SGA/ALEXA: Negotiations – Teil 2

Landrys Büro

„Barrett fahndet noch immer nach dem Transporter und bisher scheinen noch keine Lösegeldforderungen oder dergleichen eingegangen zu sein. Jedenfalls nicht hier“, meinte Landry und wechselte mit O´Neill besorgte Blicke.

„Ich werde mich gleich zu Hause und in der Firma umsehen, vielleicht … vielleicht finde ich dort Anhaltspunkte oder …“

„Colonel, haben Sie eine Ahnung, wer sich durch die Entführung Ihres Bruders einen Vorteil verschaffen könnte?“, wollte O´Neill wissen, doch John konnte nur mit dem Kopf schütteln.

„Keine Ahnung, Sir. Dave leitet die Firma unseres Vaters. Er hat viele Neider und Konkurrenten, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie so weit gehen würden.“

„Nun, da es ausgerechnet jetzt, so kurz vor einer Enthüllung des Stargate-Programms geschieht, ist schon auffällig. Könnte Ihr Bruder nicht doch bei einem … Mitarbeiter, Freund oder einem engen Kollegen etwas diesbezüglich fallen gelassen haben, sodass man …“, begann Woolsey zu spekulieren, doch John wehrte sich entschieden gegen den Verdacht des IOA Mannes.

„Dave hat bestimmt nichts verraten. Er hat ja noch nicht einmal Graham etwas von alldem hier und unseren Eltern gesagt. Und Graham ist schon seit Jahren, Jahrzehnten der engste Vertraute unserer Familie. Er gehört praktisch zu unserer Familie.“

„Schon gut, schon gut, aber Sie müssen zugeben, dass der Zeitpunkt wirklich auffallend gewählt wurde und …“

„Das hilft uns jetzt auch nicht weiter. So oder so, Mister Sheppard ist entführt worden und gleichgültig, ob es nun mit dem Stargate-Programm zu tun hat oder nicht, er muss gefunden werden“, erwiderte Landry und wandte sich dann an seine Tochter.

„Was ist mit Mister Nelson?“

„Er hat einen tiefen Streifschuss an der Seite, der genäht werden müsste. Er hat ebenso auch einen größeren Flüssigkeitsmangel und eine Gehirnerschütterung. Letztere sind aber nicht so schlimm. Am Streifschuss wird er länger zu knabbern haben“, erklärt Carolyn.

„Vielleicht auch nicht. Wir haben doch die Antiker hier“, meinte McKay, der sich bisher im Hintergrund hielt.

„Und?“, hakte O´Neill nach.

„Na ja, Elisha hat doch die tollen Geräte und Instrumente und das IOA hat doch auch Interesse an einer engen Zusammenarbeit mit den Antikern. Also, warum zeigen wir dem IOA nicht mal, was sie mit einer Allianz mit den Antiker gewinnen können? Zuerst im medizinischen Bereich. Sie könnten dabei sehen, wie ein solcher Streifschuss innerhalb von ein paar Minuten geheilt werden könnte. Und dann … wäre der Rest ein Klacks“, erklärte McKay weiter und erntete zunächst skeptische, dann begeisterte Blicke.

„Hm … Mister Nelson müsste zum einen damit einverstanden sein und die Antiker ebenfalls. Ich könnte mich mit beiden Parteien in Verbindung setzen“, schlug Woolsey vor, was fast allen Anwesenden ein einverstandenes Kopfnicken entlockte.

„Tun Sie das, Mister Woolsey. Vielleicht lockert es die Gespräche, vor allem aber diesen Afram etwas auf.“

Danach hatte Landry sich noch kurz mit John und dem restlichen Team unterhalten und sein Okay für eine weitere Such- und Aufklärungsaktion innerhalb von Sheppard Industries und den privaten Häusern der Familie des Colonels gegeben.

Es dauerte nicht lange und Woolsey konnte das Einverständnis der Antiker mitteilen. Nun galt es nur noch, Graham Nelson von der Operation durch eine Außerirdische mit außerirdischer Technologie zu überzeugen.

„Graham.“

„John! Was höre ich da? Militärischer Kommandant in einer außerirdischen Stadt?“, kam es von Graham, der in der Zwischenzeit den Erklärungen und Erzählungen von Carol und Patrick gelauscht hatte und nun John die Krankenstation betreten sah.

„Haben Mom und Dad also alles verraten, hm? … Hör zu, Graham, du weißt, dass deine Wunde genäht werden müsste. Aber …“

„Oh, kein Problem. Ich kann mich schon noch ein bisschen auf den Beinen halten und helfe dir bei der Suche nach …“

„Nein! Eben nicht. Wir kennen eine Möglichkeit, wie wir dir den langen Heilungsprozess ersparen könnten.“

Es hatte nicht lange gedauert bis John, Jennifer und Woolsey ihm alles erklärt und beschrieben hatten und Graham schien tatsächlich einverstanden zu sein. Warum auch nicht. Ihm blieben dadurch einige Tage, vielleicht auch Wochen voller Schmerz erspart, und da ein paar Leute mehr oder weniger bei der Operation dabei waren und zusahen, sollte ihn auch nicht stören. Nur eines musste er noch wissen. „Antiker? Heißen die so? Und … und sind die grün?“

Los Angeles

„Das ist … das ist … ist das dein Elternhaus?“, fragte Rodney staunend und bewunderte das riesige, gepflegte Anwesen, als sie mit ihrem Wagen die Auffahrt hochfuhren.

Mittlerweile war das Team sich einig, sich nur noch zu duzen. Das betraf das gesamte Team um John und die Ärzte Jennifer Keller und Carson Beckett als auch Zelenka. Nur Richard Woolseys Status als Expeditionsleiter und Kommandeur der Atlantis-Expedition ließ eine solche Verbrüderung nicht zu. Dennoch, Johns Mutter hatte mit einer ganz einfachen kurzen Frage, die eigentlich eher einer Randbemerkung glich, ganze Arbeit geleistet. Die einzige Person, die über diese Neuigkeit noch nicht informiert wurde, war Alexa. Aber das würde John nachholen. Auch wenn es schwer werden würde, denn sie hatte immer noch Schwierigkeiten ihn überhaupt beim Vornamen zu nennen. John konzentrierte sich wieder auf das Hier und jetzt.

„Ja“, antwortete er knapp.

„Eines davon“, schloss sich Ronon an und grinste zu John, der sich an die Beerdigung und da kurze Gespräch im Garten an jenem Tag erinnerte.

„Eines … eines davon? Wie viele Häuser habt ihr denn? Und wo?“

„Wir haben den Hauptsitz hier. Dann haben wir noch ein Strandhaus in Santa Monica, einige Apartments in der Stadt, in New York haben wir ein Haus und Apartments und in Aspen haben wir auch `ne nette Hütte für den Skiurlaub … ah ja und in Nevada eine Ranch. Aber nur `ne kleine“, erklärte John weiter und parkte den Wagen vor der Tür.

„Ranch, hm? Ich fasse es nicht, du bist ein reicher Cowboy!“, platzte es aus Rodney heraus, wobei John die leichten Gesichtsentgleisungen seines Freundes bemerkte und leicht lächeln musste.

„Ich bin kein … ich wurde hier geboren, okay? Pferdezucht scheint das vererbbare Hobby in unserer Familie zu sein. Mein Großvater hatte die Ranch gebaut und mein Vater hat sie übernommen. Er mag Pferde, aber nicht das heiße Klima in Nevada. Also hat er die Pferde hier hergebracht. Wir sind … waren selten in Nevada.“

„Hm …“, war alles, was Rodney zunächst hervorbringen konnte und folgte John zu den zwei Wagen, die vor der Garage standen. „Man hat die Reifen zerschossen.“

„Nein, das wurde mit einem Messer gemacht. Man wollte ihnen die Fluchtmöglichkeiten nehmen und Schüsse hätten sie vorgewarnt. Dave und Graham wurden kalt erwischt“, erklärte John, als er sich die Reifen der beiden Autos betrachtete.

Danach ließ er seinen Blick über das Gelände schweifen, konnte aber nichts Auffälliges ausmachen. Es war still. John empfand es fast als zu still. Auch dass er die Sicherheitsleute nicht antraf, wunderte ihn. Normalerweise hätte er schon bei der Einfahrt auf das Gelände auf einen Wachposten treffen müssen. Dass Dave ihnen freigegeben hatte, konnte eigentlich nicht sein, denn das Anwesen wurde auch während der Abwesenheit des Hausherrn bewacht. Johns Aufmerksamkeit richtete sich auf ein ungewöhnliches Wiehern der Pferde, das aus den Stallungen kam. Irgendwas stimmte nicht. Eilig steuerte John die Stallungen an und Rodney und Ronon folgten ihm.

Tatsächlich hatten sie in der vierten und letzten Box die zwei Wachmänner gefunden. Gefesselt und geknebelt hatte man sie in die hinterste Ecke des Stallabteils regelrecht abgeladen. Einer der beiden kam gerade zu sich, blinzelte verwirrt und sah auf seinen Arm, in dem ein kleiner Pfeil steckte.

Schnell hatten John und Ronon die beiden befreit und ihnen auf die Beine geholfen.

„John? … John Sheppard? … Wurde aber auch Zeit, dass mal jemand kommt. Ich fürchte Ihr Bruder …“

„Ich weiß. Deswegen bin ich hier. Man hat ihn entführt, Graham konnte entkommen und hat mich informiert. Das sind Rodney McKay und Ronon Dex. Was ist hier abgelaufen?“

„Scheiße! Keine Ahnung. Ich weiß nur noch, dass da ein kleiner Transporter war, der Fahrer war vermummt, und ehe ich mich versah, haben sie diesen … Pfeil auf mich geschossen“, erklärte einer der Wachmänner, als er sich den Betäubungspfeil aus dem Arm zog.

John nahm ihn entgegen und besah ihn sich genauer.

„Haben sie was gesagt, oder sind Namen gefallen?“

„Nichts. Sie haben kein Wort gesagt und fragen konnte ich schon gar nicht. Dachte zuerst, Mister Sheppard bekommt eine Lieferung oder so, aber … es war ein dunkelblauer, alter Transporter. Hat geknattert wie ein alter Traktor. Weit werden sie mit dem Ding wohl nicht kommen.“

„Kennzeichen?“, fragte John weiter.

„5 NUR 64 … 8 denke ich. Bei der letzten Ziffer bin ich mir nicht sicher.“

„Könnte sonst noch jemand vom Personal hier sein? Was ist mit dem Stalljungen?“

„Hat sich etwa `ne halbe Stunde vorher abgemeldet, weil er einen Termin hatte. Glauben Sie, er könnte dahinter stecken?“

„Keine Ahnung.“

„Oh … Lupita! Ich habe sie heute Morgen rein gelassen, aber bis zu diesem … Überfall hat sie das Gelände wohl nicht verlassen. Ich weiß nicht, ob sie noch …“

„Wir sehen nach. Wenn es wieder geht, sichert das Gelände weiter ab und seht nach, ob ihr was Verdächtiges oder Ungewöhnliches findet und ich will die Aufnahmen der Kamera an der Einfahrt. Ein Agent Malcolm Barrett wird sich bald hier melden, er kann sofort reinkommen, ansonsten geht oder kommt niemand hier her, ohne dass ich es weiß, klar?“

Einverstanden nickten die beiden Wachmänner, blinzelten und schüttelten die restliche Benommenheit ab und machten sich auf den Weg. John und seine Freunde näherten sich wieder dem Haupthaus, worauf John sich die kaputten Fenster und die Tür genauer ansah.

„Sind einfach so rein gestürmt“, meinte Ronon, als er die aus den Angeln gerissene Tür zur Seite schieben wollte, worauf sie sich nun gänzlich löste und polternd zu Boden fiel.

„Oh … mein …“, entfuhr es Rodney beinahe ehrfürchtig, als er sich umsah. „Das glaube ich einfach nicht!“

„Noch nie eine kaputte Tür und zersprungenes Glas gesehen?“, fragte John, obwohl er sich denken konnte, auf was sich Rodney s Ausruf bezog.

„Doch sicher. Aber ich meine das hier … ja.“

Rodney verstummte wieder, als er seine Besichtigung in der großen Eingangshalle des Hauses beendet hatte und auf John und Ronons ausdruckslose Gesichter traf.

John und Ronon tauschten einige Blicke aus, bevor John weiter zur Küche ging und dabei das knirschende Glas der Fenster unter seinen Schuhen hörte. Er stoppte und hockte sich kurz hin, als er einen kleinen dunklen Fleck auf dem Boden ausmachen konnte.

„Ist das Blut?“, wollte Rodney wissen. „Von deinem Bruder oder Graham?“

„Keine Ahnung. Auf Graham wurde erst später geschossen“, antwortete John und erhob sich wieder, um nun die Küche zu betreten.

Doch Rodney hörte, wie John hörbar ein und ausatmete, um die Ruhe zu bewahren. Er hatte gesehen, wie Johns Kiefer mahlten und wie er die Hände zu Fäusten ballte. Seine gesamte Körperhaltung schien angespannt. Er kannte seinen Freund mittlerweile gut genug, um zu wissen, was er wohl gerade empfand.

John öffnete eine kleine Schublade eines der geschmackvollen maßgefertigten Schränke in der Küche und entnahm eine kleine Tüte, in der er den Betäubungspfeil aufbewahren wollte. Er steckte sie in die Innentasche seines Jacketts und nahm stattdessen den LSD zur Hand.

„Was erhoffst du dir mit dem LSD zu finden?“, fragte Rodney und sah sich noch immer ehrfurchtsvoll um.

„Lupita. Schon vergessen? Die Wachleute haben sie bisher nicht weggehen sehen.“

„Und Lupita ist?“

„Köchin, Hausmädchen und … sie war früher eines unserer Kindermädchen.“

„Hm! Wie viele Bedienstete habt ihr eigentlich?“

„Kommt drauf an. Normalerweise Lupita, die sich um den Haushalt kümmert. Stefan, den Gärtner, Nick, der sich um die Pferde kümmert und einen Stallburschen, der sich ein bisschen was dazu verdient. Die zwei Wachleute … bei Empfängen und Partys hatten wir natürlich mehr. Aber … keine Ahnung wie Dave das nun geregelt hat. Er ist nicht so der Partymensch. Und zu Hause schon gar nicht. Jedenfalls nicht, wenn es nicht sein muss. Ah ja und dann gibt’s da noch Peter, Daves Pilot auf Abruf.“

„Pilot auf Abruf?“, kam es diesmal von Ronon, denn Rodney brachte zunächst kein Wort mehr heraus.

„Ja. Dad hatte schon damals seine eigene Maschinen, um schnell zu seinen Geschäftsterminen zu kommen oder um im seltenen Fall mit uns in den Urlaub zu fliegen.“

„Lass mich raten. Eine eigene Boeing, hm?“, scherzte Rodney.

„Nein, er begnügte sich mit einer Golfstream und einem Bell 430.“

„Machst du das mit Absicht?“, entfuhr es Rodney nach einigen Augenblicken, als er nichts anders tun konnte, als seinen Freund mit offenem Mund und perplexem Blinzeln anzustarren.

„Hey, du hast doch gefragt“, gab John zurück und musste tatsächlich leicht schmunzeln.

„Äh … Agent Barrett ist da und hier ist das Videoband. Sollen wir die Polizei verständigen?“, ertönte die fragende Stimme eines der Wachmänner, als dieser die Küche betrat.

„Nein. Agent Barretts Leute übernehmen die weiteren Untersuchungen, unterstützt sie so gut es geht. Wir sehen uns das gleich an“, meinte John, als er das Videoband entgegen nahm.

Kaum, dass der Wachmann die Küche verlassen hatte, nahm John den LSD wieder hervor, den er kurz zuvor wieder verstecken hatte müssen und tatsächlich dauerte es nicht lange und John empfing ein Lebenszeichen, das sich offenbar unter ihnen befinden musste.

„Ich hoffe stark, dass es Lupita ist, aber … sicher ist wohl sicher“, meinte John und nahm seine Waffe zur Hand.

Ronon hatte es ihm schon gleich getan, als die Drei einen kurzen Blick austauschten und John dann zur Kellertreppe folgten. Langsam und leise schlichen sie sich hinunter. Das Licht brannte noch, aber es war mucksmäuschenstill. Auch hier verschaffte John sich zunächst einen einfachen Überblick und am Rande stellte er fest, dass sich auch hier kaum etwas verändert hatte.

Wieder blickte er zu dem außerirdischen Scanner und folgte der Anzeige. Mit einem kurzen Wink mit seiner Waffe deutete er auf einen Wandschrank. Ronon und Rodney gingen in Stellung und warteten auf Johns Nicken.

Kaum, dass sie die Türen aufrissen, ertönte ein lautes geradezu unmenschliches Geschrei.

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Dieses beinahe unmenschliche Geschrei tat John, Rodney und Ronon doch ganz schön in den Ohren weh und musste auch die halbe Nachbarschaft alarmieren, auch wenn dieses Anwesen recht groß und immer noch genügend frei stehendes Gelände drum herum war. Dennoch wunderte sich John, dass die ältere zierliche Dame noch immer eine solche Lautstärke in ihrer doch eigentlich recht sanften Stimme besaß.

„Lupita! … Lupita, ich bin es, John! … Lupita!“

Lupita schrie unentwegt weiter, schlug mit Händen und Füßen um sich und John hatte es schwer, sie zu packen und leicht schütteln, damit die Haushälterin wieder richtig zu sich kam und endlich mit dem Geschrei aufhörte.
Doch John hatte nicht mit der Schnelligkeit und Kraft der älteren Dame gerechnet und kassierte tatsächlich einen kräftigen Schlag ins Gesicht, der ihn taumeln ließ.

„Lupita! … Himmel nochmal, ich bin es!“

„Mister John?“, brachte sie mit wispernder Stimme hervor.

John sah, die Angst und den Schrecken in ihren Augen, sie zitterte und stand wohl unter Schock. Sie musste sich wohl gerade hier unten im Keller befunden haben, als oben der Tumult losging und man Dave und Graham überfiel. In ihrer Panik hatte sie das einzig Richtige getan und sich in einem unscheinbaren Wandschrank versteckt.

„Ja … ja … alles in Ordnung. Keine Angst. Es ist alles in Ordnung. Komm raus da“, bat John leise und half der älteren Dame wieder aus dem Schrank zu klettern.

„Mister Dave? Was ist mit Mister Dave? Und Mister Nelson?“

Noch immer zitterte sie, hielt sich an John fest, der sie langsam die Treppe weder hinauf und zu einem Stuhl in der Küche führte. Schnell hatte er ein Glas aus dem Schrank genommen und ihr etwas Wasser gereicht.

„Geht es wieder?“, fragte er, als er glaubte, dass sie sich wieder beruhigt hätte.

„Was ist nur mit dem armen Mister Dave?“

„Hast du gesehen, was geschehen ist?“, wollte John weiter wissen, doch Lupita schüttelte mit dem Kopf.

„No, ich war unten im Keller. Ich wollte gerade Wäsche machen und plötzlich war so viel Krach. Ich wollte nachsehen, aber dann habe ich diese Männer gehört. Ich wusste, das ist nicht normal. Das ist kein gutes Gespräch gewesen. Sie haben so viel gebrüllt und gedroht. Das … waren das böse Männer?“

„Ich fürchte ja, Lupita. Man hat Dave und Graham entführt.“

„Oh dios mio!“

„Ich finde ihn schon. Keine Sorge. Graham konnte entkommen und mir Bescheid geben. Ich werde Dave schon finden“, gab John zurück, als er sah, wie sie diese Nachricht traf.

Lupita war schon immer mehr als nur Köchin und Hausmädchen. Sie hatte früher auch oftmals die Aufgabe eines Kindermädchens übernommen und kümmerte sich immer rührend um John und Dave, nachdem die beiden ihre Mutter verloren hatten. Sie sorgte sich auch auf gewisse Weise um Patrick, kümmerte sich um ihn und war ihm eine gute Stütze, wenn seine Arbeit und seine Geschäfte ihn zu sehr einspannten. Sie versuchte auch des Öfteren mit Rat und Tat bei der Erziehung der beiden Jungs zu helfen, aber das war nach Carols Tod schwierig geworden, denn was diese Dinge betraf, war an Patrick kaum ein rankommen. Lupita war dennoch immer die gute Seele des Hauses.

„Der arme Dave … du musst ihn finden, John. Du musst ihn finden“, schluchzte sie und klammerte sich an ihr Glas.

„Das werde ich. Ich verspreche es. Ich werde deinen Mann anrufen, dass er dich abholt. Du brauchst jetzt ein bisschen Ruhe. Mach dir keine Gedanken, diese Männer wollen nichts von dir und haben auch nicht mitbekommen, dass du hier warst. Du bist nicht in Gefahr. Bleib zu Hause und ruh dich aus. Ich melde mich bei dir, sobald ich was weiß, okay?“, versicherte John ihr, als er noch immer vor ihr hockte, und nach seinem Handy griff und Lupitas Mann anrief, dass dieser sie abholte.

„Dein Gesicht! Oh, lo siento, John. Ich dachte, du wärst einer von den Männern“, brachte die Haushälterin bestürzt hervor, als sie John rote leicht geschwollene Wange sah, und eilte zum Kühlschrank, um einige Eiswürfel aus dem Gefrierfach in ein Tuch zu wickeln und es John auf das Gesicht zu legen.

„Está bien. No pasó nada. Ich hatte schon Schlimmeres“, gab John zurück und nahm ihr den Wickel ab.

Zehn Minuten später bekam John die Information, das Juan, Lupitas Mann an der Einfahrt stand.

„Ronon, begleite sie bitte zum Wagen und du Rodney, könntest dir mal Daves Computer ansehen. Vielleicht hat sich da jemand eingehackt und Spuren hinterlassen.“

„Si, Senior“, gab Rodney fassungslos den Kopf schüttelnd zurück und machte sich auf den Weg zum Büro der Sheppards. „Unfassbar! Spanisch kann er auch noch!“

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Unsanft hatte man Dave aus dem Transporter gezerrt. Das war auch so ziemlich das einzige was er halbwegs mitbekommen hatte. Er war einfach zu benommen. Geräusche rückten in weite Ferne, seine Augen waren mittlerweile verbunden, er war geknebelt und sein Kopf schmerzte höllisch. Immer wieder versuchte er sich zu regen, aber zum einen hatte er kaum die Kraft und driftete immer weg und zum anderen würde er sich ohnehin kaum aus den festen Griffen der Männer befreien können. Er konnte kaum Schritt halten, sodass er immer wieder stolperte und eher mitgeschleift wurde.

Er hörte noch das knarzende Öffnen einer großen, schweren Tür, bekam mit, wie er in ein Gebäude geschleift und in einen Raum gebracht wurde. Grob hatte man ihn zu Boden fallen lassen und ließ ihn dann alleine. Dave versuchte sich abermals zu rühren und zumindest in eine sitzende Position zu kommen, doch es gelang nicht. Aber durch sein Winden auf dem Boden hatte er sich von der Augenbinde befreien und seine Umgebung anfangs nur verschwommen wahrnehmen können. Doch sein Blick klärte sich und verriet ihm, dass er sich in eine Art Kellerraum befinden musste. Es war dunkel, nur ein einzelnes kleines Fenster am Rand zur Decke spendete etwas Licht.

Wenn er es schaffen könnte, sich auch noch von den Fesseln zu befreien, könnte er versuchen, dort hindurch zu fliehen. Doch Dave kam gar nicht dazu, einen weiteren Befreiungsversuch zu starten, denn es wurde ihm wieder schwindlig und schneller als ihm lieb war, verlor er abermals das Bewusstsein.

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„Wie sieht es aus?“, fragte der jüngere Mann, als er sein Büro betrat und sich entspannt in seinen Stuhl am seinem Schreibtisch niederließ.

„Alles erledigt. Das Paket haben wir gerade unten im Keller abgestellt“, erwiderte ein weiterer Mann, der in dunkler Kleidung in dem Büro gewartet hatte.

„Gab es irgendwelche Schwierigkeiten?“

„Keine, die der Rede wert sind. Er war nicht alleine. Ein äh … ein Graham oder so, war bei ihm. Wir haben ihn auch mitnehmen wollen, aber er glaubte, unterwegs abhauen zu können.“

„Wie bitte?! Was soll das heißen?“

„Das soll heißen, dass er nicht weit kam. Ein sauberer Schuss und die Sache war erledigt.“

„Die Sache war erledigt? Ich sagte, ich will keine unnötige Gewalt. Und jetzt …“
Mit einem lauten Knall schwangen die hölzernen Türen zu dem Büro auf und ein älterer Mann stürmte wutentbrannt hinein.

„Was zum Teufel geht hier vor?!“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Dad. Ich arbeite.“

„Du arbeitest? Hör auf, mich für dumm verkaufen zu wollen! Ich habe von der Straße da oben sehen können, dass man einen an Händen und Füßen gefesselten Mann in das Lager da unten rein geschleift hat. Wer ist das? Und was zum Teufel hast du damit zu tun?“

„Reg dich bitte nicht so auf. Es sah schlimmer aus, als es den Eindruck machte. Wenn ich in ein paar Tagen mein Geschäft abgeschlossen habe, kommt er wieder frei.“

„Was für ein Geschäft? Wer ist der Mann?“, fragte der ältere Mann weiter und sah ungläubig zu seinem Sohn, der offenbar ganz gelassen blieb.

„Ich bitte dich. Das weißt du doch“, gab der Sohn zurück. Doch als er sah, dass sein Vater nicht so recht zu verstehen schien, fuhr er fort. „Du hattest mir doch vor einigen Tagen vage von dieser Geheimsache erzählt, die bald veröffentlicht werden soll, und meintest, dass es ein Milliardengeschäft werden könnte-“

„Du … du hast jemanden entführt, um ein Geschäft abschließen zu können?! Du hast doch etwa nicht … David Sheppard da unten? … Sag mal, bist du wahnsinnig geworden?!“

„Immer mit der Ruhe, Dad. Ihm wird schon nichts passieren.“

„Er ist ein bekannter Geschäftsmann mit den besten Beziehungen. Du kannst ihn doch nicht einfach so …“

„Aus dem Verkehr ziehen? Ich bitte dich, Dad. Manchmal sind eben ein paar … extremere Maßnahmen notwendig. Ich weiß gar nicht, warum du dich so darüber aufregst. Du hast mir doch beigebracht, dass es in der Geschäftswelt mit harten Bandagen zugeht“, gab der jüngere kalt von sich.

