sagen.“

„Fragen Sie sich eigentlich nicht, warum ich mich nicht über Ihre Abneigung mir gegenüber brüskiere?“

„Nein. Fragen Sie sich denn nicht, ob ich es vielleicht merken könnte, dass Sie pausenlos in mir lesen? Meine Emotionen, meine Gedanken …“

„Verstehe, dann hat es wirklich keinen Sinn, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Dennoch scheint es Ihnen schwer zu fallen, die Gefühle, die Sie für Alexa hegen, auszudrücken“, platze es frei aus Darius heraus. Er spürte jedoch sogleich heftigen Emotionen in seinem Gegenüber, die er sogar in dessen Haltung und Blicken erkennen konnte.

„Verschwinden Sie“, knurrte John zwischen den Zähnen hervor und drehte sich abermals zum Fenster. Der Mann mochte vielleicht seine Emotionen lesen und somit auch von seinen Gefühlen für Alexa erfahren haben, aber er würde den Teufel tun und sich dafür rechtfertigen. Er hatte schließlich nichts Ungesetzliches und Unmoralisches getan. Noch nicht. Aber dieser Kerl strapazierte arg seine Nerven und seine Geduld und das auf eine Weise und in einer Stärke, wie er es so bisher noch niemals erlebt hatte.

„Normalerweise interessiere ich mich nicht für das Privat- oder Liebesleben anderer Personen. Weder hier noch auf meiner Ebene. Und ich mische mich schon gar nicht ein. Wären die Umstände anders … wären auch Sie mir gleichgültig. Aber hier geht es um Alexa.“

„Ich bin mir sicher, Sie haben auf Ihrer Ebene mitbekommen, dass zwischen Alexa und mir nichts weiter existiert als Kollegialität und vielleicht eine lockere Freundschaft. Und wie Sie schon so schön sagten, haben Sie meine Gefühle nicht zu interessieren. Das ist einzig und allein meine Sache und was zwischen Ihnen und ihr ist, ist nicht mein Problem.“

Zuerst brachte John die Worte irgendwie mühsam heraus und Darius kam nicht umhin, auch eine gewisse schmerzhafte Enttäuschung in ihm wahrzunehmen, gefolgt von einem winzigen Funke Schadenfreude, der seine Worte geradezu Lüge strafte. Dennoch war es wieder ein kleiner Beweis, richtig gewählt zu haben.

„Eine Freundschaft, die sich zu mehr entwickeln könnte. Das ist einer der Gründe, warum ich hier bin.“

„Es entwickelt sich gar nichts und es ist mir egal, welche Gründe Sie haben. Verschwinden Sie. Ich sage es nicht noch mal.“

„Ich weiß, es ist im Moment … nicht gerade einfach für Sie. Und meine Anwesenheit macht es auch nicht gerade leichter … schon gar nicht für Alexa, das ist mir klar. Aber Sie müssen …“

„Ich muss gar nichts! Ich werde nicht nach Ihrer Pfeife tanzen und ich bin Ihnen auch nichts schuldig. Gar nichts“, entfuhr es John gereizt. Das Maß war allmählich voll. Entweder diese Leuchte käme gleich zum eigentlichen Thema oder John würde ihm zeigen, wie ein Erdenbürger mit Aufgestiegenen fertig werden würde.

Im ersten Punkt mochte Darius noch großzügig zustimmen, doch der zweite Punkt … sein eigener Verzicht, sein eigener Rücktritt schmerzten ihn so sehr, dass diese Aussage sich beinahe anfühlte wie ein Schlag ins Gesicht. Er hatte viel getan, hatte viel aufgegeben, opferte und verzichtete noch immer … aber nein, es wäre unfair und würde von schlechtem Charakter zeugen, wenn man einem Unwissenden, der bisher nichts weiter als eine Spielfigur darstellte, die Vergangenheit und das eigene Handeln wie einen Spiegel vorhielte. Der Weg wurde für Sheppard bereitet, beschritten hatte er ihn selbst. Alles im Rahmen eines großen Planes. Eines so großen Planes, den er, ginge es nach ihm, in Kürze erfahren sollte und ihm endlich die Existenz verschaffte, die seit Jahrtausenden für ihn vorgesehen war.

„Ich weiß nicht, warum ich es merke, wenn Sie oder Alexa in mir lesen –es ist mir auch egal. Alexa hat immerhin genügend Taktgefühl und Anstand, sich herauszuhalten und Stillschweigen zu bewahren. Sie allerdings …“, erklärte John aufgebracht und schüttelte dann mit dem Kopf, als er merkte, dass er sich langsam in Rage redete. „Wie dem auch sei, ich habe keine Veranlassung mit Ihnen über meine Emotionen, ob gerechtfertigt oder nicht, zu sprechen. Also schlage ich vor, dass Sie mit diesen Spielchen aufhören und mir entweder sagen, was Sie wollen oder ich helfe Ihnen beim Verschwinden.“

„Alexa … braucht Sie“, platzte es aus Darius heraus.

Natürlich hatte er nicht geglaubt, dass diese Worte leichtfertig über seine Lippen kommen würden, geschweige denn, dass ihm das gesamte Gespräch leicht fallen würde. Er liebte Alexa, er hatte sie schon immer geliebt und er würde es bis in alle Ewigkeit tun. Aber durch seinen Aufstieg und die damit verbundenen Aufgaben, wurde ihm Wissen und Verantwortung zuteil, die er sich zu Lebzeiten nicht einmal ansatzweise vorstellen konnte.

Es gab noch höhere und mächtigere Wesen als ihn und für diese war John Sheppard ein wichtiger Teil der Gleichung. Einer Gleichung, die einen Großteil der Existenz, der Beschaffung und der Erhaltung des Universums ausmachte. Natürlich wollte Darius die Tatsachen anfangs nicht wahrhaben, doch je mehr er von der allmächtigen Wahrheit erfuhr, desto klarer erschien ihm sein Weg und seine Aufgaben und seine Verantwortung. Dennoch schmerzten ihn die Veränderungen, der Verlust und der Verzicht. Aber das war etwas, womit er selbst klarkommen musste.

„Wie bitte?“, entfuhr es John beinahe ungläubig, denn irgendwie traute er seinen Ohren nicht recht.

Er hatte schon von Anfang gewusst, dass es einen bestimmten Grund für das plötzliche Erscheinen des aufgestiegenen Darius geben musste, denn warum hatte er sich mit all seiner Macht all die Jahrtausende zurückgehalten und die anderem im Glauben gelassen, er sei tot? Warum hatte er die Akademie und den Antiker Marsilius bewacht? Tief in seinem Inneren hatte er geahnt, dass Alexa dabei eine wichtige Rolle spielen würde, aber niemals hatte er das erwartet, was sich nun anbahnte.

„Alexa braucht Sie. Die kommende Zeit wird sehr hart und schwer für sie werden und-„

„Ist das Ihr Ernst?!“, unterbrach John ihn.

„Ich weiß, welchen Eindruck das auf Sie machen muss.“

„Ach wirklich?!“ Johns Worte trieften nur so vor Unglaube.

„Ich kann in Ihnen lesen, schon vergessen? Ich weiß, welche Gefühle Sie für sie hegen und Alexa … Sie kämpft noch dagegen an und will es nicht wahrhaben, aber ihr Herz gehört nicht mehr mir.“

Im nächsten Moment fand Darius sich auf dem Boden wieder. Er hatte mit fast allem gerechnet, nur nicht damit, dass Sheppard ihn mit nur einem gekonnten Fausthieb zu Boden befördern konnte. Und verflucht, wenn er noch ein sterblicher Mensch wäre, würde es wohl ganz schön wehtun. Das musste er dem Colonel lassen, der Schwinger war nicht schlecht. Ganz und gar nicht schlecht. Und er hatte ihn wohl verdient.

„So viel zu Ihrer sogenannten lockeren Freundschaft, hm?“ Darius rieb sich über das malträtierte Kinn. „Schön … gut! Da Sie sich das nun von der Seele geschafft haben, können wir uns endlich über das Wesentliche unterhalten oder muss ich Sie zwingen? Und glauben Sie mir, ich werde nicht die Fäuste sprechen lassen, ich habe andere … Fähigkeiten“, meinte Darius, als er sich wieder erhob und sich vor John aufbaute.

„Und einen miesen Charakter noch dazu. Ich habe von Anfang an gewusst, dass Ihr Auftauchen nur Ärger bedeutet. Ich wusste, Sie würden nur mit ihr spielen und sie am Ende wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Aber das … so was von feige, niederträchtig und schäbig habe ich noch nicht erlebt. Ehrlich gesagt kann ich nicht verstehen, was sie an Ihnen findet. Oder wohl gefunden hat. Jetzt wundert es mich nicht mehr, dass Alexa mit Sachen nach Ihnen wirft und Sie rausschmeißt.“

„Sind Sie fertig?“, fragte Darius, atmete dann aber tief durch um seinen aufwallenden Zorn zu bändigen, „Sie und Alexa … sie haben keine Ahnung, was vor sich geht und warum ich so handle.“

„Ich denke, ich weiß sehr gut, was vor sich geht. Das Leben auf Ihrer höheren Ebene muss ja wahnsinnig toll sein, wenn Sie sie schon vor dreizehntausend Jahren betrogen und belogen haben und jetzt weiter machen. Nur auf höherem Niveau versteht sich. Wie genau soll das ablaufen, hm? Ihr schöne Augen machen, sie wieder um den Finger wickeln, ein kleines Stell-dich-ein und ein bisschen bezirzen und umschmeicheln, damit der Verrat nicht mehr so schmerzhaft ist, wenn Sie sie wie ein Stück Vieh an jemand anderen verschachern wollen?

„Alexa ist in Gefahr!“

„Und das soll der Grund sein, warum Sie ihr Vertrauen derart missbrauchen? Was ist mit ihren Emotionen, hm? Was ist mit den Gefühlen, die sie für Sie hegt? Sagen Sie mir nicht, Sie wüssten nicht, was sie für Sie empfindet!“

„Ich bin mir Alexas Gefühle durchaus bewusst und machen Sie nicht den Fehler, zu glauben, es würde mir leicht fallen, so zu handeln oder hier her zu kommen … der Aufstieg ist für viele meines Volkes erstrebenswert, aber auch mit Aufgaben verbunden. Aufgaben, die ich zu meinen Lebzeiten weder erledigen konnte, geschweige denn wollte. Ich will es auch jetzt nicht tun, aber Alexas Leben steht auf dem Spiel. Ihr Leben und das vieler anderer“, erklärte Darius ruhig, auch wenn er wieder die mahnenden und fordernden Stimmen der anderen vernahm. „Ich habe keine Wahl, wenn Alexa leben soll, muss ich sie freigeben.“

„Sie freigeben ist eine Sache, aber sie so abzuservieren … sie geradezu zu verhökern wie irgendeine Billigware“, fügte John hinzu. „Oder ist sie nur eine Leihgabe oder wie soll ich das verstehen? Soll ich als vermeintlicher Witwentröster fungieren, während Sie sich wieder in Ihrem eigenen Disneyland amüsieren bis Ihnen wieder langweilig wird und Sie mit einem großen Auftritt wieder in Erscheinung treten? Danke, ich verzichte.“

„Ich verhökere sie nicht und ich lasse Sie auch ganz bestimmt nicht fallen und ich verrate sie auch nicht! Ich spiele auch nicht mit ihr, ich lieb-„

Darius hielt inne, um sich wieder zu sammeln. Er hatte sich in der Vergangenheit nur selten in Rage geredet und er wusste, dass es den Geschehnissen um den Streit mit Alexa und die Auseinandersetzung mit Kieran zuzuschreiben war. Und da war auch noch Sheppard, der seine niederen Emotionen und Instinkte ganz schön beanspruchte. Er wusste jedoch, dass es diesem wohl nicht besser erging. Noch einmal atmete er tief durch, mehr aus Gewohnheit, als aus Notwendigkeit, bevor er weitersprach.

„Ich kann Ihnen nicht mehr erklären, außer dass Alexa in Gefahr ist … aber das haben Sie mittlerweile ja schon herausgefunden.“

„Dann kümmern Sie sich doch um die Gefahr. Sie wissen bestimmt mehr als ich, und wie Sie eben so schön behaupteten, haben Sie andere Fähigkeiten.“

„Das darf ich leider nicht.“

„Oh … ja. Sie haben ja bei Ihrem Aufstieg eine Nichteinmischungsklausel unterschrieben“, spottete John und ignorierte seine noch immer schmerzende Hand.

„Es stimmt, ich darf mich nicht einmischen. Dennoch habe ich es getan und tue es noch immer. Ich weiß, ich hätte mich Alexa niemals zeigen dürfen … den Kummer, den sie erleidet und den sie noch durchstehen muss, habe ich zu verantworten“, erklärte Darius leise weiter, während John nur schnaubte, „und das werde ich mir auf ewig selbst vorhalten. Ich weiß aber auch, dass Sie an meiner Stelle genauso gehandelt hätten. Ihr zu widerstehen … ist ein Ding der Unmöglichkeit.“

„Ich wäre zumindest nicht so feige, sie gerade jetzt, wo sie jemanden braucht und so ein Verrückter hinter ihr her ist, einfach im Stich zu lassen.“

„Ich lasse sie nicht im Stich.“

„Nein, Sie schieben sie ab.“

„Es geht nicht nur um Alexas Leben und ihre Sicherheit, es geht auch um ihr Schicksal, um ihr Wohlergehen … um ihr Herz und ihre Seele … bleibe ich hier, stürze ich sie mit Sicherheit in ein noch größeres Unglück … Ich habe versucht, die Gefahr, der Alexa droht, zu eliminieren, aber selbst ich komme nicht gegen ihn an“, unterbrach Darius den Soldaten. Es hatte keinen Sinn, sich mit ihm über Offensichtliches zu unterhalten.

„Und wie soll ich Ihnen da helfen? Ich bin nur – warten Sie, wie nennen Sie uns? – ein niederes Wesen“, meinte John, dessen Stimmlage noch immer leisen Spott enthielt.

„Ich weiß es nicht. Noch nicht.“

John schnaubte abermals und schüttelte mit dem Kopf. „Ihr Volk ist wirklich verrückt, wissen Sie das? Sie bauen Mist – am laufenden Band und wir sollen es richten.“

„Von Mist bauen kann ja wohl kaum die Rede sein“, brachte Darius hervor, als er glaubte, sich verteidigen zu müssen.

„Ach nein? Wer oder was ist so gefährlich, dass ein Antiker sich freiwillig jahrtausendelang in eine Stasekapsel legt, nur um vor dieser Gefahr zu warnen? Wer stellt eine solche Gefahr für Alexa dar, dass sogar ein Aufgestiegener genauso lange Wache in einer alten heruntergekommenen Akademie schiebt, um eben jenen Antiker zu bewachen? Wer ist so gefährlich, dass gleich mehrere Leute mich bitten, Alexa zu beschützen? Wer oder was ist der Kerl, dass sogar Alexa ihn derart spüren kann, dass sie jedes Mal wie gelähmt ist? … Doch wohl nur einer Ihrer Leute. Und vermutlich ebenfalls aufgestiegen. Haben Sie sich in ihm geirrt oder ist er eines Ihrer verrückten Experimente, das schief ging?“

Darius sah unverwandt zu John, doch seine Miene regte sich nicht. Natürlich hatte der Colonel recht. Verdammt, er war der Lösung sogar näher, als Darius zu Anfang glaubte. Aber noch immer durfte er nichts preisgeben. Warum wussten wahrscheinlich noch nicht einmal die Höchsten selbst.

„Und nicht einmal Sie kommen gegen ihn an, das haben Sie eben zugegeben. Wie soll ich es dann?“

„Sie werden Unterstützung erhalten“, versprach Darius.

„Ach? Und wen? Sie? Sie machen sich doch bald aus dem Staub oder nicht? Und unserer Erfahrung nach zeigen sich die anderen Aufgestiegenen ziemlich selten bis gar nicht. Es sei denn, es ist wieder kurz vor zwölf und es gilt wieder den Dreck wegzuräumen, den Sie und Ihre Leute hinterlassen haben.“

„Ich bin nicht derjenige, der Ihnen Informationen liefern kann. Das ist Aufgabe des Generals. Er ist Alexas Vater, es ist seine Pflicht … und sein Privileg.“

„Sein Privileg? Oh! Soll ich mich jetzt geehrt fühlen? Sie wissen doch ganz genau, was hier los ist und wie die Dinge stehen. Sie sollten wohl mit ihm sprechen. Vielleicht kriegen Sie ihn ja dazu, den Mund aufzumachen.“

„Es ist wahr. Der General hätte schon längst mit Ihnen darüber sprechen sollen, anstatt Ihnen nur den Eid abzunehmen.“

„Nur den Eid abzunehmen? Was soll das alles? Was geht hier eigentlich vor? Sie tun gerade so, als sei diese ganze Sache ein heiliger Akt, ein Staatsakt oder so was.“

Und wieder hatte Sheppard in seiner Unwissenheit ins Schwarze getroffen, während Darius sich nur verplappert hatte. Der Mann wusste nicht einmal, dass sein Versprechen Alexa zu beschützen eigentlich ein Eid war. Eine kleine List des Generals, die tatsächlich notwendige Erklärung und Ausbildung zu umgehen. Ach, wie einfach wäre es, ihm nun zuzustimmen und ihm all seine Fragen zu beantworten. Darius wusste, danach würde er verstehen, seinen Platz einnehmen und seine Pflicht erfüllen. So wie es ihm bestimmt war. Aber da waren wieder die lauten Stimmen, die ihn schelten, mahnten und störten.

„Der General wird bald mit Ihnen darüber sprechen, das versichere ich Ihnen. Er wird all Ihre Fragen beantworten, er wird Sie leiten und führen, lehren und trainieren. Ich werde mich darum kümmern, etwas zu finden, das Ihnen im Kampf gegen … Ihren Feind helfen kann. Bis dahin … stehen nur Sie zwischen Alexa und dem Bösem.“

„Dem Bösen?“, fragte John nach. Je mehr er hörte, desto verwirrter und unsicherer schien er zu werden. Am meisten beschäftige ihn jedoch das, was nicht gesagt wurde.

„Glauben Sie mir, die Wraith, die Replikatoren, die Goa´uld … selbst die Ori sind nichts im Vergleich zu ihm. Gegen ihn gelten sie geradezu als harmlos. Alexa ist mehr … in ihr steckt mehr als Sie ahnen, als Sie sich bisher vorstellen können. Und genau das ist es, was sie so in Gefahr bringt. Sie darf nicht in seine Fänge geraten, sonst … ist alles verloren, was Sie kennen … und lieben … ich kümmere mich darum, dass der General mit Ihnen spricht und Sie … kümmern sich um Alexa.“


Am nächsten Morgen

„Das war alles?“, fragte Patrick nach, als John seine Erzählung über seinen nächtlichen Besucher und die folgende Unterhaltung beendet hatte.

John hatte sich bereits am Tag zuvor von seiner Mutter breitschlagen lassen, zum gemeinsamen Frühstück im Familienquartier zu erscheinen und er hatte auch schon im Vorfeld geahnt, dass seine Mutter ihn mal wieder mit ihrer Neugier und ihrer Hartnäckigkeit weich kochen würde. Er rechnete allerdings nicht mit seinem minder forschen Vater, der plötzlich ebenfalls eine rege Neugier zeigte und ihn munter weiter mit Fragen und zustimmenden Kommentaren bombardierte, während John doch eigentlich nur sein Müsli und seinen mittlerweile kalten Kaffee genießen wollte. Und nun plapperte er drauf los, was das Zeug hielt. Verdammt, das war doch nicht normal.

„Das war alles. Dieser feige …“ John schüttelte mit dem Kopf, als ihm noch nicht einmal eine passende Bezeichnung für die Leuchte einfallen wollte. „Er benutzt sie, er spielt mir ihr, er lässt sie fallen und überlässt mir dann die Drecksarbeit.“

„Sich um Alexa zu kümmern, ist also Drecksarbeit?“, harkte Patrick nach und verbarg ein Schmunzeln hinter seiner Tasse.

„Ja! Nein! Ich meinte, er ist doch der Aufgestiegene! Er hat doch Macht und Fähigkeiten, wieso soll ich mich dann mit diesem Verrückten anlegen?“

„Aber du hast doch eben gesagt, er hätte gesagt, er hätte versucht, diesen Kerl zu bekämpfen, aber er konnte nicht gegen ihn angehen“, kam es nun von Carol, die allmählich Schwierigkeiten hatte, Johns aufgebrachten Äußerungen zu folgen.

„Ja, genau.“

„Aber … wie sollst du dann …“ Nun war Carols Verwirrung komplett. Ganz zu schweigen, dass Sie noch immer nicht so recht wach war. Dem Familienleben zuliebe versuchte sie nun schon seit Wochen Schritt mit dem Tagesrhythmus ihres Ältesten zu halten und sprang etwa zur gleichen Zeit aus den Federn, um so viel Zeit, wie ihnen vergönnt war, mit ihren Lieben zu verbringen. Sie hatte noch niemals ein Problem mit dem frühen Aufstehen, aber John war nicht gerade selten schon um 5 in der Frühe bereits auf Achse, während Carol noch heimlich über die gottlose Zeit fluchte.

„Er meinte, ich solle mich um Alexa kümmern, während er nach etwas sucht, dass mir im Kampf gegen den Verrückten helfen könnte und auch dafür sorgt, dass der General bald reden würde.“

„Und wann soll das sein? Und was will er denn finden? Eine Waffe? Und wie soll dieser Kampf gegen ihn überhaupt aussehen?“

„Vielleicht ist es eine ähnliche Waffe, wie diese Anti-Ori Waffe“, meinte Carol und zog wieder irritierende Blicke auf sich, als sie mit ihrem Wissen glänzte.

„Ich glaube, ich muss doch mal mit den Verantwortlichen über deine Sicherheitsfreigabe sprechen“, entgegnete John mit hochgezogenen Augenbrauen, während Patrick nur grinsen konnte, bevor er selbst wieder zum Thema fand.

