SGA/ALEXA: Convergence – Teil 2

Mit Ach und Krach hatte das Team, als auch Carol, Patrick und Dave, John dazu bringen können, sich nochmals auf die Krankenstation zu begeben und sich untersuchen zu lassen. Der Hieb, den er in den Magen bekommen hatte, bereitete ihm noch jetzt große Schmerzen und auch wenn John alles tat, um sich nichts anmerken zu lassen, musste er sich doch selbst eingestehen, sich wohl nicht lange auf den Beinen halten zu können.

Über die Sorge seiner Familie musste er jedoch schlucken. Er wusste, dass er gegen seinen Vater, seine Mutter und auch gegen seinen Bruder kaum ankommen würde. Vor allem wenn sein Team sie dabei unterstützte. Immerhin hatten sie direkt mitbekommen, was sich in den letzten Stunden abgespielt hatte und wie ernst es um ihn noch vor einer knappen Stunde gestanden hatte.

Selbst er wunderte sich darüber, dass sie ihn relativ frei agieren ließen und nicht darauf bestanden, dass er zumindest bis zum nächsten Morgen zur Beobachtung auf der Krankenstation bleiben sollte. Daher vermutete John, dass es wohl eher noch einem Schock zuzurechnen wäre. Es würde nicht lange dauern, bis dieser nachlassen und die Realität auf sie niederschlagen würde. Er wusste auch, dass die vorherigen Geschehnisse garantiert noch zur Sprache kommen würden, doch inständig hoffte John, dass es nicht wieder zu Streitereien kommen würde.

Die Untersuchung war abgeschlossen, der Scan beendet. Es konnten keine Schäden oder Verletzungen gefunden werden.

Elisha hatte darauf bestanden, die Untersuchung persönlich vorzunehmen. Offenbar glaubte sie, dadurch ihr schlechtes Gewissen und ihre Schuldgefühle beruhigen zu können und John versuchte daraufhin alles, sie davon zu überzeugen, dass weder sie noch Dorian Schuld an den Geschehnissen hatten und dass er niemandem nachtragend sei.

Doch es war auch der General, vor allem sein Verhalten, das Elisha zu schaffen machte. Und auch da versuchte John alles, um sie zu beruhigen, doch er merkte, dass es ihm nicht gut gelang. Er konnte verstehen, wie der General sich fühlen musste, er konnte auch verstehen, dass dieses Unverständnis, die vielen Veränderungen und Geschehnisse, die durch die lange Abwesenheit in Stase entstanden sind, wohl unbewusst zu einer Art Unglaube und zu einer ungewollten Wut führen konnten. Zu gut erinnerte er sich an sein eigenes Erlebnis, als er vor einiger Zeit mehrere Tausend Jahre in die Zukunft geschickt wurde. Atlantis war verlassen, seine Freunde und Bekannte waren schon seit Jahrtausenden tot, die Dinge hatten sich zur schlechtesten aller Möglichkeiten gewandelt. All das hatte ihm McKays Hologramm erzählt und daraufhin fühlte er sich hilflos, wütend und alleine. Den Antikern ging es im Grunde genauso. Doch John konnte damals wieder in seine eigene Zeit zurückzukehren. Die Familie Thalis allerdings war nun hier schon regelrecht gestrandet. Es würde eine ganze Zeit dauern, bis sie sich damit abgefunden hätten und ihre Situation akzeptieren würden. Ganz besonders der General.

„Machen Sie sich keine Gedanken, das wird schon wieder. Das mit Dorian sah im ersten Moment wirklich etwas grob aus, aber … er wird es schon noch verstehen, dass so gehandelt werden musste. Geben Sie ihm noch etwas Zeit. Er wird sich schon wieder beruhigen.“

„Schon, aber … für einen Moment hatte ich wirklich geglaubt, dass er …“

„Mich angreift? Für einen Moment habe ich das auch gedacht, aber ich denke nicht, dass er so etwas wirklich tun würde. Im Grunde weiß er, dass wir Ihnen nur helfen wollen. Seine Wut wird vergehen.“

„Ich hoffe es. Aber, es ist nicht nur mein Mann, der mir so … Dorian ist krank und Alexa … ich habe noch nie erlebt, das sie vor ihrem eigenen Vater davon läuft. Ich weiß nicht, was mit ihr ist oder wo sie sein könnte.“

„Sie ist nicht hier? Ich dachte, der General wäre ihr hinterher.“

„Ich weiß es nicht. Es gab noch nie einen Grund für unsere Kinder, Angst vor ihrem Vater zu haben. Aber jetzt …“

„Ich glaube nicht, dass es Angst ist. Vielleicht, weil sie ihren Bruder hatte spüren können. Kurz bevor Ihr Mann zu uns kam, hat sie hat was von Wut, Hass und Schmerzen gesagt und das es zu viel wäre. Ich glaube, dass sie deswegen weggerannt ist. Keine Sorge, ich finde sie schon“, erklärte John und hüpfte von der Liege, nachdem Elisha ihm noch schnell eine kleine Dosis des Serums, das sonst für Alexas Attacken gedacht war, gab. Augenblicke später spürte er auch schon, wie der anhaltende Schmerz in seinem Bauch allmählich nachließ.

John löste die Belagerung der Krankenstation durch sein Team und seine Familie auf, teilte Ronon, Teyla und McKay ebenfalls in die Suche nach ihr ein und bat seine Mutter dabei ebenfalls um Hilfe.

Patrick und Dave hingegen sprachen davon, sich etwas die Beine zu vertreten und später in der Cafeteria zu sein.

Unterwegs klärte John seine Mutter über die emphatischen Fähigkeiten der jungen Frau auf und, obwohl Carol diesbezüglich keinerlei Erfahrung hatte, musste sie seiner Theorie, dass sie möglicherweise mit dieser Fähigkeit überfordert sei, zustimmen.

„John, so etwas … ich habe zwar schon mit sehr sensiblen und sehr empfindsamen Patienten gearbeitet und vor allem muss ich selbst auch gewisse Fähigkeiten haben, um mich genügend in einen Patienten hinein zu versetzen, damit ich ihm helfen kann, aber … so wie du das schilderst … ich weiß nicht, ob ich ihr da wirklich helfen kann“, brachte Carol zweifelnd hervor.

„Mom, ich glaube, im Grunde kann ihr wirklich niemand richtig helfen. Aber du bist im Moment die einzige, die zumindest annähernd Ahnung von so was hat und diesem Wingers traue ich nicht so recht. Er ist irgendwie…er ist mir nicht ganz geheuer. Außerdem hast du immer noch mehr Berufserfahrung als er.“

„Du bist wirklich ein unmöglicher Charmebolzen, John“, lächelte Carol kopfschüttelnd.„Na schön. Aber ich werde erst mit ihr sprechen und sie auch beobachten müssen, bevor wir irgendwelche Schritte machen können.“

„Soll mir recht sein. Wir müssen sie ohnehin erst mal finden.“

„Hast du denn eine Ahnung, wo sie sein könnte?“

„Vielleicht in der Trainingshalle. Letztens hat sie sich da auch ganz schön abreagieren müssen“, antwortete John und betrat mit seiner Mutter im gleichen Moment selbigen Raum, in dem einige Soldaten mit Nahkampftraining beschäftigt waren.

Aber auch diese konnten ihm nicht weiterhelfen. Niemand hatte den Commander gesehen.

„Vielleicht hat sie sich in ihr Quartier zurückgezogen“, vermutete Carol.

„Werden wir gleich sehen“, meinte John und begab sich im Eiltempo zu den Transportern. Mit Mühe konnte Carol ihm folgen, während sie immer wieder unbemerkt zu ihm sah und seine wachsende Besorgnis registrierte.

John betätigte zum zweiten Mal den Türsummer und wieder bekam er weder eine Antwort, noch wurde ihm geöffnet.

In seiner Sorge, die offenbar immer größer wurde, nahm er die Verkleidung der Kristalle ab und überbrückte den Öffnungsmechanismus.

„Alexa?“

John stürmte beinahe in das Quartier, sah sich um, konnte sie jedoch nirgends ausmachen. Carol hatte sich derweil zum Badezimmer begeben, aber auch dort war niemand.

„Hier ist sie auch nicht. Vielleicht hat sie die Stadt verlassen“, spekulierte sie weiter.

„Nein. Das würde sie nicht tun, ohne vorher Bescheid …“ John stoppte. Ein merkwürdiges Gefühl machte sich in ihm breit. Er wusste zunächst nicht, ob es in seinem Kopf war, oder noch tiefer in seinem Inneren entstand, er konnte es noch nicht einmal genau beschreiben. Und es war auch nicht das erste Mal, dass er es verspürte, doch anstatt weiter darauf einzugehen, tat er es als Einbildung ab.

„John? Was ist denn?“

Für einen Moment glaubte er zu wissen, wo sie sein könnte. „Nichts. Ich glaube ich weiß, wo sie ist.“

-Von wegen, `da ist nichts zwischen uns!´ Das denkst du vielleicht mein Lieber, aber ich glaube da ist mehr zwischen euch, als du selbst für möglich hältst!-,dachte Carol, als sie erneut ihrem Sohn folgte.

Woolseys Büro

Richard hatte in Grunde noch niemals Probleme gehabt, Berichte für den wöchentlichen Transfer zur Erde fertigzumachen. Eigentlich hatte er damit auch nicht viel zu tun. Die Berichte, ganz besonders die Einsatzberichte der Außenteams durchlesen und zusammenfassen, ebenso auch die weiteren seines Führungstabes, der verschiedenen Wissenschafts- und Arbeitsbereiche und auch die Berichte über den aktuellen Status der Stadt. Zu guter Letzt noch seinen eigenen Bericht erstellen, der auch über die momentanen Geschehnisse und die politische Lage in der Pegasus-Galaxie informieren soll.

Doch wenn einige Unterlagen fehlten, ganz besonders die seines militärischen Leiters, erschwerte es seine Arbeit enorm. Der Expeditionsleiter stöhnte verwundert auf. Er wusste, das Colonel Sheppard es nicht allzu genau mit Vorschriften und auch nicht mit den Berichten nahm, doch bisher lagen diese, auch wenn sie meist den Eindruck machten, dass sie ihm eher locker von der Hand glitten, immer pünktlich auf dem Tisch.

Nur diesmal nicht.

Zum wiederholten Male wühlte er sich durch den Papierstapel und schließlich auch durch sein Email Postfach. Doch auch dort war kein einziges Schriftstück des Colonels über die gestrige Befreiungsaktion für die junge Antikerin zu finden. Dabei kannte er seinen Militärkommandanten mittlerweile gut genug um zu wissen, dass dieses spätestens heute Morgen fertig gewesen sei.

Gerade als er mit Sheppard Kontakt aufnehmen wollte, alleine schon um zu erfahren, wie es ihm ginge, da Doktor Beckett ihm gerade mal vor etwas mehr als einer halben Stunde mitteilte, dass John schon wieder halbwegs diensttauglich sei, sah er einen äußerst aufgebrachten Antiker General schnellen und entschlossenen Schrittes die letzten Stufen der großen Treppe hinaufsteigen und Kurs auf das Büro nehmen.

Richards Gedankengänge setzten für einen Moment aus. Doch er wurde sich sehr schnell bewusst, dass es wohl nichts Gutes zu bedeuten hatte und das irgendetwas vorgefallen sein musste.

Immerhin kannte er die bisherigen Antiker als äußerst beherrscht, teilweise schon als zurückhaltend, sodass ihm nun in den Sinn kam, dass dieses außerirdische Volk doch genauso menschlich wirkte, wie jedes andere auch, womöglich sogar mehr als es selbst glaubte.

Richard schluckte und machte sich innerlich auf das gefasst, was nun auf ihn zukommen möge.

„Bisher war ich bereit anzunehmen, dass die Menschen von der Erde vielleicht doch ein wenig zivilisierter sind als die, die ich bisher kenne. Aber offensichtlich habe ich mich getäuscht.“

Überrascht von der Erregung des Mannes und der Lautstärke sowie die Härte seiner Worte, blieben Woolseys eigene Worte im Halse stecken.

„Ihr Colonel Sheppard beweist es mir mit seinem Verhalten, dass mir von Anfang an missfallen hat. Er lässt den Respekt gegenüber einem Höherrangigen vermissen. Oder handhaben Sie auf der Erde oder hier das militärische Protokoll anders? Ich erwarte mehr Disziplin von einem kommandierenden Offizier! Mit seinem barbarischen Verhalten gegenüber meinem Sohn hat er den Bogen eindeutig überspannt. Mein Sohn ist kein wildes Tier, das man fesseln muss und schon gar kein aggressiver Primitiver. Das mag für Ihr Volk zutreffen, nicht aber für meines. Dorian hat sich in der Gewalt. Er wird niemandem schaden, dessen bin ich mir sicher.
Außerdem ist meine Frau eine erfahrene Medizinerin. Ich erwarte, dass Sie ihr die Behandlung alleine überlassen. Ihr medizinisches Personal hat sich nicht einzumischen.“

„General Thalis, bitte, ich weiß zwar nicht, was oder … wer genau für Ihre Aufregung verantwortlich ist, aber wenn Sie sich beruhigen würden …“

Richard kam mit seinem Versuch den aufgebrachten Mann zu beschwichtigen nicht sehr weit. Im Gegenteil, es schien sogar, als ob er noch lange nicht fertig sei.
„Ich hoffe, ich habe mich diesbezüglich klar ausgedrückt. Und um noch einmal auf Colonel Sheppard zurück zu kommen … sein Verhalten ist und bleibt absolut inakzeptabel. Nie zuvor hat es jemand gewagt, sich mir gegenüber so zu äußern, so lange er mein Untergebener war … selbst wenn ich ihn als guten Freund betrachtet habe, oder beinahe als einen Bruder wie meinen Adjutanten. Mich wundert, dass er es mit dieser Charakterschwäche so weit gebracht hat“, entfuhr es Tristanius. Dann aber hielt er inne und seine Augen wurden schmal. „Oder aber hat man ihn absichtlich so weit außerhalb der strengen militärischen Struktur postiert, damit er keinen Ärger machen kann? Hat man dabei nicht bedacht, was für ein Ort das ist?“

Beinahe spottend lachte er auf. „Das zeugt doch von Ihrer ausgeprägten Schwäche und dem Unvermögen Ihrer Spezies, weitreichend genug zu denken.“
Der Expeditionsleiter merkte, dass sein Geduldsfaden gerade arg strapaziert wurde.

Irgendetwas Gravierendes musste vorgefallen sein, was den General dermaßen aufregte und in seinem ersten Eindruck und seiner eher geringwertigen Einschätzung über die Menschen bestätigte. Es wunderte ihn zwar einerseits, dass sich seine Beschwerde ganz besonders auf den Colonel bezog, aber Richard kannte Sheppard mittlerweile selbst gut genug, um zu wissen, dass er gerne mal eigenmächtig handelte und auch des Öfteren eine fünf gerade erscheinen ließ. Doch er glaubte nicht einen Moment daran, dass sein militärischer Kommandant sich so dermaßen im Ton vergreifen oder gar ein solch inakzeptables Verhalten an den Tag legen würde, wie der General es schilderte. Egal ob es einen Grund dafür gäbe oder nicht. Und schon gar nicht würde er sich Gästen und potenziellen Verbündeten gegenüber so geben.

Doch Richard allerdings merkte erneut, dass es im Moment kaum möglich war, den Mann nochmals unterbrechen und beruhigen zu wollen.

Wieder atmete er tief durch und ließ den General sich weiter äußern, auch wenn Woolsey zu gerne selbst die Stimme erheben mochte. Er konnte die Aufregung und die Erbostheit zwar irgendwie verstehen, auch wenn er den wahren Grund nicht kannte, doch seine Äußerungen nahmen allmählich eine durchaus arrogante und fast schon beleidigende Form an.

„Ich bezweifle, dass es gut ist, wenn Sie noch länger auf Atlantis sind. Vielleicht haben Sie einen Bruchteil unseres Wissens entschlüsseln können und glauben, die Stadt zu beherrschen. Vielleicht haben Sie auch schon mehrfach diese Wraith in Schach gehalten und diese Maschinenwesen … diese Replikatoren besiegt. Vielleicht haben Sie auch meine Frau und meine Tochter beeinflussen können, weil sie viel emotionaler reagieren – aber damit ist jetzt Schluss. Ich werde das nicht weiter dulden. Ich weiß jetzt, dass Sie kaum dazu befähigt sind, auf längere Sicht über die Stadt zu wachen, sondern auf Dauer nur dafür sorgen werden, dass Atlantis dem Untergang geweiht sein wird. Mit solchen Individuen wie Sheppard oder diesem Ronon Dex werden Sie nur noch mehr Ärger auf sich ziehen und damit sowohl das Erbe meines Volkes, als auch meine Familie in Gefahr bringen. Deshalb stelle ich ihnen ein Ultimatum von drei Tagen, die Stadt zu verlassen“, brachte Tristanius hervor und begab sich an die Seitenwand neben den Eingang des Büros.

Doch wenn er glaubte, dass sich auf seinen stummen Befehl hin, das kleine Kontrollpaneel aus der Wand materialisierte und ihm somit Zugang zum Hauptcomputer ermöglichen würde, wurde er enttäuscht.

Tristanius sah zunächst verwirrt zu der beinahe nackten Wand und drehte sich dann mit wütend funkelnden Augen um.

„Was soll das? Was ist hier los? Was ist mit der Kontrolleinheit passiert, die hier installiert war?“

Richard verstand zunächst nicht, worauf er hinaus wollte.

„Was für eine Kontrolleinheit? Hier war noch nie eine Kontrolleinheit. Jedenfalls weiß ich bis jetzt nichts davon.“

Wieder schienen wütende Blitze regelrecht aus seinen Augen zu schießen, als Tristanius nicht weiter darauf einging und sich stattdessen daran machte, das Büro zu verlassen.

Im selben Augenblick ahnte Woolsey jedoch, was der General vorhaben könnte.

„Das Paneel im Gateraum vor dem Sternentor wird auch nicht mehr auf Sie reagieren können“, rief er ihm hinterher und stellte erleichtert fest, dass der General abrupt im Türrahmen stehen blieb. „Es existiert nicht mehr.“

Es dauerte einige Momente bis Tristanius sich umdrehte und glaubte, sein Gegenüber genügend einschätzen zu können. Er konnte sehen, dass Richard Woolsey anfangs wirklich nichts von der Kontrolleinheit im Büro wusste und dass dieser nun ahnte, was er vorhatte.

Doch diesmal war es der Expeditionsleiter, der den General nicht mehr zu Wort kommen ließ.

„Ich muss leider gestehen, dass in den vergangen sechs Jahren der Torraum, sowie die Kommandozentrale, als auch das Büro zweimal fast gänzlich zerstört wurden. Mir ist bewusst, dass Sie diese Geschehnisse wahrscheinlich unserem Unvermögen und barbarischen Verhalten zuschreiben werden. Doch bevor Sie weitere Schritte einleiten und Ihr Anliegen bereits vorgebracht haben, geben Sie mir nun die Möglichkeit, mich, diese Menschen hier und auch die vergangenen Ereignisse zu erklären und zu rechtfertigen. Sie werden mir sicher zustimmen, dass es nicht gerade von zivilisiertem Verhalten zeugt, mir dies zu verwehren. Im Gegenteil, es wäre doch nur gerecht, wenn auch die andere Seite zu Wort käme, nicht wahr?“

Herausfordernd sah Richard seinem Gegenüber in die Augen und erkannte, dass sein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl, oder wie er selbst solche Situationen gerne bezeichnete, eine Retourkutsche, Wirkung zu zeigen schien.

Der General schwieg, seine Kiefer mahlten und sein Blick war nun kaum noch richtig zu deuten.

„Bitte …“, fuhr Richard fort und deutete auf einen Sessel in seinem Büro. Erleichtert stelle er fest, dass der General nach kurzer Bedenkzeit zwar widerwillig, aber dennoch zu Gesprächen bereit, im Sessel Platz nahm.

„Ich werde Sie anhören, aber Ihnen sollte klar sein, dass es für mich noch weitere Möglichkeiten gibt, die Stadt unter meine Kontrolle zu bringen. Sie zögern das Unvermeidliche nur hinaus und werden mich auch kaum daran hindern können.“

„Das bezweifle ich keinen Moment, General. Doch bevor Sie wieder die Kontrolle übernehmen, würde ich gerne genauer erfahren, was der Grund für Ihren Ärger und Ihre Empörung ist. Ich bin sicher, dass wir gemeinsam eine Lösung finden können, dies aus der Welt zu räumen.“

Wieder dachte Tristanius kurz nach und begann dann mit einer eher sachlichen Beschreibung der vorherigen Geschehnisse, die im und vor dem Isolationsraum stattgefunden hatten. Richard hörte ihm aufmerksam zu, unterbrach ihn auch nicht mit Fragen oder irgendwelchen Einwänden. Dabei wurde ihm allmählich klar, dass sich seine Wut und Verärgerung nicht ausschließlich nur auf den Colonel und dessen Handlung und Wortwahl bezog. Es war vielmehr ein Zusammenspiel aller Ereignisse, Begebenheiten und Äußerungen, der letzten zwei Tage. Vermutlich sogar noch der vor dreizehntausend Jahren, die ihm zu schaffen machten.

Richard war kein Psychologe. Doch er glaubte, dass die Aufregung, die Sorge und das irrationale Verhalten des Generals eher pure Verzweiflung war und schon einer Art Hilfeschrei glich. Er wusste nur einen Bruchteil dessen, was in all dieser Zeit geschehen war, welche Veränderungen stattfanden, wie die jetzige Situation für ihn und seine Familie aussah. Doch es reichte nicht aus und vor allem, wusste er einfach nicht damit umzugehen. Er hatte seine Prinzipien, ein starkes Selbstbewusstsein und großen Stolz, der es ihm schon fast verbot, um Hilfe zu bitten oder sie anzunehmen.

Was allerdings noch schlimmer war, war die Tatsache, dass es im Moment mit ruhigen Gesprächen und Erzählungen und Aufklärungen über die jetzigen Begebenheiten nur schwer ein rankommen an den Mann gab.

„Ich kann Ihre Erregung verstehen, dessen können Sie sicher sein. Doch ich möchte natürlich auch gerne Colonel Sheppards Darstellung zu diesem Zwischenfall hören. Außerdem sollten Sie wissen, dass wir den Isolationsraum und auch den Eingangsbereich zu diesem, per Video überwachen. Ich werde natürlich auch diese Aufnahmen sichten. Erst dann kann ich über eine mögliche Maßregelung entscheiden.“

„Ich bitte darum“, entgegnete Tristanius und schien sich sichtlich beruhigt zu haben.

Er erkannte, dass sein Gesprächspartner ihn und sein Anliegen äußerst ernst zu nehmen schien und eine enorme Bereitschaft zur Klärung und Bereinigung der Angelegenheit zeigte. Ebenso gewann Tristanius den Eindruck, dass er einem sehr erfahrenen Diplomaten mit einem äußerst analytischen und scharfen Verstand gegenübersaß, der ebenfalls große Stücke auf ein klares Reglement und korrekte Führung hielt.

„Ich denke, wir sollten diesen unangenehmen Zwischenfall erst einmal klären und uns dann in Ruhe weiter über das gemeinsame Vorgehen unterhalten. Nach wie vor bin ich davon überzeugt, einen Konsens finden zu können, der sowohl Atlantis, als auch Ihnen, eigentlich uns allen entgegen kommen kann.“

Tristanius benötige wieder nur wenige Augenblicke um sein Gegenüber zu studieren und befand schließlich den Vorschlag und die Argumente durchaus zufriedenstellend.

Jumperbucht, zur gleichen Zeit

„Du meine Güte, was ist denn hier passiert?!“, entfuhr es Carol, als sie das Chaos in der kleinen Werkstatt sah, in dem noch Stunden zuvor eine beinahe kalte und kahl wirkende Ordnung herrschte.

Jetzt lagen Werkzeuge und Boxen kreuz und quer verstreut auf dem Boden, Wandverkleidungen waren abgerissen oder hingen teilweise noch an ihren Halterungen herunter, Regale und Tische waren umgeworfen und verbeult worden und sogar der antikische Kampfjet schien einiges abbekommen zu haben. Das vordere Fahrgestell war weggebrochen, dadurch musste er mit der sogenannten Nase derart hart auf dem Boden aufgeschlagen sein, dass die Hülle verbeult und eingedrückt wurde. Ein Flügel war ebenfalls beschädigt und beinahe gänzlich abgebrochen.

John sah sich nicht minder geschockt über das Durcheinander um, doch es war seine Mutter, die an der hintersten Ecke eine Person ausmachen konnte. „John…“

Er folgte ihrem Blick und erkannte Alexa, wie sie mit angezogenen Knien auf dem Boden, gegen eine Wand gelehnt saß.

„Alexa!“

John näherte sich ihr im Laufschritt,

„Alexa … was ist hier passiert? Was ist los?“, fragte er, als er sich zu ihr hinunter beugte, doch er bekam keine Antwort.

Vollkommen regungslos saß sie vor ihm, starrte vor sich hin und reagierte auf keinerlei äußere Einflüsse. Keine Bewegung, kein Ton, einzig ihr ruhiger Atem konnte wahrgenommen werden.

John ließ seinen Blick über sie gleiten und musste feststellen, dass der Verband an ihrem Arm blutdurchtränkt war. Er wusste, dass ihre Verletzungen zwar extrem schnell heilten und in diesem relativ kurzen Zeitraum dürfte auch die Wunde keinerlei Probleme mehr bereiten, doch irgendetwas musste geschehen sein, was die Wunde aufriss. Allmählich machte sich ein Verdacht in John breit.

Besorgt über ihr Schweigen, vor allem aber über ihre momentane Verfassung, in der sie sich scheinbar befand, informierte er zunächst die Krankenstation und bat Elisha zu kommen.

„Alexa? Alexa, haben Sie dieses Chaos hier angerichtet?“

Noch immer antwortete sie nicht.

„Sie ist ja regelrecht erstarrt … beinahe wie ein Schock“, stellte Carol verwundert fest und beobachtete weiterhin die junge Frau genau. „War das schon mal so? War sie schon mal in einem solchen Zustand?“

„Nein. Ich habe sie noch nie so gesehen.“

„Habt Ihr hier einem Erste-Hilfe-Koffer oder so was?“, wollte sie wissen.

„Im Experimentaljumper müsste noch einer sein. Hinter dem Pilotensitz an der Wand“, antwortete John und begann den Verband an Alexas Arm zu lösen.

Es dauerte nur wenige Momente bis Carol wieder kam und gleich darauf erreichte auch Elisha durch einen bisher unentdeckten Transporter die kleine Werkstatt.

„Alexa? Alexa … du meine Güte, was … was ist denn passiert?“

„Wir haben sie hier so vorgefunden. Ich glaube, sie hat hier alles auseinandergenommen und jetzt … Sie reagiert überhaupt nicht. Auf nichts“, erklärte John, und überließ Elisha das weitere Verbinden der Wunde. Nochmals versuchte er, Alexa zu erreichen. „Commander … Commander Thalis …“

Elisha begann ihre Tochter zu untersuchen, doch abgesehen von ihrer Schussverletzung, konnte sie sonst keinerlei Verletzungen ausmachen. „Alexa … Alexa, Schatz … was ist denn los mit dir? Sag doch was!“ Doch auch Elisha hatte keinen Erfolg, ihre Tochter aus der Starre zu reißen.

„Apathie …“, kam es wispernd von Carol.

„Was?“, stutzte John.

„Ihr Zustand ist geradezu apathisch, wobei ich eher zu Stupor tendiere. Das ist eine Art Teilnahmslosigkeit oder ein Zustand der vollkommenen Starre. So etwas ist meist ein Symptom bei schweren psychischen Erkrankungen, wie … wie einer schizophrenen Psychose, besonders katatone Schizophrenie. Wenn sie aber wirklich die Emotionen anderer spüren kann, könnte es eine Art … ähm … psychogener Stupor sein.“

„Mom?“ Augenrollend drehte John sich wieder zu seiner Mutter und machte mit seinem Gesichtsausdruck deutlich, dass er kein Wort von dem verstand, was sie sagte.

„Umgangssprachlich `starr vor Schreck´. So etwas kann durch plötzliche, heftige emotionale Reaktionen hervorgerufen werden. Du hast mir gesagt, dass sie immer wieder mal die Gefühle der anderen spüren könnte, es aber nicht unter Kontrolle hätte. Vorhin spürte sie ihren Bruder, und als ihr Vater vor dem Isolationsraum hinzukam, ist sie doch davon gelaufen …“

„Sie sagte, es sei zu viel“, erinnerte John sich.

„Kann ich mir vorstellen. Es konnte doch möglich sein, dass diese Fähigkeit gerade vollends bei ihr durchbricht. Sie könnte beinahe jeden in der Stadt spüren … und sie hat keine Ahnung, wie sie damit umgehen soll.“

„Und was jetzt? Ist sie über die ganzen Gefühle sämtlicher Stadtbewohner so erschrocken, dass sie … erstarrt?“, kam es ungläubig von John.

„So etwas in der Art. Aber wir müssen zusehen, dass sie wieder zu sich kommt. Stupor kann sehr gefährlich werden. Durch diese Starre kann sie kaum Nahrung oder Flüssigkeit zu sich nehmen. In ganz schlimmen Fällen treten auch erhöhte Körpertemperatur und schwere Kreislaufprobleme auf.

„Toll … ganz toll“, stöhnte John und startete einen weiteren verzweifelten Versuch, sie wieder zu vollem Bewusstsein zu bringen. Er rückte noch näher an sie heran, nahm sachte ihr Gesicht in seine Hände, hob ihren Kopf leicht an und zwang sie somit, ihm direkt in die Augen zu sehen. „Alexa … hey … hey Alexa! Können Sie mich hören? … Jetzt machen Sie keine Dummheiten … Alexa! Kommen Sie schon!“

Hände … warm, rau, groß und stark. Sie griffen nach ihr, hielten sie fest, ließen es nicht zu, sich zurückzuziehen oder abzuwenden, taten jedoch nicht weh. Sie hielten ihren Kopf, zwangen sie nach oben zu sehen … in Augen. Braun, weise und gutmütig, warm und stark. Grün, gütig und klug, fürsorglich und besorgt. Augen die sie kannte. Eine Stimme die sie rief, die sie ebenfalls kannte, die sie zog. Sie zog sie aus etwas heraus. Und plötzlich war da eine Ruhe, Klarheit und Sicherheit ihrem Inneren.

„John, ich glaube nicht, dass das …“ Carol verstummte, als sie beobachtete, wie sich der Blick der jungen Antikerin langsam zu klären schien. Einige Male blinzelte sie verwirrt, sie atmete plötzlich tief ein und schluckte.

„Alexa, können Sie mich hören?“

„John?“ kam es wispernd und zittrig von ihr. Beinahe panisch und völlig außer Atem japste sie nach Luft und krallte sich an Johns Uniformärmel fest.

„Ganz ruhig … ganz ruhig. Atmen sie ganz ruhig ein und aus. Alles okay … alles in Ordnung.“

John ließ ihr einige Momente, bis sie sich wieder beruhigt hatte, und nahm dann langsam seine Hände zurück.

Carol hingegen beobachtete weiterhin teils fasziniert, teils besorgt die Interaktion zwischen John und Alexa. Sie begann sich Gedanken zu machen, wie und warum es ausgerechnet John geschafft hatte, sie aus ihrer Starre zu befreien. Doch sie kam zunächst zu keinem vernünftigen Schluss.

„Alexa … sieh mich an“, sagte Elisha und griff nach dem Kopf ihrer Tochter. Noch immer schien sie leicht verwirrt, fokussierte aber recht schnell ihren Blick und ihre Konzentration.

Elisha ließ ihren kleinen Handscanner über ihre Tochter gleiten und machte eine beunruhigende Entdeckung.

„Sie hatten wohl recht, Misses Sheppard. Ihre emphatische Fähigkeit ist nun vollständig … erwacht. Die synaptische Hirnaktivität hat enorm zugenommen. Hast du Schmerzen? Ist dir schwindlig oder hast du irgendwelche anderen Beschwerden?“

Alexa schüttelte mit dem Kopf.

„Nein, ich … mir geht es gut.“

„Schön, dass Sie wieder da sind“, meinte John und löste sich langsam und sachte aus ihrem Griff.

„Was ist passiert? Hast du hier alles verwüstet?“

„Ich weiß … nicht. Es war plötzlich zu viel. Da war auf einmal so viel Wut und … Hass, Verzweiflung, Angst … ich konnte nicht … ich wollte nur noch weg und dann … nichts mehr. Ich weiß nicht mehr, wie ich hier her kam.“

„Das klären wir später. Zuerst müssen Sie noch ein wenig ruhiger werden“, meinte John, als ihm auffiel, dass sie doch noch immer leicht zitterte und verstört wirkte. „Und Sie sollten auch gründlich untersucht …“

„Colonel Sheppard, hier Richard Woolsey. Bitte melden Sie sich umgehend in meinem Büro“, ertönte es aus den Funkgerät.

„Mister Woolsey, kann das warten? Es gibt hier ein …“

„Colonel, das wird nicht warten können. Ich habe einen sehr aufgebrachten General bei mir. Ich glaube es gibt da einiges zu besprechen, also bitte.“

John schloss entnervt die Augen und schüttelte leicht den Kopf.

„War ja klar!“, stöhnte John entnervt, schloss die Augen und schüttelte kaum merklich mit dem Kopf.

„Oh Tristan. Was hast du jetzt wieder angerichtet?“, kam es nicht minder verzweifelt von Elisha, die noch immer über den Kopf ihrer Tochter streichelte, und versuchte sie zu beruhigen.

„Ich bin gleich da“, antwortete er danach und sah noch einmal besorgt zu Alexa, Elisha und seiner Mutter.

„Geh nur. Ich denke wir kommen klar. Wir können es in der Zwischenzeit mit ein paar Entspannungstechniken versuchen und später wird es ihr bestimmt etwas besser gehen. Im Moment kannst du ohnehin nichts mehr tun“, erklärte Carol und nahm seinen Platz neben Alexa ein, als John sich auf den Weg machte.

Irgendwo in Atlantis

„Geben wir es zu, wir haben uns verlaufen!“, meinte Dave aufgebracht.

„Und inwiefern ändert dieses Eingeständnis unsere jetzige Situation, hm? Die Wachen, die uns sonst begleiten, sind nicht mehr da, Funkgeräte haben wir keine. Und von alldem, was ich bisher gefunden oder gesehen habe, habe ich nicht die geringste Ahnung, was es ist oder wozu es gut ist. Und diese Pläne, die hier alle paar Meter an der Wand sind, sind auch nicht gerade hilfreich. Ein oder zwei Zeichen kann ich vielleicht entziffern und das verwirrt mich ohnehin, aber sonst …“, erwiderte Patrick nicht minder gereizt.

„Gehen wir einfach wieder zurück. Da waren vorhin noch einige Leute, die können wir fragen, wie wir zurück in die Cafeteria oder die Zentrale oder was weiß ich wie man das nennt, kommen.“

„Ja gut, nur …“

„Nur was?“, stutzte Dave.

„Na ja, ich weiß noch gerade, dass wir nach wir rechts gehen müssen, aber dann … War es rechts, dann wieder rechts und dann links und wieder rechts, oder …?“

„Nein, es war rechts, dann links, links und dann wieder rechts und dann … glaube ich wieder links“, wollte Dave ihn korrigieren, als ihm der mehr als zweifelhafte Gesichtsausdruck seines Vaters auffiel.

„Was ist?“

„Du hast dich mal in unserem eigenen Haus verlaufen und auch noch eingesperrt. Wieso frage ich dich eigentlich?“

„Ich habe mich nicht verlaufen, ich … erstens, war ich gerade mal fünf, zweitens, war das Haus krach neu und selbst du, Mom und John hatten Schwierigkeiten und drittens, hat die Tür geklemmt, ich habe mich nicht eingesperrt! Ich erinnere mich noch gut an …“

„Schhh!“, unterbrach Patrick seinen Sohn barsch.

„Was ist denn jetzt schon wieder?“

„Ich höre da was.“

„Wird das Meer sein. Wir sind bestimmt schon so weit unten, dass wir praktisch unter Wasser sein könnten.“

„Nein, es sind Stimmen“, führte Patrick weiter aus.„Ich höre ganz eindeutig Stimmen. Hier muss noch irgendetwas sein. Zumindest sind wir nicht in irgendeinem gesperrten Bereich gelandet.“

„Und woher willst du das so genau wissen?“

„Denk doch nach, Dave. Hätten wir einen gesperrten Bereich erreicht, wären wir bestimmt auf Wachsoldaten getroffen.“

Dave dachte nur kurz nach und gab seinem Vater schließlich recht. „Na schön, dann folgen wir diesen Stimmen. Wer immer das ist, kann uns bestimmt sagen, wie wir zurückkommen.“

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„Kein Wunder, dass die Menschen in dieser Galaxie diese Wraith so fürchten. Nicht nur grottenhässlich, sondern auch noch absolut tödlich. Denken Sie, der Antiker übersteht es?“, fragte Daniel, der noch immer grübelnd beobachtend um den Tisch mit der Wraith-Leiche schlenderte.

„Ich hoffe es. Obwohl, ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass er den Entzug übersteht. Er scheint mir stark zu sein und außerdem ist er wohl nicht ganz so lange diesen Wraith, dem Enzym und der Abhängigkeit ausgeliefert gewesen“, erklärte Carson, der seine Instrumente säuberte und ordnete.

„Hm, also so wie bei Colonel Sheppard?“

„Nein, ganz und gar nicht. Bei Colonel Sheppard war es vollkommen anders. Er wurde nicht abhängig gemacht.“

„Aber dieser Wraith, der mit ihm gefangen war, hat sich doch auch an ihm genährt.“

„Aber er hat ihm das Leben nicht sofort wieder zurückgegeben. Diese ganze … ich sage nur ungern Prozedur dazu, hat zwar mehrere Stunden gedauert, aber um jemanden so abhängig zu machen, muss der Wraith ihm das Leben beinahe gänzlich nehmen und es ihm dann wieder geben. Und das immer wieder. Eine Abhängigkeit oder Gefügigkeit ist frühestens nach mehreren Stunden, meist aber nach Tagen erreicht. Und nur durch mehrmaliges Nähren und rückgängig machen des ganzen Prozesses. Bei Sheppard war es anders. Der Wraith hat ihm immer nur ein wenig seiner Lebenskraft entzogen, dafür hat Kolya schon gesorgt. Er hat den Wraith durch Hunger gefoltert und Colonel Sheppard, in dem er ihn dem Wraith häppchenweise aussetzte.“

„Aber wie haben Sie Sheppard dann helfen können? Ich meine, er muss doch zum Schluss ziemlich … alt ausgesehen haben und fast tot gewesen sein“

„Ja. Bei jeder Übertragung, bei jedem Nähren ist er rapide gealtert. Als die beiden fliehen konnten, hat der Wraith sich noch einmal an dem Colonel genährt. Er muss sich wohl gedacht haben, dass Sheppard kaum noch in der Lage ist, sich gegen mehrere Verfolger zu behaupten. Der Wraith hat sich an den Genii genährt, sie ausgeschaltet und gab ihm dann die gesamte Lebensenergie zurück“, erklärte Carson.

Er konnte sich zwar nicht selbst an jene Geschehnisse erinnern, doch er hatte genügend Gelegenheiten, die Missionsberichte und Krankenakten der gesamten Mannschaft durchzugehen. Abgesehen davon, dass er ohnehin wissen wollte, was seit seiner vermeintlichen Gefangennahme bei Michael passiert war. Carson sah es lieber als eine Gefangennahme an, als den Umstand, dass er in Wahrheit von Michael geklont wurde. Es ließ ihn besser mit den Dingen, vor allem mit sich selbst zurechtkommen und seine Unwissenheit mancher Dinge und Geschehnisse betreffend, war es Außenstehenden auch plausibler zu erklären.

Carson lachte kurz und leise auf. „Wenn man nach Rodney geht, soll der Wraith ihm sogar noch einige Jahre zusätzlich zurückgegeben haben.“

Auch Daniel musste kurz schmunzeln, verfiel aber gleich wieder in Gedanken. „Es tut weh, oder?“

„Wenn sich ein Wraith an einem nährt? Ja, es sind unvorstellbare Schmerzen. Die grausamste Art zu leiden … und zu sterben. Manch einer stirbt schon alleine durch den Schmerz. Ich weiß bis heute nicht, oder besser gesagt, ich wundere mich immer noch über die Stärke des Colonels. Ich hatte viele Patienten, die stark waren, hohe Schmerzgrenzen hatten, aber Sheppard … so einen wie ihn, habe ich noch nie getroffen. So oft stand es schon, milde ausgedrückt, schlecht um ihn und mehr als einmal dachte ich, dass wir ihn verloren hätten oder würden, aber … es ist unglaublich, was er bis jetzt alles weggesteckt hat. Die Sache mit dem Wraith allerdings … scheint ihn mancher Hinsicht doch etwas verändert zu haben. Ich glaube, das beschäftigt ihn noch heute. Er spricht zwar nie darüber, aber seitdem scheint er irgendwie – Oh verdammt!“, stöhnte Carson auf, als er sich umdrehte und in zwei entsetzte Gesichter blickte.

Daniel folgte seinem Blick.

„Mister Sheppard?!“

Überrascht sahen Carson und Daniel die beiden Männer an, die noch immer wie erstarrt am Eingang zur Leichenhalle standen.

Es war jedoch Carson, der als Erstes wieder eine Reaktion zeigte, schnell hervortrat und den toten Wraith, der bisher gerade mal von der Hüfte abwärts bedeckt war, gänzlich zudeckte.

„Dafür ist es wohl zu spät, denken Sie nicht, Doktor?“, meinte Patrick und starrte auf das Laken.

„Sie dürfen sich hier nicht aufhalten. Wie kommen sie hierher?“

„Ob Sie es glauben oder nicht, wir haben uns verlaufen. Erstaunlich, wo wir nun gelandet sind. Aber wenn ich so bedenke, was mit meiner Frau und mir geschehen ist und was das für ein Ort ist … könnte man fast denken, dass uns jemand beinahe hier herführen wollte.“

„Ich werde jemanden rufen, der Sie wieder in die Stadt zurückbringt.“

„Nicht, bevor ich ein paar Antworten habe“, erwiderte Patrick und trat näher.

Carson hörte eine gewisse Schärfe in seiner Tonart. Und auch die Mimik des Mannes ließ ihn erahnen, was er nun vorhatte.