„Aber nicht mit Entführung! Das habe ich dir nicht beigebracht. Du lässt ihn sofort frei und stellst dich, bevor hier eine ganze Horde von Polizei und FBI Leuten hier auftaucht. So können wir vielleicht noch das schlimmste vermeiden und ich … ich werde eine Rede vorbereiten müssen. Ich muss der Öffentlichkeit sagen, dass ich keine Kenntnis …“

„Das wäre keine gute Idee, Dad. Überleg doch mal. Wie oft hat dich Patrick Sheppard schon übergangen und ausgestochen und die besten Geschäfte abschließen können? Nein, ich habe da etwas viel besseres. Endlich wirst du dem Sheppard Imperium eins auswischen können und einen Vertrag abschließen, der den alten toten Patrick sich im Grabe umdrehen lässt. Und David … nun, wenn er sich benimmt und die Füße stillhält, lasse ich ihn vielleicht irgendwann frei. Er wird niemals herausbekommen, wer ihm das Geschäft vermasselt hat.“

„Vorausgesetzt es gibt überhaupt ein Geschäft.“

„Warum sollte sich David sonst auf einer alten Militärbasis aufhalten, die noch der Geheimhaltung untersteht? Komm schon, Dad, hör dir erst einmal meinen Plan an. Er wird dir bestimmt gefallen“, gab der Jüngere süffisant grinsend zurück, überreichte seinem Vater ein Glas Cognac und bugsierte ihn in einen Sessel vor den Schreibtisch, um ihn von seinen Plänen zu erklären.

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„Tja, so wie es aussieht, ist der Computer sauber. Abgesehen von der Tatsache, dass das Passwort ein Klacks war und die wirklich, wichtige, aufschlussreiche Angaben über das Stargate-Programm hatte er wohl auch nicht hier irgendwie eingegeben oder so. Die eigentliche Arbeit scheint auch wirklich in der Firma geblieben zu sein, das Telefon … ist auch nicht verwanzt und laut den neuesten Scans und Untersuchungen ist auch im ganzen Haus keine einzige Wanze“, erklärte Rodney und sah seinem Freund dabei zu, wie er unruhig im Arbeitszimmer auf und ab tigerte.

„Ich werde mich trotzdem umsehen“, meinte John und begann kurz darauf das gesamte Haus auf den Kopf zu stellen.

Rodney und Ronon schlossen sich ihm an, wobei Rodney noch immer beeindruckt von Raum zu Raum tigerte und versuchte, sich auf die eigentliche Arbeit zu konzentrieren. Was ihm doch ein wenig schwer fiel. Er fragte sich immer wieder, warum John es vorgezogen hatte, die Arbeit eines Soldaten zu vollrichten, sich ständig Gefahren auszusetzen oder sich in manchen Einsätzen sogar durch Dreck und Morast zu wühlen, wenn er doch die Annehmlichkeiten und den Luxus eines reichen Industriellen hätte haben können. Doch er erinnerte sich recht schnell wieder daran, dass es zwischen John und seinem Vater nicht immer einfach gewesen war.

„Ist das dein Zimmer?“, fragte Rodney, als er im oberen Stockwert eine weitere Tür öffnete und vorsichtig hinein lugte.

Die Frage hätte sich eigentlich erübrigt, denn das Zimmer sah so gar nicht nach einem erwachsenen Sohn und Erben eines reichen Geschäftsmannes aus. Es hatte noch immer den Hauch eines Jugendzimmers. Poster von verschiedenen Flugzeug- und Automodellen hingen an der Wand, Pokale, die Siege in sportlichen Wettkämpfen bezeugten, standen auf einem Regal. Bücher über Mathematik, Comics und Zeitschriften über das Surfen, waren ordentlich in das Regal geräumt worden. Hier war im Laufe der Zeit offenbar nicht viel verändert worden.

„Hier hat sich wohl nicht viel verändert, was?“, gab Rodney schmunzelnd von sich.

„Nein“, antwortete John und sah sich nur kurz gedankenverloren um, bevor er sich auch in den anderen Räumen umsah.

Die Untersuchungen und Durchsuchungen im Haus hatten nichts ergeben und selbst Agent Barrett konnte nur vermelden, dass der blaue Transporter vor einigen Tagen als gestohlen gemeldet wurde. John war dermaßen in Fahrt, dass er Rodneys Jammern und Meckern über eintretenden Hunger rigoros ignorierte und noch zur Firma seines Vaters fuhr.

Aber auch dort schien alles in Ordnung zu sein. Von der Tatsache mal abgesehen, dass sich Francine, Daves Vorzimmerdame wunderte, plötzlich den verlorenen Sohn des alten Sheppard Senior wiederzusehen und einfach so in das große Büro einzulassen, damit er und seine Kollegen es mehr oder weniger auseinandernehmen konnten.

„Aber was ist denn los?“, wollte die mittlerweile fünfzigjährige Sekretärin wissen.

„Ist etwas kompliziert zu erklären. Aber … kamen in den letzten Tagen oder Stunden irgendwelche … merkwürdigen Anrufe oder Briefe oder Derartiges an?“, wollte John wissen, worauf ihn die Sekretärin verdutzt ansah.

„Ich verstehe nicht ganz. Was für merkwürdige Briefe oder …“

„Francine, bitte. So etwas wie … Drohbriefe oder Anrufe. Erpresserbriefe oder Lösegeldforderungen“, erklärte John genauer und musste sich stark beherrschen, seine Geduld im Zaum zu halten.

Doch er wartete nicht lange darauf, von der der verwirrten Sekretärin eine Antwort zu bekommen. Stattdessen gab er Rodney ein Zeichen, sich Daves Computer zu widmen, während John sich an Francines Schreibtisch zu schaffen machte.

„Aber was … was soll denn das?“

„Dave ist verschwunden. Er wurde entführt. Und jetzt suche ich nach Hinweisen, wo er sein könnte oder wer dahinter stecken könnte.“

„Entführt?! Um Gottes Willen! Aber … aber da müssen wir sofort die Polizei benachrichtigen und … und … und das FBI und …“

„Francine, beruhigen Sie sich. Wir halten die Polizei da raus. Glauben Sie mir, das ist besser.“

„Ja, aber …“

„Ich kümmere mich darum, okay? Ich werde ihn schon finden.“

Nach langem und gutem Zureden hatte John die Sekretärin beruhigen und davon abhalten können, die Polizei zu rufen. Es würde gerade noch fehlen, dass ständig die Polizei und Agenten der Bundesbehörde herum schnüffelten, wo doch das Stargate-Programm selbst noch der Geheimstufe unterlag.
Er fand heraus, dass keinerlei Drohbriefe oder Lösegeldforderung oder der gleichen eingegangen waren. Die Durchsuchung des Firmenkomplexes lief zwar noch, doch John war sich mittlerweile sicher, auch hier nichts zu finden. Er wurde von Stunde zu Stunde besorgter, frustrierter, aber auch gereizter. Das fiel auch Rodney und Ronon auf.

„Wir sollten nochmal mit diesem Graham sprechen. Vielleicht weiß er noch was“, meinte Ronon, als er John für diese Idee zu gewinnen versuchte.

Er kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, dass er jeden Moment den letzten Nerv verlieren konnte und wollte ihn daher in sicherer Umgebung wissen. Ausraster waren bei John zwar ziemlich selten, aber wenn es um seine Familie oder um Menschen in seiner näheren Umgebung ging, dann war Johns Geduldsfaden in solchen Situationen ziemlich dünn.

Stargate-Center, Colorado, Cheyenne Mountain

Die Gespräche lagen mehr oder weniger bis auf weiteres auf Eis. Die aktuelle Situation um David Sheppards Entführung stand im Moment im Vordergrund und so hatten sich die Mitglieder des IOA als auch die Antiker zurückgezogen und warteten auf Neuigkeiten. Grahams Operation war lange vorbei und er war bereits wieder auf den Beinen, sodass er Patrick beim nervösen Hin und Hergehen Gesellschaft leistete, nachdem er erst noch das Stargate bewundert hatte. Doch im Grunde versuchte er die Eindrücke und Geschehnisse der letzten Stunden zu verarbeiten, was ihm nur schwer gelang.

Genau wie Carol. Angespannt stand sie am großen Fenster des Konferenzraumes und blickte hinunter zum Stargate. Sie hatte es aufgegeben, ihren Mann zu bitten, mit dem Hin und Herlaufen aufzuhören, denn es dauerte niemals lange und er vergaß alles um sich herum und zog erneut Gräben in den Boden.
Die Sorgen übermannten sie und sie konnte es nicht verhindern, dass ihre Sicht erneut durch Tränen verschleiert wurde und sie leise schniefen musste. Doch Patrick hatte es mitbekommen und nahm sie tröstend in die Arme.

„Dave ist ein großer, cleverer Bursche. Ihm geht es bestimmt gut.“

„Woher willst du das wissen, Rick? Wer weiß, wer ihn entführt hat und warum. Wer weiß, was sie wollen und was sie … was sie mit ihm machen.“

„Denk doch nicht an so was, Liebes. Ihnen geht es wahrscheinlich um das Stargate-Programm oder um Geld. Sie werden ihm nichts tun, denn sonst … sonst hätten sie wohl kein Druckmittel mehr.“

„Wir wissen doch gar nicht, was sie wirklich wollen. Vielleicht wollen Sie sogar … Nancy!“, entfuhr es Carol, als sie die jüngere Frau in der Tür zum Konferenzraum stehen sah.

„Ich wollte nicht stören … ich …“

„Du störst doch nicht, Kind“, gab Patrick schnell zurück.

„Ich wollte mal hören, ob es schon Neuigkeiten gibt.“

„Leider noch nicht. John nimmt das Haus auseinander um Hinweise zu finden und gerade müsste er in der Firma sein. Ich hoffe er findet etwas. Vielleicht gab es ja Drohungen oder … oder irgendetwas, das …

„Patrick, sei mir nicht böse“, begann Graham zu sprechen, „aber es gab doch schon zu deiner Zeit Drohungen und Erpressungsversuche. Und die meisten hatten noch nicht einmal etwas in der Hand. Es waren nur irgendwelche Spinner, die glaubten, dich nervös machen und kräftig abzustauben zu können.“

„Jetzt haben sie aber etwas in der Hand, Graham! Sie haben meinen Sohn. Es muss irgendetwas geben. Und wenn ich jeden einzelnen Brief, jede einzelne Botschaft, jeden einzelnen Zettel selbst auseinandernehmen muss, um den Entführer zu finden … Gott ist mein Zeuge, ich werde es tun.“

„Dann sollte ich Sie darüber informieren, dass Colonel Sheppard gleich zurückkehrt … und er hat Arbeit mitgebracht“, meinte General Landry, der sich der mehr als angeregten Unterhaltung im Konferenzraum anschloss.

Tatsächlich dauerte es auch nur wenige Augenblicke, bis John mit Ronon, Rodney und Agent Barrett im Konferenzraum materialisierte. Mit ihnen mehrere Kisten. Über und über mit Akten, Papieren, Ausdrucken, Briefen und Notizen gefüllt, die darauf warteten, genaue unter die Lupe genommen zu werden.

„John? Hast du … hast du etwas Neues?“, wollte Carol wissen, doch John konnte nur mit dem Kopf schütteln.

„Der Transporter, in dem man euch gesteckt hatte, wurde vor einigen Tagen als gestohlen gemeldet. Es wird weiter nach ihm gefahndet. Die Security um das Haus wurde mit Betäubungspfeilen außer Gefecht gesetzt und im Pferdestall kaltgestellt. Das Haus war sauber. Keine Wanzen oder Ähnliches, auch Daves Computer ist sauber. Niemand hatte versucht, sich da rein zu hacken. Keine Fingerabdrücke, kein Nichts“, erklärte John resigniert und ließ sich frustriert in einen Stuhl am Tisch fallen.

„Und in der Firma?“, hackte Patrick nach.

„Da war auch alles sauber. Aber wir haben das übliche Material eingesammelt“, meinte John und deutete auf die Kisten. „Francine meinte, dass beinahe täglich irgendwelche Droh- und Erpresserbriefe von Verrückten oder Umweltschützern eingehen würden. Ich habe das Material der letzten vier Wochen mitgebracht. Vielleicht ist ja diesmal ein schwarzes Schaf dabei.“

„Machen wir uns an die Arbeit. Die Zeit drängt“, erklärte Patrick, schnappte sich eine der Kisten und leerte sie mit einem gekonnten Schwung auf dem großen Tisch.

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Mittlerweile waren einige Stunden vergangen und man war bereits bei der letzten Kiste angelangt. Einige Email-Ausdrucke, Briefe oder Erpresserschreiben kamen zwar in die engere Auswahl, doch John glaubte nicht so recht daran, unter ihnen die berühmte Nadel im Heuhaufen gefunden zu haben. Dennoch bestand Patrick darauf, genauer nachzuforschen und somit war Agent Barrett mehr oder weniger zum Telefondienst verurteilt worden und trug die neuesten Erkenntnisse über Umweltschützer, kleine Lichter im Erpressergewerbe, aber auch Neider und Konkurrenten zusammen, die sich letzten Endes doch als wertlos herausstellten.

Man konnte die Frustration mittlerweile förmlich greifen. Selbst Rodney knabberte eher lustlos an seinem zweiten Sandwich und Ronon hatte sich noch nie gerne mit Papierkram begnügt, weshalb er immer wieder zu John sah und fast flehend darum bat, irgendwas anderes tun zu können.

„Ich weiß, ich weiß. Du willst lieber etwas zum draufhauen oder erschießen. Aber im Moment kann ich leider nicht damit dienen, okay?“, erklärte John und sah zufrieden zu, wie sein Freund Ronon sich wieder der Korrespondenz widmete.

„Vielleicht sollten wir noch weiter zurückgehen“, schlug Carol vor, doch erstaunlicherweise winkte Patrick ab.

„Nein, es hat keinen Sinn. Welcher Idiot schreibt denn eine Drohung oder einen Erpresserbrief und wird erst sechs bis acht Wochen später tätig?“

„Jemand, der glaubt, dass sein Opfer nicht mehr so vorsichtig ist und dadurch bessere Chancen sieht, zuzuschlagen“, knurrte Ronon und warf den Stapel Papiere, die er durchgesehen hatte, wieder in die Kiste zurück.

„Mag sein. Aber derjenige wusste, was ihn am Haus erwarten würde. Er hat Vorkehrungen getroffen. Der geklaute Transporter, die Betäubungspfeile für die Securityleute …“

„Du meinst es muss jemand sein, der uns kennt? Der weiß, wie er an uns herankommt, ohne großes Aufsehen zu erregen oder in Fallen zu tappen … oder an der Security zu scheitern?“, fragte Patrick an John gerichtet.

„Wäre doch möglich.“

„Und wer? Ich meine, alle, die wir kennen oder die Dave kennen, hätten doch gar keinen Grund ihn zu entführen. Sie hätten es nicht nötig.“

„Wir haben noch keine Lösegeldforderung, Mom. Wer weiß, was sie von ihm wollen.“

„Oder von uns“, kommentierte Hank, der sich wieder der Unterhaltung anschloss.

„Sir?“

„Ich habe Walter alles und jeden auf den Kopf stellen lassen. Auch bei uns ist nichts dergleichen eingegangen. Abgesehen von den üblichen Verrückten und Verdächtigen, die wir beobachten, weil sie glauben, zu wissen, was in diesem Berg wirklich vor sich gehe. Aber jedenfalls nichts, dass darauf schließen lässt, dass sie David Sheppard hätten.“

„Das gibt es doch einfach nicht“, stöhnte John. „Keine Forderungen, keine Meldungen, keine Hinweise, keine Spuren, kein Lebenszeichen, nichts! Das kann doch nicht wahr sein!“

„Was ist eigentlich mit dem Trust? Könnte er vielleicht dahinter stecken, um an John oder jemand anderen zu kommen?“, spekulierte Rodney fragend.

„Die Überprüfung läuft noch, aber bisher … in letzter Zeit war es auch recht ruhig um den Trust. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie dahinter stecken könnten.“

„Hm … als ob er es geahnt hätte“, murmelte Graham gedankenverloren.

„Bitte?“

„Oh, ich … habe nur gerade an Dave und das, was er neulich gesagt hatte, denken müssen.“

„Wieso? Was hat er gesagt?“, forschte Patrick nach.

„Ach, es war eigentlich … es war der erste Tag in der Firma, nachdem er von diesem Ort, wo er euch besucht hatte, zurückgekehrt war und mir diese Nummer gab. Ihr wisst schon … falls mal etwas … er meinte, das in der Welt manchmal merkwürdige Dinge geschehen … so was eben.“

„Merkwürdige Dinge … ich glaube das trifft es wohl nicht ganz“, murmelte Patrick, als Walter den Konferenzraum betrat.

„Sir, verzeihen Sie bitte. Senator Trasman ist in der Leitung und bittet um ein Gespräch unter vier Augen. Ich bin nicht ganz schlau daraus geworden, worum es gehen sollte, aber ich denke es hat irgendwas mit dem Stargate-Programm zu tun und er hätte noch einige Fragen diesbezüglich.“

„Senator Trasman? Er war doch erst kürzlich hier und hat sich ein Bild von dem Stargate-Programm machen können. Was will er denn noch? Spricht er auch für den Rest der Senatoren?“

„Nein, Sir. Das ging jedenfalls nicht aus dem Gespräch hervor.“

„Moment! Moment! Sprechen Sie gerade über Senator Trasman? Senator Mason Trasman?“, fragte Graham aufgeregt nach.

„Ja. Stimmt etwas nicht? … Kennen Sie ihn?“, wollte Landry wissen.

„Leider nur zu gut“, knurrte Patrick hervor. „Mason Trasman war früher ein … wie soll ich sagen … ein sehr anstrengender Geschäftsmann und ein harter Knochen. Er war einer der stärksten Konkurrenten, die ich hatte, als ich noch selbst in der Firma saß und mich um die Geschäfte kümmerte. Ich bin mehr als einmal mit ihm zusammen geeckt. Aber ich hatte ihn eigentlich immer recht gut im Griff und …“

„Ich glaube es einfach nicht. Ich glaube es nicht! Ich Idiot!“, begann Graham zu fluchen.

„Was ist denn los?“, fragte diesmal John nach und wurde immer ungehaltener.

„Ich hätte es wissen müssen. Er hat es wirklich geahnt. Er hat … wieso habe ich nicht gleich daran gedacht? Verdammt nochmal!“

„Graham! Himmel nochmal! Jetzt sag doch endlich, was los ist“, forderte Patrick etwas lauter.

„Er hat Mason hier gesehen!“

„Wer? Dave?“

„Ja! Er … das war in diesem Gespräch, von dem ich eben erzählte. Dave meinte, dass manchmal die merkwürdigsten Dinge geschehen und das diese Nummer für Notfälle sei. Ich sagte ihm, dass mir das Gespräch plötzlich nicht mehr gefiele, und hackte nach. Ich habe mir eben Sorgen gemacht. Er meinte, eine Veröffentlich würde schnell voranschreiten und er hätte hier jemanden gesehen. Er hätte Mason Trasman gesehen. Wir haben uns dann noch darüber unterhalten, welchen Ärger du immer mit ihm hattest, und schlug ihm vor, dass wir ihn und andere im Auge behalten sollten. Dann hatte er mich nur noch gebeten, die Nummer gut aufzubewahren und nicht weiter zu geben. Er …“

„Du glaubst, Senator Trasman steckt hinter Daves Entführung?“ , kam es verblüff von Carol.

„Zuzutrauen wäre ihm wohl alles“, kommentierte Graham.

„Ich weiß nicht. Er hatte immer mit harten Bandagen gekämpft und so manches Mal wanderte er über einen schmalen Grat und auf dünnem Eis, wenn es ums Geschäft ging, aber Entführung? … Zumal er nun in der Politik ist. Sein Sohn hat die Geschäfte übernommen“, zweifelte Patrick.

„Ja, das stimmt. Und er macht seinem Vater alle Ehre. Dave ist schon einige Mal mit ihm aneinandergeraten. Wie du mit seinem Vater. Ist wohl auch Vererbung. Allerdings … kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Thomas … mit noch härteren Bandagen kämpft. Ich habe einmal erlebt, wie er ausgerastet ist, als ihm Dave zuvor kam und einen sehr lukrativen Vertrag abgeschlossen hatte. Patrick … der Junge ist nicht ganz in Ordnung. Er … er kennt keine Grenzen. Er will immer mit dem Kopf durch die Wand. Koste es, was es wolle. Ich glaube … ich weiß nicht recht, aber … wenn er durch seinen Vater vom diesem Programm erfahren hat, glaubt er vielleicht, dass er das Millionengeschäft schlechthin einheimsen könnte.“

„Und Senator Trasman meldet sich nun, um es in die Wege zu leiten. Glauben Sie das wirklich?“, fragte Landry zweifelnd nach.

„Wäre doch möglich. Warum sonst meldet sich Trasman gerade jetzt? Und warum nur er alleine … ohne die restlichen Senatoren? Welche Fragen kann er noch haben, die nicht bei der Führung oder in den Berichten beantwortet wurden? und warum ein Gespräch unter vier Augen?“, schlussfolgerte John.

„Sheppard, der Mann ist Senator und das sind heftige Anschuldigungen, die Sie noch nicht einmal beweisen können. Sie können sich und uns in Teufels Küche bringen.“

