SGA/ALEXA: Fallen

Fallen

Serie: Alexa Saga
Series Order: 13
Characters: Sheppard, McKay, Teyla, Ronon, Woolsey, Keller, Lorne, OC, diverse andere Bekannte des SG(A)-Verse
Genre:OC, ein bisschen AU, Adventure, Friendship, Action
Rating: R-16
Wortanzahl: ca. 13.800

Kurzinhalt: Im Wein liegt die Wahrheit …
Woolsey will dem General während eines Schachspielsauf den Zahn fühlen, doch es ist am Ende John, der eine ganz andere Seite einer gewissen Antikerin zu sehen bekommt …

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Es war bereits später Nachmittag, als Richard und Tristanius nachdenklich und tief gebeugt über dem Brett saßen. Es hatte Richard nicht viel Zeit und Mühe gekostet, dem General das Schachspiel näher zu bringen und Tristanius stellte sich als ein sehr gelehriger Schüler heraus.

Vielleicht etwas zu gelehrig, wenn man bedachte, dass Tristan auch sonst durch seine Militärerfahrung ein guter Stratege war und so brauchte es nur 2 weitere Züge, um Richard Schacht-Matt zu setzen.

Anerkennend lächelte Richard. „Meinen Glückwunsch! Sie beherrschen das Spiel beinahe meisterhaft.“

„Ich hatte wohl einen guten Lehrer“, erwiderte Tristan lachend. „Das Spiel ist wirklich interessant. Es ist fordernd und ablenkend zugleich.“

„Und es hält die grauen Zellen auf Trab. Vielleicht ist das die Ursache für Doktor McKays ewig anhaltenden Enthusiasmus. Wenn ich bedenke, dass er regelmäßig Schach spielt und jeden Tag mit neuen Ideen ankommt …“

„Sie haben schon gegen ihn gespielt?“, wollte Tristanius wissen.

„Oh ja … und verloren. Doktor McKay ist ein sehr guter Spieler.“

„Und dennoch unterlag er schon das eine oder andere Mal gegenüber dem Colonel?“

„Das stimmt. Colonel Sheppard scheint das Spiel ebenfalls sehr gut zu beherrschen. Ich weiß nicht, ob man es seiner Erfahrung als Stratege des Militärs gut schreiben soll oder ob nicht einige Lehrstunden bei seinem Vater dafür verantwortlich sind, denn auch er spielt sehr gerne und ich muss zugeben, er ist ebenfalls ein würdiger Gegner.“

„Sie spielen auch mit Mister Sheppard dieses Schach?“ frage Tristan weiter.

„Ja“, antwortete Richard, als er die Figuren wieder zurechtrückte. „Wir spielen schon eine ganze Weile an einer Partie. Ich bin gerade am Zug, aber wie Sie nun wissen, müssen diese gut durchdacht sein.“

Tristanius nickte verstehend. „Und … Sie spielen auch mit ihm um eine Flasche Wein oder …?“

„Um einen 2007er Lokoya Cabernet Sauvignon Mount Veeder, ja. Ein mehrfach ausgezeichneter Wein aus Kalifornien. Aber die Partie muss auch erst gewonnen werden. Ich mag es zwar nicht gerne sehen, dass in dieser Stadt Glücksspiele betrieben werden, aber wo bliebe sonst der Reiz?“

„Und gegen eine gute Flasche Wein sollte auch nichts einzuwenden sein.“

„Absolut. Und glauben Sie nicht, ich hätte diesen Wink nicht verstanden“, brachte Woolsey grinsend hervor.

„Wie meinen?“, lautete die unschuldig klingende Antwort des Generals, der ebenfalls grinste.

„Ich weiß, ich schulde Ihnen eine Flasche Châteauneuf-du-Pape“, erklärte Richard, doch Tristanius winkte beiläufig ab.

„Das eilt doch nicht.“

„Nein, nein! Wenn ich spiele, dann halte ich mich auch an den Grundsatz: Spielschulden sind Ehrenschulden und diese werden in der Regel sofort beglichen. Ich erwarte unter anderem einige Flaschen Wein mit dem morgigen Gütertransfer von der Erde. Er wird dabei sein. Ich bin sicher, er wird Ihren Geschmack treffen.“

„Ich lasse mich überraschen“, brachte Tristanius hervor und verstrickte sich dann noch in weitere angeregte Gespräche mit dem Expeditionsleiter, bevor der Tag enden sollte.

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Am nächsten Tag

Es war recht früh am Morgen, und auch dieses Mal lief der geplante Gütertransfer von der Erde pünktlich und reibungslos ab. Dennoch schien Patrick Sheppard einer der ersten zu sein, der seine ersehnte Bestellung freudig entgegen nahm. Carol hatte ihm schon gestern mitgeteilt, was alles geliefert werden sollte und am heutigen Morgen gab sie ihm auch noch eine Liste mit, die er nun pflichtbewusst abgehakt hatte. Der Versorgungsoffizier musste sich ein grinsen verkneifen, glaubte er doch bisher nicht, dass der gestandene Wirtschaftsmogul derart unter dem Pantoffel stand.

Doch Patrick wusste, wie enttäuscht Carol sein würde, würde auch nur ein Artikel fehlen oder falsch geliefert worden sein und er liebte er es, seine Frau glücklich und zufrieden zu sehen. Da waren ihm auch die Gedanken und Kommentare eines Versorgungsoffiziers herzlich egal.

Patrick war gerade dabei, den nicht gerade kleinen Haufen zu ordnen, um ihn dann möglichst ohne irgendetwas zu verlieren oder kaputt zu machen, ins Quartier zu bringen, als Richard gut gelaunt in das mittelgroße Lager trat und irritiert zu dem vollbepackten ältesten Sheppard Mann sah.

„Guten Morgen“, grüßte Richard die anwesenden, die seinen Gruß erwiderten. „Oh, ist das mein … Châteauneuf-du-Pape oder haben Sie auch …“, fragte Richard weiter, als er einen genaueren Blick auf Sheppards Waren erhaschen konnte.

„Nein Sir. Ihre Waren habe ich hier und auch Ihr Wein. Mister Sheppard hat offenbar zufällig den gleichen Wein bestellt“, erklärte der Versorgungsoffizier, der kurz darauf in einer größeren Containerbox nach einer Flasche wühlte.

Sekunden später hielt Woolsey sie in seinen Händen und ließ seinen schon fast traurigem Blick über sie gleiten.

„Ist es eine falsche Lieferung, Sir, oder …?“, fragte der junge Offizier.

„Hm? Oh nein, nein. Alles bestens. Nur … werde ich sie leider nicht genießen können. Ich schulde sie dem General. Der Mann lernt schneller als es einem lieb sein kann und ich hätte mich vielleicht nicht so schnell auf ein Spiel um einen so delikaten Tropfen einlassen sollen.“

„Und bald sind Sie wahrscheinlich auch noch einen Mount Veeder los“, meinte Patrick amüsiert. „Sie sind am Zug, Richard. Wissen Sie noch?“

„Oh, ich habe es nicht vergessen und diesmal beabsichtige ich zu gewinnen. Einen Mount Veeder hatte ich schon lange nicht mehr genossen.“

„So geht es mir mit dem Châteauneuf-du-Pape“, erwiderte Patrick. „Carol liebt diesen Wein. Wir hatten ihn zu unserem ersten Rendezvous getrunken und seitdem kamen wir nicht von ihm los. Ob Jahrestag, Verlobung, Hochzeit … die Geburt unserer Söhne … er ist immer dabei.“

„Es ist wirklich ein guter Tropfen.“

„Absolut“, stimmte Patrick zu. „Genau wie der Mount Veeder. Ich werde auch diesen Wein genießen und dabei an Sie denken.“

„Abwarten Patrick. Noch ist nichts entschieden“, gab Richard tapfer lächelnd zurück. Er wusste mittlerweile wie er die herausfordernden Spitzen des ältesten Sheppard Mannes zu verstehen hatte. Und er freute sich schon sehr darauf, ihm die Retourkutsche mit einem geschickten Zug zu verpassen.

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Ein wenig wehmütig hatte Richard den Weg vom Lager zu seinem Büro hinter sich gebracht und glaubte schon, sich allzu früh von seinem geliebten Wein trennen zu müssen, als er mit Freuden den Commander entdeckte.

Stutzend beobachtete er sie dabei, wie sie angestrengt einen Stapel von Berichten der einzelnen Abteilungen und Missionen durchwühlte. Nicht, dass sie gegen Sicherheitsprotokolle verstieß und ihre Nase in Dinge steckte, die sie nichts angingen, immerhin besaßen sie und ihr Vater mittlerweile eine vom Stargatecenter und des Pentagons erteilte Autorisierung und hatten somit Zugriff auf die geheimsten Berichte der Stargate-Missionen. Aber irgendetwas schien nicht in Ordnung zu sein.

„Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“, fragte Richard, als er in sein Büro trat.

Alexa schrak auf. „Hm? Oh, ich suche nur nach einem Bericht. Meinem Bericht. Ich fürchte … er entspricht nicht ganz … ich habe ihn irrtümlich zu früh abgegeben“, erklärte Alexa und widmete sich den Schreibtischschubladen.

„Verstehe. Aber ich bezweifle, dass er dort drin zu finden ist.“

Alexa hielt kurz inne und dachte nach. Natürlich hatte Woolsey Recht. Was hatte ein Bericht auch in einer Schublade zu suchen?

Aber in letzter Zeit war sie selbst kaum zu etwas Vernünftigem zu gebrauchen und überraschte sich selbst mehr als einmal mit einer auffälligen Zerstreuung. Auch wenn sie es niemals zugeben würde, aber irgendetwas stimmte ganz und gar nicht mit ihr.

„Oh, man kann nie wissen. Sie wissen doch selbst, dass im Eifer des Gefechts die unmöglichsten Dinge geschehen.“

Richard erkannte ihre plötzliche Nervosität und er erinnerte sich auch, dass sie seit einiger Zeit unter anderem mit Verwirrung und Konzentrationsschwierigkeiten aufwartete. Ganz zu schweigen von ihrem Temperament, das immer wieder aufwallte. Vor allem dann, wenn Colonel Sheppard auf irgendeine Weise involviert war. Ob es irgendein Problem zwischen den beiden gab?

„Ist es vielleicht möglich, dass Sie diesen Bericht Colonel Sheppard gegeben haben?“, fragte Richard vorsichtig und beobachtete, wie Alexa erneut inne hielt und sich versteifte.

Glaubte Richard zunächst noch ihrem Erinnerungsvermögen auf die Sprünge helfen zu können, so beobachtete er nun, wie ihr geradezu die Farbe aus dem Gesicht wich. Ihr Augen wurden zuerst groß, als sich blankes Entsetzen und dann Verzweiflung und Groll in ihren Augen wiederspiegelte.

„Nein. Ich meine …“, gab sie zögerlich zurück und schloss die Schublade geräuschvoller als sie es beabsichtigt hatte. „… ich weiß es nicht. Dieser verdammte …“, murmelte Alexa und schloss die Augen und atmete gegen den Drang, knurren und brüllen zu müssen, kaum dass Scheppards Antlitz vor ihrem geistigen Augen auftauchte. „Tut mir leid. Ich glaube, ich habe noch größeres Chaos angerichtet, als es ohnehin schon gab.“

Alexa umrundete den Schreibtisch und begann, die Berichte wieder zu ordnen und zu einem akkuraten Turm zu stapeln, als Richard sich daran machte, seinen Platz dahinter einzunehmen.

„Das macht nichts. Ich muss sie ohnehin durchgehen. Wenn sich die verschiedenen Bereiche dieses Mal ein wenig abwechseln, wird es für mich nicht ganz so schwer sein und wer weiß, vielleicht macht es mir sogar Spaß“, erwiderte Richard lächelnd.

Alexa spürte eindeutig, dass Richard ein wenig mehr Reserviertheit zeigte, als sie es von ihm kannte und sie konnte sich auch sofort denken, was der Grund war.