Sein Blick haftete noch immer auf dem Laken. Patrick schien kurz zu überlegen, noch einen Schritt weiter zu gehen. Doch kaum, dass er nach dem Laken greifen wollte, wurde er von Beckett daran gehindert, es zurückzuschlagen.

„Sie sollten sich das besser nicht ansehen.“
„Ich schätze, ich hätte auch so manches nicht hören sollen“, erwiderte Patrick und sah dem Arzt starr in die Augen.

Der Schotte sah die Ernsthaftigkeit in den Augen, doch er sah noch mehr.

Da war Sorge, Angst und der Arzt glaubte sogar, noch den Schock vom Mittag erkennen zu können, neben der Neugier mal ganz abgesehen.

Carson war sich nicht ganz sicher, wie er nun vorgehen sollte. Noch immer überlegte er, die beiden Männer der Leichenhalle zu verweisen, notfalls sogar einige Wachen zu rufen, oder vielleicht sogar John.

Doch sehr schnell wurde ihm klar, dass der Schaden bereits angerichtet war. Die Familie des Colonels hatte wohl schon zu viel gehört und nun auch gesehen. Alleine schon die Tatsache, dass am Mittag auf ihren Sohn und Bruder geschossen wurde, brachte ihn zum Schluss, dass es kaum möglich war, gewisse Dinge vor ihnen zu verstecken und zu verheimlichen. Es war klar, dass es früher oder später zu solchen oder ähnlichen Situationen kommen musste. Irgendwann würden sie die ganze Wahrheit erfahren, auch wenn John alles tun würde, um dies zu vermeiden. Doch dass es so schnell gehen würde, damit hatte er nicht gerechnet.

Alles, was er nun tun konnte, war Schadensbegrenzung zu betreiben.

Und John zu rufen, wäre daher vielleicht doch keine so gute Idee.

Nach einem kurzen beinahe unsicheren Blick zu Daniel, ließ er nur widerwillig das Handgelenk des Mannes los und ließ ihn gewähren.

Patrick schlug das Laken ein Stück zurück, sodass er nun in das Antlitz des toten Wraith blickte. Überrascht stellte er fest, dass er nicht erschrak oder bei dem Anblick zurückschreckte. Er war sich sogar sicher, dass man ihm nichts ansehen würde.

Dennoch flößte ihm der Anblick der Kreatur, die vor ihm lag, eine Heidenangst ein.

Im Gegensatz zu vorhin konnte er ihn nun ganz genau betrachten. Das Gesicht des Wraith, die Gesichtszüge, die grünliche Farbe, die gemalt wirkenden Zeichen auf der linken Gesichtshälfte, Punkte und geschwungene Linien, die keinerlei Muster ergaben. Schlitze auf der Wange direkt neben der Nase. Auch eine Naht wurde direkt am Haaransatz ausgemacht, was Patrick zum Schluss kommen ließ, dass auch der Schädel geöffnet worden war.

Sogar die Eintrittswunde der Kugel an der Stirn konnte noch erkannt werden, auch wenn der Arzt wohl das Projektil entfernt haben musste.

Schlagartig kamen Erinnerungen in ihm hoch. Er hatte gesehen, wie John ihn ins Visier genommen hatte und ihm in den Kopf schoss. Er hatte sogar ganz genau gesehen, wie ihn die Kugel traf … genauso, wie eine Kugel John traf. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er auch dies gesehen hatte. Offensichtlich hatte er das in dieser Situation nicht bewusst wahrgenommen. Doch jetzt liefen die Bilder immer wieder in seinem Kopf ab.

Es vergingen schweigsame Momente. Patrick blinzelte, atmete mehrmals tief durch, dann lehnte er sich an den Autopsietisch, senkte den Kopf und schloss die Augen.

„Dad?“, besorgt trat Dave, der sich bisher eher noch zurückhielt, neben ihn.

„Es geht mir gut, Dave.“

„Wie lange haben Sie schon da gestanden?“, fragte Daniel vorsichtig, brachte den Vater damit wieder in das Hier und Jetzt zurück. Doch tief in seinem Inneren wusste er die Antwort bereits.

Es dauerte eine kleine Weile, bis Patrick antwortete.

„Lange genug, um … um zu hören, was ich wohl hören musste“, erwiderte Sheppard Senior und betrachtete noch immer gedankenvoll den Wraith.

„Sie sollten jetzt gehen“, sagte Carson, der den älteren Mann ebenfalls besorgt musterte. Er ahnte, dass er wohl gerade versuchte, die heutigen Erfahrungen und eben gewonnenen Erkenntnisse zu verarbeiten. Doch er wusste auch, dass es nicht so einfach sei und vor allem nicht so schnell gehen würde. Carson konnte sich aber auch denken, dass Johns Vater nun versuchen würde, noch mehr Informationen aus ihm heraus zu quetschen. Verdenken konnte er es ihm nicht. Jedoch wusste er, dass der Vater des Colonels einem Herzinfarkt erlegen war. Das machte das Ganze noch schwieriger und auch gefährlicher. Er kannte den jetzigen gesundheitlichen Zustand des Mannes nicht gut genug. Es könnte gut möglich sein, dass die bisherigen Geschehnisse und Feststellungen seinem Herz erneut zu schaffen machten. Immerhin hatte der Mann erst vor ein paar Tagen Unbeschreibliches erlebt und war sozusagen von den Toten zurückgekehrt. Auch dies galt noch, verarbeitet zu werden.

„Wie ich Ihnen schon sagte, Doktor, ich werde nicht gehen, bevor ich ein paar Antworten habe.“

„Ich bin nicht sicher, ob ich Ihnen überhaupt irgendwelche Antworten geben kann oder darf“, erwiderte der Schotte genauso ernsthaft, wie Sheppard Senior zuvor.

„Wer dann, wenn nicht Sie? Sehen Sie Doktor, ich habe seit dem Tod meiner Frau, die letzten zwanzig Jahre damit verbracht meinem Sohn John beziehungsweise Informationen über ihn, seiner Arbeit, seinem Verbleib … sogar seinem Leben hinterher zu rennen. Ich weiß nicht, wie weit zurück Ihre Informationen reichen, falls Sie überhaupt darüber Bescheid wissen. Aber mehr als einmal haben ich, Dave und Johns Exfrau Nancy mit erleben müssen, wie John einen Telefonanruf entgegen nahm und kurz darauf Wort und kommentarlos verschwand. Ich habe mir natürlich recht schnell denken können, dass er wohl in einer Art Spezialeinheit, Sonderkommando oder ähnliches sein musste. Streng geheime Aufträge und noch gefährlichere Arbeit. So wie jetzt. Nur als Zivilist und Außenstehender hatte ich keine Möglichkeiten, genaueres zu erfahren. Auch durch meine Beziehungen nicht. Mir blieb nur immer das Sorgen machen, Hoffen, bangen und beten, dass er gesund und munter wieder zurückkäme. Aber das hat sich jetzt geändert. Es ist schon merkwürdig, dass ich erst … „

Patrick hielt kurz inne. Er suchte nach Worten, nach den richtigen Worten und kämpfte geradezu mit seinen eigenen Erinnerungen und Emotionen.„Das meine Frau und ich erst von den Toten zurückkehren müssen, um zu erfahren, dass John in einer anderen Galaxie lebt und arbeitet. Das unser Tod, unsere Rückkehr mit Außerirdischen zusammenhängt. Vielleicht mag es Zufall gewesen sein, dass gerade bei unserer Ankunft hier diese junge Außerirdische gestern von diesem Kolya entführt wurde und wir währenddessen einiges erfahren konnten. Es mag auch ein Zufall gewesen sein, dass wir uns verlaufen haben und jetzt hier gelandet sind und noch etwas mehr hören konnten. Das können Sie sehen, wie Sie wollen. Aber ich werde mich nicht mehr mit Ausflüchten oder Zufällen zufrieden geben.“

„Mister Sheppard, ich kann Sie gut verstehen, glauben Sie mir. Aber ich denke nicht, dass es gut für Sie ist, wenn …“

„Das sollten Sie mir überlassen, Doktor.“

Carson verzweifelte fast. Es stimmte, er konnte ihn gut verstehen. Doch er war sich wirklich nicht sicher, wie der Mann auf bestimmte Dinge reagieren würde. Ihm war klar, dass er früher oder später hinter so manches kommen würde. Und das es dadurch auch noch zu anderen Problemen und vermutlich auch Reibereien innerhalb der Familie kommen würde, wäre auch abzusehen. Carson wollte dafür nicht verantwortlich sein. Aber wer wusste schon, durch welche Umstände die Sheppards sonst hinter die Wahrheit kommen würden?

Sie hatten ein Recht darauf zu erfahren, an welchem Ort sie nun leben würden, was war und was höchstwahrscheinlich noch kommen möge. Auch John Sheppard wäre sich dessen bewusst. Dennoch …

„Colonel Sheppard wird bestimmt nicht damit einverstanden sein.“

„Natürlich wird er das nicht. Genauso wenig wie Mister Woolsey. Er beruft sich auf die Geheimhaltungspflicht, Johns Team erst recht, wobei ich eher vermute, dass sie ihm versprochen haben nichts zu sagen. Genau wie Sie“, führte Patrick weiter aus und sah Carson wissend in die Augen, der seinem Blick jedoch standhielt. „Jahrelang bestand meine Beziehung zu meinem ältesten Sohn nur aus Missverständnissen, Meinungsverschiedenheiten und … Streitigkeiten. Besonders, als er erwachsen war und sich mit seinem Vorhaben zur Air Force zu gehen, gegen mich durch gesetzt hatte und ich später dahinter kam, dass er wohl in einer Spezialeinheit diente. Wenn John dann immer wieder zurückkam, mal unverletzt, mal mit Blessuren oder ernsteren Verletzungen, hat er auch dann nie den Mund aufgemacht. Höchstens wenn wir wieder einmal gestritten haben, doch diese Worte waren dann niemals hilfreich und haben erstrecht nichts erklärt. Es grenzte schon an ein Wunder, als er nach seiner Scheidung von Nancy plötzlich meinte, dass er den Marschbefehl nach Afghanistan erhalten hatte. Zum ersten Mal, seit er zur Air Force ging und die Ausbildung zum Piloten hinter sich gebracht hatte, habe ich erfahren können, wo er hingehen würde. Es war nicht nur das erste Mal, sondern auch das einzige … und das letzte Mal, dass er so offen war …“

Carson hörte aufmerksam zu, versuchte sich vorzustellen, wie es damals wohl gewesen sein musste, versuchte sich sowohl in John, als auch in seinen Vater hinein zu versetzen. Er kannte John. Er wusste, dass er nicht gerade der gesprächigste unter den Soldaten war. Was ihm mehr als einmal zum Schluss kommen ließ, dass es schon damals zu speziellen und kritischen Situationen, eben zu einschneidenden Erlebnissen gekommen sein musste. Von der Geheimhaltung ganz zu schweigen.

Natürlich konnte er den Wunsch des Vaters verstehen. In den letzten Tagen und Stunden hatte er erstaunliche Dinge erfahren, gesehen und gehört. Er war praktisch von den Toten auferstanden. Er würde von nun an, an einem Ort leben, der jegliches Vorstellungsvermögen sprengte. Klar, dass er da mehr erfahren wollte. Es war aber auch nicht nur einfach verwunderte Neugier, es wog auch ein großes Quäntchen Sorge mit.

Ja, er konnte Patrick verstehen. Sehr gut sogar.

„Ich weiß, an die Akten und Berichte werde ich wohl nicht ran kommen. Sie kennen John mittlerweile gut genug und haben es selbst gesagt. Er wird es nicht erlauben und wird auch den Mund von sich aus nicht aufmachen. Und nach allem, was ich bisher gesehen und vor allem jetzt auch gehört habe, wird sich auch seine Mutter die Zähne an ihm ausbeißen. Wenn es nach ihm ginge, müssten wir dumm sterben. Das ist einmal geschehen. Ein zweites Mal werde ich nicht zulassen. Früher oder später, das wissen Sie ebenso gut wie ich, kommt alles ans Tageslicht, also haben Sie bitte wenigstens den Anstand, es mir jetzt zu sagen, bevor wieder irgendetwas passieren muss, damit ich was erfahren kann … Doktor … ich stehe hier sozusagen direkt an der Quelle! Was muss denn noch passieren?“

Patrick konnte sehen, wie es im Kopf des Schotten arbeitete. Er wusste, dass er ihn geknackt hatte.

„Wenn John das erfährt …“

„Er wird es mit Sicherheit erfahren … früher oder später. Aber es müssen dann ja keine Namen fallen“, erklärte Dave schnell. „Auch nicht Ihrer, Doktor Jackson“, fügte seine Vater hinzu, als er eine Regung bei ihm ausmachen konnte.

Carson schüttelte kaum merklich mit dem Kopf, atmete hörbar aus, schloss die Augen nur um Sekunden später wieder in das entschlossene und doch bittende Gesicht des Geschäftsmannes zu blicken.

Dann nickte er.

Woolseys Büro

„Colonel Sheppard“, grüßte Richard in ernstem Tonfall, kaum dass John sein Büro betreten hatte.

Der Expeditionsleiter trat gerade hinter seinem Schreibtisch hervor, während Tristanius mit hinter dem Rücken verschränkten Händen an einem der beiden Sessel stand und John argwöhnisch musterte. „Schön, Sie wieder auf den Beinen zu sehen. Wir hatten schon das Schlimmste befürchtet. Doktor Beckett teilte mir mit, dass Sie wieder eingeschränkt diensttauglich seien.“

„Ja, eigentlich könnte ich auch den vollen Dienst verrichten, aber ich hatte keine Lust, mich noch mehr mit Carson anzulegen. Außerdem war er … in der Überzahl.“

Richard schmunzelte kurz und auch eher verhalten, bevor er den beiden Männern ein Zeichen gab, in den Sesseln Platz zu nehmen.

„General Thalis hat mich gerade über einen … unerfreulichen Zwischenfall im und vor dem Isolationsraum informiert. Er ist sehr aufgebraucht über die Geschehnisse, die sich dort abgespielt haben sollen. Ich würde jetzt gerne von Ihnen erfahren, was sich dort zugetragen hat“, erklärte er knapp und setzte sich dann ihnen gegenüber.

„Na sicher doch“, stöhnte John kaum hörbar, während er sich setzte. Schon als ihn Woolsey Funkspruch erreichte, wusste er das der General mit ihm über die vergangene Stunde gesprochen hatte. Und bei der Wut und dem Misstrauen, dass dieser ihm kurz zuvor entgegen gebracht hatte, war es sicherlich kein einfaches, belangloses Gespräch oder ein lockerer Small Talk gewesen. Nein, er konnte sich denken, dass dieser sich beschwert hatte.

„Also …“, bat Woolsey fordernd.

John nahm tief Luft und ließ die letzte Stunde in seinem Geiste Revue passieren. „Ich ging von der Krankenstation direkt zum Beobachtungsraum. Dort wurde gerade über die Vorgehensweise von Dorians Entzug gesprochen, als mir auffiel, dass dieser nicht fixiert war. Gerade als wir General Thalis darauf hinweisen wollten, dass Dorian während des Entzuges möglicherweise aggressiv werden könnte und eine Gefahr für sich und andere darstellt, ist er wach geworden. Ich habe vermutet, dass er versuchen würde, auszubrechen, also haben Ronon und ich ihn daran hindern wollen. Er hat seine Schwester geschlagen und wollte den Raum verlassen, als wir ihn gerade noch ergreifen konnten …“

„Ergreifen konnten?! Sie haben auf ihn geschossen! Sie haben …“

„General Thalis, bitte“, unterbrach Woolsey den Mann. Tristanius atmete tief durch und beruhigte sich erstaunlich schnell wieder.

„Nein, er hat recht. Ronon hat auf ihn geschossen. Ich habe ihm gesagt, er soll seine Waffe auf betäuben stellen. Wir vermuteten, dass das Enzym ihn noch stärker und schneller machen würde, als andere. Seine Schwester war der Beweis, sie hat schon benommen auf dem Boden gelegen. Ronon hat zweimal auf ihn geschossen und er stand immer noch. Er ging auf uns los, es gab ein Gerangel, Ronon … hat ihm eine verpasst, sodass wir ihn dann immer noch mit Mühe zu viert festschnallen konnten“, erklärte John ruhig und sachlich.

„Sie geben also zu, dass auf ihn geschossen wurde und dass er auch geschlagen wurde?“, fragte Woolsey zur Sicherheit noch einmal nach.

„Na ja … ja, im Eifer des Gefechts. Er hat es praktisch darauf angelegt. Es ging alles viel zu schnell. Er wollte ausbüxen; ist zuerst auf seine Schwester und dann auf uns los gegangen. Es ging nicht anders. Da war nicht viel Raum für eine freundliche Bitte, stehen zu bleiben.“

Richard hörte genau zu und beobachtete die Miene des Colonels während seines mündlichen Berichts. Tristanius hingegen hatte arge Schwierigkeiten sich zurückzuhalten. Obwohl Colonel Sheppard die Wahrheit sagte und die Schüsse und den Schlag zugab, spürte er wieder seinen Groll und Zorn auflodern. Alleine die Art und Weise wie der junge Soldat Bericht erstattete, sich dem Expeditionsleiter und seiner eigenen Person gegenüber gab, ließ ihn irgendwie verständnislos stutzen. Das militärische Protokoll wurde hier offensichtlich wirklich sehr locker gehalten. Gewisse Freiheiten und Privilegien könnten ihm vielleicht schon zustehen, aber das Verhalten gegenüber dem Leiter und einem anwesenden General, sollte seiner Meinung nach ganz anders aussehen.

„Und was ist im Eingangsbereich geschehen?“, hakte Woolsey nach.

„Na ja, Dorian hat ein paar Frechheiten losgelassen, versucht seine Schwester auf seine Seite zu ziehen, Sie kennen das ja. Wir sind dann nach draußen gegangen und da kam auch schon der General an und wollte wissen, warum Dorian gefesselt wurde und wir wohl auch etwas grob zu ihm waren. Ich habe versucht ihm klar zu machen, dass das alles hätte vermieden werden können, wenn er gleich fixiert worden wäre. Es hat ein Wort das andere ergeben.“

Richard sah wieder erwartungsvoll zu seinem Militärkommandanten, doch John schien mit seiner Erklärung fertig zu sein. Auch wenn Richard sich denken konnte, dass es wohl doch noch ein wenig mehr zu erzählen gab. Allerdings zog John es offenbar vor, zu schweigen. Richard jedoch wollte ihm noch eine Chance geben, sich zu rechtfertigen und mögliche Probleme doch noch aus dem Weg zu räumen, bevor sie noch entstehen würden.

Einen Moment zögerte er und sah abwechselnd zwischen John und dem Antiker hin und her. Doch als keiner der beiden das Wort ergreifen wollte, fuhr er fort.

„Ich habe dem General gesagt, dass wir den Isolationsraum und dessen Eingangsbereich per Video überwachen. Ich will mir nun diese Aufnahmen ansehen. Gibt es noch etwas, dass Sie mir vorher vielleicht doch noch mitteilen wollen?“

Johns Grimasse war eindeutig als `Nein´ zu interpretieren und auch der General schwieg.

„Nun gut.“ Woolsey stand auf und begab sich wieder hinter seinen Schreibtisch. Er tippte einige Befehle in seinen Computer und drehte sich dann zu dem etwas größeren Bildschirm an der Seite um.

Augenblicklich lief die Aufnahme vom Isolationsraum ab.

Woolsey konnte nun die exakte Wiedergabe der Schilderungen des Generals und des Colonels sehen und hören. Er beobachtete, wie Dorian erwachte, und versuchte seine Schwester zu beeinflussen. Wie er ihr einen heftigen Schlag versetzte, sodass sie gegen die Wand geschleudert wurde und benommen liegen blieb. Von da an ihn lief alles tatsächlich sehr schnell ab. Der junge Antiker versuchte hektisch den Isolationsraum zu verlassen. Sheppard und Ronon versuchten ihn daran zu hindern, es kam zu den zwei erwähnten Schüssen, ein Gerangel entstand. Richard konnte sogar erkennen, dass dem Colonel ein Hieb in den Magen versetzt wurde, worauf dieser mit großen Schmerzen zu Boden ging. Während dieser wieder auf die Füße kam, versuchte Ronon, Dorian mit einem Schlag außer Gefecht zu setzen. Zwei weitere Soldaten stürmten in den Raum und konnten dabei helfen, den sich immer noch heftig wehrenden Mann an das Bett zu schnallen.

Einige weitere Sätze wurden gesprochen, dann verließ man den Raum.

Woolsey tippte weitere Befehle ein und die Ansicht wechselte daraufhin zum Eingangsbereich des Isolationsraumes.

Richard verfolgte irritiert die Szenerie, die sich ihm auf dem Monitor bot. Das Verhalten des Commanders, als sie davon hastete, verwunderte ihn doch sehr. Es hatte geradezu den Anschein, als sie regelrecht vor ihrem Vater flüchtete. Doch so sehr er darüber nachdachte, es fiel ihm keine, auch nur halbwegs plausible Erklärung dafür ein. Der Expeditionsleiter schob die Überlegungen darüber beiseite und ließ die Aufnahme ohne Unterbrechung weiterlaufen.

„Was haben Sie sich dabei gedacht, meinen Sohn derart grob anzugehen und ihn zu fesseln?“

„Wir haben Ihnen gesagt, dass es nötig sein würde. Hätten Sie es gleich zugelassen, dass er fixiert wird, hätte er nicht seine Schwester angreifen und einen Fluchtversuch unternehmen können. Durch das Enzym ist er stärker und schneller als je zuvor.“

„Sie sind sich Ihrer Sache wohl sehr sicher, was?“

„Wie wir Ihnen schon sagten, wir haben Erfahrung damit. Sie sollten uns einfach vertrauen. Wir haben kein Interesse daran, Ihnen, Ihrem Sohn oder Ihrer ganzen Familie zu schaden.“

„Das wird sich noch zeigen. Wer glauben Sie eigentlich zu sein, hm?! Wir haben schon vor dreizehntausend Jahren hier gelebt und gearbeitet und die Galaxien erforscht, während Ihr Volk noch nicht einmal richtige Hütten hatte und in Höhlen hausen musste. Ihr Leben bestand doch nur aus Jagen und sammeln! Bis dato hat sich offensichtlich nicht viel geändert!“

„Na, welch ein Glück für Sie! Sonst würden Sie immer noch da draußen in ihren Kisten liegen und darauf warten, dass man Sie jagt und einsammelt!“

„Rodney!“

„Ich kann verstehen, dass die neue Situation Sie überfordert und Sie Schwierigkeiten haben, einiges zu verstehen und zu akzeptieren, aber ich denke, Sie sollten …“

„Sie haben nicht das Recht, mich oder meine angebliche Situation zu beurteilen und mir zu sagen, was ich soll oder nicht. Wenn Sie es noch einmal wagen sollten, derart gegen meine Familie oder mich vorzugehen, oder so mit mir zu sprechen, werde ich persönlich dafür sorgen, dass Ihre Karriere als Offizier schneller vorbei ist, als sie begonnen hat!“

„Bei allem Respekt General, aber ich unterstehe nicht Ihrer Befehlsgewalt.“

„Zum Glück für Sie … aber wir sind noch nicht fertig.“

Richard stoppte die Aufnahme. Während er tief durchatmete, schloss er die Augen und fuhr sich dann beinahe ratlos über die Stirn.

Die Situation behagte ihm ganz und gar nicht. Sowohl Colonel Sheppard, als auch der General hatten, was die Geschehnisse betrafen, recht. Keiner hatte gelogen, etwas hinzugefügt oder gar weggelassen. Jedenfalls nichts Entscheidendes.

Im ersten Moment sah es schon etwas grob aus, doch der Sohn des Generals schien durch das Enzym tatsächlich über mehr Kraft und Schnelligkeit zu verfügen, sodass am Ende doch vier Männer von Nöten waren, um ihn aufzuhalten und zu fixieren. Von seiner Irrationalität mal ganz zu schweigen. Offensichtlich hatte der Vater wirklich keine Ahnung, was dieses Enzym bei jemandem bewirkte. Oder er glaubte nicht daran, wollte es vielleicht nicht wahrhaben, dass es seinem Sohn genauso wie anderen erging. Was das Ganze schwieriger machte.

Aber er konnte nicht ganz verstehen, dass die Konversation vor dem Isolationsraum für den General an eine Respektlosigkeit grenzte. Zugegeben, es herrschte eine angespannte Atmosphäre zwischen den beiden Männern und auch Doktor McKay bewies einmal mehr mangelndes Taktgefühl und wurde sogar von John ausgebremst.

Richard dachte sich, dass es im lantianischen Militär womöglich äußerst strenge Regeln, Ordnungen und Gesetze gäbe, vor allem Verhaltensvorschriften, an denen der General noch immer festhielt. Vielleicht war genau das das Problem. Möglicherweise lag er mit seiner Annahme gar nicht so verkehrt, dass der ältere Antiker Schwierigkeiten hatte, die neuen Begebenheiten und Umstände zu akzeptieren. Er wollte wohl noch an seinen Idealen, Regeln, Ideen und Gewohnheiten festhalten. Es war von seiner Familie mal abgesehen, das einzige was ihm geblieben war.

Auch das machte alles noch um einiges schwieriger. Wie sollte man an ihn ran kommen? Es war seine Stadt, sein Posten, seine Untergebenen, die plötzlich mit anderen, Fremden, ersetzt worden waren. Er und seine Familie hatten Probleme zu bewältigen, die er noch nicht einmal verstand. Mit denen er noch nie zu tun hatte. Ein vorsichtiges, ruhiges und langsames Rankommen war kaum möglich. Doch Richard wollte nicht so einfach aufgeben. Er wollte nicht nochmal sehen müssen, wie die Expedition ihre Sachen packen und die Stadt verlassen musste. Er wollte potenzielle Verbündete nicht vergrämen und verlieren. Zumal es auch noch Antiker waren. Er wollte nicht irgendwann erfahren, dass Atlantis vielleicht verloren sei und plötzlich der Feind, wie die Wraith oder sonst jemand vor der Tür stand und die Erde bedrohte. Noch einmal wollte er das nicht erleben.

Ihm kam eine Idee. Es wäre vielleicht ein wenig drastisch und es konnte auch gut sein, dass es keine Wirkung zeigte, doch er wollte es unbedingt versuchen.

„Ich muss ehrlich gestehen … ich weiß nicht, was ich sagen soll. Sie beide haben mir Ihre Darstellungen der Dinge geschildert und Sie beide …“

Richard wusste wirklich nicht so recht, was er sagen sollte. Er suchte krampfhaft nach den richtigen Worten, doch er konnte nicht wirklich Passendes finden. “… haben recht.“

„Ich habe Ihnen bereits gesagt, mein Sohn ist kein wildes Tier, von dem Sie glauben, Ihn durch Fesseln zähmen zu können! Ich verlange, dass er sofort losgebunden wird!“, forderte der General erneut und sprang von seinem Sessel auf.

„General Thalis, ich verstehe Ihren Wunsch durchaus. Doch bevor wir möglicherweise weiter darüber sprechen, erlauben Sie mir, Ihnen noch etwas zu zeigen. Ich denke in Anbetracht der Umstände ist es notwendig, dass Sie das sehen und ich denke nicht, dass die Betreffende Einwände diesbezüglich haben. Und noch etwas … von Kommandant zu Kommandant General, ich versichere Ihnen, dass die folgenden Aufnahmen weder gestellt, noch manipuliert sind.“

Tristanius sah verwirrt zu Woolsey, dann zu Sheppard, der offensichtlich gerade selbst ahnte, was nun kommen würde. Schweigend nahm er wieder Platz, ließ aber den Expeditionsleiter durch lautes Ausatmen und einem grimmigen Gesichtsausdruck wissen, dass seine Geduld bald am Ende sei.

Wieder gab Richard einige Befehle in seine Computer ein, suchte die entsprechende Datei und ließ erneut eine Aufnahme starten.

„Das ist Tyre. Er kam von Sateda, Ronons Heimatplanet. Er wurde vor Jahren bei einem Angriff der Wraith auf seiner Heimat von ihnen gefangen genommen und vom Enzym abhängig gemacht. Er war ebenfalls ein Wraithanbeter. Da er bei seinem … Herrn, einem Wraith vor einiger Zeit in Ungnade gefallen war, suchte er eine Möglichkeit, wieder in dessen Gunst zu steigen. Vor etwa einem Jahr gelang es ihm, Ronon gefangen zu nehmen und zu entführen. Er hoffte so auf erneute Energiespenden. Der Wraith hatte allerdings mehr Interesse an Ronon und ließ Tyre auf einem Planten zurück, in der Hoffnung, dass er sterben würde. Wir haben ihn gefunden und wieder gesund gepflegt. Sprich, er … musste einen Entzug machen. Das sah in etwa so aus“, erklärte Richard und ließ die Aufnahme, die bisher im Standbild verweilte, ablaufen.

Tristanius sah, wie sich dieser dunkelhaarige Mann, der ebenfalls an seinem Bett festgeschnallt war, versuchte zu befreien. Er zerrte immer wieder an seinen Fesseln schrie und brüllte unverständliche Worte und plötzlich gelang es ihm, sich zu befreien. Kaum dass Wachen zu ihm kamen und ihn aufhalten wollten, konnte er einen wegstoßen, sodass dieser mit voller Wucht rückwärts in ein Regal fiel. Die zweite Wache griff er frontal an. Ein Faustschlag in das Gesicht des Soldaten und ein heftiger Tritt gegen dessen Oberkörper folgten, sodass sogar auf dem Video das Brechen eines Knochens zu hören war. Erst als ihn ein bläulicher Energieblitz aus dem Hintergrund traf, ging er benommen zu Boden.

„Eine der Wachen wurde dabei verletzt und hatte eine gebrochene Rippe. Der andere Wachsoldat hatte mehr Glück und wurde nicht verletzt. Es war seines bereits fortgeschrittenen Entzugs zu verdanken, dass Tyre ein solcher Stunnerstrahl so weit außer Gefecht setzen konnte, dass es Doktor Keller möglich war, ihn zu sedieren, genauer zu untersuchen und ihn dann in den Isolationsraum zu bringen“, erklärte Richard weiter. „So sah dann sein restlicher Entzug aus.“

Der Antiker sah weiter auf den Bildschirm, hörte das flehen und wimmern des Mannes. Sah, wie er immer wieder versuchte, sich zu befreien und an seinen Fesseln zerrte. Er schwitzte, zitterte und verkrampfte.

Was Tristanius aber eher verstörte, war das zunächst beinahe klägliche Flehen, ihn loszubinden. Immer wieder hörte er, dass man ihn töten würde. Dann wandelte sich das Schreien und Wimmern allerdings in ein ständiges verzweifeltes Bitten. Er wollte plötzlich, dass man ihn tötet.

Verstört blickte der General zu Richard, dann zu Sheppard, die seinen Blick jedoch mit ernster Miene erwiderten.

„Später, als man das Enzym in seinem Kreislauf nicht mehr ausmachen konnte, verriet er, wo Ronon war und half bei dessen Befreiung. Er hat sich schließlich geopfert und somit Colonel Sheppard und seinem Team mit Ronon die Flucht ermöglicht. Danach galt es Ronon von dem Enzym zu befreien, denn während Tyres Entzug wurde Ronon zum Anbeter gemacht.“

„Und Sie glauben, dass es dies auch mit meinem Sohn geschieht? Das denke ich nicht. Nicht bei jedem kann das Enzym den gleichen Effekt haben. Mein Sohn ist mit seinem Organismus so völlig anders, als dieser Tyre oder gar Sie!“

Richard antwortete nicht, ließ stattdessen das Video weiterlaufen. Auch hier gab es wieder eine kurze Konversation zwischen Ronon und Sheppard, als Letzterer den Raum verlies, worauf Ronon ihm wütend hinterher schrie. Diese Szenerie erinnerte doch stark an den kleinen Disput zwischen dem lantianischen Geschwisterpaar. Richard ließ das Video etwas schneller vorwärts laufen, etwa bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Entzug begann.

Tristanius sah, dass auch Ronon mit Zitteranfällen, Krämpfen, Übelkeit zu kämpfen hatte. Man konnte sehen, welche Schmerzen der Mann durchleiden musste.

Seine Augen waren dunkel umrandet, während der Rest seines Gesichtes eher blass war und durch Schweiß glänzte. Verzweiflung und Angst lagen in seinen Augen, als er sich immer wieder hektisch und beinahe panisch umsah. Und irgendwann begann er ebenfalls darum zu bitten, getötet zu werden. Er bat so sehr und verzweifelt darum, dass er sogar in ein Weinen verfiel.

Wieder ließ Woolsey das Video schneller voran laufen, doch auch dann noch, konnte man sehen, wie Ronon langsam ruhiger wurde und schließlich einschlief.

„Auch Doktor McKay hatte vor circa vier Jahren einen solchen Entzug durchstehen müssen. Bei ihm sah es ähnlich aus. Aber er konnte durch Schmerz- und Beruhigungsmittel unterstützt werden.

Das Video endete. Der General war sichtlich ergriffen von den Bildern, die sich ihm geboten hatten. Ein Blick zu Colonel Sheppard zeigte ihm, dass dieser starr vor sich herblickte. Doch Tristan kannte jede Facette eines Menschen und konnte sich denken, dass ihn diese Bilder der Vergangenheit doch mehr berührten, als er bereit war, zuzugeben.

Sprachlos stand er auf, verschränkte die Arme hinter seinem Rücken, trat an das Seitenfenster und blickte hinab in den Gateraum.

Richard und John ließen ihm einige Momente Zeit, um sich wieder zu sammeln und es dauerte auch nur wenige Augenblicke, bis dieser mit beinahe brüchiger Stimme sprach.

„Dorian könnte niemanden etwas antun. Er hat keinerlei Kampferfahrung. Er wurde nicht zum Soldaten ausgebildet. Seine Schwester und ich haben ihn immer wieder angehalten, sich in verschiedenen Selbstverteidigungstechniken zu versuchen, aber … er hat es immer kategorisch abgelehnt. Auch Waffen … er entwickelt sie, baut und repariert sie, aber sonst … hat er keine Beziehung zu ihnen. Er hat vorher noch niemals jemanden geschlagen oder so gesprochen … er war immer fern von jeglicher Aggressivität. Er ist ein äußerst ruhiger, friedliebender und zurückhaltender Charakter.“

„Ich glaube Ihnen. Das war auch mein erster Eindruck von Ihrem Sohn, als ich ihn kennenlernte. Ich habe bis jetzt ehrlich gehofft, dass seine Genesung anders ablaufen würde. Dass eben durch unsere unterschiedliche Organismen und Körperchemie Ihr Sohn damit besser zurechtkäme und einen sanften Entzug vollziehen könnte. Aber … der vergangene Zwischenfall zeugt wohl eher vom Gegenteil. So leid es mir tut. Sie haben gesehen, wozu ein Mensch unter Einfluss dieser Substanz fähig ist und da Ihr Sohn ohnehin aufgrund seiner weiterentwickelten Physis stärker und schneller ist, befürchte ich, dass er sowohl sich, als auch andere in ernsthafte Schwierigkeiten bringen könnte. Colonel Sheppard hat er bereits einen heftigen Schlag in den ohnehin angegriffenen Bauch erteilt und sogar seine Schwester war nach nur einem Schlag benommen.

Selbst mit vier Mann war es nur unter größter Anstrengung möglich, ihn zu fixieren. Glauben Sie uns, es ist nicht purer Mutwille, ihn zu fesseln. Es geht um seine eigene Sicherheit.

Er bringt sich durch Fluchtversuche und die Auseinandersetzungen, die dabei entstehen, wenn man ihn aufhalten will, in Gefahr … wir wollen nicht, dass er verletzt wird. Solange die Substanz in seinem Organismus ist, wird er von Irrationalität und aggressiv feindlichem Denken gesteuert. Das ist die Gehirnwäsche der Wraith. Sobald sein Körper diese Substanz abgebaut und ausgeschwemmt hat, wird er wieder so sein, wie früher.“

Richard sprach mit Absicht seine Worte langsam und bedächtig und natürlich auch leise. So konnte er sicher sein, dass ihm der General auch wirklich zuhörte und sich das Gesagte durch den Kopf gehen ließ. Und vielleicht auch langsam ein Einsehen zeigte.

Ruhig und besonnen sah Tristanius weiterhin in den Gateraum und nickte einsichtsvoll.

„Außerdem können wir nicht riskieren, dass Dorian die Stadt verlässt. Er ist Wissenschaftler und hat enormes Wissen über die Stadt und ihre Fähigkeiten und hat selbst wohl auch einiges drauf. Es gibt genug Leute in dieser Galaxie, die ganz versessen darauf sind, jemanden wie ihn in die Finger zu bekommen. Das haben Sie gestern ja selbst gesehen“, fügte John hinzu.

Der General hingegen drehte sich abrupt um und funkelte Sheppard böse an.

„Dorian hat mit Sicherheit keine Geheimnisse preisgegeben.“

„Ich würde das wirklich gerne glauben, aber wir können eben nicht sicher sein. In der Wraith-Anlage ist mir klar geworden, dass eventuelle Informationen bestimmt nicht in deren Datenbank aufgenommen wurden. Deswegen wollte ich den Wraith mitnehmen, um zu erfahren, was er weiß, aber das hat sich jetzt erledigt.“

„Und was ist mit den anderen Wraith in dieser Anlage?“, wollte Richard wissen.

„Alexa hat eine ganze Jumper-Ladung Drohnen in die Anlage gejagt. Von der ist nicht mal Staub übrig.“

„Ich sagte es bereits, er hat keine Informationen preisgegeben! Und ich wiederhole mich nicht gerne, Colonel.“

„Als Ronon damals von den Wraith manipuliert wurde, lag es in seiner Absicht, auch das restliche Team, Colonel Sheppard, Doktor McKay und Teyla Emmagan zu Anbetern zu machen, nur um an Informationen zu kommen. Ziel des Wraith war die Vernichtung von Atlantis. Das hat Ronon später zugeben können. Und er ist weiß Gott kein Mensch, den man so einfach beeinflussen kann. Ich glaube, diesen Eindruck haben Sie zwischenzeitlich selbst bekommen können“, erklärte Richard weiter, der Antiker ging jedoch nicht darauf ein. Doch Woolsey wusste, dass er ihn gehört und auch verstanden hatte.

„Wie gesagt, es liegt uns fern, Ihrem Sohn, Ihnen oder Ihrer gesamten Familie Schaden zu wollen, aber wir haben in den vergangenen Jahren einige Erfahrungen machen können. Sie haben gesehen, dass Doktor Keller Tyre und Ronon erfolgreich von dieser Droge befreien konnte. Ich bin sicher, dass auch Ihr Sohn bald wieder vollkommen genesen sein wird. Es braucht nur etwas Zeit … und Vertrauen.“

Richard sah, dass Tristanius wohl einen inneren Kampf mit sich auszufechten schien. Die Sorge um seinen Sohn überwog nun langsam sein Misstrauen. Die folgenden Worte bewiesen es, nachdem er resigniert durchatmete und den Kopf senkte.

„Nun gut … er bleibt fixiert im Isolationsraum. Aber meiner Frau wird die Behandlung überlassen. Jede Entscheidung, jeder Schritt, was die Hilfe bei seiner Genesung betrifft, muss vorher mit ihr oder mir abgesprochen werden.“

„Das versteht sich von selbst“, stimmte Richard zu.

Er konnte gar nicht beschreiben wie froh und erleichtert er nun war, dass es ihm doch gelungen war, den Mann zu beruhigen und von den nötigen Maßnahmen zu überzeugen. Nun galt es, nur noch ein Problem aus der Welt zu schaffen.