„Ich weiß, Sir, aber ich habe da eine Idee.“

~~~///~~~

John hatte es schon immer gehasst, seine Mutter besorgt oder aufgebracht zu sehen. Auch nach all den Jahren und ihrem Aufstieg hatte sich nichts daran geändert. Nur waren seine Mittel, Möglichkeiten und Wege diesmal nicht mehr so stark eingegrenzt. Wenn er erst einmal den Verantwortlichen in die Finger kriegen würde … Dennoch mussten er und seine Familie sich gedulden. Senator Trasmans Reise von Los Angeles nach Colorado würde gerade mal drei Stunden dauern. Für John ging es allerdings nicht schnell genug. Am liebsten hätte er ihn herbeamen lassen und gleich in ein Verhörzimmer gesteckt. So konnte er in der Zwischenzeit aber seinen Plan ausarbeiten.

Mit Ach und Krach hatte er seine Familie und Graham dazu überredet, sich zurückzuziehen und sich bei den Gesprächen auch zurückzuhalten. Doch John hatte wieder einmal nicht mit der Sturheit und Verbissenheit seines Vaters gerechnet. Er ging Landry solange auf den Geist, bis dieser sich damit einverstanden erklärte, das Gespräch mit dem Senator in seinem Büro zu führen und eine Videoübertragung ins Quartier der Sheppards schalten zu lassen.

John hatte nachdenklich den Weg zu Alexas Quartier zurückgelegt und atmete noch einmal tief durch, bevor er anklopfte. Alexa für den Plan zu gewinnen, wäre das kleinste Problem. Er wusste, dass sie sich auf eine gewisse Art verpflichtet fühlte und sich revanchieren wollte. Auch jetzt, in einer Zeit, in der sie sich ohnehin nicht besonders wohl fühlte und arge Probleme hatte. Daher wäre auch ihre Familie noch immer bei ihr. Und da begann das größere Problem. Was hielt ihr Vater davon? Vermutlich war es ein enormer Pluspunkt, dass für Alexa keinerlei Gefahren drohten. Und doch könnte er sich an dem General die Zähne ausbeißen. Könnte er ihn überzeugen, oder reichte Alexas Wunsch und Wille, sich für die Hilfe bei der Suche nach ihrer Familie und ihrer und Dorians Befreiung zu revanchieren, aus? John musste es darauf ankommen lassen.

„Colonel!“, begrüßte ihn Elisha, die auf sein Klopfen reagiert und die Tür geöffnet hatte, „Gibt es schon Neuigkeiten, was Ihren Bruder betrifft?“

„Kann man so sagen und deswegen bin ich hier.“

„Ah ja?“

„Ich bräuchte Alexas Hilfe.“

„Wobei?“, erklang auch schon die neugierig und auch leicht misstrauische Stimme des Generals.

„Wir haben einen Verdacht, was die Identität von Daves Entführer angeht. Er, oder vielleicht auch nur ein Mitwisser ist auf dem Weg hierher, in der Hoffnung, ein äußerst lukratives Geschäft abschließen zu können. General Landry und ich wollen ihn ein wenig in die Mangel nehmen und könnten Ihre besondere Gabe dabei gut gebrauchen“, erklärte John und richtete sich direkt an Alexa, die eingemummelt in eine Decke und einer Tasse Tee schlürfend auf ihrem Bett saß.

„Meine … Gabe? Ich verstehe nicht ganz.“

„Graham hat sich daran erinnert, dass Dave ihm erzählt habe, Mason Trasman hier gesehen zu haben, als er von Atlantis zurückkehrte. Mason Trasman war früher ebenfalls ein Geschäftsmann und in der Energiewirtschaft tätig und er war ein ernst zu nehmender Konkurrent meines Vaters. Jetzt hat er einen Sitz im Senat. Sein Sohn hat die Geschäfte übernommen, allerdings nicht sehr erfolgreich. Und nun …“

„Nun glauben Sie, dass sein Sohn oder vielleicht beide für das Verschwinden Ihres Bruders verantwortlich sind.“

„Exakt“, erwiderte John und schmunzelte leicht, als Alexa seine Gedankengänge nachverfolgen konnte.

„Aber was lässt Sie so sicher sein, dass sie dahinter stecken?“

„Na ja, Mason Trasman war mit einer ganzen Gruppe Senatoren hier und hat sich im Rahmen der baldigen Veröffentlichung des Stargate-Programms angesehen und alles erklären lassen. Es kommt mir ein wenig merkwürdig vor, dass er nun nochmal hier erscheinen will. Und das alleine und angeblich wegen eines Gesprächs unter vier Augen.“

„Hm, vielleicht will er gestehen“, kommentierte Dorian und schnappte seiner Schwester den letzten Keks vor der Nase weg, die ihn daraufhin aber nur mit ungläubigen Blicken bedenken konnte.

„Glaube ich weniger. Ich kenne ihn nicht besonders gut, aber nach allem was mein Vater und Graham mir über ihn erzählt haben, ist er nicht der Typ für Geständnisse jeglicher Art“, gab John zweifelnd zurück.

„Was genau erwarten Sie von mir, Colonel?“

John hatte nicht lange gebraucht, um seinen Plan zu erklären und nachdem er dem General versichert hatte, dass Alexa weder das Stargate-Center verlassen müsse, noch Gefahr für sie bestünde, schein er zähneknirschend einverstanden zu sein.

Während John sich noch im Hintergrund halten und auf ein Zeichen der Antikerin warten wollte, stellte Landry dem Senator ganz beiläufig die Außerirdischen vor. Trasman schien fasziniert zu sein. So fasziniert, dass er beinahe sein eigentliches Anliegen vergaß und sich in Gespräche mit den Antikern verfing. Es fiel John schwer, abzuwarten und ruhig zu bleiben, doch durch die Übertragung, die er mit seiner Familie in deren Quartier verfolgte, konnte er erkennen, dass Landry und Alexa, wenn auch im geringen Rahmen, der ihr möglich war, versuchten, ihn in eine gewisse Richtung zu bringen. Und es schien allmählich zu funktionieren.

„Wenn Sie sich die Rechte und Patente auf Ihre Forschungen, Erfindungen und Technologien sichern lassen, können Sie ein sehr glücklicher Mann auf Erden werden, Dorian“, erklärte Trasman süffisant grinsend.

„Sie meinen auf finanzieller Ebene? Geld hat mich noch niemals interessiert, Senator“, erwiderte Dorian sicher und ging nicht weiter auf Trasmans Anspielungen ein.

Alexa allerdings hatte noch nicht viel von Trasman auffangen können. Jedenfalls nichts, was für John nützlich sein konnte. Sie musste wohl einen Schritt weiter gehen. Und da ihr dieser Senator, abgesehen von der möglichen Mittäterschaft an Daves Entführung ohnehin unsympathisch erschien, scheute sie sich nicht davor, direkter und vielleicht auch ein wenig unverschämter zu werden.

„Sie müssen wissen, Senator, unsere Gesellschaft agierte zu unseren Zeiten schon seit Generationen ohne finanzielle Zahlungsmittel. Was wir brauchten, stellten wir selbst her. Mag sein, dass es unter Umständen auch ein wenig luxuriös oder pompös wurde, aber Kapitalismus und Gier zählten dennoch nicht zu unseren Sünden. Wie heißt ein Sprichwort der Erde? Geld verdirbt den Charakter.“

Die Aussage schlug auf Trasman ein wie eine Bombe. Auch wenn man ihm nichts ansehen konnte, so konnte Alexa doch deutlich eine emotionale Regung ausmachen. Ob es Empörung oder ein Gefühl des ertappt Seins war, konnte sie allerdings nicht recht unterscheiden. Vielleicht musste sie noch einen Schritt weiter gehen.

„Es gibt da aber noch ein anderes Sprichwort. Geld regiert die Welt“, fuhr sie fort und beobachtete Trasman ganz genau. „Unsere sehr frühe Gesellschaft bediente sich einst zwar an finanziellen Zahlungsmitteln und trieb auch oft Handel dadurch. Doch je weiter wir uns entwickelten, desto mehr wurde uns klar, das Geld unsere Kultur unter anderem in eine Klassengesellschaft unterteilte. Die Probleme, die dadurch entstanden, dürften Sie wohl zu gut kennen.“

„Nun, man muss natürlich damit umgehen können“, erwiderte Trasman, dem das Gespräch langsam aber sicher etwas unangenehm wurde.

„Man muss seine Grenze kennen.“ Alexa ließ die Worte auf den Senator wirken und tatsächlich schien sich eine gewisse Beklemmung in ihm auszubreiten. Jetzt hieß es dranbleiben. „Kennen Sie Ihre Grenzen, Senator?“

„Alexa“, mahnte Tristanius, dem das Vorgehen seiner Tochter etwas zu forsch und unverschämt erschien.

„Ich darf doch wohl sehr bitten!“, verteidigte sich nun auch Mason und zupfte an seiner Krawatte.

„Wie weit gehen Sie? Erfüllen Sie sich nur den einen oder anderen Wunsch oder ist das Verlangen schon so groß, dass Sie die Grenzen der Legalität überschreiten und zur Kriminalität greifen, um das zu bekommen, was Sie wollen?“

„Das ist eine Unverschämtheit! Das ist …“

„Diebstähle und Raubüberfälle oder eher Betrug und Fälscherei? Nein, jetzt habe ich es. Erpresserischer Menschenraub, Geiselnahme oder noch besser: Entführung und Erpressung.“

Und da war es. Das eindeutige Gefühl der Gewissheit und der Schuld. Dabei hätte sie noch nicht einmal in ihm lesen müssen, seine körperlichen Rektionen waren so eindeutig. Sein Herzschlag beschleunigte sich derart, dass Alexa den stark pochenden Puls an seinem Hals sehen konnte, an seiner Stirn trat eine Ader hervor, er begann zu schwitzen, seine Pupillen waren verengt und er presste die Lippen fest zusammen. Alexa erinnerte sich plötzlich an Teile ihrer Ausbildung. Das Beobachten von Personen war für ihre Arbeit manchmal überlebenswichtig, aber auch jetzt war sie froh, dass gerade diese Erinnerungen nun zurückkehrten.

Seine Hände sprachen ebenfalls Bände, besonders seine Zeigefinger, die in der Regel für Detailwissen und Gedankenmobilität standen und gerade sehr aktiv an Uhr, Kragenknöpfen und anderem tippten und spielten. Der Mann wusste eindeutig etwas und Alexa hatte ihn gerade ertappt.

Wie abgesprochen stellte sie eine emphatische Verbindung zu John her, ohne dabei den Blick von Trasman zu nehmen, denn sie war noch nicht fertig mit ihm.

Tristanius stöhnte innerlich auf, denn er wusste, dass sich seine Tochter gerade in etwas verbissen hatte und nun nicht mehr locker ließ und Dorian grinste, weil er seine Schwester schon lange nicht mehr so in Fahrt gesehen hatte.

„Wo ist er?“

„Wie bitte? Ich weiß nicht, was hier los ist und was mit Ihnen vorgeht, aber Sie können sicher sein, dass Sie noch …“

„Wo ist David Sheppard?“, wiederholte Alexa ruhig, als John den Konferenzraum betrat.

„Was zum … John? John Sheppard?“ Mason Trasman schien nun gänzlich überfordert als er den Sohn seines einstigen Bekannten und Konkurrenten erkannte, doch er ordnete seine Gedanken und fasste sich. Man hatte ihn praktisch überführt und doch glaubte er, noch einen Ausweg zu finden. Im Grunde konnten sie ihm nichts. Er war Senator und selbst dem Militär wären die Hände gebunden. Mit allem hatte er gerechnet. Nur nicht mit Außerirdischen, die mehr als unangenehme Fragen stellten und einem verschollen geglaubten Sheppard-Sohn, der ihn mit finsteren Blicken bedachte. „Was machst du denn hier? Ich … ich dachte du wärst in der Antarktis. Hast du doch mal die Füße stillhalten können, hm? Geht es jetzt wieder bergauf mit dir?“

Es war ein verzweifelter Versuch, durch einen mehr als lächerlichen Small Talk Ablenkung und Entschärfung zu schaffen. Doch John blieb souverän und umkreiste den Senator langsam. Er wollte ihn nervös machen. „Dafür kann es für Sie bergab gehen.“

Das war für General Landry das Zeichen, mehrere Soldaten herbeizuwinken und sich zwischen den Senator und seinem Offizier zu stellen. „Colonel Sheppard ist Kommandant des militärischen Kontingents der Atlantis-Expedition. Er begleitete die Familie Thalis zu den Gesprächen mit dem IOA, als ihn die Nachricht über die Entführung seines Bruders erreichte.“

„Entführung? Und jetzt denkst du, dass ich etwas damit zu tun habe? Ich bitte dich, John. Das kann nicht dein ernst sein.“

„Entweder es ist auf Ihrem Mist gewachsen oder Sie wissen zumindest etwas davon.“

„Das ist doch lächerlich! Eine absurde Anschuldigung, für die du noch nicht mal Beweise hast.“

„Ich habe das Wort von Alexa“, erwiderte John abermals, worauf ihn der Senator verwirrt ansah.

„Oh, hat man es Ihnen nicht gesagt. Commander Thalis ist Empathin. Sie kann in Ihnen lesen, wie in einem Buch.“

Quartier der Sheppards

„Das ist doch sinnlos. Mason wird nichts sagen. John wird keinen Ton herausbringen und seine Gefühle zu erspüren wird uns auch nicht verraten, wo Dave festgehalten wird“, stöhnte Patrick, als er auf den Bildschirm starrte und der Diskussion im Konferenzraum folgte.

„Warte doch ab, Patrick. Alexa hat ihn ertappt und John nimmt ihn in die Mangel“, versuchte Carol ihren Mann zu beruhigen, obwohl sie selbst arg mit ihrer Nervosität und ihrer Sorge zu kämpfen hatte.

„Es wird nichts bringen. Mason ist aalglatt und unglaublich stur und nun auch noch Senator. Für John und Landry gibt es kein rankommen, ihnen sind die Hände gebunden. Nicht mehr lange und er kann jeden Moment stolz grinsend und unbehelligt hier raus stolzieren, während wir Dave vielleicht nie wieder sehen. Sie kennen ihn nicht so wie ich … mit ihm muss man anders umgehen.“

Patrick verlor die Geduld und faste kurz entschlossen einen Entschluss, als er zielstrebig aus dem Quartier steuerte, während Carol Mühe hatte, ihren Mann einzuholen. Ihn von seinem Vorhaben abzubringen hätte auch keinen Sinn. Sie kannte seine Sturheit nur zu gut. Sie konnte nur hoffen, dass sie sich nicht noch mehr Probleme schafften.

Konferenzraum

„Das ist doch Wahnsinn! Zuerst beschuldigt man mich der Entführung und nun kommt man mit Gedanken- und Gefühlsleserei daher. General, ich kann Ihnen versichern, dass diese Anschuldigungen nicht ohne Folgen für Sie und Sheppard bleiben werden. Das wird ein Nachspiel haben“, pfefferte Mason Landry entgegen und machte sich daran, den Raum zu verlassen.

Doch kaum, dass er zur Tür gelangte, erblickte er jemand, mit dem er im Leben nicht gerechnet hätte. Masons Gesichtszüge entgleisten förmlich. „Patrick?“

„Das Spiel hat gerade erst angefangen, Mason. Wo ist mein Sohn? Wo ist Dave?“

Los Angeles

Es war Carolyns wunderschönes Gesicht, dass Dave zuletzt sah und mit dem sein Unterbewusstsein ihn aus seiner Bewusstlosigkeit wecken wollte.

Dave blinzelte einige Male verwirrt, hustete und spürte Schmerzen aufkommen, als er merkte, dass er noch immer gefesselt auf dem Boden dieses Kellers lag. Es dauerte eine kleine Weile, bis er wieder so weit bei klarem Verstand war, seine aufkommende Panik in den Griff bekommen hatte und sich mühevoll wieder aufrichten konnte.

Es musste doch einen Weg hier raus geben. Das kleine Oberlicht in diesem Raum brachte zwar nicht viel Licht in Dunkle, aber es reichte aus, um ein kleines abgesägtes Wasserrohr an der unteren Wand zu erkennen. Wenn er es schaffen würde, sich dorthin zu begeben, konnte er sich durch die scharfe Kante von seinen Fesseln befreien und einen Weg aus diesem verfluchten Keller finden. Womöglich sogar durch das Oberlicht. Ja! Und mithilfe des großen schweren Regals, das auf der anderen Seite des Kellerraumes an der Wand stand, könnte er das Fenster sogar erreichen, ohne großartig klettern zu müssen.

Dave machte sich ans Werk und kämpfte sich am Boden kriechend zu dem Rohr. Er musste Geduld zeigen und auf die Zähne beißen, als er immer wieder abrutschte und sich an der scharfen Kante des Rohrs schnitt, doch er hatte die Fesseln bald gelöst und betrachtete seine zitternde geschundene Hände.

Die Schnitte waren zum Glück nicht tief und bluteten auch nicht allzu stark. Aber die Ärzte würden doch schon einiges zu tun haben. Oder … nein, Carolyn hätte wohl einiges zu tun. Die Gedanken an die hübsche junge Ärztin und die Hoffnung, sie und seine Familie bald wieder zu sehen, ließen ihn plötzlich lächeln und weitere Kraft schöpfen.

Mit der Hoffnung schnellsten aus seinem Gefängnis zu entkommen, zog und drückte Dave das schwere Regal zum kleinen Oberfenster. Doch er hatte gerade mal die Hälfte der kleinen Strecke zurückgelegt, als es heftig zu schwanken begann und von Dave nicht mehr am Umfallen gehindert werden konnte. Ein ohrenbetäubender Lärm und aufwirbelnder Schmutz und Staub ließ Dave in Deckung hechten.

Es war zum verrückt werden! Er hätte durch das Regal locker zum Oberfenster klettern und daraus entwischen können. Nun aber war es praktisch in zwei Hälften zerbrochen und er hatte immer noch eine etwas mehr als zwei Meter hohe glatte Wand zu überwinden. Vom Öffnen des Fensters ganz zu schweigen.

Daves Gedanken rasten. Ihm musste schnell etwas einfallen, denn dieser Krach war bestimmt überall zu hören und könnte seine Entführer und vielleicht auch Wachen wieder auf den Plan rufen. Und was dann geschehen würde, wollte er sich lieber nicht vorstellen.

Es war vielleicht gar nicht so verkehrt, dass das Regal in zwei Teile brach. So würde es sich leichter bewegen und stapeln lassen, auch wenn es nicht mehr ganz so hoch war. Aber jetzt musste es schnell gehen. Dave mobilisierte seine letzte Kraft, drückte das eine Regalstück näher zur Wand mit dem Fenster und hievte das Zweite darüber. Eine kleine improvisierte Treppe, die es ihm sogar ermöglichte, problemlos das Fenster zu öffnen. Er hielt sich am Fenstersims, zog sich stöhnend und ächzend nach oben und quetsche sich durch die kleine Öffnung.

Ein kleiner Plumps folgte, der ihm die Luft aus den Lungen trieb, aber er war in Freiheit. Schnell raffte er sich auf, sah sich um und rannte los, als er bereits die Stimmen seiner Entführer durch das Innere des Gebäudes hören konnte. Man hatte seine Flucht entdeckt.

Es dämmerte bereits und Dave hatte einen kleinen Wald erreicht. Es fiel ihm schwer, klar zu sehen, wohin er lief und was vor ihm auf dem Boden lag. Immer wieder stolperte er über Wurzeln und Steine, streifte Äste und Sträucher, die ihm seine Arme und das Gesicht verkratzten. Seine Lunge brannte, die Wunden und Glieder schmerzten, er hatte Hunger und Durst und die Entführer waren ihm noch immer dicht auf den Fersen.

Dave rannte immer schneller, immer weiter. Immer wieder stolperte er, fing sich oder fiel zu Boden. So auch jetzt. Mit einem Aufschrei, den er sich wirklich nicht mehr verkneifen konnte, stolperte er über einen größeren Stein und lande bäuchlings auf dem kalten, feuchten Waldboden. Ein scharfer Schmerz durchzog seinen rechten Knöchel. Er wusste zunächst nicht, ob er gebrochen war. Er hatte keine Zeit, es zu überprüfen. Dave atmete gegen die Schmerzen, robbte sich einige Meter vorwärts und wagte es dann, wieder auf die Beine zu kommen.

Humpelnd schaffte er noch gerade mehrere Meter, als die Entführer ihn eingeholt hatten und Dave zum stehen bleiben zwang, als man ihm den Weg versperrte.

„Wo soll´s denn so eilig hingehen, Mister Sheppard?“

Dave hatte nicht so schnell reagieren können, als einer der Männer ihm mit einem dicken Ast direkt in die Magengrube schlug. Keuchend und stöhnend krümmte sich Dave zu Boden, japste erneut nach Luft. Doch seine neu gewonnene Freiheit wollte er so schnell nicht aufgeben, als er nach etwas Dreck auf dem Boden griff, um es einem der Männer ins Gesicht zu werfen.

Für einen kurzen Moment hatte er sich zumindest einen vom Hals schaffen können, doch seine Kameraden reagierten schnell. Während einer nach ihm griff, um seine Mobilität einzugrenzen, schlug der andere abermals auf ihn ein und traf mit einem heftigen Faustschlag auf sein Kinn. Benommen fiel Dave wieder zu Boden, worauf man ihn erneut grob packte und auf die Füße zog. Ein letztes Mal wollte er sich gegen seine Gegner aufbäumen, trat um sich, befreite sich kurzfristig aus dem festen Griff und schlug auf einen Dritten ein. Doch seine Freiheit endete abrupt. Jemand griff nach seinem Handgelenk, drehte es ihm schmerzhaft auf seinen Rücken, zwang ihn somit erneut zu Boden und hielt dort eisern fest. Doch seien Pein war noch nicht zu Ende.

„So nicht, Freundchen! Hättest du die Füße stillgehalten und etwas abgewartet, wärst du vielleicht ohne größere Blessuren freigelassen worden, aber so…“

Der Chef der Band nickte einmal und kurz darauf ertönte ein leises Knacken. Daves schmerzerfüllter Schrei hallte durch den Wald.

Colorado, Cheyenne Mountain, Stargate-Center

Konferenzraum

„Patrick? Du … du … wie ist das möglich? Du bist doch …“

„Tot? Ja, da hast du verdammt recht. Ich bin tot und verdammt sauer und du weißt doch sicherlich noch, dass es niemals eine gute Idee war, mich zu reizen. Also … wo ist Dave?“, verlangte Patrick zu wissen und verlieh seiner Stimme mehr Nachdruck, als er Mason zurück in den Raum drängte.

„Du … du denkst, dass ich etwas damit zu tun habe?“

„Ja, das denke ich. Das und noch viel mehr. Außerdem vertraue ich auf Commander Thalis Fähigkeiten. Sie haben uns schon einmal gut geholfen. Und nun spuck´s schon aus! Wo ist Dave?!“

„Ich … ich …“

„Muss ich wirklich ungemütlich werden, Mason? John und der General können dir vielleicht nichts. Aber ich schon. Ich bin vielleicht tot, aber ich kann dir das Leben zur Hölle machen.“

„Du hast ja keine Ahnung, mit wem du dich jetzt anlegst, Patrick. Ich bin kein Geschäftsmann mehr, ich bin nun Senator. An mich wirst du nicht herankommen.“

„Da irrst du dich. Es hat sich nur wenig geändert. Du bist noch immer so Macht- und Geldversessen wie eh und je. Du schickst deinen Sohn in die Schlacht, der sich nicht besser zu helfen weiß, als unliebsame Konkurrenten verschwinden zu lassen. Du und Thomas, ihr seid noch immer die gleichen Feiglinge, Lügner und Betrüger seit je her.“

„Vorsicht Sheppard! Du solltest besser auf deine Worte achten.“

„Warum? Willst du mich sonst auch verschwinden lassen? Was glaubst du, damit erreichen zu können? Noch mehr Macht noch mehr Geld noch mehr Ansehen noch mehr Einfluss?“

„Ich bitte dich Patrick. Was soll denn das?“

„Ich bin tot, Mason. Von mir kannst du nichts bekommen. Nichts außer einer Menge Ärger. Dave wird dir nichts nützen. Er würde dir niemals etwas zahlen und auch sonst nicht helfen. Und John … John ist Soldat und ein hochdekorierter Colonel. Er braucht nur einmal kurz mit seinem Vorgesetzten zu reden und ihm stünden Technologien zur Verfügung, die du dir nicht einmal in deinen kühnsten Träumen vorstellen kannst. Es wäre dir unmöglich Dave, mich oder dich irgendwo auf diesem Planeten zu verstecken, in der Hoffnung niemals gefunden zu werden“, erklärte Patrick und hoffte, dass der General oder John ihm jetzt nicht noch einen Strich durch seinen Bluff machte.

Doch sie hielten sich zurück, während Mason noch immer perplex zwischen Patrick, Carol und John hin und her sah. Es war ihm unbegreiflich, wie er plötzlich mit einem doch eigentlich toten Mann reden konnte oder wie man hinter sein Geheimnis kam. Was konnte diese Außerirdische noch alles in ihm lesen? Verwirrt sah er zu ihr, doch ihr Blick war nicht zu deuten.

„Colonel Sheppard hat recht. Ich kann in Ihnen lesen, wie in einem Buch. Sie haben etwas zu verbergen. Sie wissen von David Sheppards Entführung du Sie kennen seinen Aufenthaltsort. Ich rate Ihnen, Ihre Grenzen zu beachten und nicht zu übertreten“, meinte Alexa mahnend, als sie zu Mason aufsah, der vor ihr stand.

„Wo ist Dave, Mason? Sagst du es freiwillig oder soll John deine Häuser, deine Büros und deine Firmen Stück für Stück auseinandernehmen?“

„Ich …“

Wieder sah Mason zu der Antikerin, als er glaubte, von ihr starr gemustert zu werden. Las sie etwa wieder in ihm? Was konnte sie noch in Erfahrung bringen?

„So weit ich mitbekommen habe, ist die Gesellschaft der Erde sehr globalisiert und medienbewusst. Fernsehen, Zeitung, Internet … Ich kann mir nicht vorstellen, dass Schlagzeilen über eine Ermittlung in einer Entführung ,gute … wie heißt, es noch? … gute Publicity für einen Senator ist.“

„Nein, das dürfte so ziemlich das Ende sein. Ein ziemlich trauriges Ende, wenn man nicht vorher die Bremse anzieht“, kommentierte John, der Mason noch immer im Auge behielt.

„Und wenn die Entführung noch nicht einmal das Einzige wäre … hm, Mason? Wie war das damals? Miserable Arbeitsbedingungen in deinem Werk, Betrug, Industriespionage …“

„Dafür gibt es keine Beweise!“

„Und wieder irrst du dich. Ich habe damals deinen Spion, den du in mein Unternehmen geschleust hast, dabei erwischt, wie er meine Vorarbeiter und Ingenieure über den Vorstand, unsere Entwicklungen und Ausschreibungen ausfragte. Ich habe ihm angeboten, die Kurve zu kriegen und sich für den richtigen Weg zu entscheiden. Aber du musst ihm ziemlich viel gezahlt haben. Wahrscheinlich auch, als er später den Unfall in deiner Firma hatte. Die Maschinen zu manipulieren und es als Eigenverschulden darzustellen, war nicht nur dumm, sondern auch niederträchtig. Aber das passt ja zu dir.“

Wieder machte sich Trasman empört daran, den Raum zu verlassen, als sich Ronon, der überraschenderweise auftauchte, ihm in den Weg stellte. Seine Größe und seine Miene schienen bei dem Senator Wirkung zu zeigen, als er erschrocken zurücktrat und sich beinahe verzweifelt umsah.

„Zum Glück, hat sich der gute Mann besinnt und besuchte mich nach seiner Reha. Allerdings nur, um mir von deinen miesen Machenschaften mit deinen Arbeitern und deinen Geschäftspartnern zu berichten und mir die Wahrheit über seinen Unfall zu erzählen. Der Mann hatte am Ende tatsächlich mehr Charakter als du.“

„Das ist das Geschwafel eines alten verbitterten Mannes, der über seinen Unfall und die daraus resultierende Behinderung nicht hinwegkommt. Du hast nichts in der Hand.“

„Wieder falsch. Als der gute Hennesey so bei mir war, haben wir uns sehr nett unterhalten. So nett, dass es ihm nichts ausmachte, dass ich dieses Gespräch auf Band aufnahm und ihn schließlich sogar ein Geständnis über seine Spionage, zu der du ihn angestiftet hast, mit allen Details und sogar einer Unterschrift darunter, überreden konnte. Beides existiert noch. Ich brauche John nur mitzuteilen, wo ich das Beweismaterial versteckt habe. Eine kurze Recherche nach Hennesey und du bist die längste Zeit Senator gewesen.“

„Das … das wagst du nicht!“

„Sag mir, wo Dave ist, oder ich sorge dafür, dass das Material an die Presse und den Senat geht! Ich mache dir das Leben zur Hölle, Mason. Ich schwöre es dir!“

Mason Trasman fand keinen Ausweg mehr. Er sah keinen Weg mehr, sich oder gar seinen Sohn zu retten. Es war alles verloren.

„Dass du so weit gehst … dir war das Geschäft, die Ehre und das Ansehen doch immer das Wichtigste. Du hast dich noch nicht einmal um deinen Sohn gekümmert, der in der Wüste Mist gebaut hat. Lieber hast du ihn im Eis verrotten lassen, als dich zu einem in Ungnade gefallen Soldaten als Sohn zu bekennen. Was bringt dich jetzt dazu, dich auf gleiche Stufe zu stellen und mir mit solchen Schritten zu drohen?“

„Dass du von Ehre sprichst … hm! Ich habe Fehler gemacht, ja. Aber der Tod kann einen durchaus läutern. Meine Familie, das Leben meiner Familie, meiner Söhne ist mir wichtiger. Ich gelte auf der Erde als tot, Mason. Ich lebe bei John auf Atlantis … Ich bin wirklich gestorben, genau wie Carol vor zwanzig Jahren. Aber wir sind aufgestiegen. Doktor Jackson hat dir damals doch bestimmt davon berichtet …“

Mason antwortete nicht. Es war auch nicht nötig. Patrick konnte praktisch seine Gedanken in seiner Miene lesen und Alexas Gelassenheit verriet ihm ebenfalls, dass er zwar aufmerksam zuhörte, aber noch stärker in Gedanken verfiel.

„Irgendwas haben wir auf jener Ebene wohl falsch gemacht und so hat man uns zur Strafe zurückgeschickt. Man hat uns unsere menschliche Form zurückgegeben und vor einigen Wochen erschienen wir in unserem Haus und haben Dave dabei fast zu Tode erschreckt. In seinem Unwissen und seiner Ratlosigkeit informierte er John, der uns hierher brachte. Wir erfuhren, was mit uns geschehen war. Aber da die ganze Sache mit dem Stargate, den Außerirdischen und dem Aufstieg noch immer Geheimsache ist, entschied man sich, uns in Atlantis leben zu lassen. Dave hat uns dorthin begleitet und wir lernten alles über die Antiker. Wir lernten uns neu kennen und wir sprachen über die Vergangenheit und die Zukunft. Über unsere Fehler und über unsere Verhalten. Über unsere Problem und unsere Zukunft, die noch in den Sternen steht …“

Patrick trat näher an Mason und sah ihm fest in die Augen. Mason schluckte. „Dave war nicht hier um Geschäfte mit dem Militär, mit dem Stargate-Center abzuschließen. Er war hier, weil er gerade von Atlantis zurückkehrte und sich wieder seiner Arbeit widmen wollte. Heute wollten wir uns hier wieder treffen, bevor wir in ein paar Tagen nach Atlantis zurückkehren.“

„Kein Geschäft“, wisperte Trasman getroffen.

„Kein Geschäft. Es war eine falsche Annahme, von der du ausgegangen bist. Die du Thomas mitgeteilt hast. Es gab niemals Gespräche über Geschäftsbeziehungen zum Stargate-Center. Daves Anwesenheit hier war reine Privatsache. Familienangelegenheiten.“

„Ich … ich … ich habe es nicht gewusst.“

„Wo ist er, Mason? Wo hältst du ihn fest?“

„Ich … ich habe versucht, es ihm auszureden. Ich habe ihm gesagt, er solle ihn laufen lassen. Er würde sich eine Menge Ärger einhandeln, wenn er jemanden entführt und gefangen hält. Seit seine Mutter tot ist und seine Frau ihn verlassen hat …“

„Wo ist Thomas? Wo hält er Dave fest, Mason?“

„Ich habe das nicht gewollt, Patrick. Das musst du mir glauben. Ich wollte niemals so weit gehen. Und Thomas auch nicht. Glaube mir bitte. Du hast nur immer … du hast immer die besseren Argumente und Beziehungen gehabt. Du hattest immer mehr Erfolg und … du warst einfach immer besser als … ich und ich wollte nur einmal … ich wollte, dass Thomas Erfolg mit meiner Firma hat. Er hat mir versprochen, dass er ihm nichts tun würde. er …“

„Mason, wo ist er?!“, fragte Patrick ein letztes Mal, bevor er endgültig die Geduld verlieren würde.

Das Gestammel seines einstigen Konkurrenten interessierte Patrick eigentlich recht wenig. Er wollte seinen jüngsten Sohn nur wieder in Sicherheit wissen. Er sah, wie Mason mit sich rang und wie ihm immer mehr bewusst wurde, dass nun alles zu Ende sei.

Das Leben, das er bisher kannte, das er bisher führte, war durch die wahnsinnige Idee seines Sohnes zu Ende. Er konnte selbst nicht glauben, wozu sein eigener Sohn fähig war und wie weit er gegangen war. Er konnte auch nicht glauben, dass er sich von seinem Sohn zu dieser hirnrissigen Idee hatte überreden lassen. Es war klar, dass es schief gehen musste und in Mason machte sich ein schrecklicher Gedanke breit.

Was, wenn sein Sohn David Sheppard niemals gehen lassen wollte? Was, wenn er Dave irgendetwas antun würde? Oder er bereits verletzt war? Er hatte Dave nur aus einiger Entfernung gesehen und konnte keine Verletzungen feststellen. Aber die Bereitschaft zur Gewalt war bereits durch die Entführung erkennbar geworden.

Mason resignierte. Es hatte keinen Sinn mehr. Seine Firma, sein politisches Amt, sein Ansehen, sein Einfluss und auch sein eigener Sohn waren verloren. Er würde es nicht verkraften und verantworten können, wenn Blut floss und David Sheppard womöglich sogar sterben würde.

„Mason …“, mahnte Patrick ein letztes Mal

„Er ist in unserem Bürokomplex im Industrieviertel bei San Ramon in Kalifornien. Gebäude B, im Keller.“

~~~///~~~

„Ich hätte es wissen müssen. Meinem Alten kann man nicht trauen. Sie haben ihn tatsächlich klein gekriegt … und sieh mal einer an! John Sheppard! Der verloren geglaubte Bruder! Wie kommt der denn hier her?“, murmelte Thomas, als er an der oberen, verlassenen Straße etwas im Abseits stand und zu dem Firmenkomplex hinunter sah.