Verdammt, dieser Sheppard machte sie noch fertig. Der Mann verhielt sich nicht nur immer mehr wie ihr Schatten, nein, er schaffte es sogar, sie vollkommen aus der Balance zu bringen und das vor aller Augen. Die ganze Stadt musste sich schon über sie amüsieren. Oh dieser …. Wenn sie nur schon diesen Namen hörte, könnte sie aus ihrer Haut fahren und nun musste sie auch noch zusehen, wie sie an ihren misslungenen Bericht käme, den er wahrscheinlich gerade in diesem Moment mit seinem typisch jungenhaften Grinsen studierte. Oh, na warte …

„Ich hatte angenommen, Ihren Vater hier anzutreffen“, meinte Richard und riss sie somit aus ihren Gedanken. „Ich wollte ihm seinen Gewinn überreichen.“

„Gewinn?“

„Oh ja. Er fragte mich vor einiger Zeit, was es mit dem Schachspiel auf sich hätte. Ich glaube zu jener Zeit bezeichnete er es noch als `das karierte Brett mit den kleinen Figuren´.“

Alexa musste nun doch tatsächlich lächeln. Sie kannte die Neugier ihres Vaters nur zu gut und erinnerte sich selbst an einige amüsante Momente, in denen eben jene Neugier, gemischt mit Verständnislosigkeit, Unglaube und Überraschung über die menschliche und gesellschaftliche Konventionen der Erde hervortrat. Angefangen von deren teils skurrilen Arbeitsweisen in den Labors und Büros, ungewöhnlichen Essgewohnheiten, bis hin zu den verschiedensten Konzepten von Beziehungen.

Dorian kringelte sich die meiste Zeit vor Lachen, Alexa musste sich mehr als einmal auf die Zunge beißen und auch Elisha musste ein ums andere Mal schmunzeln, während sie ihren Vater und Gatten dabei beobachteten, wie er mit unterschiedlichen Minenspielen zu verstehen und seine Toleranz neu zu schulen versuchte.

„Er wusste zwar, dass es ein Spiel war, das strategisches Können erfordert, aber sonst schien er doch recht … ahnungslos.“

„Bis Sie ihm das Spiel erklärten und sich auf eine Partie eingelassen haben“, gab Alexa schmunzelnd zurück.

„Ja.“

„Ich erinnere mich vage, Ihnen einmal gesagt zu haben, dass der General nicht nur sehr neugierig ist, sondern auch sehr schnell lernt.“

„Besonders wenn er sich einen Vorteil erhofft, hm? Nein, ich wusste auf was ich mich einließ und ich bin ein Mensch, der durchaus verlieren kann. Außerdem gönne ich ihm die Gelegenheit, diesen edlen Tropfen zu genießen. Er kommt heute also nicht ins Büro?

„Nein, der General ist mit einigen Berichten und anderen Unterlagen beschäftigt, die aus der Akademie geborgen wurden. Er möchte sie in aller Ruhe durchgehen, bevor das eine oder andere endgültige Freigabe von ihm bekommt.“

„Verstehe“, gab Richard zurück und versuchte, sich seine Verwunderung über die emotionslose und formelle Betitelung ihres eigenen Vaters nicht anmerken zu lassen. „Würden Sie mir dann bitte den Gefallen tun und ihm diese Flasche Wein mit meinen besten Grüßen und meinem Glückwunsch überreichen?“

~~~///~~~

Schlendernd betrat Alexa das Labor ihres Bruders und fand diesen eifrig tippend an seinem Computer vor.

„Hey Krümel. Was gibt´s?“

„Wie oft habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass du mich nicht Krümel nennen sollst, Momo?“, antwortete Alexa gereizt.

„Wahrscheinlich genauso oft, wie ich dich bat, mich nicht mehr Momo zu nennen. Also … quitt?“

„Nein“, gab Alexa kopfschüttelnd zurück. „Nie im Leben.“

„Tja dann … Ich kann mir auch beim besten Willen nicht vorstellen, dich nicht mehr Krümel zu nennen, also … finden wir uns damit ab.“

Alexa antwortete nicht weiter darauf und ließ ihren Blick durch das Chaos im Labor ihres Bruders schweifen, während sie die Weinflasche gedankenverloren von einer Hand in die nächste rollen ließ.

„Was ist das?“, wollte Dorian wissen.

„Pa´s Gewinn. Woolsey hat mich gebeten, ihm die Flasche zu überreichen. Offenbar hat Pa während eines Schachspiels vergessen zu erwähnen, dass sein taktisches Geschick wirklich nicht von dieser Welt kommt.“

„Er hat ihn also abgezockt?“

„Offensichtlich“, gab Alexa gedankenverloren zurück und Dorian nickte zunächst. Doch dann sah er, dass sie irgendetwas bedrücken musste.

„Hey … alles okay mit dir?“, fragte Dorian besorgt.

„Ja. Nein … ja“, gab Alexa leise stöhnend von sich.

„Also unentschlossen. Wenn du noch Zeit brauchst …“

„Ich habe einen Bericht verlegt. Nein, ich habe nicht verlegt, ich habe ihn … ich habe … Sheppard hat ihn. Wahrscheinlich.“
Dorian runzelte die Stirn und zog die Augenbrauen kraus, als er versuchte aus dem Gestammel seiner Schwester schlau zu werden. „Und ich dachte, ich bin schwer zu verstehen.“

„Ich habe einen miserablen Bericht über Sheppards Leute geschrieben und ich will ihn korrigieren und überarbeiten, aber das kann ich nicht, weil Sheppard ihn schon hat und jetzt macht er sich wohl noch lustig drüber.“

„Aha … Also erstens: Was für ein Bericht genau soll das sein? Und zweitens: Wieso gibst du ihm den Bericht, wenn er noch nicht überarbeitet ist?“

„Ach, du verstehst aber auch gar nichts, was?“, keifte Alexa ihren Bruder an. „Es geht um die Leute unter Sheppards Kommando. Die Leute, die mit uns auf M4S-879 waren und uns bei den Bergungen halfen und immer noch helfen. Sheppard wollte von mir einen Zwischenbericht über ihre Arbeit. Eigentlich wollte Woolsey es. Ich sollte ihn nur Sheppard aushändigen.“

„Ahhh“, meinte Dorian und zog die eine oder andere Grimasse, in der Hoffnung, seine Schwester irgendwie zu einem Lächeln bewegen zu können. Doch es schien eher nach hinten los zu gehen, als sie genervt mit den Augen rollte.

„Wie viel Kaffee hast du heute schon getrunken?“

„Nicht genug, schätze ich“, gab Dorian zurück und wandte sich gänzlich zu seiner Schwester und nahm ihre Hände in die seinen.

„Alexa, wieso hast du ihm den Bericht gegeben, wenn er noch nicht fertig war? Hast du dein Hirn vielleicht in der Kapsel gelassen?“

„Scheint so“, murmelte Alexa. „Ich habe ihm den Bericht nicht gegeben. Nicht wirklich. Ich habe nur .. ich habe mich nicht … ich kann mich in letzter Zeit einfach nicht richtig konzentrieren, okay? Ich fürchte, das wird man dem Bericht auch ansehen.“

„Dazu braucht man keinen Bericht, glaube mir“, gab Dorian zustimmend zurück. „Al, jeder kann sehen, dass dich in letzter Zeit irgendetwas derart beschäftigt, dass es dich aus der Bahn wirft. Und ich kann mir auch vorstellen, was es ist.“

„Kannst du nicht.“

„Oh, ich denke schon. Ich glaube, wir sind jetzt alle an einem Punkt, in dem wir zwangsläufig begreifen, dass sich unser Leben grundlegend ändert. Unsere Freunde und Familie, die wir damals kannten und hatten, sind schon lange nicht mehr. Wir haben Onkel Marsilius verloren, Darius ist auch nicht mehr hier …“

Dorian sah, wie Alexa bei seinem Namen zusammenzuckte. Sie sah weg, entzog sich seinen Händen und kehrte ihm den Rücken, damit er ihr nicht in die Augen sehen und womöglich ihre Gedanken erraten konnte. Doch Alexa wusste, dass ihr Bruder sie nur zu gut kannte.

„… aber manche Dinge ändern sich wohl nie. Du kannst dich mit manchen Dingen einfach nicht abfinden und entwickelst den Drang, in bestimmten Situationen gegen einige deiner Mitmenschen zu kämpfen, hm?“

„Nein … Nein, das tue ich nicht.“

„Wieso sagst du dann, dass Sheppard sich über deinen Bericht lustig macht?“

„Ich kenne ihn doch. Er … er tut es eben.“

„Al, niemand hat auch nur im Geringesten Grund sich über dich lustig zu machen und Sheppard am allerwenigsten. Ich glaube, er kann sich sogar am besten vorstellen, wie unser Leben im Moment sein muss … vor allem deines. Der Mann macht sich eher Sorgen um dich, als das er Witze reißt.“

„Oh ja und wie er das tut! Er ist ja so ein guter Kerl … von wegen. Seine Sorgen sind … das waren keine Sorgen. Er hat sich eingemischt. Einfach so! Was glaubt er eigentlich sich erlauben zu können?“

„Alexa, wovon sprichst du eigentlich?“, wollte Darius wissen, als er beobachtete, wie Alexa offenbar langsam aber sicher in Rage geriet. „Komm schon, rede mit mir.“

„Er hat gesagt, wir würden nur eine Show abziehen! Darius und ich … er meinte, Darius würde ohnehin nicht bei mir bleiben, er würde auf seine Ebene zurückkehren … er würde nur mit mir spielen.“

„Und nun denkst du, dass er, jetzt, wo Darius tatsächlich zurückging, darauf herumreitet und es dir unter die Nase reibt, Recht gehabt zu haben?“

Wenn Dorian nicht ganz genau wüsste, wie sehr es seiner Schwester zu schaffen machte, würde er über diese Absurdität vielleicht schmunzeln, aber sie hatte offenbar schon genug um die Ohren und musste nicht noch gegen ihren eigen Bruder kämpfen und so verkniff sich Dorian krampfhaft, die Miene zu einem Lächeln zu verziehen.

„Du denkst das auch … du denkst auch, dass … dass Darius nur mit mir spielen wollte … hast du gewusst, dass er zurückgehen würde? Was passieren würde? Sag mir die Wahrheit, Dorian.“

„Nein, Alexa. Ich wusste es nicht und ich glaube, er hat auch nicht mit dir gespielt. Ich weiß, dass er dich geliebt hat, glaube mir. Aber er hat aus irgendeinem Grund diese Entscheidung getroffen und wir müssen sie akzeptieren. Ich weiß, dass es für dich besonders schwer sein muss, aber … du darfst deine Wut und deine Enttäuschung über ihn nicht an anderen auslassen. Vor allem nicht an denjenigen, die dir helfen wollen.“

„Ich brauche keine Hilfe … von niemanden. Ich will niemandes Hilfe.“

„Das wäre vielleicht ein Fehler. Al … auch wenn es nicht gerade richtig von Sheppard war, so etwas zu sagen, aber ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass er einen solch miesen Charakter hat und dich weiter damit quält. Tatsächlich glaube ich, dass er vielleicht ganz froh wäre, wenn du ihm diesen Fehltritt verzeihst und ihm ein bisschen freundlicher gegenüber trittst. Ich habe sogar den Eindruck, dass er ganz angetan von dir ist.“

„Oh bitte!“, entfuhr es Alexa mürrisch, doch Dorian musste diesmal wirklich schmunzeln.

„Merkst du das denn nicht selbst? Kannst du das denn nicht erspüren? Du hast doch emphatische Fähigkeiten und du musst doch fühlen, dass er dich offenbar sehr mag … Vielleicht sogar noch mehr als das. Ich glaube, der Mann trägt seine Gefühle gewöhnlich nicht so offen vor sich her … milde ausgedrückt. Aber wenn es um dich geht … kann er sich wahrscheinlich selbst nicht helfen. Jeder Mensch mit Augen im Kopf, kann sehen, wie sehr du ihm den Kopf verdreht hast.“

„Ich richte ihn ihm gerne wieder gerade.“

„Al, der Mann hat definitiv Gefühle für dich.“

„Und die kann er gerne für sich behalten“, gab Alexa brummend zurück und Dorian musste abermals lächeln.

„Weißt du, ich kann´s verstehen. Und er ist bestimmt nicht der einzige“, meinte Dorian, doch Alexa verdrehte wieder die Augen.

„Alexa, ein Mann müsste schon vollkommen … tot sein, um nicht zumindest ein kleines bisschen fasziniert von dir zu sein. Du bist unglaublich schön und intelligent und du hast eine Menge drauf. Das wirkt definitiv anziehend auf Männer. Hast du nie mitbekommen, das Pa nach deiner Ausbildung an der Akademie und deiner Versetzung nach Atlantis alle Hände voll zu tun hatte, die Männer unter deinem eigenen Kommando der Reihe nach abzufertigen oder zurecht zu weisen, wenn sie glaubten, eine Chance bei dir zu haben? Verdammt, selbst ich kam manchmal in Bedrängnis, wenn einer meiner Kollegen glaubte, dich mit seinen Blick schon ausziehen zu können. Mehr als einmal habe ich mir gewünscht, nicht ganz so sehr Pazifist zu sein. Viele wollten dich. Manchen war es durchaus ernst und die anderen wurden Zeuge von Vaters Magie, die Wände beben zu lassen.“

„Vielleicht sollte ich dann Pa bitten, seine Magie wieder einzusetzen … Darius ist der einzige, der … er war der einzige, der mich hätte haben können.“

„Al, es sind vielleicht Jahrtausende vergangen, aber es gibt immer noch Männer da draußen und ich bin sicher, heute oder morgen findest du den einen, der zu dir passt und dich nicht einfach so verlässt.“

„Nein … den gibt es nicht … und ich werde auch nicht nach ihm suchen, Dorian“, meinte Alexa bestimmt und bevor Dorian etwas darauf erwidern konnte, war sie davon gestapft.

„Brauchst du auch nicht, Schwesterchen“, sprach Dorian seufzend. „Er hat dich schon gefunden. Aber alles was du noch brauchst, ist ein bisschen Vernunft.“

~~~///~~~

-Bitte nicht … bitte nicht … bitte nicht-

Wie ein Mantra wiederholte Alexa diese Worte im Geiste, hoffte und betete, weder Sheppard in dessen Büro anzutreffen, noch erfahren zu müssen, dass er ihren haarsträubenden Bericht bereits gelesen hatte, als sie schleichend um die Ecke bog und inne hielt.