„Diese Waffe würde doch alle Aufgestiegenen töten, oder?“

„Sie hat zumindest die Ori getötet. Jackson hat sie gebaut, als er von diesem Merlin besessen war und dann haben sie die Waffe in die Ori-Galaxie geschickt. Keine Ahnung, ob sie noch da ist oder überhaupt noch existiert.“

„Vielleicht hilft wirklich nur abwarten … und ein bisschen Vertrauen. Ihr beide, du und Darius hegt starke Gefühle für Alexa und ihr wollt beide ihre Sicherheit. Anstatt gegeneinander anzugehen, solltet ihr euch vielleicht zusammentun und eure Kräfte bündeln. Und da Darius ohnehin zurücktritt … ich meine, er sagte doch, dass er sie freigibt … dann …“

„Habe ich seine Erlaubnis?“, vollendete John den Satz seiner Mutter in einer missfälligen Tonlage und schnaubte dann. Doch dann herrschte eine ganze Weile Sprachlosigkeit, in der jeder seinen Gedanken nachhing.

„Das ist wirklich nicht die feine Art. Er hätte mehr verdient als einen Rausschmiss und Porzellan, das man ihm an den Kopf wirft“, stimmte Patrick zu, als John daraufhin schluckte und stumm nickte. Dass er diesem Darius bereits seine Meinung in Form seiner Faust mitgeteilt hatte, ließ John geschickt aus. „Aber abgesehen davon, kann man denn nicht einfach eine neue Waffe bauen? Eine, die speziell auf diesen Verrückten wirkt? McKay und Dorian sind doch ziemlich helle. Die können sich sicher was einfallen lassen“, meinte Patrick enthusiastisch, der die Stille wohl nicht lange ertrug.

„Ich wollte sowieso mit McKay darüber reden. Aber wenn sie nur auf diesen Kerl wirken soll, brauchen wir zuerst mehr Infos über ihn.“

„Glaubst du wirklich, dass der General dir bald reinen Wein einschenkt?“

„Es wäre besser, wenn er es täte. Immerhin geht es um seine Tochter und nach allem, was diese Leuchte mir erzählt hat … oder nicht erzählt hat …“

„Es steckt also noch mehr dahinter, als bisher angenommen?“, fragte Carol nach, die sich bereits die zweite Tasse Kaffee eingoss.

„Ja, da bin ich sicher. Irgendwas geht hier vor … es wird immer kryptischer.“

„Vielleicht solltest du noch mal versuchen, mit diesem Marsilius zu sprechen.“

„Das wollte ich. Aber sein Zustand hat sich offenbar verschlechtert. Als ich heute Morgen auf der Krankenstation war, ist Elisha ständig um ihn herumscharwenzelt. Ich hätte keine fünf Minuten mit ihm alleine gehabt.“

„Na ja, der Tag ist noch früh …“ Carol schaute auf ihre Uhr und hob überrascht die Brauen. „Verdammt früh. Vielleicht bekommst du noch eine günstige Gelegenheit.“

~~~///~~~

Die günstige Gelegenheit wurde ihm versagt.

Einige Stunden nach dem Frühstück sah John noch einmal auf der Krankenstation vorbei, doch der alte Antiker schlief friedlich in seinem Bett und John wollte ihn nicht unbedingt aus dem Schlaf reißen. Vor allem nicht für Fragen, die ihm ohnehin nicht beantwortet werden würden, wenn es nach dem General und Elisha ginge. Während diese noch immer leise um ihn herum wuselte und besorgt die Werte auf den Monitoren im Auge behielt, hatte sie John erklären können, dass sich Marsilius Zustand rapide verschlechtert hatte und er wohl nur noch einen Tag, vielleicht auch zwei Tage hätte. Allerhöchstens. Augenblicke später fand sich auch der General in der Krankenstation ein. John konnte ihm die Anspannung und Sorge aus dem Gesicht lesen, aber er sah auch eine gewisse Erleichterung, als er seinen Freund schlafend vorfand.

John wusste, wie dieser sich im Augenblick wohl fühlen musste und was ihm durch den Kopf ging. Er war selbst mehr als einmal in einer solchen oder ähnlichen Situation. Auch er hatte Freunde verloren, hatte zusehen müssen, wie sie starben oder gar stunden oder gar tagelang mit dem Tod kämpften. Meist jedoch spielte nicht das Alter eine Rolle, sondern vielmehr Verwundungen, die aus Einsätzen in Kriegs- und Krisengebieten herrührten. Besonders schlimm war es, wenn kaum, bis keine medizinische Unterstützung vorhanden war, weil man entweder in einer ziemlich ungünstigen Gegend oder Situation festsaß oder gefangen war. Und die wenigsten Geiselnehmer kümmerten sich um die Gesundheit ihrer Geiseln und Gefangenen, besonders nicht, wenn es dabei um Soldaten ging. Die galten schließlich als leicht zu ersetzen.

John verabschiedete sich wieder und verließ die Krankenstation. Es wurde Zeit, Rodney wieder ein bisschen zu ärgern und zu fordern.


Später am Tag

Es war bereits später Nachmittag, als Marsilius langsam erwachte. Es überraschte ihn nicht, Darius wachend an seinem Bett vorzufinden.

„Wie geht es dir?“, fragte Darius leise, was Marsilius schmunzeln ließ.

„Ich schlafe und schlafe, aber ich bin immerzu müde … ich nehme an, dass es bald so weit ist, nicht wahr?“

Darius antwortete nicht. Das war auch nicht nötig. Marsilius hatte schon immer auf seinen Körper gehört und er erkannte die Anzeichen. Es beruhigte ihn, dass er wieder in Atlantis war, bei seinen Freunden, seiner Familie. Elisha und auch das medizinische Personal der Erde kümmerten sich rührend um ihn, ihm fehlte es an nichts und er hatte keinerlei Grund zur Beschwerde. Kein Unwohlsein, keine Schmerzen, nichts und doch war ein winzig kleiner Funke von Wehmut in ihm.

Wie gerne würde er mehr Zeit mit seinen Lieben verbringen. Wie gerne würde er die Menschen von der Erde noch besser kennenlernen. Ja, sogar die Erde würde er gerne einmal sehen. Zwar hatte er bereits Besuch von Mister Woolsey erhalten, der seine kleine Anspielung verstand und kurz darauf einen Computer mitbrachte, um ihm einige Bilder und Aufnahmen von der Erde zu zeigen. Es war eine nette Geste, aber es ging doch nichts über die Fähigkeit, all die schönen Orte, die Gesellschaft und die Geschichte mit eigenen Augen zu sehen und zu erfahren.

Und da waren noch sein Lieblingsstöpsel und sein Krümel. Dorian und Alexa. Er kannte die beiden von Geburt an. Er hatte sie aufwachsen sehen, er war sogar ein wenig an ihrer Erziehung beteiligt. Und selbst jetzt, wo beide schon erwachsen und eigenständig waren, sah er sich noch immer als ihr Onkel. Wie gerne würde er sehen, wie sich Dorian endlich verliebte und eine Familie gründete und wie sehr hatte er sich für Alexa und ihre Liebe gefreut. Wie sehr hatte er später mit ihr getrauert und um sie gebangt. Und nun schien sich die Geschichte zu wiederholen.

„Hast du es ihr schon gesagt? Dass du wieder gehen musst, meine ich.“

„Sie weiß es“, antwortete Darius kurzum.

„Sie hat es wohl nicht gut aufgenommen, nehme ich an.“

Wieder schwieg Darius betreten und Marsilius nickte verstehend. „Oh Junge … ich habe dich gewarnt. Ich habe dich geradezu beschworen, dich ihr nicht zu zeigen. Du wusstest, was sie durchlitten hat und nun stürzt du sie wieder ins Unglück. Ich weiß nicht, warum man von euch Aufgestiegenen immer als die Erleuchteten spricht. So erleuchtet bist du gar nicht.“

„Ja ja, das kenne ich schon. Wie oft hast du mir das schon gesagt?“, murmelte Darius halblaut vor sich hin, in der Hoffnung nicht gehört zu werden.

Unglücklicherweise litt auch Tristanius, der gerade mit seiner Frau das Krankenzimmer betrat, nicht an einem schlechten Gehör oder anderen Störungen. „Dir was gesagt?“, fragte er nach.

„Dass er froh sein kann, aufgestiegen zu sein, auch wenn er es in meinen Augen nicht verdient hat“, erläuterte Marsilius wiederholend und auch gelassen, was Darius veranlasste, eine grimmige Miene zu ziehen, bevor er prüfend von Tristanius beäugt wurde.

„Und wieso hat er es nicht verdient?“, hakte der General nach und fiel dabei in seine Muttersprache.

„Sagst du es ihm oder soll ich?“, fragte Marsilius, als er Druck machen wollte.

Doch, noch bevor Darius sich erklären konnte, betrat Dorian das Krankenzimmer. Er schien etwas verstört und besorgt zugleich. „Hey, kann mir mal einer verraten, was mit Al los ist? Erst reagiert sie nicht und dann macht sie mir die Tür auf und ich starre in geschwollene und verweinte Augen, in dessen Blick etwas liegt, dass mir fast eine Gänsehaut beschert hat. Ganz zu schweigen von ihrem vollkommen verwüsteten Quartier. Es sieht aus, als ob sie schon wieder mit einem meiner Prototypen gespielt hätte. Alles ist durcheinander, liegt zerstreut und kaputt auf dem Boden.“ Dann richtete sich sein Blick zu seinem Freund Darius. „Was hast du angestellt?“

Darius hatte gehofft, auf andere, ruhigere Art und Weise das Gespräch mit dem General, Elisha und Marsilius führen zu können. Doch Marsilius Druck und Dorians Beschreibung über Alexas Zustand und ihr vorangegangener Wutausbruch schienen wohl nicht zu reichen. Nein, sein bester Freund musste ihm auch noch derart in den Rücken fallen. Darius wusste nicht, ob er Dorian deswegen angehen sollte oder ein wütender Blick ausreichen würde. Er entschied sich für Letzteres, denn der General verlange Antworten.

„Nun?“

„Ich habe Alexa gesagt, dass ich nicht bleiben kann.“

„Ich dachte, das wäre schon längst geschehen“, meinte Elisha verdutzt.

„Schon. Aber sie wollte es wohl nicht recht wahrhaben. Ich habe es ihr unmissverständlich klarmachen müssen und das … hat sie wohl etwas … aufgeregt.“

„Ihr habt euch gestritten“, schlussfolgerte Elisha. „Deswegen hat sie dich rausgeworfen und dir einiges hinterhergeworfen.“

Natürlich waren ihr schon Dutzende von Geschichten über das Geschehen am gestrigen Tag zu Ohren gekommen und auch sie selbst wollte sich um ihre Tochter kümmern, doch Alexa war nicht gut zu sprechen auf ihren Versprochenen und Elisha wollte sie nicht noch mehr unter Druck setzen. Abgesehen davon hatte sie selbst einen strammen Terminkalender einzuhalten, der sie vorzeitig wieder zur Krankenstation zurück beordert hatte.

„Wieso weiß ich nichts davon? … Und wieso ist ihr Zimmer verwüstet?“, fragte Tristanius mit einem mehr als missbilligenden Ton und verschränkten Armen. Alle Anwesenden wussten, was die Pose zu bedeuten hatte. Nur war es einzig und alleine Elisha, die sich nicht davon einschüchtern ließ.

„Ich bitte dich, Tristan, du kennst doch ihr Temperament.“

Ja, natürlich kannte er das, und wenn sie schon ihr eigenes Quartier in Einzelteile zerlegte, wie wütend und enttäuscht musste sie dann sein?

Tristanius schürzte die Lippen und umrundete langsam das Bett, bis er vor Darius stand. „Als Alexa mir damals anvertraute, dass sie dich liebe, habe ich dich gewarnt. Ich hatte dir gesagt, dass, solltest du ihr wehtun, es keinen Platz im Universum geben würde, an dem du dich vor mir verstecken könntest … nun … ich muss Marsilius Recht geben. Du kannst wirklich froh sein, aufgestiegen zu sein. Die einzige Ebene, die ich nicht erreichen kann. Aber von Erleuchtung kann wirklich nicht die Rede sein.“

„Genau so wenig kann die Rede von mir als ihr bestimmter Agema sein“, erwiderte Darius ruhig und brachte es auf den Punkt.

„Natürlich nicht. Nicht nach deinem Aufstieg“, entgegnete Tristanius entnervt.

„Nein, das meine ich nicht.“

Tristanius sah noch immer prüfend zu Darius, doch dieser hielt seinem Blick stand. Es war schon immer eine Marotte von dem älteren Antiker, seine Stimmung durch kleinste Gesten und oftmals auch ausdrucksstarke Mienen mitzuteilen und nicht gerade selten hatte er Erfolg. Während die Leute in seinem Umfeld schnell lernten, auf die Körpersprache und die manchmal warnenden Blicke des Generals zu achten, ließ Darius sich nicht so schnell einschüchtern. Er hatte jedoch Respekt, denn er wusste, dass eine solche Mimik und Gestik meist als Warnung galten, bevor der General dann schon mal die Geduld verlor und seinem Unmut auf unverwechselbarer Weise Platz machte.

„Er ist es, nicht wahr? Sheppard. Er ist ihr Agema“, wisperte Elisha wissend und Darius schwieg wieder bedeutungsvoll.

„Wie kann das sein?“, entfuhr es Tristanius fragend. „Es ist mehr als dreizehntausend Jahre her, als der letzte Agema ausgebildet und seiner Bestimmung zugeführt wurde. Danach wurde bei niemandem mehr auf das Merkmal und seine reine Vererbung geachtet. Und selbst wenn einige unseres Volkes das Merkmal noch besaßen, als sie zur Erde flüchteten, so dürfte es heute nur noch in winzigen Spuren in deren Nachfahren zu finden sein. Genau wie unser Gen selbst.“

„Sheppard ist jedoch die Ausnahme“

„Ich hatte recht“, kam es wieder von Elisha. „Ich habe es dir gesagt, Tristan. Sein Gen ist stark. Er ist der stärkste Genträger der Expedition und man munkelt, dass er sogar der stärkste Träger innerhalb des Stargate-Programmes sein soll. Ich habe das natürlich noch nicht prüfen können, aber … du hast die Ergebnisse meiner Untersuchung gesehen. Er hat auch das Merkmal.“

„Und das sogar äußerst stark. Es ist vielleicht sogar stärker als Ihres“, pflichtete Darius ihr bei und sah zu Tristanius, der noch immer stumm auf die Beantwortung seiner Frage wartete. „Es gehen Veränderungen in ihm vor und sein Blut arbeitet bereits, genauso wie … Alexas Blut ihr zu schaffen macht.“

„Du sprichst von der Bindung, richtig?“, fragte Elisha weiter nach und diesmal nickte Darius.

„Oh … Elisha, bitte. Eine solche Bindung wurde seit Generationen und aber Generationen nicht mehr beobachtet“, brachte Tristanius hervor.

„Und dennoch geht eine solche Bindung gerade vonstatten“, erklärte Darius weiter. „Im Moment finden die Veränderungen der beiden größtenteils im Unbewussten –im Unterbewusstsein statt. Wobei Sheppard jedoch schon die ersten Anzeichen und Auswirkungen ganz deutlich spürt. Sein Wandel setzt früher ein und schreitet schneller voran, als es vielleicht gut für ihn ist. Ich habe ihn die letzten Tage beobachtet … seine Verbindung zu Alexa ist stärker, als Alexas Verbindung zu ihm. Seine Konzentrationsfähigkeit ist gestiegen, man hat herausgefunden, dass auch seine synaptische Gehirnaktivität zugenommen hat. Seine mentalen Fähigkeiten sind durchaus bemerkenswert, und wenn man es ihm auch nicht ansieht, ist seine Kraft und Ausdauer ebenfalls angestiegen. Außerdem sind seine Sinne geschärft, seine Instinkte arbeiten auf Hochtouren … ganz besonders, wenn es eben um Alexa geht. Er spürt es, wenn Alexa in Schwierigkeiten jeglicher Art gerät. Er spürt es auch, wenn sie oder andere in ihm lesen und er kann es auch schon recht gut abblocken, wenn es nötig ist.“

„Du hast in ihm gelesen?“, fragte Dorian neugierig grinsend nach. „Was Interessantes dabei herausgefunden?“

„Seine Gefühle … sind im Moment ein wenig chaotisch … aber äußerst stark.“

„Seine Gefühle?“, kam es erneut von Dorian, auch wenn diesmal eher Verwirrung mitschwang. „Alter … dieses Gespräch geht langsam in eine Richtung … dir ist schon klar, dass es um deine Versprochene geht?“

„Ich bin mir dessen wohl bewusst, aber Danke für die Erinnerung.“

„Du hast diese Veränderung doch auch durchlebt“, erwiderte Tristanius.

„Nein, eben nicht. Ich war bereit, Alexa zu schützen und sie zu umsorgen … mit aller Macht und aller Kraft, die ich hatte, aber ich hätte sie niemals … zwischen uns entstand bis heute nicht eine derartige Verbindung, wie sie bereits jetzt zwischen Sheppard und Alexa herrscht. Sie hätte niemals meine Gefühle erspüren können, wie sie es bei ihm kann. Sie hätte mich niemals rufen können, wie sie ihn rufen kann. Sie hätte mir niemals … derart vertraut, wie … sie ihm vertraut.“

„Aber sie liebt dich“, flüsterte Elisha leise. In ihren Augen konnte Darius Mitgefühl und Bedauern erkennen, aber er durfte sich davon nicht aufhalten lassen, er durfte nicht beginnen, Zweifel zu hegen.

„Sie hat Gefühle für mich, ja. Aber sie sind nun anders. Wie ich schon sagte, auch ihr Blut arbeitet bereits. Ihre Empathie ist nur ein Beispiel für die bereits entstehende Bindung. Sie strauchelt immer noch mit dieser Fähigkeit und wird es ihr zu viel … wird ihr Gehirn zu sehr dadurch belastet, übernimmt das Unterbewusstsein. Es ruft dann nach Stabilität, nach Ruhe, Schutz und Sicherheit. All das kann sie bei ihrem Agema finden. Dem Agema, der für sie bestimmt ist, der, an den sie gebunden sein soll. Wie Sheppard ist sich Alexa dessen noch nicht voll und ganz bewusst, aber im Gegensatz zu ihm beginnt sie bereits, dagegen anzukämpfen … und aufgrund von Sheppards … Gefühlen für sie, wird sie auch gegen ihn kämpfen. Trotzdem … bleibe ich hier, beraube ich Sheppard seiner Bestimmung und kehre ich als Mensch zurück, stürze ich sie erneut ins Unglück, weil ich sie nicht schützen kann.“

„Aber wenn du doch hierbleibst … ich meine, vielleicht können du und Sheppard einen Weg finden, um miteinander auszukommen … aber sie hätte dann drei Agemas an ihrer Seite“, meinte Dorian, der noch immer stutzend in die Runde blickte.

„Was sie dann hätte, wäre ein Agema, der ihr Vater ist, ein Agema, der ihr nicht bestimmt ist und einer, der seiner Bestimmung beraubt wurde … aber keinen, an den sie dann derart gebunden wäre, wie sie es sein sollte … ich kann die Sinnlosigkeit gar nicht in Worte fassen“, erwiderte Darius trocken. „Nein. Es ist weniger das Problem, dass Sheppard und ich nicht miteinander auskommen würden, aber er wäre durch meine Anwesenheit und meinen Umgang mit Alexa labil und Alexa wäre hin und her gerissen und das kann ich keinem von beiden antun … ich muss gehen. Ich habe vielleicht jetzt schon zu großen Schaden angerichtet.“

„Ja, zumindest in ihrem Quartier“, kommentierte Marsilius leicht amüsiert.

„Das Chaos habe nicht ich angerichtet“, verteidigte sich Darius gelassen.

„Aber du bist dafür verantwortlich. Du kennst ihr Temperament und du weißt wie gefürchtet ihre Wutausbrüche sind!“

„Schluss damit! Das bringt uns nicht weiter. Außerdem wisst ihr sehr wohl, dass ich solche Gespräche über Mitglieder meiner Familie nicht leiden kann“, unterbrach Tristanius das kleine Gezanke. „Die Pflicht eines Agemas besteht darin, die für ihn bestimmte Initia vor jeglichem Leid und jeder Gefahr zu beschützen, ihre Sicherheit, ihr Wohlergehen und ihr Glück zu garantieren. Durch die Macht, die du nun durch deinen Aufstieg hast, sind deine Chancen, Kieran zu vernichten, enorm gestiegen.“

„Ich bin aber nicht ihr bestimmter Agema … ich habe einmal versucht, Kieran beizukommen, aber ich habe versagt. Ich habe es gestern noch einmal versucht, aber selbst jetzt komme ich nicht gegen ihn an. Er hatte damals schon große Macht, aber nun ist er … ich habe ihn verletzten und schwächen können. Aber ich kann ihn nicht vernichten.“

„Wie soll Sheppard es dann schaffen?“

„Nehmen Sie sich seiner an und führen ihn seiner Bestimmung zu! Trainieren Sie ihn, lehren Sie ihn, führen Sie ihn, unterstützen Sie ihn und sagen Sie ihm endlich die Wahrheit.“

„Wird er sie schützen können?“, fragte Tristanius bedrückt.

Darius schwieg zunächst, wusste nicht so recht, was er antworten sollte. Zum Teil kannte er die Zukunft, aber wie schon die ganze Zeit über, war er zum Schweigen verurteilt.

„Ich weiß es nicht. Ich habe Ihnen etwas Zeit verschafft aber je früher seine Ausbildung beginnt, desto größer kann die Chance der beiden sein. Bitte werten Sie es nicht als Vorwurf, General … ich habe Ihnen niemals welchen gemacht. Ich habe schon vor langer Zeit mit den Geschehnissen von damals abgeschlossen … aber denken Sie auch an Alexa und die vielen anderen Leben … machen Sie mit Sheppard nicht den gleichen Fehler, wie mit mir.“

„Aber wie soll er Kieran vernichten, wenn du schon nicht …“, brachte Dorian hervor.

„Ich werde etwas finden, dass im Kampf gegen ihn hilfreich sein wird.“

„Und was?“

„Weiß ich noch nicht. Ich werde meine Verbindungen nutzen und mein Wissen. Das solltet ihr auch, denn die Zeit drängt. Kieran wird von Tag zu Tag mächtiger und irgendwann … den einzigen Vorteil den Alexa dann noch hat, ist ein gewiefter Bruder, der sich die eine oder andere technologische Spielerei einfallen lässt“, erklärte Darius bestimmend und sah zuerst zu Dorian, dann wieder zu Tristanius und Elisha. „Und die Stärke und der Wille eines gut ausgebildeten Agemas und das Band, das zwischen ihm und ihr herrscht.“

~~~///~~~

Alexa war müde. Ausgelaugt und erschöpft lag sie nun schon seit Stunden in ihrem Bett. Sie hatte sich in die Decken und Kissen gewickelt, dich durch ihre vielen Tränen schon fast durchnässt waren. Sie hatte keine Kraft mehr. Keine Kraft zu weinen und auch keine Kraft mehr um ihre Wut und ihren Schmerz herauszulassen.