„Was soll das bedeuten?“, wollte einer seiner Helfer wissen.

„Lieutenant Colonel John Sheppard! Air Force Pilot. Wollte Daddys Firma nicht übernehmen und ging lieber zum Militär. So weit ich weiß, war er eine Zeit lang in Afghanistan und hat dann Mist gebaut. Das Resultat war eine Degradierung zum Major und eine Strafversetzung in die Antarktis. Nur jetzt ist er hier und sucht nach seinem kleinen Bruder … wie hat er davon erfahren, wenn er doch … ?“

„Ein Colonel? So war das aber nicht abgemacht!“, regte sich sein Helfer auf und bemerkte gar nicht, wie Thomas angestrengt überlegte.

Er hatte verfolgt, wie mehrere Wagen auftauchten, John Sheppard, sowie Dutzende bewaffnete Männer ausstiegen und das Gebäude stürmten. David Sheppards Fluchtversuch zwang ihn praktisch, ein neues Versteck zu suchen. Thomas Trasman fühlte eine gewisse Verzweiflung in sich aufkommen. Er wusste weder, wo er Dave Sheppard nun hinbringen, noch, was er mit ihm anstellen sollte. Sein Fluchtversuch und der Verrat seines eigenen Vaters machten es ihm praktisch unmöglich, ihn doch noch irgendwann freizulassen. Sheppard wusste nun, wer hinter seiner Entführung steckte und sein Vater hatte die Kavallerie verständigt. Oder wäre es vielleicht doch besser …

„Vielleicht sollten wir ihn freilassen. Wir lassen ihn hier. Entweder sie finden ihn oder er verreckt in der Sonne“, meinte Thomas, der noch immer dem Geschehen auf dem Firmengelände folgte.

„Wozu?“, fragte einer seiner Helfer.

„Damit wir ein Problem weniger haben.“

„Ein Problem weniger?!“

„Das Geschäft ist vom Tisch. Mein Vater hat geredet. Sie sind uns auf der Spur und Dave …“

„Damit sie uns drankriegen?!“, entgegnete der Entführer aufgebracht.

„Sie kriegen uns doch ohnehin dran! Man! Ich habe einen Sheppard entführen lassen und man sucht schon nach uns. Mein Vater weiß es und hat geredet und er ist Senator! Weißt du, was das bedeutet?“

„Daran hättest du vorher denken sollen!“

„Nein. Nein … sie wären so oder so dahinter gekommen. Überleg mal! Ein Sheppard verschwindet und plötzlich steht ein Senator vor der Tür und will ein Geschäft anleiern. Es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen.“

„Dann hättest du aber immerhin den Vertrag und müsstest dir nie wieder Sorgen machen. Und was ist mit der Belohnung, die du uns versprochen hast? Was glaubst du, wie lange meine Jungs und ich noch für dich die Drecksarbeit machen, hm?“, fragte der Helfer.

„Ich mache mir keine Sorgen. Habe ich noch nie. Ich weiß, was wir jetzt tun! Ich habe den Flieger startklar machen lassen. Wir suchen ein neues Versteck für Sheppard und fliegen dann ab. Ich kenne einen Ort, an den wir uns zurückziehen können. Ihr werdet euer Geld bekommen, sobald man für ihn und die Information über seinen Aufenthaltsort gezahlt hat. Danach gehen wir getrennte Wege und niemand muss etwas erfahren.“

„Und wenn er währenddessen wieder versucht, abzuhauen?“

„Tja, dann wirst du dir im Interesse deiner Belohnung eben etwas einfallen lassen müssen, damit er unsere Gastfreundschaft noch eine Weile genießen kann. Übrigens, auch ein Sheppard läuft nicht auf den Händen … du hättest sein Bein oder seinen Fuß nehmen sollen. Wir fahren zum Flughafen, da wird es bestimmt ein nettes ruhiges Plätzchen für ihn geben. Unterwegs lasst ihr mich nochmal am Hauptbüro raus. Ich habe noch etwas zu erledigen und komme dann nach. Und versuch erst gar nicht, irgendwelche krumme Touren. Die Maschine wird nur auf meine Anweisung starten, klar?“

Thomas warf das Fernglas zurück ins Handschuhfach, wies seinen verbrecherischen Helfer an, ebenfalls einzusteigen und sich auf den Weg zu machen. Missmutig scheuchte dieser seine Jungs zurück in den Transporter, in dem man auch Dave wieder verfrachtet hatte.

Wieder an Händen und Füßen gefesselt lag Dave auf dem Boden und konnte vor Schmerz kaum klar denken. Sein Handgelenk war gebrochen und die unbequeme Lage und die Fesseln verschlimmerten die Pein umso mehr. Er hätte am liebsten laut geschrien und gehofft, sein Bruder hätte ihn hören können. Aber der Knebel in seinem Mund erstickte jeden Laut. Alles, was von ihm zu hören war, war Stöhnen, Ächzen und ein leises Wimmern.

„Man, halt´s Maul! Bevor ich mir wirklich noch deine Beine vorknöpfe!“, maulte der Helfer und schlug die Tür des Transporters zu.

Sekunden später rasten sie davon.

Zur gleichen Zeit im Firmenkomplex

Die Türen flogen auf, wurden dabei fast aus den Angeln gerissen, ein ganzer Trupp bewaffneter Männer stürmte in sämtliche Räume und Bereiche des Kellers, alles wurde auf den Kopf gestellt, doch auch der letzte Raum war bis auf ein umgestoßenes Regal leer.

„Sir, die augenscheinliche Durchsuchung des Kellers verlief negativ. Kein Zeichen Ihres Bruders. Er ist nicht hier“, berichtete einer der Männer des Einsatztrupps, während John sich das kleine Chaos stutzig ansah.

„Nein, aber er war hier“, gab John zurück, als er offenbar die Überreste von strickähnlichen Fesseln auf dem Boden entdeckte.

Kurz darauf entdeckte er auch das abgesägte Rohr, an dem sich sein Bruder wohl von den Fesseln befreit haben musste, denn es hingen noch einige Fasern des Strickes daran. Ebenso konnten Blutspuren ausgemacht werden. Johns Kiefer mahlten, als er zu dem umgefallenen Regal und dann zum Fenster sah.

„Sie haben ihn hier wohl einsperren wollen. Er hat sich an dem Rohr von den Fesseln befreit, das Regal umgestoßen und ist raus geklettert.“

„Clever“, kommentierte Ronon.

„Ja, aber wo ist er jetzt? … Belfont, schicken Sie Suchtrupps raus, die das Gelände absuchen. Er kann nicht weit gekommen sein. Vor allem nicht, wenn er verletzt ist“, meinte John zu einem Mann des Einsatztrupps und sah sich weiter nach irgendeinem Anhaltspunkt um.

„Oder sie haben ihn wieder eingefangen und bringen ihn wo anders hin. Muss ziemlich gekracht haben, als es umfiel. Das fällt auf“, erklärte Ronon, nachdem er sich an dem Regal zu schaffen gemacht hatte.

„Ja.“

Das klang plausibel und auch irgendwie wahrscheinlicher. Ronon hatte wohl recht. Sie mussten Dave wieder eingefangen haben und brachten ihn nun wo anders hin. Nur wohin? Die Umkreissuche überließ er Belfont und Agent Barrett. Sie würde ohnehin wahrscheinlich negativ ausfallen. Vielleicht könnten einige Spuren und Anhaltspunkte gefunden werden. Doch John hatte im Grunde keine andere Wahl. Vor allem hatte er genug.

Die Sucherei machte wenig Sinn. Der Drahtzieher musste gefasst werden. Und das war nun einmal Thomas Trasman. Wenn er ihn erst einmal hatte, wäre es ein Leichtes, Dave zu finden. Und John hatte bereits eine Ahnung, wo er suchen musste.

Los Angeles

Eilig hatte Thomas Trasman seine Unterlagen zusammengesucht, die Fragen seiner Sekretärin harsch abgetan, einige seiner Mitarbeiter in der Firma grundlos zurecht gewiesen und war gerade dabei, das Büro wieder zu verlassen, als die Türen aufschwangen und John eintrat.

„Wo soll´s denn hingehen?“

„Du? … Wie kommst du hier her?“

„Ich habe mit dem Finger geschnippt … wo ist Dave?“

„Was?“, stotterte Thomas und weichte langsam zurück, denn John und Ronon kamen ihm immer näher und der Gesichtsausdruck der beiden, besonders der des großen Hünen behagte ihm gar nicht.

„Du hast mich schon verstanden. Wo ist Dave?“

„Du denkst … du denkst, ich wüsste es?“

„Ja, das denke ich. Dein Vater war sehr kooperativ und du solltest es besser auch sein. Ich frage ein letztes Mal, Thomas. Wo ist mein Bruder?“

Colorado, Cheyenne Mountain, Stargate-Center

Thomas hatte sich geweigert, zu reden und so hatte John keine andere Wahl, als ihn mit ins Stargate-Center zu nehmen. Dabei legte John kaum Wert auf die Verschwiegenheit oder die Geheimstufen, denn er ließ sich mit Thomas direkt in den Konferenzraum beamen. Thomas hingegen schien nur kurz fasziniert zu sein, doch als er seinen Vater erblickte, gerieten beide in Streitigkeiten, wobei sich zeigte, wie dünn Johns Geduldsfaden bereits war, als er grob dazwischen ging.

„Es ist mir scheiß egal, was zwischen euch beiden nicht stimmt, oder was in der Vergangenheit oder mit deiner Mutter war! Ich will wissen, wo Dave ist! Und gnade dir Gott, wenn du ihm was angetan hast …“

„Was dann, hm?! Was glaubst du eigentlich, was du gegen mich in der Hand hast?“

„Mehr als genug“, schaltete sich Patrick ein, was Thomas nur zu Anfang überraschte, „Einbruch, Nötigung, Entführung, Körperverletzung, vielleicht sogar versuchter Mord, und da dein Vater früher auch schon ganz dick im Geschäft war, was Industriespionage betrifft, kann ich mir gut vorstellen, dass du auch in diesem Bereich in seine Fußstapfen getreten bist.“

„Ihr habt nichts in der Hand! Gar nichts!“

„Ich habe zumindest die Beweise, die deinen Vater schwer belasten. Mehrfacher Betrug, Industriespionage, miserable Arbeitsbedingung in den Werken, die wahrscheinlich noch gegen die geltenden Arbeitsbestimmungen und Arbeitsrechte verstoßen. Und noch einiges andere, das er sich im Laufe seines Lebens zuschulden hat kommen lassen. Denke gut nach, Thomas. Wenn ich das alles an die Öffentlichkeit bringe, ist nicht nur er das Amt des Senators los, auch du wirst dich einigen äußerst unangenehmen Untersuchungen und Prüfungen unterziehen müssen.“

„Und was hindert Sie daran, es nicht gleich zu tun?“

„Wenn du aufgibst und gestehst, und Daves Aufenthaltsort preisgibst, könnte deine Firma mit all den Arbeitsplätzen vielleicht gerettet werden. Wenn du dich allerdings weigerst, werden die Beweise an die Öffentlichkeit gehen. Dann wird man all deine Einrichtungen und Anwesen auf den Kopf stellen. Und glaube mir, mit der Technologie, die uns zur Verfügung steht, haben wir Dave schnell gefunden.“

„Warum suchen Sie ihn dann nicht gleich selbst?“

„Weil ich dir noch eine Chance geben will. Die darauf folgenden Untersuchungen und Presseberichte werden verheerende Schäden anrichten. Dein ganzes Imperium, das dein Vater für dich aufgebaut hat, wird untergehen. Deine Kunden springen ab, du schreibst rote Zahlen, die Leute werden arbeitslos, deine Firma und Werke werden geschlossen oder kommen unter den Hammer. Du könntest auch enteignet werden. Dein Vater verliert sein Amt als Senator. Wenn ich es richtig anstelle, kann ihm sogar Hochverrat zur Last gelegt werden. Ich bin keineswegs daran interessiert, deine Angestellten und Arbeiter darunter zu leiden lassen … Und ob du es mir glaubst oder nicht, auch dich und deinen Vater will ich nicht unnötig durch die Folgen ins Unglück stürzen, aber ich habe auch keine Probleme damit, es zu tun. Ich kann dir und deinem Vater alles nehmen“, erklärte Patrick zwar ruhig, aber so bitter, dass man es ihm ansehen konnte, wie stark er sich beherrschen musste.

Sogar Alexa schien ins Straucheln zu geraten, was ihrem Vater auffiel, als er sie besorgt musterte. Ihr Gesicht zeugte von Angespanntheit, ihre Fäuste waren geballt, ihr Blick war starr auf Thomas Trasman gerichtet und ihre Atmung hatte sich beschleunigt. Sie spürte eindeutig die Wut und die Empörung der Anwesenden.

„Ihr werdet danach in einem Loch verrecken, das du dir nicht mal in deinen schlimmsten Albträumen vorstellen kannst!“, kam es wieder von John, der noch recht beherrscht schien.

„Das werden wir doch ohnehin, nicht wahr? Selbst wenn ich euch verrate, wo euer geliebter Davie steckt, wird mein Vater sein Amt als Senator abgeben müssen und ich … pfft! Die großen Sheppards haben wieder zum Schlag ausgeholt, hm? So läuft es doch schon seit Jahren, seit Jahrzehnten. Man könnte gerade meinen, dass für euch ein Monopol in der Wirtschaft herrscht. Es geht alles so, wie die Sheppards es wollen und wenn einer nicht so mitspielt, wie er soll, wird er ausgebootet. Vielleicht verlieren wir alles, aber in die Knie zwingen … in die Knie zwingen, kann ich euch trotzdem.“

„Bist du verrückt geworden?“, fragte Mason seinen Sohn, als er selbst über dessen Verhalten den Kopf schütteln musste. „Du hast vollkommen den Verstand verloren! … Sag mal, ist dir eigentlich aufgefallen, was hier los ist? Hast du nicht gesehen, wer hier steht? Thomas! Verdammt! Hier geht es nicht um Geschäfte! Hier ging es nie um Geschäfte. Patrick Sheppard lebt! Er steht direkt vor dir! Siehst du das denn nicht? Bist du schon dermaßen in diesen Wahn verfallen, dass du ihn nicht erkennst? In dieser Einrichtung gibt es etwas, mit dem man zu anderen Planeten reisen kann und John ist auf einem anderen Planeten stationiert. Als seine Eltern … von den Toten zurückkehrten, hat Dave ihn angerufen. John hat seine Familie mit zu sich genommen, weil alles, der ganze Laden hier, noch der Geheimhaltung untersteht. Auch Patrick und Carol. David war niemals hier, um Geschäfte abzuwickeln, er war hier, weil er seine Familie besuchte! Wenn ich gewusst hätte, dass es so um dich bestellt ist …“

Thomas schaltete förmlich ab. Er schien seinem Vater gar nicht richtig zuzuhören oder es interessierte ihn nicht. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen, verschränkte die Arme vor der Brust und blickte starr vor sich her.

„Aus mir werdet ihr nichts herausbekommen … aber eines rate ich euch: Ihr solltet euch beeilen. Wenn ich mich nicht in einer Stunde melde oder am Treffpunkt erscheine, wird es Dave noch schlechter ergehen, als ohnehin schon … also, viel Glück beim Suchen.“

Es war der Moment, als John die Grenzen seiner Geduld erreicht hatte. Er packte Thomas am Kragen, zog ihn vom Stuhl hoch und drückte ihn gegen die Fensterwand im Konferenzraum.

„John!“, entfuhr es Carol und Patrick überrascht und auch General Landry schaltete sich ein.

„Colonel Sheppard! Lassen Sie das!“

„Was hast du mit ihm gemacht, hm?! Wo ist er?!“, verlangte John zu wissen, ohne auf Landry oder die restlichen Anwesenden zu achten.

Thomas ließ den Angriff geradezu teilnahmslos über sich ergehen. Er wehrte sich nicht und er versuchte auch nicht, sich aus Johns Griff zu befreien. Alles was er tat, war ein höhnisches Grinsen zu zeigen.

„Sieh an, die Sheppards unter Druck und der Verzweiflung verfallen. Das ist vielleicht ein Anblick! Hätte nicht gedacht, dass es so gut funktioniert.“

„Ich warne dich! Wenn du ihm etwas angetan hast, dann …“

„Ich habe ihm gar nichts angetan. Ich mache mir doch nicht die Hände an ihm schmutzig …“

Johns Griff um seinen Kragen wurde noch ein wenig fester und somit drückte er ihn ein wenig mehr gegen das Fenster. Thomas konnte gerade noch so auf seinen Zehenspitzen stehen.

„Nein, aber meine Jungs können schon mal die Geduld verlieren. Du solltest Graham mal fragen. Upps, nein, das geht ja nicht mehr. Den Armen hat´s bei der Flucht erwischt. Zu schade! Nur so viel: Im Moment ist Dave nicht in der Lage, seine Unterschrift unter einen Vertrag zu setzen. Der Arme hat sich das Handgelenk gebrochen. Wirklich dumme Sache. Nicht, dass ihm noch Schlimmeres widerfährt. Obwohl … In einer Stunde braucht er sich darüber allerdings keine Sorgen mehr zu machen … Tick, tick, tick, Sheppard. Die Zeit läuft.“

Es hatte keinen Sinn. Thomas war weit von Vernunft und Klarheit entfernt und John würde nichts aus ihm herausbringen. Nicht auf legalem Weg und ihn in ein Verhörzimmer zu stecken und ihn mit Ronon zu bearbeiten, würden Landry und O´Neill ihm niemals erlauben. Nicht nachdem er ihn schon so angegriffen hatte. Die Konsequenzen, die ihm daraus blühen würden, waren ihm herzlich egal. Ihm ging es einzig und alleine um seinen Bruder. Er wollte und musste ihn finden.

Es war Mason Trasman, der die nächsten Schritte einleitete. „Thomas werde doch vernünftig. Es ist vorbei. Sie wissen alles. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man David findet. Du kannst das Schlimmste noch abwenden, oder willst du noch wegen Körperverletzung oder vielleicht Totschlag oder … oder Mord verurteilt werden? Ich bitte dich, Thomas. Lass es nicht so weit kommen.“

„Gib es auf, Dad. Gib auf, mir ins Gewissen reden zu wollen. Gerade du hast mir doch beigebracht, wie einfach es ist, keines zu haben.“

„Verdammt Thomas! Es reicht! Hör auf mit diesem Spiel! Hier geht es um ein Menschenleben! Wo ist Dave? Wo hast du ihn hingebracht?“

Thomas schwieg, doch sein Vater wollte nicht aufgeben und richtete sich an Alexa.

„Ich weiß, ich gelte nicht gerade als vertrauenswürdig oder … als ein Gentleman, und wir sind auch nicht die besten Beispiele für vorzeigbare, kultivierte und besonnene Menschen. Ich habe nicht gewollt, dass es so weit kommt. Ich habe niemals gewollt, dass Dave so etwas widerfährt. Für mich und meinen Sohn gibt es kein zurück mehr. Was geschehen ist, ist geschehen. Ich kann es nicht rückgängig machen, auch wenn ich es noch so sehr will. Aber ich kann auch nicht zulassen, dass mein Sohn sich des Mordes schuldig macht … ich brauche Ihre Hilfe.“

„Ich kann keine Gedanken lesen, Mister Trasman“, erwiderte Alexa ruhig.

„Ich weiß. Aber so wie ich es verstanden habe, können Sie wohl auf eine andere Art helfen … tun Sie es nicht für meinen Sohn oder für mich. Tun Sie es für Dave … es wird Zeit, das alles zu beenden.“

Für einen kurzen Moment hatte sich schweigsame Ratlosigkeit im Raum breitgemacht. In den Gesichtern der Sheppards waren unterschiedliche Regungen zu lesen und selbst, wenn man sie nicht sehen konnte, so hatte Alexa Emotionen, wie Wut, Angst, Verzweiflung, aber auch Mitleid erspüren können. Sie wusste, um, was Mason Trasman sie bat, und sie wusste, dass es kaum noch eine Möglichkeit gab, an Thomas ran zu kommen oder ihn zum Aufgeben zu bewegen, geschweige denn ein Geständnis abzuringen. Einverstanden nickte sie.

„Thomas, wo hältst du ihn fest? In einem anderen Firmenkomplex? … Im Hauptgebäude? In der Hauptniederlassung? … Auf einem unserer Anwesen?“

Mason zählte alle möglichen Ortschaften und Einrichtungen auf, die ihm auf Anhieb einfielen oder die vielleicht in einer solchen Situation Sinn ergeben mochten, doch Alexa konnte keine Regung oder Empfindung bei Thomas ausmachen.

Masons Blick fiel auf die Unterlagen, die auf dem Tischlagen und die Thomas bei sich hatte, als man ihn hier hergebracht hatte. Nachdenklich blätterte er kurz durch die Papiere und Dokumente und wurde stutzig.

„Was wolltest du damit?“, fragte Mason seinen Sohn.

„Spielt das noch eine Rolle?“

„Du wolltest dich absetzten, nicht wahr? Das sind Papiere, die du mitnehmen wolltest. Du wolltest abhauen und diese Dokumente ermöglichen dir selbst im Ausland Zugriff auf das Firmen- und Privatvermögen. Du hast Dave irgendwohin verfrachtet und wolltest abhauen. Du willst ihn ernsthaft irgendwo liegen lassen und abwarten bis er … Irgendwo … wo man vielleicht gar nicht nach ihm sucht … man würde ihn vielleicht niemals finden. Das Geschäft, das im Grunde niemals zustande gekommen wäre, ist ja jetzt vom Tisch und Dave freizulassen, stand außer Frage. Jetzt ging es darum, die eigene Haut zu retten, nicht wahr? Du wolltest ihn loswerden. Vollkommen egal, ob er stirbt oder noch rechtzeitig gefunden würde. Du wärst schon längst über alle Berge … Aber das kannst du jetzt vergessen. Ich glaube ich weiß, wo er ist.“

Mason nannte den vermuteten Aufenthaltsort von Dave und Alexa konnte bestätigen, dass es dabei eine plötzliche Gefühlsregung bei Thomas gab. Für John reichte dies aus, seine Kameraden und Agent Barrett mit seinen Leuten wieder zusammenzurufen und sich erneut und schleunigst auf den Weg zu machen. Er vertraute Alexas empathischen Fähigkeiten, doch er fragte sich, ob er seinen Bruder noch rechtzeitig erreichte, denn die Stunde war fast um. Abgesehen davon, dass er Thomas und seinen Jungs keine Minute über den Weg traute. Sie hatten auf Graham geschossen und die höhnende Botschaft über Daves gebrochenes Handgelenk hatte John auch verstanden.

Los Angeles, Flughafengelände

Die Verbrecherbande um Thomas glaubte, sich auf alles gut vorbereitet zu haben. Doch mit der raschen und gut koordinierten Erstürmung des kleinen Privathangars hatte man wohl nicht gerechnet. Da John nicht wirklich wusste, wie viele Männer Thomas engagiert hatte, wollte er lieber auf Nummer sicher gehen und nahm neben seinem Team noch die Hilfe von etwa zehn Leuten aus Agent Barretts Einsatzteam in Anspruch.

Diejenigen, die Schmiere stehen sollten, waren schnell überwältigt und in Gewahrsam genommen worden, der Pilot und der Flugbegleiter wurden ebenfalls abgeführt und die Tür zu dem kleinen Lagerraum des Hangars war auch schnell geöffnet.

„Denk nicht mal dran, Drecksack! Oder es ist das Letzte, was du tust!“, schrie John wütend, als er die Waffe auf einen der Verbrecher richtete, der gerade mit einer Eisenstange auf Dave einschlagen wollte. „Weg damit! Schön langsam!“

Ronon gab dem Verbrecher erst gar nicht die Möglichkeit, Johns Aufforderung nachzukommen. Er entriss dem Mann die Stange, warf sie in die nächstbeste Ecke und zwang ihn mit hervor gehaltener Waffe auf die Knie, sodass Agent Barretts Leute auch ihn verhaften konnten.

Der Widerstand, den die restlichen Verbrecher leisteten, war schnell unterbunden und die Situation unter Kontrolle. Doch dann konnte John seinen Bruder genauer betrachten. Geknebelt und an einen Stuhl gefesselt, war er kaum noch bei Bewusstsein. Man hatte ihn übel zugerichtet, als man ihn wohl bei der Flucht wieder einfing oder immer wieder auf ihn einschlug. Seine Kleidung und sein Gesicht waren verschwitzt, verschmutzt und blutverschmiert. Im Gesicht hatte er mindestens zwei Platzwunden, einige Schnitte und sogar an seinen Armen und den Handgelenken hatte er Schürfwunden, die er sich durch die Fesseln und das Rohr, an dem er sich zuvor befreit haben musste, zugezogen. In einem solchen Zustand hatte John seinen jüngeren Bruder noch niemals gesehen.