Aus dem Raum drangen zwar keine Geräusche nach außen, aber das bedeutete nicht, dass er sich nicht darin aufhielt und ihn einfach zu erspüren, wäre auch keine Option. Er würde sofort wissen, dass sie in der Nähe sei und schon müsste sie sich wieder mit ihm auseinander setzten, was sie eigentlich tunlichst vermeiden wollte. Andererseits, hätte er bereits den Bericht zu Gesicht bekommen, hätte sie schon längst seinen Spott ertragen müssen. Also blieb ihr wohl nur eines übrig.

Alexa schloss kurz die Augen, atmete einmal mehr tief durch und trat erhobenen Hauptes in das Büro, nur um Augenblicke später zu erkennen, dass von Sheppard weit und breit jede Spur fehlte. Ihr fiel ein Stein vom Herzen, doch sie dachte nicht länger darüber nach und steuerte zielstrebig seinen Schreibtisch an, auf dem ein größeres Chaos herrschte, als es für einem Mann mit dem Rang eines Colonels wohl gut war. Wie der Mann es bei diesem Ordnungsinn überhaupt so weit hatte bringen können, war ihr schlichtweg ein Rätsel.

Alexa schüttelte mit dem Kopf und begann den unordentlichen Stapel von Papierkram zu durchforsten. Glücklicherweise brauchte sie nicht lange, bis sie ihren Bericht unter den ersten fünfzehn Missionsberichten, Urlaubsanträgen, Dienstplänen und Personalakten fand.

Sie drehte sich um und blickte sogleich auf eine in ein schwarzes Uniformhemd gehüllte Statur, die mit verschränkten Armen dicht hinter ihr gestanden haben musste.

„Alles gefunden, wonach Sie gesucht haben, Commander?“, fragte John.

Alexa antwortete nicht sofort. Zu tief saß der Schreck über seine plötzliche Anwesenheit. Dann schoss ihr dieser geradezu betörende Duft seines After Shave in die Nase und vernebelte ihre Sinne und diese haselnussfarbenen Augen, die sie aufmerksam musterten … dass sie ihn aber auch weder gehört noch erspürt hatte, verwirrte sie noch zusätzlich. Und entkommen konnte sie ihm auch nicht. John stand so dicht vor ihr und der Schreibtisch drückte sich auch schon gegen ihr Hinterteil –nicht einmal ein weiteres umdrehen war möglich. Verdammt! „Ja … auch wenn es dieses Chaos wohl nicht vermuten lässt“, platzte es endlich aus ihr.

„Entsteht aus dem Chaos denn nicht immer etwas neues?“, fragte John ein wenig herausfordernd und schnappte nach dem Bericht, den Alexa noch immer an ihre Brust drückte. Ehe sie sich versah, hatte Sheppard die Mappe auch schon aufgeschlagen und überflogen und ließ seinen Augenbrauen überrascht nach oben schnellen.

„Geben Sie mir …“, platzte es aus Alexa und so wollte sie ihrerseits nach dem Bericht greifen, als John sich wegdrehte. „Geben Sie mir den Bericht zurück! Das ist … mein Bericht!“

Immer wieder versuchte sie an die Mappe in Sheppards Händen zu gelangen, doch immer wieder konnte er ihr geschickt ausweichen und ließ sie vergebens an ihm herumspringen und zappeln, bis John plötzlich hinter seinem Schreibtisch saß, während Alexa geradezu verloren vor diesem stand.

Alexas Kiefer mahlten und ihre Hände waren zu Fäusten geballt, so dass die Knöchel schon weiß hervortraten. John brauchte nicht aufzusehen, um zu wissen, dass er gerade mit vor Wut funkelten Blicken bedacht wurde. Wenn ihre Augen Blitze abschießen könnten –John wäre schon längst ein Häufchen Asche.

„Warum suchen Sie ihn dann in meinem Büro? In meinem Chaos?“, fragte John, ohne den Blick zu heben.

„Er war noch nicht fertig!“

„Ja, jetzt wo Sie es sagen, fällt es mir auch auf“, erwiderte John schmunzelnd. „Aber das beantwortet nicht meine Frage. Wenn er nicht fertig ist, warum haben Sie ihn dann abgegeben?“

John glaubte schon, die elektrisch geladene Luft um ihn herum förmlich spüren zu können, als Alexa nicht antwortete und stattdessen lieber weiter mit imaginären Blitzen auf ihn schoss.

-Ach, dieses wunderbare lantianische Temperament-, dachte John und wunderte sich einmal mehr über sich selbst. Zu gerne würde er dieses Temperament noch ein wenig mehr hervor kitzeln, aber das wäre wohl keine gute Idee, also entschied er, ihr lieber ein wenig entgegen zukommen, bevor diese Blitze sich realisierten und ihm entgegen kämen. „Ich nehme an, Sie wollen noch einmal drüber gehen und ihn Korrekturlesen“, fügte John hinzu, als er seinen Blick wieder über den Bericht gleiten ließ und sich mit den Ellenbogen auf seinen Schreibtisch stützte.

Für Alexa schien der einzig günstige Moment gekommen zu sein, als sie plötzlich hervor preschte und ihm die Mappe aus den Händen riss.

„Andererseits … finden sich im Chaos die schönsten Kompositionen“, meinte John, als er eine letzte Spitze von sich geben musste.

„Wenn die Früchte Ihrer Arbeit das Chaos ist, dann sollten Sie anfangen, das Chaos zu reformieren, oder lassen Sie sich pensionieren!“, platze es aus ihr.

-Super Alexa! Jetzt hast du es ihm aber gegeben! Das war vielleicht ´ne Antwort!- schallte sie sich selbst und biss sich sogleich auf die Zunge, als sie Johns Grinsen sah.

„Ein chaotisches System ist die höchste Form informeller Ordnung“, erwiderte John, was Alexa nur mit einem verachtendem Prusten quittierte.

Dann machte sie auf dem Absatz kehrt. Sie machte so schwungvoll kehrt, dass sich ihre Haarklammer plötzlich löste und im hohen Bogen zur nächsten Wand flog.

John musste sich schon stark beherrschen, nicht lauthals loszulachen, als sie ihm einen erneuten wütenden Blick zuwarf. Eilig setzte sie sich wieder in Bewegung, versuchte, sich ihre Verlegenheit nicht anmerken zu lassen und bückte sich nach ihrer Haarklammer, nur um dann wieder mit einem verächtlichen Schnauben davon zu stapfen.