„Was das andere, den zweiten Punkt Ihres Anliegens betrifft … ich denke, wir stimmen wohl alle überein, dass es in Anbetracht der Umstände, der möglichen Gefahr für die Stadt und ihrer Bewohner, als auch Ihrer Sorge um Ihre Familie und der Tatsache, dass wir uns noch nicht so gut kennen … sehr schnell zu Missverständnissen und falschen Interpretationen kommen kann. Die Gemüter erhitzen sich und es werden oft Worte gesprochen oder Dinge getan, die eigentlich ganz anders beabsichtigt waren. Dennoch …“, unterbrach Richard den General schnell, der offensichtlich wieder aufbegehren wollte. „werde ich mich natürlich schnellstmöglich mit dem Colonel und auch seinem Team zusammensetzen und nochmals genauer über die heutigen Ereignisse sprechen. Ich würde mich sehr freuen, wenn auch wir beide ebenfalls zu einem weiteren – diesmal entspannteren – informativen und klärendem Gespräch zusammen finden können. Natürlich erst, wenn es Ihrem Sohn besser geht und Sie in Ihrer Heimat langsam wieder zur Ruhe gekommen sind. Wie schon gesagt, General, ich bin sicher, wir finden einen gemeinsamen Konsens, der uns allen dient und jeden zufriedenstellt. Ich hoffe, dass einer möglichen Freundschaft zwischen unseren beiden Völkern nichts mehr im Weg stehen wird.“

Tristan überlegte kurz, sah den beiden Männern prüfend in die Augen und musste erneut über den diplomatisch scharfen Sinn des Expeditionsleiters staunen. Doch schlussendlich gab er einverstanden nach.

~~~///~~~

Carson hatte wirklich nur widerwillig über Johns Gefangennahme und Folter durch Kolya gesprochen. Dennoch waren seine Schilderungen sehr genau, aber auch sachlich. Schon währenddessen sah der Arzt, wie sowohl dem Vater als auch dem jüngeren Bruder die Blässe ins Gesicht stieg und sich der Schrecken in den Augen wider spiegelte. Während Patrick noch sehr ruhig und beinahe völlig regungslos da stand und genauestens zuhörte, schien Dave krampfhaft mit den Erzählungen zu kämpfen. Mehr als einmal hatte er das Gefühl, dass dieser vor Entsetzen und Übelkeit gleich hinauslaufen würde.

Patrick hatte sich abermals an den Metalltisch gelehnt, schluckte einige Male, atmete auch mehrmals tief durch und blinzelte. Beckett hatte sich von Anfang an denken können, dass ihn die Wahrheit derart treffen würde und dass es ihm arg zu schaffen machen würde. Nun konnte er es ihm ansehen. Es dauerte einige Augenblicke, bis er sich offenbar wieder gefangen hatte.

„Ich möchte diese Übertragungen sehen. Sie ist doch aufgezeichnet worden, nicht wahr?“, fragte Patrick schließlich.

„Woher wissen Sie, dass es aufgezeichnet wurde?“

„Ich habe gestern gesehen, dass die Übertragungen gespeichert wurden, daher gehe ich mal davon aus, dass es damals genauso gewesen ist.“

Wieder zögerte der Schotte, dachte krampfhaft nach.

„Doktor, bitte … Sie haben schon alles so detailliert geschildert. Was macht da noch ein Video aus?“, kam es beinahe niedergeschmettert von dem Vater.

„Ich weiß nur nicht, ob das wirklich so gut ist, wenn Sie das sehen. Ich habe von Ihrem Herzinfarkt gehört, ich möchte nicht …“

„Ich bin sicher, meinem Herzen geht es besser als je zuvor … bitte.“

Erneut gab Carson nach, sah resigniert zu Daniel, der ihm allerdings nicht helfen konnte.

Er drehte sich um, rief eine Datei in seinem Computer auf und startete das Video.

Sofort erkannte Patrick das Gesicht von Kolya, das mehr als deutlich zu erkennen war. Vielleicht zwei Meter hinter ihm standen zwei weitere Männer und schienen etwas oder jemanden zu beobachten, der ebenfalls hinter Kolya sein musste und durch ihn verdeckt wurde. Patrick wusste jedoch, dass es nur John gewesen sein konnte.

In den nächsten Minuten wurden sie erneut Zeugen von Kolyas mehrmaligen höhnischen Grinsen und Lachen und seinem beinahe wahnsinnigen Verstand. Es überraschte Patrick einerseits, dass John in einem kurzen Moment, als man ihm den Knebel entfernte, befahl, auf keinen Fall auf seine Forderungen einzugehen. Andererseits war auch ihm bewusst, dass die Politik es vorschrieb, niemals auf Terroristen und deren Erpressungen einzugehen. Doch er musste auch zugeben, dass es ein durchaus kluger Schachzug Kolyas war, John gefangen zu nehmen und ihn als Druckmittel für eine Auslieferung einzusetzen. Das machte ihm deutlich, dass dieser Mann unter Umständen einen scharfen Verstand besaß. Sein Hass gegen John war jedoch nicht zu übersehen. Dennoch erfüllte es sowohl den Vater als auch den Bruder mit Zorn und Groll gegenüber Kolya.

Es dauerte nicht lange, bis Kolya den Wraith hereinführen ließ und dadurch im Hintergrund fassungsloses und entsetztes Raunen und Wispern und auch das Bitten und Flehen durch Doktor Weir, es nicht zu tun, zu vernehmen war.

Patrick spürte bereits jetzt den Knoten der sich in seinem Magen zusammen schnürte.

Für einen Moment überlegte er tatsächlich wegzusehen, als Kolya ein letztes Mal nach einer Vereinbarung fragte und Doktor Weir nicht darauf einging. Er konnte sogar Johns Beunruhigung sehen, was ihn beinahe zu lähmen schien.

Doch noch bevor er sich entscheiden konnte, hatte Kolya das Zeichen gegeben. Er hörte und sah, wie der Wraith seine Hand auf Johns Brust schlug. Als ob es nicht schon schlimm genug war und nicht reichen würde, dass er ohnehin schon gefesselt war, wurde John auch noch von einem der Männer festgehalten. Während der Wraith begeistert knurrte und fauchte, hatte John vor Schmerz und Schock seinen Kopf in den Nacken geworfen. Jedoch konnte man noch immer erkennen, welche Pein ihm zugefügt wurde.

Patricks Hände krallten sich geradezu in den Tisch, seine Handknöchel traten weiß hervor und seine Kiefer mahlten. In seinen Augen allerdings lag Wut, Hass, Verzweiflung, Mitgefühl … geradezu eine Flut der verschiedensten Gefühle. Sie übermannten ihn, drohten, ihn den Halt verlieren zu lassen. Für Dave war es zu viel. Mit größter Mühe schaffte er es, nicht erschüttert und übereilt den Raum zu verlassen. Doch er musste seinen Kopf wegdrehen und sah erst wieder hin, als die zweite Übertragung startete. Und auch bei dieser starrte Patrick unentwegt auf den Bildschirm, jegliche Emotionen waren allerdings aus seinem Gesicht gewichen. Er spürte sie nicht mehr. Nichts mehr. Selbst als er erkennen konnte, dass John allmählich schwächer geworden und auch rapide gealtert war, konnte er nur noch fühlen, wie der Knoten in seinem Inneren immer größer wurde.

Keines seiner Glieder wollte ihm mehr gehorchen. Noch immer stand er regungslos am Tisch, starrte auf den dunklen Bildschirm, nachdem die dritte Aufnahme beendet war. Sein Blick schweifte mit ungeheurer Geschwindigkeit umher, blieb auf keinen bestimmten Punkt haften. „Seine Mutter darf nichts davon wissen. Sie darf niemals etwas davon erfahren! Es … es würde sie … sie wird es nicht verkraften.“

 Es hatte ein Weilchen gedauert, bis Patrick und Dave sich wieder einigermaßen im Griff hatten und zu ihrer gewohnt gefasst wirkenden und unnahbaren Miene zurückkehrten. Carson und Daniel hatten jedoch die Kehrseite, die emotionale Seite der beiden Männer kennengelernt. Doch keiner von ihnen bauschte es auf oder dachte daran, es an die große Glocke hängen zu wollen. Nur der Mediziner in Carson sorgte sich noch immer um des Colonels Vater.

„Ich denke, ein wenig frische Luft könnte Ihnen jetzt ganz gut tun.“

„Und vielleicht auch ein kleiner Check“, kommentierte Patrick leise und sah bedeutungsvoll zu dem Arzt, der sofort verstand.

„Haben Sie irgendwelche Beschwerden?“, fragte Carson schnell nach.

„Ich will nicht sagen, dass es Beschwerden sind, oder dass es mein Herz ist. Es fühlt sich auch nicht so an wie … wie damals, als ich diesen Infarkt hatte. Aber da ist irgendetwas. Ich will nur sicher sein, dass ich nicht in den nächsten Minuten wieder auf dem Boden liege. Ich glaube nämlich nicht, dass ich dann wieder einfach so zurückkommen kann.“

„Vermutlich nicht“, gab Carson lächelnd zurück, „kommen Sie. Ich sehe mir das mal an“, antwortete Beckett und bugsierte Vater und Sohn aus der Leichenhalle.

„Nur um sicherzugehen, Doktor … meine Frau darf von all dem wirklich nichts erfahren.“

„Darauf können Sie sich verlassen, Mister Sheppard. Sie wissen doch, ich darf eigentlich nichts sagen. Ich frage mich nur … was nun mit John ist.“

„Was meinen Sie?“

„Verzeihen Sie…es geht mich im Grunde auch nichts an, aber … ich habe den Eindruck, dass es zwischen Ihnen und Ihrem Sohn wohl noch immer einige Schwierigkeiten gibt. Ich weiß nicht, ob diese Aufnahmen vorhin dabei helfen können, sie zu bewältigen.“

„Wohl eher nicht“, antwortete Patrick nachdenklich, während er mit Dave, Carson und Daniel zurück zum Hauptturm ging.

Woolseys Büro

„Nun gut. Da dies nun geklärt ist, möchte ich wissen, was mit meiner Tochter ist und was während meiner Abwesenheit geschehen ist, dass sie sich nun so verhält. Es ist mehr als … merkwürdig. Ein solches Verhalten hat sie noch niemals gezeigt“, forderte Tristanius zu wissen.

„Während Ihrer Abwesenheit ist nichts geschehen. Jedenfalls nichts, dass für dieses Verhalten verantwortlich wäre, aber ich habe da eine Ahnung, was mit ihr sein könnte“, begann John zu erklären, „wir haben den Verdacht, dass ihre Fähigkeit, die Gefühle anderer zu spüren, nun vollständig ausgeprägt ist. Vor dem Isolationsraum hat sie ihren Bruder gespürt und … sehr wahrscheinlich auch Sie und … das war wohl zu viel für sie. Wir vermuten, dass sie nun beinahe jeden in der Stadt fühlen kann.“

„Wen meinen Sie mit wir?“

„Ihre Frau, meine Mutter und ich.“

„Was hat Ihre Mutter damit zu tun?“, wandte Richard ein.

„Ich habe sie um Hilfe gebeten. Sie war … ist, wie auch immer, Psychologin, psychologische Psychotherapeutin. Ich dachte es kann nicht schaden, wenn wir noch jemanden ins Boot holen, was die Attacken und ihre Fähigkeiten angehen. Sie könnte Alexa vielleicht helfen, diese Empathie in den Griff zu bekommen, denn im Moment scheint es ihr, damit nicht besonders gut zu gehen.“

„Ihr geht es nicht gut und da lassen Sie sie alleine?!“

„Nein, natürlich nicht! Ihre Frau und meine Mutter sind bei ihr.“

„Wo ist sie?“

„Oben in der Jumperbucht. In ihrer Werkstatt, bei ihrem kleinen Kampfjäger oder was es werden sollte“, antwortete John schnell.

Diese Informationen reichten Tristanius aus und er machte sich im Eiltempo auf den Weg zur Jumperbucht.

„Kampfjäger?“, fragte Woolsey neugierig an John gerichtet, der allerdings nur ratlos mit den Schultern zucken konnte.

Mit Mühe versuchten sie, den älteren Antiker einzuholen.

Jumperbucht

„Alexa, hör doch bitte auf mit aufräumen. Komm lieber mit mir zur Krankenstation. Ich muss mir genauer ansehen, was in deinem Kopf vor sich geht“, bat Elisha und sah ihrer Tochter beim hektischen umher räumen zu.

Auch Carol musterte die junge Frau besorgt. Noch vor Kurzem hatte sie völlig apathisch in einer Ecke gesessen und reagierte auf nichts und niemanden und jetzt war sie erregt, nervös und geradezu übermäßig aktiv. Sie gönnte sich keine einzige Minute Ruhe.

„Ich kann nicht, Ma. Ich muss hier erst aufräumen. Sieh dir das doch mal an, hier sieht es aus, als ob …“

„Das kannst du auch später noch. Jetzt … was machst du denn jetzt?“, fragte sie, als sie sah, wie Alexa versuchte, ein Kabel, dass sich um das vordere Fahrwerk ihres kleinen Jägers verwickelt hatte, zu lösen. Sie zog, und drückte am Kabel, doch es löste sich nicht. In ihrer Verzweiflung versuchte sie sogar, das Flugzeug anzuheben. Doch ihre Kraft reichte bei weitem nicht aus, die Maschine auch nur einen Millimeter zu bewegen.

Besorgt sahen sich Elisha und Carol an.

Alexa gab nicht auf. Sie wollte die Maschine unbedingt anheben, doch mitten in ihrer Bemühung hielt sie inne und starrte in die Leere.

„Alexa? Was hast du?“

„Pa …“

„Was?“

Doch noch bevor Elisha weiter fragen konnte, öffneten sich die Türen des Transporters und Tristanius, Richard und John traten heraus.

„Was ist denn hier passiert?!“, fragte der General schockiert, als er das Chaos erblickte.

Alexa hingegen ging zurück und vergrößerte den Abstand zwischen sich und ihrem Vater.

„Was … was soll denn das? Was hat das zu bedeuten?“, wollte er von seiner Tochter wissen, bevor er seine Frau auf sich zustürmen sah.

„Tristan, bitte … du musst dich beruhigen. Sie ist im Moment in keiner guten Verfassung. Sie spürt gerade beinahe jeden in der Stadt. Dich ganz besonders. Du musst deinen Zorn und deine Wut etwas zügeln.“

„Was sprichst du denn da? Ich bin nicht zornig oder wütend!“

Elisha begegnete seiner Aussage mit zweifelndem Gesichtsausdruck, worauf der Vater die Augen verdrehte.

„Ich habe mich ganz gut unter Kontrolle. Außerdem könnte ich ihr doch niemals etwas antun!“

„Natürlich nicht. Aber sieh´ dich doch mal um. Sie hat ihre gesamte Werkstatt verwüstet und sogar der Fighter ist beschädigt und das nur, weil sie vorhin ihren Bruder und dich gespürt hatte. Eure Emotionen wurden irgendwie auf sie übertragen und sie hat sie hier ausgelassen. Sie kann es noch nicht kontrollieren, daher ist es umso wichtiger, dass wir uns unter Kontrolle haben.“

Der Vater ließ sich die Worte seiner Frau nochmals durch den Kopf gehen und atmete mehrmals tief ein und aus.

„Wie soll es jetzt weitergehen? Was sollen wir tun? … Was … Was kann ich tun?“

„Ich will sie untersuchen, aber sie ist wie besessen davon, hier aufräumen zu wollen. Sie hat sogar versucht, den Fighter anzuheben, obwohl sie ganz genau weiß, dass sie dieses Gewicht niemals schaffen würde. Hilf mir, sie auf die Krankenstation zu bringen, dann sehen wir weiter.“

Tristanius nickte und begann sich langsam seiner Tochter zu nähern.

„Alexa, ich … dass dich meine Emotionen vorhin so erschrocken haben, habe ich nicht gewusst und bestimmt auch nicht gewollt. Ich kann mir vorstellen, dass das alles sehr unangenehm für dich sein muss. Ich möchte, dass du mit uns zur Krankenstation kommst, damit deine Mutter dich untersuchen kann.“

„Ich will das nicht …“

„Was willst du nicht?“

„Alles fühlen, was andere fühlen.“

„Ich weiß … komm mit. Wir werden etwas finden, dass dir hilft, ich verspreche es“, bat der Vater und hielt ihr seine Hand hin, während er noch weiter auf seine Tochter zuging.

John und Richard wunderten sich abermals über die plötzliche Ruhe des Generals. Ganz leise, fürsorglich und geradezu beruhigend sprach er auf seine Tochter ein. Es war erstaunlich, wie schnell der Mann seine Emotionen unter Kontrolle hatte. Beinahe so, als ob ein Schalter umgelegt wurde.

Alexa merkte, dass sie die Wand erreicht hatte und nicht weiter konnte.

Tristanius blieb einige Meter vor ihr stehen, doch er sah, wie sie weiterhin nach einer Möglichkeit suchte, möglichst viel Abstand zwischen sich und ihrem Vater halten zu können.

„Ich weiß, dass du mich gerade wieder spürst … du wirst es so oder so. Ob ich in deiner Nähe bin oder Abstand halte. Aber du weißt auch, dass ich dir niemals etwas tun könnte … Ich bin nicht mehr wütend … oder aufgebracht. Dass fühlst du doch, oder?“

Unschlüssig blieb Alexa stehen, wusste nicht so recht, was sie nun tun sollte, aber sie spürte, dass ihr Vater tatsächlich nicht mehr wütend war. Dennoch gab es noch genügend andere Emotionen, die sie wahrnehmen konnte.

„Es ist so viel … zu viel …“

„Ich weiß, Kleines … komm mit uns. Lass dir von deiner Mutter die Armverletzung behandeln und dich untersuchen. Uns wird etwas einfallen, wir bekommen das wieder hin.“

„Hören Sie auf Ihren Vater, Alexa. Lassen Sie uns rausfinden, was mit ihrem Kopf ist und wir suchen einen Weg, wie Sie das alles kontrollieren können“, stimmte nun auch John zu.

„Ich will es nicht kontrollieren! Ich will es loswerden!“, schrie sie zurück und registrierte erst jetzt, dass auch John und Woolsey wieder da waren.

„Dann kommen Sie mit. Geben Sie uns die Möglichkeit Ihnen zu helfen.“

Zögerlich aber schließlich doch nachgebend ließ sie ihren Vater näher an sich heran und ließ es sogar zu, dass er sie danach am Arm hinausführte.

Krankenstation

Carson atmete tief durch und ließ seinen Blick erneut über die Ergebnisse der Scans und der schnellen Bluttests gleiten.

Doch er fand keinen Grund für das momentane Befinden von Sheppard Senior. Zumindest keinen körperlichen.

„Tja, da kann ich Sie noch so oft scannen und Ihnen Blut abnehmen – Sie sind kerngesund.“

„Und mein Herz? Ich meine … ich hatte doch damals einen Infarkt. Sollte ich da denn nicht darauf achten, oder …?“

„Mister Sheppard, laut den Scans befinden sich Ihr Herz und Kreislaufsystem in Topform. Ich kann absolut nichts entdecken, dass darauf schließen lässt, dass sie jemals einen Infarkt hatten, oder Gefahr laufen, wieder einen zu erleiden …“

Patricks verwirrter Gesichtsausdruck sprach für den Arzt regelrechte Bände. Daher war Beckett sehr froh, dass die restlichen Krankenakten und Autopsieberichte von Carol und Patrick Sheppard bei ihrer Ankunft in der Stadt gleich mitgeschickt wurden. „Ich will nicht abstreiten, dass Sie je einen Infarkt hatten. Immerhin steht dies auch … auf Ihrem Totenschein. Doch wie wir von Doktor Jackson wissen, kann es sehr gut möglich sein, dass nach Ihrem Aufstieg und Ihrer Rückkehr, Ihre körperliche Verfassung und Gesundheit wieder vollständig hergestellt wurde. Ich denke, dass was sie im Moment verspüren, könnte eher psychosomatischer Natur sein. Was nicht verwunderlich ist, nach all dem was Sie bisher erlebt, gesehen und nun auch erfahren haben.“

Patricks Verwirrung machte allmählich einem verständlichen Nicken und weiteren Gedanken Platz.

„Das wäre für meine Frau ein gefundenes Fressen. Sie müssen wissen, sie ist Psychotherapeutin und sie hatte schon immer den Drang, unser aller Seelenleben genauestens zu beobachten und zu erforschen. Aber nach alldem was … was mit John geschehen ist … Sie hatte sich früher öfter um Patienten gekümmert, denen Schreckliches widerfahren ist, aber John … das mit John … in dieser Hinsicht wird sie wohl eher als Mutter reagieren und nicht als Therapeutin.“

„Das ist durchaus verständlich, sie ist ja auch seine Mutter“, antwortete Carson, „von mir wird sie sowieso nichts erfahren, das habe ich Ihnen versprochen. Aber ich mache mir dennoch Gedanken um Sie und John. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf … ich weiß nicht, was genau zwischen Ihnen geschehen ist, es geht mich auch nichts an, aber Sie sollten schnellstens einige Dinge aufarbeiten. Vielleicht nicht gerade mit Bezug auf Kolya und alldem, aber … es wäre für Ihr aller Seelen und auch Nerven besser. Diese Empfindungen, die Sie haben, haben wie gesagt keine körperlichen Gründe, aber es ist nicht zu übersehen, dass Sie sich sorgen und Ihnen viel an John liegt. Reden Sie mit ihm, sprechen Sie sich aus, klären Sie die Missverständnisse und Konflikte und vor allem … akzeptieren Sie. Egal was es ist … John ist guter Mann, ein noch besserer Soldat und Pilot. Sein Herz sitzt am rechten Fleck und Sie können wirklich stolz auf ihn sein.“

„Das bin ich, Doktor und das ist das Problem. Ich bin kein Mann großer oder tiefschürfender Worte“, gab Patrick zu.

Carson lächelte verstehend.

„Nun ja, vielleicht ist es an der Zeit für einige Veränderungen. Es kann vielleicht schwierig sein, aber es richtet bestimmt keinen Schaden an, die Dinge mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.“

„Wo Sie es gerade erwähnen“, erwiderte Patrick und wollte das Gespräch wieder auf anderes lenken. „Kann es sein, dass auch meine Sehkraft irgendwie verbessert oder wieder hergestellt wurde? Früher habe ich kaum einen Schritt ohne meine Brille tun können. Nun kaum noch mit ihr. In den meisten Fällen brauche ich sie gar nicht mehr oder sie stört mich zu sehr.“

„Das kann gut sein. Wenn Sie einverstanden sind, können wir einen Sehtest machen und Ihnen eine Brille geben, die Ihrer aktuellen Sehstärke entspricht. Falls es überhaupt noch notwendig ist.“

„Sie machen auch Sehtests?“, kam es verwundert von Dave, der sich bisher eher still im Hintergrund hielt und sich erneut auf der Krankenstation umsah.

„Natürlich. Hat Doktor Keller denn nichts gesagt? Es gibt nichts, was wir nicht tun können. Zumindest was die Untersuchungsmethoden betrifft. Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und behaupte, dass dies die modernste Krankenstation in zwei Galaxien ist. Da ist ein Sehtest doch kein Problem, zumal wir eine Menge Piloten hier haben, die unter anderem ständig ihre Sehkraft untersuchen lassen müssen. Fragen Sie mal John.“

„Ich habe die Vermutung, dass John in den meisten Fällen nicht wegen seiner Augen hier landet“, gab Sheppard Senior zurück, doch Carson beließ es bei einem eher verhaltenen Lächeln. Er hatte schon zu viel erzählt und gezeigt. Diesmal würden die beiden Herren es akzeptieren müssen, dass er sich an die Verschwiegenheit hielt.

„Dafür ist er immer derjenige, der als erstes stiften geht. Aber Sie sollten Doktor McKay mal sehen. Es gab Zeiten, da war er fast täglich hier, wegen irgendeiner Kleinigkeit. Aber John hat ihn ganz gut im Griff und abgesehen davon, kommt er jetzt eher wegen Jennifer, als wegen irgendetwas Undefinierbarem“, erzählte Carson lachend.

„Wirklich? Er und Doktor Keller?“

„Oh ja, kaum zu glauben, nicht wahr?“

Es dauerte auch nicht lange, bis der lockere Plausch zwischen dem Arzt und den beiden Geschäftsmännern unterbrochen wurde.

„Dad?“

„Rick? Was machst du denn hier? Ist alles in Ordnung?“, fragte Carol besorgt, als sie mit John, den Antikern und Woolsey die Krankenstation betrat und ihren Mann erblickte.

„Aber ja, es geht mir gut. Ich wollte nur mal wissen, wie es um meine allgemeine Gesundheit steht. Das ist alles“, beruhigte er sie und stand von der Liege auf.

„Ja, aber … du bist doch im Stargate-Center untersucht worden.“

„Ja schon, aber … na ja, du siehst ja, hier geht es viel genauer. Ich wollte nur mal wissen, wo ich stehe. Du weißt, mit meinem Herz und meinen Augen und so … aber mach dir keine Sorgen. Es ist alles in bester Ordnung. Mir geht es hervorragend. Nicht wahr, Doktor?“, wandte sich Patrick schließlich an Carson, der nur zustimmen konnte.

„Kerngesund und mit dem Herz eines Bullen“, stimmte Carson zu, „und wenn er weiterhin auf genügend frische Luft, regelmäßige Bewegung und gesunde Ernährung achtet und den Stresslevel etwas senkt, wird es noch eine ganze Weile so bleiben.“

„Oh, darauf können Sie sich verlassen, Doktor. Ich werde mich schon darum kümmern, dass er gesund bleibt“, sagte Carol und drückte sich kurz an den Arm ihres Mannes.

„Und was ist mit dir? Warum bist du hier? Ist etwas geschehen?“

„Nein, nein. Nicht mit mir. Aber es ist etwas mit dem Commander nicht in Ordnung. Dem wollten wir nachgehen.“

„Wir?“

„John hat mich um Hilfe gebeten. So wie es aussieht, hat sie ganz besondere Fähigkeiten entwickelt, aber kann noch nicht so richtig mit ihnen umgehen.“

Patrick nickte, doch sein Blick blieb eher auf John gerichtet. Ohne dass dieser es merkte, beäugte er ihn ganz genau, versuchte irgendeinen Anhaltspunkt zu finden, ein sichtbares äußeres Zeichen für seine Gefangenschaft bei Kolya und die Folter durch diese Kreatur. Er versuchte auch in seinem Gesicht zu lesen, seinen Augen. Er sah zwar eine gewisse Müdigkeit und Anspannung in seinen Augen, doch er kannte ihn gut genug, um die für ihn so typische Abwehrmauer zu erkennen. Er ließ sich absolut nichts anmerken. Hätte Patrick nicht vor kurzem die Wahrheit erfahren, würde er sich wohl gar nichts dabei denken. Doch seine Gedanken kreisten noch immer um die Bilder, die er gesehen hatte und er fragte sich, ob John nicht doch noch die eine oder andere Auswirkung dieser Begegnung auf irgendeine Weise zu spüren bekam.

Ihn jedoch darauf anzusprechen wäre keine gute Idee. Er würde es abstreiten und es käme wieder zum Disput zwischen den beiden. Abgesehen davon wäre auch das Vertrauen zu Carson Beckett dahin.

„Es wird nicht lange dauern, Alexa. Lass dich von deiner Mutter untersuchen und dann … können wir uns in Ruhe unterhalten“, erklärte Tristanius, während er seine Tochter zu dem Scanner führte.

Doch Alexa wurde unruhig und wollte so schnell wie möglich wieder weg.

„Kann ich … können wir das nicht ein andermal machen? Ich habe noch so viel …“

„Nein! Das wird jetzt getan. Du weißt, es dauert nur ein paar Minuten. Also, lege dich hin, wir sind ganz schnell fertig“, bat Elisha etwas energischer, wartete kurz ab, bis ihre Tochter der Aufforderung nachkam, und aktivierte den medizinischen Scanner.

„Alexa, halt bitte still …“, mahnte Elisha, als Alexa noch immer unruhig zappelte. „Wir haben es gleich … ich habe es mir auch schon fast gedacht … die synaptische Aktivität liegt nun bei vierzehn Prozent.“

„Ist das schlecht?“, flüsterte Patrick seiner Frau zu.

„Der Mensch nutzt im Durchschnitt höchstens zehn Prozent des gesamten Gehirns. Das könnte ihre Fähigkeit, die Gefühle Anderer zu spüren, erklären. Die Frage ist nur, ob wir etwas dagegen unternehmen können.“

„So wie es aussieht, wahrscheinlich nicht. Die Aktivität steigt. Zwar nicht in regelmäßigen Abständen, aber sie steigt und somit kommen auch die Fähigkeiten“, antwortete Elisha, als sie das Gespräch der Sheppards mitbekam.

„Dann steigt sie auf?“, fragte John überrascht und besorgt zugleich.

Elisha war ratlos und doch suchte sie nach einer Erklärung.

„Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht. Aber bis ich etwas gefunden habe, was ihr die Attacken nimmt und ihr hilft, wird es wohl etwas dauern. Es tut mir leid, aber in der Zwischenzeit wirst du wohl lernen müssen, damit umzugehen.“

„Nein, ich kann das nicht … Ich will das nicht!“, schrie Alexa und sprang von der Liege und versuchte ihrem Vater auszuweichen.

Doch mit jedem Augenblick schien es ihr schlechter zu gehen und ihre Wut stieg.

„Mach, dass das aufhört, Ma.“

„Alexa, beruhige dich. Ich kann im Moment nichts tun und es wird noch etwas Zeit brauchen, bevor ich etwas finde.“

„Nein … nein, ich kann nicht warten. Du weißt nicht, wie das ist! Ma … bitte!“, flehte sie, während sich Tränen in ihren Augen bildeten.

„Schatz, ich tue alles, was ich kann, aber das geht nicht so schnell …“

Doch Alexa ließ sich nicht beruhigen. Stattdessen griff sie nach dem kleinen Tischen neben einem Krankenbett und stieß es wütend um, sodass es nur noch klirrte und schepperte und einige Instrumente und Utensilien über den Boden verteilt wurden. Erschrocken zuckten die Anwesenden zusammen.

„Nein…! Mach, dass es aufhört, Mutter! Sofort!“

„Alexa!“, schrie Tristanius. „Reiß dich zusammen!“

„Sie spürt ihn“, wandte John ein.

„Wie bitte?“

„Dorian! Er ist im Isolationsraum und der ist ganz in der Nähe. Sie spürt ihn, sie spürt seine Gefühle, seine Wut. Genau das ist wohl auch in der Werkstatt abgelaufen. Wir sollten sie von hier wegbringen, dann wird es vielleicht etwas leichter für sie und wir kommen auch besser an sie heran“, schlug John vor.

Tristanius sah hilflos zu seiner Frau, die allerdings nur zustimmen konnte.

„Tristan, vielleicht wäre es besser, wenn du dich um Alexa kümmerst. Ich bleibe bei Dorian, behalte ihn im Auge und suche nach etwas, was ihr hilft.“

„Ja, ist gut. Alexa …komm mit mir. Wir gehen ein paar Ebenen weiter runter, dann wird es dir besser gehen.“

Doch Alexa reagierte nicht. Sie nahm weder ihren Vater noch ihre Mutter oder irgendjemand anderen der Anwesenden richtig wahr. Stattdessen schien sie erneut einen Weg zu suchen, der sie aus dieser Klemme führen würde.

„Alexa … Alexa“, rief der General sie immer wieder, doch ihre einzige Reaktion war, sich wieder gegen die hintere Wand zu lehnen und langsam an ihr zu Boden zu rutschen.

„Oh nicht schon wieder“, kam es von Carol während John fluchte.

„Verdammt!“

„Was ist? Was ist mit ihr?!“, verlangte Tristanius zu wissen.

„Das war schon mal so. Kurz bevor Sie zur Jumperbucht kamen. Ich bin mir nicht sicher, aber ich vermute, dass die vielen Emotionen, die sie gerade empfängt, ihr Nervensystem irgendwie überlasten. Es ist möglicherweise eine Art Schutzfunktion des Gehirns. Die vielen Gefühle und Eindrücke erschrecken sie, sie erstarrt regelrecht.“

„Aber das ist doch … Sie müssen sich irren.“

„Nein, ich bin mir fast sicher. Auf der Erde gibt es etwas ähnliches. Es nennt sich Stupor. Heftige emotionale Reaktionen können so etwas hervorrufen. Man sagt auch starr vor Schreck. Wir müssen dafür sorgen, dass sie wieder zu sich kommt.“

„Und wie? Was haben Sie mit ihr in der Landebucht getan?“

„John hat sie wieder zurückbringen können.“

„Das kann auch Zufall gewesen sein, Mom.“

„Das spielt jetzt keine Rolle, John. Versuche es einfach nochmal. Vielleicht funktioniert es wieder.“

Besorgt kniete er der General sich neben seine Tochter und beobachtete ganz genau, was John tat.

„Alexa, hören Sie mich? Jetzt machen Sie nicht schon wieder solche Dummheiten. Kommen Sie wieder zu sich“, sprach John zu ihr, als er sich zu ihr hinunter beugte.

Tristanius sah wieder prüfend zu seiner Frau, die ihm auch dieses Mal vertrauensvoll zunickte.

„Alexa!“

Wieder berührte er sie und zwang sie erneut aufzusehen und ihren Blick zu fixieren.

„John?“

Wieder hatte sie diese unglaubliche Ruhe und Sicherheit gefunden. Das Chaos in ihrem Kopf und ihren Eingeweiden ließ spontan ab und ließ sie sich besser fühlen.

„Sie waren schon wieder weggetreten“, antwortete er auf ihr keuchendes Aufschrecken. „Wir sollten Sie hier wegbringen. Kommen Sie.“

„Nein, ich … mir geht es gut. Ich … ich denke, ich komme klar. Es …I ch glaube, ich kann so langsam damit umgehen.“

„Na ich weiß nicht. Das sah gerade ganz anders aus. Es bringt nichts sich jedes Mal weg zu beamen, wenn etwas ist. Sie müssen lernen, richtig damit umzugehen. Wir bringen sie etwas weiter weg von hier. Notfalls zum Südpier, an den Rand der Stadt und dann sehen wir zu, dass sie richtige Kontrolle darüber bekommen“, erklärte John und half ihr, wieder aufzustehen. Doch sie schwankte noch kurz und drohte auch in die Knie zu sacken. John preschte erneut hervor um sie zu halten, doch ihr Vater war schneller und ließ John keinen Spielraum, ihr nochmals näher zu kommen.

„Nein, nicht jetzt. Dorian … er braucht mich. Ich kann ihn jetzt nicht alleine lassen.“

„Alexa, du siehst doch selbst, dass es dir schwer zu schaffen macht, wenn du nur schon in seine Nähe kommst. Er ist noch immer sehr aufgebracht und wütend und kann nicht klar denken. Wenn du zu ihm gehst, hilfst du ihm nicht und dir selbst erst recht nicht. Ich denke es ist besser, wenn du so weit wie möglich von ihm fern bleibst. Zumindest, bis es ihm besser geht und du deine Fähigkeiten im Griff hast. Ich werde mich um Dorian kümmern und suche weiterhin nach einer Möglichkeit, dir helfen zu können. Ich verspreche es dir“, sprach Elisha eindringlich auf sie ein und versuchte sie zu überzeugen.

„Aber …“

„Alexa, ich möchte, dass du nun mit deinem Vater zur Cafeteria gehst. Du hast heute noch nichts gegessen und gehst sogar schon in die Knie. Danach werden Misses Sheppard und Colonel Sheppard mit dir sprechen wollen. Sie könnten dir helfen, Kontrolle über deine Empathie zu bekommen.“

Nachdem auch ihr Vater, John und Carol auf sie einredeten, gab Alexa nach und verlies mit den Dreien die Krankenstation.

Patrick und Dave entschieden, sich den anderen anzuschließen und ebenfalls etwas zu essen.

~~~///~~~

„Also, wie wollen Sie vorgehen? Was genau haben Sie vor? Wieso glauben Sie, meiner Tochter helfen zu können?“, wollte der Antiker General erfahren, als er mit den Sheppards und seiner Tochter an einem größeren Tisch saß und das Essen fast beendet war.

John empfand es als glücklichen Zustand, dass die Cafeteria im Moment so wenig besucht war. Es waren mit seiner eigenen Familie und ihm schon genug um Menschen um Alexa. Doch sie schien wieder zu einer gewissen Ruhe gekommen zu sein, sodass ihr die Gesellschaft nichts auszumachen schien.

„Um ehrlich zu sein … ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob ich überhaupt helfen kann. John hat mich darum gebeten. Aber ich möchte es zumindest versuchen. Allerdings bräuchte ich dafür zunächst so viele Informationen wie möglich über diese Fähigkeiten, vor allem aber über die biologischen und medizinischen Aspekte Ihres Volkes, die Funktionsweise und die chemische Zusammensetzung Ihrer Hirnchemie und vieles mehr. Möglicherweise kann ich Ihrer Tochter mit Entspannungs- und Konzentrationsübungen etwas helfen. Danach könnte ich sogar versuchen, Techniken und Übungen zu entwickeln, die ihr helfen diese Empathie ganz bewusst zu kontrollieren und zu lenken. Am wichtigsten ist jedoch, dafür zu sorgen, dass Sie nicht wieder in diesen apathischen Zustand fallen. Was sagen Sie, Commander? Lassen Sie uns es zumindest versuchen. Ihre Mutter und die anderen Ärzte werden früher oder später bestimmt etwas finden, was Ihnen sogar diese Schmerzen auf Dauer nehmen kann. Aber bis dahin könnten wir zumindest die Kontrolle erlangen. Das macht vieles einfacher für Sie, vertrauen Sie mir“, erläuterte Carol, als sie sich schließlich an Alexa direkt wandte.

Doch diese schien unschlüssig, sah ratsuchend zu ihrem Vater neben sich und überlegte.

„Falls es Ihnen irgendwie hilft, meine Frau ist eine sehr angesehene und auch erfolgreiche Psychotherapeutin. Sie hat schon vielen Leuten mit den unterschiedlichsten Problemen helfen können …“

„Patrick, das war früher mal. Sie sollten wissen, dass ich … na ja, es ist über zwanzig Jahre her. Daher werde ich auch vorher noch mit dem hiesigen Psychologen sprechen müssen, um mich auf den neuesten Stand zu bringen.“

„Wieso waren Sie so lange nicht mehr als Psychologin tätig?“, fragte Tristanius neugierig.

„Ich … ich war tot.“

„Aufgestiegen!“, berichtigte John seine Mutter.

„Aufgestiegen?! Ich bin noch niemals einem Aufgestiegenen begegnet“, staunte Tristanius.

„Man hat uns wieder zurückgeschickt. Offenbar haben wir wohl etwas getan, was nicht erlaubt war und so standen wir vor ein paar Tagen plötzlich wieder in unserer Küche und haben Dave zu Tode erschreckt.“

„Ich habe es überlebt, Mom. Aber das werde ich so schnell nicht vergessen“, meinte Dave mit einem fassungslosen Kopfschütteln, als er sich zurückerinnerte. Auch John zog die Augenbrauen hoch und schielte mitfühlend zu seinem Bruder.

„Der Aufstieg ist für viele unseres Volkes höchst erstrebenswert, aber nur wenigen vergönnt. Sie müssen mir bei Gelegenheit von Ihren Erfahrungen berichten“, bat Tristanius, während John sich wunderte, dass dieser sich offenbar besser mit seiner Mutter verstand, als mit ihm. Doch ihm konnte es nur recht sein. Vielleicht wäre dies eine weitere Möglichkeit, an den Mann heranzukommen und ihn näher kennenzulernen.

„Das werde ich gerne tun, sobald ich mich daran erinnere. Es ist noch alles etwas neu und verwirrend für uns, aber Doktor Jackson sagte, dass wir uns bald an die eine oder andere Einzelheit erinnern würden. So weit ich weiß hat auch er den Aufstieg erreicht. Sogar zweimal, nicht wahr, Liebling?“, wandte sich Carol an ihren Mann, der nur nicken konnte, da er mit kauen noch nicht fertig war.

„Tatsächlich? Nun, ich hoffe, ich kann mich auch mit Doktor Jackson unterhalten“, erwiderte Tristanius und sah fordernd zu John.

„Ich werde ihn gerne darauf ansprechen, General.“

Nun gut, zurück zu dir, Alexa. Du hast noch gar nichts gegessen. iss wenigstens ein paar Bissen und dann sag uns, wie du dich entschieden hast. Vielleicht kann dir Misses Sheppard wirklich helfen.“

Alexa kam erst gar nicht zu einer Antwort, als ein Alarm durch ganz Atlantis zu hören war.

„Was ist das?“, wollte Patrick wissen.

„Das klingt wie die Selbstzerstörung!“, kam es von Tristanius.

„McKay, was ist los? Wieso die Selbstzerstörung?“, fragte John über sein Funkgerät.

„Keine Panik, die Selbstzerstörung ist nicht initialisiert worden. Es ist nur der Alarm und offensichtlich ein Fehlalarm, aber-… oh nein. Sie sollten besser zum Kontrollraum kommen!“

„Ihr bleibt hier, keine Sorge. McKay hat wahrscheinlich nur mal wieder an den Sensoren rumgespielt“, versuchte er seine Familie zu beruhigen, bevor er sich mit Alexa und dem General auf den Weg machte. „Was ist los?!“, fragte John, als er im Kontrollraum ankam.

„Werden wir angegriffen? Colonel, ich dachte die Wraith-Basis sei zerstört worden?“, fragte Woolsey leicht panisch.

„Ist sie auch. Alexa hat ganz zwölf Drohnen rein gejagt.“

„Es sind nicht die Wraith“, meinte McKay.

„Erinnern Sie sich noch an unseren Zusammenstoß mit dieser Energie fressenden Wolke, als wir damals den Commander gesucht haben und ich Ihnen zum Schluss mitgeteilt habe, dass ich die externen Sensoren der Stadt extra neukalibriert habe, um zu erfahren, ob und wann dieses Ding in unser System kommt?“

„Oh nee, nee, nee, nee, bitte sagen Sie es nicht, McKay“, flehte Alexa.

„Sie kommt. Sie hat gerade die Grenze zu unserem System passiert und nimmt Kurs auf uns.“

„Das darf doch nicht wahr sein!“, fluchte Alexa.

„Und deswegen der Alarm?“ John ging nicht auf Alexas Fluchen ein.

„Ich habe wie gesagt, die Sensoren der Stadt neu kalibriert. Sie sollten uns warnen, falls dieses Ding in unsere Nähe kommt. Ich habe ja nicht wissen können, das sie gleich so einen Alarm auslösen!“

„Hatten wir nicht darüber gesprochen? Erst die Störungen in der Atmosphäre und die Quarantäne und jetzt das. Sie können das rumfummeln an den Sensoren einfach nicht lassen, was?“, frotzelte John nicht ganz ernst gemeint.

Rodney verdrehte die Augen, kam aber nicht mehr zu einer Argumentation.

„Wie lange bis sie hier ist?“, wollte Richard wissen, und registrierte den verwirrten Gesichtsausdruck des Generals.

„Na ja, bis spätestens morgen Abend sollten wir von hier verschwunden sein.“

„Na dann sollten wir uns mit der Evakuierung beeilen. Haben wir einen Planeten, auf dem wir vorübergehend bleiben können, bis diese … dieses Ding verschwunden ist?“, erkundigte sich Woolsey weiter.

„Ähm …“

„Einen Moment mal! Was ist hier los? Von was ist denn hier die Rede?“, verlangte Tristanius zu wissen.

John sah kurz zu Alexa und begann gleich darauf mit einer Erklärung.

„Vor einiger Zeit hatte Alexa mit einer Gruppe von Wissenschaftlern zu einem Planeten fliegen sollen, die dort einige Untersuchungen und Messungen vornehmen sollten. Sie kamen aus dem Space-Gate und trafen kurz darauf auf so ein wolkenartiges Gebilde, das den Jumper angriff. Sie hat …“

„Ich habe `ne Bruchlandung auf einem Wüstenplaneten hinlegen müssen“, gab Alexa zu.

„Wie bitte?! Eine Bruchlandung?!“

„Das Ding hat uns angegriffen und die Energie entzogen. Ich habe die Kontrolle verloren und bin … abgestürzt.“

„Hast du sie denn nicht mit den Drohnen abwehren können?“

„Pa, dazu kam ich erst gar nicht. Außerdem glaube ich, dass das ohnehin nichts gebracht hätte. Das Ding frisst jegliche Energie. Drohen wären wahrscheinlich ein regelrechter Leckerbissen gewesen.“

„Als sie sich nicht planmäßig meldete, sind wir hinterher und haben ebenfalls mit dieser Wolke Bekanntschaft machen müssen. Wir konnten gerade noch entkommen, Alexa und einen Wissenschaftler aufsammeln und zusehen, dass wir dann von dem Riesenvieh auf dem Planeten wegkamen“, ergriff John wieder das Wort.

„Riesenvieh?“

Wieder blickte Tristanius verwirrt in die Runde.