„Dave … Dave“, sprach John zu ihm, hob seinen Kopf sachte an, ließ seinen prüfenden Blick über ihn gleiten und machte sich daran, ihn von dem Knebel und den Fesseln zu befreien.

„John?“, wisperte Dave schwach, kaum dass er wieder sprechen konnte.

„Ja … ja, es ist alles in Ordnung. Es ist vorbei, hörst du? Es ist alles Okay. Wir bringen dich hier weg.“

„Graham … sie haben auf Graham geschossen.“

„Weiß ich. Aber er hat es geschafft. Er hat mich angerufen. Es geht ihm gut. Er ist im SGC“, antwortete John und machte sich an den Fesseln zu schaffen, was Dave schmerzvoll aufstöhnen ließ.

„Ahh, meine Hand … sie haben mir meine Hand gebrochen … als ich fliehen wollte.“

„Ich weiß, ich weiß. Tut mir leid, aber ich muss dich von diesem Scheiß Strick befreien … ich habe es gleich“, gab John zurück und bemühte sich, Dave dabei so wenig Schmerz wie möglich zuzufügen, während Ronon sich daran machte, seine Fußgelenke zu befreien.

„Kannst du laufen?“, fragte John, als er seinem Bruder aufhelfen und stützen wollte.

„Weiß nicht.“

Wieder half Ronon, packte nach Daves gesundem Arm und legte ihn um seine Schulter. Zu zweit stützten sie ihn und brachten ihn wieder auf die Beine. Doch als John abermals nach Daves Hand griff, um ihn besser halten und stützen zu können, verzog Dave erneut das Gesicht und schrie fast vor Schmerz auf.

„Tut mir leid, entschuldige“, meinte John und verzog mitfühlend und betroffen das Gesicht. Dann zog er einen kleinen Sender aus seiner Hosentasche, stecke ihn in Daves Hemdtasche und kontaktierte die Hammond.

Colorado, Cheyenne Mountain, Stargate-Center

Nur wenige Augenblicke waren seit Daves Befreiung vergangen, als sie nun im Konferenzraum des Stargate-Centers materialisierten.

„Dave! Gott sei Dank! … Um Gottes willen! Was hat man dir nur angetan?“, entfuhr es Carol entsetzt, als sie ihren jüngsten Sohn erblickte, der eher kraftlos in zwischen John und Ronon hing.

Schnell stürmte sie mit Patrick zu ihm, hob sein Gesicht an und streichelte beruhigt und erleichtert über seine Wange und seinen Kopf, was ihn wieder schmerzerfüllt aufstöhnen ließ.

„Er muss sofort in die Krankenstation“, erklärte John und machte sich mit Ronon und seinem Bruder im Schlepptau auf den Weg.

Carol folgte ihnen auf dem Schritt, nur Patrick warf Mason und seinem Sohn noch einen enttäuschten und bitterbösen Blick zu. Während Mason noch eine gewisse Scham und Bedauern zeigte, starrte Thomas stur vor sich her. Patricks Wut steigerte sich beinahe ins Unermessliche und er dachte einen Moment lang darüber nach, seine Drohung, die Beweise über die Illegalität von Mason und Thomas´ Machenschaften an die Öffentlichkeit zu bringen, wahr zu machen. Doch wirklich entscheiden und darüber nachdenken konnte er im Moment nicht. Stumm folgte er seiner Frau und seinen Söhnen, während Rodney dem General einen kurzen Bericht abstattete.

„Etwa sechs Männer hatten Dave in der Lagerhalle des Privathangars der Trasman´s festgehalten. Man hat ihn übel zugerichtet und wollte gerade mit einer Eisenstange auf ihn losgehen. Barrett und seine Leute haben alle sechs und den Piloten sowie einen Flugbegleiter in Gewahrsam genommen. Wir wissen aber nicht, in wie weit der Pilot mit involviert war, oder ob er überhaupt etwas wusste. Sie werden die Leute herschaffen und dann erfahren wir vielleicht mehr.“

~~~///~~~

Die Untersuchung von David Sheppard dauerte zwar nicht lange, aber dafür fiel die Diagnose nicht ganz so rosig aus.

Mit einem aufmunternden Lächeln entfernte sich Carolyn von ihrem mitgenommenem Patienten, um den restlichen Sheppards und allen Anwesenden einen kleinen Bericht zu geben.

„Im Moment sieht es schlimmer aus, als es in Wirklichkeit ist. Er hat zwar eine leichte Gehirnerschütterung, einige Schrammen, Kratzer und Platzwunden, die zum Glück nicht allzu tief sind. Das schlimmste dürfte aber wohl sein gebrochenes Handgelenk sein. Es muss operiert und stabilisiert werden und sein verstauchter Knöchel braucht auch ein paar Tage. Besorgniserregend ist nur seine leichte Dehydration. Aber die Tatsache, dass er, kaum, dass man ihm etwas von dem Schmerzserum der Antiker gab, schon über Hunger und Durst klagte, ist ein gutes Zeichen.“

„Aber Dave wird wieder gesund?“, fragte Carol besorgt nach, worauf die junge Ärztin aufmunternd nickte.

„Ja, er wird wieder gesund. Er braucht nur ein bisschen Ruhe und in ein paar Tagen, kann er wieder richtig laufen. Nur mit seiner Hand dürfte er wohl noch eine Weile eingeschränkt sein.“

Das war für Elisha, die sich bisher im Hintergrund hielt, das Stichwort, ihre Hilfe durch weitere medizinische Geräte anzubieten. Und tatsächlich, nach einem kurzen erstaunt sein der Anwesenden, Daves nur allzu bereites Einverständnis und Carolyns Neugier, hatte Dave nur noch eine Weile stillhalten und Tristanius sich weiteren Verhandlungsgesprächen mit dem Stargate-Center und dem IOA stellen müssen, da sie großes Interesse an der medizinischen Technologie der Antiker zeigten.

Natürlich gab es immer noch einige Punkte, deren Nennung und Erläuterungen dem Antiker-General gar nicht behagten, dennoch schien er die Delegation des IOA und dessen recht anmaßenden Vorsitzenden ganz gut im Griff zu haben und so konnten am Ende des Tages doch einige gemeinsame Erfolge und Vereinbarungen getroffen werden.

Dave interessierte dies alles jedoch recht wenig. Natürlich war er den Antikern dankbar. Spätestens, als er erfuhr, dass Alexa mit ihrer Empathie, seinen Vater und seinen Bruder in den Gesprächen, oder besser gesagt, in den Verhören von Mason und Thomas Trasman unterstützt hatte. Aber auch, als Elisha einige Geräte von Atlantis herbei geordert hatte, um seinen Knochenbruch innerhalb von nicht ganz einer Stunde zu heilen und dabei auch gerade die Mediziner des SGC in deren Umgang zu instruieren. Von dem schmerzlindernden Serum ganz zu schweigen. Seine blauen Flecke und die Prellungen, die Schürfwunden und die Schnitte, sogar die Kopfschmerzen, die auf die Gehirnerschütterung schließen ließen, vor allem aber der Knochenbruch, waren kaum zu spüren. Zumindest solange er ruhig da lag und das Gerät seine Arbeit machen und die Ärzte walten ließ.

Die Operation an seinem Handgelenk dauerte etwas mehr als eine Stunde und verlief ohne Komplikationen. Wenn man davon absah, dass Dave dabei in einen leichten Schlaf gefallen war. Carolyn, Elisha und Jennifer hatten sich während der Operation nicht daran gestört. Im Gegenteil, sie hatten seine Erschöpfung gut nachfühlen können und gönnten ihm die Ruhe. Problematisch wurde es nur, wenn er träumte und sich dadurch zu bewegen begann. Letzten Endes blieb ihnen nichts anderes übrig, als Daves Arm so gut wie möglich zu fixieren, um so in Ruhe arbeiten zu können.

Dave wurde erst wieder wach, als man das Heilgerät von seinem Arm entfernte.

„Ist schon gut, Mister Sheppard. Die Operation ist gut verlaufen und das Gerät hat seine Arbeit getan. Sie werden zwar noch einige Tage leichte Schmerzen verspüren und einen festen Verband tragen müssen, aber bald ist alles wieder wie neu.“

„Danke“, brachte er krächzend hervor. Er hatte noch immer großen Durst und Carolyn war sofort zur Stelle, um ihn ein weiteres Glas Wasser anzubieten.

Elisha hingegen verstaute das Gerät wieder in einer kleinen Transportbox. Es war bislang das einzige Gerät, das in der Lage war, Knochenbrüche in kürzester Zeit zu heilen. Doch durch die Vereinbarungen, die Tristanius mit dem SGC und dem IOA getroffen hatte, würde auch das Stargate-Center bald über mehrere solche und andere Geräte verfügen. Dorian würde mit dem Bau und dem Instruieren der Wissenschaftler und Ingenieure alle Hände voll zu tun haben und auch Elisha müsste den Medizinern wohl einige Lektionen beibringen.

Kurz um: im Grunde konnten eigentlich alle zufrieden sein. John freute sich, seinen Bruder doch noch rechtzeitig gefunden zu haben, Patrick und Carol waren ebenfalls sehr froh, dass nichts Schlimmeres passiert war, auch wenn die Ereignisse noch immer etwas an jedermanns Nerven zehrten und die Enttäuschung über Mason und Thomas Trasmans Verhalten immens war.

Carolyn war froh, dass Dave gefunden worden und dass sein Zustand nicht lebensbedrohlich war. Sie musste zugeben, dass auch sie sich mehr sorgte, als man es einer normalen Ärztin zugestand. Sie mochte David Sheppard. Sie mochte ihn sogar sehr und ihr fiel ein Stein vom Herzen, als dessen Bruder und Ronon ihn stützend und schleifend in die Krankenstation brachten. Dann fiel ihr noch ein größerer Brocken vom Herzen, als sie ihn untersucht hatte und zum Glück keine inneren Blutungen oder andere lebensgefährliche Verletzungen feststellen konnte. Und die Blicke und das Lächeln, das er ihr in den letzten Minuten immer wieder zuwarf, ließen sie warm ums Herz werden.

Die Verabredung zum Kaffee müsste nun vielleicht etwas verschoben werden, aber immerhin schien er es nicht vergessen zu haben, als er ein Glas Wasser annahm.

„Schade, ich dachte, wir könnten jetzt den Kaffee trinken, auf den wir uns geeinigt haben und …“

„Ah-ah. Sie haben eine Gehirnerschütterung und brauchen Ruhe. Und Kaffee wirkt anregend und belebend und ist bei einem solchen Zustand nicht empfehlenswert. Sie werden sich etwas gedulden müssen.“

„Was höre ich denn da? Kaffee?“, meldete sich Carol zu Wort als sie mit Patrick, John, Graham und auch Nancy, die sich ebenfalls nach Dave erkundigen wollte, die Krankenstation betrat.

„Hey …“, grüßte Dave freudig, „Nancy? Was machst du denn hier?“

„Meine Arbeit hat mich hierher verschlagen“, antwortete sie.

„Dann … dann weißt du, was hier so läuft?“

„Ja, ich weiß es. Nicht alles, aber so einiges“, antwortete Nancy und sah schielend zu John und den anderen Sheppards.

„Hm … verrückt, was?“

„Das kannst du laut sagen … aber ich freue mich, dass es dir wieder besser geht.“

„Ja, wir alle freuen uns sehr, Junge. Also hör auf den Doktor. Kaffee gibt es jetzt nicht, außerdem ist es schon Abend und du würdest die ganze Nacht nicht schlafen. Du brauchst aber jetzt Ruhe, also …“, erklärte Carol weiter als sie sich zu ihrem jüngsten Sohn auf die Bettkante setzte.

„Ja, ich weiß, Mom. Ich weiß“, stöhnte Dave resigniert und mit einem kleinen Lächeln, während sich Doktor Lam zu Graham wandte.

„Mister Nelson, schön, dass Sie wieder da sind. Hatte ich nicht gesagt, Sie sollen sich ausruhen? Wo haben Sie sich rum getrieben?“

„Ich … ähm … ich … na ja, die ganze Situation war ziemlich … äh …“

„Aha, ich verstehe. Aber die Situation ist nun unter Kontrolle und ich habe Ihnen Bettruhe verordnet, also …“, meinte Carolyn und wies auf die freie Liege neben Dave, aus der sich Graham nach seiner Heilung von der Schusswunde geschlichen hatte.

„Ja, Doktor“, gab Graham schmunzelnd zurück und trottete zurück zum Bett.

„Und nun zum nächsten Patienten“, meldete sich daraufhin Jennifer und wandte sich dabei an John, der sie ganz perplex ansah.

„Hey, mir fehlt nichts“, verteidigte sich John.

„Das sehe ich anders. Muss ich Sie … dich etwa an deine Begegnung mit der Rosenhecke erinnern? Oder daran, dass noch einige Termine und Sitzungen bei der Physiotherapeutin ausstehen?“

„Nein, musst du nicht. Wirklich nicht!“

„Gut. Dann kann ich davon ausgehen, dass du dich morgen im hiesigen Trainingsraum einfindest und mit Elaine, der Therapeutin, die ich bereits über dein noch schwaches Bein informiert habe, einige Übungen durchgehst.“

Dass dies keine Bitte war, hatte John schon durch den Tonfall erkennen können. Trotzdem musste er schmunzeln. Vor allem, weil Jennifer offenbar noch immer mit dem „Du“ haderte und wohl noch etwas Zeit brauchte, um sich daran zu gewöhnen.

„Okay, okay. Ich bin morgen im Trainingsraum. Keine Sorge … Jennifer. Und jetzt werde ich noch schnell Lupita Bescheid geben, bevor sie vor Sorge noch umkommt“, meinte John und machte sich daran, die Krankenstation wieder zu verlassen. Doch Dave schien andere Pläne zu haben, als er seinen Bruder nochmals zu sich rief.

„John … Danke“, meinte Dave und streckte seinem Bruder die linke Hand hin, die dieser auch ergriff.

„Lass gut sein. Ich habe schon damals in der Schule gewusst, dass ich dich wohl bis in alle Ewigkeit ständig aus allem raushauen muss. Nur, dass du es nun auch noch geschafft hast, dich entführen zu lassen …“

„Hey!“, protestierte sein jüngerer Bruder halblaut, worauf John wieder sein freches, bubenhaftes Grinsen zeigte.

„Vergiss es einfach, okay? Ich bin nur froh, dass … dass nicht mehr passiert ist.“

John verabschiedete sich kurz, um einige Telefonate zu führen und auch Landry wartete noch auf eine genauere Berichterstattung. Doch Nancys und Grahams Neugier war geweckt.

„Rosenhecke? Physiotherapie? Was hat John wieder angestellt?“, fragte Graham.

„Oh, das ist eine etwas längere Geschichte“, antwortete Patrick gedankenverloren, als er die vergangenen Wochen erinnerte.

„Macht nichts. Wir haben Zeit und ich kann ohnehin nicht schlafen“, gab Graham zurück, dem sich Dave anschloss.

„Ich auch nicht. Das war heute alles viel zu … viel. Ich fühle mich irgendwie noch ziemlich aufgekratzt.“

„Na schön. Also, vor Kurzem ging John mit seinem Team auf eine Erkundungsmission auf einen mit Pflanzen überwucherten Planeten und da entdeckte er eine Rosenhecke, die … meinen Rosen in unserem Garten wohl ziemlich ähnlich waren. Also wollte er mir einen Ableger mitbringen, aber kaum, dass er sich dieser Hecke näherte, hat sie ihn angegriffen und gekratzt …“, begann Carol zu erklären.

~~~///~~~

Für diesen Tag waren die Gespräche zwischen den Antikern, dem Stargate-Center und dem IOA beendet. Immerhin waren für beide Seiten enorme Erfolge und Fortschritte zu vermelden, und das, obwohl auch beide Seiten einige Abstriche machen mussten und hier und da mit den Zähnen knirschen mussten. Das IOA und das Stargate-Center würden sich über die Unterstützung durch verschiedenste Technologie sowie deren Erforschung erfreuen.

John hatte bereits sowohl Lupita benachrichtigen und beruhigen können, als auch Landry einen detaillierten mündlichen Bericht abgeliefert. Er hatte zwar noch damit gerechnet, sich wegen des tätlichen Angriffs auf Thomas Trasman eine gehörige Strafpredigt anhören zu müssen, doch General Landry begnügte sich mit einer kurzen Erwähnung und einem mahnenden Blick, worüber John doch sehr froh und dankbar war.

„Thomas Trasman wird nach weiteren Befragungen und Verhören höchstwahrscheinlich nach Area51 gebracht. Auch wenn das Stargate-Programm wohl sehr bald öffentlich gemacht wird, so kann schon eine Anzeige bei der Polizei, darauf folgende Untersuchungen und eine mögliche Gerichtsverhandlung mächtig Wirbel erzeugen, auf dem man im Moment gut verzichten kann“, erklärte Landry.

„Ich verstehe, General. Was wird mit Senator Trasman geschehen?“

„Das habe ich mich bis vorhin auch gefragt, doch der Senator hat erklärt, dass er morgen den Präsidenten über seinen Rücktritt informieren wird. Ich denke, im Endeffekt wird es ihm wohl nicht viel besser als seinem Sohn ergehen. Es sei denn, Ihr Vater bringt die Beweise, die er wohl gegen ihn in der Hand hat, an die Öffentlichkeit. Dann wird er sich weiteren unangenehmen Dingen stellen müssen.“

„Um ehrlich zu sein, Sir, bin ich mir nicht sicher, ob mein Vater wirklich solche Beweise gegen Trasman besitzt“, erwiderte John zweifelnd.

„Sie glauben, er hat geblufft?“

„Wäre möglich. Mein Vater ist … nun, er weiß sehr wohl, wie er mit dem einen oder anderen Individuum umzugehen hat und wie er an das kommt, was er will. Nicht auf die Art und Weise wie Trasman natürlich, aber er kann dennoch manchmal … unerbittlich sein. Außerdem hat er mir das Kartenspielen und Schach beigebracht und glauben Sie mir, ich bin mehr als einmal aufgelaufen.“

Landry musste kurz auflachen.“Nun, ob Beweis oder nicht, die politische Karriere von Mason Trasman ist ruiniert. Sein Sohn wird in Area51 bleiben, und wie es nach der Deklassifizierung aussieht, vermag ich nicht zu sagen. Für Ihren Bruder besteht keine Gefahr mehr. Jedenfalls nicht von den Trasmans. Aber … dennoch wäre es mit Sicherheit nicht verkehrt, auch Ihrem Bruder einen subkutanen Sender zu implantieren. Nun da er Geheimnisträger ist, steht er erst recht im Fokus der Aufmerksamkeit. Je nachdem, welche Informationen veröffentlicht werden, kann es auch für ihn stressig und womöglich auch wieder gefährlich werden. Durch den Sender können wir seinen Aufenthaltsort wesentlich schneller ausmachen und so auch für eine gewisse Sicherheit sorgen.“

„Ja, Sir. Daran habe ich auch schon gedacht. Es wäre vielleicht auch ganz gut, meiner gesamten Familie Sender zu verpassen. Schließlich sind wir hier im Stargate-Programm und auf Atlantis, da weiß man ja nie.“

Wieder musste Hank auflachen. „Das ist wohl wahr. Ich werde es in die Wege leiten.“

Nachdem General Landry John entlassen hatte, ging er wieder zurück zur Krankenstation und musste sofort wieder Rede und Antwort stehen, denn seine Mutter hatte bei ihrer Erzählung über Johns Begegnung mit der teuflischen Rosenhecke wirklich nichts ausgelassen und sogar noch über die vielen Abenteuer berichtet, die ihr Sohn in den vergangenen Jahren bestehen musste. Während Nancy noch mit diesen Neuigkeiten zu kämpfen hatte und mehrmals schlucken musste, fand Graham es mehr als interessant.

Patrick hatte es spätestens dann aufgegeben, seine Frau zu ermahnen und anzuhalten, nicht zu viel zu erzählen, als Graham auffiel, dass die kürzlichen Ereignisse einen entscheidenden Schnitt in der Beziehung zwischen Patrick und John gemacht haben mussten. Und tatsächlich hatte Patrick nach einiger Zeit und vielen weiteren Fragen, mehr oder weniger gestanden, sich mit John ausgesprochen zu haben. Obwohl beide sich drauf geeinigt haben, an ihrer Beziehung zueinander noch arbeiten zu müssen, und Graham schon die Details um die Problematik zwischen den beiden kannte, war es Sheppard Senior noch immer etwas unangenehm, darüber zu sprechen. Aber auch John wandte sich später unter der einen oder anderen Frage und so hatte Graham nicht weiter nachgefragt, seiner Freude über die Fähigkeit und den Willen von Vater und Sohn, sich zusammenzuraufen, aber doch Ausdruck verliehen und sie beglückwünscht, gelobt und viel Kraft und Glück für die weitere Zukunft gewünscht.

Es wurde immer Später und als auch Carolyn und Jennifer langsam aber sicher auf die nötige Ruhe der Patienten hinwiesen, begab man sich endlich zur Ruhe und zog sich auf die Quartiere zurück. Doch offenbar schien John keinen Schlaf zu finden. Kaum, dass sich die Aufregung etwas gelegt hatte, die Gespräche, Verhöre und Krankenbesuche zu Ende waren, hatte er sich nach Alexa erkundigen und sich für ihre Hilfe bedanken wollen. Doch Tristanius und Elisha haben ihn mehr oder weniger freundlich an Alexas Tür zu ihrem Quartier abgefertigt und ihm erklärt, sie sei für Besuche zu erschöpft und würde bereits schlafen.

Noch immer hatte John nicht persönlich mit sprechen und sie nach den letzten Tagen fragen können. Dass es ihr nicht besonders gut ging, hatte John bereits in Atlantis mitbekommen und spätestens, als sie sich am Gate trafen, um zur Erde zu reisen, hatte er auch einen Eindruck von ihrem Befinden bekommen. Das Bild einer verweinten, mitgenommen, leicht abgemagerten Antikerin, mit dunklen Rändern unter den Augen, würde er so schnell nicht vergessen können. Ein Bild von vielen.

Stundenlang hatte er sich hin und her gewälzt, sich gefragt, welche Erinnerungen sie wohl heimsuchten und sie in eine solche Krise gestürzt hatten. Trauer hatte man ihm genannt. Um wen würde sie so dermaßen trauern? Natürlich hatte sich ein leiser Verdacht in ihm gemeldet, doch so recht wollte er sich mit solchen Gedanken nicht anfreunden. Ihm war durchaus bewusst, dass sie auch schon vor dreizehntausend Jahren ein Leben außerhalb des Militärs gehabt haben muss. Doch John wollte merkwürdigerweise niemals weiter denken, als bis zu Freunden und Kollegen, die sie womöglich vermisste. Jeder Gedanke, der darüber hinausginge, ließ ihn eigenartige Empfindungen verspüren, die ihm ganz und gar nicht behagten und die seine Mutter wohl in eine ganz bestimmte Richtung, was John Gedanken und Empfindungen bezüglich Alexa betrafen, tendieren ließen. Irgendwann war John zu erschöpft und er schlief endlich ein.

Am nächsten Tag

Der nächste Morgen begann für John recht früh. Wirre Träume über die Entführung seines Bruders und einige vergessen geglaubte Erinnerungen schlichen sich wieder aus seinem Unterbewusstsein an die Oberfläche und ließen ihn abermals einige der schlimmsten Albträume erleben, die er seit Langem hatte.

Eine ordentliche Dusche und ein ausgiebiges Frühstück mit einem starken Kaffee ließen ihn schon munterer erscheinen, als er mit seiner Familie, seinem Team und auch SG-1 im Konferenzraum erschien und mit den Generälen Landry und O´Neill über die Geschehnisse des Vortages und die Antiker sprach. Dabei hatte Landry alle Anwesenden darüber informiert, dass Senator Trasman bereits seinen Rücktritt beim Präsidenten bekannt gegeben hatte und sein Sohn Thomas zu Area 51 gebracht wurde.

Patrick schien noch immer sehr nachdenklich über die Vergangenheit und Mason Trasman zu sein, während Carol sich allmählich von der Aufregung erholte. Auch die Diskussionen über die Antiker, die sich an diesem Tage etwas zurückziehen konnten, da man einen freien Tag zwischen den vielen Gesprächen arrangiert hatte, waren kurz und knapp verlaufen und brachten im Grunde kaum Neuigkeiten zutage.

„Wir haben zum Ende der Gespräche ein Dinner eingeplant, zu dem sie natürlich alle eingeladen sind. Ebenso auch SG-1 und ich hoffe, dass sich auch David Sheppard bis dahin wieder so weit erholt hat, um dann auch daran teilnehmen zu können. Ich denke, dass macht auch ein gutes Bild und rundet die Beziehung zu den Antikern ganz gut ab und das sie ohnehin …“

„Verzeihung, Sir“, unterbrach Walter, der Techniker den General, „der Präsident ist am Telefon und wünscht Sie zu sprechen.“

„Danke Walter … entschuldigen Sie bitte“, meinte Landry und machte sich daran, sein Büro zu betreten.

„Ich schätze, das ist die Antwort auf Trasmans Rücktritt“, kommentierte Rodney, worauf John leicht nicken musste.

Gespannt, aber doch unauffällig, versuchte man dem Gespräch zu lauschen. Aber mehr als ein „Ja Sir, Nein Sir, ich verstehe, Sir „oder andere äußerst kurz gehaltene Antworten waren nicht zu vernehmen. Mulmig wurde es den Wartenden allerdings, als Landry perplex zum Konferenzraum sah. Um genauer zu sein, hatte er Patrick Sheppard im Visier.

„Ja Sir, er ist da … ich verstehe, … Ja Sir, einen Moment …“

Landry legte den Hörer beiseite, betrat den Konferenzraum und wandte sich direkt an Patrick.

„Der Präsident möchte Sie sprechen, Mister Sheppard.“

„Mich?“

„Ja, Sie. Mein Büro steht Ihnen zur Verfügung.“

„Äh … danke“, brachte Patrick noch gerade so heraus, denn ihm selbst stand eine deutliche Überraschung ins Gesicht geschrieben. Nur kurz sah er zu seiner Frau und John, doch dann sputete er ins Büro und nahm nach einem kurzen Räuspern den Hörer auf. „Patrick Sheppard …“, meldete er sich und schluckte.

Gespannt beobachtete man ihn und versuchte nun auch seinem Gespräch zu lauschen.