John blieb kopfschüttelnd aber lächelnd zurück.

~~~///~~~

Spät in der Nacht

John war nach der stundenlangen Arbeit mit dem Papierkram an seinem Schreibtisch endlich fertig und befand sich auf dem Weg zur Kantine um sich einen kleinen Mitternachtssnack zu gönnen. Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass Mitternacht allerding schon lange vorüber war.

Er erwartete nicht, um diese späte Stunde noch irgendjemanden in der Kantine anzufinden, daher sah er sich auch nicht großartig um und steuerte stattdessen lieber gleich den nächsten Kühlschrank an.

John erinnerte sich an seinen letzten mitternächtlichen Besuch in der Kantine und lächelte in sich hinein. Sein Vater hatte ihn doch tatsächlich im Rollstuhl quer durch die Stadt chauffiert und sich mit ihm verschworen, den Kühlschrank zu plündern. Und am folgenden Tag hatte er arg auf die Zunge beißen müssen, als Lorne ihm berichtete, dass das Küchenpersonal tatsächlich darauf bestünde, eine Art Anzeige zu erstatten -wegen Einbruchs, Vandalismus und Diebstahls.

Auf Lornes Frage hin, ob er denn irgendetwas darüber wüsste, verneinte John, konnte aber sehen, wie Lorne sich jedes weitere Kommentar schmunzelnd verkniff und versprach, sich darum zu kümmern.

Nun, da das Küchenpersonal seine Politik im Bezug auf `späte Kantinenbesucher´ etwas gelockert hatte, wurde es John dieses Mal sogar recht einfach gemacht. Ein paar Fleischbuletten, die vom Mittagsmenü übrig geblieben waren, Gürkchen, ein Schuss Ketschup und ein paar Scheiben Sandwichbrot schienen geradezu auf ihn gewartet zu haben und waren im Nu verputzt. Eine kleine Flasche Wasser sollte alles runterspülen.

John hatte aufgeräumt und verräterische Spuren beseitigt und war bereits auf dem Weg, die Kantine wieder zu verlassen, als er ein kleines Aufstöhnen vernahm. John horchte in die Dunkelheit hinein in der Hoffnung, noch einmal etwas zu hören, aber es blieb still. Erst als er sich darauf konzentrierte, das Licht in der Kantine anzuschalten, konnte er in der hintersten Ecke der Kantine eine Person an einem Tisch sitzend ausmachen, die erneut gequält aufstöhnte.

Im Glauben, dass diese Person vielleicht verletzt wäre oder anderweitig Hilfe bräuchte, durchquerte John die Kantine und ließ seinen Blick dabei flüchtig durch den Raum gleiten. Außer ihnen beiden schien weit und breit niemand zu sein und nichts deutete darauf hin, dass es einen Unfall oder Angriff gegeben haben musste.

„Hey, ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte John, erhielt dann aber nur ein langgezogenes „Mhm“ als Antwort.

-Okay, wohl kein Unfall, kein Verletzter, kein Notfall-, dachte sich John, doch seine Neugier war geweckt und so staunte er nicht schlecht, als er endlich den Tisch erreichte.

Der Person schien es tatsächlich gut zu gehen. Vielleicht etwas zu gut, wenn man bedachte, dass eine halbleere Weinflasche neben ihrem Kopf stand, den sie, zugedeckt mit einer Jacke, auf der Tischplatte zum Ausruhen gebettet hatte.

„Was zum …“, murmelte John, ließ seinen Blick erneut durch die sonst verlassene Kantine schweifen, bevor er wieder auf das Häufchen Elend traf. War da etwa jemand betrunken? Von nur einer halben Flasche Wein? „Hey!“

„Hm?“, lautete die zarte weibliche Stimme und John traute seinen Ohren nicht.

War das etwa Alexas Stimme? Das konnte doch wohl nicht wahr sein! John fluchte leise vor sich her, hoffte und betete, dass er sich irren möge, doch kaum, dass er die Jacke etwas anhob, erkannte er die braunen Strähnen, die der zu schlafen scheinenden Antikerin im Gesicht hingen.

„Das glaube ich jetzt nicht“, fluchte John und ließ den Jackenzipfel wieder fallen. Johns Gedankengänge setzten aus, als er verzweifelt durch seine Haare fuhr und dann sein Gesicht in den Händen verbarg. „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“

„Alexa“, sprach John, als er die Hände in die Hüften stemmte und auf die junge Frau hinab blickte. Doch er bekam keine Antwort. „Alexa!“

„Hm?“

„Was um alles in der Welt tun Sie hier?“, fragte John, obwohl er die Antwort schon längst kannte. Nur glauben konnte er es nicht so recht. Geschweige denn akzeptieren. Was hatte sich die Frau nur dabei gedacht, sich mit Wein zu betrinken?

„Hier? … Wo is hier?“

„In der Kantine!“, antwortete John gereizt.

„Ischbin in der Kantine?“

Während John es bisher noch durchaus genossen hatte, sich mit harmloser und verspielter Fopperei der Antikerin zu nähern und dabei auch gerne ihre gelegentlichen bis regelmäßigen Temperamentsausbrüche in Kauf nahm, ja, sie manchmal sogar geradezu heraus zu kitzeln versuchte, so schien nun eine Grenze überschritten worden zu sein.

John spürte nun auf einmal nicht nur die Erschöpfung des vergangenen Tages an sich zehren, nein, es war auch dieses mehr als unreife Verhalten einer gewissen Antikerin, dass ihm plötzlich den letzten kleinen Rest von Geduld und Verständnis abhandenkommen ließ.

John massierte sich den Nasenrücken, atmete tief durch und versuchte Ruhe zu bewahren.

„Wieso binisch in der Kantine?“, fragte Alexa lallend weiter. „Und wieso kannisch die Kantine nisch sehen? Bin isch blind? Oh nein! … isch bin blind!“

John platzte fast der Kragen, als er nach ihrer Jacke griff und sie mit einem Ruck von ihrem Kopf herunterzog.

Regungslos ließ sie ihren Kopf noch immer auf der Tischplatte ruhen, während sie mit weit aufgerissen Augen ins Leere starrte. Ihre Haare waren zerwühlt und fielen teils in ihr Gesicht und ihre Wangen waren gerötet. „Ahhh“, stöhnte sie, als sie glaubte, wieder sehen zu können. „Isch bin geheilt!“

„Sie sind betrunken“, meinte John knurrend und legte sich die Jacke über seinen Arm.

„Bin isch nischt!“

“Oh, und wie Sie das sind. Sie sollten in Ihr Quartier gehen, bevor noch jemand herausfindet, was Sie sich hier geleistet haben.“

„Geleistet? Wasabe ich geleistet? Warich gutt? … Habich bestandn?“

John atmete einmal mehr tief durch und rieb sich über das Gesicht. „Alexa … Alexa, sehen Sie mich an.“

Träge hob Alexa ihren Kopf und John konnte sehen, dass sie bereits Schwierigkeiten hatte, überhaupt geradeaus zu sehen, doch dann traf sie seinen Blick und schenkte ihm ein faszinierendes Lächeln, das er schon seit Wochen nicht mehr bei ihr sah und so sehr vermisste. „Oh, Hallo Colonel.“

Nicht nur, dass es John fast die Sprache verschlug, nein, auf einen Schlag schienen auch noch Wut und Verärgerung verschwunden zu sein und er fragte sich, ob sie sich ihrer Macht überhaupt bewusst sei, mit diesem verführerischen Lächeln alles und jeden um den Finger wickeln zu können. John schluckte schwer, seufzte und musste dann selbst ein wenig lächeln. „Hi … kommen Sie, ich bringe Sie in ihr Quartier.“

„In mein Quartier?“

„Ja, in Ihr Quartier“, bestätigte John und sah, wie Alexa geradezu in die Höhe schoss und ihn mit großen Augen anblickte.

„Aber Sir! Ich mussch doch wohl …. sehr bittn! Was würde Tante Agatha von mir denken!“

„Was? Tante Agatha? Wer ist Tante Agatha?“

„Was? “

„Wer ist Tante Agatha?“, wiederholte John, ahnte aber bereits die Antwort.

„Woher soll ichndas wissen? Aber sie wäre beschtimmt nischt erfreut drüber, dass … dass Sie mein Quartier betreten wollen“, lallte Alexa und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust, überlegte es sich dann aber anders und tippte John auf die Brust. „Ischbin ne anständige Frau und Sie Sir … Sie sind …“ Aus dem tippen wurde ein tasten. „Wow, sind Sie aber hart.“

John rollte mit den Augen, bevor er diese für einen Moment schloss und abermals tief durchatmete. „Kommen Sie. Wird Zeit, das Sie ins Bett kommen.“

„Aber hallo! Tante Agatha, halt dir die Augen zu!“, entfuhr es Alexa, just bevor sie ganz langsam zur Seite zu kippen begann. John konnte sie gerade noch am Arm packen.

„Hey! Hier geblieben! Schön stehenbleiben.“

„Hoppla“, entfuhr es Alexa und kicherte, als John seinen Arm um ihre Taille schwang und sich mit ihr in Bewegung setzte.

„Los jetzt. Bringen wir Sie nach Hause, bevor Sie noch jemand so zu Gesicht bekommt.“

„Hey, hey, hey! Was solln das heißen? Bin isch nisch hübsch genug?“

„Sehr hübsch … aber auch betrunken und Sie wollen doch nicht, dass Ihr Vater Sie so sieht, oder?“

„Neeiiinnn“, antwortete Alexa und stolperte mehr neben John, als das sie ging. „Das wäre … das wäre nischt gut. Das wäre … ein großes upps. Ein Hoppla … ein mächtiges, böses Hoppla. *Hick*“

John hielt inne und sah zu Alexa, die noch immer unschuldig lächelnd zu ihm aufsah und mehr in seinem Arm hing, als dass sie noch selbst stehen konnte. Hatte sie etwa gerade einen Schluckauf? Der klang ja richtig süß. „Ja, das wäre es“, stimmte John seufzend zu und steuerte den Ausgang der Kantine an. Kaum dass die Türen sich öffneten, blickten beide in das Antlitz von Dorian.

Toll! Das hatte gerade noch gefehlt, seufzte John innerlich. Eigentlich wollte er sich nur mit einer betrunkenen Antikerin mit einem zuckersüßen Schluckauf so schnell wie möglich und vor allem ungesehen durch die Stadt schleichen, und sie ins Bett schaffen, damit sie ihren Rausch ausschlafen konnte. Doch jetzt musste er wohl oder übel Rede und Antwort stehen, denn Alexa wäre dazu kaum noch in der Lage und wenn doch, käme bestimmt nichts vernünftiges aus ihr heraus.

„Ist das jetzt ein mittleres Hoppla oder doch schon ein großes?“, fragte Alexa, als sie unstet zu John sah. „*Hick*“

Dorian hatte nicht lange gebraucht, um die Situation zu verstehen, zumal auch die Weinflache, die John noch in seiner freien Hand hielt, mehr als genug verriet.

„Al, bist du betrunken?“

„Na das hoffe isch doch. Wozu wäre sonst Vaters guter Wein gut gewesen? *Hick*“

„Ich glaube, Ihre Schwester verträgt nicht viel“, meinte John.

„Ich glaube, das wurde auch schon mal erwähnt“, erwiderte Dorian beiläufig und musterte weiterhin seine Schwester, die völlig losgelöst in Johns Arm hing und grinste. „Und Sie lassen auch noch einfach so zu-“

„Hey, hey. Ich habe sie so in der Kantine gefunden, okay? Sie hing da über einem Tisch und war dabei, einzuschlafen. Ich dachte, es ist besser, wenn ich sie in ihr Quartier bringe.“

„Oh … okay. Wie viel hat sie überhaupt getrunken?“

„Nischt genug, schätze isch“, antwortete Alexa, peilte dann mit verengten Augen die Flasche an und entriss sie John um sie wieder an ihre Lippen zu führen.

„Oh, doch. Mehr als genug“, meinte John, als er ihr die Fasche schnell wieder abnahm und nochmal nachguckte. „Nicht ganz die Hälfte.“

„Tss. Das ist schon zu viel. Alexa bekommt schon einen Schwips, wenn sie nur schon Alkohol riecht.“

„*Hick*“

„Oh ihr Mächtigen“, stöhnte Dorian und rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. „Al … was hast du dir nur dabei gedacht?“

„Isch dachte mir … eigentlich weißisch nicht, wasich mir dachte, weil isch gerade nicht richtig daran denken kann, was ich mir vorhin dachte“, antwortete Alexa noch immer lallend und sah wieder zu John. „Vielleicht dachte ich auch, dassisch mir nicht denken muss, dass ich mir jetzt doch etwas denken solle …Oder?“

„Ganz bestimmt“, stimmte John augenrollend zu.

„Al, ist dir eigentlich klar, was passiert wenn Pa dich so sieht?“, platze es abermals aus Dorian.

„Ohhh ja. *Hick* Nein … oder vielleischt doch. Oh ich weiß es! Ich weiß es! Dann passchiert ein mächtig böses Hoppla. *Hick*“, brachte Alexa grinsend hervor.

„Ein Hoppla? Ein Hoppla?! Soll das ein Witz sein? Pa wird ausrasten! Zuerst werden Wände beben, dann werden Köpfe werden rollen –zuerst meiner, denn ich bin dein großer Bruder“, erklärte Dorian verärgert und sah dann zu John. „Dann seiner, weil er dich auch noch deckt … wir sind tote Männer und du … tja, Pa wird dich in die Brig befördern. Da kannst du dann deinen Rausch ausschlafen, bevor wieder die Wände beben werden und was danach geschieht … tss, ich schätze, ich sollte mich wohl glücklich schätzen, dass ich das dann nicht mehr mitkriegen werde.“

„In der Brig? Aber isch will nischt in die Brig. Da gibts keine Kissen und keine Decken und alles ist hart. Da is alles genauso hart wie Sheppard hier“, gab Alexa in einem weinerlichen Ton zurück und tippte und tätschelte wieder an Johns Brust. „*Hick*. Fühl mal, wie hart der ist!“

Verdattert sah Dorian wieder zu John, doch der konnte nur mit den Augen rollen und den Kopf schütteln.

„Mann, Mann, Mann … was mache ich nur mit dir?“, stöhnte Dorian verzweifelt.

„Lieb haben, Momo. Du bist der Bruder von deiner kleinen Schwester und isch … isch bin die Schwester von dem großem Bruder mit der kleinen Schwester und du musst … du musst … wo war ich? Was habe isch gesagt?“

„Also, wenn Sie wollen, dass niemand Ihre Schwester so sieht und dass das niemals ans Licht kommt, sollten Sie mir helfen, sie endlich in ihr Quartier zu bringen“, schlug John vor, der allmählich eine leichte Anstrengung verspürte, Alexa die ganze Zeit zu stützen.

„Oh Tante Agatha! … Jetzt guckst aber, was? Gleich zwei Männer in meinem Quartier! Huiii! *Hick*“

„Tante Agatha?“, fragte Dorian perplex an John gerichtet, während er sich daran machte, seine Schwester von der anderen Seite zu stützen.

„Fragen Sie nicht.“

Mit Alexa mittig im Schlepptau machten sich die beiden Männer auf den Weg zum nächsten Transporter. Zwar war dies kein allzu langer Weg, aber wenn man mit einer betrunkenen Antikerin, die gerade ein Hoch durch Alkohol in ihrer Stimmung verzeichnete, unterwegs war, konnte sich selbst ein noch so kurzer Weg in eine wahre Tortur verwandeln.

„Jungs … Jungs, isch muss euch wirklich mal loben“, säuselte Alexa.

„Jetzt kommt´s“, stöhnte John vorausahnend.

„Ihr könnt mich ja wirklich ganz doll … abschleppen … *Hick*, aber könntet ihr misch bidde zur nächsten Toilette schleppen?“

„Wir bringen dich in dein Quartier, das nicht mehr weit von hier ist“, antwortete Dorian, der sich wie John mit seiner Schwester abmühte. „Bis dahin wirst du es ja wohl noch schaffen.“

„Glaubisch nisch … und isch glaub auchnisch, dass eure Klamotten solang durschhalten“, gab Alexa zurück. „*Hick* Mir is nämlich grad nich so gut.“

„Oh wunderbar … habe mich schon gefragt, wie lange es dauern würde“, meinte Dorian, wobei John nur stumm zustimmen konnte.

Es war pures Glück der drei, es bis zum nächsten Balkon geschafft zu haben, an dem Alexa nun über die Reling gebeugt nicht mehr ganz so zuckersüße Geräusche von sich gab. Nachdem Dorian und John sich davon überzeugt hatten, dass sie nicht einfach so über das Geländer kippen würde, zogen sie sich ein wenig zurück.

Eine Weile hatten die beiden Männer unfreiwillig dem Geschehen gelauscht, bis Dorian sich an John wandte. „Was hat sie eigentlich schon so vom Stapel gelassen? Sie hat sich doch benommen, hoffe ich.“

„Mh … nichts allzu Schlimmes. Sie sprach von Upps und Hopplas und von einer Tante Agatha … So´n Zeug eben.“

„Es gibt keine Tante Agatha in unserer Familie … es gab überhaupt niemals eine Tante Agatha, wenn ich mich recht erinnere“, antwortete Dorian.

„Ja, das dachte ich mir auch schon.“

Dorian nickte zunächst, schüttelte dann aber mit dem Kopf. „Tut mir leid, Colonel. Es tut mir leid, dass Sie dieses Bild von meiner Schwester … zu sehen bekommen.“

„Nicht Ihre Schuld“, gab John zurück, als er sich ihm zuwandte.

„Sie … sie macht ´ne schwere Zeit durch und … normalerweise ist sie nicht so. Sie hatte niemals Probleme mit Alkohol. Hauptsächlich deswegen, weil sie ihn kaum angerührt hat. Aber jetzt … ich kann nicht verstehen, dass sie sich derart gehen lässt. Eigentlich ist sie … ja, eigentlich ist sie eine Kämpferin.“

„Das können Sie laut sagen“, gab John zurück, als er sich an die vielen Augenblicke der jüngsten Vergangenheit erinnerte. Vor allem an die Blicke und Spitzen, die sie ihm den ganzen vergangenen Tag entgegen geschleudert hatte, das kleine Intermezzo in seinem Büro und viele andere Begebenheiten, in denen er Zeuge ihrer Kampfeslust wurde.

Dennoch bevorzugte John es, diese Kampfeslust lieber als Temperament zu bezeichnen, waren es doch eben jene temperamentvolle Frauen, die anziehend auf ihn wirkten, auch wenn er es wohl kaum zugeben würde. Alexa hatte es ihm dabei allerdings ganz besonders angetan.

John rätselte noch immer über darüber, warum und wie es ihn derart erwischt haben konnte. Natürlich waren die vielen offensichtlichen Gründe, wie ihre Schönheit, ihre Natürlichkeit, Intelligenz, die vielen Gemeinsamkeiten und die einfache Sympathie zwischen ihnen –wenn sie ihn ausnahmsweise mal nicht gerade mit wütenden Blicken und Verwünschungen bedachte, verstanden sie sich doch recht gut.

Aber da war auch diese merkwürdige Verbindung, die er zu ihr hatte und die weit über Freundschaft oder gar Liebe hinaus ging und ihn immer mehr zu ihr zog. Eine Verbindung, die ihm gleichermaßen Ruhe und Gelassenheit, Friede und Ausgeglichenheit sowie Aufmerksamkeit und Stärke verlieh, ihn aber auch nervös, rastlos und unruhig werden ließ, wenn Alexa Ärger oder Unheil drohte. Und trotz allem vertraute John dieser Verbindung, denn sie sagte ihm, ja, schürte gar die Gewissheit in ihm: Diese eine Frau ist die deine und nur die deine.

Gedankenverloren blickte John wieder zur Reling und fand schneller ins Hier und Jetzt zurück, als ihm wohl lieb war. Denn von Alexa fehlte plötzlich jede Spur. Sie konnte sich unmöglich an den beiden vorbei geschlichen haben, dass hätten sie bemerkt und sonst gab es auch keinen weiteren Weg von dem Balkon, außer …

„Alexa?“

„Oh Scheiße!“, entfuhr es Dorian, als er Johns Blick gefolgt war und die Situation begriffen hatte.

John und Dorian stürzten zur Reling, rechneten schon damit, dem Kontrollraum Meldung zu machen und die Sensoren auf Hochtouren laufen zu lassen und die Such- und Rettungsteams aus den Federn schmeißen zu müssen, damit diese die junge Frau aus den Wellen des eisigkalten Ozeans fischen konnten. Ganz zu schweigen davon, dem General und Woolsey eine plausible Erklärung präsentieren zu müssen, was eine betrunkene Antikerin mitten in der Nacht im Meer zu suchen hätte.

Doch da lag sie. Nicht ganz zwei Meter neben dem ursprünglichen Ort, an dem sie gestanden hatte, lag Alexa zusammengerollt auf einem gerade mal einem Meter langem und fünfzig Zentimeter breitem Vorsprung hinter der Reling und schlummerte friedlich.
John hätte aus der Haut fahren können, so schnell wallte die Wut wieder in ihm auf. Wenn er nur schon daran dachte, dass es nur eine winzig kleine Regung von Alexa brauchte, um einige Meter tief ins kalte Wasser zu stürzen …

„Verflucht noch mal!“, entfuhr es John, kaum dass er sich daran machte, über die Reling zu klettern und sich vorsichtig auf den Vorsprung zu begeben. Viel Platz hatte er nicht und so war auch sein Stand nicht gerade der sicherste und doch schaffte er es, Alexa auf seine Arme zu hieven und mit Dorians Hilfe wieder über das Geländer zurück auf den sicheren Boden des Balkons zu befördern.

„Hey Jungs! Habt ihr auchn bisschen Lust zu schwimmen?“

„Schwimmen?! Du wärst fast im Meer gelandet! Alexa, verdammt noch mal!“, platzte es aus Dorian, der seine Schwester in Arm hielt und beinahe schüttelte.

Alexa hingegen grinste ihren Bruder gut gelaunt an, bevor sie ihm um den Hals fiel.

„Ach Momo, isch will doch nur ein bisschen schwimmen. Wir sind doch immer gerne schwimmen gegangen. *Hick* Oder kannst du jetzt nicht mehr schwimmen? Ich frage Pa, er kanns dir wieder beibringen. *Hick*“

„Und willst du Pa gleich fragen? Bin gespannt, wie du ihm dann deinen Zustand erklären willst“, entfuhr es Dorian, der alle Hände voll zu tun hatte, seine schwankende Schwester zu halten.

„Zustand? Ich bin in einem Zustand?“

„Du bist blau“, antwortete Dorian und John musste abermals staunen, wie schnell sich der Antiker an die Erdensprache gewöhnt hatte.

„Dasis ne Farbe. Eine sehr schöne … Farbe … *Hick*“

„Und im Moment ist es auch dein Zustand.“

„Oh … okay … Hoppla … *Hick*“

„Ja … Hoppla. Los jetzt. Sehen wir zu, dass du ins Bett kommst“, erwiderte Dorian, als John wieder zurück geklettert war und wieder seine Position an Alexas Seite eingenommen hatte.

„Aber isch will doch so gerne schwimmen.“

„Das Schwimmen ist verschoben. Sonst passiert noch etwas und aus Ihrem Zustand könnte schnell doch noch Ihre Farbe werden“, pflichtete John dem Antiker bei und machte sich mit ihm wieder auf den Weg, Alexa zu ihrem Quartier zu bringen.

„Andererseits könnte das kalte Wasser vielleicht helfen, dass sie wieder zu sich kommt“, ächzte Dorian, der mit John seine Schwester eiligst zum nächsten Transporter schleppte.

„Wenn es unbedingt nötig ist, stellen wir sie in ihrem Quartier unter die Dusche. Aber nachts will ich sie nur ungern im Meer schwimmen lassen“, erwiderte John und registrierte gleich darauf Dorians Gesichtsausdruck. „Was ist?“

„Nichts, nichts“, gab Dorian zurück und fragte sich, wie verwundert sein Gesichtsausdruck wohl gewesen sein musste. In Sheppards Tonalge lag neben Besorgtheit und Fürsorge nämlich auch ein Quäntchen Besitzergreifung. Eine Eigenschaft, die sich bei Sheppard offenbar recht schnell entwickelte. Vielleicht sollte er dieses weitere Anzeichen seiner Verwandlung seinen Eltern berichten. „Wo … Wo ist die Flasche?“, fragte Dorian schnell weiter.

„Ich dachte, Sie hätten sie.“

„Und ich dachte dasselbe von Ihnen. Wir sollten sie finden, bevor es jemand anderer tut und Fragen gestellt werden … oder Schlimmeres geschieht.“

John hielt inne und blickte irritiert zu dem Antiker.

„Sie haben unseren Vater noch nicht brüllen hören, oder?“, erwiderte Dorian, der daraufhin nur mit den Achseln zucken und grinsen konnte. „Was soll ich denn machen? Sie ist meine kleine Schwester und außerdem will ich selbst auch heil aus dieser Sache kommen … und Sie doch auch, oder?“

„Na schön“, gab John zurück und bugsierte Alexa gänzlich in die Arme ihres Bruders. „Sie muss noch auf dem Balkon sein. Ich hole sie. Bin gleich wieder da.“

Es waren nur einige Meter, die John zurückzulegen hatte und auch die Suche nach der Flasche dauerte nicht lange. Auch wenn er abermals über die Reling klettern und sie vom Vorsprung fischen musste. Aber ihm schwante Übles, als Dorian ungeduldig, ja, fast aufgeregt vor dem Transporter wartete, während von Alexa wieder einmal jede Spur fehlte.

„Was ist … wo ist sie?“

„Entwischt“, antwortete Dorian entnervt.

„Wie bitte? Wie konnte das denn passieren?“

„Ich habe sie in den Transporter geschafft, sie rutschte zu Boden und ich dachte, sie döst wieder vor sich hin. Ich drehte mich kurz um und schon gingen die Türen zu und weg war sie. Es war wirklich nur ganz kurz!“

„Ihre Schwester hat wohl Stealth- Fähigkeiten“, entfuhr es John, wobei Dorian nur mit entnervtem Mienenspiel zustimmen konnte.

„Also … wo könnte sie jetzt sein?“

„Soll das ein Witz sein? In dieser Stadt … mit Transportern … und bei ihrem Suff … Alexa ist so dicht … voll bis zur obersten Turmspitze. Sie könnte überall sein.“

„Und sonst was anstellen“, pflichtete John bei, doch dann kam ihm plötzlich ein Verdacht.

Und er war nicht der Einzige, denn Dorian schien seinem Gedankengang gefolgt zu sein, als ihre Blicke sich trafen.

„Die Schwimmhalle!“, entfuhr es den beiden unisono und schon stürzten sie in den Transporter.