„Ja, auf diesem Wüstenplaneten war ein wirklich riesiges, ekelhaftes Wurm… Schlangen… ding. Echt widerlich! Das hätte mich fast umgebracht!“

„Das hätte uns alle fast umgebracht, McKay. So wie Lenoirt und Ferguson“, sprach John leise und nahm dem Kanadier den Wind aus den Segeln.

„Ferguson hatte den Absturz nicht überlebt, Mendez wurde schwer verletzt und Lenoirt … ist von dem Vieh …“, berichtete die Antikerin weiter.

„Das kannst du mir ein andermal berichten, Alexa. Richte deine Konzentration wieder auf die momentane Situation“, sprach der Vater ruhig zu ihr, als er merkte, dass ihr diese Erinnerung emotional zu schaffen machte. „Also, diese Wolke ist offenbar nicht zerstörbar. Kann sie irgendwie von ihrem Kurs abgebracht werden?“

„Denke ich nicht. Es sei denn, Sie haben etwas sehr Energiereiches, dass Sie gerne opfern wollen, um es als Köder zu verwenden. Und selbst dann zweifele ich an der Durchführung, ganz zu schweigen am Erfolg dieses Vorhabens. Wer weiß wie groß und mächtig sie in der Zwischenzeit geworden ist. Von einer möglichen Intelligenz, die vielleicht vorhanden sein könnte, ganz zu schweigen.“

„Tja, ich schätze, dann läuft es doch auf eine Evakuierung hinaus“, meinte John und wurde sogleich von Rodney korrigiert.

„Ich fürchte, Sie verstehen nicht ganz. Es bringt nichts, die Stadt zu verlassen. Wir müssen mit Atlantis gehen.“

„Wie bitte?“

„Diese Wolke entzieht alles und jedem sämtliche Energie. Es kann sie sogar über größere Entfernungen aufspüren und wenn es nur eine hundsgewöhnliche Alkali-Batterie ist. Ist sie mit ihrem Opfer oder was auch immer fertig, zerstört sie es. Diese Wolke ist mittlerweile so groß und geladen, dass sie beinahe alles zerstören kann, was ihr in den Weg kommt. Atlantis ist für sie ein gefundenes Fressen. Sie schlägt sich den Bauch an den ZPM´s und den Naquadah-Reaktoren voll und zerreißt die Stadt dann in tausend Teile. Vorausgesetzt sie hat einen Bauch oder so etwas.“

„Dann schalten wir die gesamte Energiezufuhr aus und warten, bis sie weitergezogen ist“, kam es erneut von dem General.

„Im Prinzip eine gute Idee, aber selbst wenn wir die ZPM´s offline bringen und die Reaktoren abschalten, geben sie immer noch eine gewisse Restenergie aus. Wir können diese Werte teilweise gar nicht messen, aber dieses Ding schon. Es wird uns finden. Denn wie Sie sicherlich wissen, geben auch wir eine gewisse Energie ab.“

Richard zögerte kurz.

„Und wenn wir die Stadt versenken?“

„Geben wir zu, dass wir im Grunde so gut wie nichts von dieser Wolke wissen, außer dass sie sich offenbar von Energie ernährt. Auch wenn ich sie noch so gerne erforschen würde, will ich ehrlich gesagt nicht herausfinden müssen, dass Wasser sie doch nicht aufhalten kann, sie die Energie für die Schilde aufspürt und sie uns dann entzieht. Tod durch Ertrinken ist nicht gerade mein favorisierter Tod.“

„Reicht denn die Energie überhaupt für einen Flug mit der Stadt?“, informierte sich der Expeditionsleiter, der bisher genauestens den Ausführungen des Wissenschaftlers zugehört hatte.

„Also, ich bitte Sie, wir haben doch vor Kurzem erst ein volles ZPM erhalten und das, mit dem wir herkamen, ist auch noch gut zur Hälfte voll. Ein Flug bis zum Rand der Galaxie, ein paar Tage Aufenthalt und die Rückkehr … wenn ich die bisherigen Berechnungen und Kalibrierungen noch ein wenig verbessern kann, haut das locker hin und wir sparen sogar noch ´ne Menge Saft.“

Richard war kurz davor eine Entscheidung zu treffen, doch er nahm sich seit der Rückkehr des Antiker Generals vor, solche tief greifenden Entscheidungen nicht mehr alleine, sondern mit Absprache des Generals zu treffen. Immerhin war es noch immer seine Stadt und er hatte ein Entscheidungsrecht. Abgesehen davon wäre es für die Völkerverständigung bestimmt nicht verkehrt und würde die momentane angespannte Beziehung mit Sicherheit etwas erleichtern. „General, was sagen Sie?“

„Wäre mein Sohn hier, könnte er vielleicht mehr dazu sagen…“ Tristanius ging zum Geländer, sah kurz zum Gateraum hinunter und dachte nach.

„Vater, Dorian könnte dir auch keine anderen Informationen geben, als Doktor McKay. Er ist einer der besten Wissenschaftler, den die Menschen hier haben und mindestens genauso brillant wie Dorian.“ Alexa konnte aus den Augenwinkeln sehen, wie Rodney vor Stolz doch glatt einen halben Meter größer wurde und versuchte, ein breites Grinsen zu unterdrücken. „Glaube mir, dieses Ding ist nicht so harmlos, wie es vielleicht aussieht und es gibt wahrscheinlich auch keinen Weg mit ihm zu kommunizieren. Wir sollten wirklich hier weg.“

Einen kurzen Augenblick sah er seine Tochter prüfend an, dann entschloss er sich. „Nun gut, wir haben wohl keine andere Wahl. Nur wer soll die Stadt fliegen und wer das Schiff?“

Alexa dachte kurz nach. „Ich fliege die Stadt.“

„Nein! Du hast wohl vergessen, dass du suspendiert wurdest.“

„Muss ich denn unbedingt ein Offizier sein, um die Stadt in Sicherheit zu bringen?“

„Das vielleicht nicht. Aber Sie brauchen einen klaren Kopf, um sich auf die Stadt und das fliegen zu konzentrieren. Sie haben da aber momentan noch die andere Sache, die Sie ziemlich beschäftigen dürfte“, wandte John ein, als er ebenfalls nicht gerade begeistert vom Vorschlag der jungen Frau war.

„Genau deswegen sollte ich fliegen. Ich …“

„Auf keinen Fall!“

„Pa, ich kann das. Ich habe es gelernt, du hast es mir doch beigebracht.“

„Das kommt nicht in Frage! Du bist nicht in der Verfassung dazu. Ende der Diskussion!“

„Ich weiß, dass ich das schaffe! So kann ich lernen, mich auf andere Dinge …“

„Nein! Alexa, Atlantis ist keine Übungsstätte. Es ist in deinem Zustand zu gefährlich. Während des Starts oder der Landung könnte etwas schief gehen. Du könntest … dein Nervensystem könnte wieder überlastet werden.“

„Wenn ich die Stadt fliege, bin ich gezwungen, mich voll und ganz auf sie zu konzentrieren und nicht auf die Menschen und ihre … Gefühlswelt. Genau wie jetzt! Und jetzt gerade geht es mir gut!“

Tristanius verdrehte die Augen und schüttelte entnervt den Kopf. Die Sturheit seiner Tochter strapazierte seinen Geduldsfaden arg und doch faszinierte es ihn jedes Mal aufs Neue.

„Das kann sich aber noch sehr schnell ändern“, stimmte John dem General zu, worauf Alexa ihn wütend anfunkelte, jedoch nicht weiter auf ihn einging. Wieder blickte sie zu ihrem Vater und trat noch näher an ihn heran.

„Pa … ich weiß, ich kann das … bitte“, wisperte sie und sah ihm flehend in die Augen.

Tristanius wandte und wehrte sich, doch er spürte, wie ihr Blick, ihre Augen, seinen Widerstand immer mehr verebben ließen.

„Alexa …“

Ein letzter, tiefer Blick in ihre Augen und es war endgültig um ihn geschehen. „Aber nur unter Vorbehalten“, erklärte er, „Du wirst gleich etwas essen und dich dann bis morgen früh zum Start genügend ausruhen. Ich möchte dich nicht irgendwo in der Stadt sehen. Ist das klar?“

„Ja, absolut. Danke!“

„Und du wirst sofort Bescheid geben, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Du wirst auf keinen Fall im Kontrollstuhl Platz nehmen, wenn es dir nicht gut geht. Hast du das verstanden? Und noch etwas… Bevor wir morgen überhaupt starten, lässt du dich nochmal von deiner Mutter untersuchen.“

„Einverstanden.“

„Gut, das hoffe ich sehr. Dann geht es jetzt nur noch um das Schiff.“

„Das könnte doch wieder Major Lorne fliegen“, schlug John vor, doch Tristanius hatte Einwände.

Nicht, dass er Lorne traute, doch diesem Sheppard traute er noch weniger. Vor allem, da er um seine Tochter herum zu schleichen schien, als ob… ja was denn überhaupt? Ihm war dieser Colonel irgendwie suspekt. Irgendetwas war an ihm, dass ihn störte. Nein, nicht störte, aber es beschäftigte ihn doch sehr. Es wäre vorerst das Beste, ihn so weit entfernt wie möglich von seiner Tochter zu sehen. Wenn dies alles vorbei wäre, würde er schon mehr herausfinden und diesem Sheppard auf den Zahn fühlen.

„Mister Woolsey, es wäre mir ganz recht, wenn Colonel Sheppard das Schiff fliegt. Es kann sich später um die Übungen meiner Tochter gekümmert werden. Sie stimmen wohl mit mir überein, dass es offensichtlich nicht so kritisch um den Commander steht und es nun wichtigere Dinge gibt, die unserer Aufmerksamkeit bedürfen. Oder bereitet dies irgendwelche Schwierigkeiten?“

„Für mich nicht, General. Colonel, geht das in Ordnung für Sie?“

Zunächst sah John zu Woolsey, der schon leicht fordernd und mit einem zustimmenden Kopfnicken seine Antwort abwartete, dann zu Alexa, die doch deutlich mehr Unsicherheit zeigte, es aber wohl kaum zugeben wollte oder eher konnte.

„Ja … ja, sicher. Das ist kein Problem.“

„Wir sollten noch so viele Welten wie möglich informieren und warnen, besonders unsere Verbündeten und Handelspartner. Doktor McKay, können Sie in ungefähr den Kurs dieses … dieser Wolke vorausberechnen und einen sicheren Planeten heraussuchen, auf den wir die Menschen der gefährdeten Welten für einige Tage schicken können?“

Es war eigentlich mehr eine Anweisung, als eine Frage, die Richard Woolsey von sich gab.

Doch McKay war sich nicht sicher.

„Ich kann es nicht genau berechnen, aber ich sehe, was ich machen lässt. In der Zwischenzeit sollten wir auch das Stargate Center informieren.“

„General, Sie verstehen sicherlich, dass Ihre Rückkehr in Ihre Heimat auch für meine Vorgesetzten auf der Erde sehr erfreulich und interessant sein dürfte. Ich möchte vorschlagen, dass wir uns zusammensetzen und über die momentanen Begebenheiten und die weiteren Schritte, zumindest für die nächsten Tage, sprechen, sodass ich ihnen schon erste Anhaltspunkte und eventuelle Ergebnisse liefern kann.“

„Einverstanden. Doch zu allererst möchte ich persönlich sicherstellen, dass meine Tochter etwas zu sich nimmt und sich danach auch wirklich zur Ruhe begibt und ich möchte noch gerne nach meinem Sohn und meiner Frau sehen.“

„Selbstverständlich. Wenn Sie gestatten, möchte ich mich ebenfalls nach dem Befinden Ihres Sohnes erkundigen.“

 ~~~///~~~

Tristanius führte seine Tochter zurück in die Kantine und wurde dabei von John begleitet, der zu seiner Familie zurückkehren wollte. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass auch er endlich in Ruhe etwas essen wollte. Sein Magen grummelte schon heftig vor sich hin, und wenn er ehrlich war, war er auch schon etwas zittrig auf den Beinen. Die Kreislauftropfen die Carson ihm nach der Operation verabreicht hatte, wirkten schon lange nicht mehr und mehr als einmal spürte John, wie die Erschöpfung und die Müdigkeit an seinen Gliedern zerrten und seine Konzentration langsam nachließ. Auch die Schmerzen an seinem Bauch kehrten allmählich zurück und waren bei jeder größeren und anstrengenderen Bewegung deutlicher zu spüren.

John sah, wie der General das Tablett seiner Tochter mit einigen Sandwiches, Obst und kleineren Naschereien belud und sich zwei Flaschen Wasser schnappte. Währenddessen sprach er immer wieder zu ihr und fragte nach, was sie lieber haben wollte. Kurz darauf verabschiedeten er und Alexa sich von den Sheppards und verließen die Kantine.

Johns Beobachtungen und Vermutungen bestätigten sich erneut.

Trotz der Differenzen, die er mit Alexa hatte, schien er doch sehr besorgt um sie zu sein und verwöhnte sie regelrecht mit Süßspeisen, wie Müsliriegel, Pudding und Muffins. Doch John konnte sich denken, dass ein Teil dieser Tablettladung auch für seine Frau gedacht war, die er gleich wieder aufsuchen wollte. Unter der harten und unnahbar erscheinenden Schale schien doch ein weicher Kern zu stecken.

Jetzt galt es allerdings, seinem Vater, seiner Mutter und seinem Bruder plausibel zu erklären, warum sie wieder einige ihrer Sachen einpacken und zum Schiff bringen mussten und warum sie die nächsten Tage nichts weiter, als das All zu sehen bekämen.

„Was ist los? Ist was passiert?“, fragte Dave neugierig, als er seinen Bruder wieder am Tisch Platz nahm.

„Ihr werdet morgen mit eigenen Augen sehen, wie Atlantis fliegt“, antwortete John knapp, schnitt sich ein Stück von seinem Steak ab und schob es sich genüsslich in den Mund.

„John, das ist doch kalt. Das kannst Du doch nicht mehr essen“, meinte Carol und schüttelte mit dem Kopf.

„Sicher kann ich das. Siehst du doch. Außerdem habe ich so einen Kohldampf, dass es mir völlig gleich ist, ob es warm oder kalt ist.“

„Einen Moment! Was soll das heißen, wir werden sehen, wie Atlantis fliegt? Was ist denn nun passiert? Oder soll das eine … eine Vorführung werden … oder was?“ Irritiert fragte Patrick nach.

„Nein, keine Vorführung. Sagen wir einfach es ist ein strategischer Rückzug. Eine kurzfristige Räumung, ein kleiner Ausflug …“

Der Soldat hatte sichtlich Spaß daran, seine Familie auf die Folter zu spannen und sie ein wenig an der Nase herumzuführen. Allerdings nicht lange, denn Carol hatte noch immer das geradezu erschreckende Talent, dem Ganzen mit nur einem Blick ein Ende zu setzen und zu signalisieren, dass er es nicht auf die Spitze treiben sollte.

Minuten später erörterte er nicht ganz detailgenau den Grund für Reise mit einer ganzen Stadt und stellte auch gleich den genauen Ablauf für den kommenden Morgen klar.

Man war zwar ein klein wenig enttäuscht, als man erfuhr, dass nicht John die Stadt fliegen würde, aber dennoch überwog die Freude und die Neugier auf eine Reise in einem außerirdischen Raumschiff und der Flug durchs Weltall.

~~~///~~~

Lustlos knabberte Alexa an ihrem Sandwich, gelegentlich schob sie die Käsescheiben hin und her und legte den Rest dann schließlich ganz zur Seite.

Still hatte Tristanius seiner Tochter zugesehen und schluckte nun den letzten Bissen seines Sandwiches hinunter.

„Du musst etwas essen.“

„Das habe ich. Ich habe keinen Hunger mehr“, antwortete sie und stellte sich an das Fenster ihres Quartieres um den Sonnenuntergang zu beobachten.

„Das war aber definitiv zu wenig. Du musst wieder Kräfte sammeln und dich morgen konzentrieren können.“

„Ich werde das schon hinbekommen oder zweifelst du an mir?“

„Ich zweifele nicht an dir. Auch nicht an deinen Fähigkeiten. Aber du wirst wohl kaum widersprechen, wenn ich sage, dass du im Moment in keiner guten Verfassung bist.“

„Ist es nur das, was dir Sorge bereitet? Oder denkst du auch über …“

Alexa verstummte. Noch immer ging ihr das Gespräch mit ihrem Vater oder besser gesagt die Beschuldigungen und die Suspendierung am Morgen nicht aus dem Kopf. „Was soll denn mit uns werden? Was ist denn, wenn die nächsten Tage vorüberziehen, wenn Dorian geheilt ist und wir wieder hierher zurückgekehrt sind? Was dann? Wie soll es weitergehen?“

Tristanius wusste, auf was seine Tochter hinauswollte, doch er hatte weder Lust noch den Kopf, wieder mit ihr über die momentane Problematik und Alexas Verrat zu diskutieren.

„So weit kann und will ich im Moment nicht denken und schon gar nichts entscheiden. Das wird warten müssen.“

„Aber … in den kommenden Tagen …“

„Alexa, wie du selbst sagtest. Zuerst kommen einige Tage, die … lass diese Tage erst vergehen. Dann werden wir uns nochmal unterhalten.“

Tristanius machte sich daran das Quartier einer Tochter zu verlassen, als sie ihn nochmals aufhielt.

„Vater, ich … es tut mir …“

„Alexa!“ Seine Stimme wurde nur für einen Moment laut, doch er rief sich schnell wieder zu Ruhe und atmete tief durch. „Ich kann nicht … ich muss … leg dich schlafen. Wir sprechen ein andermal darüber“, antwortete er und verließ eilig die Räume.

Enttäuscht und niedergeschlagen blieb Alexa zurück, während der General sich für einige Minuten auf einen Balkon stellte, sich von der frischen, salzigen Meeresluft erfrischen ließ und die wichtigsten Überlegungen anstellte.

 ~~~///~~~

„Elisha“, ertönte die Stimme des Generals hinter seiner Frau, als dieser die Krankenstation betrat.

„Tristan, was ist denn vorhin passiert? Warum gab es diesen Alarm?“

„Das erkläre ich dir gleich. Keine Sorge, es besteht keine unmittelbare Gefahr. Hier, ich habe dir etwa mitgebracht.“

„Oh, ich danke dir.“

Gerührt von der Fürsorge ihres Mannes, strich sie ihm über den Arm, bevor sie nach dem kleinen Imbiss griff, dass er für sie mitgebracht hatte.

„Mister Woolsey“, grüßte Tristanius, als er diesen auf in den Beobachtungsraum kommen sah, wandte sich dann aber sogleich wieder an seine Frau.

„Was ist nun mit Dorian?“

„Er brüllt und schreit noch immer herum und versucht krampfhaft, sich zu befreien. Manche seiner Worte sind sehr … er droht jedem, der in seine Nähe kommt, aber es ist dieses Enzym, das aus ihm spricht. Doktor Keller meinte, dass es noch ein wenig dauern kann, bis sein System beginnt, es abzubauen. Wir müssen Geduld haben und genau wie er, durchhalten.“

„Ich werde mit ihm sprechen“, meinte Tristanius und begab sich in den Isolationsraum, der noch immer von zwei Soldaten bewacht wurde.

~~~///~~~

Dorian hatte sich wieder in eine sitzende Position bringen können, als sein Vater den Raum betrat und auf ihn zuging.

„Bind´ mich los, Vater. Sieh dir an, was sie mit mir machen.“

„Es dient zu deinem Schutz, mein Junge. Ich kann dich nicht losbinden, noch nicht.“

„Du erlaubst, dass sie das mit mir machen?! Haben sie dich auch einer Gehirnwäsche unterzogen?“

„Du weißt, dass dies nicht möglich ist. Es ist Blödsinn. Dein Verstand ist von …“

„Nein! Nein … hast du es etwa vergessen? Zuerst haben sie Alexa manipuliert, dann haben sie es mit mir versucht, aber das scheint nicht zu funktionieren, also taten sie es mit dir, damit du und Alexa mich überzeugen könnt. Aber das wird nicht gelingen. Siehst du Vater, wie stark ich bin? Sie können meinen Verstand nicht korrumpieren. Haha, ich bin sogar noch stärker als du. Siehst du? Dabei hieß es doch immer, dass nur ein Agema so stark und unbeeinfluss…“

„Dein Verstand ist getrübt, du redest wirres Zeug.“

„Bin ich auch einer? Natürlich bin ich ein Agema. Ich bin immerhin dein Sohn! ich habe deine Gene … und die von Mutter. Ich frage dich … wird das reichen, um sie zu schützen? Du weißt, er wird sie holen kommen. Bald wird er sich wieder zeigen und sie jagen. Du bist alleine … Ich bin alleine … Sie ist alleine … Gemeinsam könnten wir sie beschützen. Wir sind beide Agemas. Aber da du mich, deinen eigenen Sohn gefangen hältst, kann ich dir nicht die Quelle zeigen, aus der ich all meine Kraft schöpfe. Sie würde uns noch viel stärker und schneller machen, als du es je für möglich gehalten hättest. Dein Verständnis wäre auf einer viel höheren Ebene. Du …“

„Genug! Sei still! Sprich nicht weiter … alles wirres Gerede. Das werde ich mir nicht mehr anhören! Du bist krank und du wirst hier bleiben, deine Mutter wird sich um dich kümmern, bis du wieder gesund bist. Dir wird es bald besser gehen.“

Schnell verließ der Vater den Isolationsraum und ließ seinen Sohn weiter lamentieren und brüllen, selbst als sich die Türen schon lange wieder geschlossen hatten. Es bereitete ihm arge Schwierigkeiten, einen klaren Kopf zu behalten, zu seiner Ruhe zu finden und nicht jeden gleich sehen zu lassen, wie sehr ihm die Sorge um seinen Sohn zu schaffen machte.

„Von was hat er da gesprochen?“, wollte Richard sich erkundigen, als Tristanius wieder im Beobachtungsraum erschien.

„Ich weiß nicht. Vermutlich ist es nichts weiter, als Fantasterei. Dieses Enzym vernebelt seinen Verstand“, wiegelte der General wieder ab und ignorierte den besorgten Blick seiner Frau.

Richard nickte und beließ es zunächst dabei. Nach weiteren Gesprächen über die Gesundheit und Behandlung des jungen Antikers und den Grund des Alarms und die kommende Evakuierung begaben sich Richard und Tristanius wieder ins Büro und besprachen das weitere Vorgehen und den Inhalt von Woolseys Bericht über die Rückkehr der Familie Thalis.

 ~~~///~~~

Es war bereits kurz vor Sieben, als John sich bei seinem Vater meldete und ihn, seine Mutter und seinen Bruder zum Frühstück begleitete.

Noch einmal erklärte John den Grund und den genauen Ablauf einer Reise quer durch die Galaxie. Zudem hatte er auch dafür gesorgt, dass der Psychologe der Stadt, Doktor Wingers mit an Bord des Raumschiffes sein würde. So konnte sich seine Mutter und er bekannt machen und über ihre Arbeit und die Vorgehensweise für Alexas mentales Training ihrer emphatischen Fähigkeit sprechen.

Dass die junge Frau mittlerweile schon bei ihrer zweiten Tasse Kaffee war, verwunderte John nicht wirklich. Vermutlich versuchte sie, mit dem Koffein die restliche Müdigkeit zu vertreiben und ihre Wachsamkeit und Konzentration für den bevorstehenden Flug anzukurbeln. Doch aus irgendeinem unerfindlichen Grund wunderte sich John über den General und dessen bevorzugten Geschmack bezüglich seines Kaffees. Natürlich erst, nachdem ihm seine Tochter das heiße Getränk schmackhaft gemacht hatte.

Eine Menge Milch und mindestens drei Stück Zucker brachten die Tasse beinahe zu überschwappen und ließen ihn sofort belebter erscheinen.

John hatte in der Zwischenzeit seine Aufmerksamkeit wieder auf Alexa gelenkt und gab nach dem zweiten Versuch auf, ihr den Flug mit Atlantis auszureden. Dieser Sturheit konnte wohl kaum jemand entgegentreten. Nicht mal ihr Vater, wie man am gestrigen Tage beobachten konnte. Ein treuer, bittender Dackelblick schien auszureichen, um den gestandenen Soldaten mit dem Rang eines Generals um den Finger zu wickeln.

John lächelte in sich hinein. Im Grunde war diese Antiker Familie nicht anders, als jede andere Familie auf der Erde auch.

Der Sohn dreht etwas am Rad, die Tochter hat den Vater fest im Griff, der Vater sagt, doch die Mutter lenkt.

Das Frühstück war beendet, Alexa bekam von ihrer Mutter nach einer weiteren Untersuchung grünes Licht, die Vorbereitungen für den Start sowohl für die Stadt als auch das Raumschiff waren abgeschlossen.

Patrick, Carol und Dave staunten nicht schlecht, als sie die Brücke betraten und zu ihren Plätzen an der Seite geführt wurden. Das ganze Design erinnerte die Familie stark an die verschiedenen Räume in Atlantis, ausgenommen die riesige Brücke und das noch größere Fenster. So etwas Großes hatte noch keiner von ihnen je zuvor gesehen. Davor sahen die zwei kleinen Steuerkonsolen geradezu winzig, verlassen und einsam aus.

Doch es wurde allmählich lebendiger und lauter, als noch einige Techniker und weiteres Personal die Brücke betraten. Allen voran Zelenka, der die Schiffssysteme und andere Funktionen überwachen und notfalls für eventuelle Reparaturen und Sonstiges zur Stelle ein sollte.

Einige Systeme waren immer noch offline, aber für eine zwölfstündige Reise im Hyperraum und einem zweitägigen Aufenthalt im Weltraum würden sie auch nicht gebraucht werden.

„Wie sieht´s aus?“, fragte John, als das kleine Podest auf dem der Kommandostuhl stand, ging.

„Alle Systeme sind bereit und voll funktionsfähig, außer die, die offline sind, natürlich“, gab Zelenka bekannt und setzte sich an eines der Steuerpulte vor ihm. Chuck setzte sich neben ihn und nahm letzte Einstellungen vor.

„Sind Systeme, die wir brauchen könnten, offline?“, fragte er erneut und tippte ebenfalls auf seinem kleinen Computer auf der Armlehne herum.

„Nein. Wir haben Sternenantrieb, Hyperraum interstellar und intergalaktisch, Schilde, Sensoren, Kommunikation, Lebenserhaltung und Drohnen online. Der Rest ist relativ unnötig für unsere jetzigen Zwecke. Aber wir kümmern uns unterwegs darum“, lautete die Ausführung des Tschechen.

„Okay! Ihr wisst noch, worüber wir gestern und gerade eben gesprochen haben?“, wandte er sich an seine Familie.

„Ja ja, wir werden nichts anfassen“, antwortete Patrick mürrisch und hob dabei seine Hände.

John musste lächeln.

„Gut. Alexa reißt mir den Kopf ab, wenn auch nur ein Kratzer an ihr Schiff kommt. Und was der General danach mit mir macht, will ich gar nicht erst wissen“, gab John zum Schluss grummelnd zurück und sah kurz darauf überrascht in das strahlende Gesicht von Daniel Jackson.

„Doktor Jackson, Sie fliegen mit uns?“

„Ja, ich dachte ich sehe mir das Spektakel von hier aus an. Beim letzten Start von Atlantis auf der Erde war die Stadt ja getarnt“, antwortete dieser und ließ seinen Blick durch die Brücke schweifen.

Ein kurzer Pfiff ertönte.

„Mein lieber Mann! Das nenne ich mal ein Raumschiff.“

„Kaum zu glauben, dass ein Geburtstagsgeschenk sein soll, hm?“

„Geburtstagsgeschenk?“, staunte Daniel wieder und schüttelte leicht mit dem Kopf.

Aber auch Patrick hatte das kleine Gespräch mitbekommen.

„Das hat sie zum Geburtstag geschenkt bekommen? Der Mann lässt sich die Geschenke für seine Leute wohl einiges kosten … Was das Ding wohl wert ist?“

„Schwer zu sagen, Mister Sheppard. So weit wir wissen scheint die gesamte Gesellschaft der Antiker kaum auf finanzielle Zahlungsmittel angewiesen gewesen zu sein …“

„Kein Geld? Die kommen völlig ohne Geld aus?“

Überrascht, aber auch zweifelnd riss Sheppard Senior die Augen auf.

„Na ja, alles, was sie brauchten, konnten sie aufgrund ihrer fortgeschrittenen Zivilisation und Entwicklung selbst herstellen und produzieren. Zahlungsmittel waren wahrscheinlich nur bei dem einen oder anderen Besuch auf andere, nicht ganz so weit entwickelte Welten von Nöten. Vielleicht wurde dann gehandelt, um den ersten Kontakt etwa zu erleichtern. Wir haben das bisher noch nicht so ganz herausfinden können, aber vielleicht kommt ja bald die Zeit, in der die vier mehr von sich und ihrer Kultur preisgeben.“

„Ja wollen wir es hoffen. Ich glaube aber eher, dass das Schiff nur ein Vorwand sein sollte, um Alexa nicht mehr auf irgendwelche Himmelfahrtskommandos zu schicken. Eine Beförderung zur Raumschiffkommandantin, ein neues Schiff… das Ganze dann zum Geburtstag … und voilà.“

„Hm, ja, jetzt wo Sie es sagen … klingt irgendwie einleuchtend. Es wäre zumindest zu verstehen. Wer weiß, wie die Galaxie vor dreizehntausend Jahren war“, ging Daniel auf Johns Vermutung ein, ohne jedoch zu wissen, wie nahe sie an der Wahrheit waren.

„Ich will es lieber nicht wissen. Mir reicht sie schon, so wie sie jetzt ist“, brachte John seufzend hervor, bevor er sich an den Tschechen wandte. „Zelenka, können Sie mir eine Videoverbindung zum Kontrollraum in Atlantis herstellen?“

John sah zu, wie dieser nickte und sich sofort ans Werk machte.

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis der Tscheche das große Fenster zu einem Bildschirm umfunktionieren und eine Videoverbindung darauf legen konnte.

„Wow! Jetzt weiß ich, wo die künftigen Filmabende stattfinden werden“, frotzelte John, als er sich über die Größe, Schärfe und das klare Bild wunderte. „Ist das 3D? Wahnsinn!“

John genoss die Qualität nur kurz, zumindest, bis er sah, wie der Kontrollstuhl sich wie durch Geisterhand zum Eingang drehte. Für ihn war es sofort klar, dass Alexa den Raum betreten haben musste, denn nur auf sie reagierte der Stuhl so dermaßen empfindlich. Oder würde er wohl auch so auf die restlichen Familienmitglieder reagieren?

„Atlantis, hier ist die Tristanius … Alexa, können Sie mich hören?“

„Ich kann Sie hören und sehen, Colonel“, antwortete die junge Frau und stellte sich vor einen Bildschirm.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte John und glaubte, Nervosität anhand ihrer Körperhaltung und Sprache zu erkennen. Auch schien sie ziemlich blass zu sein.

„Wollen Sie schon wieder versuchen, mir den Flug mit der Stadt auszureden? Geben Sie sich keine Mühe, Colonel. Es geht mir gut.“

„Sind Sie sicher? Sie sind ein bisschen blass … und wirken angespannt.“

„Ich sagte es bereits, es geht mir gut “

Alexa setzte sich in den Kontrollstuhl und versuchte zu ihrer inneren Ruhe zu finden.

Sheppard hatte recht, als er sagte, sie wirke angespannt.

Noch heute Morgen, kurz nach dem erwachen und dem Frühstück schien alles in Ordnung zu sein. Ihre Gedanken waren frei und klar. Ordnung und Ruhe herrschten in ihr. Sie war weder nervös, noch angespannt oder gar ängstlich. Doch jetzt …

Sie spürte nun die Unruhe, die geradezu brennend in ihrem Inneren rumorte, auch eine leichte Angst machte sich in ihr breit. Zudem hatte sie die größte Mühe, nicht wieder den vielen unterschiedlichen Emotionen zu unterliegen. Von ihren eigenen ganz zu schweigen.

Doch sich etwas anmerken zu lassen oder gar den Start abzubrechen, käme für sie auf keinen Fall in Frage.

„Ich schlage vor, Sie beginnen mit dem Abdockmanöver, Colonel. Wir sollten so schnell wie möglich starten.“

„Na schön …“, noch immer besorgt sah John zu seiner Mutter, die seinen Blick mit gleichem Zweifel erwiderte.

Tief durchatmend setzte sich der Colonel in Bewegung, sah zunächst misstrauisch auf den Kommandostuhl herab, bevor er sich langsam und geradezu übervorsichtig hineinsetzte.

Abwartend ließ er seinen Blick durch die Kommandozentrale schweifen, doch es ertönte kein Alarm wie einige Male zuvor.

John legte seine Hand auf die Scannerfläche seiner Armlehne und wartete auf das weitere Geschehen.

„Identität bestätigt, Willkommen, Colonel John Sheppard“, trällerte Dorians Stimme aus den Lautsprechern und ließ den Piloten freudig strahlen.

„Na also, geht doch!“

„Alle Systeme bereit, Dockhalterungen werden gelöst. Startsequenz initiiert. Manövrierdüsen bei einhundert Prozent, viel Spaß und lassen Sie das Schiff an einem Stück.“

Johns Grinsen verging sofort, er stöhnte laut auf und Daniel musste sich das Grinsen verkneifen.

Die Halterungen, die die Tristanius an Atlantis hielten, lösten sich mit einem kurzen, aber lauten metallischen Geräusch und sofort erhob sich das Schiff etwa hundert Meter von der Wasseroberfläche und schwebte noch mindestens genauso weit rückwärts, bevor es wendete und die Sicht auf die Stadt freigab.

Alexa hingegen stand auf. Etwas stimmte ganz und gar nicht.

„Pa … hörst du mich …“

„Ja, ich höre dich“, ertönte die Stimme des Generals aus dem stadtweiten Kommunikationssystem. „Alexa, was ist los?“

Besorgt stand John auf, ging einige Schritte auf den Bildschirm zu und beobachtete, wie die junge Frau begann zu taumeln. Dann richtete sich sein Blick wieder zu seiner Mutter, die vorausahnend den Kopf schüttelte.

Was ist denn?“, fragte Tristanius nach, der noch immer im Kontrollraum stand und ebenfalls Sicht zum Stuhlraum hatte.

„Pa, ich … ich glaube, ich kann das nicht. Ich bin … mir ist so … ich kann nicht …“

Es war das Letzte, was sie mit Mühe hervorbringen konnte, bevor sie bewusstlos zusammenbrach.

Alexa …? Alexa, sag doch was!

„Alexa …! Atlantis Kontrollraum. Alexa ist zusammengebrochen. Ein Sanitäterteam soll sofort …“

Wir haben es gesehen Colonel. Sanitäter ist schon unterwegs“, erklärte Richard, während Tristanius stürmend den Kontrollraum verließ.

In den folgenden Minuten wurde das Personal im Kontrollraum von Atlantis und die Besatzung auf der Brücke des Raumschiffes Zeuge, wie der Antiker-General in den Stuhlraum hineinstürmte und versuchte, seine bewusstlose Tochter wieder zu wecken.

„Alexa … Alexa, sag doch etwas. Komm wieder zu dir!“

Doch so sehr er sich auch bemühte, sie wachte nicht auf. Mittlerweile war auch das medizinische Notfallteam mit einer Bahre angekommen und wartete, bis der Vater seine Tochter auf die Liege gelegt hatte.

„Bringen Sie sie sofort auf die Krankenstation zu meiner Frau.“

Die Sanitäter nickten einvernehmlich und machten sich sofort auf den Weg.

„Ich komme wieder rüber. Lorne kann das Schiff fliegen und ich …“

„Nein! Sie bleiben auf dem Schiff. Ich werde die Stadt fliegen!“, entschied Tristanius, sah noch einige Sekunden den Ärzten hinterher und aktivierte dann seinen Com-Anstecker.

„Elisha, Alexa ist zusammengebrochen. Sanitäter bringen sie gerade zu dir.“

„Was ist denn passiert?“

„Ich weiß es nicht. Sie ist einfach bewusstlos zusammengebrochen.“

„Ich werde sie mir ansehen“, lautete die knappe Erklärung der lantianischen Medizinerin.

Danach begann Tristanius abwartend, seine Kreise um den Kontrollstuhl zu ziehen.

Er hatte schwer mit seiner Geduld und seinen Nerven zu kämpfen, da die Ungewissheit und die Sorge ihn aufzufressen drohten.

John schien es nicht anders zu gehen, während Carol ihn beobachtete, wie er nervös auf der Brücke auf und ab ging, sich immer wieder durch die Haare fuhr und zwischen dem Bildschirm und ihr hin und her sah.

Beide warteten, bis sich Elisha meldete und ihren Mann informierte, dass Alexa noch immer bewusstlos sei, aber bei der ersten augenscheinlichen Untersuchung nichts Ernsteres feststellen konnte. Jedoch vermutete sie, dass es Erschöpfung sein konnte, die sie am Morgen wohl gut versteckt haben musste.

Es beruhigte die beiden Männer nur wenig, doch nach wenigen Momenten machten sich sowohl John als auch Tristanius wieder an die Arbeit.

John nahm im Kommandostuhl Platz und schaffte einen noch größeren Abstand zwischen dem Schiff und der Stadt.

Mit einem Kilometer Abstand und Höhe zu Atlantis, übermittelte er dem General die Nachricht, dass er nun endgültig für den Start bereit sei.

„Es gibt wirklich keine Steuerknüppel oder so etwas?“, fragte Patrick verwundert, als er nun den General im Stuhl sitzen sah.

„Nein. Antrieb und Steuerung von Atlantis lassen sich nur durch ein neurales Interface kontrollieren“, erklärte er, kassierte aber nur verständnislose Blicke, bevor er dann fortfuhr.

„Wie schon gesagt, man kontrolliert alles mit seinen Gedanken.“

Okay General, die Stadt gehört ganz Ihnen“, trällerte McKay’s Stimme durch sämtliche Lautsprecher.

In wenigen Sekunden sah man, wie eine durchsichtige Glocke über Atlantis entstand.

„Was zum …“, wisperte Patrick, stand auf und ging näher zum Front-Bildschirm.

„Schutzschild“, erklärte John kurz und trocken.

Starte Sternenantrieb“, gab Tristanius bekannt und augenblicklich stieg Dunst und Gischt rund um Atlantis auf.

Ein dumpfes Grollen war zur hören als Atlantis kurz darauf langsam Meter für Meter in die Höhe stieg.

„Grund Gütiger!“, raunte Patrick etwas lauter und starrte mit weit aufgerissenen Augen fasziniert auf das Bild.

Auch Carol und Dave konnten sich mit ihrem Staunen nur anschließen.

Dave hingegen sah zuerst aus dem Fenster, drehte sich dann kurz zu seinem Bruder und blickte ihn verwundert an. Als John seinen Blick aber nur schweigend erwiderte, drehte er sich wieder zum Bildschirm.

Einen kurzen Moment später befanden sich Atlantis und die Tristanius bereits in der Umlaufbahn des Planeten.

Ein blaugrüner Blitz tauchte im All auf, formte sich zu einem Nebel und Atlantis verschwand darin. Die Tristanius folgte ihr.

~~~///~~~

Seit Stunden war man unterwegs. John hatte es nicht lange auf der Brücke ausgehalten. Zum einen war es seine Familie, die ihm im wahrsten Sinne des Wortes im Nacken saß, zum anderen drehten sich seine Gedanken noch immer um Alexa und ihren Zusammenbruch.

Ob sie schon wieder bei Bewusstsein wäre? Ob es ihr gut ginge, oder war sie womöglich schon wieder in dieser Starre gefangen?

Das waren nur einige der Gedanken, die ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen wollten. Und das irritierte ihn zusätzlich. Wieder fiel ihm selbst auf, wie oft und wie intensiv er an die Antikerin dachte.

Doch John schob es auf das allgemeine Interesse der Expedition. Lebende Antiker in der Stadt zu haben, die wussten, was alles war, warum alles so war – gut, das hörte sich an, als seien sie allwissend- aber sie waren in ihrer Entwicklung, ihrem Fortschritt, hauptsächlich Technologie betreffend, nun mal viel weiter. Natürlich gab es da ein gewisses Interesse einiger Leute, die aber hauptsächlich einen großen Nutzen und Vorteil sahen.

Doch John machte sich ernsthaft Sorgen um die junge Frau.

Und das merkte auch Carol, die ihrem Sohn in den Maschinenraum gefolgt war. Einige Minuten hatte sie still und unbemerkt dabei zugesehen, wie John eine Konsole nach der anderen beäugte und mit seinen Fragen und Erkundigungen den Technikern und Ingenieuren begann, auf die Nerven zu gehen.

Als er merkte, dass die technischen Fummler lieber in Ruhe gelassen werden wollten, drehte er sich um und erblickte seine Mutter im Eingang stehen.

„Was machst du denn hier?

„Dasselbe könnte ich dich fragen. Du bist so plötzlich sang- und klanglos von der Brücke getürmt, dass mir der Gedanke kam, dass du entweder etwas ganz Dringendes zu erledigen hast, oder dass es, was ich eher vermute, etwas gibt, dass dich mit deiner Einstellung dazu zwingt, dich mit irgendwelchen belanglosen Sachen abzulenken.“

„Ach was, alles in Ordnung. Ich habe nur mal die Runde machen müssen, um zu sehen, wie es mit dem Schiff steht. Viele Systeme funktionieren noch nicht, oder müssen initialisiert werden. Außerdem macht der Commander Kleinholz aus mir, wenn dem Schiff was passiert.“

„Ich glaube, der Commander hat im Moment andere Sorgen als das Schiff … genau wie du …“

Carol sprach einfach gerade aus und scheute sich nicht, sofort, ohne große Umschweife und Umwege zum Punkt zu kommen. Das hatte früher vielleicht noch geklappt, aber als John und Dave älter wurden, half manchmal nur noch knallharte Direktheit. „Komm schon, John. Lass uns wohin gehen, wo wir niemanden stören und reden können.“

„Oh … Mom“, stöhnte John, doch er wurde gleich wieder von Carol unterbrochen.

„Keine Widerrede. Los, beweg dich, Soldat. Hopp hopp!“

Carol hängte sich an Johns Arm ein und führte ihren murrenden Sohn aus dem Maschinenraum. Nach einem kurzen aber schweigsamen Spaziergang kamen sie in der Beobachtungslounge des Schiffes an, und nachdem John sich und seiner Mutter eine Tasse Kaffee besorgt hatte, setzte er sich zu ihr an den Tisch.