Sie konnte sich auf nichts wirklich konzentrieren. Sie konnte nicht daran denken, dass sie in ihrer Wut ihr gesamtes Quartier verwüstet hatte. All ihre schönen Dinge, die ihr Quartier zierten, oder die einen Nutzen darstellten, hatte sie in ihrem Zorn gegen die nächstbeste Wand geschleudert. Es war ihr dabei nicht in den Sinn gekommen, dass diese Dinge ihr eigentlich wichtig waren. Dass einige dieser Dinge einst Geschenke waren. Von Freunden, Familie, sogar von Darius. Und diese flogen sogar zuerst gegen die Wand.

Auch Elisha vermochte sie nicht zu beruhigen oder zu trösten. Sie bot ihrer Tochter Trost und ein offenes Ohr an, doch aus Alexa war nicht wirklich etwas Vernünftiges oder gar Verständliches herauszubringen. Und dann musste sie einem Notruf der Krankenstation folgen und ihre Tochter in ihrem Kummer zurücklassen.

Aber dann hatte Dorian sich blicken lassen und nach etlichen erfolglosen Versuchen, seine Schwester aufzumuntern, entschied er sich zunächst, wieder ein wenig Ordnung zu schaffen, bot sogar an, die zerbrochenen Gegenstände wieder zu reparieren. Aber am Ende war er überzeugt, so schnell wie möglich das Weite zu suchen, denn Alexa schien mit ihrer Schimpftirade und ihrer ureigensten Problembewältigung noch nicht fertig zu sein.

Aber nun machte sich allmählich Resignation in ihr breit.

Darius Worte schmerzen sie zu sehr. Er würde sie tatsächlich verlassen. Schlimmer noch – er glaubte, sie seien nicht füreinander bestimmt als sei sie nicht die Richtige für ihn … sie würde bald einem anderen verfallen sein. Das war verrückt! Das war … unmöglich und doch war da etwas in ihrem Inneren … etwas rumorte in ihr. Es wallte und brodelte und Alexa konnte nicht sagen, was es war. Vorahnung, Zweifel, Bedenken, Gewissheit? Sie weigerte sich, auch nur einem dieser Gefühle nachzugehen und zu erkunden. Selbst der Gedanke, jemals einen anderen Mann zu lieben, schien ihr unerträglich.

Doch dann spürte sie Darius Anwesenheit. Er hatte sich zwar schon vor einiger Zeit in ihr Quartier materialisiert, aber bisher reglos an ihrer Tür gestanden und sie still und leise beobachtet, bevor er ganz langsam und vorsichtig in ihren Geist drang. Er wusste, dass sie nicht schlief. Sie lag einfach nur da und starrte zum Fenster hinaus auf den Ozean und antwortete nicht auf seine stummen Fragen.

Er konnte in ihr lesen. Er konnte ihre Wut, ihre Verzweiflung, ihren Schmerz und ihre Enttäuschung wahrnehmen. Und es wurde ihm fast übel. Er verfluchte sich wieder einmal selbst. Hätte er doch bloß auf Marsilius und die anderen gehört. Hätte er sich ihr doch bloß niemals wieder gezeigt … hätte er sie doch nur im Glauben gelassen, er sei tot. Er hätte ihr all diesen Kummer erspart und Sheppard würde es bald leichter haben.

Nur ganz langsam und vorsichtig zog er sich aus ihrem Geist zurück und begann mit seinen Kräften in ihrem Quartier zu räumen. Im Nu waren Kleidung und Wäsche wieder an ihrem Platz und ein Großteil ihrer Habe war auch wieder repariert. Doch dann fiel sein Blick auf den gläsernen Kristall, den Stern, der Sheppard ihr am letzten Weihnachtsfest schenkte.

Vollkommen zersplittert lag er in einer Ecke auf dem Boden. Zwar funkelte der eine oder andere Splitter im Mondlicht aber das innere Leuchten war verschwunden. Seine Magie war zerstört.

Darius seufzte. Während die Menschen diesen Stern einfach nur als einen Stein oder einen Klumpen Dreck ansehen, wusste Darius, was Sheppards Geschenk zu bedeuten hatte. Er wusste, woher er kam und wie weit der Stern durch das Weltall zu seinem Ziel geirrt war. Er wusste auch, was das sonst helle Leuchten zu bedeuten hatte, denn dieses Leuchten war gebunden an das, was zwischen der Beschenkten und dem Gönner herrschte. Bedauerlich, dass Alexa dies nun zerstört hatte. Aber vielleicht könnte er …

Langsam strich Darius die Scherben und den Staub zusammen und ließ dann seine Hand über das kleine Häufchen gleiten. Er musste zugeben, es dauerte und brauchte eine Menge Kraft, aber das sollte es ihm wert sein.

Der Stern war wieder intakt, wenn auch das Leuchten am Ende noch immer fehlte. Aber das würde wiederkehren. Sobald sie ihren Kummer überwunden und sich Sheppard einen Weg in ihr Herz gekämpft hätte.

Darius erhob sich wieder, brachte auch das restliche Chaos weder in Ordnung, bevor er den Stern wieder an seinen Platz auf der Kommode neben ihrem Bett stellte.

Stumm verfolgte Alexa seine Bewegung ohne sich jedoch zu rühren, aber sie verzichtete darauf ihn anzusehen, als er vor ihr in die Hocke ging.

„Ich kann verstehen, dass du Kummer hast … und wütend bist, aber bitte … lass es nicht an deinem Quartier aus“, sprach er ganz leise, während er nach einer ihrer Strähnen griff und sie sanft hinter ihr Ohr strich. „All diese Dinge können nichts dafür. Ich bin derjenige, der dir Kummer bereitet und wenn du so wütend bist, dass du glaubst, kämpfen zu müssen … dann kämpfe gegen mich. Das ist in Ordnung.“

Erst als Darius zärtlich über ihre Wange strich und ihren Kopf etwas anhob, konnte Alexa ihn anblicken. Ihre Augen waren rot, geschwollen und verweint und es lag unsäglicher Kummer darin.

„Ich kann nicht kämpfen … nie mehr.“

„Du bist nur erschöpft … aber das ist okay.“

„Warum? … Warum Darius?“, fragte Alexa mit brüchiger Stimme und Darius wusste, worauf sich die Frage bezog.

„Weil es so sein muss, Alexa. Bitte glaube mir, ich würde nichts lieber tun, als hier zu bleiben und dich zu meiner Frau nehmen. Aber es darf nicht sein. Ich darf es nicht … ich kann es dir nicht erklären … aber irgendwann wirst du es verstehen, bitte glaube mir.“

Wieder entstand langes Schweigen, während Alexa noch immer reglos in ihrem Bett lag und Darius sie mit zartem Streicheln über ihre Wange zu trösten versuchte. Doch dann konnte er ihre Resignation spüren und es versetzte ihm selbst einen Stich im Herzen.

Sie war tief in ihrem Inneren bereit, ihn gehen zu lassen, auch wenn sie es sich selbst noch nicht so ganz eingestehen wollte.