~~~///~~~

Alexa stand bereits bis zu den Knien im Wasser, als die Stimmen von John und Dorian an den Wänden der Schwimmhalle widerhallten.

„Alexa!“

„Al … bist du jetzt völlig übergeschnappt?“

„Momo! Komm auch rein. Das Wasser ist herrlich“, entfuhr es Alexa. „*Hick*“

„Aber doch nicht mitten in der Nacht! … Und schon gar nicht mitsamt deiner Uniform! Alexa …“

„Oh“, seufzte die junge Frau und sah träge an sich herab. „Hoppla!“

Ein Grinsen legte sich über ihre Lippen und den beiden Männern war sofort klar, dass dies nichts Gutes zu bedeuten hatte. Alexa machte kurzen Prozess, als sie sich achselzuckend ihres Uniformoberteils entledigte und nur noch im BH und Hose im Wasser stand. „Ja! Hast recht, Momo. Das ist viel besser! *Hick*“

Eigentlich sollte er sich umdrehen oder sich zumindest die Augen zuhalten, doch John konnte zunächst nur mit den großen Augen der Szenerie folgen, bevor er sich entnervt über das Gesicht rieb und seien Hände dann in die Hüften stemmte. Das konnte doch alles nicht wahr sein.

„Al, was machst du denn? Was soll das? … Komm raus aus dem Wasser!“, bat Dorian nicht minder genervt.

„Komm du rein!“

„Al …“

„Momo …“

„Alexa …“

„Dorian …“

„Al, ich meines es ernst! Komm jetzt da raus.“

„Momo, ich auch. Komm du rein.“

„Jetzt reicht es mir“, entfuhr es John und machte dem scheinbar ewig andauernden Hin und Her ein Ende. Im Nu entledigte er sich seines Hemdes und seiner Waffe und drückte sie dem Antiker in die Hand, der sie jedoch nur missbilligend ansah und zur nächsten Sitzbank zur Seite legte. Dann hatte John auch die Stiefel abgestreift und stapfte eine Stufe nach der anderen ins Wasser hinab.

„Oh … Hallo Colonel. Wollen Sie auch ´ne Runde schwimmen?“

„Nein, hatte ich eigentlich nicht vor. Ich will Sie hier rausholen und endlich in Ihr Quartier bringen.“

„*Hick*Oh-oh … ich glaube, daraus wird aber nichts … *Hick*“

„Und wieso nicht?“

Wieder grinste Alexa, und ehe John sich versah, ließ sie sich rückwärts ins Wasser fallen und war schneller außer Reichweite, als es dem Colonel lieb war. „Weil Sie mich ersmal kriegen … müssen!“

John fluchte und bedauerte, dass das Wasser angenehm warm war. So würde es ihrem Promillegehalt eher noch weiter zusetzen, während eisig kaltes Wasser sie eher wieder ein bisschen wacher und munterer machen würde. Aber das ließe sich bestimmt noch nachholen. Doch dazu musste er sie erst einmal aus dem Wasser bekommen.