„Also, was ist los?“

„Nichts.“

„John, wir beide wissen, dass dich etwas sehr schwer beschäftigt. Vor deinem Team und deinen Untergebenen hast du natürlich ein gewisses Bild aufrechtzuerhalten und das Gesicht zu wahren. Das verstehe und respektiere ich … aber nicht bei mir. Nicht, wenn wir beide unter uns sind. Also, raus mit der Sprache.“

Doch John schien noch immer nicht so recht reden zu wollen oder besser gesagt, zu können. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass er schon lange nicht mehr über sich und die Dinge die ihn beschäftigen, gesprochen hatte. Und schon gar nicht mit seiner Mutter.

Immer wieder fuhr er sich durchs Haar und über sein Gesicht und suchte nach Worten, einem Anfang. Aber wo solle man da am besten anfangen?

Carol sah, wie John mit sich haderte und die Worte suchte. Natürlich hatte sie eine grobe Ahnung von dem, was in ihm vorzugehen schien, dafür hatte sie die letzten Tage zu viel gesehen, gehört und auch beobachten können. Doch wenn sie ihn jetzt darauf ansprechen würde, würde er es vehement abstreiten. Dennoch blieb ihr keine Wahl.

„Du machst dir Sorgen um sie.“

John zögerte nur kurz, bis er glaubte zu wissen, worauf sie hinaus wollte.

„Ich habe dir doch schon mal gesagt, dass da nichts zwischen uns ist, Mom. Da läuft nichts!“

„Und ich habe dich schon beim ersten Mal verstanden, John. Ich habe nur gesagt, dass du dir Sorgen zu machen scheinst.“

Wieder atmete John tief durch, kniff die Lippen zusammen und vermied es, seiner Mutter länger in die Augen zu sehen. Doch irgendwann kamen die Worte von selbst heraus.

„Ihr Vater hätte ihr niemals erlauben dürfen, die Stadt zu fliegen. Das war einfach zu viel für sie.“

„Dann wäre sie vielleicht nicht zusammengebrochen? Ich glaube, nach all dem, was du mir bisher über sie erzählt hast, mit ihren fehlenden Erinnerungen, ihren Attacken, der Suche nach ihrer Familie, war das nur eine Frage der Zeit. Außerdem darfst du nicht vergessen, dass sie erst vorgestern gefangen gehalten und gefoltert wurde. So etwas hinterlässt bei jedem Spuren. Damit kann man nicht von heute auf morgen fertig werden.“

„Das ist mir schon klar“, antwortete John und spürte, auf welch dünnem Eis er gerade wandelte. Ein falscher Schritt und es käme alles raus. Da wäre die momentane Sorge um die Antikerin nicht einmal mehr Nebensache. Dann würde sie ihm keinen Schritt mehr von der Seite weichen. Wahrscheinlich würde sie dann sogar seine Diensttauglichkeit und psychische Verfassung in Frage stellen.

„Du denkst, da ist noch mehr?“

„Ich weiß nicht. Ich kann es nicht wirklich greifen. Irgendwas stimmt da nicht.“

„Was meinst du denn?“

Unschlüssig schüttelte John den Kopf, stellte Überlegungen an und erinnerte sich an die vielen Momente zurück, die ihm im Nachhinein mehr als merkwürdig vorkamen.

„Ich werde das Gefühl nicht los, dass … ach, ich weiß einfach nicht. Es gibt so viele Merkwürdigkeiten. Es fängt zum Beispiel schon mit Kolyas Wiederauferstehung und seinem Komplizen an.“

„Und unserer Rückkehr!“, meinte Carol etwas flapsig, worauf John nur gequält die Augen verdrehte.

„Nein, nein. Ihr seid aufgestiegen, wart nicht brav gewesen und seid wieder zurückgeschickt worden. Das ist ja noch irgendwie nachvollziehbar. Aber Kolya … abgesehen von seiner ohnehin eigenartigen Wiederauferstehung, ist er nicht der Typ, der Komplizen hat. Er hat vielleicht einige Männer unter sich, die für ihn arbeiten und die Drecksarbeit erledigen. Aber er hatte keine derartigen Gehilfen. Die würde er gar nicht dulden.“

„Okay …“

Carol hörte aufmerksam zu und wartete auf weitere Ausführungen ihres Sohnes. Sie konnte förmlich dabei zusehen, wie es in ihm arbeitete, wie er sich Gedanken machte und versuchte, die Zusammenhänge zu finden, noch bevor er sprach. John schüttelte rätselnd den Kopf.

„Irgendwas geht hier vor. Alexa sagte, dass der Replikator bei seinen Sondierungen herausgefunden hätte, wer sie wirklich sei. Er hat es Kolya nur nicht verraten, weil er darauf gehofft hatte, dass sie ihn vernichten würde. Was auch so eine Sache ist. Aber später im Kontrollraum, als Kolya sich wieder meldete, hat sie ihn auf seinen Helfer angesprochen. Er war richtig überrascht, als sie ihm sagte, dass dieser ebenfalls die ganze Zeit gewusst hätte, wer sie wirklich sei und sie beobachten und studieren wollte.“

„Dann hat dieser mysteriöse Mann ein doppeltes Spiel gespielt“, mutmaßte Carol.

„Ja.“

„Und ein krankes noch dazu.“

John zog eine zustimmende Miene und überlegte weiter.

„Was mich ein bisschen irritiert ist, dass dieser Typ das Wissen haben muss, Tote zum Leben zu erwecken und offenbar auch Zugriff auf Replikatoren-Technologie hat.“

„Diese Technologie, diese Repli… Rel… diese Maschinen, ist da schwer ranzukommen?“

„Ziemlich. Vor allem für Kolya wäre es das. Ich kenne nur wenige Leute, die Replikatoren erschaffen und programmieren können. Und die sitzen gerade in Atlantis, oder oben auf der Brücke. McKay und Zelenka sind die Einzigen, die dieses Wissen haben und die Vorrichtung, die man braucht, um so was auf die Beine zu stellen, ist in der Stadt und versiegelt. Da kommt niemand ran, ohne dass wir es merken.“

„Was hat es überhaupt mit den Replikatoren auf sich?“

„Vor zehntausend Jahren haben die Antiker sie als Waffe gegen die Wraith eingesetzt. Wir sind da vor einiger Zeit auf ein paar Replikatoren gestoßen und haben auch ein Labor in der Stadt gefunden. Wir haben das Problem aus der Welt schaffen können. Aber das ist eine andere, lange Geschichte.“

„Verstehe. Und jemanden zum Leben zu erwecken? Wären die Antiker dazu in der Lage?“

„Aufgestiegene unter sich vielleicht. Was mich aber am meisten beschäftigt, ist Alexas Familie. Allen voran ihr Vater.“

„Wieso das?“

„Als wir bei Kolya waren, um Alexa rauszuholen, hat sie alles versucht, um hinter die Identität von diesem Komplizen zu kommen. Der Replikator war offenbar so programmiert, dass er nichts sagen durfte. Aber der General hatte nichts anderes im Kopf, als so schnell wie möglich von da weg zu kommen.“

„Er wollte seine Tochter in Sicherheit bringen. Das ist doch verständlich.“

„Ja, sicher. Aber wenn ich er wäre und jemand hinter meiner Tochter her sei, würde es mich doch interessieren, wer dieser Kerl ist. Vor allem dann, wenn ich so nah an der Quelle stehe. Er hat nicht einmal nach ihm gefragt und auch sonst keine Anstalten gemacht, es herauszubekommen. Auch später in Atlantis nicht.“

Carol überlegte und erinnerte sich an ihre Beobachtungen, die sie vor einigen Tagen im Kontrollraum machte. Er hatte tatsächlich nicht nach dieser Person gefragt und ging auch in keinster Wiese auf ihn ein. Lediglich seine Tochter hatte versucht, herauszubekommen, wer er sei.

„Du glaubst, er weiß, wer es ist?“

Wieder zeugte Johns Gesicht von Ratlosigkeit.

„Keine Ahnung. Aber es sieht fast so aus.“

„Aber das wäre doch … dann würde er es verheimlichen! Warum sollte er das tun?“

John zuckte die Achseln.

„Ich weiß es nicht. Es gibt viele in der Galaxie, die einen großen Nutzen daraus ziehen würden, wenn die Antiker wieder da wären und einige würden wohl auch alles tun um, sie in die Hände zu bekommen. So wie Kolya. Aber ich frage mich, was jemand von Alexa will, der ohnehin schon in der Lage ist, Tote zu erwecken und Replikatoren zu bauen.“

„Hat Alexa denn nicht gesagt, dass es jemand sei, der sie von früher kennt?“

John nickte.

„Vielleicht auch ein Antiker?“

„Alle Antiker sind tot oder aufgestiegen. Alexa und ihre Familie sind die letzten Überlebenden ihres Volkes.“

„Was, wenn nicht? Überleg doch mal, John. Er soll sie von früher kennen, der General scheint zu wissen, wer er ist, er ist in der Lage, Tote wieder zum Leben zu erwecken, besitzt das Wissen und Können, Repl… Rel… ach verdammt nochmal, diese Maschinen zu bauen und ist Kolyas Helfer. Vielleicht hat er ihn mit irgendetwas in der Hand, dass dieser ihn neben sich duldet. Somit dürfte es wohl anders herum sein, Kolya ist dessen Helfer.“

Der Soldat versank erneut in tiefe Gedanken und wurde erst wieder durch das wiederholte Fragen seiner Mutter zurück ins Hier und Jetzt geholt.

„Hm? Was?“

„Ich fragte, ob Alexa denn jemals von irgendjemandem aus der damaligen Zeit gesprochen hat.“

„Nein, sie erinnert sich ja nicht.“

„Und wenn es ein Aufgestiegener ist?“

„Glaube ich nicht. Aufgestiegene gehören im Grunde zu den Guten. Sie würden so etwas nicht tun. Sie mischen sich ohnehin nicht in die unteren Ebenen ein.“

„Na ja, schwarze Schafe gibt es überall, oder nicht?“

„Nein, die anderen achten schon sehr darauf, wen sie zu sich holen oder wer überhaupt dem Klub beitreten darf.“

„Aber völlig ausschließen kann man es doch nicht?“

John sah seine Mutter unsicher an.

Natürlich, ganz auszuschließen wäre es nicht. Es würde zumindest einiges erklären, wie zum Beispiel, die Fähigkeiten, die dieser Kerl zweifellos haben musste. Nur warum? Was will er von Alexa? Warum sie und nicht jemand anderes aus ihrer Familie? Warum jetzt? Warum schien es ihr Vater verbergen zu wollen? Warum sprach er weder sie noch John oder Kolya deswegen an? Warum hatte er sich während der letzten Übertragung zu Kolya nicht direkt an diesen Mann gewandt? Könnte er sie schützen? Und wenn ja, wie?

Wieder versank John tief in seinen Gedanken und musste abermals von seiner Mutter zurückgerufen werden.

„John …? John! Was ist denn los mit dir?“

„Als Jackson damals aufgestiegen war, hatte er sich mit einem ohnehin feindlichen Außerirdischen angelegt, der zur Hälfte aufgestiegen war. Die anderen haben zwar eingegriffen, Daniel aber zurückgeschickt … Mom … wenn das ein Aufgestiegener ist, haben wir ein echtes Problem.“

„Wegen seiner Fähigkeiten? Seinem Wissen? Seiner … Macht?“

Träge aber erst nickte John.

„Aufgestiegene aufzuhalten, oder gegen sie vorzugehen, ist fast unmöglich. Und von der Vernichtung will ich erst gar nicht sprechen. Damals stand die ganze Galaxie auf Messers Schneide.“

„Und was willst du jetzt tun? Mit ihrem Vater darüber sprechen?“

„Ich weiß nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob das im Moment eine so gute Idee wäre. Er ist irgendwie … irgendwas ist an ihm, dass … ich weiß einfach nicht, was. Ich kann es noch nicht einmal nennen oder beschreiben.“

„Er scheint dir gegenüber reserviert, geradezu abweisend zu sein“, wollte Carol ihm zustimmen.

„Ja, den Effekt habe ich immer auf höherrangige Offiziere“, witzelte John und registrierte das Schmunzeln seiner Mutter, doch er wurde gleich wieder ernst. „Nein, es ist etwas anderes. Ich weiß einfach nicht.“

„Hm, würdest du es denn als etwas Gutes oder Schlechtes bezeichnen? Was für einen Eindruck hast du über dieses Empfinden?“

„Ich weiß es beim besten Willen nicht, Mom. Wenn ich jetzt wirklich was sagen müsste … würde ich vermutlich zu etwas Gutes tendieren.“

„Hier sind Sie!“, schalte die erfreute Stimme des Archäologen durch den Beobachtungsraum.

Erschrocken drehten sich Carol und John zum Eingang, in dem Daniel Jackson stand. „Störe ich?“

Carol und John sahen sich ein Moment geradezu fragend an, bis John antwortete.

„Nein, überhaupt nicht. Kommen Sie rein, Daniel.“

Jackson nahm seine Hände aus den Hosentaschen und setzte sich in Bewegung. Sein Lächeln, das sonst immer in seinem Gesicht zu finden war, verstarb augenblicklich.“

„Tut mir wirklich leid, wenn ich Sie störe, aber ich hätte da eine Frage an Sie.“

„Schießen Sie los.“

„Vor unserer Abreise hat Mister Woolsey mich aufgesucht und bat mich, ein Wort für ihn zu übersetzen. Er sagte, dass er es bei einem Gespräch, das der General mit seinem Sohn hatte, gehört habe. Als er ihn darauf ansprach, meinte er nur, dass es wirres Gerede seines Sohnes sei, da er unter Drogen stehe. Es hat Woolsey aber keine Ruhe gelassen.“

„Würde mich auch wundern, wenn dieser Mann so einfach Ruhe finden würde“, kommentierte John grinsend.

„Colonel, haben Sie schon einmal das Wort `Agema´ gehört?“

John dachte einen Moment nach, doch das Wort hatte er noch niemals gehört. Glaubte er zumindest.

„Nein, ich denke nicht.“

„Und Alexa hat auch niemals dieses Wort gebraucht?“

„Nein. Wieso? Was bedeutet es denn?

„Also, wenn ich mich recht an mein Lateinunterricht und das Latein während meiner Studienzeit erinnere, bedeutet dieses Wort doch so was wie Wächter oder Beschützer. Oder bringe ich da was durcheinander?“, fragte Carol und erntete dafür die Blicke zweier erstaunter Männer, die die Frau verblüfft ansahen.

„Woher kannst du Latein?“

„Du vergisst wohl, dass ich mal auf einer katholischen Schule war, John. Das gab es fast täglich Lateinunterricht. Außerdem war es für mein Studium der Psychologie auch sehr praktisch. Und ich hatte Altertumskunde als Nebenfach.“

John blinzelte verwirrt, schüttelte kurz den Kopf und wandte sich wieder an Jackson.

„Das stimmt. Sie bringen nichts durcheinander. Wortwörtlich übersetzt bedeutet es Leibgarde. Aber Wächter oder Beschützer kommt aufs Gleiche raus.“

„Das ist wohl mehr als ein merkwürdiger Zufall“, sagte John und sah wieder zu seiner Mutter.

„In Anbetracht dessen, worüber wir gerade gesprochen haben, glaube ich auch nicht mehr an Zufälle.“

„Worüber haben Sie denn gesprochen?“, wollte Daniel wissen, beobachtete kurz, wie sich Mutter und Sohn grübelnd ansahen, bevor Sheppard sich dazu entschloss, ihn ins Bild zu setzen.

Es dauerte eine Weile bis John und Carol ihn über ihre Beobachtungen und Vermutungen unterrichtet hatten. Auch Daniel Jackson kam das Ganze mittlerweile mehr als merkwürdig vor. Doch am Ende des Gesprächs kamen die drei überein, vorerst mit niemand anderem außer Woolsey darüber zu sprechen. Schon gar nicht mit dem General. Was immer gerade hier vorging, die augenblickliche Situation und vor allem die Stimmung des Mannes erlaubten keinerlei neugieriges Fragen oder stöbern in dessen Vergangenheit. Und wer wusste schon, wie eine direkte Konfrontation mit all diesen Beobachtungen und Vermutungen bei ihm enden würde?

Allerdings nahm John sich vor, nochmal mit Alexa zu sprechen. Vielleicht hatte sie in der Zwischenzeit ja selbst einen Verdacht oder zumindest eine Ahnung. Womöglich würde sie sich auch wieder an etwas erinnern.

~~~///~~~

Am späten Nachmittag hatte Carol sich ausgiebig mit dem Psychologen der Stadt, Doktor Wingers, unterhalten und beide schienen sich gut zu verstehen. Ihr wurde sehr schnell klar, warum John nicht allzu begeistert von ihm sprach. Doktor Wingers war noch nicht ganz dreißig Jahre alt und hatte sein Studium vor etwas mehr als drei Jahren erst beendet. Seine relativ wenige Erfahrung erlangte er während einer zehnmonatigen Beschäftigungszeit in einer kleinen Nervenklinik in einer Kleinstadt im mittleren Westen der Vereinigten Staaten. Zunächst hatte es Carol sehr verwundert, warum man gerade ihn ins Stargateprogramm geholt hatte, doch als sie sah, welch hervorragenden Studienabschluss er hatte und auch die vielen zusätzlichen Lehr- und Studiengänge, die er angehängt hatte, verwunderte es sie mehr, dass er seine ersten praktischen Erfahrungen in einer kleinen, namenlosen Klinik sammeln wollte.

Familieninterne Probleme war die Antwort. Offensichtlich wählte er seinen vorherigen Arbeitsplatz, um in der Nähe seiner Mutter zu sein, die schwer krank war. Nach ihrem Tod nahm er sich selbst eine kleine Auszeit und schließlich, als es nichts mehr gab, was ihn noch auf der Erde hielt, stolperte er mehr oder weniger durch Freunde und Kollegen über das Stargateprogramm.

Nach dem anfänglichen Kennenlernen, dem Austausch über das Studium und die Berufspraxis kamen sie zum Hauptgrund des Gesprächs. Erleichtert stellte Carol fest, dass Doktor Mason Wingers jr. geradezu begeistert war, die Behandlung der Antikern an sie zu übergeben. Auch wenn sie den Eindruck hatte, dass er ein recht gutes Können und Wissen besaß, schien er mit den doch sehr seltenen und speziellen Problemen der jungen Frau überfordert zu sein. Wer könnte ihm das verdenken? Selbst sie zweifelte daran, Alexa wirklich helfen zu können. Doch seine Begründung lautete schlichtweg Erfahrungsmangel und darauf beharrte er.

Wingers und Carol einigten sich darauf, dass sie die Behandlung übernahm, wenn er ihr dabei helfen würde, sich auf den neuesten Stand in der Psychologie zu bringen. Sofort eilte der junge Mann nach dem Gespräch in sein kleines Quartier auf dem Schiff und begann, die neuesten Bücher, Fachzeitschriften und Veröffentlichungen aufzulisten. Um die eigentliche Besorgung der gesamten Literatur würde sich jemand im Stargate-Center auf der Erde kümmern, der ohnehin für die Versorgung mit den unterschiedlichen Gütern und Bestellungen der Atlantisexpedition betraut wäre.

Die Stunden vergingen. John hatte nach dem Gespräch mit seiner Mutter und schließlich auch mit Jackson, das ganze Schiff auf den Kopf stellen müssen, um seinen Vater und seinen Bruder zu finden. Er hatte eine stink Wut im Bauch, als er erfuhr, dass die beiden sich einfach so auf den Weg machten, um das Schiff zu erkunden. Wer wusste schon, was die beiden bisher angestellt hatten, woran sie rumgefummelt hatten, was nun kaputt wäre und repariert werden müsste, nur weil zwei Männer ihre Neugier und ihren Spieltrieb nicht im Zaum halten konnten? Doch sein Ärger verflog sehr schnell, als er erfuhr, dass Beckett, der mit an Bord gekommen war, die beiden begleitete und später im Maschinenraum ablieferte.

So hatte Zelenka sie im Auge, während er sich weiterhin um das Schiff kümmern konnte und nebenbei noch den beiden Technikbegeisterten, aber wenig in diesem Gebiet talentierten Wirtschaftsbossen, einiges erklären und zeigen konnte.

 ~~~///~~~

Die Nacht war schon fast hereingebrochen, als John wieder in der vereinsamten Beobachtungslounge saß, an seinem kalten Kaffee nippte und seine Berichte auf dem kleinen Tablett-PC anfertigte. Woolsey hatte zwar Verständnis für das versäumte Einreichen der Berichte seines Militärkommandanten gezeigt, doch John kannte dessen Ungeduld. Lange dürfte er ihn nicht mehr warten lassen, wenn er sich keine Standpredigt von ihm anhören wollte.

So saß er nun da und tippte gerade an seinem letzten Bericht über die Befreiung des Antikers Dorian.

„Denk nicht mal dran, Dave!“, ertönte Johns Stimme und ließ den jüngeren Bruder erschrocken zusammen zucken.

In seinem Vorhaben, seinen älteren Bruder von hinten zu erschrecken, gestört, hielt er in seiner Bewegung inne und starrte verdutzt nach vorne und zu den Seiten, in der Hoffnung, dort irgendeinen Hinweis sehen zu können, der ihn verraten hatte. Doch er fand nichts, worin er sich hätte spiegeln können und er war sich auch sehr sicher, äußerst leise, geradezu unbemerkt in den Raum geschlichen zu sein. John hätte ihn auf keinen Fall sehen oder hören können.

„Woher … Wie …“

„Wenn du in Afghanistan stationiert bist und zudem mehrere Nächte in einem von dem Taliban besetzten Gebiet übernachten musst, lernst du regelrecht auf alles Erdenkliche zu hören. Und wenn es die Blähungen von Kamelen aus mehreren Meilen Entfernung sind. Außerdem warst du gar nicht so leise. Deine Schuhsohlen reiben ein wenig auf dem Bodenbelag.“

Verdutzt sah Dave zu seinen Schuhen, rieb sie mehrmals über den Boden, aber ein Geräusch konnte er nicht ausmachen. Kopfschüttelnd setzte er sich seinem Bruder gegenüber.

„Warum bist du wach? Musst du wach sein, oder übernimmt jemand anderes die Brücke, Kapitän?“

„Ich habe noch einige Berichte zu schreiben. Aber jemand anderes ist auf der Brücke und übernimmt.“

„Und wenn es Schwierigkeiten gibt?“

„Dann bin ich zu benachrichtigen“, erklärte John knapp und tippte die letzten Buchstaben der letzten Sätze ein.

Für einige Momente ging Dave der Gesprächsstoff aus. Doch als John seinen Computer zur Seite legte und nach seiner Tasse griff, übernahm dieser kurzerhand die Konversation.

„Warum bist du noch auf?“

„Kann nicht schlafen. Das war …“

„Ja“, stimmte John zu, als er ahnte, was sein Bruder sagen wollte, jedoch nicht heraus bekam.

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten, da Dave mal wieder seiner Neugier freien Lauf lassen und mehr über Johns Arbeit und sein Leben in einer anderen Galaxie erfahren wollte, fanden die beiden Brüder doch noch in einen lockern und teilweise recht witzigen Plausch hinein.

Doch vorher hatte John seinem jüngeren Bruder klar machen müssen, dass es im Moment kein guter Zeitpunkt sei, um über seine Erfahrungen und seine bisher erlittenen Verletzungen oder andere, als schwierig geltende Themen zu sprechen. John hatte sich sogar Sorgen gemacht, wieder einen Streit und Unfrieden dadurch zu provozieren, doch zu seiner großen Verwunderung, akzeptierte Dave sein Schweigen, beziehungsweise das Aufschieben auf ruhigere Tage.

Aber als Dave John auf die junge Antikerin ansprach und über mehrere Ecken versuchte, ihm ein Geständnis über eine Beziehung mit ihr zu entlocken, verstand er die Welt nicht mehr.

Zuerst seine Mutter, jetzt Dave! Wieso denken immer alle, er habe etwas mit ihr?

Es war kein Leichtes, Dave von diesen Gedanken, Ideen und Vermutungen abzubringen und ihm zu versichern, dass nichts zwischen ihm und Alexa laufen würde.

Die Gespräche wanderten weiter zur Vergangenheit, über ihre Kindheit und die Schule, die ersten Freundinnen und Schwärmereien, ihre Eltern, bis hin zu den Koch- und Backkünsten ihrer Großmutter im Vergleich zu der ihrer Mutter. Irgendwann allerdings, forderte die Müdigkeit ihren Tribut und die beiden Brüder begaben sich in ihre Quartiere. Während Dave recht schnell einschlief, lag John noch einige Zeit wach und ließ sich die Unterhaltungen des vergangenen Tages durch den Kopf gehen. Zu seinem großen Bedauern überwog jedoch das Rätsel und die Sorge um die Antiker, besonders um Alexa, die erfreulichen Erinnerungen an die vergangene Zeit. Dieser mysteriöse Komplize, von dem zweifellos eine Gefahr auszugehen schien, ließ ihm keine Ruhe.

~~~///~~~

Es war früher morgen als John sich wieder auf der Brücke einfand und die Meldung über den baldigen Austritt aus dem Hyperraum erhielt.

Er fühlte sich wie gerädert, durch den Fleischwolf gedreht, durchgekaut und ausgespuckt.

So saß er auf dem Kommandostuhl und wunderte sich schon nicht mehr über die fragenden und teilweise mitleidigen Blicke der Brücken-Crew.

„Muss `ne lange Nacht gewesen sein“, kommentierte Daniel, und stützte sich mit dem Ellenbogen an die Kopflehne des großen Stuhls, während seine Familie wieder an ihren Platz ging. John wusste zwar nicht so recht, was sie so interessant am Verlassen des Hyperraums fanden, aber er konnte sich denken, dass in deren Fall, wohl alles spannend und außergewöhnlich sein musste.

„Mh, mir ist das gestrige Gespräch über diesen merkwürdigen Kerl von Kolya nicht aus dem Kopf gegangen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es noch eine Menge Ärger geben könnte“, antwortete John flüsternd, wobei Daniel ihm durch ein leichtes Nicken zustimmte.

„Sir, wir treten aus dem Hyperraum in drei … zwei … eins.“

Kaum von Chuck ausgesprochen, verwandelte sich der blau-weiß gefärbt wirkende Bildschirm wieder in eine schwarze Wand mit winzig kleinen blickenden Sternen.

„Atlantis?“, fragte John neugierig.

„Müsste ebenfalls jeden Moment aus dem Hyperraum kommen.

Es dauerte etwa eine halbe Minute, bis ein erneut ein blaugrüner Blitz sich zu einem Nebel bildete und Atlantis regelrecht ausspuckte.

„Da haben wir es ja. Sieht aus als wäre alles noch an einem Stück …“, meinte John und aktivierte die Kommunikationsanlage.

„Atlantis, hier ist die Tristanius …“

„Tristanius, hier Atlantis. Richard Woolsey spricht! Wie Sie sehen, ist alles gut gelaufen. Wie sieht es bei Ihnen aus?“

John verdrehte die Augen, als er hörte, wie Woolsey sich meldete. Warum der Mann sich jedes Mal regelrecht vorstellte, wenn er über Funk sprach, war ihm noch immer ein Rätsel. Man erkannte ihn doch an seiner Stimme.

Fassungslos sah er zu Daniel, der den Kopf zur Brust gesenkt hatte, versuchte sein grinsen zu verbergen und den Kopf schüttelte.

„Uns geht es gut, Mister Woolsey. Was ist mit Alexa? Wie geht es ihr?“

Obwohl es nur einige Momente dauerte, kam John das Schweigen des Expeditionsleiters ewig lang vor.

„John, ich glaube es ist besser, wenn Sie rüberkommen. Ich werde Major Lorne mit einem Jumper losschicken.“

 Obwohl Evan Lorne sich beeilt hatte, um mit dem Jumper schnellstmöglich zur Tristanius zu kommen, um John abzulösen, schien es diesem doch nicht schnell genug zu gehen.

Richards Miene und auch seine Tonart verrieten John, dass etwas ganz und gar nicht stimmen musste. Der Expeditionsleiter wollte jedoch nicht näher darauf eingehen und John hatte keine andere Wahl, als seine Familie wieder ihre Taschen packen zu lassen und sie regelrecht anzutreiben, sich zu beeilen. Natürlich lief dies genauso ab, wie der Colonel vermutet hatte. Es gab Unverständnis, Neugier und vor allem Nörgelei. Erst als sich Carol einmischte und Patrick und Dave an die akuten Probleme der jungen Frau erinnerte, schluckten die beiden ihre Verärgerung hinunter.

Es kam John aber kein einziges Mal in den Sinn, alleine zurück in die Stadt zu fliegen und seine Familie auf dem Schiff zu lassen. Auch nicht, als sie während des kurzen Fluges plötzlich ihre Bedenken und Panik zeigten, dass John dem Schutzschild der Stadt immer näher kam. Erst als er erklärt hatte, dass die Jumper und einige andere Schiffe von Freunden dazu in der Lage seien, durch den Schild zu fliegen, zeigten sie wieder ihre mittlerweile gewohnt überraschte und staunende Mienen.

Aber John hatte nicht wirklich Lust und Laune, immer wieder alles erklären und zeigen zu wollen. Ihn beschäftigten zu viele andere Dinge.

„Was ist los?“, bellte Sheppards Stimme geradezu durch den Kontrollraum, als dieser von der Landebucht nach unten kam.

„Colonel“, grüßte der Expeditionsleiter seinen Militärkommandanten und zeigte dabei ein winziges Lächeln, dass ihm irgendwie aufgesetzt vorkam. „Wie war Ihr Flug mit dem Schiff?“

„Bestens. Was ist passiert?“, entgegnete John kurz und knapp und machte deutlich, dass er keine besonders große Lust auf Small Talk hatte.

„Es geht um den Commander. Nachdem sie vor dem Start zusammengebrochen ist, hat es mehrere Stunden gedauert, bis sie wieder aufwachte. Da sie auf die Krankenstation gebracht wurde, hat sie gleich, nachdem sie das Bewusstsein wieder erlangt hatte, extrem auf ihren Bruder reagiert. Sie wurde sehr aggressiv. Der General hat sie daraufhin zum Südostpier gebracht. Ich ließ nur das allernötigste Personal dort und habe alle anderen von dort abgezogen, aber … das hat wohl nicht gereicht. John, sie ist schon seit Stunden in dieser Starre und ihr Vater schafft es offensichtlich nicht, sie wieder aufzuwecken oder zurückzubringen.“

„Ich kümmere mich darum“, antwortete John und sah bittend zu seiner Mutter, die sich allerdings schon lange entschlossen hatte.

„Ich komme mit.“

„Was ist mit Dorian?“

„Er ist noch genauso aufgebracht wie zuvor. Noch zeigt er keinerlei Erschöpfungszustände oder Entzugserscheinungen, aber es dürfte nicht mehr allzu lange dauern“, erklärte Woolsey schnell.

„Er muss wohl eine gewaltige Dosis des Enzyms bekommen haben“, mischte sich nun auch Teyla ein, die sich ebenfalls im Kontrollraum einfand.

„Ja, hier wird´s nie langweilig“, kommentierte John leise und machte sich auf den Weg, doch er drehte sich noch einmal kurz um und wandte sich an seinen Vater und Bruder, „und ihr … stellt bitte nichts an.“

„Hey!“

Doch John war schon verschwunden und Carol hatte es nach einem kleinen Lächeln eilig, ihren Ältesten einzuholen.

~~~///~~~

„Alexa … Alexa, Kleines … komm wieder zu dir!“

Immer wieder sprach Tristanius zu seiner Tochter, rüttelte sie leicht, nahm ihr Gesicht in seine Hände und hatte ihr auch in seiner Verzweiflung einen eher sehr schwachen Klaps auf die Wange gegeben. Doch nichts half. Noch immer saß sie auf einem Bett eines unbewohnten Quartiers, reagierte nicht und starrte stumm und regungslos vor sich hin.

„Alexa, hör doch auf damit … Komm wieder zurück zu mir … Alexa!“

Der General war kurz davor, endgültig die Geduld zu verlieren.

„Tristan, beruhige Dich bitte. Du machst es nur noch schlimmer. Colonel Sheppard ist schon unterwegs. Vielleicht kann er sie wieder zurückbringen“, versuchte Elisha ihren Mann zu beruhigen, doch das schien ihn nur noch mehr aufzuregen.

„Wieso gerade er?! Was ist nur mit diesem Sheppard? Wieso reagiert sie so auf ihn? Ist da etwa was zwischen den beiden?!“

„Aber nein! Wie kommst Du denn darauf?“

„Ständig ist er in ihrer Nähe und lässt sie kaum aus den Augen. Er glaubt wohl, sie besser zu kennen, als ich und … und irgendetwas ist an ihm, dass … es lässt mir keine Ruhe.“

„Vielleicht ist er einfach nur ein guter Mensch, der für unsere Tochter ein Kollege und guter Freund ist. Vergiss nicht, er hat sie in der Kapsel gefunden und zurück gebracht und half ihr auch eine Suchaktion nach euch zu starten. Du solltest endlich Dein Misstrauen ablegen. Du kannst …“

Elisha wurde durch das Öffnen der Quartiertür unterbrochen und atmete erleichtert auf, als sie Colonel Sheppard und seine Mutter hereinkommen sah.

„Colonel!“

„Hi … alles in Ordnung?“

„Mit uns ja, aber Alexa … sie ist schon wieder weggetreten. Sie war vorhin schon mal kurz weg und Tristan hat sie zurückbringen können, aber Minuten später ist sie wieder … jetzt kommt sie einfach nicht mehr zu sich.“

„Commander … Commander, kommen Sie wieder zu sich“, begann John zu ihr zu sprechen, nachdem er sich zu Alexa auf die Bettkante setzte. „Alexa … hören Sie mich?“

Wieder nahm er ihr Gesicht in seine Hände, hob ihren Kopf etwas hoch und zwang sie, ihm in die Augen zusehen. „Alexa, hören Sie auf meine Stimme … kommen Sie wieder zu sich. Sie müssen wieder zurückkommen, hören Sie?“

John sprach immer wieder zu ihr, doch diesmal schien es länger zu dauern, als die ersten beiden Male.

Es kam noch immer keine Reaktion von ihr.

Elisha untersuchte sie abermals mit dem kleinen Scanner.

„Noch besteht keine Gefahr, aber all zu lange darf sie nicht mehr in diesem Zustand bleiben.“

„Sprich weiter zu ihr, vielleicht dringt deine Stimme doch noch zu ihr durch“, riet Carol, als John sie zweifelnd ansah.

„Alexa, hören Sie mir zu … es ist alles in Ordnung. Sie sind am Südostpier, es ist kaum jemand hier. Ihnen kann nichts passieren … Sie müssen wieder zu sich kommen … Alexa …“

Es hatte gut eine halbe Stunde gedauert, bis Alexa wieder zu sich kam. In der Zwischenzeit wurde Elisha von Jennifer zu Dorian gerufen, da er langsam die ersten Entzugserscheinungen zeigte.

„Also, was um alles in der Welt kann Ihnen in den Sinn, die Stadt fliegen zu wollen? Und jetzt kommen Sie mir nicht auf die Idee, behaupten zu wollen, es ginge Ihnen gut“, sprach John zu ihr und bemühte sich erst gar nicht, den vorwurfsvollen Tonfall zu vermeiden.

„Ich weiß nicht, ich dachte … es war alles in Ordnung. Ich habe mich gut gefühlt und … irgendwie sicher genug, um die Stadt zu fliegen. Aber dann war plötzlich alles weg“, erklärte Alexa und schien nervös zu sein.

„Wie meinen Sie das? Wann genau war diese Sicherheit weg?“, wollte Carol wissen. Hatte sie doch bereits seit längerem eine Ahnung, der sie nun nachgehen wollte.

„Ich weiß nicht. Mir ging es eigentlich ganz gut …“

John sah sie mahnend an, worauf sie sich schnell korrigierte. „Mir ging es nicht allzu gut, aber es war okay. Es war wirklich nicht schlimm. Ich hätte es geschafft, das weiß ich. Ich habe mich in den Stuhl gesetzt, mit Colonel Sheppard gesprochen, das Schiff hat abgedockt, und dann … ich weiß nur noch, dass es schlimmer wurde und dann nichts mehr.“

„Diese Sicherheit war weg, als das Schiff sich von der Stadt löste?“

„Ja“, gab Alexa zögernd zurück und sah, wie die Mutter des Colonels in Gedanken versank. Doch sie selbst hatte noch nicht die Kraft und die nötige Konzentration, sich mit dieser Sache zu beschäftigen.

Ein wenig kaltes Wasser würde sie bestimmt schnell erfrischen und munter werden lassen. „Ich werde mal ins Badezimmergehen, mich frisch machen.“

„Ruf, wenn etwas ist.“

Tristanius sah seiner Tochter noch kurz hinterher und wartete, bis sich die Badezimmertür geschlossen hatte. „Was ist hier los?“

„Ja, was hat das Schiff mit alldem zu tun?“, schloss John sich der Frage des Generals an.

„Ich glaube nicht, dass es am Schiff liegt, sondern viel mehr an dessen Kommandanten“ erwiderte Carol und sah zu ihrem Sohn, der allerdings nicht verstand, worauf sie hinaus wollte.

„Was?“

„Ich bin mir nicht sicher, aber es ist schon auffällig, dass sie in deiner Gegenwart ruhiger zu sein scheint und ihre Empathie im Griff hat.“

„Was soll das heißen? Wie machen Sie das? Was machen Sie? Verabreichen Sie ihr heimlich etwas, Colonel?“, fragte Tristanius mit erhobener Stimme, verstand er doch einfach nicht, was vor sich ging.

„Ich gebe ihr gar nichts! Ich weiß auch nicht, was das zu bedeuten hat!“

„Es ist nicht John, er tut nichts. Es ist Alexa. Sie tut es selbst.“

„Dann kann sie es doch kontrollieren?“

„Nein. Nicht richtig und vor allem nicht bewusst. Ich denke, es ist ihr Unterbewusstsein, dass zeitweise für eine gewisse Kontrolle sorgt.“

„Ich verstehe nicht ganz“, meinte Tristanius.

„Mom?“

„Diese Starre ist so eine Art … Flucht oder besser gesagt, Schutzfunktion ihres Gehirns. Wenn sie spürt, dass die vielen Emotionen zu stark sind und sie zu überwältigen drohen, sucht sie nach etwas, das ihr Sicherheit gibt, dass sie ablenkt, das sie von diesen Emotionen fernhält oder befreit. Wenn sie das aber nicht findet, wird ihr Nervensystem überlastet. Das Gehirn schaltet sich sozusagen ab, um sich selbst zu schützen. Nur die allernötigsten Prozesse zur Lebenserhaltung finden noch statt.“

„Und was hat Ihr Sohn damit zu tun? Sie sagten, dass meine Tochter in seiner Gegenwart ruhiger zu sein scheint und es ihr gut geht.“

„Das stimmt. Ich glaube, dass John ihr diese Sicherheit und Ruhe gibt.“

„Wie denn? Ich mach` doch gar nichts!“

„Nicht bewusst, nein und es ist wie gesagt auch Alexas Unterbewusstsein, das einige Handlungen vornimmt. Denk mal nach, John. Wann war sie zum ersten Mal in dieser Starre?“

„Als wir sie gesucht haben und in der Jumperbucht fanden“, antwortete John nachdenklich.

„Richtig, aber gab es nicht schon vorher Momente oder Situationen, in denen sie in eine Starre hätte fallen können?“

„Doch … doch, in der Wraithanlage, als wir Dorian gesucht haben.“

„Warum haben Sie mir nicht davon berichtet, Colonel?!“, forderte Tristanius zu wissen.

„Weil es mir zu dem Zeitpunkt nicht aufgefallen ist. Das war vor ihrem ersten Blackout … Wegtreten gewesen.“

„Was ist in dieser Anlage geschehen?“, fragte Carol nach und hoffte, die beiden Männer wieder auf das hauptsächliche Thema zurückführen zu können.

„Wir haben uns in die Anlage schleichen können, als Alexa plötzlich meinte, etwas zu spüren. Sie glaubte, dass es Dorian sei. Wir haben es dann sogar geschafft, dieses Gespür zu nutzen, um ihn besser zu finden.

Es hat sie ziemlich mitgenommen und für einen Moment dachte ich, dass sie eine dieser Attacken bekäme.

Sie hat sich allerdings sehr schnell wieder gefangen. Als wir uns dann an ihn ran schleichen konnten, gab es wieder einen Moment, der … die Wraith hatten ihn schon geholt und wir mussten etwas warten, bevor wir zuschlagen konnten. Das hat sie auch ziemlich fertig gemacht. Ich habe Alexa zurückhalten müssen, sonst wären wir alle dran gewesen. Das hat ihr auch ziemlich zugesetzt, aber sie hat sich auch da recht schnell wieder gefangen.“

„Da hat es wohl angefangen. Fällt dir etwas auf, John?“, fragte Carol und sah, wie es in ihrem Sohn arbeitete.

„Ich bin mir nicht ganz sicher, worauf du hinaus willst, Mom.“

„In dieser Anlage gab es ganze zwei Situationen, die sie hätten ausknocken können, aber sie hat sich jedes Mal gefangen. Als wir sie in der Jumperbucht fanden, war sie zum ersten Mal weggetreten und du hast sie zurückholen können. Als das Schiff abgedockt und sich von der Stadt entfernt hatte, brach sie zusammen und kaum, dass du da bist, holst du sie wieder zurück und ihr geht es wieder besser.“

„Na schön. Es hat mit mir zu tun, aber ich weiß nicht, wieso nur ich sie zurückholen kann.“

„Du bist … wie soll ich dir das erklären? … Du bist so eine Art … Leuchtturm für sie. Ein Leuchtturm, an dem man sich bei stürmischer See orientieren kann. Wenn es stürmisch wird, wenn sie die ganzen Emotionen verspürt, sucht sie nach etwas das ihr hilft, das … sie schützt. So wie … so wie man sich hinter den Mauern dieses Leuchtturmes verstecken kann, so nutzt sie deine Mauer. Du bist derjenige, der dadurch Sicherheit ausstrahlt. Der sie beruhigt.“

„Mauer?“

Verwirrt blickte John zu seiner Mutter, er ahnte schon durch ihren Blick, worauf sie hinaus wollte. Doch bevor er etwas erwidern konnte, ergriff sie erneut das Wort.