„Wann? … Wann musst du …?“

„Bald … sehr bald.“

„Dann bleib hier … bitte … nur noch heute Nacht.“

„Alexa …“

„Nur diese eine Nacht. Halt mich nur fest … nur einfach festhalten.“

Zu gerne kam er ihrer Bitte nach. Schnell streifte er sich die Stiefel ab und kroch zu Alexa ins Bett um sie kurz darauf in einer festen Umarmung an sich zu drücken. Doch an Schlaf für beide nicht zu denken.

~~~///~~~

Es war früher Morgen, als Darius sich im Kontrollraum vom General und einigen anderen verabschieden wollte. Auf der Krankenstation war er schon, um sich auch von Marsilius zu verabschieden, doch der Alte schlief. Elisha aber versprach, ihm Grüße auszurichten, wenn er wieder aufwachte. Er wusste, dass Marsilius nicht mehr viel Zeit blieb. Bald würde auch er diese Ebene verlassen.

Den Doktoren McKay und Zelenka wollte er auch einen Besuch abstatten, doch nur der Tscheche war im Labor vorzufinden. Rodney wurde im Kontrollraum gebraucht, aber das wusste Darius bereits. Auch Ronon konnte er dort vorfinden. Noch immer reizte ihn die Idee, einen kleinen Sparringskampf mit ihm zu bestreiten, aber darauf musste er wohl verzichten.

Sogar die Sheppards waren anwesend. Nun ja, zumindest das Ehepaar verabschiedete sich freundlich von ihm, auch wenn er es in den beiden brodeln spürte. Sie schienen hin und hergerissen von seiner Anwesenheit und Darius konnte es ihnen nicht mal verdenken. Wie würden sie wohl reagieren, wenn sie wüssten, worüber er mit ihrem ältesten Sohn in jener Nacht gesprochen hatte? Oder dass dieser einen verdammt guten rechten Hacken besaß? Oder dass er für das verantwortlich war, was … nein, daran durfte er jetzt nicht denken.

Darius unterdrückte ein Seufzen und sah sich kurz um. Fast jeder war anwesend. Entweder um Lebe wohl zu sagen oder weil sie ihrer Tätigkeit nachgingen. Den Colonel jedoch hatte er nicht entdecken können. Das hatte er auch nicht erwartet. Seine Emotionen ihm gegenüber waren noch immer stärker und extremer, als die all der anderen und auch das wunderte ihn nicht wirklich. Aber er spürte, dass er in der Nähe war. Genau wie Alexa, die er unten am Treppenansatz zum Gateraum vorfand.

Langsam stieg er die Treppe hinab und trat vor Alexa, die ihn noch immer nicht recht ansehen wollte. Erst als er zart unter ihr Kinn griff und ihren Kopf hob, konnte sie ihm in die Augen sehen.

Er spürte wie sie wieder versuchte in ihm zu lesen, aber das durfte nicht geschehen. Seine Emotionen waren nun als Aufgestiegener viel stärker und mächtiger, als das es Alexa verkraften könnte. Außerdem würde sie sich wieder gegen seinen Abschied wehren und ihn bitten, zu bleiben, denn er hatte starke Gefühle für sie. Er hatte sie schon immer. Er hatte sich bereits in sie verliebt, als sie noch eine junge Kadettin war und nichts über ihre wahre Existenz oder seine eigene wusste. Auch sein Aufstieg, sein Wissen und die Macht, die er dadurch erreichte und all die Jahrtausende hatten nichts daran geändert. Aber sie würde nicht glücklich werden, wenn er bliebe oder als Mensch zurückkehrte. Er musste gehen, um demjenigen Platz und Raum zu verschaffen, der es vermochte, sie zu schützen und zu umsorgen, sie zu stabilisieren und zu unterstützen und ihr ein Leben zu bieten, dass sie verdiente und der sie ebenfalls von ganzem Herzen liebte.

„Warum kann ich nicht in dir lesen?“, wisperte Alexa leise.

„Weil meine Emotionen dich überwältigen würden. Sie sind zu stark, als dass du mit ihnen umgehen könntest. Ich möchte dir nicht schaden.“

Ohne irgendein zutun oder gar ein Anwählen aktivierte sich das Gate und die beiden traten Hand in Hand vor den Ereignishorizont.

„Nimm mich mit“, bat Alexa, während sie flehend in seine Augen sah und sich an seinem Gewand festkrallte. Doch Darius schüttelte nur mit dem Kopf.

„Du weißt, dass ich dich liebe … dass ich dich immer geliebt habe und immer lieben werde. Aber das kann ich nicht. Ich würde es dir gerne zeigen. Ich würde dir so gerne alles zeigen und mit dir durch Zeit und Raum reisen, aber es darf nicht sein. Dein Platz ist hier und hier ist deine Zeit. Hier gehörst du hin. Hier kannst du leben und glücklich werden.“

„Wie soll ich glücklich werden, wenn du nicht bei mir bist?“

„Du kannst glücklich werden, du musst nur darauf vertrauen und es zulassen.“

Wieder schüttelte Alexa mit dem Kopf, bevor sie sich gegen ihn lehnte und ihre Stirn gegen seine Brust fallen ließ.

„Ich werde niemals einen anderen Mann so lieben, wie ich dich liebe.“

„Doch das wirst du. Glaube mir. Du wirst ihn lieben, du wirst dich nach ihm sehnen und verzehren und du wirst glücklich bei ihm sein … aber ich muss dich freigeben.“

Noch immer schüttelte Alexa energisch den Kopf.“Nein, nein, nein, nein … niemals.“

„Alexa … sieh mich an“, bat er und griff abermals unter ihr Kinn, hielt ihren Kopf mit beiden Händen. „Sieh mich an.“

Immer wieder strich er ihre Tränen von den Wangen und versuchte selbst Herr seiner Emotionen zu bleiben. Es schmerzte ihn. es schmerzte ihn unsäglich, nun diesen Schritt zu gehen. Überzärtlich küsste er ihre Stirn, ließ seine Lippen dort einen endlos erscheinenden Moment verweilen, bis er selbst genug Kraft hatte, sich zu lösen und die Worte zu sprechen, die einen Schnitt in ihrer beider Leben bedeuten würde.

„Ich gebe dich frei …“

„Nein, nein, nein, Darius! Nein …“

„Ich entbinde dich von deinem Versprechen … und gebe dich frei.“

„Darius … bitte … bitte nicht …“

„Bald … schon sehr bald wirst du Liebe bei einem anderen finden … er wird dir all das geben, was ich dir niemals bieten kann. Er wird dir jeden Wunsch von den Augen ablesen, er wird sich um dich sorgen und dich beschützen … und du wirst ihm gehören.“

„Niemals.“

„Kämpfe nicht dagegen an, Alexa. Es hätte keinen Sinn, denn es wird passieren. Ob du willst oder nicht. Aber du darfst es ihm nicht so schwer machen … und dir auch nicht. Versprich mir, dass du glücklich wirst … versprich mir, dass … ich möchte, dass du lebst … ich möchte, dass du lebst und lachst und genießt und kämpfst und liebst … versprich es mir.“

„Darius …“

„Versprich es mir!“, forderte Darius nun lauter und energischer, während Alexa bitterlich weinte und schluchzte.

„Ich … verspreche es. Ich verspreche es.“

„Schließ deine Augen“, bat Darius, doch Alexa lehnte abermals ab und schüttelte wieder energisch den Kopf. „Erst wolltest du sie nicht öffnen und jetzt nicht mehr schließen?“

„Wenn ich jetzt die Augen schließe … und dann wieder aufmache … dann … bist du nicht mehr da.“

Darius seufzte leise und sah ihr lange Zeit in die Augen, aus denen unentwegt Tränen hervorquollen. Dann küsste er zuerst ihr Haupt, bevor seine Lippen zu den ihren wanderten und sie in einem zarten aber innigen Kuss gefangen hielten und Alexa spürte plötzlich, dass sich etwas veränderte …

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Einige Meter entfernt, an einer Ecke in einem Flur, der zum Gateraum führte, stand John und beobachtete das Geschehen vor dem Stargate.

Er konnte nicht verstehen, worüber die beiden sprachen, aber es musste etwas sein, dass Alexa ganz und gar nicht gefiel und Kummer bereitete. Abermals wunderte er sich darüber, was dies in ihm verursachte. Eine merkwürdige Emotion, so etwas wie Unbehagen, ähnlich wie Ärger oder Verdrossenheit, ja sogar Wut mischte sich darunter. Vor allem, als er sah, wie Darius sich herabbeugte und Alexa küsste.

Und die Wut gewann beinahe überhand, als er sah, wie sich Darius Gestalt in ein hell gleißendes Licht wandelte, dass Alexa vollkommen umschloss und Sekunden später … war er durch das Tor verschwunden.

Nur am Rande bekam er mit, wie Elisha an ihm vorbeirauschte und auf ihre Tochter zustürmte, um sie in die Arme zu schließen und schnell aus dem Gateraum zu führen.

John versuchte seine Gedanken zu ordnen und seine Empfindungen beiseitezuschieben, doch es schien ihm nicht zu gelingen. Er wollte weg und gleichzeitig wollte er zu Alexa, doch am Ende konnte er sich für keines von beidem entscheiden. Ein Teil von ihm war daher froh und erleichtert, als seine Mutter sich ihm näherte und zu ihm aufsah.

„Ich glaube, wir beide könnten ein bisschen frische Luft gebrauchen … komm schon“, bat sie leise, harkte sich an Johns Arm ein und führte ihren Ältesten zum nächsten Balkon.

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Als ob mit Darius Verschwinden auch ihr Denkvermögen verschwunden sei, lag Alexa nun schon seit mehr als einer Stunde auf ihrem Bett und starrte regungslos zum Fenster hinaus. Zunächst hatte sie noch geweint, wobei Elisha nicht viel mehr tun konnte, als eine gute Mutter und Freundin zu sein und Trost zu spenden. Aber auf das gute Zureden und die vereinzelten Fragen hatte Alexa kaum geantwortet. Auch nicht, als Elisha inständig darum bat, sie solle zumindest eine Kleinigkeit essen. Auch ihr Vorhaben, ihrem Onkel Marsilius einen Besuch abzustatten, ihn ein wenig zu befragen und ihm auf den Zahn zu fühlen- immerhin wusste er von Darius Aufstieg und vermutlich auch von seinen Beweggründen, sie wieder zu verlassen -verlief im Sande, den der alte Mann schlief.

Aber wahrscheinlich würde er ohnehin nichts sagen. In den wenigen Augenblicken, in denen sie in ihm hatte lesen können, spürte sie eine ähnliche Beklommenheit und Sorge, wie bei ihrem Vater, ihrer Mutter, sogar ihrem Bruder. Je mehr sie sich damit beschäftigte, die Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen, desto verworrener wurde alles.

So hatte Alexa einen großen Bogen um die Kantine gemacht und sich in ihr Quartier zurückgezogen. Ihr fehlte noch immer die Kraft und der Elan, aber wahrscheinlich war es auch ganz gut so, denn sie bezweifelte, dass Darius doch wieder zurückkehren und ihr Quartier wieder ordnen und ihre Sachen reparieren würde.

Er war weg … für immer … schon wieder.

Noch eine ganze Weile hatte sie einfach nur da gelegen, bis der Türsummer ertönte. Doch Alexa hatte weder irgendwelche Anstalten gemacht, sich zu regen, etwas zu antworten, ihren Besucher hereinzubitten, geschweige denn zu erspüren, wer möglicherweise vor der Tür stand. Sie hatte keine Lust auf Besuch, völlig gleich, wer es sein mochte. Aber verdammt derjenige war aufdringlich und nerv tötend, denn der Summe ertönte bereits zum dritten Mal.

Sie stöhnte leise auf, als die Türen sich öffneten. Nur einer war dreist genug, die Sperre zu überbrücken und einfach so herein zu platzen.

„Warum hast du nicht geöffnet … oder sonst irgendwie reagiert?“, fragte Dorian, als er mit voll beladenem Tablett in das Quartier seiner Schwester stürmte.

„Warum hast du dir nicht gedacht, dass ich vielleicht niemanden sehen will … oder bist einfach draußen geblieben?“

„Okay … Alarmstufe orange-rot“, gab Dorian zurück und registrierte besorgt ihre Passivität, die doch mit leichtem Ärger gemischt zu sein schien. „Ma möchte, dass du etwas isst.“

„Ich krieg nichts runter.“

„Mit einer solchen Antwort rechnete sie, daher hat sie mich autorisiert, dich notfalls zu füttern. Bist du immer noch nicht willig, wäre Zwangsernähren die nächste Stufe.“

„Versuch es doch.“

Nur kurz schien Dorian ernsthaft darüber nachzudenken, ob er seine Schwester wirklich zum Essen zwingen könnte. Aber da er ihre momentane Stimmung nicht wirklich gut einschätzen konnte, entschied er sich sicherheitshalber dagegen. Sie wirkte zwar ruhig, und seit er ihr Quartier betreten hatte, hatte sie sich auch noch nicht gerührt, aber er kannte seine kleine Schwester nur zu gut, um zu wissen, wie schnell gerade eine solche Stimmung kippen konnte, besonders wenn man sie ihrer Meinung zu sehr drangsalierte.

Dorian stellte das Tablett auf der Kommode ab und setzte sich dann auf die Bettkante.

„Willst du darüber reden?“

„Was gibt es denn viel zu reden?“

„Weiß nicht … vielleicht, wie es dir geht? Was du denkst … was du fühlst.“

„Wie soll es mir denn gehen, Dorian? Hm? Was glaubst du, wie ich mich fühle? … Und was ich denke, willst du sicher nicht wissen … das weiß ich selbst nicht einmal.“

„Okay … okay, ich gebe zu, ich kann mir nicht annähernd vorstellen, wie das für sich sein muss. Aber … sag irgendwas. Rede mit mir. Es klingt blöde ich weiß, aber vielleicht-„

„Er hat mich verlassen, Momo. Ich habe ihn einmal verloren. Ich habe zweimal um ihn getrauert und jetzt … jetzt hat er mich verlassen.“

„Dennoch wird er immer ein Teil von dir sein“, antwortete Dorian und ignorierte die Tatsache, dass er wieder einmal mit seinem verhassten Spitznamen benannt wurde.

„Wird er das? … Ist er das? War er es je? Ich sah ihn streben … ich hielt ihn für tot … stattdessen … lebt er. Auf einer anderen Ebene, mit Macht und Wissen und trotzdem …“

„Ich weiß nicht genau, wie das mit dem Aufstieg funktioniert, Al“, gab Dorian zurück, „aber ich glaube, er ist schon irgendwie … gestorben. Um den Aufstieg zu erreichen, muss man loslassen, sich befreien und sich seiner sterblichen Hülle entledigen … vielleicht war es nur dieser eine Moment … der Moment, in dem wir Zeugen waren, wie er … der Moment, in dem er … wirklich …“

„Spielt das überhaupt eine Rolle, wenn er jetzt eine andere Art von Leben führt?“, fragte Alexa mit bedrückter Stimme, doch Dorian hatte eine Antwort parat. „Bin ich ein schlechter Mensch?“

„Was? Nein! Wie kommst du denn auf so etwas?“

„Er hat mich verlassen“, entfuhr es Alexa, als sie sich ruckartig vom Bett erhob.

„Aber doch nicht, weil du … es muss doch nichts mit dir zu tun haben. Er ist ein Aufgestiegener. Wer weiß, welche Regeln und Gesetze die haben. Und wer weiß, was er zu tun hat. Vielleicht hat er irgendwelche Aufgaben zu erfüllen.“

„Was hat das damit zu tun? Er hätte bleiben können. Hier und da vielleicht etwas für sie erledigen, aber doch hier bleiben oder … er hätte zurückkehren können. Er hätte die menschliche Form wieder annehmen können. Es sind wohl mehr als genug andere Aufgestiegene da, die sich bestimmt um ihre Aufgaben streiten … nein. Ich bin es. Es ist etwas mit mir. Warum sonst ist er gegangen?“

„Al …“

„Er hat mich verlassen, Momo! Er hat mich … einfach so abserviert! Ich weigere mich, zu glauben und zu verstehen, dass ihm jetzt sein neues Leben als Aufgestiegener so gut gefällt und er mich deswegen fallen lässt, anstatt zurückzukommen, was er locker könnte. Aber dass er … dass er mich an einen anderen verschachern will …“

„Er will dich doch nicht … das hat er nie im Leben gesagt“, meinte Dorian leicht lächelnd, als er ihrer Aussagen nicht so recht Glauben schenken wollte.

Du bist nicht für mich bestimmt, hat er gesagt … Du wirst dich in jemand anderen verlieben … du wirst ihm gehören und du wirst glücklich sein. Er wird dir das Leben bieten, das ich dir nicht bieten kann“, äffte Alexa ihren ehemals Verlobten nach. „Ich soll es ihm nicht so schwer machen, hat er gesagt … er wird dich lieben, du wirst ihn lieben … dass stinkt doch bis zur nächsten Galaxie nach verschachern!“

„Okay, das ist …“, versuchte Dorian zu antworten, doch er fand nicht wirklich die richtigen Worte.

Er wusste, dass es zwischen seinem besten Freund und seiner Schwester zu einem Streit gekommen war. Mittlerweile wusste die gesamte Stadt, dass selbst ein Aufgestiegener nicht sicher vor ihrem Temperament und fliegendem Porzellan war. Aber er hatte erst später einige Hintergründe erfahren.

Dorian musste schon zum Teil schmunzeln über die Art und Weise, wie sie sich nun über seinen besten Freund äußerte und aufregte. Der andere Teil litt mit ihr. Auch er glaubte einst, seinen besten Freund verloren zu haben. Er selbst half damals, nach ihm zu suchen, pflügte sich durch ein Schlachtfeld, das die Galaxie so noch niemals gesehen hatte, und war schließlich auch anwesend, als Darius in den Armen seiner Schwester starb. Auch er glaubte bis vor Kurzem, er sei tot. Doch nun kannte er die Wahrheit. Zumindest kannte er die Umstände des Geschehens und seines Handelns besser und genauer als seine Schwester. Dennoch waren vielleicht genau diese Geschehnisse und Handlungen zum Teil ein Grund für den leichten Groll, den er nun gegenüber seinem Freund hegte.

Er beobachtete, wie Alexa mittlerweile regelrechte Gräben durch ihr Quartier zog. Mit zügigen Schritten lief sie hin und her, von einer Seite ihres Quartiers zur anderen. Dorian war zwar nicht besonders versiert im psychologischen Bereich, aber er glaubte, dass sie offenbar bereits tief in einer Art Verarbeitungsprozess steckte. Zumindest schien sie nicht mehr am Boden zerstört und verzweifelt, wie seine Mutter noch vor Kurzem meinte, als sie ihn darum bat, nach seiner Schwester zu sehen.

„Es mag nicht ganz richtig von ihm gewesen sein, so etwas zu sagen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendetwas gibt, das ihn an dir stört. Alexa, der Mann … er war schon damals vollkommen vernarrt in dich. Wenn ich dir nur begreiflich machen könnte … wenn ich dir nur zeigen könnte, wie glücklich er war, als du dich ihm versprochen hast …“

„Und warum hat er sein Versprechen dann … warum will er sein Versprechen mir gegenüber nicht einlösen? Warum … hat er mich von meinem entbunden? … Warum hat er … warum hat er mich freigegeben?“, wispert Alexa, als sie für einen Moment ruhig stehen blieb und ihre Arme um sich selbst schlang, als würde sie von einer undefinierbaren Kälte erfasst.

Jedem anderen fiele es womöglich leicht, nun zu sagen, er wüsste es nicht, doch Dorian wusste, es wäre eine Lüge. Eine von vielen, die er seiner Schwester bereits unterbreitet hatte. Und er hatte das Lügen satt und dennoch …

„Alexa … es ist viel Zeit vergangen. Mehr als dreizehntausend Jahre sind vergangen, die an uns einfach so vorübergezogen sind. Während wir in unseren Kapseln lagen, hat das Universum nicht halt in seiner Entwicklung gemacht. Ich denke, wir alle sind ein Teil dieses Universums. Aber während wir geschlafen haben, hat Darius sich mit dem Universum weiterentwickelt.“

„Wozu überhaupt? Er hätte es nicht müssen. Er hätte … er hätte direkt nach seinem Aufstieg zurückkommen können. Er hätte den Überfall auf Celtes verhindern können oder vielleicht wäre es auch niemals passiert, wenn er direkt zurückgekehrt wäre. Oder … oder er hätte uns zumindest in unseren Kapseln zurück nach Atlantis bringen können … statt uns einfach all die Jahrtausende unserem Schicksal zu überlassen.“

„Wer weiß, welche Erkenntnisse und Erfahrungen er bei seinem Aufstieg gewonnen hat. Vielleicht gibt es irgendetwas das ihn hinderte einzugreifen. Vielleicht gibt es einen Grund für sein Handeln.“

„Ja, bestimmt gibt es den. Ich will nur wissen, welchen? Ich will Genaueres wissen. Aber … einen anderen Mann, den ich … dem ich verfallen soll, so wie er sagte? … Oh, Momo, das ist doch … das ist doch Wahnsinn!“

„Al … für uns mögen all die Jahrtausende in einem Wimpernschlag vergangen sein. Uns mag es so erscheinen, als sei nichts geschehen, aber … es ist geschehen. Es ist so viel geschehen. Das Universum hat sich verändert, das Leben hat sich verändert, wir haben uns verändert … trotz allem … und Darius auch. Das müssen wir akzeptieren, sonst … gehen wir zugrunde. Alles, was wir jetzt tun können, alles was wir tun müssen, ist leben und das nachholen, was wir brauchen, um in der jetzigen Zeit zu überleben. Wir sind die letzten unseres Volkes. Wir müssen dementsprechend handeln.“

„Nachholen? Momo, das wollte ich doch, aber er … Darius wollte sein Versprechen nicht einlösen. Er wollte mich nicht … er wollte mich einfach nicht. Weder … weder hier“, wisperte sie und sah zu ihrem Bett, als die Erinnerung an jenen intimen Moment in ihr aufkam, „noch überhaupt.“

„Wir werden vielleicht niemals die genauen Hintergründe verstehen. Wir werden vielleicht niemals erfahren, wieso, warum und weshalb“, meinte Dorian und hoffte inständig, diesmal die Wahrheit zu sagen. „Vielleicht haben wir gar nicht Zeit, es überhaupt jemals zu verstehen. Aber vielleicht ist das auch nicht wichtig. Al, das Universum existiert durch Regeln und Gesetze, denen jeder und alles unterworfen ist. Aufgestiegene als auch wir.“

„Oh Momo! Fang du jetzt bitte nicht auch damit an! Darius wollte mir schon etwas vom Universum und seinen Regeln erzählen. Das ist doch … das ist doch Schwachsinn!“

„Das denke ich nicht. Nun schon gleich zweimal nicht. Darius hat nun Zugang zu Wissen und Macht … und wenn er schon so etwas sagte … dann muss doch wohl etwas an dieser Theorie dran sein. Oder? … Vielleicht lässt das Universum uns nicht nur einfach so vor uns hin existieren. Vielleicht hat es Pläne mit uns. Vielleicht … vielleicht sind unsere Wege, unsere Leben vorherbestimmt … und vielleicht hat Darius genau das bei seinem Aufstieg erfahren.“

„Du meinst, er weiß, was die Zukunft für uns birgt?“

„Wäre doch möglich.“

„Wir bestimmen unsere Zukunft selbst, Momo.“

„Ja, das mag sein. Aber wohl nur so weit, wie es uns erlaubt wird.“

„Du glaubst wirklich an einen kosmischen Plan oder so was?“

„Ja … ja das tue ich. Jeden Tag geschehen Dinge im Universum, die vielen Lebewesen nicht gefallen. Einige sterben, andere leben, einige leiden, andere … lieben und einige … einige schlafen Jahrtausende in ihren Kapseln. Vielleicht ist es uns so vorbestimmt. Vielleicht … vielleicht musste all das geschehen.“

„Warum?“

„Das werden wir vielleicht nie erfahren … aber willst du deswegen einfach stehen bleiben? Willst du dich deswegen an die Vergangenheit klammern, obwohl sie dir unaufhaltsam aus den Händen gleitet? Willst du die Vergangenheit heraufbeschwören, auf dass vielleicht wieder alles so geschieht, wie es geschah?“, fragte Dorian leise und beobachtete, wie seine Schwester neben ihm Platz nahm.

„Was soll ich denn sonst tun, Momo? Was bin ich denn? Wer bin ich denn? Was bleibt mir denn noch?“

„Du, Alexa. Du bleibst. Eine schöne junge Frau, deren Leben gerade beginnen kann. Dein Leben, deine Aufgabe, deine Erinnerungen, deine Fähigkeit zu leben, zu lachen, zu denken, zu handeln, zu kämpfen … zu lieben.“

„Lieben?“, wisperte Alexa, als langsam Tränen über ihre Wangen rollten. Seufzend sank ihr Kopf zur Seite, bis er auf der Schulter ihres Bruders zu ruhen kam. „Ich weiß nicht … ich weiß nicht, ob ich jemals wieder jemanden so lieben kann … wie Darius.“

„Und das wirst du auch nicht, wenn du stehen bleibst. Du hast eine Chance bekommen, Al. Entweder ist es eine zweite Chance, ein neues Leben aufzubauen, oder all das, was mit dir geschah, was mit uns geschah, war so für uns vorausbestimmt und wir müssen nun weitermachen. So oder so … wir dürfen jetzt nicht stehen bleiben. Und wir dürfen uns auch nicht umdrehen und dem Vergangenem hinterher trauern. Es blockiert unseren Weg, der uns vielleicht zu ein wenig Glück führen kann … oder zu einem großen Glück, dass wir bisher noch nicht kennen.“

„Ich weiß nicht, ob ich einfach so weiter gehen kann.“

„Es ist in Ordnung, eine kurze Pause zu machen. Manchmal ist es sogar notwendig, damit man nachsehen kann, ob man immer noch in die richtige Richtung geht und sein Ziel neu anzupeilen.“

„Und Darius?“

„Er hat seinen Weg gefunden.“

„Weg von mir.“

„Mag sein. Ich weiß, du liebst ihn. Aber er liebt dich ebenso sehr. Vielleicht kann er dir nur auf diese Weise das geben, was du brauchst … was du verdienst. Vielleicht war auch der Aufstieg für ihn vorgesehen. Vielleicht ist er nun wirklich schlauer und weiser als wir alle zusammen.“

„Und was soll ich jetzt machen? Momo … ich weiß nicht … was ich machen soll“, wisperte Alexa leise, als ihre Tränen nicht trocknen wollten.

„Durchatmen … erst einmal durchatmen. Dann aufstehen, den Schmutz von den Kleidern klopfen, die Tür öffnen und den dunklen Raum verlassen, in dem du dich eingebunkert hast. Du weißt gar nicht, wie schön es da draußen sein kann und du weißt auch nicht, wie viel Liebe in dir steckt, die du jemandem geben kannst. Tritt durch die Tür auf den Weg, der vor dir liegt, und kümmere dich nicht mehr um das, was hinter dir war.“

„Einfach so?“

„Einfach so“, stimmte Dorian zu und hielt seine Schwester in einer engen Umarmung. „Vielleicht solltest du dir allerdings nicht alles auf einmal aufbürden oder dich blindlings in etwas neues stürzen.. Fang mit kleinen Schritten an.“

„Mit Durchatmen?“

„Genau. Zum Beispiel damit.“

„Ach Momo … weißt du, dass du mein Lieblingsbruder bist?“

„Klar weiß ich das! Ich bin schließlich der Einzige und einer muss dir den Kopf wieder gerade rücken.“

„Und du machst es wahrscheinlich auch ziemlich gerne, hm?“

„Nicht unbedingt. Aber wenn es nötig ist, dann tue ich es. Und ich tue es richtig.“

„Ja … das kannst du laut sagen … wahrscheinlich kann es keiner so gut, wie du.“

„Gehört alles zum Gesamtpaket … mich gibt es leider nur in begrenzter Anzahl, aber dafür inklusive langjähriger Studien und Erfahrungen.“

Alexa musste doch tatsächlich etwas schmunzeln. Wie schaffte ihr Bruder es nur, sie immer wieder aufzurichten? Woher besaß er solche Weisheiten, die sie trösten und zugleich zum Nachdenken brachten? Wie konnte ein Wissenschaftler, der den lieben langen Tag nichts anderes tat, als das Universum zu erforschen, mit Molekülen und Atomen zu jonglieren und Eltern und Kollegen in den Wahnsinn zu treiben, solche Ruhe und Stärke besitzen? Wie konnte er sie derart tief in ihrem Inneren erreichen und ihr mehr als Trost und Hoffnung schenken?

Alexa wusste es nicht. Alles, was sie wusste, war, dass sie gerade mehr als dankbar für ihren großen Bruder war, auch wenn es sonst hin und wieder Zeiten gab, in denen sie ihn zu gerne ins All befördern würde. Aber war das nicht bei allen Geschwistern so?

Und tief in ihrem inneren wusste sie auch, dass er recht hatte. Es hätte keinen Sinn, der Vergangenheit hinterher zu trauern. Sie hatte Darius schon vor langer Zeit verloren und die neue Gewissheit, dass er in Wahrheit aufgestiegen war, würde auch nichts daran ändern. Er würde nicht zu ihr zurückkommen. Er würde seine Meinung nicht ändern. Sie musste es akzeptieren. Zu ihrem eigenen Wohl.

Alexa war nun doch etwas hungrig und trotz der innigen Umarmung drang das knurren lautstark durch den Raum.

„Weißt du, ich habe da einen Schritt bei dem universellen Überlebensplan vergessen“, meinte Dorian, als er den lauten Protest ihres Magens hörte und lächeln musste.

„Vergessen? Du vergisst doch sonst niemals etwas.“

„Ja, ich muss diesmal auch besondere Umstände geltend machen.“

„Zum Beispiel?“, fragte Alexa, die ihren Bruder immer noch nicht losließ.

„Zum Beispiel der Umstand, gerade von meiner Schwester in einer Umarmung gehalten zu werden, von der ich nicht weiß, ob es geschwisterliche Liebe oder geschwisterlicher Hass bis zum Erstickungstod ist“, keuchte Dorian mit dem Letzten bisschen an Atem hinaus, bis Alexa sich endlich erbarmte und ihn losließ, was ihn dann japsend nach Luft ringen ließ.

„Ich hasse dich doch nicht.“

„Gut zu wissen, dennoch gehöre ich wie du zu den Warmblütern, die Sauerstoff atmen müssen, um ihr schweres Hochleistungshirn ausreichend mit sauerstoffangereichertem Blut zu versorgen. Soll heißen, auch wenn ich diese geschwisterliche Umarmung sehr genieße … aufpassen, du machst mich sonst putt.“

Wieder entrang ihr ein leichtes Schmunzeln, von dem Dorian sich anstecken ließ.

„So gefällst du mir schon viel besser“, sprach er leise und lächelnd, als er ihr Gesicht in seine Hände nahm, mit dem Daumen ihre Tränen wegwischte und sie danach kurz auf die Stirn küsste. „Komm Schwesterchen. Auf zum nächsten Schritt …“

Schnell beugte Dorian sich vor, griff nach dem Tablett mit dem Essen, während Alexa zum Kopfende des Bettes kroch und sich dagegen lehnte. Ihr Bruder tat es ihr dann gleich und ließ sich vorsichtig mit dem voll beladenen Tablett neben sie nieder.

„… nach dem Durchatmen, stärken. Und nach dem Stärken …“, meinte Dorian und hob die Serviette hoch. Darunter entdeckte Alexa eine kleine Packung mit den köstlichsten Schokoladenpralinen der Erde. Nun wandelte sich ihr leichtes schmunzeln in ein breites Grinsen. „ … genehmigt man sich einen Seelentröster … oder zwei … drei … na ja, eben ausgehend von der Art und Schwere des Kummers, können es auch mal mehr sein.“

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Es war bereits später Abend, als Alexa leise das Krankenzimmer ihres Onkels betrat und ihn schlafend vorfand. Doch diesmal wollte sie nicht gleich wieder gehen. Wer wusste, wie viel Zeit ihm noch vergönnt war und so wollte sie gerne bei ihm sein, selbst wenn er schlief. Vielleicht konnte er sie sogar irgendwie wahrnehmen. Außerdem hatte sie sich in letzter Zeit ohnehin eher selten gezeigt und das hatte ihr liebster Onkel wohl nicht verdient.

Leise schob sie sich einen Stuhl zurecht, setzte sich an eine Seite und nahm vorsichtig seine Hand in die ihre. Sie konnte und wollte nicht verhindern, dass einige Erinnerungen an ihre Kindheit in ihr hochkamen. Schöne Erinnerungen, lustige Erinnerungen, in denen auch ihr Onkel einen Platz fand.

Wie oft hatte sich ihr Onkel Zeit für sie und ihren Bruder genommen, wenn ihr Vater durch seine Arbeit zu sehr in Beschlag genommen wurde? Wie oft hatte er sie und ihren Bruder im Spiel durch die Räume und Flure der Stadt gejagt, wie oft hatten sie sich an den unmöglichsten Orten vor ihm versteckt und warteten darauf, bis er sie fand und wie oft hatten sie ihn zu suchen, ohne ihn jedoch zu finden? Wie oft hatte er sie und ihren Bruder auf seinen Schultern getragen, während sie über Felder und Wiesen streiften und er ihnen einige Tiere und Pflanzen auf anderen Planeten zeigte, während sie mit ihren Händen in seinen Haaren festkrallten und sie zerzausten? Wie oft hatte er sie nach ihren Lehrplänen gefragt und sich angehört und überprüft, wie gut sie im Unterricht aufpassten? Wie oft hatte er ihnen ein Ohr geliehen, als sie mit ihren Problemen, ihren Fragen und auch mit ihrer Wut über Lehrer in der Stadt und dem harten Ausbilder an der Militärakademie zu ihm kamen und ihre Herzen ausschütteten? Wie oft hatte ihr Onkel sie wieder beruhigen können, als gerade dieser Ausbilder ihr Kollege wurde und sie schier in den Wahnsinn trieb, bevor sie sich in eben jenen Kollegen verliebte? Wie oft hatte er an ihrer Seite gestanden und sie getröstet, als sie glaubte, ihn für immer verloren zu haben?

„Sei ihm nicht böse, Krümel“, ertönte die leise, raue Stimme ihres Onkels und riss sie aus ihren Gedanken.

„Du bist wach?“, fragte sie überrascht, als sie in seine blauen Augen blickte.

„Immer wieder. Oft, aber niemals sehr lange. Ich bin ein alter Mann, Krümelchen. Bald … bald werde ich ewig schlafen“, erwiderte Marsilius und Alexa sah wieder zu ihrer Hand, die noch immer die seine hielt. „Du darfst ihm nicht böse sein.“

„Du weißt … dass er mich verlassen hat?“

„Es war abzusehen … und nicht zu ignorieren. Ich glaube, die ganze Stadt hat es mitbekommen. Du hast nichts von deinem Temperament eingebüßt, hm?“

„Warum? Kannst du mir sagen, warum, Onkel?“

„Ach Krümel … ich wünschte ich könnte dir eine Antwort geben.“

„Kannst du es nicht … oder darfst du es nicht?“

„Auch das kann ich dir nicht sagen, Kind. Ich wünschte … ich weiß, wie sehr du ihn liebst und ich weiß, wie sehr er dich liebt. Glaube mir, es ist ihm nicht leicht gefallen, dich zu verlassen. Aber es musste geschehen. Irgendwann wirst du verstehen … irgendwann wirst du … alles verstehen“, wisperte Marsilius leise und schloss die Augen.

„Onkel? … Onkel Marsilius?“

Wieder war Marsilius eingeschlafen und Alexa rang sehr mit sich und dem Bedürfnis, ihn wieder zu wecken und weiter zu befragen. Merkwürdige Dinge gingen vor sich und die Geheimnisse nahmen zu. Je mehr sie versuchte herauszufinden, je mehr sie fragte und forschte, umso verworrener und unglaublicher erschien ihr alles. Und das frustrierte sie und machte sie beinahe wütend. Dennoch entschied sie, es gut sein zu lassen. Sie würde schon noch dahinter kommen. Es war nur einer Frage der Zeit und der Geduld. Und die besaß sie reichlich.

Alexa blieb an der Seite ihres Onkels und wachte an seinem Bett, ohne wirklich zu merken, wie die Müdigkeit sie langsam übermannte …

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Oben in der Dunkelheit des Beobachtungsraums stand John alleine in einer Ecke und sah hinunter in das Krankenzimmer. Er sah, wie Alexas Kopf in ihrem Schlummer langsam immer mehr zum Bett sank, bis sie endgültig tief und fest schlief, während sie noch immer die Hand des alten Antiker hielt. Keine sehr bequeme Position, aber immerhin schlief sie.

Und bei Gott, Schlaf konnte sie alle im Moment brauchen. Auch John spürte, wie die Müdigkeit an ihm zehrte und doch war er rast- und ruhelos durch die Stadt gewandert, bis ihn seine Schritte hier her geführt hatten.

Er hatte gehört, wie sie sich unterhielten und auch John war nicht entgangen, wie anstrengend es für den Alten war. Er bedauerte es, den Alten schon sehr bald zu verlieren. Er mochte ihn irgendwie, auch wenn er ihn nicht besonders gut kannte. Viel mehr jedoch zählte die Gewissheit, dass er etwas wusste. Er wusste, was vor sich ging, er wusste um die Veränderungen, die er in seinem Inneren spürte, er wusste um Problematik und das Schweigen des Generals und John wusste genau, dass auch der Alte eine große Rolle darin spielte. Eine größere, als bisher angenommen.

John beobachtete, wie Elisha leise den Raum betrat und schmunzelte, als sie ihre Tochter schlafend an der Seite ihres Onkels vorfand. Ganz leise und vorsichtig griff sie nach einer weiteren Decke und legte sie behutsam über den Rücken ihrer Tochter. Dann glitt ihr prüfender Blick über Marsilius und die Geräte, an die er angeschlossen war. Doch bevor sie wieder ging, richtete sich ihr Blick zum oberen Fenster des Beobachtungsraumes.

John stand in einer dunklen Ecke, in der man ihn eigentlich nicht hätte ausmachen können und doch wusste er, dass Elisa seine Anwesenheit irgendwie wahrnehmen musste. Ein sanftes Lächeln, beinahe ein kleines Nicken ihrerseits konnte er erkennen, bevor Elisha den Raum verlies.

John atmete durch. Hier ging wirklich mehr vor sich, als man überhaupt in Worte fassen konnte. Dann ließ er seinen Blick wieder wachsam über den Alten und Alexa streifen.