„Ja … ja Sir … Na schön, Henry, altes Haus, wie geht es dir?“, brachte Patrick lächelnd heraus, worauf selbst John die Augenbrauen hochzog und sich den restlichen Staunenden anschloss. „Ja, ich bin es wirklich … ich weiß, ich kann es selbst noch nicht ganz begreifen … ja, ja das ist wirklich ein merkwürdiger Zufall. Erstaunlich, wie sich das alles entwickelt hat … Dave geht es gut. Es ist zum Glück nichts Schlimmeres passiert und seine Verletzungen konnten auch dank der Antiker schnell behandelt werden. In ein paar Tagen wird er wieder fit sein … ja, ich richte es ihm aus … Das mit Trasman tut mir auch sehr leid. Ich habe ihm schon immer einiges zugetraut und du selbst kennst ihn ja auch, aber, dass er so weit geht … In diesem Falle passt das Sprichwort: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm … ja, auch Carol ist wieder da … nein, ist sie nicht. Sie noch hübscher …“

Carol musste schmunzeln und leicht mit dem Kopf schütteln als Patrick feixend in ihre Richtung sah. „Ja, es ist wirklich unglaublich. Wer oder was auch immer dafür verantwortlich ist, ich bin ihm mehr als dankbar. Ich habe meine Frau wieder und … und meine Söhne … ja, ja natürlich, einen Moment …“, sprach Patrick weiter und rief dann nach Carol.

Auch sie sah überrascht in die Runde und begab sich dann ins Büro. Währenddessen war John aufgrund der Bekanntschaft zwischen seinen Eltern und dem Präsidenten immer mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit getreten und das behagte ihm gar nicht. Mit hochgezogenen Augenbrauen, abwartenden und fragenden Blicken, besonders seitens Landry, beobachtete man, wie John immer tiefer in seinen Stuhl kroch.

„Hallo? … Hallo, Mister Präsident … na schön, wenn du darauf bestehst, Henry … ja, es ist schön, auch dich wieder zu hören … ja, uns geht es gut … Atlantis? Oh, es ist wunderschön dort … das musst du dir mal ansehen … ja, natürlich … oh nein, sie sind wirklich sehr nett … wir verstehen uns bisher ganz gut mit den Antikern und so weit ich das mitbekommen habe, scheinen auch die Gespräche mit dem IOA und dem Stargate-Center gut zu verlaufen … ich glaube, sie würden dir gut gefallen … aber natürlich … das hast du? Na ja, es ist John. Man kennt es nicht anders von ihm … ja, es scheint, als hätte er sich wieder erholt. Er ist zäh …“

„Das ist echt … verrückt!“, meinte Rodney, der sein Staunen nicht mehr kontrollieren konnte und ständig zwischen John und seinen Eltern hin und her sehen musste.

„In der Tat“, schloss sich Teal´C an und zog eine Augenbraue nach oben.

„Ihre Eltern kennen den Präsidenten? Und sind per du mit ihm? Und er nennt ihn altes Haus?“, kam es von Cameron Mitchell, der seiner Fassungslosigkeit Ausdruck verlieh.

John konnte nur verlegen lächeln, mit den Achseln zucken und rutschte immer tiefer in seinen Sessel, als das Gespräch sich plötzlich um ihn drehte und Patrick ihn zu sich winkte. „Oh nein …“, stöhnte John, doch spätestens als Landry ihn auffordernd ansah, zwang John sich, sich zusammenzureißen und sich der Herausforderung zu stellen.

„Ja, hier ist er …“, meinte Carol und hielt John den Hörer hin.

John schluckte und sah mit großen fassungslosen Augen zu seinen Eltern, die ihn nur herausfordernd anlächelten und sein fast missbilligtes Kopfschütteln ignorierten. Dann griff auch er zum Hörer. „Colonel John Sheppard, Sir … ja, Sir … nein, Sir … um ehrlich zu sein, ich erinnere mich nur sehr vage, Sir … ja, das werde ich, Sir … danke, Sir … ja natürlich, Sir, hier ist er wieder …“

John gab den Hörer an seinen Vater zurück, der sich wieder freudestrahlend meldete und sich wieder in angeregte Unterhaltung verwickelte. Das Telefonat zwischen John und dem Präsidenten verlief im Gegensatz zu dem seines Vaters recht kurz. Doch es waren die darauf folgenden Blicke und Worte seines Vaters, die ihn verwirrten und grübeln ließen. „Ja Henry, ich weiß … ich kann mich noch sehr gut daran erinnern und kürzlich … du hast den Bericht gelesen? … nun ja, es hat uns in einigen Dingen sehr geholfen, obwohl mir andere Umstände lieber gewesen wären. Aber ich nehme, was ich kriegen kann und nun … ja, es wird ein hartes Stück Arbeit. Aber ich denke, wir beide sind mittlerweile alt genug und vernünftig geworden, sodass wir uns nicht wegen jeder Kleinigkeit an den Hals gehen, und Carol ist ja auch noch da … ja, es hat mich auch sehr überrascht und so manches hat mich auch regelrecht umgehauen … ja, das beweist auch seine vielen Freunde und seine Beliebtheit bei seinen Jungs … ja, das bin ich. Ich bin stolz auf ihn und auf Dave. Ich bin stolz auf meine Jungs …“

Patrick sprach noch eine ganze Weile mit dem Präsidenten, John und Carol begaben sich währenddessen wieder in den Konferenzraum. Wenn Landry und O´Neill ebenso überrascht waren, dann waren sie jedoch sehr gute Schauspieler und ließen sich nichts anmerken. Auch wenn es O´Neill zum Schluss doch ein kleines fasziniertes Lächeln entlockte.

„Ja das sollten wir … na ja, ich bin tot und habe daher massig Zeit, wie es bei dir aussieht, kann ich mir denken. Aber ich bin sicher, dass wir uns bald mal wieder sehen können. Und wenn du nur mal zu einer kleinen Stippvisite ins SGC kommst … ja, das mache ich … ich werde es ihm sagen. Wir sagen es ihm zwar immer wieder, aber … Nein, nein, ich glaube, um außerirdische Rosenhecken wird er von nun an einen großen Bogen machen … ja, ich verspreche es dir. Ja natürlich … ja, ja sicher … also bis dann. Es war schön, wieder mit dir sprechen zu können. Auf Wiederhören, Henry.“

~~~///~~~

Wieder einmal erwachte Alexa aus einem Albtraum, der sie mehr als aufwühlte. Die ganze Situation um ihre Erinnerungslücken, die Geheimniskrämerei ihres Vaters, das Auftauchen eines mysteriösen Fremden und die Gespräche mit den Menschen hier auf der Erde schienen ihr schlichtweg zu viel abzuverlangen. Die unterschiedlichsten Emotionen suchten sie heim und wechselten sich beinahe stündlich. Sie schien keine Kraft mehr zu haben und doch hatte sie den Drang, etwas zu tun, was ihr irgendwie helfen würde … Vielleicht laufen, oder springen, trainieren oder aber sie könnte einfach nur auf irgendetwas einschlagen, bis sie nichts mehr zu spüren glaubte.

Sie wollte nichts mehr spüren. Keine Ungewissheit, keine Unsicherheit, keine Angst, keine Sorge, keine Wut und schon gar keine Trauer. Wieder fiel ihr Blick auf den Kristall, den sie zwar immer bei sich hatte, aber einfach nicht mehr aktivieren konnte. Sie konnte das Bild ihres Versprochenen nicht mehr sehen, denn sonst verfiel sie wieder in ein Weinen, das nicht mehr aufhören wollte.

Doch je mehr sie versuchte, sich zusammenzureißen, desto größer wurde ihre Frustration. Bald würde sie die Grenzen erreichen, sie vielleicht sogar überschreiten. Aber was dann? Was würde dann passieren?

Alexa schleppte sich in das kleine Badezimmer und warf sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht. Dass Dorian sie schweigend und besorgt beobachtete, entging ihr zunächst. Der Blick in den Spiegel erschrak sie. Natürlich hatte sie in den vergangen Tagen des Öfteren in den Spiegel gesehen, doch noch niemals war sie vor sich selbst erschrocken und schockiert. Das fahle Gesicht, die Abmagerung, die dunklen Ringe unter den Augen … all das hatte sie nicht bemerkt oder nicht bemerken wollen.

Wie weit würde es noch gehen oder hatte sie ihre Grenzen nicht doch schon lange überschritten?

„Wie fühlst du dich, Al?“

„Es geht mir gut“, antwortete Alexa, als sie ihr eigenes Spiegelbild nicht mehr ertrug.

„So siehst du aber nicht aus. Du solltest etwas essen und vielleicht kann man einen Spaziergang an frischer Luft arrangieren. Es wird dir bestimmt gut tun.“

„Weißt du was mir gut tun würde, Dorian? Weißt du es?!“, brauste Alexa auf, „Es würde gut tun, mal einen Tag lang, niemandes Gefühle zu spüren. Einen Tag lang mal nicht ständig gefragt zu werden, wie es mir geht, einen Tag lang mal nicht die Sorgen und Ängste und Beklemmungen und die Heimlichtuerei der Menschen um mich herum zu spüren! Einen Tag lang nicht … nicht an den Mann denken zu müssen, den ich …“

Alexa hielt inne, atmete tief durch und ließ den Kopf hängen. Dorian hingegen schwieg. Was sollte er auch sagen? Er wusste, was sie meinte und er konnte sich vorstellen, welcher Belastung sich seine Schwester jeden Tag aussetzte und mit was sie zu kämpfen hatte. Nur helfen konnte er ihr nicht. Er wusste nicht, was er tun oder sagen könnte, um es seiner Schwester leichter zu machen. Gerade als er auf sie zuging, weil er hoffte, eine kleine Umarmung würde ihr vielleicht doch gut tun, warf Alexa das Handtuch in die nächste Ecke und stapfte davon.

„Wo willst du denn hin?“

„Deinen Rat befolgen. Ich mache einen Spaziergang.“

Zur gleichen Zeit

Während Carol und Patrick noch Rede und Antwort über die Bekanntschaft mit dem Präsidenten stehen mussten, hatte John sich davon geschlichen und seinen Bruder besucht. Doch als er merkte, dass dieser noch recht erschöpft war und immer wieder wegdriftete, entschied sich John, zum Gymnastikraum zu gehen und eine weitere Physiotherapiestunde hinter sich zu bringen. Abgesehen davon hatte er momentan ohnehin einen enormen Bewegungsdrang, da konnte man beides wohl irgendwie miteinander verbinden. John rechnete jedoch nicht mit einer unerbittlichen Therapeutin. Er musste zugeben, dass Elaine viel mehr von ihm forderte, als Lara, die schwedische Therapeutin in Atlantis.

Das würde ein gewaltiger Muskelkater werden, dachte John, als er die eine und selbe Übung immer und immer wieder machte und spürte, dass er doch noch nicht so recht fit war, als er selbst glaubte.

Als John hoffte, Elaine sei endlich fertig mit ihm, jagte sie ihn auf eine Bank, an der er mit seinen Beinen Gewichte drücken musste.

„Zehnmal, Colonel. Bei diesem Gewicht. Danach sind Sie mich los“, meinte Elaine zwar freundlich, doch John wagte es nicht so recht, zu protestieren. Einen Kommentar konnte er sich dennoch nicht verkneifen.

„Das haben Sie bei der letzten Übung auch gesagt.“

„Ich bitte Sie. Die 80 Kilo werden Sie wohl doch stemmen können.“

„Klar kann ich!“

„Na dann … worauf warten Sie?“, fragte Elaine frech und herausfordernd grinsend und sah zufrieden zu, wie John sich ans Werk machte.

Die ersten fünf bis sechsmal drücken, hatte John noch relativ locker hinbekommen, doch beim siebten kam er doch ganz schön ins Schwitzen und er spürte, wie die Kraft in seinem Bein zu schwinden begann. Im ersten Moment war er versucht, abzubrechen und seiner Therapeutin davon zu berichten, denn das Gefühl war mehr als merkwürdig. Doch dann besann er sich und es leuchtete ihm ein, dass er sein Bein seit seiner kurzfristigen Lähmung nicht mehr derart anstrengte. Elaine schien es jedoch zu bemerken.

„Alles in Ordnung? Schmerzen?“

„Nein … nein. Nur … ich glaube, so langsam reicht es für heute.“

„Ja, das denke ich auch. Ihre Nerven und Muskeln haben sich für eine solche Belastung noch nicht genügend erholt. Daher ist es umso wichtiger, die Intensität in regelmäßigen Abständen immer wieder ein wenig zu erhöhen. Immer ein kleines bisschen mehr, aber nicht übertreiben.“

„Ja, das hat Doc Ingstred hat auch gemeint.“

„Ich weiß. Es steht nämlich auch in ihrer medizinischen Akte und auf ihrem Trainingsplan. Noch zweimal und dann ist wirklich Schluss für heute.“

Zähneknirschend kam John der Aufforderung nach und war danach wirklich bedient. Elaine hatte noch einige Eintragungen in den Trainingsplan und die medizinische Akte gemacht, ihre Zufriedenheit kundgetan und dann den Gymnastikraum mit dem Versprechen, morgen wieder eine nette Übung für ihn zu haben, verlassen.

John machte es sich auf einer anderen Bank gemütlich, ließ sich nach hinten fallen, streckte die Beine weit und entspannt von sich und starrte zur Decke hinauf. Doch nach kurzem glaubte er, sich beobachtet zu fühlen und tatsächlich stand Alexa im Türrahmen. Direkt hinter ihr, ihr Bruder.

„Hey ihr zwei!“

Schnell war John wieder auf den Beinen, was diese mit ziehenden Schmerzen quittierten. Zögernd trat Alexa näher und sah sich unsicher um, während Dorian mit seinem kleinen Computer zielstrebig die nächste Bank ansteuerte und sich gemächlich darauf niederließ.

„Colonel!“, grüßten die beiden Geschwister unisono zurück.

„Ich … ich wollte mich gestern noch bei Ihnen für Ihre Hilfe bedanken, aber offenbar haben Sie schon geschlafen“, begann John das Gespräch und musterte die junge Frau.

„Es gibt nichts, wofür Sie sich bedanken müssten. Ich war es Ihnen schuldig.“

„Ich denke, ich kann es getrost aufgeben, Ihnen zu erklären, dass Sie mir nichts schulden, hm?“, brachte John feixend hervor und hoffte, der Antikerin ein Lächeln entlocken zu können, doch es schien nicht so recht zu funktionieren.

„Wie geht´s Ihnen?“, fragte John weiter, nichts ahnend, dass er mit dieser Frage ihre momentane Stimmungslage arg verstärkte.

„Es würde mir wesentlich besser gehen, wenn man mich das nicht alle fünf Minuten fragen würde“, brachte Alexa gereizt hervor und registrierte kurz darauf John überraschte Miene. „Tut mir leid, ich … ich weiß auch nicht. Was ist mit Ihnen?“

„Ach …“, meinte John und hopste leicht auf seinen Beinen hin und her, „ist schon wieder alles Okay.“

Alexa nickte, doch mit ihren Gedanken schien sie weit weg zu sein. Das bemerkte auch John.

„Keine gute Zeit, hm?“, begann John erneut.

„War es das je?“

„Wenn Sie darüber reden möchten, dann …“

„Danke, aber …“

„Mein Angebot steht immer noch. Wann immer Sie über irgendwas reden möchten, oder ich Ihnen bei irgendwas helfen kann, müssen Sie es nur sagen. Das wissen Sie, oder?“, fragte John und versuchte weiterhin einen Zugang zur ihr zu finden.

„Ja … aber manchmal … kann man einfach nicht reden … manchmal muss man andere Wege gehen“, gab Alexa zurück und entdeckte sogleich die vielen Kampfstöcke, von denen sie sich gleich ein paar kleinere aussuchte.

Gedankenverloren ließ sie die beiden Stöcke langsam durch die Luft sausen, wobei John sie noch immer besorgt musterte. Offenbar war sie in schlechter Verfassung und schien angestaute Emotionen durch Bewegung und Kampf abbauen zu wollen. Das hatte er schon einmal erlebt, als sie nach dem Bericht ihrer Mutter, die man gerade erst gefunden hatte, aufgelöst und weinend in den Trainingsraum gestürmt war und solange auf den Sandsack eingeschlagen hatte, bis dieser mit einem großen Loch zu Boden gegangen war. Technisches k.o. in der ersten Runde.

Die Erinnerungen, die kürzlich zurückgekehrt sein mussten, schienen ihr schwer zuzusetzen und womöglich wäre es auch nicht gut, sie alleine zu lassen und sie mit ihrem Frust oder anderen Gefühlen, gegen die sie nun kämpfte, im Stich zu lassen. Vielleicht wäre es sogar effektiver und hilfreicher, wenn sie jemanden hätte, der in einem Übungskampf auf sie einginge und ihr einen passenden aber kontrollierten Widerstand bot.

John hatte schnell eine Entscheidung getroffen und sich ebenfalls ein paar der Stöcke geschnappt. Schnell ging er auf den Matten in Position und forderte Alexa auf.

„Kommen Sie, auf eine kleine Sparringrunde hätte ich auch Lust.“

Auch wenn es Alexa an diesem Tag nicht besonders gut ging, so konnte sie doch selbst in einem Übungskampf recht überzeigend wirken. Schon einige Treffer hatte sie gelandet und John auch schon zum ersten Mal auf die Matte geschickt. Sie war schnell, das musste er zugeben und sie hatte seine Absichten auch recht schnell durchschauen können, doch der nächste Punkt würde ihm gehören. John ging wieder zum Angriff über. Ein schneller Schlag und ein noch schnellerer Block. Doch auch darauf schien sie gewappnet. Zwar landete keiner der beiden auf dem Boden, aber ein Punkt war auch nicht zu erreichen. Es war wohl an der Zeit, das Tempo und die Kraft noch ein wenig mehr anzuziehen.

„Halten Sie sich etwa zurück?“, fragte Alexa.

„Sie?“

„Ich lege los, wenn Sie es tun.“

„Na dann“, entgegnete John und ging mit seinem nächsten Angriff in die Vollen. Doch auch den hatte Alexa erfolgreich blocken können.

John fuhr alles an Kraft, Ausdauer und Stärke auf und dennoch kam es, dass es bereits nach kurzer Zeit, drei zu eins für Alexa stand. Normalerweise wurmte es John, wenn er derart in einem Trainingskampf unterlag, doch Alexa schien sich langsam in den Kampf rein zu steigern. Es ging ihr nicht mehr darum, die meisten Punkte zu erreichen oder gar zu gewinnen. Auch wenn der Kampf noch fair ablief, es reichte Alexa bald nicht mehr.

Sie hatte sich für eine kurze Zeit auf anderes konzentrieren und abschalten können, aber noch immer rumorten diese elenden negativen Gefühle in ihr. Gefühle, die sie einfach nur noch los werden wollte. Der Kampf dauerte weiter an und forderte beide in ihrer Konzentration und Kraft und mittlerweile schien auch John langsam aufzuholen, denn er hatte die Antikerin bereits zweimal auf die Matte befördern können. Für fast mehr als eine halbe Stunde war nichts anderes in dem Raum zu hören, als das ständige Aufeinandertreffen der Kampfstöcke und das sausende Geräusch, dass sie machten, wenn man sie schnell durch die Luft schwang.

Mittlerweile stand es unentschieden und gerade, als John zum nächsten Schlag ausholte und sie aus ihrem festen Stand bringen wollte, hatte Alexa dieselbe Taktik angewendet. Mit einem lauten Plumps fielen beide auf die Matte. Stöhnend und ächzend erhob sich John und auch Alexa war schnell wieder auf den Beinen. Ihr Gesichtsausdruck jedoch war beinahe erschreckend. Viel mehr sorgte sich John um das, was er in ihren Augen sehen konnte.

Im Gegensatz zu ihr, hatte er keine emphatischen Fähigkeiten, dennoch konnte er deutlich Wut, Ärger, Enttäuschung und Schmerz in ihren Augen erkennen und glaubte sogar, sie irgendwie selbst erspüren zu können. Er war sich plötzlich auch nicht mehr so sicher, ob ihre beschleunigte Atmung dem Tempo des Übungskampfes zuzuschreiben war, oder ob sie gerade dabei war, sich in etwas hineinzusteigern, dass sie bald nicht mehr kontrollieren konnte.

„Alexa?“

„Weiter!“

Sie sah ihm nicht in die Augen, als sie erneut Stellung bezog. Vielmehr behielt sie seine Hände im Blick, wägte ihre nächsten Schritte ab und machte sich auf einen erneuten Angriff gefasst.

John sah nur kurz zu Dorian, der schon vor einer Weile seinen Computer zur Seite gelegt hatte und dem Übungskampf mit wachsender Besorgnis gefolgt war.

„Alex, vielleicht solltest du für heute Schluss machen“, warf Dorian besorgt ein.

„Vielleicht solltest du dich aus meinen Angelegenheiten raushalten“, brachte Alexa barsch hervor und ließ John nicht aus den Augen.

„Ich gebe wohl besser Ma und Pa Bescheid“, meinte Dorian leise und sah nur noch aus dem Augenwinkel, wie John einen weiteren Angriff abwehren musste.

Dass mit Alexa etwas nicht stimmte, hatte er, kaum dass diese den Raum betrat, sehen können und ihr Zustand hatte sich bisher auch kaum verbessert. Es ging nicht mehr nur um einen Übungskampf. Alexa schien wie besessen davon, gegen etwas anzukämpfen und sie hielt sich immer weniger zurück. Sie schien unerbittlich und allmählich auch die Kontrolle zu verlieren und zudem schien sie ihre eigenen Grenzen kaum noch zu erkennen. Irgendetwas ging in der jungen Antikerin vor sich, was ganz und gar nicht gesund war. Ein Zusammenbruch stand wohl unmittelbar bevor.

Konferenzraum

Tristanius und Elisha waren bereits wieder in angeregte Gespräche vertieft, als sie Dorians Funkspruch durch den kleinen Kommunikator an Tristanius` Uniformkragen erreichte.

„Ma, Pa, entschuldigt, wenn ich euch störe, aber ihr solltet besser mal zum Trainingsraum kommen. Ich glaube Al dreht jetzt ganz durch.“

„Was soll denn das heißen?“, fragte Tristanius irritiert nach.

„Das soll heißen, dass es jetzt wohl so weit ist. Kommt schnell her.“

Trainingsraum

Dorian hatte gehofft, seine Eltern würden endlich eintreffen, doch stattdessen hatten Cameron Mitchell, Daniel, Vala und Teal´C mit Johns Familie, darunter auch ein hinkender Dave, den Trainingsraum aufgesucht. Natürlich war man noch immer über deren Bekanntschaft mit dem Präsidenten fasziniert und mittlerweile hatte man auch mehr über die teils recht berühmten Freunde und Bekannte der Familie erfahren und war neugierig. Patrick fand es recht angenehm mit weiteren Freunden und Kollegen seines ältesten Sohnes zu sprechen, während Carol hoffte, dass sich John freiwillig seiner Physiotherapie widmete und ihn nun hier antreffen könnte. Doch niemand rechnete damit, dass er sich einem beinahe erbarmungslosen Kampf mit einer in einem gefühlschaotischen Zustand befindlichen Antikerin befand.

„John! Was zum …“

„Nur ein Trainingskampf!“, entgegnete John schnell um seine Mutter zu beruhigen.

Im gleichen Moment jedoch kassierte John einen nicht gerade leichten Schlag gegen seine Hüfte, die ihn für einen Moment schwarz vor Augen werden ließ.

„Das ist doch kein Übungskampf mehr!“, meinte Patrick und sah der Szenerie mit wachsender Beunruhigung zu.

„Ich habe bereits meine Eltern hergerufen. Meine Schwester ist in keiner guten Verfassung. Ich kann sie kaum aufhalten und Colonel Sheppard … er hat wohl gehofft, ihr irgendwie helfen zu können, aber … ich glaube sie ist jetzt an einem Punkt angelangt …“

„Sie bekommt wohl einen Nervenzusammenbruch“, fuhr Carol fort und beobachtete weiterhin, wie John versuchte, die Angriffe der jungen Frau abzuwehren.

Offenbar hoffte er, dass sich bald Erschöpfung bei ihr zeigen würde und der Kampf dadurch bald zu Ende ging. Im Moment machte es jedoch einen gegenteiligen Eindruck. Alexa steigerte sich immer mehr in negative Gefühle und versuchte diese durch harte und präzise Schläge zu kompensieren.

Carols Sorge um John stieg stetig an. Auch wenn er schon mehrmals mit Alexa trainiert hatte, so war er noch immer durch die kürzliche Lähmung seines Beines und die gerade eben beendete Physiotherapiestunde angeschlagen. Bisher war er auch noch recht glimpflich davon gekommen und bis auf den einen oder anderen blauen Fleck nicht ernsthaft verletzt worden. Aber wie lange würde der Kampf noch dauern?

„Alex, jetzt lass doch endlich gut sein“, bat Dorian ein letztes Mal, Alexa jedoch reagierte nicht auf ihn.

John blockte den nächsten Angriff, doch wieder war Alexa schneller, hatte mit ihren beiden Stöcken Johns Hände einklemmen können und mit einem heftigen Schwung John praktisch über ihre Schulter hinweg zu Fall bringen können.

Unsanft landete John direkt vor Tristanius` Füßen. Der Sturz auf seinem Rücken presste ihm die Luft aus den Lungen und ließ ihn gequält ächzen und kurz husten.

„Alexa!“

Tristanius Stimme hallte lauter durch den Raum, als er es wohl beabsichtigte. Benommen sah John zu ihm auf und versuchte sich langsam wieder aufzurappeln. Tristanius griff nach seiner Hand und half ihm mit einem schnellen Ruck und ohne viel Mühe auf die Beine.

Sofort waren Carol und Patrick an seiner Seite und musterten ihn aufmerksam, während John noch immer die Benommenheit abschüttelte.

„Was hast du angestellt, dass sie dich derart angeht?“, wollte Patrick wissen.

„Ich habe gar nichts angestellt! Ich wollte ihr nur helfen.“

„Helfen? In dem du dich wieder in die Krankenstation prügeln lässt?“

„Patrick, nicht jetzt“, wandte Carol energisch ein.

Alexa hatte gerade so die Anwesenheit ihres Vaters bemerkt, als sie ihm nun mit ihrem Blick folgte. Es war ein Blick, den man im Grunde nicht so recht deuten konnte, und doch glaubte John, noch mehr Schmerz und Verzweiflung darin erkennen zu können, als je zuvor. Langsam näherte sich Tristanius, aber Alexa nahm die Kampfstöcke weder runter, noch entspannte sie sich in irgendeiner Weise. Es war, als ob sie immer noch mit einem Angriff rechnete, oder noch immer weiter kämpfen wollte.

„Alexa … ich denke, das ist genug für heute“, sprach der Vater leise und eindringlich zu seiner Tochter. „Gib mir die Stöcke und wir gehen zurück ins Quartier. Ich verspreche dir, dass alles wieder gut wird.“

„Gut wird?! … Wie soll das wieder gut werden? Er ist weg! Er ist für immer weg!“

„Ich weiß. Aber die Kontrolle zu verlieren und Leute zu verprügeln wird ihn nicht zurückbringen. Ich verstehe, dass du wütend bist und ich kann nachvollziehen, dass dir in Anbetracht der Umstände und Entwicklungen nicht wohl ist.“

„Nicht wohl? … Ich kann jedermanns Gefühle lesen, ob ich will oder nicht. Ich kann mich nicht an alles erinnern, und wenn Erinnerungen zurückkommen, dann … dann sehe ich nur Elend und Leid und … Nichts ist mehr so, wie es war. Niemand, von früher existiert noch … ich habe alles verloren … niemand ist mehr da. Niemand, dem ich … dem ich noch trauen kann.“

„Du kannst mir trauen. Das weißt du auch.“

„Dir trauen? … Deine Gefühle sind mir ein Rätsel. Sie sind so widersprüchlich, dass ich nicht weiß, was ich davon … was ich von dir halten soll. Es fühlt sich an, als … als sei ich dir egal!“

„Was sagen sie? Ich verstehe kaum etwas“, fragte Carol, denn Tristanius und Alexa unterhielten sich in der alten lantianischen Sprache und so musste Daniel aushelfen und übersetzte das gröbste.

„Du bist mir nicht egal. Das warst du niemals und das wirst du niemals sein.“

„Und warum hast du ihn dann dorthin geschickt?“, platzte es anklagend aus Alexa heraus. „Warum hast du ihm befohlen, auf diesen Planeten zu gehen?“

„Ich habe es ihm nicht befohlen. Ich wollte es zwar, aber er hat sich schon lange zuvor freiwillig gemeldet. Es sollte nur eine Vermittlung zwischen den zerstrittenen Parteien sein, stattdessen … Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die Situation auf diesem Planeten längst eskaliert war. Er war schon unterwegs, als mich diese Nachricht erreichte. Ich konnte ihn nicht mehr aufhalten … wenn du jemanden die Schuld an seinem Tod geben willst … ja, dann bin ich es.“

„Warum?“, fragte Alexa mit zittriger Stimme, wobei sich auch schon die ersten Tränen ihren Weg über ihre Wange bahnten. „Warum nur?“

„Weil ich einen Fehler gemacht habe“, gestand Tristanius, wollte noch einen Schritt auf seine Tochter zugehen und blieb dann doch wieder stehen, als sie noch immer krampfhaft ihre Kampfstöcke hochhielt.

„Ich habe seine freiwillige Meldung wohlwollend zur Kenntnis genommen, ohne darauf zu achten, dass es womöglich schon zu spät für eine Schlichtung war. Ich habe ihn nicht aufhalten können. Für deinen Schmerz bin ich verantwortlich.“

Seine Stimme war brüchig und auch seine Haltung war alles andere als einem General entsprechend. Schmerz, Trauer und Bedauern standen ihm ins Gesicht geschrieben. Es kümmerte ihn nicht mehr, dass er womöglich zu emotional reagierte und das auch noch in der Öffentlichkeit. Seine Tochter litt gerade Höllenqualen und das hatte in den letzten Tagen ohnehin schon jeder mitbekommen. Zweifellos hatte man sich darüber Gedanken gemacht und sich Fragen gestellt. Ihm waren diese fragenden und teils auch anklagenden Blicke nicht entgangen. Es waren nun mal Fragen, dessen Antworten nur er kannte, aber nicht nennen konnte. Noch nicht.

„Ich war sein kommandierender Offizier. Ich trug die Verantwortung. Mein Versagen hat ihm den Tod gebracht. Wenn du wütend sein willst, dann auf mich“, fuhr Tristanius fort, entledigte sich seiner Uniformjacke und griff nun ebenfalls zu zwei kleineren Kampfstöcken.

Irritiert folgte Alexa dem Tun ihres Vaters und starrte ihn daraufhin fassungslos an, als er ihr gegenüber in Stellung ging.

Sie hörte seine Worte zwar, aber sie war kaum in der Lage noch etwas zu verstehen und zu begreifen. Ihr Vater hingegen war sehr damit beschäftigt, mit seinen Aussagen nicht zu weit zu gehen und sich womöglich zu verraten. Zwar sagte er die Wahrheit, ließ jedoch einige Aspekte aus.

Es herrschte tatsächlich eine Krisensituation auf einem Planeten und Tristanius hatte Darius tatsächlich als Vermittler und Beobachter dorthin schicken wollen. Doch dieser hatte offenbar die wahren Gründe für den Krieg auf dieser Welt lange vor Tristanius erfahren und wollte sich dem Kampf mit Kieran stellen. Zu spät erfuhr Tristanius selbst davon, und als er Darius unterstützen oder gar aufhalten wollte, lag dieser schon sterbend auf einem Schlachtfeld, welches die Welt noch nicht gesehen hatte.

Tristanius hatte sowohl Kieran´s Macht, seinen Wahn und seine Unmenschlichkeit als auch Darius Gefühle und Liebe für Alexa unterschätzt. Das Blut der vielen Tausend unschuldigen Bewohner des Planeten, die Kieran kaltblütig opferte, um Darius und Alexa anzulocken, klebte an seinen Händen. Darius grausamer Tod war seine Schuld.

„Na los“, forderte Tristanius seine Tochter leise auf und wappnete sich auf ihren Angriff, doch noch immer stand sie unschlüssig vor ihm.

Unzählige Augenblicke vergingen, in denen Alexa nicht wusste, was sie nun tun sollte. Mittlerweile hatten die vielen verschiedenen Emotionen, vor allem die überwältigende Verzweiflung dermaßen Überhand gewonnen, dass sie sich kaum noch rühren konnte.

„Na komm“, meinte Tristanius ein weiteres Mal und schlug mit seinem Stock gegen einen seiner Tochter, die diesen beinahe fallen ließ.

„Komm schon!“

Wieder schlug Tristanius nach ihrem Stock. Nur diesmal etwas fester, was Alexa leicht taumeln ließ.

„Los!“, ein letztes Mal schlug Tristanius hart nach ihrem Stock und brachte sie wieder ins hier und jetzt zurück. „Nutze deine Wut. Lass sie raus. Lass sie an jemanden aus, der verantwortlich ist.“

Gerade als Tristanius zu einem erneuten Schlag ausholte, blockte Alexa diesen ab. Auch den nächsten Hieb konnte sie erfolgreich abwehren. Nur in den Angriff ging sie nicht über. Es war immer an Tristanius, sie anzugreifen. Seine Schläge und Hiebe wurden härter und schneller. Er wollte sie aus der Reserve locken, wollte sie zum Handeln zwingen. Und nach einigen Augenblicken schien es tatsächlich zu gelingen.

Endlich holte Alexa aus und versetzte ihrem Vater einen Hieb. Dann noch einen und noch einen. Tristanius hatte die Schläge zwar gut abblocken können, aber nach einigen Hieben hielt sie inne und sah wieder unschlüssig zu ihrem Vater.

„War das etwa alles? … Sonst nichts? Hast du sonst nichts zu bieten? … Schlucke es nicht runter, Kleines. Das ist nicht gut. Lass alles raus und hinter her …“

Tristanius hatte seinen Satz nicht beenden können, als Alexa tatsächlich wieder angriff. Mit einem markerschütternden Schrei preschte sie hervor und schlug kräftiger als zuvor auf ihren Vater ein. Tristanius musste schnell reagieren, um ihren Hieben entweder auszuweichen oder abzuwehren. Aber noch immer war er nicht zufrieden.

„Ich hatte immer gemeint, er und ich hätten dich besser trainiert!“, brachte Tristanius hervor und griff nun wieder seine Tochter an.

Auch sie weichte einigen Hieben und Schlägen aus, musste aber auch einige Treffer gegen ihr Bein und ihren Arm einstecken. Aber auch ihr Vater würde sich mit einigen blauen Flecken abfinden müssen. Der Kampf nahm an Geschwindigkeit und Heftigkeit zu und das gefiel John und einigen anderen ganz und gar nicht.

„Das ist doch verrückt! Was soll das denn?“, meinte John und wollte schon dazwischen gehen, als Carol ihn mit einem Kopfschütteln aufhielt.

„Nicht John. Das ist eine Angelegenheit zwischen Alexa und ihrem Vater. Was immer sie belastet, ihr Vater kennt die Problematik darum und versucht gerade einen Zugang zu ihr zu finden. Du solltest dich nicht einmischen. Außerdem … hat du heute schon genug abbekommen.“

„Tristanius gibt sich die Schuld an ihrer Trauer und tatsächlich spielt er auch eine größere Rolle, als Sie glauben“, erläuterte Elisha und beobachtete selbst besorgt die Szenerie zwischen ihrem Mann und ihrer Tochter.

„Wir wissen langsam alle, dass sie trauert, aber das … das ist doch … das kann man nicht mehr als Trauer bezeichnen!“, meinte John.

„Es gehört aber dazu, John. Der Prozess des Trauens läuft in vielen verschiedenen Phasen ab. Dazu gehört, dass man es zunächst nicht wahrhaben will, danach brechen viele verschiedene Emotionen hervor. Trauer, Wut, Freude, Zorn, Angstgefühle, Ruhelosigkeit Schmerz, Verzweiflung. Man hat sogar Schuldgefühle oder sucht womöglich auch nach einem Schuldigen. Negative und aggressive Gefühle wie Wut und Zorn können sogar dabei helfen, nicht in tiefe Depressionen zu verfallen. Ihr Vater hilft ihr. Er kann ihren Zorn und ihre Wut in gewisser Weise kontrollieren und lenken.“

„Tristan weiß genau was er tut … er würde Alexa niemals wehtun“, erklärte Elisha weiter.

Kaum ausgesprochen ertönte erneut ein weiblicher Schrei, der diesmal von Schmerz zeugte. Tristanius hatte in einer schnellen Kombination seine Tochter am Arm und an der Hüfte treffen können und sein Schlag war dabei nicht gerade sanft. Alexa wurde fast schwarz vor Augen, ging in die Knie und musste erst mehrmals tief durchatmen um gegen die Schmerzen anzugehen und sich wieder aufzurappeln.

„Jedenfalls nicht ernsthaft“, fügte Elisha hinzu und sah mahnend zu ihrem Mann, der ihren Blick jedoch nicht erwiderte. Stattdessen ließ er seiner Tochter nur einen winzigen Moment, sich zu fangen.

„Weiter! … Oder willst du schon aufgeben?“

Alexa sprang wieder auf die Beine und diesmal konnte Tristanius ihre Wut eindeutig erkennen. Er hatte seine Tochter fast so weit. Immer wieder schlug Alexa auf ihn ein und störte sich nicht mehr daran, dass ihre Technik immer mehr von Verzweiflung, als von Können und Konzentration zeugte. Tristanius wich aus, blockte ab und schlug selbst einige mal zu. Während es bei Alexa der pure Ärger und bloße Verzweiflung war, die sie immer weiter antrieb, verfolgte Tristanius ein anderes Ziel.

Er wollte sie nicht brechen. Es ging nicht um gewinnen oder verlieren, oder darum, wer der Bessere war. Es war auch kein Training mehr. Hier ging es um mehr. Hier ging es ums Loslassen, um das überwinden, um das abschließen. Natürlich hatte er mitbekommen, über was sich seine Frau, der Colonel und dessen Mutter gerade unterhalten hatten und er stimmte in seinem Inneren mit Carol überein. Alexa durchlief die verschiedensten Stufen der Trauerarbeit und das war gut. Aber nun war es an der Zeit, dass sie einen Schritt weiter ging. Sie musste sich von diesen aggressiven und alles verzehrenden Emotionen lossagen. Doch das würde sie freiwillig nicht tun, denn diese Gefühle schienen zumindest im Moment, in dieser Situation erträglicher zu sein, als das Akzeptieren des Verlusts. Tristanius musste sie zwingen.

Er musste seine Tochter dazu zwingen, diese Gefühle für eine kurze Weile auszuleben und dann loszulassen und abzulegen. Es war an der Zeit, weiter zu gehen, sich weiter zu entwickeln, zu verändern und wieder am Leben teilzuhaben.

Für einen kurzen Moment gewann Tristanius abermals die Oberhand in den Kampf, landete einige Treffer und konnte Alexa sogar zum Teil entwaffnen. Er hatte ihr einen der beiden Stöcke aus der Hand schlagen können.

„Nein!“, meinte Tristanius als Alexa wieder nach ihrem zweiten Stock greifen wollte. „Du wirst nur mit dem anderen weiterkämpfen.“

„Aber …“

„Kein Aber! Du hast ihn verloren, dann machst du eben mit dem anderen weiter!“ erklärte Tristanius mit harter Stimme und warf selbst einen seiner Stöcke zur Seite.

Sein schroffer Ton und seine Aufforderung brachten für Alexa das Fass fast zum überlaufen. Sie ahnte jedoch nicht, dass genau dies von ihrem Vater beabsichtigt war. Erneut von unsäglicher Wut erfasst, ging sie in einen weiteren Angriff über und ließ den Stock durch die Luft sausen. Und wieder dauerte es nur wenige Augenblicke, bis Tristanius sie nun gänzlich entwaffnen konnte. Fassungslos sah sie zu ihm auf.

„Und nun? Du hast keine Waffen mehr. Was machst du nun?“, fragte Tristanius herausfordernd und bemerkte, wie sich Alexa unsicher und hektisch umsah.

„Du lässt die Finger davon!“, fuhr er fort, als sie nach weiteren Waffen an der Seite des Raumes greifen wollte. „Keine Waffen mehr.“

„Dann ist der Kampf beendet“, entgegnete Alexa.

„Er ist nicht beendet. Man hat dich entwaffnet. Man hat dich überrumpelt, aber du bist dennoch in der Lage weiter zu kämpfen.“

Wieder sah Alexa unschlüssig zu ihrem Vater, der sie abermals ermutigte. „Du bist eine Kämpferin, Alexa. Das warst du schon als kleines Mädchen. Darius hat deinen Kampfgeist nur trainiert und in die richtigen Bahnen lenken können. Du hast Hände und Füße. Du hast Kraft und einen Verstand. Nutze es und greif mich an.“

Es war ein mehr als zaghafter Versuch nach ihm zu schlagen und Tristanius hatte ohne größere Anstrengung ausweichen können. Auch der zweite Fausthieb traf nur Luft.

„Was soll das? Willst du mich erzürnen? Greif mich an und zeige mir, wie wütend du bist!“, schrie er sie plötzlich an.

Zunächst wurden ihre Augen vor Schreck ganz groß, doch dann beschleunigte sich ihr Atem. Ihre Augen verengten sich wieder und fixierten ihr Ziel. Erneut preschte sie zum Angriff hervor und auch, wenn sie diesmal mehr Kraft und Geschwindigkeit in ihre Schläge investierte, hatte sie keinen Treffer landen können. Mit Leichtigkeit hatte ihr Vater ihre Hiebe abmildern können und selbst die Tritte verfehlten anfangs ihr Ziel.

Tristanius Taktik ging nun vollends auf. Sie steigerte sich immer mehr in ihre Emotionen und dem Wunsch, gegen ihn anzukämpfen, hinein und auf einmal hatte sie ihm mit einem gekonnten rechten Haken einen Fausthieb verpasst, der ihn tatsächlich taumeln ließ.

Ein entsetztes Raunen war zu vernehmen. Während Carol noch vor Schreck ihre Hand an ihren Mund hielt, wollte Elisha endgültig dazwischen gehen. Tristanius hielt sie jedoch mit einer einfachen Geste zurück. Und John? John wusste nicht mehr, was er von dieser Situation halten sollte.

„Weiter!“

Die erneute Aufforderung war im Grunde gar nicht nötig. Alexa kämpfte weiter gegen ihren Vater. Sie schlug, boxte, trat und schubste. Tristan blockte und wehrte ab, aber griff selbst nicht mehr an.

Der Schmerz und die Verzweiflung bahnten sich endgültig ihren Weg nach außen und ließen Alexa immer stärker in ein Weinen verfallen. Die Tränen verschleierten ihre Sicht, ihre Kraft begann zu schwinden und ihre Glieder schmerzten. Ihre Schläge und Hiebe besaßen kaum noch Kraft und doch schlug sie immer wieder auf seine Brust ein. Ihre Knie knickten ein und in den Armen ihres Vaters sank sie erschöpft und aufgelöst zu Boden.

„Ich denke, die Vorstellung ist beendet, Ladys und Gentlemen. Wir haben die Privatsphäre der Familie schon genug strapaziert. Räumen Sie den Trainingsraum“, ordnete Landry an, dessen Anwesenheit bisher kaum einer mitbekommen hatte.

Tristanius hingegen achtete nicht auf die Anwesenden und trug seine weinende Tochter eilig aus dem Raum und steuerte zielstrebig die Quartiere an.