„Du hast schon als Teenager angefangen, zu mauern und nichts und niemanden mehr an dich heran gelassen, wenn dich etwas sehr beschäftigte. Egal was es war, worum es ging, du hast es entweder heruntergespielt oder in ganz schlimmen Fällen totgeschwiegen. Für mich wurde es immer schwieriger … lassen wir das. Darüber werden wir ein andermal sprechen. Aber als Soldat gibt es fast durchweg Situationen, die es nicht erlauben, persönliche Gefühle zu zeigen oder darauf einzugehen. Sie würden dich bei deiner Arbeit behindern, sie wären sogar gefährlich für Dich. Ich glaube, das wissen wir beide, wir drei. Darüber brauchen wir nicht zu diskutieren.

Man muss sich konzentrieren, die Ruhe bewahren, blitzschnell denken und noch schneller reagieren. Gefühle können da tödlich sein. Das weiß auch Alexa. Sie ist immerhin selbst Soldat. Auch sie wird fähig sein, in entsprechenden Momenten ihre Gefühle zu unterdrücken und die der anderen weitgehend zu ignorieren.

Aber jetzt, da sie die Emotionen anderer regelrecht spüren kann, ist sie überfordert. Und das sie weiß sie. Sie kann damit nicht umgehen und ihre eigene Mauer reicht bei Weitem nicht mehr aus, also … nutzt sie deine.“

„Aber wie?“

„Ich bin mir nicht ganz sicher, wie das genau funktioniert. Aber ich glaube, dass es eine mentale oder vielleicht sogar eine empathische Verbindung zwischen euch gibt.“

„Wie bitte?!“, kam es zunächst von Tristanius, bevor er nach einer Erklärung fordernd zu John sah. Dass sein Gesicht dabei langsam zornige Züge zeigte, entging ihm nicht.

Auch Carol wunderte sich über das geradezu gluckenhafte Verhalten des Vaters. Auf der einen Seite schien er nichts dagegen zu haben, dass seine Tochter zum Militär ging, aber auf der anderen Seite schien er es mit seiner Sorge und seiner Fürsorge fast zu übertreiben.

Beinahe -Nein, genau wie ein Vater auf der Erde. So groß schienen die Unterschiede zwischen den beiden Völkern gar nicht zu sein.

„Sehen Sie mich nicht so an. Ich weiß nicht, wovon sie spricht“, verteidigte sich John.

„Ich meine damit nicht eine Verbindung im Sinne einer Romanze, einer Beziehung oder Ähnlichem. Diese Verbindung kann ganz unbewusst entstanden sein. Keiner von den beiden könnte es bemerkt haben.

Wenn sie spürt, dass es ihr zu viel wird, sucht sie nach einem Ausweg, nach Sicherheit, Stärke, Ruhe und Klarheit. Ist John in der Nähe, greift sie nach ihm. Sie spürt diese Mauer, seine Sicherheit und Ausgeglichenheit und verstärkt damit ihre eigenen … Schilde. Und das funktioniert offensichtlich nur bei Blickkontakt. Denn wenn John nicht da ist, oder die Distanz zwischen ihnen ist zu groß, ist sie zu schwach und sie bricht entweder zusammen oder fällt in diese Starre.“

„Dann … dann muss ich jetzt ständig in seiner Nähe sein, um nicht wieder wegzutreten?“, ertönte Alexas Stimme hinter den dreien, die sich erschrocken zu ihr umdrehten.

„Verzeihen Sie, wir haben nicht hinter Ihrem Rücken reden wollen. Es hat sich so ergeben“, erklärte Carol schnell, als sie den Gesichtsausdruck des Commanders nicht richtig deuten konnte.

„Geht es dir gut? Ist alles in Ordnung?“

Besorgt trat Tristanius näher zu seiner Tochter und musterte sie aufmerksam.

„Sicher, alles bestens. Colonel Sheppard ist ja da“, gab Alexa spitzfindig zurück, worauf Carol ertappt schmunzeln musste und John sich verlegen durch die Haare fuhr.

„Es ist nur eine Theorie, die ich mit John und Ihrem Vater diskutiert habe und um ehrlich zu sein, gehören gerade diese Dinge zu einem Bereich, mit dem eigentlich recht wenig zu tun hatte. Während meines Studiums wurde die Parapsychologie kurz angeschnitten und später habe ich auch nur ein oder zwei Bücher und Artikel darüber gelesen. Ich befasste mich lieber mit der Psyche selbst. Da war irgendwie mehr Substanz und ich hatte sozusagen etwas Festeres, womit sich arbeiten lässt. Ich denke ich werde wirkliche eine ganze Menge nachholen müssen.“

„Ich verstehe. Aber was mich interessiert – wieso gerade Colonel Sheppard? Wieso er und nicht ich? Ich bin ihr Vater, da gibt es doch wohl eher eine gewisse Bindung.“

„Sicher. Aber ich vermute, dass diese Verbindung aufgrund der Ereignisse der letzten Monate entstand. John hat sie in diesem Behälter gefunden, sie zurückgebracht und aufgeweckt. Er hilft ihr bei ihren fehlenden Erinnerungen, er meditiert mit ihr, sie gehen zusammen auch Erkundigungen, er half bei der Suche nach Ihnen und Ihrem Sohn. Bis vor Kurzem galten Sie als tot oder vermisst. Das soll kein Vorwurf sein, aber Sie waren für sie nicht erreichbar. Und so weit ich weiß, soll es auch Differenzen zwischen Ihnen geben. Da war John in Alexas Notsituation der einzige Bezugspunkt.“

„Okay, das bringt uns jetzt nicht viel weiter. Wir müssen zusehen, dass wir etwas unternehmen“, schlug John vor, bevor es wieder zu ellenlangen Gesprächen oder womöglich einer hitzigen Diskussion zwischen Vater und Tochter käme. Oder zwischen John und dem General, da dieser ihn ohnehin auf dem Kicker zu haben schien. Warum auch immer.

„Ja, wir müssen mit einigen Übungen anfangen und du wirst auch aktiv an diesen Übungen teilnehmen müssen“, wandte Carol sich schließlich an John, der sie perplex ansah.

„Ich? Wieso ich?“

„Weil ich glaube, dass du es irgendwie spürst, wenn sie versucht, dich zu erreichen.“

John schüttelte abwehrend den Kopf.

„Nein, nein, bestimmt nicht. Wenn das so wäre, dann … dann wären einige Dinge …“

„Und wie kommt es dann, dass du sie in der Jumperbucht finden konntest? John, ich habe dich beobachtet. Als wir sie gesucht haben und in ihrem Quartier waren, gab es diesen einen kurzen Moment. Ich habe dich gefragt was los sei, du sagtest es sei nichts, hast aber geglaubt, zu wissen wo sie war und tatsächlich haben wir sie dann auch sofort gefunden. Und als wir auf dem Schiff waren, kurz bevor sie zusammengebrochen ist, hast du dir … du hast offensichtlich gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war. Du fühlst es, wenn mit ihr etwas nicht stimmt.“

Eindringlich hatte Carol zu John gesprochen und das, obwohl sie sich selbst nicht ganz sicher war, was ihre Theorien und Vermutungen betraf. Doch Johns grüblerischer Gesichtsausdruck sprach Bände für sie und es dauerte nicht lange, bis er selbst überzeugt war, dass es tatsächlich Alexa sein musste, die er spüren konnte. Eine andere Erklärung fand er schließlich selbst nicht.

Verlegen und auch ein wenig verschämt tauschten die beiden Blicke aus und ignorierten dabei den verwirrt, anklagenden Blick des Generals.

„Das ist nichts Schlimmes, nichts wofür man sich schämen sollte. Sie tun dies nicht mit Absicht. Es ist ihr Unterbewusstsein, das die Kontrolle ausübt. Es projiziert ihr Befinden auf John. Aber jetzt müssen Sie lernen, selbst die Kontrolle zu übernehmen und John hilft Ihnen dabei. Sobald sie wieder versuchen, ihn zu erreichen, meldet er sich und Sie lassen ganz bewusst los. Es wird am Anfang wahrscheinlich sehr oft passieren, da es sehr schwer sein kann. Aber ich bin sicher, dass wir das schaffen.“

„Und wenn ich dann nach jemand anderem suche?“

„Das ganze Pier ist so gut wie leer gefegt. Nur wir drei und zwei Soldaten sind da. Aber die sind weiter weg, die können Sie nicht sehen und nicht hören“, erklärte John und setzte sich auf einen Stuhl gegenüber des Bettes.

„Und Ihr Vater wird sich ebenfalls melden, wenn Sie nach ihm greifen wollen. Ich bin sicher, dass auch er es spüren wird.“

„Können wir das denn nicht tun, wenn Dorian wieder gesund ist? Er braucht mich doch!“

Alexas Nervosität stieg plötzlich an. Sie tigerte ungeduldig im Quartier hin und her, schlang die Arme entweder um sich selbst oder begann ihre Hände und Finger zu kneten, dass schon teilweise ein knacksen zu hören war.

„Nein, das tun wir jetzt. Sie können nicht zu Ihrem Bruder, Sie würden sonst wieder diesen Blackout haben oder zusammenbrechen. Wenn Sie jetzt lernen, die vielen Emotionen, ganz besonders die Ihres Bruders abzuschirmen, Schilde aufzubauen und zu kontrollieren, haben Sie später umso weniger Schwierigkeiten in größeren Menschenmengen oder bei weiteren Ausnahmesituationen. Vertrauen Sie mir, wir bekommen das schon hin“, sprach Carol ihr gut zu und versuchte die junge Frau zu beruhigen, was nach einigen Augenblicken auch zu funktionieren schien.

„Sie konzentrieren sich voll und ganz auf das was ich Ihnen sage und John und Ihr Vater konzentrieren sich auf sich selbst und ihre Empfindungen. Sobald einer der Beiden etwas fühlt, melden sie sich. Es ist wirklich wichtig, dass Sie lernen, selbstständig Schilde zu errichten, damit Sie wieder unbeschwert in der Gesellschaft leben und agieren können. Okay?“

Alexa nickte einverstanden.

„Na schön, dann suchen Sie sich eine entspannte Position, denn wir fangen erst mit ein paar Entspannungsmaßnahmen an. Und Ihr beide“, Carol drehte sich mit mahnend erhobenem Finger zu den beiden Männern, „wir brauchen absolute Ruhe und Ihr müsst Eure eigenen Emotionen mal für eine Zeit lang unterdrücken. John, ich weiß, du kannst das besonders gut.“ John verdrehte auf diesem Kommentar die Augen und stöhnte. „Achtet nur darauf, zu spüren, wenn sie nach euch sucht.“

Tristanius atmete tief durch und setzte sich auf den zweiten Stuhl neben John, der schon mehr auf dem Stuhl lag, als das er saß. Die Arme vor dem Körper verschränkt, die Beine aufeinander gelegt und weit von sich gestreckt, schien er ganz entspannt zu sein und beobachtete, wie Alexa ihre Meditationsposition einnahm und Carol selbst einige Vorbereitungen traf und sich schließlich Alexa gegenüber setzte.

„Na schön … fertig?“

Alexa nickte.

„Gut. Dann atmen Sie tief durch und schließen Sie die Augen. Denken Sie an nichts, hören Sie nur auf meine Stimme … Sie sind vollkommen sicher … Ihnen kann nichts passieren …“ Carol beobachtete die junge Frau ganz genau und sah, dass sie noch immer sehr angespannt wirkte. „Atmen Sie tief ein, spüren Sie wie der Sauerstoff durch ihre Nase in ihre Lunge strömt … atmen Sie wieder aus und fühlen Sie dabei, wie sich Ihr Gesicht entspannt. Ihre Muskulatur um die Augen lockert sich … die Anspannung in ihrem Kiefer lässt nach …. Ihre Schultern sinken nach unten und Ihr Nacken entspannt sich … atmen Sie wieder ein … und beim nächsten Ausatmen fühlen Sie, wie die Anspannung in ihrem Armen von Ihnen abfällt …“

Carol hatte auf fast jedes ihrer Glieder eingehen müssen, um die Anspannung und Nervosität der Antikerin zu bekämpfen. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis sie überzeugt war, das Alexa genügend entspannt war, um zu den eigentlichen Übungen überzugehen. Das schien anfangs auch recht gut zu funktionieren. Doch als sie die Antikerin mit mehr als einem unangenehmen Gefühl in Form einer Fantasievorstellung konfrontierte, begann sie allmählich unruhig zu werden.

John hatte wieder dieses merkwürdige Gefühl in seinem inneren. Es war weder unangenehm noch schmerzhaft, aber da er nun wusste, was es mit dieser Empfindung auf sich hatte, konnte er regelrecht spüren, wie man nach ihm greifen wollte. Er war sie sich jedoch nicht sicher, wie genau er darauf reagieren sollte. Er wollte Alexa nicht direkt ansprechen und sie damit aus ihrer Konzentration reißen. Aber er musste sich schon irgendwie äußern. Doch seine Überlegungen wurden jäh unterbrochen, als Carol wohl bemerkte, dass John nervös wurde.

„Alexa, ziehen Sie sich wieder von John zurück … Ihnen kann nichts passieren … denken Sie an das Schild, das Sie um sich errichtet haben. Die Emotionen können den Schild nicht durchdringen … es geht Ihnen gut … Sie sind sicher und frei …“

Carol sah wieder zu John, der nur nicken konnte, als er spürte, dass sie ihn tatsächlich wieder losließ. Wieder verging einige Zeit, in der die Psychologin, Alexa immer wieder Schilde aufbauen und wieder senken ließ. Ebenso regte sie die Vorstellungskraft der jungen Frau an, beschrieb einige Emotionen und ließ diese von Alexa abwehren. Anfangs versuchte sie noch oft davor zu flüchten, daher war es überwiegend John, der sich immer wieder bemerkbar machen musste.

Tristanius sah dabei nur aufmerksam zwischen den beiden hin und her. Wenn er sich anfangs noch wunderte und auch leicht ärgerte, dass Alexa offensichtlich mehr Vertrauen zu diesem Colonel zeigte, statt zu ihm, wurde ihm später doch langsam bewusst, dass es wohl nicht verwunderlich sei, nach all der vergangenen Zeit und der Meinungsverschiedenheit, die zwischen den beiden herrschte. Tief in seinem Inneren jedoch, glaubte er zu ahnen, dass vielleicht noch etwas anderes dahinter stecken könnte. Der General rief sich wieder zur Ordnung und Konzentration. Diesem Verdacht könnte er später immer noch nachgehen. Alexas gesundheitliche und seelische Verfassung hatte im Moment Vorrang für ihn.

Carol hingegen glaubte, mit ihren Übungen mittlerweile noch einen Schritt weiter gehen zu können, als sie Alexa vorschlug, ihre Konzentration auf Dorian zu richten. Sie wusste von Johns Erzählung, dass sie etwas ähnliches in der Wraithanlage versuchten und auch Erfolg hatten.

Doch je mehr sich die Antikerin auf ihren Bruder konzentrierte und sich auf dessen Befinden einließ, desto angespannter wurde sie. Es wurde sogar so schlimm, dass sowohl John als auch Tristanius spürten, dass sie in Schwierigkeiten geriet.

„Alexa, denken Sie wieder an Ihren Schild … stellen Sie sich vor, wie sie ihn verstärken, wie sie ihn dicker und dichter werden lassen. Ihr Bruder kann nicht an Sie herankommen … Alexa …“

„Nein, ich … kann nicht … ich …“

Hastig hielt sie sich ihre Hand vor den Mund und hastete ins Badezimmer, wo sie sich übergebend über die Toilette beugte.

„Alexa!“

Tristanius hatte anfänglich Mühe bei seiner Tochter zu bleiben. Immer wieder versuchte sie ihn auf Abstand zu halten, schob seine Hände weg, oder stieß ihn sogar zurück, als sie erneut von krampfartigem Würgen gepackt wurde und sich erneut übergab. Doch Tristanius ließ nicht locker. Er kniete sich neben sie und begann ihr in langsamen Kreisen, beruhigend über den Rücken zu streichen, während er mit der anderen Hand immer wieder ihre Haare zurückstrich, sodass sie ihr nicht ins Gesicht fielen.

„Elisha“, sprach er, nachdem er über seinen Com-Stecker Verbindung zu seiner Frau aufnahm. „Alexa geht es nicht gut. Sie übergibt sich pausenlos!“

„Dorian auch! Er ist mitten im Entzug. Das spürt sie bis zum Südostpier?“

„Colonel Sheppards Mutter hat gerade versucht ihr zu zeigen, wie sie sich gegen die Emotionen wehren kann, aber Dorian bereitet ihr noch Schwierigkeiten.“

„Dorians Entzugserscheinungen sind gerade am stärksten … ich kann hier nicht weg … ich kann ihm nichts geben, aber Doktor Beckett hat vielleicht etwas für Alexa“, antwortete Elisha, wobei Tristanius die Sorge, den Stress und die Anspannung in ihrer Stimme wahrnahm.

„Ich werde mich darum kümmern“, erklärte John und eilte aus dem Quartier.

Es dauerte nicht lange bis John mit einem kleinen Fläschchen einer Tinktur zurückkam und sah, wie Alexa das letzte Mal würgte und spukte, bevor sie erschöpft nach hinten gegen die Wand sank. Carol wischte ihr mit einem kühlen Tuch den Schweiß von der Stirn und der General sprach beruhigend auf sie ein.

Ein solches Bild hatte John erst vor wenigen Minuten gesehen, als er auf der Krankenstation einen kurzen Blick auf Dorian werfen konnte. Ihn quälten ebenfalls Übelkeit und Erbrechen, aber im Gegensatz zu seiner Schwester, kämpfte er noch mit schmerzhaften Krämpfen, Schüttelfrost, starkem zittern und einer ganzen Flut unterschiedlichster Emotionen. Die Übungen und Techniken, die seine Mutter mit Alexa durchnahm, schienen zumindest etwas zu helfen.

Schnell ließ John eine kleine Menge der braunen Flüssigkeit in ein Glas tropfen, füllte noch etwas Wasser hinzu und reichte es Tristanius, der nur geringe Schwierigkeiten hatte, seine Tochter zum Trinken zu animieren.

Carol hingegen gab ihr weitere Anweisungen, damit sie sich weiter entspannte.

Irgendwann jedoch schien sie ruhig und entspannt genug zu sein, so dass Carol die beiden verlassen konnte um mit John zu sprechen.

„Wie sieht es bei ihrem Bruder aus?“

„Ein wenig schlimmer. Er übergibt sich zwar auch pausenlos, aber zudem hat er noch Krämpfe und zittert und das wird wohl noch eine ganze Weile so weitergehen.“

„Ich denke es wäre ganz gut, wenn wir eine kleine Pause machen. Sie soll sich etwas ausruhen, etwas schlafen.“

John nickte.

Eine gefühlte Ewigkeit verging, in der Alexa die Kühle der Wand in ihrem Rücken und Nacken genoss. Tristanius hatte gespürt, wie sie nach im griff, als Dorians Empfindungen sie übermannten. Nur zu gerne war er für sie da, schützte und stärkte sie, dennoch war er sich bewusst, dass sie lernen musste, damit selbst zurechtzukommen.

„Geht es wieder?“

„Gleich …“

Überrascht aber doch mehr verwirrt über die Sorge und die Bekümmerung ihres Vaters, verfiel Alexa in Gedanken.

Noch zwei Tage zuvor gab es zwischen ihnen beiden heftige Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen. Er war geradezu unausstehlich, hatte sie suspendiert und sprach von einem Militärgerichtsverfahren.

Natürlich, sie hatte Fehler gemacht, auch wenn sie keine sonderlich große Wahl ihrer Handlungen betreffend hatte. Aber war es nicht doch möglich, dass er überreagierte? Ihr Vater war schon immer sehr dem Militär und den damit verbundenen Regeln und Gesetzen zugetan, hatte ein starkes Ehrgefühl und großen Gerechtigkeitssinn. Daher verstand sie seine jetzigen Reaktionen und sein Verhalten nicht ganz. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er in der Vergangenheit schon selbst mehr als einmal diese Regeln und Gesetze gebogen, vielleicht sogar gebrochen hatte. Warum machte er bei ihr dann so eine große Sache daraus?

Sie erinnerte sich daran, Sheppard versprochen zu haben, nichts zu unternehmen, nicht vorschnell zu handeln, im Gegenzug hatte er ihr versichert, dass sich alles wieder einrenken würde.

Eine Woche. Eine Woche sollte vergehen, bis alles im Sande verlaufen würde, in der ihr Vater sich wieder eingefangen haben sollte. Doch bisher gab es nicht den kleinsten Hinweis auf etwas Entspannung zwischen den beiden … oder doch? Oder war es nur Mitleid, das ihr Vater ihr entgegen brachte?

Sie war am Ende. Sie hatte weder die Kraft, weitere Übungen zu machen und Techniken zu lernen, noch das Durchhaltevermögen, eine ganze Woche abzuwarten, bis ihr Vater sich wieder eingefangen hätte. Lieber würde sie jetzt gleich ihre richtige Strafe bekommen wollen.

Alexa spürte, wie der Druck sich nach außen kämpfte. Tränen traten in ihre Augen, ihre Kehle schien zu zuschnüren, als sie sich an ihren Vater drückte und sich in seinen Armen verkroch.

„Es tut mir leid … es tut mir so leid, Pa …“

„Shhh … Das muss es nicht. Du machst das schon ganz gut. Es braucht seine Zeit, bis du es richtig gut kannst.“

„Nein … nicht das. Ich wollte dich nicht verärgern … ich habe das doch nur getan, um nach Euch suchen zu können. Ich wollte nicht … ich habe ihnen doch nur das gegeben, was sie vorher auch schon hatten. Die Drohnenplattform ist vor Monaten zerstört worden und das ZPM … das Energiemodul … es ist eine Verbindung zwischen Atlantis und der Erde.“

„Alexa … lass uns später darüber sprechen.“

Innerlich stöhnte Tristanius auf und versuchte seine Verärgerung im Zaum zu halten. In all der vergangenen Zeit hatte er sich noch nicht allzu viele Gedanken über seine Anschuldigungen machen können. Er hatte nur immer wieder gespürt, wie es in seinem Inneren rumorte. Alexa musste das wohl gespürt haben.

„Ich kann das nicht mehr. Ich will nicht, dass wir uns streiten … das du wütend bist. Das ist alles zu viel, Pa. Ich halte das nicht mehr aus …“

„Wir sprechen später darüber, ich verspreche es dir. Wir werden nachher in aller Ruhe miteinander sprechen. Jetzt beruhige dich. Du musst dich wieder konzentrieren.“

Doch Alexa dachte nicht daran. Vielmehr, sie konnte es nicht. Sie verkroch sich noch mehr in den Armen ihres Vaters und weinte leise vor sich hin.

Tristanius wurde klar, dass sie etwas Zeit brauchte und ihn so schnell nicht mehr loslassen würde.

Nach einiger Zeit allerdings hatte sich wieder unter Kontrolle und konnte das Badezimmer verlassen, um sich etwas hinzulegen.

~~~///~~~

John hatte Durst, und nachdem die beiden das Badezimmer verlassen hatten, wollte er sich dort etwas Wasser holen.

Während er das Wasser in ein Glas laufen ließ, riskierte er einen kleinen Blick in den Spiegel, der über dem Waschbecken hing. Doch sein Augenmerk blieb nicht lange auf sein Spiegelbild gerichtet, als etwas kleines, weißes, das offensichtlich hinter ihm auf dem Boden lag, seine Aufmerksamkeit erregte. Ein kleines Stück Papier lag an der Stelle, an dem der General die ganze Zeit gehockt hatte.

Vermutlich war es ihm aus der Tasche gefallen. Von diesem unbemerkt, konnte John es aufheben und auseinander knüllen.

Die Schriftzeichen, die darauf standen, kamen ihm irgendwie bekannt vor, und wenn er sich nicht sehr täuschte, waren sie denen, die auf den Steinen auf M4X-282 eingraviert waren, sehr ähnlich. Die Steine, von denen sie Aufnahmen machten und die Jackson nun versuchte zu übersetzen.

Aus einem unerfindlichen Grund stellten sich Johns Nackenhaare auf. Es behagte ihm überhaupt nicht. Alexa hatte bei den Steinen schon ein ungutes Gefühl und nun fand er diesen kleinen Schnipsel, der offensichtlich von Hand geschrieben war und wohl irgendeine Botschaft vermitteln sollte.

Normalerweise würde John sich nicht darum scheren, welche Botschaften der General in seinen Taschen hatte, doch die vielen `auffälligen Zufälle´ die in den letzten Tagen entstanden waren, entdeckt wurden und zu häufen schienen, und die Tatsache, dass diese Notiz in einer uralten Sprache geschrieben worden war, die die Antiker selbst vor dreizehntausend Jahren nicht mehr kannten, hatte bestimmt nichts Gutes zu bedeuten.

John faltete den Papierschnipsel wieder zusammen und steckte ihn schnell in seine Hosentasche.

Es wäre bestimmt nicht verkehrt, wenn sich Jackson diese Zeichen einmal ansehen würde.

~~~///~~~

Schon seit Stunden saß Daniel in seinem Quartier und war dermaßen in die Übersetzung der antikischen und doch fremd erscheinenden Schriftzeichen auf den Fotografien vertieft, dass er erst nach dem zweiten Türklingeln hochschreckte. Doch anders als im SGC musste er hier nun aufstehen und die Türe selbst öffnen. Ein einfaches `Herein!´ funktionierte in dieser Stadt nicht.

„Colonel!“

„Doktor“, erwiderte John und legte ein freundlich mahnendes Grinsen auf, das den Archäologen daran erinnern sollte, dass sie doch schon lange beim Vornamen angekommen waren.

„John …“

„Daniel … Ich wollte mal sehen, was Sie so treiben.“

„Och, das übliche halt.“

„Noch nicht weiter, hm?“

„Eigentlich schon, aber es ist bisher nichts wichtiges, geschweige denn Interessantes. Hier und da mal ein Buchstabe, allerhöchstens ein Artikel. Auch wenn es sehr gute Aufnahmen sind, müssen die Steine schon ein ganz schönes Alter haben. Mache Zeichen oder Symbole sind nur schwer zu erkennen. Vielleicht kann ich mir das ja bald selbst ansehen. In solchen Fällen sieht das menschliche Auge doch besser und mehr als eine Kamera.“

„Das könnte schwierig werden. Alexa ist damals ja schon strengstens verboten worden, da jemals wieder hinzu gehen und wer weiß, wie der General reagiert, wenn einer von uns da hin will … oder er rausfindet, dass sie doch noch mal da war.“

„Ja … ja richtig. Es wäre vermutlich einfacher, wenn ihr Vater noch nicht da wäre.“

John nickte nachdenklich.

„Was ist eigentlich mit ihm? Hat er sich noch ein wenig weiter beruhigt oder ist er immer noch so …“

„Knallhart, unergründlich, undurchschaubar und unausstehlich? Ja, aber gelegentlich zeigt er sich auch schon mal von der anderen Seite und man kann eigentlich ganz gut mit ihm umgehen. Aber im Grunde weiß ich wirklich nicht, was ich von ihm halten soll.“

„Hm, klingt, als sei er in einer Art lantianischer Midlife-Crisis …“, meinte Daniel.

John konnte ihn nur perplex ansehen, bis dieser schmunzelnd die Achseln zuckte.

„Ich weiß zwar nicht, wie die aussieht … aber es wäre vorstellbar.“ John grinste etwas, bevor die Ernsthaftigkeit zurückkehrte. „Nein ernsthaft, ich muss Ihnen Recht geben. Sowohl der General als auch diese Steine mit ihren Schriftzeichen strahlen irgendwie eine merkwürdige Aura aus. Fast unheimlich.“

Wieder nickte John und kramte das kleine Stück Papier aus seiner Hosentasche.

„Ich glaube, es wird noch unheimlicher“, sagte John und hielt Daniel die kleine Notiz entgegen.

„Das … diese Zeichen ähneln denen auf den Steinen!“

„Ja, das ist mir auch aufgefallen.“

„Wo haben Sie das her?“, fragte Daniel und machte sich sofort an die Arbeit, die Symbole zu kopieren und zu übersetzen.

„Ich habe es gefunden, auf dem Badezimmerboden von Alexas momentanem Quartier. Es gehört wohl dem General. Er hatte es wahrscheinlich in der Hosentasche und ist ihm rausgefallen, als Alexa sich übergeben musste. Ich schätze, unheimlich trifft es nicht mehr – jetzt wird es langsam gruselig.“

„Wieso? Was hat er dazu gesagt?“

„Nichts. Er weiß nicht, dass er es verloren hat. Noch nicht. Ich will es ihm zurückgeben und ihn dann fragen. Allerdings denke ich, dass ich mir das sparen kann. Er wird mir irgendeine Geschichte auftischen oder mich zu Schnecke machen, weil es mich nichts angeht. Im Grunde wäre es mir auch egal, aber wie Sie selbst sagten, es sind die gleichen Zeichen wie auf den Steinen … ich werde das Gefühl nicht los, das da noch was großes auf uns zu kommt. Etwas, was mir wohl nicht gefallen wird.“

John hatte Daniel gebeten, sich zuerst um die Schriftzeichen auf dem Zettel zu kümmern.

Er machte nach einem weiteren kurzen Gespräch über seinen Eindruck und sein Gefühl den General betreffend deutlich, dass es im Moment wohl dringend nötig war, herauszufinden, was möglicherweise auf Alexa und Atlantis zukäme.

~~~///~~~

Nachdem Carol dem General versichert hatte, bei der noch immer schlafenden Alexa zu bleiben, machte dieser sich auf den Weg zur Krankenstation, um nach seinem Sohn zu sehen.

Carol konnte die Sorge um seine Familie verstehen. Der Sohn war vollgepumpt mit einer außerirdischen Droge, die Frau war im Stress und ebenfalls besorgt und die Tochter hatte Fähigkeiten, die wahrscheinlich sogar sein Verständnis überstiegen. Und zu allem Übel sah es nun ganz so aus, als ob jemand hinter seiner Familie, beziehungsweise seiner Tochter her sei. Nur warum er nicht darüber sprach oder um Hilfe bat, wusste sie nicht. Sie konnte es sich auch nicht denken. Angst? Glaubte er, selbst damit fertig zu werden? Oder war es wirklich nur mangelndes Vertrauen? Möglich. Immerhin kannten sie sich erst seit einigen Tagen. Sich darüber Gedanken zu machen, brachte sie nicht wirklich weiter, also konzentrierte sie sich wieder auf eines der Bücher, dass Doktor Wingers ihr heute Morgen gegeben hatte.

Doch es dauerte nicht lange, bis sie von dem zurückkehrenden John abgelenkt wurde.

Ein kleines flüsterndes Gespräch folgte, bis Carol sich wieder ihrem Buch widmete, da John einige Berichte durchging und dann später sogar selbst etwas auf dem Stuhl döste.

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„Mutter … bitte …“

Noch immer wand sich Dorian auf seiner Liege hin und her und versuchte sich zu befreien. Seine Kraft reichte jedoch nicht mehr aus, um sich den Fesseln zu entledigen. Er war blass, zittrig und kraftlos, kalter Schweiß bedeckte sein Gesicht und sein Blick irrte ziellos umher.

„Dorian, es wird dir schon bald wieder besser gehen … du musst durchhalten, du hast es bald geschafft“, sprach Elisha ihm gut zu, während sie ihm immer wieder mit einem kalten Lappen über seine Stirn fuhr.

„Pa! Pa bitte … du musst mich gehen lassen …“, bat Dorian, kaum dass er seinen Vater hereinkommen sah.

„Das geht nicht, mein Junge. Dir wird hier nichts geschehen. Du bist hier sicher. Halte noch ein wenig durch …“

„Nein … Pa, diese Schmerzen … sie sind zu stark. Bitte Pa …“

„Kannst du ihm nicht etwas geben? Er hat doch Schmerzen!“

„Ich überlege schon ihm ein leichtes Schmerzmittel zu geben, aber ich weiß nicht, ob er es verträgt oder es ihm überhaupt hilft.“

Tristanius überlegte, sah immer wieder zu Dorian, bevor er selbst nach seinem Arm griff, ihn sachte drückte und ihn ruhig halten wollte.

„Versuche es“, bat er schließlich, und sah, wie Elisha Doktor Keller ein Zeichen gab, die daraufhin eine Spritze aufzog.

Doch selbst nach mehreren Augenblicken schien sich der junge Mann nicht beruhigt zu haben und es schien ihm auch nicht besser zu gehen.

„Vater bitte … ich kann das nicht mehr. Ich halte das nicht mehr aus. Mach, dass es aufhört. Ich will nicht mehr, Vater bitte … beende es.“

„Dorian …“

„Vater, ich flehe dich an! Du kannst das beenden, ich bitte dich … ich will so nicht … nicht so! Du musst mir da helfen. Du kannst mich doch nicht so verrecken lassen! Bitte Vater, nur ein Schuss und alles ist vorbei!“

„Dorian!“

Elisha konnte sich das winseln ihres Sohnes nicht mehr anhören. Hastig verließ sie das Krankenzimmer und ließ ihren Mann und Sohn zurück. Für Dorian hatte sie alles getan und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er endlich einschlafen würde. Wenn er danach aufwachen würde, wäre dieser Albtraum vorbei. Es würde ihm dann noch ein oder zwei Tage etwas schlecht gehen, aber diese Substanz wäre dann aus seinem System, er hätte das schlimmste hinter sich und er könnte wieder zu Kräften kommen.

~~~///~~~

Elisha erreichte den Beobachtungsraum, von dem aus sie Vater und Sohn beobachten konnte, doch Tränen der Verzweiflung, Angst und Sorge verschleierten ihre Sicht.

In groben Umrissen konnte sie erkennen, dass Tristanius noch immer am Bett seines Sohnes stand, ihn hielt und versuchte, ihn mit Worten zu beruhigen und zum weiterkämpfen ermutigte. Doch ihr half es nicht viel. So viele Sorgen und Gedanken schwirrten ihr durch den Kopf, verwirrten sie und zehrten an ihrer Konzentration und ihrer Kraft, dass sie sich schließlich einfach nicht mehr damit beschäftigen wollte und erschöpft auf einen Stuhl sank.

Carol, die in der Zwischenzeit einen Spaziergang machte und nun die Krankenstation betreten hatte, sah die Mutter schluchzend dort sitzen. Müde, mit hängenden Schultern und fahlem und tränenüberströmtem Gesicht.

Unbemerkt hatte sie sich neben sie gesetzt und ihre Hand auf Elishas Schulter gelegt, wodurch sie erschrak.

„Ich bin es nur … Sie sehen sehr müde aus.“

„Unsere Kinder hatten schon immer alle auf Trab halten können“, versuchte Elisha lächelnd zu erwidern, doch sie versagte kläglich. „Wenigstens etwas, das sich nicht geändert hat.“

„Ich bin sicher, es wird ihm bald viel besser gehen. So weit ich weiß, gibt es immer weniger dieses Enzyms in seinem Körper, das ist doch ein gutes Zeichen.“

„Ja … ja natürlich, aber ich kann … meinen Sohn bitten zu hören, man solle ihn töten, das ist … es war eine Sache, das auf den Aufnahmen bei den anderen zu sehen, aber bei Dorian … bei meinem eigenen Sohn …“

„Natürlich ist es bei Ihrem Sohn ein ganz anderes Empfinden, das ist nur natürlich und mehr als verständlich.

Aber noch ist ein wenig dieser Substanz in ihm und lässt ihn nicht klar denken. Haben Sie noch etwas Geduld. Sie sind eine gute Ärztin und bestimmt eine noch bessere Mutter, das weiß er und er wird sich später auch daran erinnern. Ich glaube, er spürt es, wenn Sie bei ihm sind. Das wird ihm die nötige Kraft geben, noch ein weniger länger zu kämpfen.“

Carol richtete noch einige aufmunternde Worte an die Mutter, bevor Tristanius nicht minder erschöpft den Beobachtungsraum betrat.

Nachdem er sich kurz nach seiner Tochter erkundigte, verabschiedete sich Carol von dem Ehepaar und verließ die Krankenstation wieder.

„Haben die Tropfen von Doktor Beckett Alexa geholfen?“, erkundigte sich Elisha, als sie mit ihrem Mann nun alleine im Beobachtungsraum stand.

„Ja, es geht ihr wieder gut. Sie ist nur sehr müde und du siehst auch erschöpft aus.“

„Das bin ich auch. Ich bin erschöpft, müde … Ich Kann nicht mehr, Tristan.“

„Bald hat er es geschafft und dann können wir uns ausruhen. Wir alle.“

Leise versuchte er seine Frau zu trösten und drückte sachte ihre Schulter, doch Elisha schüttelte mit dem Kopf und entzog sich seiner Hand.

„Ausruhen? Hast du etwa vergessen, dass es da noch einige Probleme gibt? Hast du die Gefahr vergessen, in der Alexa schwebt? Wir alle?“

„Jetzt fängst du schon wieder damit an … Ich habe dir doch gesagt, ich kümmere mich darum.“

„Du kümmerst dich darum? Wie? Wann? Hast du etwa schon mit Mister Woolsey gesprochen, mit Colonel Sheppard? … Nein, natürlich nicht!“, stellte Elisha fest, nachdem Tristanius mit den Augen rollte. „Hättest du es getan, würdest du Ihnen nicht mehr mit dieser Arroganz und dieser Sturheit und … deinem abweisenden Verhalten entgegen treten. Seit du zurück bist, habe ich immer wieder Schadensbegrenzung betreiben müssen. Ich habe diese Menschen hier immer wieder beschwichtigen und mir Ausreden wegen deines Verhaltens einfallen lassen müssen. Jetzt bin ich es leid, ständig gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Ich weiß, wie sehr es dir zu schaffen macht … auch mich hat die Erkenntnis, dass so viele Jahrtausende vergangen sind, sehr getroffen. Auch ich musste mich mit vielen Dingen arrangieren. Auch ich habe Kollegen, Bekannte, Verwandte und Freunde verloren. Mich hat das auch sehr geschmerzt und ich habe auch schwer damit zu kämpfen, aber du … du lässt deinen Kummer an anderen aus, die dir eigentlich helfen wollen. Statt ihnen dankbar zu sein und ihre Hilfe anzunehmen, bringst du ihnen nur Missachtung und Misstrauen entgegen. Allen voran deiner eigenen Tochter! So viele Dinge sind während unserer Abwesenheit geschehen, so vieles hat sich geändert, nichts ist mehr so, wie es war, aber du interessierst dich gar nicht dafür. Du fragst nicht nach und willst auch nicht richtig zuhören. Du klagst lieber gleich an …“

„Elisha …“

„Ich will kein Wort mehr hören, Tristan. Ich habe zu lange dabei zugesehen und mich zurückgehalten. Jetzt ist Schluss. Du weißt ganz genau, dass sie keinen Verrat begangen hat. Wir sind mit diesem Volk nicht verfeindet. Sie hat Dinge an diese Leute weitergegeben, die sie doch schon früher hatten oder an die sie sehr leicht hätten selbst ran kommen können. Sie hat in Deinem Interesse gehandelt. Alles, was sie wollte, warst du und Dorian. Sie hatte nur eines im Sinn. Dich und Dorian zu finden und die Familie wieder zusammen zu bringen. Wir haben nur noch uns, Tristan! Wir sind die letzten unseres Volkes! Es gibt niemanden mehr! Begreife es endlich! … Aber für dich war es doch nur ein … ein gefundenes Fressen, deinen Unmut über die Vergangenheit loszuwerden. Das ist so … so etwas hätte ich dir niemals zugetraut!“

„Ach ich bitte dich! Was dichtest du mir denn da an?“

„Die Wahrheit! Du hast ihr doch schon lange vor Celtes das Leben schwer gemacht. Als ob es für sie nicht schon schlimm genug war. Nein, du hast sie beinahe jede Woche in dein Büro zitiert und ihr vorgeworfen, keine Höchstleistungen mehr zu bringen. Dabei hat sie doch immer noch sehr gute Arbeit geleistet.“

„Ihre Leistung war nicht immer sehr gut …“

„Ach hör doch auf! Komm mir jetzt nicht so! Es war doch wohl klar, dass sie niemals wieder so sein würde, wie einst. So ein Schlag erschüttert jeden. Es wäre bei dir oder mir nicht anders … fünf Monate haben wir sie vom Dienst befreit, aber Darius hat sie nie vergessen … bis jetzt. Ich habe dir gesagt, dass sie sich an vieles nicht erinnert, aber für dich kommt das gerade recht, nicht wahr? Solange sie sich nicht an den Mann erinnert, den sie einst liebte, kannst du sie wieder nach deinem Gutdünken formen, denn da gibt es ja nichts, was sie belastet und ausbremst. Und abgesehen davon hat sie nun auch noch diese Fähigkeit. Das kommt dir gerade recht. Für dich ist sie doch nicht mehr als ein Werkzeug. Und das kann ich einfach nicht mehr … das werde ich nicht mehr mitmachen!“

Elisha musste kurz durchatmen. Sie spürte wie ihre Wut und der innere Druck regelrecht aus ihr heraussprudelten und es tat ihr in diesem Moment unglaublich gut, sich durch dieses Reden Erleichterung zu verschaffen.

Tristanius hingegen hatte es die Sprache verschlagen. Zunächst hatte er noch mit großen Augen zu seiner Frau gesehen, doch dann hatte er sich wegdrehen müssen. Aus irgendeinem Grund hatte er ihr nicht mehr in die Augen sehen können.

„Ich sage dir eines, Tristan. Ihre Erinnerungen werden wiederkommen und ich bete darum, vorher mit ihr über Darius sprechen zu können, bevor du dich mit deinem Verhalten verrätst. Ich glaube allerdings, dass sie schon Verdacht geschöpft hat. Sie ist schließlich nicht dumm, Tristan. Genauso wenig diese Menschen. Es sind gute Menschen, sie mögen Alexa und sie mag sie. Sie kümmern sich gut umeinander und das schließt Alexa mit ein. Es schließt uns alle ein, falls du das noch nicht bemerkt hast. Als Alexa von diesem Kolya gefangen genommen wurde, hat Colonel Sheppard sein Leben und das Leben seiner Leute riskiert, um dir bei ihrer Befreiung zu helfen. Davor ist Lieutenant Evans verwundet worden, als sie angegriffen wurden und er sie schützen wollte. Und später … da hat Colonel Sheppard wieder alles und jeden riskiert, um Dorian zu retten und beinahe wäre er sogar gestorben, als dieser Wraith auf ihn schoss. Aber du hast nichts Besseres zu tun, als ihm nur Misstrauen und Verachtung entgegen zu bringen, anstatt dich zumindest zu bedanken. Ich zweifele so langsam an deinem Verstand und auch an deinem Anstand. So hast du dich früher niemals verhalten! Tristan … Alexa ist in Gefahr und sie hat Probleme. Probleme, die ihr schwer zu schaffen machen. Glaubst du wirklich, dass sie stumm dabei zusehen werden, wie ein Wahnsinniger sie jagt, oder wie sie langsam aber sicher an ihren Problemen und ihrem Kummer zerbricht? Oder wie du sie immer größeren Gefahren aussetzt, sie zu Leistungen zwingen willst, die sie einfach nicht mehr bringen kann? Sie war nur deshalb eine gute Soldatin, weil Darius ein Teil von ihr war. Er hatte sie ausgebildet, trainiert, gelehrt und geführt. Später wurde er zu einem Teil von ihr. Er hatte sie auf Händen getragen … sie haben sich einander versprochen … sie … sie waren so glücklich.“

„Ich weiß.“

Es war mehr ein wispern, das aus seinem Mund kam. Die Erinnerungen an die damalige Zeit setzten auch ihm zu und er fragte sich, wie wohl seine Tochter damit umgehen würde, kämen diese Erinnerungen an damals zurück.