~~~///~~~

Es war früher Morgen in Atlantis.

Während ein Großteil der Expedition gerade erst so langsam aus dem Schlummer erwachte, waren Woolsey und der General bereits im Büro und besprachen einige Dinge des Tagesplanes, als Tristanius Kommunikationsgerät zum Leben erwachte.

„Tristan?“

„Elisha.“

„Tristan, bitte komm zur Krankenstation … ich glaube, es ist so weit.“

Woolsey konnte beobachten, wie der Gesichtsausdruck des Mannes vor ihm sich von einer Sekunde zur anderen änderte und doch war es nur eine winziger Augenblick, in der er glaubte, eine Gefühlsregung ausmachen zu können, bevor dessen Miene zu einem starren und geradezu nüchternem Ausdruck wechselte.

„Ich komme sofort.“

~~~///~~~

Sekunden nach dem Tristanius das Krankenzimmer betreten hatte, fand auch Woolsey sich im Beobachtungsraum ein und gesellte sich zu Sheppard, der mit seiner Familie, Teyla und Jennifer bereits anwesend war. Er sah seinem Militärkommandanten an, dass er nicht besonders viel Schlaf gefunden haben musste. Aber abgesehen von den dunklen Ringen unter seinen roten Augen, glaubte Richard auch Sorge und sogar Trauer in ihnen zu erkennen. Und das war ungewöhnlich, denn Richard glaubte, den Colonel doch schon relativ gut zu kennen. Irgendeine Wandlung schien in letzter Zeit in und mit dem Mann vorzugehen. Vielleicht sollte er alsbald mal ein Gespräch mit dem Soldaten führen.

Sein Blick glitt wieder hinunter zum Krankenzimmer.

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„Er driftet immer wieder weg“, meinte Elisha flüsternd, als sie ihren Mann am Eingang zum Zimmer abgepasst hatte. „Er kommt immer seltener zu Bewusstsein.“

„Kannst du denn wirklich nichts für ihn tun?“, wisperte Tristanius leise, doch Elisha schüttelte mit dem Kopf.

„Er ist schwach, Tristan. Sein Geist mag vielleicht noch stark und jung wirken, aber sein Körper ist alt und labil. Ich habe ihm etwas gegen die Schmerzen gegeben, auch wenn sie offenbar nicht sehr stark zu sein scheinen, aber mehr kann ich nicht für ihn tun. Jede Maßnahme, sein Leben zu verlängern … ihn bei uns zu behalten, wäre eine unsägliche Qual für ihn … bitte verlange das nicht von mir … und auch nicht von ihm.“

Tristanius schluckte hart, bevor sein Blick zu seinem Freund glitt, der friedlich in seinem Bett lag. Dann nickte er stumm seiner Frau zu, deren Arm er sanft drückte, bevor er an das Bett trat.

Marsilius Brust hob und senkte sich nur sehr langsam und selbst das schien ihm eine enorme Anstrengung zu kosten. Der Blick des Generals glitt weiter über ihn und erstaunt stellte er fest, dass er sonst ganz entspannt wirkte. Vielleicht waren es die Schmerzmittel, die ihm diese enorme Entspannung und Erleichterung verschafften. Vielleicht war es aber auch die Gewissheit, diesem Moment bei seiner Wahlfamilie zu verbringen.

Seine rechte Hand lag ruhig und sanft in Alexa Händen, die mittlerweile zwar etwas wacher wirkte, aber ihr Blick war zunächst starr auf Marsilius gerichtet.

Für einen kurzen Moment überlegte Tristanius, ob es wirklich gut sei, dass sie nun an Marsilius Seite war und ihn mit ihrer Anwesenheit ehrte und ihn in den letzten Atemzügen begleitete. Hatte sie denn in den letzten Tagen nicht schon genug durchgemacht? Musste sie da noch den Augenblick des Todes miterleben?

Alexa hingegen beantwortete die stummen Fragen ihres Vaters nur mit einem kurzen Blick. Ihre Augen wirkten nun nicht mehr so wach und ausgeruht. Er sah, wie sich bereits die ersten Tränen bildeten, die die Trauer und den Schmerz hinaus spülen sollten. Und doch schien sie bleiben zu wollen, als sie sich auf die Bettkante ihres Onkels setzte, seine Hand jedoch für keine Sekunde losließ.

Auch Dorian war an seiner Seite. Still und regungslos saß er auf einem Stuhl neben seiner Schwester. Seine Hand glitt über die ihre und die seines Onkels, und auch Elisha fand sich neben Tristanius ein. Doch ihr Blick glitt immer wieder zwischen den Geräten und Marsilius hin und her.

„Bitte … mach dir keine Gedanken, gute Elisha“, wisperte Marsilius leise und ergriff mit letzter Kraft ihre Hand. „Es … es ist alles in Ordnung. Du hast dich sehr gut … um mich gekümmert … wir wussten doch alle … das es so weit kommen würde. Aber ich danke dir … für deine Sorge … und deine Liebe.“

„Sprich nicht so viel, mein Freund. Das strengt nur an“, sprach Tristanius leise, als seine Hand zur Schulter seines Freundes glitt.

„Man kann niemals … zu viel sprechen, wenn man wichtiges zu sagen hat, Tristan. Hast du das … immer noch nicht … begriffen? Aber du warst schon immer … ein Sturkopf.“

„Hast du Schmerzen? Brauchst du etwas?“, fragte Elisha leise, doch Marsilius schüttelte langsam den Kopf.

„Ich sagte doch … mach dir keine Gedanken. Es fehlt mir nichts. Es fehlt mir … an gar nichts … ich habe immer gehofft … noch einmal diese Stadt zu sehen … noch einmal euch zu sehen … bei euch zu sein. Ich hatte fast die Hoffnung aufgegeben, aber … man war gnädig zu mir … mit mir.“

Es war für niemanden zu übersehen, wie schwer ihm der nächste Atemzug fiel. Als würde eine schwere Last auf seiner Brust, auf seinem Herzen ruhen, gegen die er anzukämpfen hatte, aber es gab keine Möglichkeit ihn zu unterstützen.

„Du musst dich ausruhen, Marsilius“, sagte Tristanius leise.

„Ausruhen? Ich habe dreizehntausend Jahre geruht und bald werde ich … für immer ruhen.“

„Sprich nicht so …“

„Bald … bald … sehe ich sie wieder“, hauchte Marsilius, als sein Blick in die Ferne zu gleiten schien. „Glaubst du … ich sehe sie wieder? Glaubst du … sie warten auf mich?“

Niemand musste fragen, wer gemeint war. Den Tod seiner Frau Leana hatte Marsilius niemals gänzlich überwunden. Seit jenem verhängnisvollen Tag, glaubte er fest daran, dass Leana ihre Ewigkeit an einem ruhigen, friedlichen Ort verbrachte und auf ihn wartete. Leana und sein ungeborenes Kind.

„Es war eine lange Reise …“, sprach Marsilius weiter, „… sie haben lange warten müssen.“

„Sie werden es verstehen“, flüsterte Elisha leise, als sie sachte seine Hand drückte. „Leana hat dich immer geliebt und das wird sie immer. Sie wartet auf dich … da bin ich mir sicher.“

Ein kleines Lächeln huschte über seine Lippen.“Leana … und unser Kind …“

Dorian und Alexa haben Leana niemals kennenlernen können. Sie starb einige Zeit vor Dorians Geburt. Ihr Onkel hatte ihnen nur ein einziges Mal ein Bild von ihr gezeigt. Ein Bild, das eine junge wunderschöne Frau mit langen blonden Haaren zeigte, die glücklich in der Umarmung ihres frischangetrauten Ehemannes zu sein schien. Auch gesprochen hatte ihr Onkel kaum über sie. Alexa erinnerte sich noch sehr genau daran, diese Trauer und den unsäglichen Schmerz in seinen Augen gesehen zu haben, als Dorian und sie ihn nach Leana befragte. Beide taten es jedoch nur ein einziges Mal. Danach verloren sie niemals wieder ein Wort über sie. Auch wenn die Neugier fast übermächtig war.

Dorian und Alexa waren sich jedoch unausgesprochen einig darüber, dass sie Leana genauso gemocht und in ihr Herz geschlossen hätten, wie sie es bei Marsilius taten.

„Ihr wisst gar nicht … wie gut es tut, euch in Sicherheit und am Leben zu wissen … und ich bete zu den Erleuchteten … dass es noch eine ganze Weile … so anhalten möge … aber all die vergangenen Jahrtausende … ich hoffe, es hat sich … gelohnt … mach nicht die gleichen Fehler noch einmal, Tristan … denke an meine Worte … denke gut darüber nach …“

„Das werde ich. Du weißt, deine Meinung war mir immer sehr wichtig.“

„Ich hoffe … das wird sie auch weiterhin … sein und du Elisha … hör nicht auf … ihm immer wieder mal … gut zuzusetzen. Er braucht das … gelegentlich und niemand … kann ihn so gut ins Schwitzen bringen … wie du.“

Elisha musste lächeln, doch ihre Aufmerksamkeit richtete sich schnell auf den Monitor, der die Herzschläge des alten Antikers überwachte und nun warnend piepte. Immer schwächer und unregelmäßiger wurden die Signale und seine Atmung.

„Und ihr beide … macht euren Eltern keine Schande … verstanden? Dorian, mein Stöpsel … du weißt, du bist ein schlauer Mann … lass dir von niemandem etwas anderes einreden … zweifle niemals an dir selbst … und du Alexa … kleiner Krümel … höre auf dein Herz … ich meine nicht die Stimme … von der du nur glaubst, es sei … dein Herz. Höre ganz tief in dich … ganz tief … und vertraue darauf … hörst du mich? Hast du … hast du mich verstanden? Es ist …“

„Ich habe dich verstanden, Onkel Marsilius. Ich habe dich verstanden.“

„Es ist wichtig … es ist wirklich … wichtig … nur deine innere Stimme … tief in deinem Herzen …“

Wieder atmete Marsilius mühevoll auf und für einen kurzen Augenblick schien es …

„Marsilius?“, fragte Tristanius leise und drückte sachte die Schulter des Alten. „Marsilius, mein Freund … mein Bruder …“

„Mein … Bruder …“, sprach Marsilius leise und Tristanius schloss sich an.

„Brüder im Geiste … in Frieden und im Krieg … Im Herzen, in Seele und … im Blut … Brüder für ewig …“

„Ewig …“, schloss Marsilius leise ab, als sein Blick wieder in die Leere glitt. „… Leana …“

Marsilius Brust senkte sich, aber sie hob sich nicht mehr. Sein Blick war auf einmal starr und leblos, sein Herzschlag wandelte sich in ein andauernd und endlos scheinendes Signal.

„Marsilius“, rief Tristanius leise nach seinem Freund. „Marsilius … Marsilius.“

Aber er antwortete nicht mehr. Langsam strich Tristanius über die Augen seines Freundes, um sie zu schließen … für immer.

 ~~~///~~~

„Die Trauer um ihn ist sehr groß“, wisperte Teyla leise, als sie den General und seine Familie beobachtete.

Auch John folgte zunächst der Szenerie, sah, wie Elisha träge den Herzmonitor ausschaltete und sich wieder an ihren Mann wandte, der mit geschlossenen Augen und gesenktem Kopf stillschweigend am Bett seines Freundes stand und sich mit den Händen abstütze.

John wusste noch immer nicht so viel über die Kultur der Antiker, doch es machte den Eindruck, als würde der General im Geiste ein leises Gebet sprechen, während die beiden Geschwister noch immer die Hand ihres Onkels hielten. Dann, nur wenige Augenblicke später strich Elisha tröstend über den Arm und die Schulter ihres Mannes und wisperte ihm etwas zu, worauf er nur einmal kaum merklich nickte.

Elisha sprach etwas zu ihren Kindern, worauf Dorian sich zuerst erhob und seiner Schwester offenbar erst gut zureden musste, bevor sie ihren Onkel auf die Stirn küsste, seine Hand losließ und sich von ihrem Bruder und ihrer Mutter hinausführen ließ. Und somit blieb Tristanius mit seinem verstorbenen Freund allein.

Teyla hatte Recht, die Trauer um den alten Antiker schien wirklich groß zu sein. Man konnte den Schmerz in den Gesichtern und den Augen von Elisha und Dorian erkennen. Sogar der General schien für einige Momente um seine Haltung zu kämpfen, während John seinen Blick wieder auf Alexa richten wollte, die jedoch gerade das Krankenzimmer verließ.

Auch Woolsey, John und die restlichen Anwesenden, die sich ohnehin diskret im Hintergrund hielten hatten sich noch weiter zurückgezogen und respektierten den offensichtlichen Wunsch des Generals, einen Moment alleine mit seinem Freund und Adjutanten zu sein.

Doch Augenblicke später spürte John, dass etwas geschah. Er hob den Kopf, versuchte sich zu konzentrieren und schon verspürte er wieder dieses merkwürdige und doch vertraute Gefühl. Etwas stimmte nicht. „Nein … Alex …“

„John?“, fragte Carol besorgt, als sie den Gesichtsausdruck ihres Ältesten entdeckte. „John, was …“

 Er antwortete nicht weiter und überschlug sich fast, als er aus dem Beobachtungsraum und die Stufen der kleinen Treppe hinunter stürmte und sogleich auf Alexa traf, die gerade noch so von ihrem Bruder gehalten werden konnte, als sie starr vor sich her blickend zu Boden sank.

„Sie ist schon wieder weggetreten“, meinte Dorian, der seine Schwester noch immer an den Handgelenken hielt, aber sogleich zur Seite rückte als John vor ihr auf die Knie sank.

Mit beiden Händen ergriff er ihren Kopf, sanft, aber doch fest genug, dass sie seine Berührung nicht missen konnte und zwang sie, ihn anzusehen, doch ihr Blick schien leer, trotz der Tränen, die über ihre Wange rannen.

„Alexa … Alexa … sehen Sie mich an … sieh mich an, verdammt!“, sprach John zu ihr und versuchte sie wieder zu erreichen. „Komm schon … Alexa … komm zurück!“ … Zurück zu mir … „Kommen Sie wieder zurück!“

Alexa schreckte auf und rang nach Atem, ihr Blick fokussierte sich recht schnell und sie erkannte John. Doch nur für wenige Augenblicke sah sie ihn mit einem undefinierbaren Blick in die Augen, bevor sie sich barsch aus seinem Griff befreite und seine Hände abschüttelte. Sie sprang auf und eilte taumelnd davon.

„Alexa? … Alex …“, rief John ihr noch hinterher, als er sich ebenfalls wieder erhob, doch sie war schon außer Reichweite.

„Ich … ich kümmere mich um sie“, sagte Dorian und eilte seiner Schwester hinterher, während John ihr noch immer verwirrt nachstarrte. Was war gerade geschehen?

„Verzeihen Sie, Colonel. Sie steht im Moment neben sich“, sprach Elisha leise. „Aber ich danke Ihnen, dass Sie so schnell hier waren.“

„Ja … ja, schon gut“, antwortete John und versuchte seine Verwirrung irgendwie abzuschütteln. Gelingen wollte es ihm jedoch nicht so recht. „Tut mir leid … mit Marsilius meine ich. Mein Beileid.“

„Wir wussten, dass es geschehen würde, aber … ich danke Ihnen.“

„Wenn es etwas gibt, dass wir tun können, dann …“

„Das ist sehr freundlich, Colonel, aber die nächsten Schritte liegen in der Verantwortung seiner Familie, oder … Personen, die ihm am nächsten standen. Dennoch … vielen Dank.“

Nach einem kurzen und gedrückten Lächeln verabschiedete sich Elisha und ließ den noch immer verdutzten Colonel zurück, der kurz darauf von Woolsey angesprochen wurde.

„Colonel, ich komme nicht umhin zu bemerken, dass in letzter Zeit offensichtlich irgendetwas Sonderbares in und mit Ihnen geschieht. Ich frage mich, ob es möglicherweise Grund zur Sorge um Sie oder die Sicherheit der Stadt gibt.“

„Nein, Mister Woolsey, die gibt es nicht“, antwortete John seufzend.