 ~~~///~~~

 „Es gibt nichts, wofür Sie sich entschuldigen müssen, General“, entgegnete Hank Landry, als sich Tristanius einer entschuldigenden Erklärung und weiteren neugierigen Fragen stellte.

„Dennoch … es ist nicht das Bild, das ich von meiner Tochter, von uns übermitteln wollte“, erwiderte Tristanius.

„Ich habe zwar gehofft, dass es schnell vonstattengeht und das sie alsbald damit abschließen würde, doch dass es so schnell geht, oder dass es gar hier geschieht, habe ich nicht erwartet.“

„Nun, davon gehe ich doch aus. Das Bild, das Sie uns vermitteln sollten, sollte das einer gut trainierten und äußerst fähigen Elitesoldatin sein. Es waren sogar Ihre Worte, wenn ich mich recht erinnere. Doch das, was im Trainingsraum zu sehen war, zeugte nicht gerade von …“

„Mister Afram, ich darf doch wohl sehr bitten“, entgegnete Richard gereizt.

„Alexa ist eine Elitesoldatin. Sie hat viele Jahre hinweg eine harte Ausbildung durchlaufen und sich ihr Können und Wissen schwer erarbeitet. Was sich im Trainingsraum abgespielt hat, war keine Vorführung und diente ganz bestimmt nicht Ihrer Unterhaltung. Durch ihre Trauer um ihren Versproch…“

Tristanius hielt inne, als er sich dabei ertappte, mehr preiszugeben, als er beabsichtigt hatte. Seufzend schloss er für einen Moment die Augen und verfluchte sich selbst.

„Versprochenen? Was hat das zu bedeuten? Ist es dieser Darius, den Sie vorhin im Trainingsraum erwähnt haben? Wer ist er?“, kam es wieder von Afram.

„Sie sind ein wirklich äußerst neugieriges und leicht anmaßendes Exemplar der Menschen“, erwiderte Tristanius und warf Afram einen mehr als finsteren Blick zu. Doch dann entschied er sich, den Anwesenden im Büro etwas mehr anzuvertrauen. Zumal ihm ohnehin kaum eine andere Möglichkeit blieb.

„Darius war ein Mensch, der ihr einst viel bedeutete. Der uns allen viel bedeutete. Sein Tod war grausam, sinnlos und ein Verbrechen, dass … Sie ist damals darüber hinweggekommen, sie wird es auch diesmal schaffen. Das ist alles, was ich sagen will. Das Privatleben meiner Tochter ist in der Vergangenheit zu Genüge an die Öffentlichkeit gekommen und diskutiert worden. Ich sehe keine Veranlassung, es noch weiter breit zu treten.“

„Nun, ich denke, wenn es Ihre Tochter dermaßen mitnimmt, wäre vielleicht eine psychologische Behandlung von Nöten. Wir verfügen über ausgezeichnete Psychologen und Fachkräfte, die Ihre Tochter in Windeseile wieder-“

„Mister Afram. Ich sollte Sie warnen. Ich reagiere äußerst allergisch auf derartige Einmischungen. Die Behandlung meiner Tochter, ob notwendig oder nicht, obliegt mir, meiner Frau und ganz besonders meiner Tochter selbst, denn sie kann eigene Entscheidungen treffen. Wenn Sie Ihre hoch geschätzten Berichte gelesen hätten, wüssten Sie auch, dass sich bereits Carol Sheppard um all ihre psychischen und empathischen Belange kümmert. Und das bisher recht erfolgreich. Ich gedenke, es auch so zu belassen.“

„Carol Sheppard mag vor mehr als zwanzig Jahren vielleicht eine recht passable Psychologin gewesen sein, doch ich denke …“

„Vorsicht, Mister Afram. Sie reden über meine Mutter und ich neige bei so was womöglich auch zu allergischen Reaktionen“, erklärte John, der sich bisher ruhig und gedankenverloren im Hintergrund hielt.

„Carol Sheppard hat einen Doktor in Psychologie und Psychiatrie. Sie studierte an der Johns Hopkins Universität und promovierte über Harvard. Sie hat einschlägige Erfahrungen in einigen speziellen Nervenkliniken und anderen Einrichtungen und Praxen sammeln können, bevor sie selbst sehr erfolgreich ihre eigene Praxis in Los Angeles eröffnete und dort unzählige Personen, darunter hochrangige Geschäftsleute, Schauspieler, Sänger und vor allem auch Rettungskräfte und Soldaten mit posttraumatischen Stresssyndromen behandelte und beriet. Ich denke, passabel trifft es da nicht ganz“, schloss sich Daniel erklärend an und wurde von John mit bewundernd hochgezogenen Augenbrauen beäugt.

„Nun, ich wollte bestimmt nicht …“

„Ihre Intensionen spielen keine Rolle, Mister Afram. Ich bin es allmählich leid, dass Sie offenbar jede Möglichkeit nutzen wollen, den General und seine Familie und nun auch andere zu provozieren und in Misskredit zu bringen. Ich schlage vor, dass Mister Coolidge oder ich selbst die weiteren Gespräche führen“, meinte Richard, der die angespannte Situation beenden wollte, bevor sie erst richtig außer Kontrolle geriet.

„Ich denke, das haben nicht Sie zu entscheiden, Richard.“

„Auf jeden Fall kann ich aber eine Entscheidung treffen. Ich bezeichne mich gerne als geduldig und rational denkend. Meine Geduld wird jedoch gerade im Moment arg auf die Probe gestellt. In Anbetracht dessen, was durch diese Gespräche erreicht werden könnte, was für beide Seiten ein Gewinn sein könnte, wäre es doch töricht, wenn sich eine der Seiten plötzlich zurückzieht, weil sie sich außerstande sieht, die Vernunft und die Geduld noch länger aufrecht zu erhalten“, erklärte Tristanius ruhig und sah in das fast empörte Gesicht Aframs.

„Wenn das so ist …“, gab Afram zurück, griff nach seiner Aktentasche und schoss aus seinem Stuhl vor Landrys Schreibtisch. „Sie können versichert sein, Richard, das wird ein Nachspiel haben.“