„Als Darius nicht mehr … ein Teil in ihr ist zerbrochen. Es verändert jeden. Gerade du als Vater hättest es wissen und für sie da sein müssen. Sie hat dich damals sehr gebraucht, aber du hattest nach ihrer Auszeit nur Befehle für sie. War es denn so schwer, sie zu trösten, sie zu umarmen, mit ihr zu sprechen?“

„Ich dachte … ich könnte sie dadurch ablenken, sie von Darius´ Tod … Ich habe mich wohl geirrt“, flüsterte er.

„Tristan, wir machen alle Fehler. Aber nur wenige haben die Möglichkeit, daraus zu lernen und sie wieder gut zu machen.“

„Und wie? Wie soll ich das anstellen? Ich bin nicht mehr länger General. Ich kann diese Leute nicht …“

„Und wieder denkst du nur an dein Kommando. Ich spreche nicht davon, ihr ein guter General zu sein … Sei ihr Vater, sei für sie da und für Dorian auch. Verbringe Zeit mit ihnen, privat. Rede mit ihnen. Kümmere dich um sie. Wie ein Vater, der sich nun mal seine Kinder kümmert. Du weißt, wie es geht … du konntest es gut, als sie noch kleine Kinder waren. Sie sind zwar erwachsen, obwohl ich mir bei Dorian da nicht immer so sicher bin, aber … sie brauchen dich.“

„Sie wird mich hassen, wenn sie sich wieder an Darius erinnert.“

„Nein, das wird sie nicht. Das hat sie schon damals nicht getan. Sie hat dir nie die Schuld daran gegeben. Und wird es auch nicht tun. Sie liebt dich viel zu sehr, um auch nur daran zu denken. Und was die Menschen hier betrifft … ich weiß, du bist ein vorsichtiger Mann und du brauchst Zeit, um sie kennenzulernen und Vertrauen zu fassen, aber ich bitte dich … ich flehe dich an … lass nicht zu viel Zeit verstreichen. Auch wenn Kieran selbst Zeit braucht, um seinen Wahn voranzutreiben und seine Spielchen vorzubereiten … du bist bisher der einzige, der ihn kennt, der weiß, wie gefährlich er ist und du bist der einzige, der Alexa beschützen kann, aber diese Leute können uns vielleicht doch helfen. Du glaubst, dass wir viel weiter sind als die Menschen … ich denke aber, dass wir gleichgestellt sind. Und da bin ich nicht die einzige. Ich bin sicher, es gibt bestimmt hier und da einiges, dass sie von uns lernen können, aber es gibt garantiert noch mehr, dass wir von ihnen lernen können. Wir können uns ergänzen … so wie unsere Nachfahren es vor zehntausend Jahren taten und zur Erde gingen. Um dir mal ein Beispiel vorzuführen, auch wenn du es mir wahrscheinlich nicht glauben wirst, aber du solltest mal mit Doktor Jackson sprechen. Er stand nämlich an vorderster Front, als es darum ging, dass unsere einstigen Brüder, die Ori vor einiger Zeit zurückkehrten und alles Leben der Milchstraße bedrohten. Diese Menschen haben sie in die Knie gezwungen, sie besiegt. Ich finde, das sagt schon eine ganze Menge über sie aus … oder nicht?“, informierte ihn Elisha, bevor sie ihren nun vollkommen perplexen Ehemann stehen ließ und wieder zu Dorian hinunterging, um es nun mit einem leichten Beruhigungsmittel bei ihm zu versuchen.

~~~///~~~

Langsam erwachte Alexa wieder und fühlte sich sogleich wie erschlagen. Ihr Magen schmerzte, was sie nicht wirklich wunderte, nachdem sie das bisschen Essen schneller wieder los wurde, als ihr lieb war.

Noch immer regte sie sich nicht und hatte lediglich die Augen geöffnet, die nur starr an die gegenüberliegende Wand gerichtet waren. Doch sie konnte spüren, dass nur noch einer im Quartier war. John Sheppard.

Sie spürte wieder diese Ruhe und nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte sie sogar seine Mauer, wie seine Mutter es nannte, spüren. Ja, sie konnte sie sogar, wenn sie sich genügend konzentrierte, vor ihrem inneren Auge visualisieren. Dennoch konnte sie hinter die Mauer blicken, konnte spüren, dass auch dort, in einem eigentlich bisher ruhigen und geschützten Bereich, ein kleiner Sturm tobte. Es dauerte etwas, bis sie sich denken konnte, dass er in Anbetracht seiner eigenen Vergangenheit und Erlebnisse, natürlich auch den einen oder anderen inneren Kampf ausfechten musste. Und doch gab es noch immer so unglaublich viel Kraft, Ruhe und Stärke in ihm, die sie geradewegs zu überwältigen drohte. Wo nahm er diese Kraft nur her?

„Wie fühlen Sie sich?“, fragte er plötzlich, ohne dabei seinen Blick von den Sternen zu wenden und in ihre Richtung zu sehen.

Alexa musste sich ein Lächeln verkneifen. Natürlich hatte er gespürt, wie sie wieder diese ominöse Verbindung zu ihm aufgenommen hatte. Augenblicklich ließ sie wieder los. „Als sei mein Innerstes nach außen gestülpt worden.“

„Kann ich mir vorstellen“, kommentierte John lächelnd, als er sich endlich zu ihr umdrehte und Alexa sich in eine sitzende Position brachte. „Ich habe etwas zu essen herbringen lassen. Ich dachte mir, Sie könnten vielleicht Hunger haben.“

„Oh ja. Hunger ist noch zu milde ausgedrückt“, erwiderte Alexa und bestaunte das üppig beladene Tablett, das John zu ihr aufs Bett stellte, bevor er sich dann neben sie setzte. Doch am meisten irritierten sie die vielen Käse-Sandwiches. Perplex sah sie wieder zu John.

„Ich dachte mir, da Sie gerne Käse essen und Süßes“, antwortete John auf ihre stumme Frage und wedelte mit einem kleinen, mit Obstsalat gefüllten Becher vor ihr herum. Alexa konnte nicht anders als ihm mit einem Lächeln zu danken. „Vitamine sind immer gut.“

„Wo sind denn …?“

„Ihr Vater wollte kurz nach Ihrem Bruder sehen und meine Mutter wollte sich erkundigen, ob mein Vater und Dave auch ja brav sind.“

Wieder lächelte Alexa und biss in ihr Sandwich. Es entstanden einige schweigsame Momente, in denen John und Alexa ihr Mahl genossen und sich hin und wieder verlegene Blicke zuwarfen.

Doch irgendwann hielt die Antikerin es nicht mehr aus.

„Es tut mir leid, dass ich … dass ich Sie da mit rein gezogen habe.“

„Wo rein denn?“

„Na ja, in dieses ganze Gefühls… Empathie… ding …“

„Das ist schon okay.“

„Ich … ich habe wirklich nicht gewusst, dass das Sie … ich habe immer nur … immer, wenn es so schlimm wurde und ich nicht mehr weiter wusste, da … da war dann plötzlich ein Ausweg. Wenn ich gewusst hätte, dass Sie das …“

„Alexa, ich sagte doch schon, es ist okay. Machen Sie sich deswegen keine Gedanken. Ich bin Ihnen deswegen nicht böse oder so. Ich … das hätte wohl jedem passieren können. Es geht schon in Ordnung, wirklich. Und außerdem ist ja nichts weiter passiert.“

„Ja, aber … ich war … in Ihrem Kopf oder besser gesagt, in Ihrem …“

„Ziemlich chaotisch da drin, hm? Hören Sie, ich kann mir vorstellen, dass Sie das am Anfang ziemlich umgehauen hat und dass Sie das so schnell wie möglich loswerden wollen. Ich weiß aber auch, dass Ihre Mutter und unsere Leute alles tun, um Ihnen so schnell wie möglich zu helfen. Was mich betrifft … also, wenn Sie, bis wir dieses Problem aus der Welt schaffen können, wieder in so eine Bredouille kommen sollten, dann … dann bin ich da, okay?“

Alexa verstand sein Hilfsangebot nicht sofort und wusste auch nicht so recht, was er nun meinte. Verwirrt blinzelte sie einige Male.

„Sie versuchen alles, um das unter Kontrolle zu bringen, aber sollten Sie dennoch irgendwann Schwierigkeiten haben, dann … werde hinter meiner Mauer“ John zeichnete mit seinen Händen symbolische Anführungsstriche in die Luft, „immer ein Plätzchen für Sie frei halten, okay?“

Gerührt von seinem Angebot und seiner Fürsorge, konnte sie wieder nur verlegen lächeln und dann wieder beherzt in ihr Sandwich beißen. Doch die anfängliche Sicherheit und das gute Gefühl vergingen recht schnell wieder.

„Alexa? Was ist los?“

„Nichts, alles in Ordnung. Ich …“

„Hey … ich habe Ihnen doch schon einmal gesagt, dass Sie jederzeit zu mir kommen können, wenn es ein Problem gibt und ich sehe, dass Sie etwas sehr beschäftigt, also raus damit.“

„Ich werde das Gefühl nicht los, das hier irgendetwas nicht stimmt. Irgendwas geht vor sich. So viele Dinge, die mir erst in den letzten Tagen so richtig aufgefallen sind, aber die teilweise keinen Sinn ergeben. Außerdem habe ich seit einiger Zeit öfter das Gefühl, beobachtet zu werden.“

„Wie meinen Sie das?“

„Ich hatte es noch nicht sehr oft und wenn, dann meistens auf Außenmissionen. Aber es ist nicht nur einfach das Gefühl, dass da jemand oder etwas ist. Es ist …“

Kaum, dass sie sich wieder auf diese eine merkwürdige Empfindung konzentrierte, spürte sie, wie sich ihre Nackenhaare aufrichteten, wie sie die Gänsehaut überkam und ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief.

Schnell versuchte sie dieses Gefühl wieder abzuschütteln.

„Alles in Ordnung?“

„Wenn ich nur schon daran denke, dann … es, oder besser gesagt er scheint etwas auszustrahlen. Kälte, Bösartigkeit, dann ist da noch ein Verlangen nach etwas. Ein unglaublich starkes Verlangen. Wenn ich mich auf dieses Gefühl einlasse, dann … sehe ich nur noch Dunkelheit.“

„Seit wann geht das schon so?“

„Zum ersten Mal fiel es mir in dem Dorf auf, indem wir meine Mutter fanden. Kurz bevor die Wraith auftauchten. Damals dachte ich, dass ich wie Teyla die Wraith spüren könnte, aber ich war mir nicht sicher. Und als ich dann mit Lieutenant Evans auf M8Z-087 war, kurz bevor Kolyas Männer angriffen, hatte ich es wieder.“

„Vielleicht ist es doch so etwas ähnliches, wie bei Teyla. So eine Art Frühwarnsystem, wenn etwas nicht stimmt oder etwas passiert.“

„Nein. Als ich bei Kolya war, hatte ich dieses Gefühl beinahe durchweg. Aber immer wenn ich diesen Flur entlang geführt wurde und an dieser einen Tür vorbeikam, war es ganz besonders stark.“

„Sie glauben, dass es Kolyas Komplize ist? Dass es von ihm kommt?“

„Ich bin mir mittlerweile sogar sicher. Danach hatte ich es zwar wieder, als wir in dieser Wraithanlage waren, um Dorian zu befreien, aber da verging es schnell wieder. Nein, ich bin mir wirklich sicher, dass er es ist. Ich habe es immer wieder meiner Mutter gesagt und auch meinem Vater, aber beide tun es so vehement als eine Art Einbildung ab, dass …“ Alexa schüttelte ratlos den Kopf, bevor sie weiter sprach. „Und da ist noch etwas, was ich merkwürdig finde. Meine Familie hat kein einziges Mal nach diesem Typ, nach Kolyas Helfer gefragt. Ich meine, ich berichte, dass ich diese Empfindung habe, das dieser Kerl mich zu kennen scheint, dass er mich beobachtet hat und es wohl noch weiter tun wird, dass er irgendetwas von mir will … aber es kommt keine einzige nachvollziehbare Reaktion von ihnen. Als wir im Kontrollraum standen und ich Kolya auf ihn ansprach, da habe ich ihre Reaktionen gesehen. Bei meiner Mutter war es deutlicher, als bei meinem Vater, aber dennoch … Sie erschraken zwar irgendwie, aber gingen überhaupt nicht darauf ein! Sie … ich glaube, sie wissen wer er ist, aber wollen es mir nicht sagen. Sie … ach, ich weiß auch nicht. Irgendetwas geht hier vor sich.“

John atmete tief ein, stellte die Wasserflasche, die er bis eben noch in den Händen hielt, beiseite und sah dann ernst zu Alexa.

„Das glauben wir mittlerweile auch.“

„Wir?“, fragte Alexa überrascht.

„Mir sind die Reaktionen Ihrer Familie auch aufgefallen und ich habe mir darüber auch schon Gedanken gemacht. Dummerweise ist das meiner Mutter aufgefallen. Ich glaube, mittlerweile kennen Sie sie selbst gut genug, um zu wissen, dass sie so schnell nicht locker lässt, wenn sie glaubt, etwas gefunden zu haben, dem sie auf den Grund gehen kann. Jedenfalls, kamen wir ins Gespräch und … wir glauben, dass es ein Antiker ist. Womöglich sogar ein Aufgestiegener oder Halb-Aufgestiegener.“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Na ja, er hat Kolya ausgebuddelt, ihn wieder zum Leben erweckt, was wohl nicht gerade einfach gewesen sein dürfte und vor allem nicht jeder kann, er besitzt das Wissen, Replikatoren zu erschaffen, er kennt Sie von früher, Sie haben dieses Empfinden bei ihm …“

„Glauben Sie das wirklich?“

Doch Johns Gesichtsausdruck genügte ihr als Antwort. Es gab keinerlei Beweise, um diese Theorien zu bestätigen oder zu widerlegen, aber vieles sprach eben für die Annahme.

„Weiß noch jemand davon?“

„Nur noch Jackson, sonst niemand. Aber ich denke, in Anbetracht der Umstände, wäre es vielleicht besser mit Woolsey und den anderen zu sprechen.“

Alexa blickte nachdenklich ins All hinaus und John entschied sich, vorerst nichts von dem gefundenen Zettel zu sagen, der ihrem Vater gehörte. Aus irgendeinem Grund glaubte er schon zu ahnen, was diese Zeichen bedeuteten. Er wollte sie nicht noch mehr verunsichern oder gar ängstigen.

„Alexa, haben Sie schon mal das Wort Agema gehört?“

„Agema … es bedeutet … es ist so etwas, wie ein Bodyguard, eine Art Leibwächter, Wächter, Beschützer. Eigentlich bedeutet es Leibgarde.“

„Ja. Woolsey hat dieses Wort aufgeschnappt, als sich Ihr Vater mit Ihrem Bruder unterhielt. Ihr Vater hat es als Gerede im Drogenrausch abgetan, als Woolsey nachfragte. Haben Sie dieses Wort wirklich noch niemals gehört?“

„Nein, nicht dass ich wüsste. Ob es damit zu tun hat?“

Nun war es John, der nach einem ratlosen Achselzucken, gedankenverloren hinaus starrte.

„Sie glauben also auch, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht?“

John nickte.

„Da bin ich mir ganz sicher. Was ist mit Ihrem Vater? Wollen Sie ihn darauf ansprechen?“

„Ich habe es ja versucht. Ich habe ihm und meiner Mutter immer wieder von diesen Empfindungen erzählt, aber nun wissen Sie ja, was dabei herausgekommen ist. Ich habe eine ganze Zeit lang darüber nachgedacht und ich glaube, dass es besser wäre, die Puzzleteilchen selbst zusammenzufügen. Außerdem ist er im Moment ohnehin nicht bester Laune und die Tatsache, dass er etwas verheimlicht und herunterspielt … nein. Ich werde selbst herausfinden, was hier los ist.“

„Wir werden es gemeinsam herausfinden“, versprach John ihr und sah mit ihr gemeinsam wieder zu den Sternen. Doch sogar aus seinen Augenwinkeln konnte er ihre Anspannung, ihre Nervosität, ihr Grübeln sehen. Auch ein kurzer Blick hatte ihm ausgereicht, um zu erkennen, was wirklich in ihr vorging.

Sie hatte Angst.

„Hören Sie, wenn Sie wieder dieses Gefühl haben, beobachtet zu werden, ganz egal wann oder wo, dann sagen Sie mir sofort Bescheid, okay? Wir werden herausfinden, wer dieser Kerl ist und was er will, aber ich werde nicht zulassen, dass er Ihnen noch mal so nahe kommt.“

Alexa nickte nur.

~~~///~~~

Schon seit einer gefühlten Ewigkeit stand Tristanius im Gateraum der Stadt, blickte anfangs noch abwechselnd zum Kontrollraum hinauf, dann wieder auf das Treiben und das Gewusel, das im Konferenzraum herrschen musste und dann wieder zur großen Treppe. Doch mit der Zeit blieb sein Blick immer länger auf die Treppe gerichtet, die er nun schon seit mehreren Minuten geistesabwesend anstarrte.

Doch auch das schien das Personal im Kontrollraum nicht zu beruhigen. Nervös und angespannt verrichteten sie ihre Arbeit.

Das bekam auch Carol mit, als sie den Gateraum erreichte und ihren Blick umher schweifen ließ und dann den Antiker einige Momente beobachtete. Er schien in Gedanken versunken zu sein, musste sich mit ernsten Themen, Problemen oder Sorgen beschäftigen.

Sie wusste mittlerweile, dass er mit den momentanen Begebenheiten und der Vergangenheit schwer zu kämpfen hatte.

Und sie konnte sich denken, dass er wohl gerade darüber nachdachte, wie es von nun an wohl weitergehen würde. Ihr war nicht entgangen, dass er Schwierigkeiten hatte, mit den Menschen hier in Verbindung zu treten, zu interagieren, Kontakte zu knüpfen und Vertrauen zu fassen. Er war ein vorsichtiger, geradezu misstrauischer Mann und er war, was seine Abneigung gegenüber John anging, nicht gerade zurückhaltend.

„Was steht dort?“

„Wie bitte?“, fragte Tristanius, als er aus seinen Überlegungen schreckte.

„Diese Zeichen auf der Treppe … was steht dort? Ich kann zwar das eine oder andere Zeichen erkennen und übersetzen und das verwirrt mich ohnehin, aber es reicht wohl nicht aus, die ganze Botschaft zu verstehen.“

„Es, äh … es ist ein Willkommensgruß … `Wir halten dies für die Wahrheit. Ein herzliches Willkommen für die, von anderen Welten, die unsere Heimat zum ersten Mal besuchen. Erneutes Willkommen zu denen, die heimkehren. Ihr seid zu lange gegangen und eure Abwesenheit lastete schwer auf unseren Seelen. Wir sind froh, dass ihr nun unter uns seid und feiern euer hiesiges da sein. Da wir diesen Ort verlassen haben, um weit entfernte Welten zu besuchen, respektiert die Länder unserer Nachbarn und behandelt sie wie eure Freunde in Zeiten des Friedens, wie unsere Leute Reisende mit offenen Herzen empfangen. Flüchtlinge sind immer willkommen, die aus der Tyrannei kommen, dürfen sich unter unserem Dach sicher fühlen und unsere Leute werden ihr Leben geben für die Schwachen, um sie zu beschützen. Und lasst dies unseren Weg beschreiben für die Bewohner dieser Welt und alles was wir wissen, wird ebenfalls zu denen gelangen die in Frieden kommen, wie wir in Frieden gehen und ihr werdet immer bei uns willkommen sein.“

„Das sind schöne und gute Worte. Dieser Gruß wurde bestimmt nicht ohne Grund an die Treppe angebracht. Gleich, wenn man durch das Tor tritt, sieht man es. Die Herzlichkeit dieses Grußes hat mich gleich gepackt, als ich es zum ersten Mal sah, auch wenn ich es nicht lesen konnte. Ihr Volk scheint wirklich sehr freundlich, offen und hilfsbereit zu sein. Nach allem was ich bisher mitbekommen habe, scheint es nicht viele solcher guten Menschen in dieser Galaxie zu geben. Es ist schön, dass es in dieser Stadt einmal anders war und hoffentlich wird es auch so bleiben“, erklärte Carol lächelnd dem nun noch mehr in sich gekehrten Mann. Daraufhin verabschiedete sich Tristanius leise und ging zurück zu seiner Tochter.

Währenddessen ließ Woolsey über Funk nach John, dem restlichen Team und auch Doktor Jackson und Carson rufen.

Carol hingegen gesellte sich zu Richard und wartete mit ihm auf das Erscheinen ihres Sohnes und dessen Teammitgliedern, was nur wenige Minuten dauerte.

Nachdem Woolsey sowohl Colonel Sheppard als auch Ronon noch einmal ins Gebet nahm, was die Grobheit gegenüber Dorian anging, wobei er natürlich die Umstände und dessen kurzfristige Kraft und Schnelligkeit berücksichtigte, hatte Woolsey das Thema zur hauptsächlichen Antiker-Problematik gewechselt. Nach dutzenden Vorschlägen, Ideen und teilweise auch Anordnungen bezüglich des Verhaltens und Umgang mit den Antikern, hauptsächlich aber dem General, hatte McKay das ganze Gezeter als `Arschkriecherei´ betitelt, worauf John und Richard es mit Mühe und einigen Tamtam schafften, ihn den neuen Verhaltenskodex zum Schutz und Erhalt der Atlatis-Expedition, zu `Honig ums Maul schmieren´ korrigieren zu lassen.

Man einigte sich darauf, dass der Antikergeneral im Moment nun mal ein etwas schwieriger Zeitgenosse war, dem man einfach nur etwas Zeit geben und Vertrauen entgegen bringen müsse, sodass bald ein friedliches und produktives Nebeneinander und Miteinander möglich wäre.

Das war für John dann auch das Stichwort, die Karten auf den Tisch zu legen und den Rest des Teams und Woolsey von einer neuen möglichen Gefahr zu berichten. Sowohl er als auch Carol erzählten von ihren Beobachtungen, Erkenntnissen und Vermutungen, die sie in der Zwischen gemacht und gewonnen hatten, aber auch über Alexas Eindrücken und Empfindungen wurde informiert.

Schließlich waren sich fast alle einig. Irgendetwas war im Gange und es hatte bestimmt nichts Gutes zu bedeuten.

„Aber ich verstehe nicht ganz, warum dieser Antiker, wenn es denn wirklich einer sein sollte, und wenn er wirklich aufgestiegen ist, Kolya von Toten auferstehen lässt und Replikatoren erschafft. Was will er von ihr und warum macht er das alles? Ich meine, wenn er wirklich Kolyas Helfer ist oder war, dann hätte er sich doch schon lange das nehmen, oder das tun können, was er wollte. Alexa hat ihn schon mehr als einmal empathisch wahrnehmen können. Warum diese … offensichtliche Heimlichtuerei?

Carson brachte all seine Verwirrung hervor und ließ dadurch John und die anderen Anwesenden erst mal grübeln.

„Ich denke, das wichtigste ist, herauszufinden, was er eigentlich will“, meinte John.

„Ich glaube, da kann ich vielleicht weiterhelfen“, sagte Daniel und schlug seinen kleinen Block auf.

„Colonel Sheppard hatte mich vorhin gebeten einige Schriftzeichen auf einem kleinen Zettel zu übersetzen, den wohl der General verloren hatte. John hat diese Notiz gefunden, und da es schon etwas merkwürdig ist, dass diese Schriftzeichen denen auf den Steinen von M4X-282 so ähnlich sehen, war es für uns am wichtigsten, zuerst herauszubekommen, was das für eine Notiz ist.“

„Und?“, fragte Richard, während er ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her rutschte.

„Ich war mir zunächst nicht ganz sicher, was die eigentliche Botschaft betrifft. Aber da wir nun schon einige Informationen durch die Beobachtungen und Schlussfolgerungen haben, macht die Übersetzung wohl mehr Sinn …“

„Jetzt sagen Sie schon, was da steht und spannen Sie uns nicht so auf die Folter“, forderte McKay in seiner unnachahmlichen Art und Weise.

„Wenn ich es richtig übersetzt habe, sind es nur fünf Worte … `Sie wird bald mir gehören´.“

„Alexa.“

Teils überrascht, teils schockiert, aber auch skeptisch sahen die Anwesenden zu John, der mittlerweile schon etwas finster dreinblickte.

„Sind Sie sicher?“

Natürlich war es Woolsey, der mal wieder sämtliche Fakten, Tatsachen, Theorien und Vermutungen in Frage stellte.

„Ja, ziemlich.“

„Natürlich. Jetzt ergibt das auch mehr Sinn. Er muss also gewisse Fähigkeiten haben, sonst hätte er das mit Kolya und all dem anderen nicht getan …“

Verwirrt sah John zu seiner Mutter.

„Dieser Mann hat nicht nur Alexa beobachtet, sondern auch Euch. Und das schon länger. Er muss sogar Eure Gedanken irgendwie gelesen haben. Er kennt auch Eure Erinnerungen und Eure Vergangenheit. Er hat von Deiner Verbindung zu Kolya erfahren, er hat von diesen Rel…Rep…Maschinen erfahren.“

„Aber warum dann all die anderen Sachen? Warum brachte er Kolya zurück, warum erschuf er einen Replikator, warum macht er ihm und allen anderen etwas vor? Wie schon gesagt, er hätte Alexa doch schon viel früher ergreifen können“, wollte Teyla wissen

„Ablenkung“, antwortete John finster.

„Ich glaube da steckt sogar noch mehr dahinter. Vielleicht ist das Ganze für ihn auch so eine Art Spiel. Immerhin hat er Deinen Erzfeind zurückgebracht. Er weiß, dass Dich das nicht nur ablenken wird, sondern dass es Dich auch in auf andere Art und Weise beschäftigt. Irgendwann wirst Du auch nicht mehr der einzige sein, der mit irgendjemanden oder irgendetwas aus seiner Vergangenheit oder auch Gegenwart konfrontiert wird.“

„Er will uns ablenken, beschäftigen, vielleicht sogar schwächen und aus dem Weg räumen, damit er sich ungehindert seinem Ziel nähern kann“, knurrte Ronon

„Psychospielchen?! Na toll! Jetzt haben wir nicht nur einen ziemlich miesgelaunten General, einen drogenabhängigen Antiker und eine psychisch labile Antikerin hier, sondern auch noch einen aufgestiegenen, möglicherweise verrückten Antiker an der Backe, der uns an den Kragen will. Also ehrlich, so habe ich mir die Rückkehr in diese Galaxie nicht vorgestellt“, meckerte Rodney lauthals.

„Dorian ist auf dem Wege der Besserung, der Commander scheint auch mit ihren emphatischen Fähigkeiten Fortschritte zu machen und was den General betrifft, sagte ich bereits, dass mit ihm bald ein besseres Auskommen zu erwarten ist“, erklärte Richard und nahm Rodney den Wind aus den Segeln.

„Aber mir gefällt es nicht, dass ihr Vater sich nicht darum zu kümmern scheint, dass jemand seine Tochter verfolgt“, knurrte Ronon von der Seite.

„Ich denke schon, dass er das tut. Wir vermuten stark, dass er weiß, wer dieser Kerl ist und das er hinter seiner Tochter her ist. Vielleicht glaubt er, selbst damit fertig zu werden. Er hat wohl noch nicht genügend Vertrauen zu uns, um uns darüber zu informieren“, kam es von John.

„Das denke ich auch. Daher auch die Bitte, dem Mann und seiner Familie, dementsprechend entgegen zu kommen und ihn vorerst nicht mit dieser Problematik zu konfrontieren. Commander Thalis hat es bereits selbst versucht und es hat nicht gerade gut funktioniert. Sie will ihn damit nicht noch mehr provozieren. Hat er sich erst wieder in seiner Heimat akklimatisiert, können wir Gespräche aufnehmen und ihn gegebenenfalls vorsichtig auf diese Entwicklung ansprechen. Vielleicht kommt er dann aber auch von selbst auf uns zu“, schlug Woolsey vor.

„Und solange sollen wir einfach stillhalten, schweigen und abwarten, bis ein verrückter Antiker alles und jeden womöglich in ernste Gefahr bringt?!“

Wieder war es Rodney, der seiner Besorgnis mal erneut übermäßig viel Ausdruck verlieh.

„Nein, Doktor McKay. Sie werden dem General wie schon gesagt, etwas Honig ums Maul schmieren und dabei Augen und Ohren offen halten. Außerdem erhielt ich eine Anfrage des Commanders, bezüglich Ihres Zweitlabors. Es soll früher das Labor ihres Bruders gewesen sein und ich denke, es wäre ganz gut, wenn er nach seiner Genesung, seine Arbeit wieder dort aufnehmen kann. Es macht erstes einen guten Eindruck beim General und hilft vielleicht auch der ganzen Familie, sich in ihrer Heimat wieder wohlzufühlen, wenn sie in die gewohnte Umgebung ihrer früheren Quartiere oder Arbeitsbereiche zurückkehren können“, erklärte Richard mit Nachdruck und schloss seine Aktenmappe.

„Danach können wir uns ja mal die Datenbank genauer vornehmen. Wir suchen nach allen, was auch nur im entferntesten mit der Familie des Generals zu tun hat. Wir sollten uns dabei auch auf den militärischen Hintergrund konzentrieren“, schlug John vor.

„Tse, wissen Sie wie groß die Datenbank ist?! Das wird ewig und drei Tage dauern! Abgesehen davon das alles gelöscht oder gut versteckt worden zu sein scheint“, wandte Rodney ein.

„Dann schlage ich vor, Sie fangen schon mal an. Wir müssen unbedingt herausfinden, wer der Kerl ist. Ich will ihn nicht nochmal so nah an Alexa kommen lassen. Wir kennen nun das Ziel seines Spiels, also wird es Zeit, dass wir in das Spiel einsteigen“, meinte John, als er sich daran machte, den Konferenzraum zu verlassen.

„Sie haben da nur eines vergessen, Sheppard … Wie sollen wir mitspielen, wenn wir die Spielregeln nicht kennen?“

„Die kriegen wir auch noch raus. Wenn nötig, stellen wir eben unsere eigenen auf“, erwiderte John als er sich noch einmal zu Rodney umdrehte.

„Oh ja, natürlich! Wie immer. Warum frag ich eigentlich noch?“

~~~///~~~

Nachdenklich hatte Tristanius den Weg zum Südostpier hinter sich gebracht. Er konnte nicht mehr leugnen, dass die Predigt seiner Frau Wirkung zeigte und die Frage von Colonel Sheppards Mutter, nach der Übersetzung der Symbolen auf der Treppe ebenfalls an seiner Einstellung Zweifel aufkommen ließ, wobei es wirklich mehr an den Worten der Übersetzung und dessen Bedeutung lag, als an der Frage.

Eine ganze Weile hielt er sich an einem der Balkone auf, atmete mehrmals tief ein und aus, versuchte abzuschalten oder zumindest Ruhe in seinen Geist und seine Seele zu bringen, bevor er dann das Quartier seiner Tochter betrat.

„Alexa?“, fragte er in den leer zu scheinenden Raum.

„Bin im Bad!“, lautete die gedämpfte Antwort.

„Ist alles in Ordnung? Brauchst du Hilfe?“

„Nein Pa. Ich denke, das bekomme ich noch alleine hin. Ich brauche mittlerweile weder Hilfe, noch ein Töpfchen. Aus dem Alter bin ich wohl längst raus.“

Tristanius musste daraufhin schmunzeln und hatte nur noch wenige Augenblicke warten müssen, bis Alexa aus dem Badezimmer kam und auf dem Bett Platz nahm.

„Wie sieht es bei Dorian aus? Geht es ihm besser?“

„Ja … ja, der Enzymgehalt in seinem Kreislauf nimmt immer mehr ab. Er … ihm wird es bald besser gehen.“

Der Vater hatte bewusst darauf verzichtet, seiner Tochter zu erzählen, mit was Dorian ihn vorhin noch konfrontierte. Alexa brauchte nicht zu wissen, dass Dorian einen Todeswunsch verspürte. Auch wenn es die Droge war, die aus ihm sprach.

„Wie geht es dir? Hast du genügend geschlafen?“
„Genügend bestimmt nicht, aber es reicht, um wieder fit zu sein.“

„Fit siehst du aber nicht aus.“

„Es geht mir gut, Pa. Mach dir keine Gedanken. Nachher kommt Misses Sheppard nochmal und wir werden noch ein paar Übungen durchgehen. Bis Dorian wieder ganz gesund ist, und wir wieder auf dem Planeten gelandet sind, werde ich diese Empathie voll und ganz im Griff haben.

„Dann darf ich davon ausgehen, dass du deine Fähigkeit nun akzeptierst?“

„Habe ich denn eine Wahl? Bis Mutter etwas gefunden hat, kann viel Zeit vergehen, falls sie überhaupt etwas tun kann … außerdem könnte es doch ganz nützlich sein, zu wissen, was in meinem Gegenüber vorgeht. Wenn wir mal auf einer diplomatischen Mission sind oder Kontakt zu einem bisher fremden Volk aufnehmen wollen oder bei Verhandlungen mit anderen Völkern, kann es sehr nützlich sein, zu wissen, was sie denken oder empfinden. Vielleicht tappen die Teams dann nicht mehr ganz so schnell in eine Falle oder wir können besser einen Erstkontakt herstellen.“

Überrascht runzelte Tristanius zunächst die Stirn, bis er dann zustimmend nickte.

„Also … du vertraust diesen Leuten hier“, kam es leise aus seinem Mund, während er mit verschränkten Armen aus dem Fenster blickte.

„War das eine Frage oder eine Feststellung?“, fragte Alexa verwirrt.

„Nehmen wir an, es war eine Frage.“

„Ich dachte, du hättest dir bereits eine Meinung gebildet und dich für ein Urteil entschieden.“

„Hier geht es nicht um meine Meinung und auch nicht um ein Urteil, Alexa. Ich möchte gerne deinen Standpunkt erfahren. Ich will wissen … ich möchte gerne deine Meinung hören, deine Erfahrungen, die du mit diesen Leuten gemacht hast, ich würde gerne erfahren, welche Beobachtungen du gemacht hast und was du denkst.“

„Und wenn ich es dir gesagt habe, was dann? Verwandelst du meine Meinung, meinen Standpunkt zu einem weiteren Nagel in meinem Sarg?“

„Alexa … ich weiß, ich … ich habe mich seit meiner Rückkehr nicht korrekt verhalten. Weder dir gegenüber, noch deiner Mutter oder deinem Bruder. Ich bin viel zu sehr in die Rolle des Generals gefallen und … ich habe in den letzten Tagen viel zu wenig daran gedacht, dass ich auch noch jemand anderes bin … das ich jemand anderes sein sollte. Ich bin bisher immer mit allem möglichen zurecht gekommen. Egal welches Problem auftauchte oder welche Veränderung gemacht wurde oder einfach so entstand, ich habe mich anpassen können. Dabei habe ich immer versucht, ein Gleichgewicht zu halten. Ich habe immer die Arbeit vom Privatleben getrennt und doch schaffte ich es, beides zu gleichen Teilen zufriedenzustellen. Nur jetzt … als damals dieser Überfall stattfand, habe ich geglaubt, dass sich wieder alles halbwegs fügen würde, wären wir erst wieder in Atlantis. Aber wir kamen nicht hierher zurück. Nicht so, wie es mir vorgestellt habe. Es ist keine Entschuldigung, immerhin ist auch mir klar, dass nicht immer alles so läuft, wie man es sich vorstellt, wie man es gerne hätte.

Das habe ich in meiner Laufbahn und in meinem Leben auch mehr als einmal feststellen müssen. Aber ich hatte immer deine Mutter hinter mir stehen und Dorian und dich. Das hat mich immer … irgendwie … beruhigt und ermutigt, weiter zu machen, eine Lösung zu finden, neue Wege zu beschreiten. Aber als ich wieder aus der Kapsel stieg und euch nicht fand, da … ich habe anfangs geglaubt, dass ihr tot wäret und … das hat mich … es hat wohl Veränderungen in mir bewirkt, die mich kalt und unangenehm, unausstehlich erscheinen lassen.“

„Aber wir sind nicht tot. Wir sind hier, wir alle sind wieder zusammen, es geht uns gut – im Großen und Ganzen – wenn Dorian erst mal wieder runter gekommen ist. Es ist wieder so wie früher.“

„Nein, ist es nicht, Alexa. Es ist nichts mehr so wie früher. Natürlich haben wir uns wieder, natürlich geht es uns im Grunde gut und das freut mich über die Maßen, aber alles andere … Alexa, wir hatten früher Freunde, Verwandte, Kollegen. Wir hatten unsere Arbeit, unsere Posten, Aufgaben, Verantwortung, Rechte und Pflichten. Das alles ist weg. Wir sind wieder zuhause und wir haben uns wieder, aber wir müssen uns nun neu … wir müssen uns mit den entstandenen Veränderungen und den jetzigen Begebenheiten neu arrangieren und nach all dieser Zeit … ich denke … das dir das ganz besonders gut gelungen ist.“

„Dann bist du nicht mehr wütend auf mich und enttäuscht von mir?“

„Das war ich noch nie. Es gab noch niemals einen Grund für mich, wütend auf dich zu sein, und schon gar nicht enttäuscht. Im Gegenteil, ich war immer stolz auf dich gewesen und auf Dorian auch. Du mit deiner Willensstärke, deiner Neugier und deinem Instinkt und Dorian, mit seinem Wissensdurst, seinem Durchhaltevermögen und seinem ruhigen Gemüt. Ihr habt meine kühnsten Erwartungen, die ich als Vater haben kann, weit übertroffen und … und als Oberbefehlshaber war ich stolz auf meine rechte Hand und meinen besten Wissenschaftler. Ich denke, als ich erfuhr, wie viel Zeit vergangen war und was nun ist oder eben nicht mehr ist, da … da war ich wohl zum ersten Mal in meinem Leben an meine Grenzen gestoßen und es hat mich einfach überrascht und überwältigt, zu sehen, dass du offenbar über meine Grenzen hinaus gehen konntest.“

„Ich verstehe nicht, was du damit meinst.“

„Ich meine damit, dass … du hast nach deinem Erwachen Prioritäten gesetzt, du hast weitergekämpft, du hast die Dinge genommen, wie sie waren, und hast stets versucht, das Beste daraus zu machen und das trotz deiner Probleme mit deinem beeinträchtigten Gedächtnis. Du hast nach uns gesucht und hast dafür schwere Entscheidungen treffen und Hindernisse umgehen müssen, während ich … nicht loslassen konnte. Ich habe der Vergangenheit hinterher getrauert und …“

„Es fällt dir schwer, manche Dinge loszulassen und nun zu akzeptieren“, meinte Alexa, als sie versuchte, in ihm zu lesen.

„Deine Empathie funktioniert wohl von Mal zu Mal besser“, stellte der Vater überrascht fest.

„Ich glaube, ich habe eine gute Lehrerin … oder liege ich falsch?“, erwiderte sie fragend und registrierte sein Kopfschütteln.

„Ich habe keine Möglichkeit mehr, meiner Arbeit als kommandierender Offizier voll und ganz nachzugehen und … ich habe schon damals vor dem Überfall darüber nachgedacht … zurück zu treten und mich mehr darauf zu konzentrieren, ein Privatmann, ein guter Ehemann für Deine Mutter und für Dich und Dorian ein guter Vater zu sein. Damals fiel es mir schwer, freiwillig … jetzt …“ Tristanius musste aufgrund der Situation und ihrer Ironie leise auflachen. „Jetzt habe ich keine andere Wahl, als loszulassen und zurückzutreten. Alexa, ich bin nicht hier als dein vorgesetzter Offizier. Ich wäre … lieber dein Vater“, sprach er leise.

„Das bist du doch!“

„Nein … nein, das bin ich nicht. Nicht so wie ich sein sollte … wie du es verdient hättest. Du hättest einen Vater verdient … nicht einen alten törichten, rechthaberischen, gebieterischen Mann, der nicht weiß, wann er mit dem General spielen auf zu hören hat und nicht sieht und erkennt, dass seine Tochter, seine rechte Hand ihm wohl weit voraus ist.

Ich habe viel zu viel von dir und Dorian verpasst und nicht mitbekommen. Ich habe euch in eurer freien Entwicklung unterdrückt … dazu hatte ich kein Recht. Du warst immer eine gute Soldatin und Dorian ein guter Wissenschaftler und ich habe dies vollends ausgenutzt, ohne darauf zu achten, wie es euch dabei geht und was eure Bedürfnisse und Wünsche sind.

Ich hätte damals schon in den Ruhestand gehen sollen, aber dann … mein eigener Stolz stand mir im Weg.

Ich habe mich dir gegenüber nicht korrekt verhalten. Ich habe dich … ich bin zu weit gegangen, als ich dich des Verrats beschuldigte. Ich … es tut mir leid … ich weiß nicht … es tut mir leid … ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

Alexa spürte seine Verzweiflung, dazu brauchte sie ihm nicht in die Augen zu sehen, in denen sich schon beinahe Tränen ihren Weg bahnten. So verletzlich und zerbrechlich hatte sie ihn noch nie gesehen.

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, also tat sie das, was sie schon lange tun wollte und nur schwer zurück halten konnte. Sie fiel ihm um den Hals und begann zu weinen.

Eine Stunde später betrat Elisha das Quartier ihrer Tochter, doch was sie dort erblickte, ließ ihr das Herz erweichen.

Tristan saß mit dem Rücken zur Tür auf dem Bett und sah aus dem Fenster, während er zärtlich den Kopf seiner schlafenden Tochter streichelte, der auf seinem Bein ruhte.

Elisha schlich zu den beiden, sah kurz zu ihrem Mann, der ihren Blick mit wässrigen Augen erwiderte.

Zärtlich strich sie ihm über die Wange, gab ihm einen entschuldigenden Kuss, und flüsterte ihrem Mann leise zu.

„Dorian wird langsam ruhiger. Doktor Keller meinte, dass er höchstwahrscheinlich die kommenden Tage fast durchweg schlafen würde. Danach wird er das schlimmste hinter sich haben und er kann dann langsam wieder zu Kräften kommen. In höchstens einer Woche wird er uns wieder zum Wahnsinn treiben … nur diesmal ohne Drogen.“

Tristanius lächelte erfreut und griff nach der Hand seiner Frau, die er voller Inbrunst küsste.

„Kannst du mir verzeihen? Ich war ein … ein alter Narr, der seine Familie mit seinem törichtem Verhalten sehr verletzt hat. Ich kann froh sein, eine solche Frau wie dich zu haben, die … die …“

„Die dich an gewisse Dinge erinnert, dir die Wahrheit vorführt und dir den Kopf zurecht rückt?“, erriet Elisha.

„Und mir auch vergibt?“

Elisha atmete einmal mehr tief durch, bevor sie sich zu ihm niederbeugte und in zärtlich küsste.

„Wie könnte ich dir nicht vergeben? Gegen deinen Charme ist doch niemand gefeit. Aber … wie soll es jetzt weiter gehen, Tristan? Was ist mit Alexa? Was ist mit ihrer Suspendierung? Hast du mit ihr darüber gesprochen, hast du sie zurückgenommen, oder …“

„Ich habe mit ihr, über das, was sie getan hat, gesprochen und auch über diese Leute hier und habe … festgestellt, dass sie mir wohl in einigen Dingen weit voraus ist. Sie ist wohl klüger als ich, weißt du?“

„Ja, das weiß ich schon eine ganze Weile. Aber es ist schön, dass es dir nun auch endlich auffällt“, schmunzelte Elisha.

Ganz behutsam griff Tristanius unter den Kopf seiner Tochter, hob ihn leicht an, konnte somit aufstehen und schob ihr langsam ein Kissen unter.

Danach griff er in eine seiner Brusttaschen und nahm ein kleines blinkendes Abzeichen heraus. Eine kleine Weile betrachtete er es nachdenklich, sah dann kurz zu Elisha, die seinen Blick regungs- und kommentarlos, aber doch mit einem kleinen Bitten in den Augen erwiderte. Leise beugte er sich zu seiner Tochter, nahm ihre Hand und legte das Abzeichen in ihre Handfläche. Sachte schloss er ihre Hand wieder und küsste ihre Stirn.

„Und jetzt … solltest Du Dich mit Mister Woolsey unterhalten. Ich glaube ihr beide habt viel zu besprechen.“

Der General gab seiner Frau mit einem Kopfnicken recht und verlies dann mit ihr Arm in Arm das Quartier.