Es brauchte nur wenige Züge und John hatte sie eingeholt. Dank ihres Rausches war es auch kaum ein Problem mit ihrer Gegenwehr fertig zu werden. Mühelos warf er sie über seine Schulter, als er wieder Grund unter den Füßen spürte und mit ihr aus dem Becken watete. Auch die Flüche, Beschimpfungen und Verwünschungen ignorierte John tapfer, was wohl daran lag, dass über die Hälfte davon auf lantianisch war und er sie somit ohnehin kaum verstand und das Übrige nahm er nicht ernst. Zumindest in diesem Moment.

Nun stand sie zitternd und bibbernd bei ihrem Bruder, während John sich das Wasser eher schlecht als recht aus der Kleidung klopfte und drückte und wieder in seine Stiefel schlüpfte.

„Aber ich wollte doch nur ein bisschen schwimmen“, erklärte Alexa weinerlich, doch weder bei ihrem Bruder noch beim Colonel schien diese Beschwerde anzukommen.

John half Dorian, sie in sein trockenes Hemd zu wickeln und bemühte sich, nicht auf ihr verführerisches und halb nacktes Dekolleté zu achten. Von dem durchnässten Büstenhalter, der mittlerweile mehr zeigte als verbarg, ganz zu schweigen.

Dann hatten Dorian und John die bibbernde Alexa wieder in ihre Mitte genommen und dieses Mal schien es kein Entkommen für sie zu geben, als sie aus der Halle traten.

~~~///~~~

„Ich frage mich nur, wo sie den Wein her hat“, meinte John leise, als er und Dorian die halb weggetretene Frau in ihr Quartier schleiften.

„Das kann nur Vaters Gewinn sein“, antwortete Dorian und half John dabei, Alexa auf das Bett zu setzen. Kaum erledigt, fiel diese benommen zurück.

„Gewinn?“, hakte John nach.

Alexa hingegen richtete sich ruckartig wieder auf. „Will schwimmen! *Hick*“

„Leg dich wieder hin“, gab Dorian zurück und verabreichte seiner Schwester einen sanften Schubs auf die Schulter. Mehr brauchte es auch nicht und sie fiel wieder zurück auf das Bett. Dann machte er sich mit John daran, ihr die Stiefel auszuziehen. „Ja, Al kam am Heute … gestern in mein Labor und meinte auf meine Frage hin, dass Pa diese Flasche bei einem Schachspiel gegen Mister Woolsey gewonnen hätte.“

„Tja, das wird ein Problem.“

„Schwimmen! … *Hick*“

„Hinlegen!“, kam es diesmal von John, der sich ebenfalls eines kleinen Schubses bediente.

„Ja, das denke ich auch. Ich kann mir vorstellen, wie unser Vater darauf reagieren wird und ich freue mich wirklich nicht auf das Gebrüll. Aber ich habe keine Ahnung, was Mister Woolsey davon hält.“

„Nun, der wird auch nicht gerade begeistert sein.“

„Mh … ist schon komisch. Auf meiner einen Schulter sitzt da ein kleines böses Männchen, dass mir sagt, morgen nicht von ihrer Seite zu weichen, damit ich zusehen kann, wie sie zuerst vor Pa herumdruckst und dann von ihm höchstpersönlich in die Brig befördert wird.“

„Ja, das hat was.“

„*Hick*“

„Und auf meiner anderen Schulter ist ein gutes Männchen, das mich daran erinnert, dass sie doch meine kleine Schwester ist und ich Verständnis haben und ihr helfen sollte und so weiter und sofort … „

„Ja …“, seufzte John antwortend und betrachtete die halb leere Flasche gedankenverloren.

„Schwimmen!“

„Liegenbleiben!“, gaben die beiden Männer unisono zurück und Alexa wurde abermals zurück aufs Bett befördert.

„Okay … Problem Nummer eins: Die halb leere Flasche“, meinte Dorian und nahm John eben jene Flasche ab. „Ich denke nicht, dass der Versorgungsoffizier mir gleich in Allerfrühe mit einer neuen aushelfen kann.“

„Nein, das denke ich auch nicht. Das ist ein Châteauneuf-du-Pape und der ist auch nicht gerade billig. So etwas hat er erfahrungsgemäß nicht auf Lager“, antwortete John.

„Und so etwas von der Erde zu ordern …“

„Dauert zu lange und würde auch auffallen“, schlussfolgerte John weiter.

„Natürlich … tja, Schwesterchen“, begann Dorian und sah zu Alexa, die dich lächelnd auf dem Bett räkelte. „Sieht so aus, als ob du mit dieser Aktion nun doch einen exklusiven VIP-Luxus-Aufenthalt in unserer 4-Sterne Brig gebucht hättest. Genieße die Kissen und Decken, solange du noch kannst.“

„Aber erst … willisch noch´n bisschen schwimmen“, säuselte Alexa und richtete sich mühevoll auf, nur um dann wieder mit einem beiläufigem Schubs der beiden Männer abermals in die horizontale gebracht zu werden. „*Hick*“

„Na, ich weiß nicht“, seufzte John abermals und sah mit geradezu undefinierbarem Blick zur Antikerin, die leise vor sich hin schmatzte und grinste. „Ich glaube, der Kater sollte genug Strafe sein.“

„Was haben Sie vor?“, wollte Dorian wissen, kaum dass John das Quartier verlassen wollte.

„Etwas besorgen. Passen Sie so lange auf sie auf. Nicht, dass sie wieder entwischt.“

„Ich will nisch wischen … ich will schwimmen! … *Hick*“

John atmete tief durch und schüttelte ein letztes Mal mit dem Kopf, bevor er sich auf den Weg machte.

~~~///~~~

Wenn Patrick eines hasste, dann war es mitten in der Nacht aus dem Bett geworfen zu werden. Der Türsummer bimmelte erbarmungslos und Carol fluchte auch schon murmelnd vor sich her, als er sich aus ihren Armen befreite und wütend aus dem Bett kroch.

Schlurfend erreichte er die Tür und blickte sogleich in das bedrückt wirkende Antlitz seines ältesten Sohnes. „Ich hoffe, es ist wichtig.“

„Dad … Ich brauche deine Hilfe.“

„Das klingt weder wichtig, noch ist es was neues.“

„Hast du einen Châteauneuf-du-Pape?“

„Was?“

„Dad bitte, es ist wichtig.“

„John, sag mal, weißt du eigentlich, wie spät es ist?“

„Ja, ich weiß und glaube mir, es ist wirklich wichtig.“

„Ein Châteauneuf-du-Pape mitten in der Nacht soll wichtig sein? John … kann das nicht bis morgen früh warten?“

„Vermutlich nicht. Dad …“

„Mir scheint, als bräuchtest du eher ein Handtuch“, erwiderte Patrick, als er an John hinab guckte und die Pfütze bemerkte, die sich am Boden bildete. „… und einen Wischmopp. Was hast du jetzt wieder angestellt?“

„Ich? Wieso ich? Ich habe gar nichts angestellt. Ich brauche ihn für … ich brauche ihn einfach. Dad, bitte, ich … ich erkläre es dir morgen, okay?“

Patrick seufzte, schloss die Augen und schüttelte mit dem Kopf, während er ins Wohnzimmer trottete und im Halbdunkeln nach dem gewünschten Wein suchte. „Auf die Erklärung bin ich ja mal gespannt.“

Erleichtert nahm John die Flasche entgegen und atmete auf. „Danke Dad. Du bist ein Lebensretter … hoffe ich. Ach übrigens, ich war nie hier und du hast mir niemals diese Flasche gegeben“, erklärte John schnell und eilte aus dem Quartier.

Patrick blinzelte perplex. „Ich glaube, ich verzichte dann doch lieber auf diese Erklärung.“

~~~///~~~

Dorian glaubte, sich am Rande eines Nervenzusammenbruchs zu befinden. Alexa davon zu überzeugen, endlich aus der nassen Kleidung in wohlig trockene zu schlüpfen, stellte sich als schlichtweg unmöglich heraus und nun war sie partout nicht daran interessiert, in ihrem Quartier zu bleiben.

Dorian hatte nach dem siebten Fluchtversuch seiner Schwester aufgehört zu zählen und sowohl eine gewisse Routine als auch eine bequeme Position in einem Sessel neben ihrem Bett gefunden, von dem aus er sie mit nur einem lässigen Handgriff und ohne größere Anstrengung wieder aufs Bett zurück katapultieren konnte.

Während Alexa offenbar Spaß daran zu finden schien und albern vor sich hin kicherte, spürte Dorian, wie die Müdigkeit an ihm zehrte.

„Al … verdammt noch mal! Bleib doch bitte endlich liegen und schlaf!“, entfuhr es dem Antiker, als er seine Schwester zum x-ten Mal zum Bett beförderte.

Alexa setzte sich wieder auf und grinste ihren Bruder neckisch an. „Ich habe Hunger!“

„Oh Mann! … Al … ich kann nicht mehr“, murmelte Dorian erschöpft.

„Is nisch schlimm, kleiner Bruder. Isch kann auch ohne dich was essen gehen. *Hick*“, platzte es aus Alexa und schaffte es diesmal tatsächlich, ihren Bruder zu überlisten, und an ihm vorbei zu hechten.

Dorians Griff ging ins Leere und er plumpste fluchend vom Sessel. „Hey!“ Er eilte sich noch, seine Schwester wieder einzuholen, doch sie hatte bereits die Tür geöffnet und prallte sogleich gegen John.

Dieser hingegen reagierte schnell und ergriff sie. Mit großen Augen sah sie zu ihm auf.

„*Hick* … Hoppla …“

„Wohin denn so eilig?“

„Essen …“, gab Alexa leise aber trotzig zurück. „Und dann vielleischt ne Runde schwimmen … *Hick* … aber ohne Sie! Sie können einem wirklich allen Spaß … verderben. Sie … Sie … *Hick*“

Hatte John bisher selbst noch ein kleines bisschen Verständnis, vielleicht sogar Nachsicht gezeigt, so schienen ihm diese mitsamt seiner Geduld plötzlich abhandengekommen zu sein.

Ja, er gab sich schon selbst zum Teil die Schuld an ihrem Zustand. Er hätte einfach den Mund halten sollen, als sie in ihrem Glück mit Darius schwelgte. Es war eigentlich schon von vorneherein klar, dass die Sache nicht lange gut gehen würde und ja, er sollte auch ihre Temperamentsausbrüche nicht immer herausfordern. Er sollte sich einfach nur ein wenig mehr zurückhalten und den Dingen ihren Lauf lassen.

Aber nun ging es einfach zu weit. Ihr unreifes und kindisches Verhalten hätte er noch kopfschüttelnd toleriert und er war auch bereit, sie schnell und klammheimlich in ihr Quartier zu bringen, als er sie in diesem Zustand vorfand. Dann hatte sie sich in Gefahr gebracht, als sie beinahe ins Meer stürzte, und hatte sie dann auch noch aus dem Schwimmbecken fischen müssen, während sie ihm die übelsten Flüche, Beleidigungen und Verwünschungen an den Kopf knallte, die ihr in ihrem Zustand wohl einfielen. Selbst nachdem John nun auch noch seinen Vater mitten in der Nacht wegen einer Flasche Wein aus dem Bett warf, war er immer noch bereit, seinen Ärger zu unterdrücken und einfach alles wieder zu vergessen.

Doch sie schien nicht aufgeben zu wollen. Sollte das etwa ihr berüchtigter lantianischer Kampfgeist sein, indem sie ihm wieder sonst was an den Kopf knallte? Nein, jetzt reichte es ihm endgültig. Was zu viel war, war zu viel.

„Sie wollen unbedingt ins Wasser? Na schön …“

John packte sie nicht gerade sanft am Arm und zog sie mit sich ins Badezimmer, während er die neue Flasche Wein auf einer Kommode an der Seite abstellte. Er war so schnell und rigoros unterwegs, das Alexa mehr hinter ihm her stolperte und auch Dorian musste sich umsehen, als er dem Colonel folgte.

Er selbst spielte schon mit dem Gedanken, diese kleine Schocktherapie bei seiner Schwester anzuwenden, damit sie wieder zu sich käme. Zumindest so weit, dass sie endlich ohne weitere Anstalten ins Bett ging und ihren Rausch ausschlafen konnte. Doch ihm erschien diese Maßnahme doch ein bisschen zu harsch.

Andererseits konnte er den Colonel aber auch verstehen. Immerhin war er nur ein Außenstehender, der eher unfreiwillig in die Aktionen seiner Schwester hineingezogen wurde. Auch wenn er mittlerweile davon überzeugt war, dass mehr hinter seinem Verhalten steckte. Aber jeder Mann hatte schließlich seine Grenzen, die Alexa mit ihrem Verhalten und ihren Worten mehr als überschritten hatte.

Mit einem einzigen Gedanken hatte John die Dusche angeworfen, kümmerte sich aber so gar nicht um eine angenehme Wassertemperatur, als er sie mühelos unter den eisig kalten Schauer schob.

„Ahhh!“

Alexa verkrampfte sich sofort, keuchte, japste, schnaubte und schnappte nach Luft und versuchte immer wieder, sich aus Johns eisernem Griff und der kalten Folter zu befreien, die auf sie niederrieselte.

Doch John blieb erbarmungslos und dank des nicht gerade niedrigen Promillegehaltes und ihrer Müdigkeit und nicht zuletzt dem Schreck war es ein leichtes, sie an Ort und Stelle zu halten. Dass er dabei selbst wieder nass wurde, ignorierte er geflissentlich.

„Ich weiß, es tut nicht gut … aber Sie lassen mir keine Wahl. Sie hätten gleich hören und ins Bett gehen sollen …“
Alexa zitterte, bibberte und rang nach Luft, als sie glaubte, ihr bliebe die Luft zum atmen weg, und selbst wenn sie atmen konnte, war es so kalt, dass es schon fast weh tat und sie zum husten brachte.

„Sie … Sie verdammter …“

„Ja ja … ist schon klar.“

„Grobian …“

„Oh, mal was Neues … dachte schon, Ihnen seien die Beleidigungen ausgegangen … aber früher oder später sind Sie mir vermutlich dankbar dafür“, meinte John und wartete noch einig Sekunden, bis Alexas Gegenwehr nachließ und sie vollkommen erschöpft und entkräftet in die Knie zu gehen drohte.

John ließ sie vorsichtig zu Boden sinken, wo sie sich sofort in die Ecke der Dusche verkroch und ihre Arme um sich schlang. Das Wasser hatte er auch wieder ausgestellt und nun hörte er bereits das Klappern ihrer Zähne und das leise Wimmern und schniefen.

Ach verdammt! Das war wahrscheinlich eine ebenso bescheidene Idee gewesen, wie ihr seine Meinung zu Darius zu sagen oder ihr Temperament zu kitzeln. Das würde sie ihm vermutlich niemals verzeihen, und wenn seine Eltern erst davon erführen … seine Mutter würde ihm einen psychologischen Vortrag halten, der sich gewaschen hätte und von seinem Vater würde er die nächsten Wochen eine Kopfnuss nach der anderen kassieren.

Alexa aber … nun würde sie wohl niemals mehr etwas von ihm wissen wollen und er hätte keine Chance mehr bei ihr. Andererseits … im Vergleich zu ihren Handlungen und Worte der vergangenen Stunden … sie sollte froh sein, wenn diese Geschehnisse niemals ans Tageslicht kämen.

John griff nach einem Handtuch und wischte sich über Gesicht und Arme. „Wissen Sie, Alexa … es ist eine Sache, Probleme zu haben oder traurig oder wütend oder enttäuscht zu sein. Mich zu bekämpfen … warum auch immer, ist auch kein Problem für mich. Aber seinen Kummer in Alkohol ertränken zu wollen … haben Sie nicht denn nicht gewusst, dass Probleme und Kummer wirklich gute Schwimmer sind?“

John warf das Handtuch wieder in die nächstbeste Ecke, als sein Blick über die stark frierende und leise weinende Antikerin glitt, und wandte sich dann an Dorian, der selbst offenbar mit dem gerade geschehenen zu kämpfen hatte.

„Draußen auf der Kommode steht eine neue Flasche Wein. Was sie ihrem Vater sagen wird, überlasse ich ihr“, meinte John und stapfte nach einem weiteren Blick zu Alexa aus dem Bad.

„Colonel!“, rief Dorian noch einmal und folgte ihm einige Schritte. „Ich … ich weiß einfach nicht, was sie sich dabei gedacht hat. Es tut mir leid. Ich-“

„Ich denke nicht, dass Sie jetzt noch Probleme mit ihr haben werden. Trocknen Sie sie ab, geben Sie ihr warme und trockene Sachen und verfrachteten Sie sie ins Bett. Mit ein bisschen Glück weiß Sie morgen von alle dem nichts mehr und wir können alle weiter machen.“

„Und Sie?“, fragte Dorian und John wusste sofort, was gemeint war.

„Alles okay … sie war betrunken … war zwar nicht schön, aber so was passiert.“

Und damit war John verschwunden.