„Da bin ich sicher“, entgegnete Richard.

~~~///~~~

Leise betrat Tristanius das Quartier seiner Tochter in der Hoffnung, dass diese bereits schlief und tatsächlich wurde er nicht enttäuscht.

Elisha schaltete das kleine Gerät ab, das blaue Flecke im Nu verschwinden lassen konnte, stand leise auf und gesellte sich zu ihrem Mann, der sich an das Fußende des Bettes lehnte.

„Sie ist vor etwa einer halben Stunde eingeschlafen. Genau wie Dorian. Er wird weiterhin bei ihr bleiben.“
Elisha erhielt nur ein leises Brummen zur Antwort und hatte ein wenig Mühe, ihn dazu zu bewegen, mit ihr das eigene Quartier zu betreten, wo sie ungestört waren. Doch letztendlich leuchtete auch ihm ein, dass er im Moment nicht mehr tun konnte.

„Ich habe ihre blauen Flecke heilen können. Wir sollten froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert ist.“

„Schlimmeres? Denkst du wirklich so schlecht von mir?“, fragte Tristanius leise und lehnte sich erschöpft an das Waschbecken des kleinen Badezimmers.

„Nein, natürlich nicht. Ich denke nur, dass es schon ein wenig hart war.“

„Es war nur so hart, wie Alexa es verlangte. Sie trägt diese Wut und den Hass zu lange in sich. Es wurde höchste Zeit, es endlich aus der Welt zu räumen.“

„Hass? Du glaubst sie hasst dich?“, fragte Elisha zweifelnd, als sie sich daran machte, auch seinen blauen Fleck unterhalb seines Auges zu heilen. Doch Tristanius verzichtete.

„Ich bin für seinen Tod verantwortlich. Ich bin für den Tod tausender Menschen auf diesem Planeten verantwortlich.“

„Du hast es doch nicht wissen können. Niemand konnte es. Man kann dir daraus keinen Vorwurf …“

„Ich hätte es wissen müssen!“, erwiderte Tristanius lauter als beabsichtigt.

„Das bedeutet noch lange nicht, dass sie dich hasst. Sie ist wütend, ja. Aber du musst auch bedenken, was alles geschehen ist. Darius, der Überfall auf Celtes, wir haben Jahrtausende in diesen Kisten gelegen und nun … nun sind wir hier. Unsere Kollegen, Freunde und Familien existieren schon lange nicht mehr, nichts ist mehr so, wie es war. Dann hat sie diese Gedächtnisprobleme und muss praktisch von ganz vorne anfangen und dann kommen noch die Schmerzattacken und die emphatische Fähigkeit hinzu. Das ist eine enorme Belastung. Das sie zusammenbricht ist kein Wunder … wir können froh sein, dass wir gerade an diese Menschen geraten sind. Es sind gute Menschen und sie wollen uns wirklich helfen.“

„Afram bildete da wohl eine Ausnahme. Zum Glück muss ich mir über ihn keine Gedanken mehr machen. Richard Woolsey und ich haben ihm im Interesse der Gespräche und einer möglichen Zusammenarbeit nahe gelegt, dass Coolidge oder Woolsey selbst die weiteren Gespräche führen. Er wollte sich tatsächlich in eine psychologische Behandlung unserer Tochter mischen. Er hat sogar Carol Sheppards Fähigkeiten angezweifelt. Dieser Mann ist … er hat meine Geduld und meine Selbstbeherrschung schwer auf die Probe gestellt. Er ist das beste Beispiel von Arroganz und … und Gier auf unsere Technologie, dass ich je gesehen habe.

„Du denkst noch immer so? Ich dachte, dir sei ihr offenes, aufmerksames und hilfsbereites Verhalten aufgefallen. Besonders das des Colonels.“

„Oh ja, es ist mir aufgefallen“, gab Tristanius missbilligend zurück.

„Es ist wirklich erstaunlich“, brachte Elisha lächelnd und kopfschüttelnd hervor. „Jeder Mann in ihrer Nähe wird nervös und hat einen ganz speziellen Blick, wenn er unsere Tochter erblickt, aber du störst dich nur am Colonel. Tristan, du müsstest doch am besten wissen, welche Wirkung Alexa auf ihn hat. Sein Gen-Merkmal ist so stark wie deines. Vielleicht sogar noch stärker.“

„Noch stärker? Unmöglich.“

„Es ist möglich. Ich habe mir seine Testresultate noch einmal angesehen. Du musst bedenken, dass er zur Zeit der Untersuchung schwer angegriffen und stark geschwächt war, das hat ebenfalls Einfluss auf das Ergebnis. Aber um die genaue Stärke seines Gens zu überprüfen, müsste ich eine erneute Untersuchung durchführen und ich bräuchte auch definitiv mehr Blut von ihm, als letztes Mal.“

„Das ist wohl nicht möglich, ohne das Fragen aufgeworfen werden.“

„Ja, da hast du recht. Aber du hättest die Antworten. Niemand von den Menschen hier weiß, was gerade geschieht. Niemand weiß, was sich anbahnt und doch handelt und reagiert Sheppard wie sein Blut es ihm befiehlt. Du kannst ihn deshalb nicht verurteilen. Du darfst es nicht.“

„Ich weiß.“

„Steht in den alten Schriften nicht, dass es sogar deine Pflicht ist, ihn zu prüfen und ihm im entsprechenden Fall zu fördern und ihm eine exzellente Ausbildung zukommen zu lassen?“

„Du kennst dich in den alten Schriften wirklich gut aus.“

„Das muss ich wohl. Alexa ist unsere Tochter, Tristan. Sie ist Initia.“

„Weißt du, wie alt diese Schriften sind? Es sind nicht mal mehr Legenden. Es sind Mythen. Geschichten aus längst vergangener Zeit.“

„Einer Zeit, die Kieran ausradieren will. Wie alles andere auch. Du willst mir sagen, dass das, was er vorhat, nicht möglich ist? Das alles nur ein Märchen ist? … Was willst du unseren Schöpfern sagen, wenn du feststellst, dass du dich geirrt hast?“, gab Elisha mit Nachdruck zurück.

„Was soll ich denn sagen, wenn diese Menschen uns festhalten, uns ausfragen, uns verurteilen und zu Testzwecken untersuchen und auf den Kopf stellen wollen, hm? Was glaubst du, werden sie mit uns machen? Was glaubst du, werden sie mit Alexa machen? Sie werden sie als Gefahr sehen. Es geht dann nicht mehr um ihren Schutz vor Kieran, sondern nur noch um ihr Leben, dass diese Menschen in der Hand halten, weil sie es so faszinierend finden. So schwach, wie sie im Moment ist, wäre es jedem ein leichtes, sie zu beeinflussen und sie dazu zu bringen, ihre Macht zu nutzen. Sie testen und forschen und stellen sonst etwas mit ihr an. Mit viel Glück überlebt sie es vielleicht. Mit noch mehr Glück vernichtet die Menschheit sich nicht selbst, aber dann sehen sie eine zu große Gefahr in Alexa und sie entscheiden,… die Gefahr zu eliminieren. Das kann ich nicht zulassen.“

„Ich verstehe deine Bedenken. Ich verstehe es wirklich. Aber was ist … was ist, wenn du nur mit Colonel Sheppard sprichst? Du könntest ihn …“

„In Schwierigkeiten bringen. Er ist Angehöriger des Erdenmilitärs, der Luftwaffe. Ihn zu bitten, als Alexas Agema zu fungieren, käme einem Verrat gleich. Er hat seinem Land und seinen Leuten einen Eid geschworen. Er würde sich strafbar machen, ihm nun den Eid eines Agemas schwören zu lassen, ohne dass man es ihm erlaubt, das weißt du. Selbst wenn ich den Menschen alles erkläre und offenbare … man wird es ihm nicht gestatten. Wahrscheinlich würde man ihn sogar versetzen und damit wären wieder am Anfang, alleine und ihre Gefangenen. Das kann ich nicht riskieren.“

„Spielt das den wirklich eine so große Rolle? Er handelt doch schon lange als Agema und niemand hat bisher etwas gesagt … Was ist, wenn John Sheppard ihr bestimmter Agema ist?“

„Unmöglich! Wir lebten vor dreizehntausend Jahren. Wie kann er ihr bestimmter Agema sein, wenn er zu dieser Zeit noch nicht mal existierte?“

„Wie kann er unser Gen in einer solchen Stärke haben? Wie kann sein Merkmal so stark wie deines sein? Hast du nie darüber nachgedacht? Vielleicht … vielleicht geschah alles aus einem bestimmten Grund.“

Tristanius Blick war nicht zu deuten, als er sich die Worte seiner Frau durch den Kopf gehen ließ und doch tat er sich schwer, dieser Theorie entgegen zu kommen. „Es kann Zufall sein. Ein großer und mehr als ungewöhnlicher Zufall, aber …“

„Unmöglich? Alles ist möglich. Es tut mir leid, Tristan, aber für mich ist es eben mehr als ungewöhnlich. Ich glaube, dass sein Gen-Merkmal richtig aktiv wurde, kaum dass er sie zum ersten Mal erblickt hatte. Er hat sich ihr angenommen. Mehr als jeder andere. Er lässt uns und vor allem sie ohnehin schon bewachen und kümmert sich jede freie Sekunde um sie. Sie haben eine Verbindung zueinander. Etwas, was laut den alten Schriften vor langer, langer Zeit gegeben haben soll. Zugegeben, die Verbindung ist wohl noch recht schwach, aber sie kann ihn rufen, ohne auch nur ein Wort zu sagen, er kann sie aufspüren, ohne sich eines technischen Hilfsmittels zu bedienen, er kann sie aus ihrer Apathie holen. Sie können sich gegenseitig beeinflussen, wie … ich kann Alexa und den Colonel noch so oft untersuchen. Es gibt keine organischen Gründe für diese Fähigkeiten und das Verhalten. Sie vertraut ihm. Sie vertraut ihm blind. Er weiß noch nicht einmal, was mit ihm geschieht und dennoch geht nur seinem Instinkt und seiner Bestimmung nach und so wie ich ihn mittlerweile kenne, wird er sich auch in Zukunft durch nichts und niemanden daran hindern lassen“, erklärte Elisha sanft lächelnd. „ Wahrscheinlich wird es auch nicht mehr lange dauern, bis … bis er ihr zu Füßen liegt.“

„Das würde dir gefallen, nicht wahr?“

„Es würde mir gefallen, wenn sie wieder Glück und Liebe finden würde. Sie hat es verdient.“

„Und wer sagt, dass er sie glücklich machen kann und dass sie wirklich Liebe bei ihm findet?“

„Die Vorsehung“, antwortete Elisha sicher.

„Tss, Vorsehung.“

„Die Macht oder die Geschöpfe, die auch uns zusammengeführt haben und uns Glück und Liebe zukommen ließen. Oder bist du nicht glücklich mit mir?“

„Doch natürlich!“, antwortete Tristanius schnell und zog seine Frau in eine enge Umarmung. „Ich bin sehr glücklich. Und ich war es jeden einzelnen Tag der vergangenen … Jahre. Nur … Alexa trauert noch.“

„Nicht mehr lange. Sie wird darüber hinwegkommen. Sie hat uns und Freunde, die ihr helfen und … und John Sheppard ist auch an ihrer Seite. Ob es dir gefällt oder nicht.“

„Ja, das hat man gesehen. Er ließ sich von ihr quer durch den Raum werfen.“

„Da siehst du mal, was er alles für sie tut und gibt und opfert. Nein, im Ernst, er hat ihre Problematik erkannt und sich ihr angenommen. Nur war er durch die Physiotherapie und die Krankheit noch immer etwas schwach auf den Beinen. Andernfalls … wer weiß … gib ihm die Möglichkeit, seine Pflicht zu tun und was den Rest betrifft … überlass es den Erleuchteten, der Macht oder der Vorsehung oder wer immer die Fäden in den Händen hält.“

Tristanius musste mit dem Kopf schütteln. Die Hartnäckigkeit und Logik seiner Frau war für ihn ein Unding und einfach nicht zu verstehen. Aber sie hatte Recht.

~~~///~~~

Dorian erwachte aus seinem leichten Schlaf und fand seine Schwester auf der Bettkante sitzend vor. Wie in Trance starrte sie den Speicherkristall an, unschlüssig, was sie nun tun sollte. Dorian atmete tief durch, wollte etwas sagen. Nur was, das wusste er nicht so recht.

„Warum? … Warum hat er mir das angetan? Warum hat er mich alleine gelassen? Warum lassen mich alleine?“

„Niemand lässt dich alleine, Al. Wir sind doch da. Ma und Pa sind nur in ihrem Quartier, weil es schon sehr spät am Abend ist.“

„Darius hat mich alleine gelassen. Er hat mich verlassen.“

Seufzend atmete Dorian tief durch und kroch dann direkt neben seine Schwester auf die Bettkante. Nur einen Augenblick betrachtete er sie, wie sie noch immer unentwegt auf den Kristall starrte und ihn fest umklammert hielt. So fest, dass ihre Knöchel weiß hervor traten. Ihr Gesicht schien noch immer verweint, doch ihre Tränen waren getrocknet.

„Das hat er nicht. Nicht so, wie du es vielleicht empfinden magst.“

„Er ist tot, Dorian! Verstehst du nicht?! Tot!“

„Er ist tot, ja. Aber er hat dich niemals alleine gelassen und schon gar nicht verlassen“, wandte Dorian ein und aktivierte den Kristall, sodass Darius Bild als Hologramm erschien.

Alexa schloss gequält die Augen. Das Bildnis des Mannes zu sehen, den sie einst liebte, verursachte in ihr einen Schmerz, den sie nicht einmal beschreiben konnte. Leise schluchzte sie und wollte noch immer nicht so recht auf das Hologramm sehen. Dorian rückte noch näher an seine Schwester und legte seinen Kopf auf ihre Schulter.

„Er ist immer noch hier. Er ist in dir. In uns. Er ist hier“, meinte Dorian und tippte zart an die Schläfer seiner Schwester, bevor er auf ihr Herz wies, „und hier. Und da wird er auf ewig sein. Er hat dir seine Seele gegeben, Al, sein Herz. Er lebt in uns weiter so lange wir an ihn denken.“

Langsam öffnete sie ihre Augen und sah mit tränenverschleierter Sicht auf das Bildnis. Ihre Finger durchfuhren das Hologramm, sodass es leicht flackerte, doch spüren konnte sie nichts.

„Ich werde ihn nie wieder … nie wieder berühren können, seine Hände spüren oder seinen Duft riechen. Ich kann sein Gesicht nicht mehr berühren, sein Lächeln … ich sehe nie wieder dieses besondere Lächeln.“

„Sein besonderes Lächeln? … Ja, ja das war wirklich etwas Besonderes. Vor allem, wenn man eine solche Statur hat wie er. Ich glaube, es war eigentlich mehr ein Grinsen, findest du nicht?“

„Was?“

„Na ja, überleg doch mal. Groß, kräftig, ein riesen Klotz und wenn er dann noch dieses Grinsen … Ich glaube, das Geheimnis seines Erfolges war dieses Grinsen in Kombination mit seiner Statur. Irgendwie gruselig. Ich wette, das hat seinen Gegnern mehr Angst gemacht, als alle seine Muskeln zusammen“, vermutete Dorian scherzend und wurde tatsächlich auf eine Regung seiner Schwester aufmerksam. „Hey … war das etwa ein Lächeln? Komm schon, das war eindeutig ein Lächeln!“

Alexa schüttelte mit dem Kopf, doch ihrem Bruder entging dieses kleine verräterische Zucken ihres Mundwinkels nicht. Auch weinte sie nicht mehr, vielmehr bedachte sie das Hologramm mit einem verträumten, nachdenklichen Blick.

„Es würde ihm gefallen … dein Lächeln. Er hat es geliebt.“

„Woher willst du das wissen?“

„Na hör mal! Er war mein bester Freund und der Mann, der meine Schwester heiraten wollte. Ich muss so etwas doch wissen … er hat mir einmal erzählt, wie sehr er es liebte, dich lächeln zu sehen. Er hat mir sogar erzählt, dass er sich genau deswegen in dich verliebt hat. Dein Lächeln sei das schönste, das er je gesehen hat und irgendwie muss ich ihm auch zustimmen.“

„Ich vermisse ihn.“

„Ich weiß. Ich vermisse ihn auch“, entgegnete Dorian und betrachtete eine ganze Weile seine Schwester. Er sah, wie sie seine Worte zu verarbeiten schien. Leise sprach er weiter.

„Hör zu, ich habe nicht wirklich viel Ahnung von diesem Gebiet, aber ich glaube fest daran, dass die Seele eines Menschen unsterblich ist. Auch die von Darius. Einen Teil seiner Seele und seines Herzens haben ohnehin einen Platz in deinem Herz, genau, wie ein Teil von dir in ihm weiterleben wird. Irgendwie. Und das ist auch richtig so … Er mag vielleicht nicht aufgestiegen sein, aber ich bin sicher, dass er immer in deiner Nähe ist. Vielleicht gibt es noch andere Ebenen, andere Orte, eine andere Art der Existenz, wer weiß. Irgendwo, irgendwie lebt er weiter und es würde ihm nicht gefallen, dich mit Tränen zu sehen. Er wollte immer, dass es dir gut geht, dass du stark bist und kämpfst und einfach glücklich bist. Er würde wollen, dass du lebst und dein Leben so lebst, wie du es verdienst und er es sich gewünscht hat. Lächelnd, froh, frei und glücklich. Das war auch ein Teil seines Ehegelübdes. Er wollte dir schwören, alles in seiner Macht stehende zu tun, um dich glücklich zu machen.“

„Hat er dir das auch erzählt?“, fragte Alexa mit zittriger Stimme und starrte noch immer auf das flimmernde Bildnis.

„Ja. Er hat es mir das Gelübde sogar vorgetragen. Er kannte es schon Wochen vorher in und auswendig … Alexa … um ihn zu trauern, ist okay, wütend sein ist auch okay und niemand verlangt von dir, ihn zu vergessen. Aber denke daran, was er sich gewünscht hat. Du sollst in seinem Namen weitermachen, weiterkämpfen, weiterleben und nicht in deinen Tränen ertrinken oder Colonels und Väter verprügeln. Verprügele doch die Bösen, das würde ihm sogar gefallen. Darauf wäre er vielleicht auch stolz. Weißt du, worauf er noch stolz wäre und sich freuen würde? … Wenn du deine Kraft, dein Können und deine Erfahrung nutzt und wieder am Leben teilnimmst. Lache, sei aktiv, scherze mit deinen neuen Freunden und Kollegen, habe einfach Spaß am Leben. So wie er es hatte. Er hat dir gezeigt, wie es geht, also zeig du ihm jetzt, dass du eine gute Schülerin, eine gute Kadettin warst. Lass einfach los und sieh nach vorne, Krümel.“

„Weißt du was? Du bist manchmal doch zu gebrauchen und du kannst auch ein richtig lieber Kerl sein“, gab Alexa zurück, lehnte ihren Kopf gegen den ihres Bruders und schniefte.

„Klar kann ich! Ich bin immer lieb! Ich bin dein Bruder. Alle großen Brüder sind so!“

~~~///~~~

Lächelnd und leise schlossen Elisha und Tristanius wieder die Tür zum Quartier ihrer Tochter. Sie wollten sich eigentlich nur noch einmal nach den beiden erkundigen und hatten dann mitbekommen, wie Dorian seiner Schwester gut zuredete. Als sie sahen, dass es offenbar Erfolg bringen würde, wollten sie den ruhigen und vertrauensvollen Moment zwischen den Geschwistern nicht weiter stören.

„Sie hat recht. Er kann wirklich ein lieber Kerl sein. Weißt du, ich glaube, wir haben bei unseren zwei Rackern wirklich gute Arbeit geleistet“, meinte Elisha, als sie sich in Tristanius Arme schmiegte.

Diesem war es jedoch etwas unangenehm, immerhin standen sie mitten im Flur zu den Privatquartieren und alle paar Meter stand eine Wache. Auch wenn diese starr vor sich herblickten, war es Tristanius ganz und gar nicht wohl zumute. Sich ihr zu entziehen oder sich gar dagegen zu wehren, wollte er jedoch auch nicht. Zumal er ohnehin schon sehr müde war und vermutlich irgendetwas Unbedachtes sagen würde, was seiner Frau wohl ganz und gar nicht gefiel. Stattdessen sah er noch einmal zu den Wachen, die die beiden allerdings ignorierten, und zog seine Frau noch näher zu sich.

„Das war auch eine Heidenarbeit, wenn ich dich daran erinnern darf. Aber du hast recht. Dorian hat mich auch sehr überrascht. Ich denke … ich denke Alexa ist nun auf einem guten Weg. Sie beginnt, loszulassen.“

„Es wird nicht von heute auf morgen geschehen, aber bald wird sie wieder stark und darüber hinweg sein. Unser Großer hat recht. Sie hat uns, neue Freunde und Kollegen. Sie hat alle Hilfe, die sie braucht. Was soll noch schief gehen? … Wir sollten zu Bett. Es ist wirklich spät.“

„Geh schon einmal vor, ich muss … ich habe noch etwas zu erledigen“, bat Tristanius und bemerkte, wie Elisha ihn zunächst irritiert ansah. Doch dann wurde ihr klar, was er vorhatte und sie nickte.

Quartier von John Sheppard

John hatte sich gerade ein T-Shirt übergezogen und wollte allmählich zu Bett gehen, als es an seiner Tür klopfte. Er stutzte und rätselte, wer zu dieser späten Stunde noch bei ihm auftauchen sollte, oder ob vielleicht etwas passiert sein könnte. Schnell öffnete er und war mehr als überrascht, General Thalis zu erblicken. „General!“

„Ich weiß, es ist schon spät und ich möchte Sie nicht lange stören.“

„Nein, nein. Ich wollte ohnehin noch einiges erledigen und etwas lesen“, erwiderte John und bat den General mit einer kurzen Geste hinein. „Ist etwas passiert?“

„Nein, es ist alles in Ordnung.“

John nickte und sah zu dem älteren Mann. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen. Irgendetwas wollte er wohl loswerden. „Wie geht es Alexa?“

„Es geht ihr gut. Sie schläft. Dennoch ist sie der Grund meines Besuchs … Colonel, ich weiß, mein Verhalten Ihnen gegenüber muss Ihnen meist kalt, harsch und ablehnend erscheinen. Das liegt jedoch nicht in meiner Absicht, vielmehr musste ich Sie erst kennenlernen. Es ist etwas, bei dem ich große Vorsicht walten lasse. Ich komme aus einer Familie, die dem Militär schon immer sehr verbunden war. Von Kindesbeinen an lehrte man mich, das Vertrauen und Respekt nichts ist, was einfach verschenkt werden kann. Es muss hart erarbeitet und bewiesen werden. Auch Alexa hat dies lernen müssen, nur hatte sie bei Ihnen diesbezüglich etwas mehr Zeit, und wie Sie sicherlich schon festgestellt haben, hat sie ihre eigene Art festzustellen, wem sie vertrauen kann und wem nicht.“

John nickte und fragte sich, worauf der General hinaus wollte.

„Ich vertraue Alexas Urteil normalerweise, dennoch waren Sie mir seit unserer ersten Begegnung mehr als suspekt erschienen. Die Eindrücke die ich letzte Woche bei den Übertragungen über Ihre vergangenen Erfahrungen und Erinnerungen gewinnen konnte, haben mich jedoch davon überzeugt, dass Alexa einmal mehr weiß, was sie tut. Sie vertraut Ihnen.“

„Sir, ich weiß nicht ….“, begann John, wurde dann jedoch durch eine entsprechende Geste von Tristanius unterbrochen.

„Lassen Sie mich bitte zu Ende sprechen. Alexa ist Soldatin. Sie ist in vielen Bereichen und Spezialgebieten ausgebildet worden und vollkommen gleichgültig, was dieser Afram behauptet oder annimmt, sie gehörte zu unseren Zeiten einst zur Elite. Sie ist eine Kämpferin.“

„Ich finde das ist sie noch. Irgendwie. Nur ist im Moment …“

„Im Moment ist sie geschwächt. Ihre Gedächtnislücken, die Schmerzattacken, die Empathie, ihre Trauer … es ist zu viel, als dass sie damit alleine zurechtkommt.“

„Sie ist nicht alleine“, wandte John wieder ein.

„Nein, das ist sie nicht. Sie hat ihre Familie und sie … sie sieht Sie und Ihre Kameraden als ihre Freunde und Kollegen an. Aber um auf die Eindrücke zurückzukommen, den Sie in den Übertragungen Ihrer Erinnerungen gemacht haben, muss ich gestehen, dass ich mir Sorgen mache. Ich weiß, dass Sie Alexa, mich und meine Familie bewachen lassen und ich habe bisher auch keine Einwände gezeigt. Die letzten Wochen und der Besuch hier auf der Erde haben mir gezeigt, dass das Leben für meine Familie und mich gefährlich sein kann. Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich alles tun werde, um meine Familie zu schützen.“

„General, es gibt für uns keinen Grund, Ihnen oder Ihrer Familie irgendetwas anzutun. Weder auf Atlantis noch hier im Stargate-Center. Und das IOA …“

„Das IOA ist mir relativ egal. Ich habe mir bereits eine eigene Meinung zu diesen Leuten gebildet. Eine Meinung, die Mister Woolsey jedoch ausschließt. Nein, wir beide wissen, dass es auch andere Gefahren gibt. Gefahren, denen meine Familie, besonders aber Alexa im Moment nicht gewachsen sind. Deshalb lassen Sie uns doch bewachen, nicht wahr?“

Tristanius sah nur kurz zu John, dem klar wurde, worauf das Gespräch hinauslief. Inständig hoffte John, der Antiker würde nun vielleicht endlich den Mund aufmachen und den mysteriösen Fremden erwähnen. Doch, noch bevor John erneut zu Wort kam und genauer nachfragen konnte, sprach Tristanius weiter.

„Ich verlange nicht, dass Sie Ihre Bemühungen, uns zu bewachen, einstellen. Solange man uns in nichts einschränkt oder stört, ist es mir sogar ganz recht. Die Sicherheit und das Wohlergehen meiner Familie, meiner Tochter ist mir das wichtigste. Ich habe vor dreizehntausend Jahren meine Freunde und Kollegen verloren und ich könnte es nicht ertragen, meine Familie auch noch zu verlieren, besonders nicht Alexa. Sie haben keine Ahnung, was sie mir bedeutet.“

„Man kann sehen, wie viel sie Ihnen bedeutet und man kann auch sehen, wie sehr Alexa an Ihnen hängt.“
Tristanius lächelte kurz über Johns Aussage. „Dorian bedeutet mir auch sehr viel und ich … ich liebe meinen Sohn sehr. Aber Alexa ist … sie ist das jüngste und sie ist etwas ganz besonderes … Colonel, ich werde nicht ewig leben. Daher ist es mir enorm wichtig zu wissen, sicher zu sein, dass man sich um sie kümmert, sollte mir einmal etwas geschehen.“

„Was sollte Ihnen denn geschehen, Sir?“

Tristanius Blick glitt für einen kurzen Moment wieder zu Sheppard. Dieses Gespräch ließ offenbar seine Besorgnis wachsen. Sie stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Er erinnerte sich erneut an die vielen kleinen Momente, in denen Alexa großes Vertrauen zu ihm gefasst und gezeigt hatte. Momente, in denen Sheppard an ihrer Seite war, sie im Kampf unterstützte oder ihr in schwierigen Zeiten ihrer empathischen Krise einen Rückzugsort bot und sie immer wieder auffing, wenn sie strauchelte. Und manchmal fing er sie tatsächlich und buchstäblich auf, wenn sie durch diese schmerzhaften Attacken zu Boden ging. Unbewusst verließ sich Alexa auf ihn und Tristanius hoffte, sich nun ebenfalls auf ihn verlassen zu können. Auch wenn er über die Wahrheit noch verschwiegen blieb.

„Das weiß man nie. Die Zeiten haben sich geändert, Colonel. Sie sind gefährlicher. Ich muss sichergehen, dass Alexa in Sicherheit ist und beschützt wird, wenn ich … wenn ich einmal nicht in der Lage bin, sie zu beschützen oder … überhaupt nicht mehr bin.“

„Vor wem?“, fragte John herausfordernd. Er hatte allmählich genug von dem Gerede um den heißen Brei und wollte, dass die Karten auf den Tisch gelegt werden. „Vor wem oder was muss sie beschützt werden?“

„Vor jedem, der, oder allem, was ihr gefährlich werden könnte. Versprechen Sie mir, dass Sie sich um sie kümmern. Versprechen Sie, dass Sie sich um Alexas Sicherheit kümmern, sollte mir etwas geschehen.“

„Hören Sie, General, wenn Sie …“

„Schwören Sie, dass Sie alles tun, um Alexas Sicherheit zu gewährleisten.“

Es vergingen einige Momente, in denen John den General mit unergründlichen Blicken bedachte und sich fragte, warum er nicht mit der eigentlichen Wahrheit rausrückte. Er sprach über seine Familie, seine Tochter, die etwas Besonderes sein sollte, sprach über die Zeiten, sie sich geändert haben sollen und über Gefahren, die er aber nicht mit Namen nannte. Kein Wort über die wirkliche Gefahr, kein Wort über den mysteriösen Fremden, keine genauen Informationen.
Tristanius war klar, dass John wusste, wovon er sprach, über wen er sprach und was er von ihm verlangte. Doch er war einfach nicht bereit, mehr zu sagen. Nicht solange sie auf der Erde waren. Nicht solange sie sich in einer mehr als unsicheren Umgebung befanden. Noch bevor John einen erneuten Versuch starten konnte, doch noch mehr Informationen aus ihm herauszubringen, erhöhte Tristanius den Druck.

„Colonel … ihr darf nichts geschehen. Sie können sich nicht vorstellen, was geschieht, wenn … schwören Sie mir, dass Sie sie beschützen … schwören Sie es!“

John glaubte, eine gewisse Verzweiflung in den Augen seines Gegenübers zu erkennen und seine Gestik und Mimik, besonders aber die Beharrlichkeit des Mannes brachte ihn zum schwanken. Auch wenn er sich und auch Alexa selbst schon lange geschworen hatte, auf sie aufzupassen und sie zu schützen, so würde der General doch keine Ruhe geben, bis er auch die Worte hörte, die er hören wollte. Es war jedoch mehr die Erinnerung an die Angst in Alexas Augen, als es in einem Gespräch um diesen Fremden ging, die ihn nicht mehr loslassen wollte und sich entscheiden ließ.

„Ich schwöre es.“

The End

Shahar Jones

Meine erste Fanfic schrieb ich über Stargate Atlantis.
Mittlerweile mixe ich meine Storys auch gerne mal mit anderen Fandoms, wie dem Sentinel. Aber im Großen und Ganzen hänge ich immer noch in der Pegasus-Galaxie rum. Allerdings liebe ich es auch, die Leute zu überraschen ;)

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