„Ich würde dennoch gerne genauer informiert sein.“

Und so ging auch dieser Tag nach einem anstrengenden Frage und Antwortspiel mit dem Expeditionsleiter- ohne ihm jedoch mehr zu erzählen, als unbedingt notwendig nur langsam und schleppend zu Ende. Und nicht zu vergessen die weiteren neuen Untersuchungen auf der Krankenstation, auf die Woolsey bestand, weitere Gespräche mit seiner Mutter und einigen Recherchen bezüglich der Kultur der Antiker und auch einem nicht so ganz angenehmen Gespräch mit dem Stargate-Center auf der Erde.

~~~///~~~

Und der Morgen begann auch nicht gerade vielversprechend. John hatte zunächst geglaubt, wieder richtig in sein tägliches Training einsteigen zu können, doch seine Rippen belehrten ihn eines Besseren. So musste leichtes Joggen eben ausreichen. Den Gedanken vielleicht einige Runden im neuen Schwimmbecken zu drehen, verwarf er auch schnell wieder, als er sah, dass die halbe Expedition offenbar dieselbe Idee hatte und bereits wie die Sardinen in einer zu kleinen Büchse ihre Runden im erfrischenden Nass drehte.

So erledigte er ein wenig von der verhassten Büroarbeit. Zumindest so viel, dass er wieder einen halbwegs akzeptablen Überblick über den enormen Stapel an Akten und Berichten hatte. Warum auch diese Dinge nicht einfach elektronisch und digital erfasst wurden, war selbst ihm noch immer ein Rätsel.

Nach gerade mal zwei Stunden ließ John sich dann im Kontrollraum blicken, störte und nervte mit Freude seinen Freund und Teamkameraden Rodney bei seinem Vorhaben, ein neues Programm zur Tordiagnostik hochzuladen und gleich die ersten Tests durchlaufen zu lassen. Doch er entschied, mit seinen Neckereien nicht zu weit zu gehen, als er glaubte, sein Freund stünde kurz davor, sich in einem menschlichen Supervulkan zu verwandeln, der unmittelbar vor dem Ausbruch stand.

Sein Blick glitt über die Techniker und anderes Personal, das seine Arbeit im Kontrollraum verrichtete, bevor er Alexa im Büro stehen sah. Nur kurz zögerte er und erinnerte sich an den gestrigen Tag mit all seinem Geschehen und Merkwürdigkeiten. Doch Grübelei und Rätselraten über ihr gestriges Verhalten würde ihn nicht weiterbringen. Langsam schlenderte er über die Gangway zum Büro und blieb mit den Händen in den Hosentaschen im Eingang stehen.

Alexa war vertieft in die Informationen, die ihr das Tableau in ihren Händen lieferte und so brauchte es eine kleine Weile, bevor sie die Gegenwart einer Person spüren konnte. Innerlich fluchte und stöhnte sie auf, schloss einen Moment die Augen und atmete tief durch. Der hatte ihr er gerade noch gefehlt.

„Colonel.“

„Hey“, antwortete John leise und beobachtete, wie sie weiterhin still und regungslos am großen Fenster zum Gateraum stand und auf ihrem Tableau herum tippte. Er wusste nicht so recht weiter oder was er sagen sollte. Irgendwie fühlte und hörte sich alles falsch an, aber zurück konnte er nun auch nicht mehr. „Was machen Sie hier?“

„Ich arbeite. Oder wonach sieht es Ihrer Meinung nach aus?“

Natürlich wusste er, dass Woolsey und der General sich einige Tage in der Woche den Dienst teilten und gemeinsam die Arbeit und die Verantwortung übernahmen. Aber es gab neuerdings auch Tage, an denen nur einer von ihnen in ihrer Verpflichtung als Kommandant und Expeditionsleiter beziehungsweise als Vorstand als Ansprechpartner fungierte.

Er wusste auch, dass Woolsey sich diesen Tag frei genommen hatte, da er sich einem kleinen operativen Eingriff unterziehen musste, der offenbar nicht mehr hinausgezögert werden konnte. Das hatte John beim dem gestrigen Gespräch mit dem Expeditionsleiter erfahren. Er hatte allerdings darauf verzichtet, genauer nachzufragen und so schlimm würde es auch nicht sein, sonst hätte Woolsey ihn schon früher bezüglich der Kommandantur der Stadt informiert.

Und auch die Abwesenheit des Generals war nicht wirklich verwunderlich. Ein solcher Sterbefall konnte jede Familie oder auch enge Freunde ins Schleudern bringen und es war nicht zu übersehen gewesen, dass die Freundschaft zwischen dem General und Marsilius eine sehr enge und besondere war.

„Da Mister Woolsey den heutigen Tag ausfällt, hätte mein Vater Dienst“, erklärte Alexa und bemühte sich um eine starke und kontrollierte Stimme. „Aber er hat sich selbst etwas zurückgezogen, also werde ich für heute der Ansprechpartner für Ihre Leute sein. Oder spricht etwas dagegen?“

Johns Augenbraue schoss erstaunt aufwärts. Das Alexa nun wirklich alleine den Laden schmiss … War sie nicht erst gestern weggetreten und in diese Starre verfallen? Hatte sie nicht selbst auch einen Verlust zu bewältigen? Sogar zwei, wenn man … Darius mitrechnete? Hatte sie nicht noch immer diesen Schmerz und die Trauer, die man ihr nur allzu deutlich ansehen konnte? Waren ihre Augen nicht noch immer etwas rot und geschwollen vom vielen Weinen und den durchwachten Nächten? Und nun wollte sie tatsächlich und trotz allem arbeiten und verzichtete darauf, sich selbst zurückzuziehen und sich zu erholen.

„Sie wissen, dass ich ebenso gut hätte einspringen können, oder? Ich meine, ich muss für die nächsten paar Tage ohnehin noch immer leichten Dienst schieben, also … hätten Sie ruhig etwas sagen-„

„Ich denke, ich komme schon klar, Colonel.“

Dass sie ohnehin nur die wichtigsten und die dringendsten Angelegenheiten für ihren Vater und vielleicht für Mister Woolsey erledigen, und auch nicht den ganzen Tag im Büro verbringen wollte, um so für jeden eine offene Tür zu signalisieren, dessen Leben und Arbeit auch nicht gerade am seidenen Faden hing, musste Sheppard nicht wissen. Diese Expedition würde schon einmal einen Tag ohne einen General und einen Diplomaten auskommen. Außerdem …so weit kommt es noch, dass sie allem und jedem Rechenschaft ablegte!

„Na schön“, antwortete John und sah zu, wie Alexa weiterhin eifrig ihre Arbeit mit dem Tableau verrichtete und zum Schreibtisch hinüber schritt, sich aber vorerst nicht setzte.

Natürlich war ihm auch nicht entgangen, dass sie ihn bisher keines Blickes und keiner Geste gewürdigt hatte und auch ihre Tonart schien ihm nicht so recht zu gefallen. Aber er schob es auf die jüngsten Begebenheiten ab und versuchte seine Verwirrung und seine Betroffenheit hinunterzuschlucken. „Aber wenn Sie es sich anders überlegen sollten, oder-“

„Gibt es sonst noch etwas, dass ich für Sie tun kann, Colonel?“, fragte Alexa, als sie seine Ausführung unterbrach. Und das in einem kurz angebunden und gezwungen freundlichem Ton, den John aber mehr als deutlich wahrnehmen konnte. Was um alles in der Welt, war nur los mit ihr?

„Ich wollte mal sehen, wie es Ihnen geht.“

„Ah ja? Ist das alles? … Oder soll das etwa nur der Beginn eines Gesprächs sein, dass dann mit `Ich habe es Ihnen ja gesagt´ oder `Sie hätten auf mich hören sollen´ endet? … Wenn das der Fall ist, wäre es besser, wenn Sie gleich wieder-„

„Ich will … ich möchte wirklich nur wissen, wie es Ihnen geht … ich mache mir Sorgen“, antwortete John und zum ersten Mal, seit er das Büro betreten hatte, sah Alexa auf.

Für unendlich scheinende Augenblicke sahen sie sich an, doch aus ihrem Blick wurde John nicht so recht schlau. Eine Unmenge an Emotionen hatten sie gepackt und durchströmten sie, das konnte John an ihrer angespannten Haltung erkennen, doch zunächst vermochte sie keine einzige davon auszudrücken.

„Das ist nicht notwendig, Colonel. Es geht mir gut“, sprach Alexa schnippisch und setzte sich nun hinter den Schreibtisch. „Sonst noch etwas oder kann mich nun wieder meiner Arbeit widmen?“

-Wow! Wird es gerade kalt hier drin?-, dachte John verwundert.

Da schwangen eindeutig Wut und Ärger in ihrer Stimme mit. John wusste zwar, dass auch diese Emotionen bei einer Trauer auftreten konnten, aber es steckte wohl noch mehr dahinter und ja natürlich, er war vielleicht auch nicht gerade ganz unschuldig daran. Zugegeben, den Zusammenstoß neulich im Flur hätte er wohl nicht verhindern können, aber er hätte seine Bemerkungen über ihren … Verlobten möglicherweise für sich behalten können. Im Geiste verfluchte John sich selbst, trat sich selbst in den Hintern und machte auch eine geistige Notiz an sich selbst: Beim nächsten Mal … einfach Klappe halten.

Aber verdammt musste sie ihm nun mit diesem abweisenden, kalten und beinahe feindseligen Verhalten derart zusetzen? John konnte sich nicht helfen, es kam ihm vor, als ob sie keinerlei Interesse an einer Konversation mit ihm hatte, oder an irgendeinen Umgang mit ihm, es schien sogar, als ob sie … ja, als ob sie gegen ihn kämpfen würde.

„Da ist noch etwas“, meinte John, als er seinen Verdruss weiterhin hinunterzuschlucken versuchte und tief durchatmete. Erst recht, als Alexa mit den Augen rollte und beinahe genervt seufzte. Auch wenn sie es leise zu tun versuchte, es entging John nicht. „Wir wissen immer noch recht wenig über die Kultur Ihres Volkes. Ihre Sitten und Gebräuche und-„

„Colonel, danach steht mir im Moment wirklich nicht der Sinn. Wenn es wirklich etwas gibt, dass Sie gerade jetzt derart interessiert, dann bemühen Sie bitte die Datenbank.“

Selbst eine Ohrfeige hätte nicht deutlicher sein können, aber so leicht wollte John sich nicht geschlagen geben.

„Es geht um Ihren Onkel Marsilius“, sprach John unentwegt weiter, beobachtete aber, wie Alexa in ihrer Arbeit innehielt. „Ich frage mich nur … wie es nun weitergeht.“

„Er ist tot, Colonel. Ich weiß ja nicht, wie es bei Ihnen auf der Erde ist, aber seien Sie versichert, nach dem Tod kommt man bei uns nicht mehr weiter.“

Wieder atmete John tief durch. Er spürte, wie seine Geduld arg strapaziert wurde und das war ungewöhnlich. Bisher hatte er angenommen, dass seine Geduld Alexa gegenüber groß, vielleicht sogar grenzenlos sei. Aber auf einen solchen Eiertanz hatte er wirklich keine besondere Lust. Schon gar nicht mit Alexa.

Am liebsten würde er sie packen und schütteln, damit sie wieder richtig zu sich käme. Aber das wäre vermutlich eine genauso hirnrissige Idee, als sie auf ihren Darius anzusprechen. Dennoch, so leicht wollte er es ihr auch nicht machen. So leicht sollte sie ihm nicht entfliehen. Und wenn es belangloses und Banalitäten sein würden, die sie während der Gespräche in seiner Nähe hielten. Sie würde ihm schon nicht entkommen.

„Marsilius war ein Militär … Wenn bei uns ein Militär stirbt … wenn überhaupt jemand stirbt … egal wie, gibt es eine Zeremonie, eine Trauerfeier, ein Moment des Gedenkens … je nachdem, welcher Glaubensrichtung er oder sie angehörte oder welche Sitten und Gebräuche die Kultur prägten.“

Alexa hatte Johns Worten still und regungslos gelauscht, während ihr Blick weiter gespannt auf das Tableau gerichtet war. John war sich sicher, würde er sich nur ein wenig herabbeugen, könnte er vermutlich den Ausdruck einer Emotion ausmachen.

Doch unter keinen Umständen wollte sie irgendjemanden ihre momentanen Gefühle zeigen, ihre Gedanken mitteilen oder ihr Innerstes sonst irgendwie preisgeben und erklären, und schar gar nicht diesem Colonel und doch sprach er nun etwas an, dessen Gedanken daran alleine schon den letzten Rest ihrer inneren Stärke ins Wanken und bröckeln brachte.

Sie schluckte hart, bevor sie mit eisiger Stimme weiter sprach.

„Das ist mir wohl bewusst, Colonel und Sie wissen, dass ich die Menschen, ihre Religionen, Sitten und Gebräuche, vor allem das Militär studiere. Ich weiß um die verschiedenen Traditionen und Rituale, wenn es um die Bestattung … von Verstorbenen geht. Sie halten es vielleicht nicht für möglich, aber auch wir haben Sitten und Bräuche. Auch im Militär. Aber Sie wissen auch sehr wohl, dass meine Familie und ich die letzten unseres Volkes sind und was das Militär angeht …“

Alexa ließ den Satz unvollendet, auch wenn sie gegen Ende hin wieder zu ihrem trotzigen und herablassenden Verhalten fand.

„Deswegen bin ich hier“, meinte John, als er leise weitersprach. Gerade jetzt wollte er nicht noch weiter vorstürmen und sie noch mehr provozieren. Denn sie schien wirklich sehr reizbar und gespannt zu sein. Ein Zustand, der hoffentlich bald verging.

„Um mich daran zu erinnern, dass unser Volk im Grunde nicht mehr existiert? Dass unser Militär ohne Aufgaben und ohne Doktrin nur noch von zwei Personen vertreten wird, die im Grunde nutzlos vor sich hinvegetieren? Danke, aber darauf würde ich gerne verzichten“, entfuhr es Alexa geifernd. Dann sprang sie auf und machte sich daran, wutentbrannt das Büro durch den Seitenausgang zu verlassen.

„Um Ihnen Hilfe für Marsilius Bestattung anzubieten! Himmel! Alexa … was ist los mit Ihnen?“, platze es aus John und sie blieb wie vom Donner gerührt stehen und schwieg.

Während John noch für einen kurzen Moment hoffte, endlich in sie vordringen zu können, wandelte sich ihre Miene sofort in eine steinerne, schweigende Fassade.

„Wieso … Wieso fahren Sie mich andauernd so an, Alexa? Ich bin doch nicht Ihr Feind … ich will Ihnen doch nichts Böses. Ich möchte Ihnen helfen. Ich möchte, dass Sie Ihrem Onkel eine angemessene Gedenkzeremonie widmen können …“, entfuhr es John.

Mit den Händen nicht mehr in den Hosentaschen trat John langsam auf sie zu. Ihr Gesicht konnte er nicht sehen, denn noch immer stand sie mit dem Rücken zu ihm und John war versucht, sie zu sich zu drehen. Doch etwas ließ ihn zögern. Wie würde sie reagieren? Würde sie ihn gewähren lassen? Würde sie ihm einen Blick in ihr Gesicht, in ihre Augen gestatten? Oder würde sie ihn wieder ablehnen, ihn sogar von sich stoßen? John entschied das Risiko einzugehen.

Ganz langsam und vorsichtig glitten seine Hände zu ihren Armen und schon zuckte sie unwillkürlich zusammen, drehte sich ruckartig um und nahm Abstand von ihm. Ein geradezu vor Wut funkelnder Blick traf ihn. Wenn auch nur kurz, so hatte John die Botschaft doch verstanden. Offenbar war es keine gute Idee, ihr so nahe zu kommen. Ein Signal des sich ergeben würde sie wieder etwas besänftigen, so hoffte John, als er nur kurz die Hände hob und selbst auch einen Schritt zurücktrat.

Sie wandte ihren erbosten Blick wieder von ihm ab, doch John brauchte nur einen Moment, um zu erkennen, dass mittlerweile auch Nervosität und Argwohn von ihr Besitz ergriffen hatten. Als erwartete sie jeden Moment, das etwas geschehe. Ein Unheil vielleicht? Hatte sie etwa Angst vor ihm? Glaubte sie, er würde ihr etwas antun? Oder war es tatsächlich Angst vor Nähe? Hier stimmte etwas ganz und gar nicht.

John atmete einmal mehr tief durch und er hatte das Gefühl, es für sie beide zu tun, bevor er ruhig und leise weitersprach.

„Das ist alles, Alexa. Ich möchte nur, dass man Ihrem Onkel angemessen gedenkt … er war ein Soldat, aber ich weiß so gut wie nichts über Ihr Militär, seine Doktrin, seine Strukturen und seine Regeln und Gesetze und seine Bräuche und Traditionen … ich weiß wirklich nicht, wie jetzt weiter verfahren wird. Ich habe mich in der Datenbank umgesehen, aber was das angeht, war sie nicht ganz so hilfreich, wie ich gehofft habe.“

Inständig hoffte er auf eine Reaktion. Irgendeine, denn Alexa blieb eine ganze Weile wie gelähmt an Ort und Stelle stehen. Ihr Blick weiterhin auf sein schwarzes Uniformhemd gerichtet.

„Ich dachte, ich könnte vielleicht mit ein paar meiner Leute etwas auf die Beine stellen, das … das Ihrem Onkel vielleicht gefallen hätte, oder wir können auch etwas tun, das womöglich notwendig ist … sie bei irgendetwas unterstützen oder-“

„Sie gehören nicht zu unserem Militär und General Landry-“

„General Landry ist meine Sorge. Oder vielmehr war. Das ist alles schon geregelt, Alexa. Alles, was uns noch fehlt, sind ein paar Infos“, antwortete John, als er langsam wieder einen kleinen Schritt vortrat, nur damit sie gleich darauf wieder von ihm zurücktrat.

Wieder vergingen schweigsame Momente, bis John einen weiteren kleinen Vorstoß unternahm, um ihr in die Augen sehen zu können. Doch das schien schon zu viel für sie zu sein. Ihre Miene wandelte sich wieder in eine harte, kalte Fassade, als sie abermals einen Schritt zurücktrat.

„Ich lasse Ihnen die Informationen per Mail zukommen“, erwiderte Alexa kurz und knapp, als ihr Blick wieder zu ihrem Tableau glitt, sich umdrehte und aus dem Büro rauschte.

Verdutzt blieb John zurück und starrte ihr kopfschüttelnd nach. Was um alles in der Welt war das gerade?

~~~///~~~

Alexa war wohl noch nie so schnell unterwegs gewesen. Sie verfiel beinahe in den Laufschritt, als sie aus dem Transporter trat und durch die Flure eilte. Geradewegs in ihr Quartier, dass sie sofort verriegelte, bevor sie sich keuchend an die Tür lehnte und zu Boden sank.

Nein! Nein! Nein!

Dieser Sheppard … wie konnte er es nur wagen, so …

Im Grunde wusste sie nicht so recht, was gerade geschehen war. Was Sheppard da gerade getan hatte. Sie wusste nur, dass es … ja, was eigentlich? War es wirklich nur der Wunsch, einem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen und ihm den gebührenden Respekt zollen zu wollen? Oder war es eher die Sorge um sie, die er zeigen wollte?

Ja, natürlich. Sie hatte es ja spüren können. Sie hatte seine Emotionen in den letzten Minuten mehr als deutlich spüren können. Und es war sogar mehr als Sorge. Wieder hatte sie das volle Ausmaß seiner Emotionen zu spüren bekommen. Mitgefühl, Neugier und Freundlichkeit. Sogar tiefere und stärkere als Sympathie, Freundschaft und Kollegialität … noch viel tiefere, stärkere und mächtigere. Aber das durfte nicht sein. So etwas durfte nie wieder passieren! So etwas durfte sie nicht noch einmal zulassen!

Alexa sprang wieder auf, drückte das Tableau fest gegen ihre Brust und begann wieder Gräben in den Boden ihres Quartiers zu laufen.

Diese Emotionen … sie waren unangebracht. Sie waren verboten, sie waren … geradewegs auf dem Weg in ihr Herz. Nein! Kein anderer Mann würde ihr jemals wieder so nahe kommen, wie Darius. Niemand! Niemals!

Sie würde niemals einen anderen so nahe sein! Es wäre besser, wenn man ihr vom Leib bliebe. Besser für alle. Erst recht für die Männer! Alle miteinander! Wären sie doch bloß …

Alexa wusste nicht, wohin sie sich die Männer wünschen sollte. Aber ganz bestimmt gehörten sie nicht in ihr Herz.

Sie würde niemals einem anderen bestimmt sein! Niemals würde sie einem anderen verfallen! Niemals würde sie einem anderen Mann ihr Herz schenken. Niemals würde sie anderen Mann lieben und ihm gehören! Schon gar nicht Sheppard … Sie gehörte nur sich selbst.

Die Vorsehung und das Universum … Hah! Diese Dinge konnten ihr gestohlen bleiben. Sollten Darius und Dorian doch daran glauben und sich vom Universum kommandieren lassen.

„Aber ich nicht“, sprach Alexa laut und stapfte immer noch wie wild hin und her. „Mit mir nicht. Hörst du, Universum? Ich lasse mir nichts mehr wegnehmen von dir! Niemand ist für mich bestimmt! Und ich bin auch für niemanden bestimmt! Und schon gar nicht für Sheppard. Er kann mir gestohlen bleiben …“, sprach Alexa wispernd.

Ihr Geist war wie blockiert und doch rasten ihre Gedanken, währen ihr Herz schnell und kräftig schlug. Sie spürte Schwindel aufkommen und Übelkeit und Sekunden später stürzte sie in ihr Badezimmer, fiel auf die Knie und übergab sich.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie spürte, dass ihr ohnehin kaum gefüllter Magen endlich völlig leer war. Erschöpft ließ sie sich gänzlich auf dem kalten Boden nieder und hielt ihren schmerzenden Bauch, bis die Pein und der Schwindel allmählich nachließen und sie langsam wieder einen Gedanken fassen konnte.

„Kein anderer Mann wird mich bekommen. Niemand! Schon gar nicht Sheppard … das werde ich ihm schon noch … austreiben. Hörst du? … Und wenn er sich auf den Kopf stellt … und wenn ihr beide euch auf den Kopf stellt! … Ach was rede ich denn? Was unterhalte ich mich auch mit einem vorhersehenden Universum! So ein …“

Wieder krampfte ihr Magen sich zusammen und sie musste abermals würgen. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. Alexa fand kaum einen ruhigen Moment, um wieder zu Atem zu kommen.

 „Ma …“, keuchte sie in ihren Kommunikator. Aber ihre Stimme war nicht mehr als ein elend klingendes Krächzen. „Ma …“

„Alexa? Kind, was ist denn los? Du klingst ganz furchtbar!“

„Ma, irgendetwas … stimmt nicht. Ich muss … mir ist gar nicht wohl.“

„Wo bist du?“

„Qua … Quartier … in meinem … Quartier“, brachte Alexa mit letzter Kraft hervor, bevor sie wieder von Schwindel und Übelkeit gepackt wurde.