~~~///~~~

John war stinksauer, als er sein Quartier betrat und zielstrebig das Badezimmer betrat. Im Nu hatte er sich aus der nassen Uniform geschält und sich selbst eine kurze aber heiße Dusche gegönnt, bevor er dann in Sweathose und Shirt schlüpfte und zum Kühlschrank stapfte.

Doch er stellte die Dose Bier wieder zurück, griff stattdessen nach einem Wasser und schlug die Kühlschranktür wieder zu.
Er verstand einfach nicht, wie Alexa so etwas tun konnte. Dass man im betrunkenen Zustand schon mal sämtliche Hemmungen verlieren und so manche Grenzen überschreiten konnte, war auch ihm klar. Aber die Worte die sie an ihn gerichtet hatte und die mehr als offensichtliche Ablehnung, die darin mitschwang … das sollte schon starker Tobak sein.

Je mehr John darüber nachdachte und sich die Geschehnisse immer wieder durch den Kopf gehen ließ, desto mehr kam er zu der Überzeugung, wirklich keine Schuld an ihrem Verhalten und ihrer Taten zu haben. Es musste offenbar mehr hinter all ihren Problemen und ihrer Feindschaft ihm gegenüber stecken, als man wohl vermuten würde.

Ob sie vielleicht auch Veränderungen durchmachte und in sich spürte, die dieses Verhalten bewirkten? Fürchtete sie sich vielleicht davor?

John wurde klar, dass er wohl ewig darüber rätseln könnte. Dummerweise würde es nun noch schwieriger werden, herauszufinden, was wirklich los war. Es würde schon an ein Wunder grenzen, wenn er sie in den nächsten Tagen überhaupt mal zu Gesicht bekäme. So wie er sie mittlerweile einschätzte, würde sie sich eher selbst wieder in ihr eigenes Quartier sperren, vielleicht sogar in ihr altes Zimmer im Familienquartier zurückziehen und hoffen, dass in einer Woche oder mehr alles wieder vergessen wäre. Ihre Familie darauf anzusprechen, wäre auch keine gute Idee, wenn er sie nicht noch weiter in Schwierigkeiten bringen wollte. Da galt wohl nur eines: Die Ohren auf Durchzug stellen, die Füße stillhalten und abwarten.

John seufzte und setzte sich auf sein Bett. Nach einem weiteren Schluck Wasser kramte er kurz in der Schublade seines Nachtschränkchens und holte ein kleines Büchlein und Stift hervor. Es war wieder an der Zeit, seine Beobachtungen, Empfindungen und Erkenntnisse zu notieren. Aber verdammt, diese Notizen würden ihn die letzte Hälfte der angebrochenen Nacht kosten …

~~~///~~~

Dorian war wirklich versucht, seine Mutter zu rufen. Seiner Meinung nach ging Alexa schon viel zu lange diese innige Beziehung mit der Toilettenschüssel ein und die Geräusche, die sie von sich gab, klangen auch nicht gerade lieblich.
Anderseits war es auch nicht verwunderlich, wenn man bedachte, was sie heute schon zu sich genommen hatte. Strafe musste wohl wirklich sein. Aber reichte nicht schon die kalte Dusche?

„Dieser verdammte …“, krächzte Alexa tonlos vor sich her, bevor sie sich erneut übergab.

Dorian verzog mitfühlend das Gesicht, musste aber gleichzeitig mit dem Kopf schütteln, als er nach einem Handtuch griff und sich daran machte, seiner Schwester die Haare aus dem Gesicht streichen und trocken zu rubbeln.

„Hast du ihn denn nicht schon genug verflucht?“

„Was?“, entfuhr es Alexa, als sie hustete und sich langsam gegen die Wand an der Seite lehnte.

„Ich glaube, du hast ihn schon genug beschimpft und beleidigt und das, obwohl er so viel getan hat … für dich“, antwortete Dorian geduldig und setzte sich neben sie.

„Dorian bitte. Mir steht im Moment wirklich nicht der Sinn nach einer deiner philosophischen und großbrüderlichen Reden, also …“

„Ich kann mir vorstellen, wonach dir der Sinn steht … aber weißt du was? Es ist mir scheißegal!“

„Sag mal, wie redest du eigentlich mit mir?“

„So wie du es verdienst! Was du dir in den letzten Stunden geleistet hast … das passt durch kein Gate. Du vergreifst dich an Pa´s Gewinn, betrinkst dich in der Kantine, fällst fast in den Ozean und springst mitten in der Nacht und mitsamt Uniform ins Schwimmbecken. Und als das nicht schon schlimm genug wäre, hast du nichts Besseres zu tun, als ihn auf übelste Art und Weise zu beleidigen und zu beschimpfen, während er dich wieder aus dem Wasser fischt und alles versucht, damit du deinen Hals mit einer neuen Flasche Wein bei Pa retten kannst! … Was um alles in der Welt hat der Mann dir getan, um so etwas zu verdienen? Nur weil er das über dich und Darius gesagt hat? Drehst du deswegen jetzt völlig durch?!“

„Dorian …“, stöhnte Alexa und vergrub ihr Gesicht in den angezogenen Knien.

„Alexa, verdammt! Was ist nur los mit dir?! Hasst du ihn so sehr?“

„Du hast ja keine Ahnung, was wirklich los ist, Dorian … es ist zu viel … es ist einfach … zu viel“, brachte Alexa noch hervor, bevor die vielen Emotionen und Gedanken sie wieder übermannten und sie wieder zum würgen brachten.

Dorian kroch neben sie, ließ beruhigend seine Hand über ihren Rücken kreisen und hielt ihre Haare, während seine Sorge um seine Schwester ins unermessliche wuchs.

„Ich … ich denke, ich rufe doch besser Ma.“

„Nein!“, platzte es aus Alexa, die kurz darauf noch hustete, bevor sie mit tränenüberströmtem Gesicht wieder gegen die Wand lehnte. „Nein … sie kann mir nicht helfen … niemand kann das.“

„Bei was kann dir niemand helfen? Alexa, was ist los? Irgendwas stimmt doch nicht mit dir.“

„Ich weiß es nicht … ich … ich weiß es einfach nicht. Immer … wenn ich nur schon an Darius denke … oder an … an ihn, an Sheppard, dann … es fühlst sich an, als ob … ich weiß auch nicht.“

„Al, komm schon. Hat es etwas mit deiner empathischen Fähigkeit zu tun? Wird sie stärker?“, fragte Dorian, aber Alexa schüttelte nur mit dem Kopf. „Was ist es dann? Hast du etwas lesen oder empfangen können, was … dass dir nicht bekommt oder … du nicht lesen solltest?“

Wieder schüttelte Alexa den Kopf, wenn auch dieses Mal etwas zögerlicher und wischte sich die Tränen weg. Doch in Dorian reifte allmählich eine Erkenntnis. „Hast du in Darius gelesen?“

„Konnte ich nicht. Es ging einfach nicht. Ich habe es versucht, aber es ging nicht … er meinte, seine Gefühle wären zu stark für mich und ich könnte nicht damit umgehen.“

„Nun, er ist ein Aufgestiegener. Das hat wahrscheinlich auch Auswirkungen auf seine Emotionen. Vielleicht befürchtete er, dich dadurch irgendwie zu verletzten, oder-“

Alexa lachte auf. „Oh ja! Seine Sorge war ja auch so groß, als er mich verließ.“

„Aha. Ich schätze, wir kommen der Sache schon näher. Aber bitte sag mir jetzt nicht, dass du dich nur wegen Darius Verhalten betrunken hast … oder weil Sheppard diese unbedachte Bemerkung gemacht hat … was steckt noch dahinter?“, wollte Dorian wissen, doch Alexa schwieg beharrlich.

Sie vergrub ihr Gesicht lieber wieder in die angezogenen Knie und zitterte und schniefte leise vor sich her. Doch das kalte Wasser und der damit einhergegangene Schreck schienen sie noch immer im Griff zu haben. Ihr wollte einfach nicht mehr warm werden. Und die Übelkeit rumorte auch noch immer in ihr.

„Al … Alexa“, sprach Dorian leise und versuchte seine Schwester endlich zu erreichen. Ein dickes, großes und flauschiges Handtuch, das er ihr über die Schultern legte, bevor er seinen Arm um sie legte, sollte sie wieder etwas wärmen. „Hey Krümel … ich hatte recht, nicht wahr? Du hast auch in Sheppard gelesen. Und er muss sehr starke Gefühle für dich haben. Aber dass es dich derart aus dem Gleichgewicht bringt …“

Für einige Momente schwieg Alexa, überlegte, was sie sagen konnte, was sie sagen sollte. Doch sie konnte sich nicht so recht konzentrieren. Vermutlich lag es am Restalkohol, den sie erst durch eine anständige Portion Schlaf richtig abbauen konnte. Ganz zu schweigen von ihrer Müdigkeit, die unerbittlich an ihr zog. „ Es ist zu nicht normal … einfach nicht normal.“

„Was ist nicht normal? Seine Gefühle für dich? Vielleicht sind sie einfach nur zu stark für dich. Oder geht es dir zu schnell? … Alexa … du hasst ihn aber doch nicht wirklich, oder?“

„Nein“, brachte sie krächzend hervor, bevor sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte und ihrem Bruder um den Hals fiel.

Dorian hielt sie, ließ sie sich ausweinen und versuchte, aus den vielen kaum verständlichen Worten schlau zu werden, die sie mühevoll hervor krächzte. Doch nach mehr als einer Stunde war er vollkommen im Bilde, las seiner Schwester noch mal die Leviten, bevor sie endlich und vollkommen erschöpft ins Bett fiel und ihren restlichen Rausch ausschlief.

Für Dorian war die Arbeit jedoch noch nicht getan. Er musste unbedingt mit seinem Vater und seiner Mutter sprechen und sie darüber informieren, dass nicht nur der Colonel Veränderungen durchmachte, sondern auch Alexa, die im Gegensatz zu ihm jedoch arg damit haderte.

Doch zuerst sollte er mit dem Colonel reden. Inständig hoffte er, ihn in dieser tiefsten Nacht noch wach anzutreffen. Seine Hoffnungen wurden jäh bestätigt, als sich die Tür zu seinem Quartier öffnete.

„Es tut mir leid, wenn ich Sie noch mal störe-„

„Ist sie schon wieder abgehauen?“

„Nein, nein. Sie schläft … endlich. Aber ich muss mit Ihnen sprechen … Sie sollten etwas wissen …“

 

Am nächsten Morgen

„Ow …Owowow …“, stöhnte Alexa heiser, als sie sich mit größter Mühe aus dem Bett gekämpft hatte und nun schwermütig ins Badezimmer kroch.

Jeder Schritt schien die pure Qual in Form elektrischer Stromstöße zu sein, die geradewegs von ihren Füßen bis in ihren Kopf schossen und die hereinscheinende Sonne stellte sich an diesem Morgen auch nicht gerade als friedfertig heraus.

Der Blick in den Spiegel bot auch nicht gerade ein aufbauendes und ermutigendes Bild und die Erinnerungen an die letzte Nacht schienen sich auch unbedingt durch den eigentlich recht dicken und grauen Schleier kämpfen zu wollen. Auch Sheppards Hemd, dass sie in ihrem Badezimmer hängen sah, grinste sie geradezu frech und schadenfroh an.

Ganz zu schweigen von Dorians Zurechtweisung, die immer noch in ihren Ohren klingelte. Aber es hatte gut getan, in Dorian später einen guten Zuhörer gefunden und sich alles von der Seele geredet zu haben, auch wenn sie bezweifelte, dass es irgendetwas ändern würde.

Noch immer spürte sie bei dem Gedanken an Sheppard und seinen Gefühlen für sie, bestenfalls diese Beklemmung und sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis sie diese merkwürdigen Empfindungen und das Wühlen in ihrem Inneren nicht mehr kontrollieren könne und sich wieder einen hitzigen Disput nach dem anderen mit ihm leisten würde.

Alexa seufzte. Neben den ganzen Nebenwirkungen ihres Alkoholgenusses, ganz zu schwiegen von ihrem überdimensionalem Kater, machten sich auch Scham und Bedauern in ihr breit. Sie bedauerte nicht nur ihre Fehlentscheidung, zu tief in die Flasche gesehen und deswegen später die Kloschüssel liebkost zu haben. Sie bedauerte auch die restlichen Taten, wie das alberne Verhalten und die Vorstellung, entwischen zu müssen und Schwimmen gehen zu wollen und sich später dem Colonel in Unterwäsche präsentiert zu haben.

Und sie glaubte auch, sich viel zu deutlich an viel zu viele der Worte zu erinnern, die sie dem Amerikaner in der letzten Nacht an den Kopf warf. Alleine dafür würde sie weitere dreizehntausend Jahre brauchen, um auch nur ansatzweise Vergebung zu finden.