~~~///~~~

Im Kontrollraum angekommen, konnte Tristanius sehen, dass sich Woolsey gerade mit Colonel Sheppard und dessen Mutter unterhielt. Für einen Moment war er versucht, der Bitte und dem Flehen seiner Frau nachzugeben und sich diesen Leuten anzuvertrauen. Woolsey schien ein sehr besonnener Mann zu sein und Alexa sprach durchweg nur gut über diesen Colonel und sein Team, ebenso seine Frau. Doch obwohl er seiner Tochter und seiner Frau vertraute, was ihre Beobachtungen und Einschätzungen, als auch ihre Menschenkenntnis betraf, musste er sich ein eigenes Bild machen. Es stand einfach zu viel auf dem Spiel.

Außerdem war ihm dieser Sheppard noch immer irgendwie suspekt. Irgendetwas war an ihm, dass ihn beschäftigte.

Tristanius straffte sich und näherte sich seinem ehemaligen Büro.

„General …“, grüßte Richard den nahenden Antiker.

„Es tut mir leid, wenn ich Sie in wichtigen Gesprächen unterbrochen habe.“

„Oh, nein, nein, wir sprachen gerade über die Fortschritte Ihrer Tochter, was die Kontrolle ihrer empathischen Fähigkeiten betrifft.“

„Ja … sie scheint es nun wirklich akzeptiert zu haben. Sie sprach sogar darüber, es zum Vorteil Ihrer Expedition nutzen zu können.“

„Nun, das wäre mit Sicherheit ein großer Vorteil. Es würde vieles vereinfachen. Angefangen beim herstellen eines Erstkontaktes mit einem bisher fremden Volk bis hin zu Verhandlungen“, stimmte Richard ihm zu.

„Aber, auch wenn sie schnell zu lernen scheint, und das wichtigste – da Aufbauen eigener Schilde – schon recht gut kontrollieren kann, wird es noch etwas dauern, bis sie die vollkommene Kontrolle darüber hat. Sie wird noch viel lernen und üben müssen“, erklärte Carol.

„Ich verstehe. Ich möchte Ihnen danken, dass Sie sich eine solche Mühe machen und sich dem Problem meiner Tochter angenommen haben“, wandte sich Tristanius direkt an Carol.

„Das ist keine Mühe, ich mache das gerne. Ich habe zwar einiges aufzuholen, aber es tut auch mir gut, wieder eine Aufgabe zu haben.“

Tristanius nickte und wandte sich wieder an Richard.

„Ich hatte gehofft, Sie hätten einen Augenblick Zeit. Ich äh … ich würde gerne mit Ihnen über einiges sprechen. Außerdem … möchte ich mich für mein … mein Benehmen entschuldigen. Ich habe mich in den letzten Tagen Ihnen gegenüber nicht immer so verhalten, wie es sich wohl gehörte …“

Nun konnte John sich seinen überraschten Gesichtsausdruck wohl nicht mehr verkneifen, als er mit hochgezogenen Augenbrauen zu seiner Mutter sah, die ihr Erstaunen wesentlich besser im Griff zu haben schien.

„Das ist nicht notwendig, General. Wir wissen, dass die letzten Monate für Sie und auch für Ihre Familie enorm stressig waren und ihren Tribut forderten. Und die neuesten Ereignisse waren sehr belastend, warfen Fragen auf und überrollten Sie geradezu. In Anbetracht dessen kann ich Ihre Skepsis gut verstehen. Aber ich freue mich über die Möglichkeit, weitere Gespräche aufnehmen zu können.“

Wieder nickte Tristanius zustimmend.

„Dann sollten wir uns besser zurückziehen. Wir werden nach Ihrer Tochter sehen und wieder ein wenig mit ihr üben“, erklärte Carol und machte sich daran, mit John das Büro zu verlassen, als dieser sich noch einmal umdrehte.

„Als ich sie vorhin verlies, schlief sie noch“, informierte der General die beiden.

„Nun, wir werden jedenfalls mal nach ihr sehen. Sollte sie noch immer schlafen, kann ich in der Zwischenzeit einen genaueren Übungsplan erstellen.“

„Ah, bevor ich es vergesse, ich habe das hier vorhin im Badezimmer von Alexas momentanem Quartier gefunden. Ich weiß nicht was es bedeutet, was das für eine Sprache ist, aber ich glaube es gehört Ihnen. Wahrscheinlich haben Sie es verloren“, erklärte John, als er den kleinen Papierschnipsel aus seiner Tasche nahm und ihn an den General übergab.

John beobachtet dessen Reaktion ganz genau, doch er war sich im Endeffekt wirklich nicht sicher, ein verräterisches Zeichen erkannt zu haben. Der Mann schien ein verdammt guter Schauspieler zu sein.

„Oh … ja, es wird mir wohl aus der Tasche gefallen sein. Ich danke Ihnen, Colonel.“

„Ich bin ein wenig neugierig. Ich habe solche Zeichen noch nie gesehen, kennen Sie die Bedeutung?“

„Es ist nichts, was Sie sonderlich zu interessieren hat, Colonel. Es ist einfach nur eine kleine Mitteilung meiner Frau. Wir haben uns schon immer gerne kleine Nachrichten geschrieben.“

Diesmal nickte John stumm und verlies dann das Büro.

Carol und John schwiegen, bis sie außer Reichweite waren.

„Eine Mitteilung seiner Frau? Diese Leute sind so hoch entwickelt und müssen sich immer noch Zettelchen schreiben?“, zweifelte Carol.

„Ich habe mir schon gedacht, dass irgendeine Ausrede kommt. Ich wüsste keinen Grund, warum Elisha so etwas schreiben würde. `Sie wird bald mir gehören´ … nein, das war `ne glatte Lüge. Die Nachricht ist von diesem Totengräbertyp. Wahrscheinlich wollte er damit ein bisschen Angst und Schrecken verbreiten und sein Psychospiel spielen.“

„Nur gut, dass sein Plan durchschaut wurde.“

„Wobei die Frage, was genau sein Plan ist, noch nicht so ganz klar ist. Alles, was wir wissen ist, dass er offenbar hinter Alexa her ist, aber warum und was er von ihr will … das werden wir wohl nicht so schnell rausfinden.“

„Und du willst wirklich nicht mit Alexa über diesen Zettel sprechen?“

„Ich weiß noch nicht. Ich habe vorhin kurz mit ihr unter vier Augen sprechen können und … sie hat zwar nichts gesagt und hat auch versucht, sich nichts anmerken zu lassen, aber sie hat Angst. Sie würde es niemals zugeben, aber ich habe es in ihren Augen gesehen. Sie hat keine Ahnung wer der Kerl ist, aber dennoch jagt er ihr eine höllische Angst ein. Der Zettel würde sie im Moment völlig aus der Bahn werfen.“

„Ja, das mag sein. Dennoch glaube ich, dass es nicht gut wäre, ihr so etwas vorzuenthalten. Sonst könnte ihr Vertrauen in dich Schaden nehmen und somit würdest du diesem Kerl in die Hände spielen.“

~~~///~~~

Langsam erwachte Alexa wieder aus ihrem kurzen Schlummer und wollte sich genüsslich strecken, als sie ein kleines metallenes Etwas in ihrer Hand entdeckte.

Perplex betrachtete sie ihr Abzeichen, das sie doch erst vor Kurzem ihrem Vater hatte abgeben müssen.

Hatte er es ihr zurückgegeben? Im Schlaf? Warum? Bedeutete dies, dass sie nicht mehr suspendiert sei?

Doch richtig darüber nachdenken konnte sie nicht so recht. Sie wollte lieber gleich ihren Vater danach befragen. Eilig hastete sie aus dem Quartier, doch kaum hatte sie die Tür geöffnet, rannte sie schon in Colonel Sheppard hinein, der schmerzerfüllt aufstöhnte.

„Oh tut mir leid! Ich habe Sie nicht gesehen!“

„Kein Problem … halb so schlimm“, ächzte John, krümmte sich und hielt sich den Bauch.

Zweifelnd beobachteten Carol und Alexa, wie John mehrmals tief durchatmete und sich dann wieder straffte.

„Tut mir wirklich leid. Vielleicht sollten Sie auf die Krankenstation und mal nachsehen lassen …“

„Nein, nein. Wie ich schon sagte, halb so schlimm. Ist eben nur ein bisschen empfindlich, das ist alles. Ist schon wieder okay. Was ist los? Wo wollten Sie denn gerade hin?“

„Ich wollte … mein Vater war vorhin hier und wir haben geredet und ich muss wohl irgendwann eingeschlafen sein. Gerade habe ich das in meiner Hand gefunden.“

„Ihr Abzeichen?“, fragte John überrascht und griff nach dem kleinen blickenden Metallstück. „Er hat die Suspendierung zurückgezogen?“

„Ich weiß nicht, er hat nur gesagt, dass er zu weit gegangen sei und dass es ihm leidtäte. Aber sonst ist er nicht genauer darauf eingegangen.“

„Na ja, es ist doch schon mal ein Anfang. Ich sagte ja, geben Sie ihm etwas Zeit und er wird sich wieder einkriegen“, erwiderte John und gab ihr das Abzeichen zurück.

„Er hat es mir bestimmt nicht einfach nur so zurückgegeben. Ich wollte ihn deswegen fragen.“

„Jetzt?“, fragte Carol verwundert.

„Wieso nicht? Außerdem wollte ich mal sehen, ob ich mich wieder unter Menschen wagen kann, ohne … mich gleich wieder wegzubeamen.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob Sie schon so weit sind“, meinte Carol und brachte dadurch ihre Zweifel und auch Besorgnis hervor.

„Ich würde es gerne versuchen.“

Mutter und Sohn tauschten einige unsichere Blicke aus, doch letztendlich wurde auch ihnen bewusst, dass es früher oder später notwendig war, einen Schritt weiter zu gehen. Immerhin konnte sie nicht ewig in der Isolation bleiben und dies könnte eine kleine Prüfung, vielleicht auch eine weitere Lektion sein.

„Na schön. Ihr Vater dürfte noch bei Mister Woolsey sein. Er hat ihn vorhin um ein Gespräch gebeten und äh … sich auch bei ihm entschuldigt.“

„Jetzt weiß ich, woher Sie Ihren Humor haben, Colonel“, erwiderte Alexa, als sie Carols Aussage nicht glaubte.

„Das war kein Witz. Er hat sich eben wirklich bei Woolsey für sein Benehmen entschuldigt“, erklärte John und musste sich ein Grinsen verkneifen, als Alexa vor Sprachlosigkeit kein Wort heraus bekam.

~~~///~~~

„Commander! Sie hier? Ich dachte, Sie wollten noch einige Übungen und Techniken erlernen, bis sie Ihre Empathie besser kontrollieren könnten?“

Woolsey war überrascht von seinem Sessel geradezu in die Höhe geschossen, als er John, dessen Mutter und Alexa ins Büro kommen sah.

Auch Tristanius war anfangs verwundert, doch er hatte sehr schnell erahnen können, warum seine Tochter nun hergekommen war.

„Das wollte ich auch, aber ich war … ich bin … ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Vater, hast du mir das Abzeichen zurückgegeben? Warum? Ich bin mir nicht sicher, was das zu bedeuten hat.“

Tristanius atmete einmal mehr durch und nahm seiner Tochter das kleine, blinkende Stück Metall ab.

„Was glaubst du denn? Es hat genau das zu bedeuten, wonach es aussieht“, sprach er leise, während er ihr das Abzeichen wieder ansteckte. „Die Suspendierung ist aufgehoben.“

Fassungslos blinzelte Alexa mehrere Male, sah ihrem Vater diesmal genau in die Augen und konnte eine gewisse Erleichterung und ein wenig Entspannung in ihm verspüren.

„Wirklich?“

Der General nickte stumm, doch als Alexa sich daran machte, zu salutieren, hielt er ihren Arm auf halbem Wege fest.

„Kein Salutieren mehr. Ich bin dein Vater, nicht mehr dein General. Oder hast du das vergessen?“

„Und das Tribunal? Die Anhörung?“

Der Vater schüttelte leicht mit dem Kopf und gab ihr zu verstehen, dass es keine Anhörung, kein Gerichtsverfahren, kein Tribunal und keine Anklage wegen Hochverrats mehr geben würde.

„Ganz wirklich?“

Tristanius musste lächeln. `Ganz wirklich´ hatte seine Tochter schon als kleines Kind immer gesagt und schon damals musste er darüber schmunzeln. Offensichtlich war sie sich selbst dieser kindlichen Ausdrucksweise durchaus bewusst, hatte es aber nie wirklich abgelegt und gebrauchte es von Zeit zu Zeit, wenn auch nur, um ihn damit zu necken.

„Ganz wirklich. Du bist ab sofort reaktiviert, aber es wäre mir sehr recht, wenn Du dich erst noch etwas intensiver mit Deinen Fähigkeiten befasst und vorerst nicht auf Missionen gehst. Außerdem haben wir noch einiges zu besprechen.“

„Ja … ja, natürlich. Ich denke … ich denke, ich werde zu Ma gehen und es ihr sagen und Dorian will ich auch sehen. Vielleicht schaffe ich es ja, diesmal die Krankenstation an einem Stück zu lassen.“

„Das sollten wir aber wirklich nur kurz ausprobieren. Wenn es nicht funktioniert und Sie Probleme bekommen, werden wir sofort wieder gehen“, erklärte Carol, die sich bisher mit John und Richard eher im Hintergrund hielt.

Alexa nickte noch einmal, bevor sie unsicher zu ihrem Vater aufsah und ihm dann um den Hals fiel. Ein kleines Küsschen auf die Wange ließ den General sich sofort halblaut räuspern und verlegen aus der Wäsche gucken.

Dann machte sie sich eilig davon.

~~~///~~~

Dorian schien etwas ruhiger geworden zu sein, doch noch immer überkamen ihn gelegentlich Übelkeit und Schüttelfrost. Doch die meiste Zeit driftete er weg und registrierte kaum die Menschen um ihn herum.

Elisha hatte ihn gerade gewaschen und ein frisches Krankenhemd angezogen, als sie erneut den Schweiß von seiner Stirn wischen konnte.

Überrascht sah sie nach oben zum Beobachtungsraum, als sie dort eine Regung aus ihren Augenwickeln ausmachen konnte.

Ihre Tochter stand dort oben, die Augen waren geschlossen, sie wirkte angespannt und doch konzentriert.

Misses Sheppard und ihr Sohn waren bei ihr und schienen auf sie einzureden und sie zu beruhigen.

Sie wusste, das Alexa im Moment Schwierigkeiten hatte, sich ihrem Bruder auch nur zu nähern, daher fragte sie sich, warum sie nun hier sei. Vielleicht eine weitere Übung?

Ein letztes Mal wischte sie mit dem kalten Lappen über Dorians Stirn, fuhr ihm durch die Haare und überließ dann Jennifer Keller die weitere Beobachtung und Behandlung.

„Atmen Sie ganz ruhig ein … und wieder aus. Ihre Schilde sind errichtet und nichts und niemand kann sie durchdringen… es geht Ihnen gut, Ihnen kann nichts passieren …“

Aufmerksam beobachtete Elisha ihre Tochter, wie sie versuchte, den Anweisungen zu folgen und ihre und die Empfindungen der anderen, besonders die ihres Bruders zu kontrollieren und auszublenden.

Einige Male hatten Carol und John noch auf sie einreden müssen, dann schien ihre Anspannung langsam nachzulassen, ihre Atmung wurde ruhiger und ihre gesamte Haltung entspannte sich.

Langsam öffneten sich ihre Augen und sie sah geradewegs zu ihrem Bruder herab.

„Es funktioniert! Ich spüre ihn zwar, aber es macht mir nicht mehr so viel aus.“

„Was genau spüren Sie?“

„Da ist … ähm … Verwirrung und auch Angst und er ist müde. Er ist furchtbar müde und erschöpft.“

„Können Sie noch ein wenig tiefer gehen? Konzentrieren Sie sich voll und ganz auf ihn und senken Sie dabei Ihre Schilde ein klein wenig.“

Unsicher sah sie wieder zu Carol und John.

„Versuchen Sie es. Wir sind hier, Ihnen kann nichts passieren. Wenn es Ihnen zu viel wird, hören wir sofort auf und gehen“, versuchte Carol die Antikerin zu überzeugen.

Doch erst nach einem Nicken von John wagte sie es, sich tiefer auf ihren Bruder zu konzentrieren.

„Er hat keine Kraft mehr, er … er will nicht mehr. Er ist verzweifelt und er … er … will nicht mehr … er will … sterben.“

Panik stieg in ihr auf, ihre Atmung beschleunigte sich wieder, unruhig ging sie einige Schritte zurück und wollte nur noch diesem Gefühl entkommen.

„Alexa … Alexa, konzentrieren Sie sich … Diese Gedanken und Empfindungen sind während dieses Entzuges normal, Dorian ist in Sicherheit, ihm kann nichts geschehen. Sein Zustand verbessert sich ständig. Bald wird er wieder ganz gesund sein … atmen Sie tief ein … verstärken Sie wieder Ihre Abwehr … jetzt atmen Sie wieder aus, es ist alles in Ordnung.“

Geistesgegenwärtig trat John näher an sie heran und hatte leise zu ihr gesprochen.

Es dauerte einige Momente, bis sie sich wieder gefangen hatte und allmählich ihre Abwehr ganz nach Bedarf aufbauen, verstärken und wieder fallen lassen konnte.

„John?“

Carol hatte sich zweifelnd zu ihrem Sohn gewandt, wartete auf eine Bestätigung, dass Alexa wieder nach ihm und seiner inneren Sicherheit gegriffen hätte, doch er schüttelte den Kopf.

„Sie scheinen wirklich erstaunlich schnell zu lernen“, lobte Carol die Antikerin.

„Ich möchte zu ihm gehen.“

„Ich denke, das ist noch zu früh und vor allem zu nah. Sie brauchen noch etwas Zeit und noch mehr Übung, um sich tiefer auf so starke Emotionen einzulassen. Für den Anfang haben Sie das schon sehr gut gemacht, aber wir sollten es nicht übertreiben. Wir sollten die Krankenstation wieder verlassen …“

„Nein“, unterbrach Alexa die Ausführungen von Carol, „Wenn ich das ganze hier noch ein paar Mal mache, dann kann ich doch nur besser werden. Ich will nur ein paar Minuten zu ihm. Er soll wissen, dass ich da bin.“

„Alexa, er nimmt im Moment niemanden wahr, er driftet ständig weg“, schaltete sich nun Elisha ein und trat näher.

„Aber vielleicht spürt er mich ja. Vielleicht kann er ja … vielleicht funktioniert es mal anders herum und er kann fühlen, dass ich bei ihm bin. Das könnte ihm doch helfen.“

„Wenn Sie sich wirklich fit dafür fühlen …“

Noch immer war Carol skeptisch, doch sie wollte sich selbst ein Bild machen, ob die junge Frau tatsächlich schon ihre Fähigkeit so gut im Griff hatte.

„Versuch es“, meinte Elisha nur, als sie der bittende Blick ihrer Tochter traf.

Alexa machte sich auf den Weg doch plötzlich drehte sie sich noch einmal zu den Anwesenden um und lächelte erfreut.

„Ma, Pa hat die Suspendierung aufgehoben.“

„Ich weiß, Schatz. Ich war dabei, als er dir das Abzeichen zurückgab. Ich habe dir doch gesagt, es wird alles wieder gut.“

 ~~~///~~~

Drei Tage hielten sie sich in einem anderen Sonnensystem am Rand der Pegasus-Galaxie auf. Rodney fand es, mehr aus Sorge um sein eigenes Wohlergehen, als um das der anderen, für absolut nötig, noch einen weiteren Tag am wohl dunkelsten Ort der Galaxie zu bleiben. John bekam langsam aber sicher einen Kollar, wollte er doch so gerne wieder auf Mission. Abgesehen davon, dass er außer von den Übungseinheiten mit Alexa und seiner Mutter, seinen Eltern sonst liebend gerne aus dem Weg gehen wollte. Wenigstens konnte er an einem Nachmittag mit einem Jumper die nähere Umgebung unter die Lupe nehmen und ein paar neue Ziele auf die Liste der zu erkundenden Planeten setzen.

Es war nichts Besonderes, abgesehen von einem Planeten mit Dinosaurier ähnlichen Wesen, die glücklicherweise Pflanzenfresser waren und einem Planeten mit Ruinen, die orientalischen Tempelanlagen sehr ähnlich sahen.

Alexa verbrachte jede freie Minute bei ihrem Bruder. Sprach mit ihm, erzählte ihm, was vorgefallen war, was sie gerade taten, wie weit sie schon mit ihrer Empathie war und woran sie sich erinnerte und drohte ihm bei dieser Gelegenheit, ihn auf einen einsamen Planeten auszusetzen, sei es für die versenkte Jacht, ihre zu Staub zerfallene Waffe oder die nerv tötende Stimme im Schiff-System, sollte er sich jemals wieder so etwas einfallen lassen.

Natürlich hatte sie es nicht ernst gemeint und lies dies auch durch ihre Tonart und Wortwahl deutlich werden.

Dorians Zustand verbesserte sich von Tag zu Tag, obwohl er fast durchweg schlief und kaum jemanden zu erkennen schien.

Tristanius hatte sich sowohl mit seiner Frau als auch mit seiner Tochter nochmals unterhalten und ausgesprochen. Von Verrat war keine Rede mehr. Im Gegenteil, er stimmte schließlich ihrer Entscheidung bezüglich des Kontrollstuhls und des ZPM´s sogar zu und ließ sie wissen, dass er wohl die gleiche Entscheidung getroffen hätte. Er sprach auch über ihre mögliche Mitarbeit im Stargate-Programm der Erde und dass Woolsey offensichtlich eine gute Idee hätte, die ihm schon in ihrer Grundform zu gefallen schien.

Doch dazu waren noch viele weitere Gespräche notwendig, ebenso ein Besuch auf der Erde und weiteren Gesprächen mit dem IOA und dem Stargate-Kommando.

Die Tage waren noch immer durch Stress geprägt. Elisha und Tristanius hatten einen Weg gefunden, sich sowohl um Dorians Zustand zu kümmern, als auch über die Fortschritte von Alexa auf dem laufenden zu bleiben und so hatte es sie wirklich überrascht zu erfahren, dass Colonel Sheppard einige seiner Leute angewiesen hatte, die persönliche Habe des Paares und deren Sohn wieder in ihre ursprüngliche Quartiere zu bringen.

Das Gefühl des heimisch sein hatte sich somit wieder etwas verstärkt und ließ den Druck und die Anspannung weiter herabsinken.

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Die erneute Landung auf New Lantia stand kurz bevor und wieder versammelten sich Daniel und die Sheppards im Kontrollraum.

„Der General und ich haben gerade darüber gesprochen und kamen überein, dass Sie Colonel, die Stadt landen sollten. General Thalis möchte gerne sehen, in wieweit Ihre Erfahrungen mit der Kontrolle über die Stadt reichen. Haben Sie irgendwelche Einwände?“, fragte Richard direkt an John gerichtet.

„Nein, keine Einwände. Ich möchte nur, dass meine Familie wieder rüber zur Tristanius gebracht wird, bis die Stadt wieder sicher auf dem Wasser treibt.“

„Soll mir recht sein“, erwiderte Richard.

„Mir nicht“, kommentierte Patrick.

„Dad…“

„Kommt nicht in Frage, Junge. Ich habe vom ewigen Hin und Her die Nase voll. Ich werde nirgendwo hingehen. Ich bleibe hier.“

„Aber Dad, es wäre wirklich sicherer, wenn du, Mom und Dave …“

„Du hast diese Stadt doch schon öfter geflogen und gelandet, also wirst du es dieses Mal auch sicher schaffen. Ich bleibe hier, Ende der Diskussion.“

John blickte bittend zu seiner Mutter, doch auch sie machte durch ihre Gestik klar, dass sie nirgendwo hingehen würde.

„Macht doch, was ihr wollt … ich gehe jetzt zum Stuhlraum.“

Kopfschüttelnd und weiterhin leise fluchend machte er sich auf den Weg. Er hatte weder Zeit noch Lust, ständig mit seiner Familie über die banalsten Dinge zu diskutieren und zu streiten.

„Also Colonel, denken Sie daran, der Wiedereintrittswinkel muss ganz genau sein. Weder zu flach noch zu steil, sonst prallen wir an der Erdatmosphäre ab oder verglühen beim Versuch, sie mit allen Mitteln zu durchbrechen …“

„McKay, hatten wir das nicht schon mal?“, ertönte Johns Stimme aus dem Lautsprecher, während man am Monitor im Kontrollraum seinen gereizten Gesichtsausdruck erkennen konnte.

„Ich meine ja nur. Ich muss Sie wohl nicht daran erinnern, dass die letzten Landungen nicht einem sanftem Landen auf dem Wasser glichen, sonder eher einem Klatscher, der …“

„McKay! Konzentrieren Sie sich lieber auf Ihre Daten“, antwortete John und setzte sich auf den Stuhl, worauf dieser gleich hell aufleuchtete.

Tristanius Augenbrauen hoben sich nur leicht, sein Staunen war dafür umso größer. Die Technologie sprach enorm schnell auf ihn an, was wieder einige Gedanken aufkommen ließ. Er wusste mittlerweile, dass dieser John Sheppard ihr Gen von Geburt an hatte, sein Bruder hatte es auch und demnach natürlich auch seine Eltern. Doch nur bei ihm war es enorm stark ausgeprägt. Auch sonst machte es den Eindruck, dass er eine hohe Intelligenz besitzen musste, er schien auch trotz seines eher schlanken Körperbaus recht stark zu sein und seinen Willen schätzte er auch stark ein. Seine Instinkte waren ebenfalls stark ausgeprägt, besonders der Beschützerinstinkt. Das hatte er in den letzten Tagen mehr als deutlich erkennen können, als er immer wieder sein Leben für andere riskierte. Allmählich machte sich eine Ahnung in ihm breit. Oder war es mehr eine Hoffnung? Eine Hoffnung, dass er trotz der vielen Jahrtausende, nicht der einzige, der letzte … Es sollte wohl dringend geprüft werden. Er nahm sich vor, schnellstens mit seiner Frau darüber sprechen. Sie hatte noch am ehesten die Möglichkeit, der Sache auf den Grund zu gehen.

Evan war bereits mit der Tristanius in der Erdatmosphäre angelangt und wartete nun darauf, zu sehen, wie ein riesiger Feuerball sich hoffentlich in eine Stadt verwandelte.

Er wurde nicht enttäuscht.

Auf dem riesigen Bildschirm auf der Brücke verfolgte er den sinkenden Feuerball und wieder musste er lächelnd feststellen, wie fasziniert er das nach all der Zeit noch immer fand.

„Der Winkel ist zu flach!“, rief McKay besorgt durch den Kontrollraum.

„Nein ist er nicht“, erwiderte Alexa.

„Der Winkel beträgt genau 6,5 Grad. Das ist optimal, McKay“, stimmte John ihr zu und konzentrierte sich weiterhin auf die Flugbahn.

„Woher wollen Sie das wissen, Sheppard? Sie können doch nicht da sitzen und gleichzeitig rechnen und fliegen!“

„Doch ich kann, McKay. Ich bin Pilot. Mit diesem Stuhl habe ich auch Zugriff auf die Systeme. Ich kann sehen, wie hoch wir sind und wie der Winkel ist. Und rechnen kann ich auch.

Patrick kam mit neugierigen Blicken zu Rodney und zog die Augenbrauen hoch, als er die vielen Zahlen und Algorithmen sah.

„Diese Berechnungen stellt auch John an?“

„Na das hoffe ich doch“, lautete die Antwort des Kanadiers.

„Dann hat sich sein Mathematikstudium doch gelohnt.“

„Mathematik-Studium? Sie … Sheppard, Sie haben Mathematik studiert? Wieso haben Sie nie davon erzählt?“

„Nicht jetzt McKay“, lautete Johns knappe Antwort und bekam nicht so richtig mit, wie die Stadt durch den Sinkflug erbebte.

In den nächsten Sekunden setzte Atlantis auf der Meeresoberfläche auf, ohne das auch nur ein Pier überflutet wurde. Das eine oder andere Regal wurde durch das Holpern umgeworfen, aber größere Schäden waren nicht entstanden.

Carol ließ nur sehr zögerlich das Geländer wieder los, und sah sich unsicher um.

Tristanius und auch Woolsey wischten sich den Schweiß von der Stirn und atmeten erst einmal tief durch.

Alexa sah fragend zu ihrem Vater, der anerkennend nicken musste. Insgeheim bewunderte er den Colonel und dessen Fähigkeit, die Nerven zu behalten. Auch die Interaktion mit den Stadtsystemen schien ihm keinerlei Probleme zu breiten. Als sei er damit aufgewachsen.

Sein vorheriger Verdacht erhärtete sich, doch bisher war es eben nur ein Verdacht.

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Bereits einen Tag später fand man sich auf der Krankenstation in Atlantis wieder.

„Ich denke, wenn er gleich aufwacht, hat er alles überstanden. Ein paar Tage Physiotherapie und er ist wieder ganz der alte. Ich dachte sie wollen dabei sein“, meinte Keller und überprüfte noch einmal die Anzeigen auf dem Monitor.

Tristan, Elisha, Alexa als auch John und Richard standen um das Bett herum und beobachteten, wie Dorian langsam die Augen öffnete.

„Alles in Ordnung, mein Großer … du bist wieder in Atlantis … auf der Krankenstation“, beruhigte Elisha ihren Sohn.

Dorian sah benommen in die Runde.

„Wie fühlst du dich?“

„Miserabel“, stöhnte er.

„Oh gut! Das ist doch schon mal ein Anfang. Es sollte dir zu denken geben“, witzelte seine Schwester.

„Weißt du noch, was passiert ist? Woran kannst du dich erinnern?“, wollte sein Vater wissen.

„An alles, fürchte ich.“

„Wir haben Sie von diesem Enzym runterbringen können. Es befindet sich nicht mehr in Ihrem Kreislauf“, erklärte Jennifer.

„Ich habe mir schon gedacht, dass es irgendeine Substanz ist, die … ich habe diese Kreaturen auf dieser Welt entdeckt. Ich wollte dort nach Hinweisen suchen, die uns vielleicht zu euch geführt hätten. Eine Zeit lang habe ich sie beobachtet. Sie haben Menschen gefangen genommen und … es war … ich habe so etwas noch nie gesehen. Als ich wegschleichen wollte, haben sie mich entdeckt und gejagt, aber sie waren schneller. Ich dachte, dass sie mit mir dasselbe machen wollten … das haben sie auch … sie haben … sie haben sich an mir genährt“, erzählte er, als er sich schmerzlich daran erinnerte.

„Wissen wir … es ist jetzt vorbei. Wir haben dich aus der Wraith-Basis, so heißen diese Kreaturen, rausgeholt … dann haben wir sie hochgejagt“, erklärte Alexa.

„Mit `wir´ meinst du bestimmt dich. Ich kenne dich doch. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie viel Spaß du dabei hattest. Ich erinnere mich auch an den Tritt, den du mir verpasst hast“, beschwerte Dorian sich halblaut.

„Und du wirst dich ja bestimmt daran erinnern, dass du ein Modul von meinem Schiff gestohlen, mich mit einer Waffe bedroht und mir zweimal eine verpasst hast, sodass ich quer durch die Räume geflogen bin?“

Er zögerte kurz, bevor er spitzbübig antwortete.

„Nein, das ist mir wohl entfallen.“

Alexa nickte ungläubig.

„Nein, ist es nicht. Es tut mir so leid. Ich wollte dir nicht weh tun. Ich habe das wirklich nicht gewollt … ich war wie … als ob jemand anderes in mir steckt und mich lenkt … ich habe das alles gesehen und wollte es nicht und doch habe ich es getan. Es tut mir so leid, Al …“

„Mach dir keine Gedanken, es ist nichts weiter passiert. Ich kann dein kleines Tätscheln schon verkraften.“

„Diese Wraith haben herausgefunden, wer oder was ich bin. Ich sollte ihnen helfen, für sie arbeiten. Ich habe mich natürlich geweigert … aber es waren zu viele und sie waren zu stark … ich musste zusehen, wie sie unschuldige Menschen vor meinen Augen getötet haben. Sie haben ihnen einfach das Leben ausgesaugt. Ich … ich wusste nicht, was ich tun sollte … Sie haben mir das Leben fast genommen und dann wieder zurückgegeben, immer wieder … immer und immer und immer wieder … es war so widerlich und abartig.

„Es ist vorbei Junge. Ganz ruhig“, beruhigte Elisha ihn.

„Durch dieses Enzym hattest du eine enorme Kraft und Schnelligkeit entwickeln können …“

„Oh gut, dann kann ich ja doch mal mit dir trainieren. Vielleicht besiege ich dich ja“, gab er voller Vorfreude zurück.

„Vielleicht auch nicht. Wie gesagt, es gibt kein Enzym mehr in deinem System und somit auch keine Superkräfte mehr, aber sei nicht enttäuscht … du wirst trotzdem mit mir trainieren. Pa und ich werden dir beibringen, dich anständig verteidigen zu können, auch ohne das Enzym und stiften wirst du auch nicht mehr können“, versprach Alexa ihrem Bruder vielversprechend.

Er schluckte.

„Danach haben sie dich zu mir zurückgeschickt in der Hoffnung, dass wir Atlantis doch noch finden. Du solltest die Lage der Stadt und vermutlich auch dann der Erde an sie weitergeben“, vermutete Tristanius.

„Ja und sie wollten die Energiemodule. Ich … ich dachte ich würde sterben, wenn ich nicht zu ihnen zurückkehre, ich habe nicht mehr gewusst … was habe ich nur getan? Ich wollte das nicht. Ich wollte es nicht tun … es tut mir so leid … es tut mir so leid …“

„Es muss dir nicht leid tun. Es war nicht deine Schuld … man hat dich gezwungen … es ist vorbei, Dorian …“

„Ihre Mutter hat Recht. Dieses Enzym in Kombination mit den Wraith und ihrer Methoden kommt einer Gehirnwäsche gleich. Durch die Abhängigkeit vom Enzym hat man Sie in der Hand gehabt. Sie hatten keine Wahl“, pflichtete Woolsey ihr bei.

Dorian schüttelte mit dem Kopf. „Nein … nein, ich … ich wollte dich warnen, Vater. Ich wollte es dir erzählen, kurz bevor wir nach Celtes gingen, aber … ich hatte Angst, dass sie dich auch noch bekommen würden. Ich habe gehofft, dass ich es vergessen könnte, als wir wieder hier ankamen, aber dann ging es mir immer schlechter. Ich hatte keine andere Wahl. Ich wusste dass diese Wraith mich … mich belohnen würden, wenn ich ihnen das Modul bringen würde. Ich hatte geplant, das Modul in ihre Station einzubauen und es dann zu überlasten … so hätte ich sie wenigstens mitgenommen, wenn sie mich getötet hätten.“

„Das wäre ziemlich dumm gewesen“, meinte Alexa.

„Aber Atlantis wäre in Sicherheit gewesen und die Erde auch.“

„Aber du wärst nicht mehr da … und wir brauchen dich … wir lieben dich, Dorian.“

Elisha begann zu weinen und beugte sich zu ihm um ihn zu umarmen.

„Mit den Wraith wären wir auch noch fertig geworden, das weißt du doch“, mahnte Tristanius seinen Sohn in aller Liebe.

„Ja, ich weiß … Es tut mir so leid, ich war so dumm, ich hätte euch wirklich früher davon erzählen sollen.“

Nun umarmte auch Alexa ihren Bruder und sprach ihm direkt ins Ohr.

„Wenn du nochmal so eine Dummheit begehst und dich gefangen nehmen und fast umbringen lässt, werde ich wieder kommen und dich befreien …“

„Danke, Schwesterchen!“

„Und dann werde ich dich selbst umbringen und es wie einen Unfall aussehen lassen. Hast du mich verstanden?“, drohte sie ihm lächelnd.

Dorians Grinsen verging auf der Stelle. In diesem Moment wusste er nicht so recht, ob es ein Scherz seiner Schwester war, oder ihr absoluter Ernst, zumal die Tonart so gar nicht lustig klang.

Wieder schluckte er und nickte eifrig. „Ja, Ma´am.“

„Schön, da das ja nun geklärt ist“ Elisha sah seufzend und kopfschüttelnd zu ihrer Tochter und dann wieder zu ihrem Sohn „solltest du dich noch etwas ausruhen. Du hast in nächster Zeit einiges an Wiedergutmachung zu leisten, das kann ich dir versprechen, mein Lieber.“

„Ja, du hast ab morgen einen neuen Kollegen, der dich ganz genau im Auge behalten wird“, informierte ihn sein Vater.

„Ach ja, wen denn?“

„Mich“, kam es von Rodney, der sich nun zu den anderen gesellte.

„Oh … na gut. Kein Problem. Aber ich hoffe, dass die weiblichen Wissenschaftler von der Erde genauso hübsch sind, wie Doktor Keller hier“ kam es charmant von Dorian und grinste Jennifer an.

Alexa verdrehte nur die Augen und schüttelte den Kopf. „Geht das wieder los!“, seufzte sie leise.

„Es wird mit Sicherheit, die eine oder andere Mitarbeiterin dabei sein, die du mit deinem Charme beeindrucken kannst, aber Doktor Keller ist bereits vergeben“, enttäuschte Elisha ihn.

„Oh wirklich? Schade … wer ist der Glückliche denn, wenn ich fragen darf?“

„Ich“, meldete sich Rodney stolz.

„Ist nicht wahr?!“

Rodney und Jennifer sahen sich verwirrt an, doch Dorians grinsen stimmte die beiden versöhnlich.

„Ich hoffe nur, Sie entpuppen sich nicht auch noch als ein zweiter Kirk?“

„Ein was?“

„Ach, nicht so wichtig, ruhen Sie sich aus. Morgen werden wir uns dann über unsere Arbeit unterhalten.“

„Ich muss mich nicht ausruhen. Ich fühle mich topfit … ich kann direkt an die Arbeit gehen“, meinte Dorian, schlug die Decke beiseite, schwang die Beine aus dem Bett und sackte augenblicklich zu Boden.“

„Oh verdammt!“

„Ich liebe es, wenn er mir zu Füßen liegt“, gab Alexa grinsend von sich und hievte mit ihrem Vater Dorian wieder ins Bett.

„Vielleicht unterhalten wir uns dann doch besser morgen“, murmelte Dorian vor sich her.

„Ja, das denke ich auch. Wir haben alle Zeit der Welt. Ich bin schon gespannt, in wieweit wir uns ergänzen können. Ich bin sicher, es gibt vieles, worüber wir diskutieren können.“

„Oh, das glaube ich auch. Da gibt es zum Beispiel einige Verbesserungen, die ich gerne vornehmen würde und ich denke, ich könnte Ihnen helfen, eine …“, begann Dorian zu erklären, doch eine vorbeigehende Krankenschwester lenkte Dorian ab, „Hallo, schöne Frau …“

„Oh Mann“, kommentierte Alexa augenrollend.

„Oh mein Gott … noch ein Kirk!“

 

The End

Shahar Jones

Meine erste Fanfic schrieb ich über Stargate Atlantis.
Mittlerweile mixe ich meine Storys auch gerne mal mit anderen Fandoms, wie dem Sentinel. Aber im Großen und Ganzen hänge ich immer noch in der Pegasus-Galaxie rum. Allerdings liebe ich es auch, die Leute zu überraschen ;)

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