„Alexa? … Alexa!“

Elishas Stimme echote geradezu durch den Kommunikator, doch Alexa lag wieder am Boden und kämpfte gegen die immer größer werdende Schwärze der Bewusstlosigkeit.

 ~~~///~~~

Eine angenehme Kühle strich über ihre Stirn und Wangen und half ihr, langsam wieder richtig zu sich zu kommen. Sie wusste nicht, wie lange dieser elende Zustand von Schwindel, Übelkeit und diese beinahe übermächtige Schwärze, die unentwegt an ihr zog und gegen ihre Sinne und ihr klares Denken und Empfinden kämpfte, angehalten hatten.

Aber nun klärte sich ihr Blick, der Schwindel verschwand und die Übelkeit … nun, sie war zwar noch vorhanden und rumorte tief in ihrem Inneren, aber es schien bei Weitem nicht mehr so schlimm wie zuvor zu sein. Auch die Fähigkeiten, mit all ihren Sinnen ihre Umgebung wahrzunehmen, kehrten zurück und so stellte Alexa fest, dass sie auf ihrem weichen Bett lag.

Nur kurz sah sich um, registrierte den wieder aufkommenden Schwindel, als sie ihren Kopf zu weit und zu schnell drehte. Doch sie erkannte ihre Mutter, die an ihrer Seite saß und ihr noch immer beruhigend mit einem kühlen Tuch über die Stirn strich.

„Da bist du ja wieder. Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“

„Ma …“

„Ja, Schatz. Es ist alles in Ordnung. Ich bin da.“

„Was … was …?“

„Weißt du nicht mehr? Du hast mich gerufen. Du sagtest, du fühltest dich nicht wohl und plötzlich habe ich dich nicht mehr hören können. Ich bin so schnell ich konnte hergekommen, und nachdem ich mich erst noch um deine verriegelte Tür kümmern musste, habe ich dich im Badezimmer auf dem Boden liegend vorgefunden. Ich bin fast zu Tode erschrocken, Alexa.“

„Tut … tut mir leid. Ich weiß nicht, was das war.“

„Ist schon gut … du warst nur noch halb bei Bewusstsein. Du warst eigentlich die ganze Zeit über halb weggetreten, aber ich habe es irgendwie schaffen können, dich hier herzubringen.“

„Ich weiß noch … ich war hier hergekommen … ich wollte … ich weiß auch nicht. Aber mir wurde auf einmal so schwindlig und ich musste … ich musste mich …“

„Ich weiß schon, Schatz. Ich habe es gesehen. Ich habe dir bereits etwas gegeben, das deinen Magen und dich beruhigt. Untersucht habe ich dich auch schon, so weit ich es mit dem kleinen Scanner konnte, aber ich habe nichts Auffälliges finden können. Ich glaube auch, dass der große Scanner nichts finden wird. Es scheint ganz so, als würden die vergangenen Tage ihren Tribut fordern.“

Alexa seufzte widerstrebend auf. „Das ist doch … es gab schon früher öfter mal Tage, die … anstrengend und herausfordernd waren und ich bin niemals … ich war niemals …“

„Dir ging es auch früher niemals besonders gut, wenn die Umstände … belastend waren.“

„Oh Ma, bitte! Ich bin niemals … derart …“

„Zusammengebrochen? Nein, das wohl nicht. Aber dennoch hat sich dein Körper ein ums andere Mal lauthals beschwert und sich gesträubt, weiter seinen Dienst zu verrichten. Du hast es nur immer geflissentlich ignoriert und hast deine Grenzen immer wieder überschritten. Jetzt rächt sich das. Du wirst etwas langsamer vorgehen und dich erholen müssen.“

„Das kann ich nicht. Mister Woolsey fällt heute aus und Pa hat sich auch zurückgezogen. Ich muss zurück ins Büro. Ich muss …“

„Du musst hier liegen bleiben und dich ausruhen. Du bist vollkommen erschöpft.“

„Ich bin Soldatin, Ma. Ich bin nach Pa der ranghöchste Offizier. Ich muss ihn vertreten. Ich kann es mir nicht erlauben-“

„Da hast du recht. Du hast dir auch bereits genug erlaubt. Ich hingegen befehle dir, dich auszuruhen. Mister Woolsey wird morgen wieder in der Lage sein, seine Arbeit zu verrichten und dein Vater … wird in ein paar Tagen auch wieder anwesend sein. So lange kann Colonel Sheppard über die Stadt wachen. Auch er ist ein ranghoher Offizier.“

„Colonel Sheppard … er hat doch keine Zeit. Er muss lieber die Leute mit seinen fadenscheinigen Anliegen behelligen und nach ihren Traditionen und Bräuchen fragen.“

„Du sprichst von einer Gedenkzeremonie für Marsilius?“, fragte Elisha, als sie sich zur Kommode ihrer Tochter bemühte und bequeme Kleidung heraussuchte. „Ich habe dein Tableau auf dem Boden gefunden. Du wolltest in der Datenbank nach speziellen Anleitungen suchen … erinnerst du dich nicht mehr an den Ablauf einer militärischen Bestattungszeremonie? Oder sollten die Informationen für den Colonel gedacht sein? … So fadenscheinig kann es dann doch nicht sein.“

Alexa schwieg betreten, als sie sich mühevoll aufsetzte und sich gegen das Kopfende ihres Bettes lehnte. Ihr Blick war starr auf ihre gefalteten Hände gerichtet. Sie würde im Traum nicht daran denken, ihrer Mutter zu erzählen, worüber sie sich so aufgeregt hatte oder welche Gedanken sie beschäftigten und welche Entschlüsse sie gefasst hatte.

Elisha seufzte leise. „Ich nehme an, dass er weiß, dass deinem Onkel alle militärischen Ehren gebühren, aber da nur noch du und dein Vater da sind … weiß er wohl auch, dass es schwierig bis unmöglich für euch beide sein wird, das Zeremoniell einzuhalten. Ich habe mitbekommen, dass er bereits General Landry um Erlaubnis gefragt hat, dass einige seiner Männer auf freiwilliger Basis bei einer Zeremonie Unterstützung leisten könnten. Weißt du, Jennifer und einige andere Personen haben auch mir Hilfe für eine mögliche Zeremonie für deinen Onkel angeboten. Ich finde, das ist sehr freundlich und wir sollten ihr Angebot nicht sofort und so … unwirsch ablehnen.“

Wieder seufzte Alexa mürrisch auf, bevor ihre Gedanken wieder zu ihrem Onkel wanderten. Natürlich hatte ihre Mutter recht. Marsilius verdiente eine anständige Gedenkzeremonie, die man ihm jedoch nicht durch nur zwei verbliebene Soldaten eines ausgestorbenen Volkes zuteil kommen lassen konnte.

Verflucht, dieser Sheppard wusste dies wohl nur zu gut und nun nutzte er dieses Wissen und den Umstand offensichtlich gegen sie. Nur um an sie heranzukommen? Oh, dieser verdammte … das war so …

Alexa konnte noch immer keinen klaren Gedanken fassen und ja, sie fühlte sich wirklich nicht besonders gut. Solange sie ruhig lag und keine größeren Anstalten machte sich zu bewegen oder sonst irgendwie anzustrengen, schienen der Schwindel und die Übelkeit auszuhalten zu sein. Aber wenn doch nur diese verdammte Müdigkeit nicht wäre und diese merkwürdige innere Unruhe. Ein Rumoren, tief in ihr, das sie auf eine eigenartige und nachdrückliche Art und Weise beschäftigte. Es ging etwas in ihr vor sich, dass sie jedoch nicht verstand und ergründen konnte. Etwas Unbekanntes, das ihr sogar ein wenig Angst und Sorge bereitete.

„Ich muss noch einige Informationen zusammentragen. Ich möchte Pa nicht damit behelligen und du und Dorian, ihr wisst wahrscheinlich nicht genug darüber.“

„Na schön“, meinte Elisha, als sie endlich einen süßen, kleinen und vor allem bequemen Hausanzug gefunden hatte, den sich ihre Tochter bei ihrem letzten Aufenthalt auf der Erde gekauft hatte. „Du schlüpfst jetzt zuerst hierein und legst dich dann wieder ins Bett. Um diese Informationen zusammen zutragen, musst du nicht auf den Beinen sein. Ich gebe dir eine Stunde, Alexa, hörst du? Eine Stunde. In der Zwischenzeit werde ich dir eine kleine Mahlzeit zubereiten. Nichts Schweres, denn ich glaube, das verkraftet dein Magen nicht. Aber du musst dringend wieder etwas zu dir nehmen. Und dann, wenn ich zurückkomme, sendest du dem Colonel die Informationen, isst und wirst dann etwas schlafen. Vorzugsweise mehrere Stunden … am besten bis morgen. Und sonst nichts. Du wirst sonst nichts weiter tun. Haben wir uns verstanden?“

Wieder rollte Alexa mit den Augen, was ihre Mutter nur mit mahnenden Blicken beantwortete. „Sonst nichts. Wehe ich sehe dich in deinem Quartier oder in den Fluren oder sonst wo umherwandern oder etwas anderes tun, als ausruhen und schlafen. Wehe du hältst dich nicht an meine Anweisungen, dann werde ich dich zur Krankenstation befördern und bitte den Colonel, Wachen aufstellen zu lassen.“

„Glaubst du wirklich, dass die mich aufhalten könnten?“

„Wenn nicht sie, dann mein Narkoseinjektor“, antwortete Elisha kurz und knapp und ließ es auch nicht an Ernsthaftigkeit mangeln.

Alexa hatte wirklich keine Lust auf eine weitere Predigt ihrer Mutter und auf die Krankenstation noch weniger. Sie fügte sich ohne Murren und weiteren Protesten ihrem Schicksal, ließ sich noch in ihre bequeme Kleidung helfen, als das Quartier wieder anfing zu schwanken und sich zu drehen kaum, dass sie stand, und legte sich dann in ihr Bett. Elisha drückte ihr mit einem weiteren mahnenden Blick das Tableau in die Hand und machte sich dann auf den Weg, nur um genau eine Stunde später mit einem Tablett, beladen mit einem Gemüse-Reis-Brei und einem Fruchtmus zurückzukehren.

Eine weitere halbe Stunde später war die Mahlzeit vertilgt, die Mail abgeschickt und Alexa befand sich bereits in einem tiefen und festen Schlummer.

~~~///~~~

Etwas mehr als eine halbe Stunde nach Alexas Temperamentsdemonstration – John wusste noch immer nicht, wie er das, womit er vorhin konfrontiert worden war, sonst nennen sollte – wurde er von Elisha angesprochen und gebeten, sich um die Stadt und ihre Leitung zu kümmern. Elisha hielt sich zwar bedeckt über das Warum und Wieso, dennoch hatte John erfahren können, dass auch Alexa sich nicht wohlfühlte und sich zurückgezogen hatte. Oder vielmehr musste.

Dass Alexa Ruhe brauchte, war nur schwer zu übersehen und ihm mehr als Recht. So würde sie sich vielleicht wirklich erholen und hätte Zeit, sich mit den letzten Geschehnissen in Ruhe auseinanderzusetzen und zu arrangieren und er würde zumindest eine Zeit lang nicht mehr den Angriffen und vermeintlichen Tiraden einer Antikerin ausgesetzt sein, die offenbar wirklich vollkommen neben sich stand. Dafür war er aber allen möglichen Fragen und Anliegen von fast jedem Wissenschaftler und anderen Zivilisten der Expedition ausgeliefert, denn John hatte Stellung im Büro bezogen und saß eifrig Emails beantwortend und Berichte lesend am Schreibtisch.

Auch seine Eltern statteten ihm einen Besuch ab und ließen sich in der Sitzgruppe nieder und lauschten den Ausführungen ihres Sohnes, der sich trotz ständiger Unterbrechungen über Alexas Verhalten wunderte, sich aber sonst kaum aus der Ruhe bringen ließ.

Nach einer weiteren Stunde erhielt er dann auch die gewünschten Informationen über den Ablauf eines lantianischen Militärbegräbnisses und wunderte sich. Allzu groß schienen die Unterschiede nicht zu sein. Aber John würde sich dennoch akkurat an das Zeremoniell halten, zumal Alexa offenbar auch die jetzigen Begebenheiten beachtet hatte. Er war sich sicher, dass bestimmt das eine oder andere in der Reihenfolge und der Verrichtung der Zeremonie ausgesetzt oder von ihr geändert wurde. Bis auf eines, das ihm Stirnrunzeln bescherte.

„Stimmt was nicht?“, wollte Patrick wissen, dem der stutzende Gesichtsausdruck seines Sohnes auffiel.

„Hm? Nein, nein, alles in Ordnung. Alexa hat nur offensichtlich ganz schön an dem Ablauf der Zeremonie gefeilt. Allerdings gibt es da noch etwas, von dem ich nicht weiß, ob sie es übersehen hat oder … ich muss das abklären lassen“, erklärte John zunächst, aktivierte dann aber sein Funkgerät. „Major Lorne, Rodney? Meldet euch bitte im Hauptbüro. Ich muss etwas mit euch besprechen.“

„Hier Lorne, Sir. Bin schon auf dem Weg.“

„Bin auch gleich da“, hallte es aus Johns Funkgerät.

Minuten später erschienen die beiden Männer und stutzten.

„Was machst du hier? Wo ist Woolsey?“, wollte Rodney wissen.

„Woolsey ist auf der Krankenstation. Er hatte eine kleine Op. Solange springe ich ein.“

„Und der General, Sir?“, schloss sich Lorne fragend an.

„Hat sich zurückgezogen … Alexa auch“, erklärte John kurz und wendete sich dann zum eigentlichen Thema. „Es geht um die Zeremonie für Marsilius … Ich habe von Alexa einige Informationen zum Ablauf einer solchen bekommen. Landrys Okay habe ich auch schon, aber uns fehlen die Freiwilligen. Lorne-„

„Ich werde schon ein paar finden, Sir“, entgegnete der Major lächelnd.

„Chuck wird Ihnen eine Kopie von Alexas Mail geben. Darauf finden Sie alle relevanten Angaben von Dingen, die noch gebraucht oder noch erledigt werden müssen.“

„Verstanden. Ich kümmere mich darum.“

„Rodney, Dorian ist im untersten Sektor und werkelt am … keine Ahnung mehr, wie er es nannte, aber es ist wohl eine Anlage zum … Verbrennen des Leichnams.“

„Krematorium“, meinte Rodney.

„So was in der Art. Dorian hat es mir nur kurz erklärt, aber es scheint ein ganz klein bisschen anders zu funktionieren, als bei uns. Es scheint wohl mehr zu geschehen, als die Verbrennung des … Leichnams. Auf jeden Fall ist er da unten und versucht, die Anlage in Gang zu kriegen. Sie war wohl im Laufe der Zeit immer wieder mal geflutet gewesen … meinst du, du könntest ihm zur Hand gehen?“

„In einem Krematorium? Meinst du das ernst?“, platzte es entrüstet aus dem Wissenschaftler.

„Rodney, es mag wohl nicht ganz dein Metier sein und Marsilius war auch nicht sein leiblicher Onkel gewesen, aber dennoch … vielleicht ist es ganz gut, wenn er jetzt nicht allein ist und ein bisschen Hilfe hat. Außerdem … kannst du ihn dabei gerade nach etwas fragen.“

„Und wonach?“ Noch immer schien Rodney nicht besonders begeistert, aber letztendlich glaubte er, dass sein Freund wohl recht hatte. Außerdem, welches Bild würde er wohl abgeben, wenn er jetzt so kalt und unbarmherzig Nein sagen würde?

„Mich hat etwas in Alexas Mail stutzig gemacht. Ihr Zeremoniell unterscheidet sich nicht sonderlich von unserem Verfahren, aber sie erwähnte so etwas wie Flaggen.“

„Ich habe noch nie eine Flagge der Antiker gesehen“, meinte Lorne nachdenklich.

„Ich auch nicht, aber wahrscheinlich wird mit ihnen ähnlich verfahren wie bei uns. Das ist bisher der einzige Punkt ihrer Mail, bei dem ich nicht so ganz durchblicke. Offenbar gibt es zwei Flaggen. Vermutlich wird die eine gehisst, während die andere den Sarg bedeckt und später mit ihm … kremiert wird.“

„Und ich soll jetzt nach diesen Flaggen fragen?“, wollte Rodney wissen, dem die Sache immer weniger gefiel.

„Wisst ihr was?“, wandte Patrick ein und erhob sich. „Ich gehe mit Rodney. Wir helfen dem jungen Mann diese Anlage wieder zum Laufen zu kriegen und ganz nebenbei … frage ich nach diesen Flaggen. Einverstanden?“

„Oh ja! Soll mir Recht sein. Ist mir sogar mehr als Recht“, entgegnete Rodney enthusiastisch, war er doch in zwischenmenschlichen Belangen immer noch nicht sicher genug, um kurz vor einer Beerdigung mit nötigem Geschick und Takt zum gewünschten oder in diesem Falle verlangtem Ziel zu gelangen.

Auch Carol schien von dieser Idee begeistert zu sein, vor allem da ihr Mann sich vorrangig eher für die Technologie dieser Anlage interessierte und wohl kaum davon abzuhalten wäre, sich nun dort unten hin zu begeben. John gab sein Einverständnis ebenfalls nur in nickender Form zurück, doch er bat Lorne, die Freiwilligen schnellstmöglich im Konferenzraum antreten zu lassen.

~~~///~~~

„Al ist im Moment ganz schön neben der Spur. Es wundert mich nicht, dass sie vergessen hat, von den Flaggen zu erzählen“, erklärte Dorian, der mit Patrick im Schlepptau den Lagerraum durchstöberte.

„Nun, sie hat es nicht direkt vergessen, sie erwähnte es nur in den Informationen um die Gedenkzeremonie für Ihren Onkel. Niemand hatte überhaupt gewusst, dass Ihr Volk Flaggen benutzt.“

„Oh … tja … Sie kommen auch eher spärlich zum Einsatz. Eben nur bei irgendwelchen großen Feierlichkeiten, die ohnehin eher selten waren oder eben bei … Begräbnissen.“

„Verstehe“, gab Patrick zurück und beobachtete, wie Dorian in einer großen Kiste, die die Habseligkeiten der Familie beinhaltete, wühlte und plötzlich erfreut aufjubelte.

„Ha! … Ja! Ich wusste es doch.“

~~~///~~~

Das kleine Meeting mit den Freiwilligen hielt schon eine Weile an und John hatte noch immer Schwierigkeiten, sich seine Verwunderung über die rege Beteiligung nicht anmerken zu lassen. Mehr als zwanzig seiner Untergebenen hatten sich gemeldet und belagerten nun den Raum um Johns Ausführungen zu lauschen und sich die Kopie von Alexas Mail mit dem Ablauf der Zeremonie durchzulesen.

Die Einteilung der Personen war bereits geschehen und mehr als die Hälfte würde lediglich als Ehrenformation dienen müssen, während John nur zehn von ihnen in ihre eigentlichen Aufgaben einteilen konnte.

Das Zeremoniell war nicht besonders kompliziert und so hatte niemand Fragen oder Bedenken, geschweige denn Probleme, den Ausführungen zu folgen, wodurch auch die lockere Probe fast reibungslos ablief und das Meeting sich dem Ende neigte.

Doch kaum, dass John die Besprechung als beendet erklärt hatte, trat sein Vater schnaufend und keuchend in den Konferenzraum und zwängte sich durch die Schar an Soldaten hindurch, die den Raum verlassen wollten.

„Was ist denn mit dir passiert?“

„Na ja … im Lagerraum herrscht eine brütende Hitze“, begann Patrick sich zu erklären und schnappte zuerst nach einer kleinen Flasche Wasser, die auf dem kleinen Tisch an der Seite stand, und trank sie beinahe gänzlich in großen Zügen aus. „Und außerdem, dachte ich … dass es wohl noch ein bisschen Zeit brauchen würde, um die wieder auf die Reihe zu bekommen.“

John betrachtete den zerknitterten Stoff, den sein Vater auf dem Tisch ausbreitete. Ein strahlendes Weiß stellte den Grundton dar, während die Mitte von einem mittelblauen Abbild des Stargates und dem dahinterliegenden Fenster dominiert wurde.

„Ich schätze, das ist die allgemeine Flagge der Antiker … in Atlantis. Ist das nicht das Fenster, dass du mal im Rückwärtsgang mit dem Jumper zertrümmert hast?“, fragte Patrick und erntete einen bösen Blick seines Sohnes. Patrick grinste schelmisch. „Aber was da rundherum steht-“

„Willkommen in unserer Stadt, unserem Schiff, unserer Heimat … Atlantis“, übersetzte John, worauf sein Vater staunend die Stirn runzelte.

„Ich dachte, du kannst die Sprache der Antiker noch nicht so gut.“

„Wenn man sich ein bisschen dahinter klemmt, ist es gar nicht so schwer. Außerdem ist es in dieser Stadt manchmal sogar lebensnotwendig, sie lesen zu können, sonst fliegt man mal ruck zuck in die Luft … oder Schlimmeres.“

„Und die da?““, fragte Patrick weiter und wies auf die zweite Flagge, die beinahe vom Tisch rutschte. John half, sie wieder auszubreiten und über die erste zu legen, doch dann staunte auch er.

„Ich schätze, das ist die Flagge der lantianischen Militärstreitmacht“, erklärte John, doch Patrick sah zweifelnd zu ihm. „Es steht drauf.“

„Hm. Täusche ich mich, oder ähnelt dieses … Symbol, das der Air Force?“

„Ja. Bis auf ein paar kleine Unterschiede. Das Symbol der Air Force ist Blau-Silbern, die Flügel sind kantig und der Stern hat nur 5 Spitzen. Das hier ist … die Flügel sind größer, abgerundet und schwarz und der Stern ist golden und hat … neun Spitzen.“

„Neun? So wie die neun Chevrons am Gate? Glaubst du, das hat irgendeine Bewandtnis?“

John zuckte nur mit den Achseln. Zu gerne würde er fragen und sich die Symbolik erklären lassen, aber er wollte weder den General stören, noch Alexa. Abgesehen davon wollte er nicht Gefahr laufen, wieder in ihr Dauerfeuer zu geraten und sich dem nächsten Sturm … ihres Unmuts aussetzen. Und er bezweifelte auch, dass Elisha oder Dorian ihm etwas dazu sagen konnten.

Die übergroßen Tücher waren zwar sauber, aber um diese wieder zu glätten, war wohl mehr als ein Bügeleisen nötig. John faltete die Fahnen schnell zusammen und machte sich auf um sie reinigen und glätten zu lassen. Dann stand die Inspektion des Fahnenmastes an einem der Piere an. Bis zum nächsten Tag musste alles erledigt und bereit sein und John hatte selbst noch eine lange Liste abzuarbeiten.

Flagge der Antiker in Atlantis made by Shahar

Flagge der Antiker in Atlantis made by Shahar

Flagge des Antiker-Militärs mady by Shahar

Flagge des Antiker-Militärs mady by Shahar

Am nächsten Morgen

Elisha hatte gestern doch Jennifers Hilfe angenommen, Marsilius Leichnam für die Zeremonie nach altem Brauch würdevoll zu waschen und ihn in seine Uniform zu kleiden und nun ließ sie ihren letzten prüfenden Blick über ihn und den Sarg schweifen. Normalerweise wäre er geschlossen, doch Tristanius stand bereits am Eingang des Raumes und Elisha wusste um sein Vorhaben.

Auch er war bereits umgezogen und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass seine eigene Uniform ihn fast um den Verstand brachte. Sein Kragen war noch immer ein klein wenig zu groß und doch pikte und ziepte es an allen Ecken und Säumen.

Elisha bemühte sich um ein kleines aufmunterndes Lächeln, doch so recht wollten ihre Lippen ihr nicht gehorchen. Ein tröstendes Streicheln über seine Schulter und seinen Arm musste ausreichen, als sie sich zurückzog und ihren Mann abermals einen Augenblick mit Marsilius alleine ließ. Aber ihr trauriger Blick begleitete ihn und verfolgte, wie Tristanius zögernd an den Sarg trat und seinen Freund eine Weile in Erinnerungen versunken betrachtete.

Dann atmete Tristanius tief durch und öffnete das kleine Kästchen, das er mit sich gebracht hatte. Darin enthalten war ein kleines goldsilbernes Abzeichen, dessen Bedeutung bisher nur Tristanius und Marsilius kannten.

Mit zittrigen Händen steckte er ihm das Abzeichen an. „Agema Marsilius Lenos … mein Bruder im Geiste … mein Bruder in Krieg und in Frieden … mein Bruder im Herzen, in Seele und im Blute. Brüder auf ewig …“

Dann richtete er auch die anderen Abzeichen und Medaillen, atmete erneut tief durch und schloss dann den Sarg.

~~~///~~~

Egal was sie tat, nichts war so, wie es sein sollte. An einer Stelle war ihr die Uniform zu eng, an einer anderen zwickte es gar fürchterlich und die Hose schien auch nicht an Ort und Stelle zu verbleiben. Nur gut, dass ihre Jacke den provisorischen Gürtel verdeckte.

Sie hatte tatsächlich abgenommen, was nicht verwunderlich war, bei den spärlichen Mahlzeiten der letzten Tage. Ganz zu schweigen von der mehr als unangenehmen Aktion des gestrigen Tages. Und ihr Magen knurrte schon wieder. Elisha hatte ihrer Tochter heute Morgen zwar vorsorglich ein nährendes Frühstück gebracht, doch Alexa hatte es, kaum, dass ihre Mutter das Quartier wieder verlassen hatte, zur Seite geschoben.

Aber vielleicht wären ein paar Bissen doch nicht verkehrt, denn sie fühlte sich bei Leibe nicht wohl und für eine Gedenkzeremonie auch nicht gerade kräftig genug. Ein erneuter Zusammenbruch würde ihr gerade noch fehlen. Ihre Mutter wäre wohl mehr als wütend und würde sie wirklich für eine Woche oder länger in der Krankenstation behalten – wohl tatsächlich mit Wachen und zusätzlichen Fesseln- und die Predigt ihres Vaters würde noch bis nächsten Monat in ihren Ohren klingeln und was Sheppard sich einfallen ließe … ach dieser verfluchte Sheppard!

Beinahe wütend warf sie das Brot wieder auf den Teller und würgte den letzten Bissen mühevoll hinunter. So schnell konnte der Appetit verloren gehen. Sie kam aber nicht mehr dazu, sich weiter den Kopf über den Colonel zu zerbrechen, denn der Türsummer ertönte und sie wusste, es konnte nur ihr Bruder sein, der sie zur Zeremonie abholen würde.

~~~///~~~

Die Sonne schien und es war nicht besonders kalt auf dem Pier, auch wenn der Wind vereinzelt etwas schärfer blies und die helle Fahne von Atlantis kräftig wehen ließ.

Der General stand mit seiner Familie am Fußende des aufgebahrten Sarges, der mit der ebenfalls hellen Flagge des lantianischen Militärs bedeckt war. Zur rechten Seite stand eine Reihe der Soldaten, die sich freiwillig als Mahnwache gemeldet hatten in Hab-Acht Stellung, während die linke Seite von Zivilisten gesäumt war. Angefangen bei Woolsey, seinem Team und seiner Familie, während John selbst jedoch den Platz neben Alexa eingenommen hatte, was diese nur zähneknirschend zu billigen schien. Himmel war sie denn immer noch in dieser missmutigen Stimmung?