~~~///~~~

Alles drehte sich und ihr Kopf schien auch gleich explodieren zu wollen, als sie die große Treppe zur Kommandozentrale hinauf stürmte. Zum Glück war ihr unter der diesmal angenehm warmen Dusche gerade noch eingefallen, dass es wundersamerweise eine neue Flasche Wein gab, die sie ihrem Vater endlich überreichen konnte. Doch diese war plötzlich nicht mehr da und nun schwante ihr Übles.

Sie hörte bereits Dorians Stimme und kam gerade noch so ins Büro geschlittert, als dieser verwundert von Woolsey angesprochen wurde.

„Aber … ich habe doch Ihrer Schwester die Flasche übergeben mit der Bitte, sie Ihrem Vater zu überreichen. Wie kommen Sie nun-„

„Äh, wissen Sie“, begann Alexa und schluckte gegen die erneut aufkommende Übelkeit und den Brechreiz. „Ich … ich habe … da gibt es etwas, was du … ich muss da etwas-“

„Sie hat sie in meinem Labor vergessen“, platzte es aus Dorian, und während Alexa noch überrascht zu ihm sah, fuhr er fort, als er sich an seinen Vater wandte. „Sie war gestern zu mir gekommen, wir haben uns ein bisschen unterhalten und dabei hat sie auch erzählt, dass du Mister Woolsey offenbar schachmatt gesetzt hast. Dann haben wir weiter gequatscht und irgendwann ist mir aufgefallen, dass die Flasche immer noch bei mir steht … anstatt bei dir.“

Während Tristan nur zögerlich nickte und skeptische Blicke über seine beiden Sprösslinge gleiten ließ, atmete Woolsey erleichtert auf und lächelte.

„Nun, so etwas kann schon mal passieren. Gut, dass dies nun geklärt ist. Abgesehen davon ist es ja auch nur eine Flasche Wein. Kein Grund deswegen gleich Untersuchungen und Nachforschungen anzustellen.“

„Ja. Ja, natürlich“, pflichtete Tristanius bei, nachdem er sich von seinen Überlegungen losriss und sich sowohl bei seinen Kindern als auch bei Woolsey bedankte. „Nun … ich denke, ich werde diesem edlen Tropfen einen sicheren Platz zuweisen … und mich dann wieder an den Frühstückstisch zu meiner Frau setzen. Wir warten schon lange auf eine Gelegenheit, endlich wieder gemeinsam zu frühstücken und so ein freier Tag ist doch geradezu ideal dafür, nicht wahr?“

„Absolut. Einen schönen Tag, General und meine Grüße an Ihre Frau“, wünschte Woolsey.

„Danke. Und ihr beide … für euch ist auch gedeckt“, meinte Tristanius während des Hinausgehens. „Und vielleicht findest du, Alexa, auch die Zeit, mir zu erklären, warum Doktor Beddingfield heute Morgen dein Uniformoberteil im Schwimmbecken treibend vorfand.“

Alexas Gedankengänge setzten aus und auch Dorians Gesichtsausdruck sprach bestenfalls von Überraschung. Das konnte ja heiter werden. Ein kurzer Blick zu Woolsey folgte, der noch immer unwissend lächelte und schon machten sich die Geschwister bedrückt auf den Weg.

„Sag mal, hast du wirklich gerade unseren allwissenden Pa und General belogen?“, flüsterte Alexa ihrem Bruder zu.

„Ja, und das wirst du auch gleich tun, oder?“, antwortete Dorian nicht minder lauter und lächelte unschuldig wirkend in die Runde der Kontrollraummitarbeiter.

„Na ja … ja … aber das ist schon irgendwie blöd, nicht?“

„Ja … ja, das ist es.“

„Aber auch so lieb von dir“, gab Alexa zurück, als sie ihrem Bruder erneut um den Hals fiel und ihm einen Kuss auf die Wange drückte.

„Ja ja, so bin ich eben. Aber glaube ja nicht, das ich das zur Gewohnheit werden lasse. Zu deiner schwimmenden Uniform lässt dir gefälligst selbst was einfallen.“

Die beiden Geschwister waren gerade die große Treppe wieder hinabgestiegen und um die Ecke getreten, als sie auf den Colonel trafen. Während Dorian und John sich noch mit Vornamen und guter Laune begrüßten, schwiegen sich der Colonel und der Commander betreten an.

Alexas Herz schlug ihr bis zum Hals, und ihr Mund war plötzlich auch unangenehm trocken, wobei sie sich fragte, ob dies ein Resultat ihrer Scham und der unangenehmen Überraschung sei oder doch viel eher die Nachwirkung ihres mitternächtlichen Ausflugs mit unbedachtem Konsum von Dingen, die ihr nicht gehörten.

Sie schluckte noch einmal gegen die erneut aufkommende Übelkeit und überlegte, ob es besser sei, auf der Stelle umzudrehen und davon zu rauschen oder einfach so zu tun, als ob nichts sei und ihres Weges zu ziehen. Doch dann schien John ihr die Antwort zu geben, als er sie mit einem emotionslosen „Commander“ grüßte und mit einem unergründlichen Blick an ihr vorbeiziehen wollte.

Dorians mahnender Blick traf sie bis ins Mark, bevor er kopfschüttelnd davon stapfte.

„Colonel!“

John blieb auf den ersten Stufen der großen Treppe stehen und drehte sich eher träge um, bevor er die Arme vor der Brust verschränkte und auf die Dinge wartete, die da kämen.

Alexa aber vermied es, zu ihm aufzusehen und ließ ihren Blick lieber auf seine Stiefel und die Stufen gerichtet. „Ich … es … danke, für … für die neue Flasche Wein.“

John war überrascht, versuchte sich jedoch nichts anmerken zu lassen, als er langsam nickte. „Gern geschehen“, antwortete er leise und machte sich daran, wieder die Treppe hinauf zu steigen.

„Es … es tut mir leid.“

John blieb erneut stehen, drehte sich aber nicht um. Stattdessen atmete er einige Male durch, kämpfte gegen den Drang zu fragen, was genau ihr denn leidtäte oder ihre Entschuldigung ganz einfach nicht anzunehmen und sie stattdessen wieder zurecht zu weisen und ihr ganz deutlich zu sagen, was er von ihrer nächtlichen Aktion hielt.

Es war nur gut, dass Dorian noch in der Nacht zu ihm gekommen war und ihm die Wahrheit und die Hintergründe zu Alexas Gefühlen und ihrem Verhalten erklärte. Auch wenn er noch immer den Eindruck hatte, dass weitaus mehr dahinter stecken musste, so musste er zumindest nicht annehmen, dass es nur bloßes Gerede war, was Alexa während des Weihnachtsausfluges zum Festland zu ihm gesagt hatte. Und vergessen wird sie es auch nicht haben.

So taten ihm nun plötzlich seine Unbeherrschtheit und seine Grobheit, mit der er sie unter die kalte Dusche geschoben hatte, leid und er bedauerte sowohl die harschen Worte, die er ihr einst bezüglich Darius ins Gesicht geschleudert hatte, als auch seine Zurechtweisung der vergangenen Nacht.

„Mir auch.“

John sah noch aus dem Augenwinkel, wie Alexa beklommen nickte, den Mund öffnete, um etwas zu sagen, sich dann aber nach einem weiteren zaghaften Nicken beinahe verstört auf den Weg machte, ihren Bruder einzuholen.

Was hatte sein Vater während des erklärenden Frühstücks gesagt?

Eine lange Hoffnung ist süßer als eine kurze Überraschung.

 

The End

Zitate von Peter Sereinigg, Andreas Hilzensauer, Jacques Bellavente und unbekannten

Shahar Jones

Meine erste Fanfic schrieb ich über Stargate Atlantis.
Mittlerweile mixe ich meine Storys auch gerne mal mit anderen Fandoms, wie dem Sentinel. Aber im Großen und Ganzen hänge ich immer noch in der Pegasus-Galaxie rum. Allerdings liebe ich es auch, die Leute zu überraschen ;)

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