John konnte nicht lange darüber nachdenken, denn er konzentrierte sich auf den weiteren Ablauf der Zeremonie. Seine Aufgabe, bestand darin, darauf zu achten, dass das Zeremoniell auch genauestens befolgt wurde und etwaige Befehle zu erteilen. Darum hatte der General ihn kurz vor Beginn gebeten und John erfüllte ihm diese Bitte gerne. Als nächster ranghöchster Offizier der lantianischen Militärstreitmacht wäre es zwar Alexas Pflicht, als Befehlshaber des Ehrengeleits zu fungieren, doch Tristanius glaubte, dass seine Tochter wohl kaum in der Lage dazu sei. Vielleicht war auch dies der Grund für ihren Unmut.

So lauschte er den letzten Worten des Generals, der gerade über Marsilius berichtete. Es war nicht viel und doch konnte man an seiner Erzählung, seinen Worten und dem Inhalt erfahren, welche Person der Verstorbene zu Lebzeiten war und wie tief und innig die Freundschaft zwischen Marsilius und der Familie war.

John hatte sich nur kurz erlaubt, unauffällig zur Seite zu schielen. Während der General noch eine undurchdringliche und gefasste Miene zeigte, konnte man Elisha und Dorian die Trauer doch eher ansehen. Alexa zu betrachten war allerdings schwierig, da sie direkt neben ihm stand und dennoch war John sich sicher, Tränen in ihren Augen erblicken zu können, wenn er sich ihr nur gänzlich zuwenden würde.

Wie gerne würde er ihr ein Zeichen seines Mitgefühls, Verständnisses und Beistandes geben. Immer wieder verspürte er den Wunsch, ganz vorsichtig und unbemerkt ihre Hand zu ergreifen, zu drücken und zu halten. Doch wenn er sich an den gestrigen Moment im Büro erinnerte, würde das wohl zu weit gehen und wäre wohl zu viel für sie.

Tristanius beendete seine Rede und er gab nur ein kleines, kaum zu deutendes Nicken von sich, dass Elisha und Alexa auf den Plan rief.

John mochte ungern sagen, dass er sich darauf gefreut hätte, aber er war doch sehr neugierig auf den Part, der nun folgte.

Elisha und Alexa traten einen Schritt vor und nach einem kurzen Moment erklang Elishas kräftige und doch melodische Stimme zu einem lantianischen Trauergesang. Augenblicke später schloss sich auch Alexa an und sang dann teils im Wechsel, teils im Gleichklang mit ihrer Mutter.

John wusste, dass die Antiker keinen Götterglauben praktizierten und er konnte die Worte auch nicht wirklich verstehen, doch er spürte irgendwie, dass es eine Art Lob- und Bittgesang war. Er wusste nicht so recht, worum für den Verstorbenen gebeten wurde, geschweige denn, wer oder was um etwas gebeten wurde, aber er nahm an, dass es die Erleuchteten seien.

Vielleicht wurde die Person in ihrem Bestreben ein rechtschaffendes und friedliches Leben geführt zu haben, gelobt und darum gebeten, ihn im Kreise der Erleuchteten aufzunehmen und ihm das nächste Leben in Glück und Frieden zu gewähren.

Diese Anrufung der Erleuchteten gefiel ihm wesentlich besser, als die vereinzelten Flüche und Bitten, die er schon das eine oder Mal beim General und Elisha zu hören bekommen hatte.

Der Gesang verstummte und John ertappte sich selbst dabei, wie er erstaunt die beiden Frauen musterte, als sie wieder zurücktraten. Er hätte nicht gedacht, dass Elisha eine solch harmonische Stimme hatte und Alexa … auch sie hatte eine geradezu bezaubernde Stimme. Und doch hatte er so viel Schmerz und Trauer aus ihr hören können.

Ein weiteres kleines Nicken seitens des Generals und John wurde abermals gefordert.

„Achtung!“, bellte er den nächsten Befehl geradezu heraus und die Truppe nahm Haltung an.

Ein weiteres kleines Nicken seinerseits und Chuck, der sich bisher im Hintergrund hielt, startete eine Aufzeichnung eines lantianischen militärischen Trauerliedes. Sekunden vor dem ersten Klang folgte der nächste Befehl. „Salutiert!“

Der General, Alexa, John und auch das militärische Ehrengeleit salutierten, bis die Klänge der kurzen aber doch tiefgründigen Melodie verstummten.

~~~///~~~

Es war bereits Nachmittag.

Vor einigen Stunden hatte Tristanius das Büro betreten und saß seitdem mit Richard, John und Patrick in der Sitzgruppe und unterhielt sich mit den drei Männern. Doch entgegen den Befürchtungen der drei Erdenmänner verlief die Unterhaltung teilweise sogar recht lustig. Tristanius schien irgendwie dabei zu entspannen, die eine oder andere Geschichte aus seiner Vergangenheit und seiner Freundschaft mit Marsilius zu erzählen und Patrick, John und Richard lauschten nur zu gerne über die teils skurrilen Erlebnisse des außerirdischen Militärs.

Richard ließ irgendwann auch mal Fünf gerade sein und bot den Männern Cognac und Zigarren an. Während Tristanius recht schnell Geschmack an dem alkoholischen Getränk gefunden hatte, musste er sich an die Zigarre erst noch gewöhnen. Er verstand nicht so recht, wo der Nutzen oder der Genuss liegen sollte, Rauch mit allen möglichen schädlichen Stoffen einzuatmen. Woolsey musste einmal mehr erklären, dass Zigarren rauchen zwar als Drogenkonsum angesehen wurde, es aber im besonnenen Gebrauch nicht allzu gefährlich sei und so schien ihn das Rauchen auf merkwürdige Art und Weise irgendwie noch mehr zu beruhigen und zu entspannen.

„Auf Ihren Freund Marsilius“, ertönte Woolseys Stimme, als er sein Glas erhob und dem General leise zuprostete.

„Auf Marsilius“, stimme Tristanius zu und auch John und Patrick ließen sich nicht lange bitten.

Gemeinsam tranken sie einen Schluck des bereits zweiten Glases Cognac und auch die Zigarren schienen allmählich aufgeraucht zu sein. Doch Tristanius war in der letzten Stunde wieder ruhiger geworden und wirkte nun nachdenklich und in sich gekehrt. Richard, John und Patrick versuchten ihn immer wieder in weitere Gespräche zu verwickeln, erzählten selbst von Freunden und lustigen Begebenheiten ihres Lebens, doch Tristanius Gedanken schweiften immer wieder ab.

„Ich möchte noch einmal zur Akademie“, platzte es aus ihm und zog somit stutzende Blicke auf sich.

„Jetzt? Es dämmert bald“, meinte Richard, der sich gerade des Zigarrenstummels entledigte.

„Ich weiß, aber auf M4S-879 herrscht gerade strahlender Sonnenschein. Ich werde noch einmal dorthin gehen.“

„Äh … wie Sie wünschen. Aber es wäre eine Beruhigung für mich, wenn ein Team Sie begleiten würde. Es sind ohnehin noch einige Wissenschaftler und anderes Personal mit einigen … Aufpassern auf dem Planeten und die müssen abgelöst werden.“

„Soll mir recht sein. Ich werde meiner Frau Bescheid geben und bin in einer halben Stunde abreise bereit.“

Und damit bedankte sich Tristanius beim Colonel für seine Unterstützung und sein Engagement, die Zeremonie nach alter lantianischer Tradition ermöglicht zu haben, bedankte sich auch für die gesellige Runde, die Zigarre und den Cognac und verabschiedete sich und ließ die drei Erdenmänner alleine, während John das nächste Team informierte und in den Gateraum beorderte.

~~~///~~~

 M4S-879

Tristanius irrte, als er glaubte, der Anstieg fiele ihm leichter als beim ersten Mal. Er musste doch tatsächlich kurz aufkeuchen, als er an der Akademie ankam und erneut den Bau bewunderte. Auch die Wachen, die ihn begleiteten, schnauften und murrten, schwiegen aber sofort, als Tristanius Blick sie traf. Doch der General schmunzelte nur und murmelte etwas von Alter und Übung, was auch die Soldaten wieder lächeln ließ.

Mit den vier Männern betrat Tristanius die Akademie und traf sofort auf einige Wissenschaftler und Soldaten, die bereits auf ihre Ablöse warteten. Nachdem Tristanius mit den abgelösten Soldaten vereinbarte, sich in einer Stunde wieder am Gate zu melden, wandte er sich auch dem aktuellen Trupp zu.

„Warten Sie hier … ich wäre gerne einen Moment alleine.“

„Verstanden, Sir. Wir sind hier draußen, wenn etwas sein sollte.“

Tristanius nickte nur und machte sich auf den Weg zum Büro des Akademiekommandanten, oder zumindest dem, was davon noch übrig war. Die Tür ließ sich noch immer schwer öffnen, aber er schaffte es sich durch den kleinen Spalt zu zwängen und sah sich bedrückt um.

Der Raum war verwahrlost, verschmutzt und verdreckt und überwuchert von Pflanzen und Gestrüpp, dass sich über die Jahrtausende hinweg einen Weg in das Gebäude gekämpft hatte und doch … mit ein wenig Fantasie konnte er sich an den Raum erinnern und ihn sich vorstellen, wie er einst aussah.

Tristanius lächelte sogar etwas, als er glaubte, Marsilius an dem großen Schreibtisch sitzen zu sehen. Ja, er war ein guter Soldat, ein guter Adjutant und er war sich sicher, er war auch ein guter Kommandant und Ausbilder an der Akademie. Auch wenn es nur kurz gewesen sein mochte, aber Marsilius hatte Spuren hinterlassen.

Tristanius schlenderte um den Schreibtisch herum. Die Versuchung sich auf den Stuhl zu setzen, war groß, aber der Schmutz noch größer. Elisha würde ihm nie verzeihen, wenn er vollkommen verschmutz und verdreckt nach Hause kommen würde.

Wieder lächelte er, als seine Gedanken zu seiner Familie wanderten. Seine Elisha, seine geliebte Frau … seine Initia. Dorian, sein Sohn, sein Stolz und Alexa, seine Tochter, sein kleiner Schatz … seine zweite Initia.

Eine ganze Weile lehnte er sich auf die Kopfstütze des Stuhls, ließ seinen Blick weiter durch den Raum, hinaus auf den ehemaligen Exerzierplatz schweifen und verfiel in Gedanken. Gedanken über seinen Freund Marsilius und über seine Freunde, die er vor Tausenden von Jahren verloren hatte und von denen er sich nun, wie von Marsilius endgültig verabschiedet hatte. Er dachte an seine Zeit als Kadett, an seine Ausbildung zum Soldaten, an seine Ausbildung zum Agema. Er dachte an die Vergangenheit, dachte über die Gegenwart, über die Zukunft nach und beschloss, eine neue Zukunft zuzulassen.

Und die Zukunft hielt sich in diesem Gemäuer auf. Tristanius wusste genau, wo er zu suchen hatte. Marsilius hatte ihm während einem der ruhigen und unbeobachteten Gespräche das geheime Versteck mitgeteilt, doch Tristanius wusste nicht so recht, was er erwartete.

Er wandte sich zur rückwärtigen Wand und begann die schwere, verschmutze Ablage beiseitezuschieben. Er hoffte inständig, nicht allzu viel Lärm zu verursachen, denn er mochte den Soldaten, die möglicherweise nachsehen kämen, nicht zu erklären, was er gerade tat. Noch sollte es seine eigene Sache sein.

Die Wand war frei und Tristanius ließ langsam seine Hand über sie streichen, bis ein kurzes, kaum hörbares Piepsen erklang und sich ein kleiner viereckiger Teil von ihr dematerialisierte. Ein flackender Bildschirm kam zum Vorschein, der sich offenbar gerade erst einschaltete. Tristan wartete, bis das Flackern aufhörte und nun der Blick auf einen Touchscreen frei war.

Inständig hoffte er, dass sein alter Zugangscode noch Gültigkeit besaß, doch er verwarf diesen Gedanken recht schnell, denn er wusste, dass Marsilius dieses Geheimversteck eigens errichtete, um das zu verstecken, was für ihn hinterlassen wurde.

Der Bildschirm leuchtete in einem grellen grün auf, bevor er dann vollautomatisch zur Seite fuhr und den Blick in das Fach freigab.

Ehrfürchtig starrte Tristanius erst eine ganze Weile auf das etwas größere Bündel, bevor er ganz vorsichtig danach griff und es an sich nahm. Er verzichtete darauf, die umwickelten Tücher zu entfernen und packte das Bündel gleich behutsam in seinen Rucksack.

Das Fach schloss sich wieder und auch die Wand rematerialisierte sich. Die Ablage war auch im Nu wieder an ihrem Platz und es schien, als sei niemals jemand hier gewesen. Nach einem letzten fast traurigen Blick verließ Tristanius die Räumlichkeiten und machte sich an den Abstieg zum Gate.

~~~///~~~

Atlantis

Es war bereits früher Abend und es begann bereits zu dämmern, als Tristanius das Familienquartier betrat und auf seine geliebte Frau traf, die gerade den Tisch deckte und sich einen Kuss von ihrem Mann abholte.

„Da bist du ja. Schön, dass wir wieder zu einem gemeinsamen Abendessen kommen.“

„Die Kinder?“, fragte er neugierig nach.

„Sie haben schon gegessen. Dorian hat sich zurückgezogen und Alexa habe ich auch wieder ins Bett geschickt, sie braucht noch immer Ruhe. Sie hat sich heute während der Zeremonie gerade noch so halten können. Ich möchte nicht, dass sie noch mal zusammenbricht.“

Tristanius nickte nur und trat näher an den Tisch.

„Ich habe uns das restliche Essen warmgehalten und auf dich gewartet. Ich habe dir auch ein extragroßes Stück von dem Braten aufgehoben. Wir können sofort essen.“

„Ich habe auch etwas für dich“, sprach Tristanius leise und schob einen Teller beiseite, bevor er den Rucksack aufnahm und vorsichtig das Bündel herausnahm.

Als sei es zerbrechlich, so vorsichtig legte er es auf den Tisch und sah noch einmal zu seiner Frau, die nur neugierig zwischen ihm und dem Bündel hin und her sah.

„Was ist das?“

„Ich habe nachgedacht, Elisha und ich glaube … du hast recht. Das ist etwas, das wir gut gebrauchen können. Etwas, das wir wohl dringend gebrauchen können … Marsilius letzte Mission“, erklärte Tristanius mit brüchiger Stimme und begann dann den Inhalt aus den Tüchern zu wickeln.

Zum Vorschein kam ein gläsernes Behältnis, in dem einige papierene Seiten lagen und ein dickes in Leder gebundenes Buch.

Elisha nahm die gläsernen Behälter und besah sie sich genauer. Ihre Stirn in Falten gelegt begann sie im Unglauben den Kopf zu schütteln und klappte vorsichtig die ersten Seiten des Buches auf. Sie erkannte zunächst nur die Handschrift von Marsilius, doch dann traf sie die endgültige Erkenntnis. Ihr entwich ein mehr als erstaunter Laut der Ehrfurcht.

„Die alte Schrift!“

~~~///~~~

Egal, was sie anstellte, an Ruhe und Schlaf war nicht zu denken.

Immer wieder wälzte sie sich in ihrem Bett umher, rückte und zerrte an Kissen und Decken, nur, um dann doch über die Unbequemlichkeit zu schimpfen. Sie vermisste es, in der warmen und behaglichen Umarmung ihres Darius zu liegen, von seinen starken Armen geschützt und gehalten zu werden, seinem Herzschlag zu lauschen und seinem männlichem Duft zu riechen, während ihr Kopf auf seiner Brust ruhte.

Aber je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr fragte sie sich, ob es nur sein äußeres Erscheinungsbild war, das sie so fasziniert hatte und anzog. Zugegeben, starke muskulöse Männer schienen einen gewissen Reiz auf sie auszuüben und doch wusste sie, dass es das Gesamtpaket war, das zählte und das sie vermisste. Charme, Humor, Verstand und Herz. All das hatte Darius besessen und er war bis auf die letzten Geschehnisse immer gut zu ihr gewesen und hatte sie mit seiner Liebe und Fürsorge überhäuft.

Also war es nun wirklich Darius Präsenz, die sie vermisste, oder vielmehr das Gefühl, überhaupt wieder die Nähe und Umarmung eines starken, charmanten, liebevollen Mannes zu spüren? Seine Wärme zu spüren, den männlich herben Duft seines Rasierwasser zu riechen, einer tiefen Stimme zu lauschen, seine Hände auf ihrer Haut zu spüren und seine Lippen, die zärtlich …

Alexa stöhnte auf, schlug wütend die Decke zurück und sprang aus dem Bett. Was war nur los mit ihr? Wieso konnte sie Darius nicht vergessen und wieso war sie auf einmal so … wieso spürte sie auf einmal ein solch starkes Verlangen, wieder die in der Gegenwart und Nähe eines Mannes zu sein, zu dem sie sich auch hingezogen fühlte? Wieso sehnte sie sich nach dem Schutz, der Geborgenheit und der Fürsorge eines Mannes?

Nein, dem hatte sie abgeschworen. Niemals wieder würde sie die Nähe eines anderen Mannes zulassen. Niemals würde in ihrem Herzen Platz für einen anderen Mann sein.

Wieder spürte sie Schwindel und Übelkeit in ihr aufkommen und sie taumelte ins Badezimmer. Unschlüssig stand sie dort, atmete gegen ihr Unwohlsein und versuchte an etwas Angenehmes zu denken. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder etwas erholt hatte.

Alexa warf sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht und betrachtete sich im Spiegel. Zugegeben, die Müdigkeit und Erschöpfung waren ihr deutlich anzusehen und sie konnte auch selbst erkennen, wie sehr sie abgenommen hatte. Die Blässe stand ihr auch nicht besonders gut. Irgendetwas war ganz und gar nicht mit ihr in Ordnung und es lag bestimmt nicht an den Geschehnissen und dem Stress der vergangenen Tage.

Nein, irgendetwas geschah mit ihr. Sie spürte förmlich, wie etwas in ihr rumorte und arbeitete. Aber sie konnte einfach nicht ergründen, was es war.

Alexa schlenderte wieder aus dem Badezimmer, gestattete sich einen Blick aus dem Fenster und konnte eine Person am äußeren Rand der Stadt ausmachen. Nachdem sie einen Blick durch ihr kleines Fernglas riskierte, wusste sie, wer der Mann dort war. Alexa machte kurzen Prozess, warf sich die Jacke über und verließ ihr Quartier.

Sie bog gerade um eine Ecke und lief noch einige Schritte, als sie eine starke Präsenz ausmachen konnte. Doch erst als sie sich dem Seitengang zuwandte, erkannte sie Colonel Sheppard, der offenbar ebenfalls den Transporter ansteuern wollte.

Mehr als zehn Meter Raum war zwischen ihnen und doch spürte Alexa seine Anwesenheit so klar und deutlich, als stünde er direkt neben ihr oder als sei er ihr gar noch näher …

John war nur kurz überrascht, sie hier anzutreffen und er konnte erkennen, dass auch Alexa ihm zunächst einen verwunderten Blick zuwarf, bevor sie ihren Blick wieder senkte und eilig davon huschte.

„Alexa!“, rief John ihr noch hinterher, aber sie war bereits in den Transporter getreten, wich seinem Blick aus, während die Türen sich schlossen und sie in einem grellen Licht wegtransportiert wurde.

„Was ist nur los mit dir?“, fragte John leise fluchend und betrat dann selbst den Transporter. Nur kurz überlegte er, auch wirklich sein ursprüngliches Ziel anzuwählen, doch jedes Mal wenn er den Touchscreen betrachtete, glaubte er zu wissen, wohin Alexa sich transportieren ließ. Kurz entschlossen tippte er sein nächstes Ziel an.

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Schon eine ganze Weile stand Tristanius am Pier, blickte hinaus auf den Ozean und beobachtete den Horizont, der sich bereit machte, die untergehende Sonne förmlich zu verschlucken.

In seinen Gedanken herrschte noch immer Chaos, auch wenn er glaubte, nur ganz langsam und krampfhaft eine gewisse Ordnung schaffen zu können. Vieles hatte er sich vorgenommen und davon war einiges mehr als dringend und anderes … würde er in ein paar Tagen wieder vergessen oder ignoriert haben.

In seinem Herzen herrschten noch immer Trauer und Schwermut, wenn er nur an die Vergangenheit und seine Freunde dachte. Besonders der Gedanke an Marsilius und Darius setzten ihm zu. Er wusste nicht, wie die Zukunft aussah und was sie ihm bringen würde, aber er vermutete, dass es nicht besonders gut um sie, geschweige denn um seine Familie stand, wenn er nicht bald handeln würde. Und gerade damit tat er sich so unglaublich schwer. Dabei wusste er selbst noch nicht einmal genau, warum. Darüber nachzudenken, würde ihn jedoch nicht weiterbringen. Aber der Gedanke und die Gewissheit Marsilius und sein Erbe zu wahren und weiterzugeben, gaben ihm zumindest einen kleinen Trost.

Ja, es war vielleicht wirklich angebracht, alsbald das Geheimnis zu lüften und den entsprechenden Personen ihr Schicksal zu offenbaren.

Tristanius wurde durch nahende Schritte aus seinen Gedanken gerissen, und als er sich umdrehte, sah er seine Tochter, die sich mit unsicheren Schritten näherte.

„Hat deine Mutter dir nicht befohlen, dich auszuruhen und ein wenig zu schlafen?“, fragte er mit sorgender Stimme.

„Ich kann irgendwie keine Ruhe finden und schlafen kann ich auch nicht. Es ist noch viel zu früh am Abend und ich … ich kann einfach nicht schlafen … sie fehlen mir … er fehlt mir“, erwiderte Alexa leise und schlang ihre Jacke und auch ihre Arme enger um sich.

Tristanius lächelte nur verständnisvoll, während seine Hand zu ihrem Gesicht glitt und sein Daumen zärtlich über Wange streichelte, um eine einzelne Träne wegzuwischen. Dann zog er sie näher zu sich, küsste ihre Stirn und schlang seine schützenden Arme um sie, um gemeinsam mit ihr den Sonnenuntergang zu beobachten, unwissend, dass John Sheppard sie aus einiger Entfernung gedankenverloren beobachtete.

The End

Shahar Jones

Meine erste Fanfic schrieb ich über Stargate Atlantis.
Mittlerweile mixe ich meine Storys auch gerne mal mit anderen Fandoms, wie dem Sentinel. Aber im Großen und Ganzen hänge ich immer noch in der Pegasus-Galaxie rum. Allerdings liebe ich es auch, die Leute zu überraschen ;)

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